Zwangsprostitution und Teilzeitarbeitsquote

Auf katholisch.de ist heute ein Artikel von Andrea Hoffmeier zum Thema Benachteiligung von Frauen erschienen: http://www.katholisch.de/aktuelles/standpunkt/lippenbekenntnis-zur-geschlechtergerechtigkeit Ich habe ihn mal mangels besserer Beschäftigung angeklickt und war bei den ersten paar Sätzen zuerst genervt: „In der Regel merke ich es nicht. Doch dann wird es mir wieder mit voller Wucht vor Augen geführt, sei es in einer Konferenz nur unter Männern oder wie diese Woche durch Zeitungsmeldungen: Von einer Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sind wir noch weit entfernt. Das gilt auch für Deutschland und die ‚fortschrittlichen‘ westlichen Staaten.“ Wo haben wir hier in Deutschland bitte noch fehlende Gleichberechtigung?, habe ich mich gefragt. Was soll das? Ich bin halt in einer Zeit aufgewachsen, in der in Schule und Uni die Gleichberechtigung für mich Normalität war/ist, etwas, das ich als selbstverständlich erwarte, und auch Aktionen wie der Girl’s Day längst etabliert waren. Weiß nicht, wie das für die Autorin des Artikels in ihrer Kindheit, Jugend und ihrer Zeit als junge Erwachsene war. Sie wirkt auf ihrem Foto ein paar Jahrzehnte älter als ich; vielleicht ist ihr deshalb das Thema wichtiger als mir.

Aber dann habe ich weitergelesen und sie macht mit dem Thema Zwangsprostitution weiter: „Deutschland ist eines der Hauptabnahmeländer für Zwangsprostituierte in Europa.“ Und ich denke mir: Oh ja, da hat sie Recht! Wir denken, wir wären so fortschrittlich, aber da, wo wir nicht hinschauen (wollen), geschieht immer noch schlimmes Unrecht, Menschenhandel, Ausbeutung. Es geht dann im Artikel weiter mit dem Weinstein-Skandal und Belästigung am Arbeitsplatz, und ja, es ist ja auch wichtig, sicherzustellen, dass Chefs mit sexueller Belästigung nicht einfach davonkommen, da gibt es wohl an manchen Stellen auch bei uns noch was zu tun. Zustimmung hier, auch wenn das kein so schlimmes Problem ist wie Zwangsprostitution.

Und dann… leitet sie zu den „weniger extreme[n] Themen“ über wie zum Beispiel „hohe Teilzeitarbeitsquote und daraus folgende Altersarmut“; und ich denke mir: What the fuck.

Nicht deshalb, weil ich eine hohe Teilzeitarbeitsquote für ein Luxusproblem halten würde, so à la „Was beschwert ihr euch, schaut mal, wie es Frauen in Afghanistan und Saudi-Arabien geht“. Nein, ich halte eine hohe Teilzeitarbeitsquote für überhaupt kein Problem. Viele Frauen wollen in Teilzeit arbeiten – meine Mutter zum Beispiel auch. Ich kenne einen Personalchef einer Behörde, der einige Schwierigkeiten damit hat, ausreichend Teilzeitarbeitsplätze für die vielen weiblichen Angestellten zu schaffen, die nach ein paar Jahren beim Kind zu Hause wieder in den Job zurückkehren möchten, aber eben erst mal nur mit 20 oder auch bloß 15 Wochenarbeitsstunden. Und ja, das ist oft ein Luxus; meine Mutter zum Beispiel kann sich Teilzeitarbeit (und davor ein langes Hausfrauendasein) leisten, weil mein Vater gut verdient und eine gute Rente bekommen wird. Aber wenn aus Teilzeitarbeit in anderen Fällen oft Altersarmut resultiert, dann ist das ein Problem mit dem deutschen Rentensystem, und nicht mit der Teilzeitarbeit. Frauen wollen Teilzeitarbeit, weil sie z. B. (kleine) Kinder haben, viel Arbeit mit dem Haushalt (vor allem, wenn mehrere Kinder da sind – eine große Familie macht auch dann noch viel Arbeit, wenn die Kinder in der Schule sind) oder pflegebedürftige ältere Angehörige. Frau Hoffmeiers Antwort wäre, Kinder und Alte auszulagern und bei der Hausarbeit mit den Achseln zu zucken, ohne die Frauen zu fragen, ob sie das wollen. Ich halte Teilzeit für eine gute Lösung gerade für Frauen mit Kindern im Schulalter; während die Kinder aus dem Haus sind, verdient man etwas dazu, und trotzdem wächst einem der Haushalt nicht über den Kopf und man kann noch etwas Zeit mit den Kindern verbringen und sie am Nachmittag zum Fußballtraining, zum Pfadfindertreffen, zur besten Freundin oder zur Flötenstunde fahren. Es wäre etwas Gutes für Frauen, wenn es mehr Teilzeitarbeitsplätze gäbe und dafür Erziehungs- oder Pflegearbeit in der Familie stärker für die Rente angerechnet würden.

Es gäbe auch so viele andere Probleme, die man in einem solchen Artikel noch hätte ansprechen können – auch Probleme, die mit anderen Kulturen nach Deutschland gekommen sind. Wenn Mädchen in den Sommerferien in die Türkei geflogen und mit ihrem Cousin zwangsverheiratet werden, ist das ein Problem, gegen das man etwas tun müsste. Es gibt auch eine wachsende Anzahl von Genitalverstümmelungen hierzulande. Aber natürlich haben wir auch unsere hausgemachten Probleme: Immer weniger Leute sehen es zum Beispiel als irgendwie anrüchig oder problematisch, wenn kinderlose Paare eine thailändische Leihmutter anheuern – ohne sich zu fragen, ob das nicht vielleicht irgendwie Ausbeutung sein könnte. Man könnte hier noch etliche wirkliche Probleme ansprechen.

