Die Sieben, die alten Götter, der Ertrunkene Gott und der Rote Gott: Ein paar Gedanken zu einem heidnischen Mittelalter

Letztens habe ich zum zweiten Mal die meisten der bisher erschienenen Bände von Game of Thrones, oder, wie die Serie eigentlich heißt, Das Lied von Eis und Feuer, gelesen. Ich finde ja, Letzteres klingt interessanter – da hört man die Drachen und Feuerzauber und die toten, kalten, blauäugigen und schwarzhändigen Wiedergänger schon heraus, im Gegensatz zu der Gewöhnlichkeit der Intrigen und Giftmorde, des Postengeschachers und der Bündnisse und arrangierten Hochzeiten, nach der „Das Spiel um Throne“ klingt. In der Serie kommt natürlich beides vor. Wer George R. R. Martin für den neuen J. R. R. Tolkien hält, liegt so kolossal daneben, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Martins Werk ist eher so was wie die Geschichte der Rosenkriege plus Drachen und Zombies, kein entscheidender Kampf zwischen Gut und Böse, in dem die Figuren Stellung nehmen müssten. Der sprachliche Wert hält sich in Grenzen und es werden etwa zehntausend Figuren eingeführt, von denen dann fünftausend im Lauf der Bücher sterben, und zwar oft die, die man gerade liebgewonnen hatte. Immerhin – SPOILER! – stirbt endlich auch Joffrey. Joffrey war ja nicht auszuhalten.

Trotzdem sind die Bücher spannend, die Charaktere sind oft glaubhaft und entwickeln sich in interessante Richtungen; keiner von ihnen ist bloß gut oder böse, auch wenn manche von ihnen sehr eindeutig in die eine oder andere Richtung tendieren. Aber auch die Motive der böseren Figuren versteht man; bei diesen Schurken hat man nicht den Eindruck, dass sie einfach irgendwann morgens aufgewacht sind und sich grundloserweise gedacht haben „Hey, wir wollen jetzt Superschurken sein“. Es gibt empathielose kalte Machtpolitiker wie Tywin Lennister, die aber trotzdem ihre Schwachpunkte haben und nicht aus purer Freude an der Grausamkeit Böses tun, es gibt auch brutale Krieger, die mehr oder weniger aus Mangel an anderer Beschäftigung morden und vergewaltigen, wie Gregor Clegane, es gibt den intriganten, über alle Maßen stolzen, wieselartigen greisen Fürsten Walder Frey, der Verbündete ermordet, die als Gäste in seiner Festung sind, weil er sich von ihnen beleidigt fühlt, es gibt feige Figuren und verräterische und gierige. Es gibt sehr böse Figuren – Ramsay Bolton ist wohl die unangefochtene Nummer 1. Es gibt auch sehr positive Figuren – Ned Stark, Robb Stark, Jon Schnee, Davos Seewert, usw. -, es gibt die „mittleren“ Charaktere – Jaime Lennister zum Beispiel, der in Band 1 noch als gedanken- und empathieloser Mensch gezeigt wird, der einen kleinen Jungen aus einem Turmfenster stößt, der Jaime und seine verheiratete Zwillingsschwester beim Sex ertappt hat, aber dann im Lauf der Bände einen gehörigen Wandel durchmacht, und bei dem man auch merkt, dass es gewisse gute Anlagen doch schon vorher gab. Einer der interessantesten und eher zur guten Seite neigenden Charaktere ist natürlich Tyrion Lennister, Tywins Sohn und Jaimes jüngerer Bruder – ein hässlicher, kleinwüchsiger, kluger Mann, der durchaus an seinen Vorteil denkt und im Notfall nicht immer ehrlich und gut handelt, der aber grundsätzlich gerecht ist, ehrlich um so was wie das Gemeinwohl bemüht, als er in der Politik von Westeros was zu sagen hat, gut zu dem zwölfjährigen Mädchen, das er gegen seinen und ihren Willen zu heiraten gezwungen wird, vielleicht ein bisschen zu vertrauensselig seiner Mätresse gegenüber, und ein bisschen zu scharfzüngig seiner mächtigen Schwester Königin Cersei gegenüber. Es gibt Catelyn Stark, die eigentlich gut ist, bis auf ihren einen Schwachpunkt – ihre Gleichgültigkeit und gelegentliche Grausamkeit dem unehelichen Sohn ihres Mannes gegenüber. Es gibt deren Tochter Arya Stark, die sich lange Zeit allein durchschlagen muss und die mit zehn Jahren schon bewusst und absichtlich mehrere Menschen getötet hat. Es gibt Aryas Schwester Sansa (Tyrions Frau), die oft naiv ist, manchmal auch eingebildet und selbstsüchtig, meistens aber hilfos und ein Spielball der Mächtigeren.

