Christen müssen fröhlich sein!

Nein.

Eine der schlimmsten Lügen, die zu Skrupeln neigende Christen belasten können, ist die leider recht weit verbreitete Vorstellung, dass wir Christen grundsätzlich Freude und Glück auszustrahlen hätten – schließlich sind wir erlöst! Gott liebt uns! Unsere Gottesbeziehung sollte sich doch wohl zeigen! (Und willst du nicht auch, dass andere Menschen das Christentum attraktiv finden? Welchen Eindruck hinterlassen wir den Nichtchristen?) Also fühlt man sich schuldig dafür, dass man nicht glücklich ist, und wird dadurch natürlich nicht glücklicher.

Wenn ich ehrlich sein soll, mit ständigem Grinsen und „Mein Leben mit Gott ist so toll!!! #blessed“ hinterlässt man bei manchen Nichtchristen vermutlich sowieso eher den Eindruck, dass das Christentum nichts für diejenigen ist, denen es nicht gut geht und die nicht einfach auf Knopfdruck fröhlich sein können; aber darum geht es hier nicht. Wir sind keine Werbemodels für das Christentum; wir sind Menschen, die eben von dieser Religion überzeugt sind und zu diesem Gott beten und die trotzdem ihr konkretes menschliches Leben mit seinen Höhen und Tiefen haben.

Ja, Gott hilft uns bei unseren Problemen. Ja, Er will uns Trost bringen, wenn es uns schlecht geht. Aber deswegen kann man trotzdem mal legitimerweise unglücklich sein – weil man sich gerade in einer schwierigen Lebenssituation befindet, weil man an einer Depression leidet, whatever. Ein Vergleich: Wenn man eine Krebsdiagnose bekommt, wird eine liebende Familie sicher trösten und helfen und die Situation erträglicher machen und Wege aufzeigen, mit ihr umzugehen, aber sie wird nicht dafür sorgen können, dass man gar nicht mehr entsetzt ist oder Angst hat oder Schmerzen hat. Es wäre blödsinnig, das zu erwarten. Man leidet; und das muss man nicht leugnen. Genauso können wir von Gott logischerweise nicht erwarten, uns in dieser gefallenen Welt vor aller (körperlichen und seelischen) Not zu bewahren.

Es ist schön, wenn wir fröhlich sind; aber Gefühle kann man nicht erzwingen. Gefühle und Gedanken kommen einfach. Sie sind weder Sünden noch Tugenden.

Es gibt einen Unterschied dazwischen, in Selbstmitleid zu schwelgen und anzuerkennen, dass es einem schlecht geht. Wenn es einem schlecht geht, wird die Situation nicht dadurch besser, dass man sich selbst, andere oder Gott anlügt. Wir dürfen auch in unseren Gebeten zu Gott ehrlich sein.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bleibst fern meiner Rettung, den Worten meines Schreiens?

Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; und bei Nacht, doch ich finde keine Ruhe.

Aber du bist heilig, du thronst über dem Lobpreis Israels.

Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut und du hast sie gerettet.

Zu dir riefen sie und wurden befreit, dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet.

Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf:

Wälze die Last auf den HERRN! Er soll ihn befreien, er reiße ihn heraus, wenn er an ihm Gefallen hat!

Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, der mich anvertraut der Brust meiner Mutter.

Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, vom Mutterleib an bist du mein Gott.

Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe und kein Helfer ist da!

Viele Stiere haben mich umgeben, Büffel von Baschan mich umringt.

Aufgesperrt haben sie gegen mich ihren Rachen, wie ein reißender, brüllender Löwe.

Hingeschüttet bin ich wie Wasser, gelöst haben sich all meine Glieder, mein Herz ist geworden wie Wachs, in meinen Eingeweiden zerflossen.

Meine Kraft ist vertrocknet wie eine Scherbe, die Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in den Staub des Todes.

Denn Hunde haben mich umlagert, eine Rotte von Bösen hat mich umkreist. Sie haben mir Hände und Füße durchbohrt.

Ich kann all meine Knochen zählen; sie gaffen und starren mich an.

Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand.

Du aber, HERR, halte dich nicht fern! Du, meine Stärke, eile mir zu Hilfe!

Entreiß mein Leben dem Schwert, aus der Gewalt der Hunde mein einziges Gut!

Rette mich vor dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern der Büffel! – Du hast mir Antwort gegeben.

Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Versammlung dich loben.

Die ihr den HERRN fürchtet, lobt ihn; all ihr Nachkommen Jakobs, rühmt ihn; erschauert vor ihm, all ihr Nachkommen Israels!

Denn er hat nicht verachtet, nicht verabscheut des Elenden Elend. Er hat sein Angesicht nicht verborgen vor ihm; er hat gehört, als er zu ihm schrie.

Von dir kommt mein Lobpreis in großer Versammlung, ich erfülle mein Gelübde vor denen, die ihn fürchten.