Aber wenn man zwei Sätze über Zwangsprostitution schreibt und sich dann ausführlich darüber auslässt, dass Frauen immer noch zu wenig arbeiten und zu wenige Führungspositionen besetzen, was „aus einer nach wie vor tiefsitzenden diskriminierenden Haltung und dem Erhalt männlicher Machtstrukturen“ resultiere, dann ist das einfach, sagen wir mal kontraproduktiv. Wie viele Leute lesen diesen Artikel und denken sich „tiefsitzende Haltung… männliche Machstrukturen… bla… bla… interessiert mich nicht“, und denken dann auch nicht mehr an Zwangsprostitution?

Und wieso sind mir diese Machtstrukturen eigentlich noch nie aufgefallen? Let’s face it: An den deutschen Unis zum Beispiel sind die Bedingungen für Frauen wunderbar, und viele Personalabteilungen stellen Frauen „bei gleicher Eignung bevorzugt“ ein. (Zum Beispiel auch die der oben erwähnten Behörde, wo man sich auch um Teilzeitarbeitsplätze bemüht.) Wo sind hier die Machtstrukturen? Die meisten Frauen leben hierzulande völlig gleichberechtigt; wir haben Bildung, politische Teilhaberechte, freie Berufswahl, in der Öffentlichkeit werden Frauen gehört… was genau ist hier das Problem?

Wenn man Zwangsprostitution schlimm findet, sollte man über Zwangsprostitution schreiben und dann was gegen Zwangsprostitution tun; man könnte zum Beispiel Solwodi (https://www.solwodi.de/791.0.html ) unterstützen. Man sollte nicht anfangen, stattdessen von allgegenwärtigen Machtstrukturen zu reden, die sich in einem bloß 30-prozentigen Frauenanteil im Bundestag und einer hohen Teilzeitarbeitsquote ausdrücken. Das hilft keinem Opfer von Menschenhandel in irgendeinem deutschen Bordell.

 

 

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3 Gedanken zu “Zwangsprostitution und Teilzeitarbeitsquote

  1. Bei der niedrigen Rente wird auch gern der Versorgungsausgleich vergessen.
    Lässt man sich scheiden, dann wird der in der Ehe erworbene Rentensnspruch geteilt. Dann haben dadurch beide weniger.
    Lässt man sich nicht scheiden, dann leben eh beide von beiden Renten

  2. Ich habe den Artikel von Frau Hoffmeier nicht gelesen- Und verspüre auch nicht so viel Lust dazu, da es nach Ihrem Résumée ein ziemlicher Rundumschlag zu sein scheint. – Ich glaube aber, dass männliche Machtstrukturen und Zwangsprostitution sogar sehr eng zusammenhängen. Männliche Machtsrukturen sind der Nährboden für ein System, dass die Ausbeutung von Frauen zum Zwecke der männlichen Lustbefriedigung zulässt. Auf meinem blog schreibe ich immer wieder über Zwangsprostitution und engagiere mich auch praktisch dagegen. Wenn Frauen wirklich gleichgestellt und gleichgeachtet wären, nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch in der Praxis und in den Köpfen, dann dürfte es keine Zwangsprostitution geben. Vermutlich nicht einmal Prostitution.

    1. Das, was Sie in Ihrem Blog von Ihrem Engagement schreiben, klingt großartig! Das muss auch eine sehr schwierige Arbeit sein, oder?

      „Wenn Frauen wirklich gleichgestellt und gleichgeachtet wären, nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch in der Praxis und in den Köpfen, dann dürfte es keine Zwangsprostitution geben. Vermutlich nicht einmal Prostitution.“
      Schön gesagt, irgendwie. Aber sind es immer „männliche Machtstrukturen“, die Zwangsprostitution zulassen – oder nicht auch einfaches Wegschauen auf allen Seiten (auch bei nichtbetroffenen Frauen), Gleichgültigkeit gegenüber dem Elend illegaler Immigrantinnen aus Bulgarien, Unwissenheit darüber, wie viele Prostituierte wirklich unfreiwillig in dieser Situation sind, Naivität, die sich z. B. darin äußert, dass rot-grüne Politiker(innen), die angeblich so für Frauenrechte sind, die Prostitution erleichtern, weil sie an freie und selbstbestimmte Sexarbeiterinnen glauben, und solches Zeug? Ich meine nur, ich halte männliche Machtstrukturen hier einfach nicht für eine ausreichende Erklärung dafür, wie viel Zwangsprostitution es in Deutschland gibt. Natürlich können Machtstrukturen Prostitution erleichtern – aber in diesem Fall kommt es mir nicht so vor, als läge die Situation daran, dass deutsche Männer so überragende gesellschaftliche Macht hätten und alle innerlich glauben würden, Frauen wären nichts wert. Es gibt ja auch männliche Prostituierte, nur zufällig weniger, weil nach denen zufällig weniger Nachfrage herrscht; aber jemand, der kein Problem mit der Ausbeutung von Frauen hat, hätte vermutlich auch keins mit der Ausbeutung von Männern…

      Wenn alle Menschen so geachtet wären, wie sie es verdienen, gäbe es natürlich keine Prostitution.

      Sie kennen sich mit dem Thema an sich sicher besser aus, ich kann hier nur einfach keinen so klaren gesellschaftlichen Zusammenhang sehen.

      – Crescentia.

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