Aber hier soll es nicht um die Figuren gehen, sondern um eine Betrachtung der Religionen in der Welt, die George R. R. Martin konstruiert hat. Mit dieser Welt hat er sich im Allgemeinen schon Mühe gegeben. Die Kontinente und Meere, die Landschaften, die fremden Länder und Völker, die verschiedenen Regionen von Westeros, die lokalen Fehden, die verzweigten Stammbäume der Adelshäuser – alles sehr detailgetreu, wie es sich gehört. Dasselbe gilt für die verschiedenen Religionen.

Wie wahrscheinlich allgemein bekannt ist, ist Westeros, das große Königreich, in dem sich der größte Teil der Handlung abspielt, dem europäischen Mittelalter nachempfunden. Es ist ein feudales Lehenssystem mit einem König an der Spitze, es gibt Ritter, Turniere und Gilden. Und es gibt eine Religion, die zumindest in ihrer äußeren Organisation stark der katholischen Kirche ähnelt.

Dabei handelt es sich um die Verehrung der sieben Götter, oder einfach der Sieben. Diese Religion hat Priester, die Septone genannt werden, einen Hohen Septon, dessen Aufgaben etwa denen eines Bischofs oder Papstes entsprechen (ein deutlicher Unterschied zum realen Mittelalter besteht allerdings darin, dass der Hohe Septon keinen eigenen Staat hat, sondern einen Sitz in der Hauptstadt von Westeros, und es sich damit nicht leisten könnte, einem König in der selben Weise entgegenzutreten wie etwa der Papst dem Kaiser im mittelalterlichen Investiturstreit). Es gibt Kirchen (Septen), in denen Andachten mit Weihrauch und Gesang abgehalten werden, und in denen man Kerzen vor den Altären der verschiedenen Götter anzünden kann, und Septeien, die so ziemlich dasselbe sind wie Klöster. Die Septone leben zölibatär und es gibt verschiedene zölibatäre Bruderschaften, und auch Schwesternschaften. Die meisten Septas, auch ihrer Kleidung nach überdeutlich als das Pendant von Nonnen ausgewiesen, leben in Septeien oder bei adligen Familien, um deren Töchter zu unterrichten, o. Ä; außerdem gibt es spezielle Orden wie die Schweigenden Schwestern, die sich ausschließlich um Tote kümmern (eine bitter nötige Aufgabe in diesem Buch). Bestattungen und Eheschließungen sind eine Aufgabe für Septone.

Na ja, das alles sind nun erst sehr oberflächliche Gemeinsamkeiten. Priester, Weihrauch, Kerzen, Gesang, zolibatäre religiöse Gemeinschaften, religiöse Zeremonien für Eheschließungen, das alles findet man schließlich in sehr vielen Religionen – vieles davon z. B. auch in so unterschiedlichen wie dem Islam, dem Buddhismus und der antiken römischen Religion (an zölibatären Gemeinschaften hätten wir da etwa die Derwische, die berühmten buddhistischen Mönche in ihren orangen Roben, und die Vestalinnen). Aber es geht ja noch weiter. Die gelehrten Septone lehren zum Beispiel, dass die sieben Götter – der Vater, der Gericht hält, die Mutter, die Gnade beschert, das Alte Weib, das mit seiner Laterne für Weisheit sorgt, die Jungfrau, der Krieger, der Schmied, der die Welt gestaltet, der Fremde, der die Toten holt – eigentlich nur sieben Gesichter des einen Gottes sind – was offensichtlich an die Dreifaltigkeit erinnern soll. In dieser Religion glaubt man, anders als etwa die alten Römer oder Griechen, an eindeutig gerechte Götter; moralische Gebote sind ein klarer Bestandteil von ihr; es gibt sogar so etwas wie eine Beichte, was mir wirklich aus wenigen Religionen bekannt ist.

Auch der Inhalt dieser moralischen Gebote ist interessant: Nicht die Ehre, wie in den großen Zivilisationen der alten Welt, dem heidnischen Rom oder China oder Japan, sondern die Demut nimmt dort nämlich einen hohen Rang ein. Armut, Demut, Dienen, Friede, Buße, Sündenvergebung, Schutz der Schwachen, alles das ist wichtig für diese Religion. Man könnte vielleicht einwenden, dass auch im Buddhismus Demut und Einfachheit eine Rolle spielen, aber dort geht es um den schlichten Rückzug aus der Welt, um ein Zurückkehren ins Nirwana, ins Nichts, um die Erkenntnis, dass es besser ist, auf diese schlechte Welt verzichten zu können, so etwas wie Sündenvergebung spielt dabei keine Rolle und die Welt gilt auch nicht als grundsätzlich gut und verbesserungswürdig; Martin hat an dieser Stelle eindeutig die mittelalterlich-christliche Vorstellung übernommen und nicht die buddhistische. Gegen Ende der bisherigen Serie kommt ein Hoher Septon an die Macht, der nicht wie seine Vorgänger ein harmloser, bestechlicher, reicher, hochgestellter Kleriker ist, der seine Krone trägt und seine Zeremonien durchführt und brav allen Entscheidungen des jeweiligen Königs oder Regenten seinen Segen gibt, sondern ein rigoroser, fastender, betender, von Gericht und Buße redender, in ein Bußgewand gekleideter Anhänger einer Art von westerosischer Armutsbewegung, vergleichbar mit den Franziskanern, oder, in ihrer radikaleren Ausprägung, den Flagellanten, des realen Mittelalters.

Auch interessant: Diese Religion wird als „Der Glaube“ bezeichnet, während vorchristliche Religion sich in der Regel in erster Linie als Kulte verstanden haben; es ging bzw. geht antiken Römern oder Ägyptern, Hindus oder Shintoisten eher um die richtige Verehrung der Götter als um das Vertrauen auf sie; „Religion“ synonym mit „Glaube“ (lateinisch „fides“, davon abgeleitet englisch „faith“, was noch mehr die Bedeutung von „vertrauen, (sich) anvertrauen“ herüberbringt) zu verwenden, ist eine sprachliche Entwicklung, die mit dem Christentum kam.

Aber auch die Art, wie „der Glaube“ die noch teilweise im Norden von Westeros praktizierte Religion langsam verdrängt, soll wohl an die Situation im nordeuropäischen Früh- und teilweise noch Hochmittelalter erinnern. Die Götter des Nordens sind die am klarsten heidnischen Götter dieser Geschichte: gesichtslose, namenlose, geheimnisvolle Naturgötter, die an heiligen Bäumen verehrt werden, und denen man nur eine lokal begrenzte Macht zuschreibt, die schwindet, wenn ihre Bäume gefällt werden. (Allerdings gibt es tatsächlich auch das Umgekehrte: Anhänger der Sieben, die ihren Göttern keine Wirksamkeit im von den alten Göttern kontrollierten äußersten Norden des Kontinents Westeros hinter der Mauer, die das Königreich vor den „Wildlingen“ schützt, zuschreiben, und nur eine begrenzte Wirksamkeit im halb diesen, halb jenen Göttern anhängenden Norden des Königreichs südlich der Mauer. Einige theoretisch monotheistisch sein sollende Westerosi schließen hier also andere Götter nicht per se als inexistent aus.) Diese Religion hat eine gewisse moralische Komponente (z. B. sind den alten Göttern Eide und Gastfreundschaft heilig), aber Gebote oder Lehren stehen nicht im Vordergrund. Es gibt keine besonderen Riten, keine Priester, bloß stille Gebete vor Bäumen, und angeblich sollen die Götter dabei z. B. durch Blätterrascheln zu ihren Anhängern sprechen können. Es gibt auch die „Grünseher“, die eine besondere Verbindung zu den alten Göttern und teilweise mystische Kräfte haben sollen; einer von ihnen, der offenbar letzte verbliebene, der sich die „Dreiäugige Krähe“ nennt, erscheint einem Jungen namens Brandon Stark im Traum und lehrt, nachdem Bran ihn gefunden hat, diesem seine Kräfte.

Bei den wichtigsten beiden anderen Kulten, die in diesem Buch eine Rolle spielen, nimmt Martin auch wieder gewisse, an einzelnen Stellen überdeutliche Anleihen beim Christentum; allerdings mehr bei anderen Religionen. Fangen wir mit dem Ertrunkenen Gott an, der auf den Eiseninseln verehrt wird. Diese Inseln gehören zwar zu Westeros, waren aber früher einmal unabhängig und würden das gern wieder werden. Ihre Bewohner ähneln den Wikingern unserer Welt, und gehen, obwohl sie inzwischen zivilisierter sind, als sie wohl früher waren, immer noch manchmal auf Raubzüge. Das Motto ihrer Religion ist: Was tot ist, kann niemals sterben. Sie taufen (ja, dieses Wort wird verwendet) ihre Anhänger im Meer, was bei der Taufe von Erwachsenen heißt, dass der Täufling solange unter Wasser gedrückt wird, bis er nicht mehr atmet, und dann wiederbelebt wird – was in manchen Fällen auch schiefgehen kann. Das ist nun nicht gerade christlich, aber der Glaube, dass aus dem Tod Leben entstehen kann, dass der Weg zum Leben durch den Tod führt, der durch eine Wassertaufe symbolisiert wird – das erinnert auf den ersten Blick wahnsinnig an das Prinzip des Kreuzes Christi. Diese schöne Ähnlichkeit wird durch einige Gebetsworte der Eisenmänner sogar noch mal bekräftigt: „‚Herr und Gott, der du für uns ertrunken bist‘, betete der Priester mit einer Stimme, die so tief grollte wie das Meer, „lass deinen Diener Emmond aus dem Meer wiedergeboren werden, wie es auch mit dir geschah.'“ (Bd. 7, S. 34) Und… dann wird sie völlig ruiniert durch den ganzen Rest, aus dem diese Religion besteht. „Segne ihn mit Salz, segne ihn mit Stein, segne ihn mit Stahl“, betet Aeron Graufreud in diesem Abschnitt weiter, und nach der Wiederbelebung heißt es: Du warst ertrunken und wurdest uns zurückgegeben. Was tot ist, kann niemals sterben. Worauf der „Ertrunkene“ antwortet: Doch erhebt es sich von neuem. Härter und stärker.

Die Eisenmänner sind Krieger. Krieger, die keinen Platz haben für Armut und Demut und das Leid der Schwachen wie die Priester der Sieben, sondern die lediglich die Stärke achten, die den Tod überwunden hat bzw. die aus dem Erleiden einer Todeserfahrung kommt. Sie achten, was hart macht. Von einer Liebe, die den Tod überwindet, ist keine Rede. Auch der Satz „…der du für uns ertrunken bist“, der beinahe so etwas wie göttliche Liebe und Fürsorge durch stellvertretend auf sich genommenes Leiden andeutet, sticht in diesem Gebet heraus wie ein Fremdkörper. Wie genau ist dieses „für uns ertrunken“ zu verstehen? Ganz offensichtlich geht es dem Ertrunkenen Gott nicht um Sündenvergebung. Ich habe eher den Eindruck, er hat den Eisenmännern so etwas wie ein Beispiel gegeben, das jeder von ihnen jetzt selbst noch unter Lebensgefahr nachahmen muss, ein Beispiel dafür, was sie tun können, um hart und stark zu werden, anstatt dass er etwas getan hat, das ihnen direkt irgendetwas bringt. „Für uns ertrunken“, das passt irgendwie nicht recht zum Rest dieser Religion. Ich würde zu gern mehr über das „Ertrinken“ des Ertrunkenen Gottes erfahren, denn wirklich erklärt wird das hier nicht. Die Eisenmänner glauben auch an einen ewigen Kampf des Sturmgottes (der Zerstörung bringt) gegen ihren Meergott (der Fisch und damit Leben auch im härtesten Winter bringt); haben sie also einen Mythos, der davon erzählt, wie der Sturmgott den Meergott ertränkte und der Ertrunkene Gott dann umso stärker wieder auferstand? Mythen von Göttern, die sich gegenseitig töten, sind ja in alten polytheistischen/dualistischen Religionen nichts allzu Seltenes.

Ach ja, dem Ertrunkenen Gott werden übrigens, anders als den Sieben oder den alten Göttern, gelegentlich auch Menschen geopfert, gefangene Feinde. Es handelt sich also wirklich um keine besonders sympathische Religion, alles in allem.

Jetzt aber zur letzten der vier zentralen Religionen: Der Verehrung des Roten Gottes oder „Herrn des Lichts“, R’hllor. Diese Religion kommt ursprünglich aus Asshai im fernen Osten und ist vor allem in den sieben Freien Städten, also außerhalb von Westeros, verbreitet, missioniert aber aktiv, und eine Priesterin R’hllors, Melisandre aus Asshai, kann Stannis Baratheon, einen der vielen Thronprätendenten von Westeros, von ihrem Gott überzeugen. Auch ein roter Priester namens Thoros von Myr kommt in den Büchern vor, der zu einer den kriegsgeplagten Armen von Westeros helfenden Bande von Geächteten unter Lord Beric Dondarrion, einer Art Robin-Hood-Figur, gehört.

Dieser Glaube ist ganz klar dualistisch, vergleichbar mit dem persischen Zoroastrismus. Es gibt ein Reich der Finsternis und ein Reich des Lichts; einen guten Gott – R’hllor – und einen schlechten Gott, dessen Name nicht ausgesprochen wird. Dem Herrn des Lichts gehören der Tag, die Sonne, und vor allem das Feuer, das den Schrecken der Nacht bannt; der Herr des Finsternis gebietet über Nacht und Kälte. Bei Sonnenuntergang entzünden die Anhänger R’hllors deshalb Nachtfeuer, um die Nacht und die Kälte zu bannen; in einer Szene betet Melisandre vor einem solchen Nachtfeuer zu ihrem Gott: „Führe uns aus der Dunkelheit, o mein Herr. Erfülle unsere Herzen mit Feuer, damit wir deinem leuchtenden Pfad folgen können. […] Dein ist die Sonne, die unsere Tage erwärmt, dein sind die Sterne, die uns durch das Dunkel der Nacht geleiten.“ Worauf ihre Gläubigen antworten: „Herr des Lichts, beschütze uns. Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken.“ Und so weiter. Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken – das ist so ein Spruch, den sie oft sagen. Eine solche Metaphorik von Licht und Feuer, Nacht und Dunkelheit ist etwas, was es abgesehen vom Zoroastrismus auch noch in vielen anderen realen Religionen gibt; Gott und das Licht zu verbinden, das ergibt sich leicht. Man denke im christlichen Bereich zum Beispiel an den Ritus mit der Osterkerze in der katholischen Osternacht. „Christus das Licht!“

Die Anhänger des Roten Gottes glauben, dass alles in der Welt entweder R’hllor oder dem Großen Anderen dient; andere Götter gibt es ihrer Ansicht nach nicht, weshalb sie auch einen für heidnische Religionen ganz untypischen Eifer für die Durchsetzung der wahren Religion zeigen und z. B. Figuren der Sieben verbrennen. Sie kennen auch Prophezeiungen, die den ewigen Kampf zwischen Licht und Finsternis betreffen, und Melisandre bezeichnet Stannis als den wiedergeborenen „Azor Ahai“, eine Art Messias-Figur.

Bis jetzt klingt diese Religion gar nicht mal soo unsympathisch, oder? Sie ist gruselig.

Der Herr des Lichts ist kein Gott des Guten wie Ahura Mazda aus dem Zoroastrismus; er ist ein Gott des Lebens, während sein Gegner den Tod bringt; aber die Anhänger des Lebensgottes sehen nicht unbedingt einen Zusammenhang zwischen dem Leben und dem Guten, oder, prosaischer ausgedrückt, dem Leben und der Moral. Von Azor Ahai wird erzählt, dass er seine Frau tötete, um sein Schwert Lichtbringer in ihrem Blut zu härten, und Melisandre deutet die Zukunft aus ihren Feuern und verbrennt dann Menschen als Opfer für ihren Gott, um bestimmte Ziele zu erreichen, die sie in den Flammen gesehen hat; sie will sogar ein Kind verbrennen, Stannis‘ unehelichen Neffen, da dessen „Königsblut“ ihnen bei ihren Zielen im Krieg helfen soll. Sie vollbringt gelegentlich Zauber, bei denen sie Schatten hervorbringt, die Stannis‘ Gegner töten. (Ja, diese Zauber sind in den Büchern kein Betrug, sondern gelingen ihr.) Der Zweck heiligt für sie die Mittel; und so müssen Opfer gebracht werden, um die drohende Finsternis abzuwenden – die sie übrigens auch mit der herannahenden Zombiearmee im Norden hinter der Mauer, die vom Rest von Westeros‘ Thronprätendenten fleißig ignoriert wird, in Verbindung bringt. (Stannis ist dann auch der einzige der selbsternannten Könige, der der Nachtwache im Norden gegen die „Anderen“ (Eiswesen oder so was) und die Wiedergänger (Zombies) und die Wildlinge, die vor den Anderen und den Wiedergängern nach Süden fliehen und über die Mauer wollen, zu Hilfe eilt.) Thoros von Myr erscheint regelrecht sympathisch im Vergleich zu Melisandre, nicht gerade Friar Tuck, aber doch so was in der Art, aber auch er hat unheimliche Kräfte: Er hat es sechs Mal geschafft, Beric Dondarrion von den Toten zurückzuholen, wobei seine Todeserfahrungen diesen offenbar auch schwächen. Der Glaube an R’hllor hat manchmal eher etwas von Okkultismus und Geisteranrufung als von einem klassischen Dualismus, der bloß den philosophischen Fehler macht, den Teufel auf eine Stufe mit Gott zu stellen. Manche ihrer Feinde nennen Melisandre eine „Hexe“, und dieser Begriff passt tatsächlich irgendwie besser zu ihr als der einer Priesterin. Sie betet und singt nicht nur zu ihrem Gott und zündet auch nicht nur andere Götterbilder an, sie ist auch eine Wahrsagerin und führt Schadenszauber durch, und braucht Menschenopfer, um diese Schadenszauber durchzuführen.

Ich habe vorher den Zoroastrismus und die christlichen „Gott = Licht, Sonne, Feuer“-Vergleiche erwähnt, aber tatsächlich erinnert mich diese Religion eher an den Glauben der Azteken, dass man kontinuierlich Menschenopfer darbringen müsste, da die Sonne ohne deren Blut nicht mehr aufgehen würde. Melisandre verehrt einen Feuergott; und ihre Religion trägt der Tatsache Rechnung, dass Feuer nicht nur erhellt und wärmt, sondern auch brennt. In einer interessanten Pater-Brown-Kurzgeschichte mit dem Titel „The Eye of Apollo“ (https://ebooks.adelaide.edu.au/c/chesterton/gk/c52fb/chapter10.html ) kommt eine Sekte moderner Sonnenanbeter vor, und zu Beginn der Geschichte sagt Pater Brown besorgt „The sun was the cruellest of all the gods“. Das Problem dieser Religion ist wohl, dass sie keinen über-natürlichen Gott verehrt, sondern innerhalb der Natur nach den Kräften des Guten und des Bösen sucht und jedes Ding darin klar zuordnen will; aber kein Ding in der Natur, weder der Tag, noch die Nacht, weder die Sonne noch die Dunkelheit, ist klar böse oder gut. Sie sind einfach, wie sie sind. Das ist das Problem mit jeder Art von heidnischer Naturanbetung. Auch die Zuordnung bei der Religion der Eisenmänner (Wasser = gut, Wind = schlecht) macht im Ganzen keinen Sinn. Wasser kann Leben oder Tod bringen, Wind kann ein Schiff voranbringen oder es versenken. Und wenn man die Sonne zum Inbegriff des Guten erklärt, muss man auch ihre tödlichen Attribute für gut erklären.

Ich habe im Lauf dieses Artikels öfter das Attribut „heidnisch“ verwendet; jetzt sollte ich mal erklären, was ich damit meine. Ich unterscheide hier das Judentum und alle Religionen, die auf ihm beruhen oder sich auf es berufen (Christentum, Islam, Mormonentum, etc.) von nichtjüdischen Religionen. Heidnische Religionen sind meistens entweder Mythologien (die populäre Form des Hinduismus, der Shintoismus, die römische, griechische, ägyptische, germanische Religion, usw.) oder Philosophien (der Konfuzianismus, der Buddhismus, Formen des Hinduismus, der antike Platonismus), und sie tendieren entweder zu Naturanbetung oder dazu, die Natur/Welt für schlecht zu erklären (Buddhismus, Manichäismus). Der jüdische (und damit auch der christliche) Glaube ist dagegen ein historischer Glaube, er beruht auf Tatsachen, wie dem Babylonischen Exil oder der Kreuzigung Jesu, er geht davon aus, dass Gott sich ein Volk erwählt und zu ihm gesprochen und etwas für es getan hat, und das bleibt nicht nur in mythologischer Vergangenheit, sondern ist an konkreten Daten und Personen festzumachen. Heidnische Religionen sind dieser Definition nach ganz einfach Religionen ohne eine solche konkrete, fassbare Offenbarung, Vor-Offenbarungs-Religionen. Daher ist auch der Glaube an die Sieben im Grunde nicht wie das mittelalterliche Christentum, das einen vor soundsoviel Jahren Mensch gewordenen Gott verehrte. (Jedenfalls wird nie ganz deutlich, woher der Glaube seine Lehren von dem Wesen der Sieben Götter eigentlich nimmt.) Am ehesten als Offenbarungsreligion könnte man noch den Glauben an den Herrn des Lichts bezeichnen; wobei ich bis jetzt keine konkreten Anhaltspunkte dafür gefunden habe, ob Azor Ahai eine mythologische Figur wie Odysseus ist, oder ein historischer Religionsgründer wie Zarathustra, Mani oder Buddha, oder so etwas wie ein biblischer Prophet, der beanspruchte, dass ein Gott direkt durch ihn sprach.

George R. R. Martin scheint übrigens alles in allem die alten Götter am liebsten zu mögen. Mir sagen die nicht viel; wie gesagt, für Naturanbetung habe ich an sich nicht viel übrig, und dann fehlt mir hier die Logik, die Vernunft, die umfassende Lehre. Der Glaube an die alten Götter bietet nur eine Art unscharfen Mystizismus, nichts für den ganzen Menschen, den Verstand spricht er nicht an, oft widerspricht er ihm sogar. Mir ist tatsächlich der Glaube an die Sieben immer noch am sympathischsten unter diesen Religionen, auch wenn Martin ihn nicht so besonders zu mögen scheint (besonders seine Strenge und seinen Fokus auf Buße etc.). Aber na ja – Westeros ist nicht die reale Welt, sondern eine imaginäre heidnische Welt, und ob die Existenz dieser Religionen in ihrer konkreten Form so viel Sinn macht, wäre wieder eine andere Frage. Und dann bin ich natürlich irgendwie darauf gespannt, wie die ganze Geschichte weitergeht – ob sich weiterhin der Rote Gott als „wirksamer“ Gott erweist, was die alten Götter wirken werden, was die „Anderen“ eigentlich sind… warten wir es ab.

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