Die Armen sollen essen und sich sättigen; den HERRN sollen loben, die ihn suchen. Aufleben soll euer Herz für immer.

Alle Enden der Erde sollen daran denken/ und sich zum HERRN bekehren: Vor dir sollen sich niederwerfen alle Stämme der Nationen.

Denn dem HERRN gehört das Königtum; er herrscht über die Nationen.

Es aßen und warfen sich nieder alle Mächtigen der Erde. Alle, die in den Staub gesunken sind, sollen vor ihm sich beugen. Und wer sein Leben nicht bewahrt hat,

Nachkommen werden ihm dienen. Vom Herrn wird man dem Geschlecht erzählen, das kommen wird.

Seine Heilstat verkündet man einem Volk, das noch geboren wird: Ja, er hat es getan.“

(Psalm 22)

Die Psalmisten waren ehrlich. Ebenso Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ betete er am Kreuz.

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Mein liebstes und gleichzeitig praktischstes Plätzchenrezept

Butterknöpfchen:

 

Zutaten:

300 g Mehl

200 g Butter/Margarine

100 g Honig (oder Puderzucker – ich finde Honig besser)

Evtl. etwas Puderzucker oder Zimt und/oder Zucker

 

Zubereitung:

Den Ofen auf 180°C vorheizen. Mehl, Butter/Margarine und Honig zusammenkneten, aus dem Teig kleine Kugeln formen, diese aufs Blech legen, in jede Kugel mit den Zinken einer Gabel hineindrücken (dann sind die fertigen Butterknöpfchen flacher, können also besser in der Dose gestapelt werden, und sehen mit ihren Streifen außerdem hübscher aus). 10-15 min backen. Fertig.

Wenn man möchte, kann man die fertigen Butterknöpfchen noch mit Puderzucker bestäuben.

 

Andere Variante:

Mehl, Butter/Margarine und Honig zusammenkneten, den fertigen Teig zu Stangen (Durchmesser etwa 3 cm) formen und diese in Zimt oder in einer Mischung aus Zimt und Zucker rollen; dann die Stangen in dünne Scheiben schneiden und diese aufs Blech legen und backen.

 

Keine Füllungen, keine Glasuren, und überhaupt so wenige Zutaten, dass das Rezept auch relativ allergikerfreundlich ist; Fruktoseintolerante können den Honig durch Puderzucker ersetzen, Laktoseintolerante sollten normalerweise Butter vertragen, und Veganer können vegane Margarine nehmen.

Und die fertigen Plätzchen sind sehr, sehr lecker.

 

Ja, ich weiß, der Advent hat noch nicht mal angefangen. Ich bin trotzdem schon in Adventsstimmung; liegt vielleicht am Wetter. Und wenn man die Plätzchen schon fertig hat, kann man sich dann ans Essen machen, wenn es wirklich auf Weihnachten zugeht.

(Und man komme mir hier nicht mit dieser Idee vom Fasten im Advent. Das ist grausam!)

Über blinde Flecke und säkulare Dogmen

Gelegentlich hat man auch von seinen katholischen Glaubensgenossen mal genug. Nicht von allen vielleicht; aber wenn man in seinen Facebookgruppen irgendwann zu viele Aufrufe, zur Rettung des Abendlandes täglich den Rosenkranz zu beten, und kitschige Heiligenbilder, unter denen jeweils drei bis fünf Leute mit „Amen!!!“ und ❤ ❤ ❤ kommentiert haben,  kriegt, nervt es schließlich. Dazu kommen dann immer wieder reflexhaft-antifeministische Wortmeldungen, das ewig gleiche Gemecker über EKD, DBK und das deutsche Kirchensteuersystem (was haben da alle dagegen?? Also gegen Letzteres), mir persönlich etwas zu große ökumenische Nähe zu gewissen Freikirchen, die grausige Worship-Songs singen, pausenlos davon reden, sich in Jesus zu verlieben und manchmal dazu neigen, Katholiken nicht für Christen zu halten, oder auch diese unerträgliche Franziskus-Fanbegeisterung, die aus mir unbekannten Gründen immer noch anhält. Kurz gesagt: Manchmal fühlt man sich aus den verschiedensten Gründen, als bräuchte man ein bisschen Abstand.

Die eigenen Leute nerven manchmal; aber dann, so habe ich gemerkt, muss man nur lange genug beim ideologischen Gegner herumhängen, um zu merken, wieso man trotz pseudo-inspirierender Sprüche, trotz Glaubensgeschwistern, die die falsche Partei wählen, oder trotz in neongrün leuchtender Herz-Jesu-Bilder katholisch ist.

Ich habe in letzter Zeit öfter amerikanische Blogs gelesen, die das evangelikale / konservative / fundamentalistische Christentum von einem atheistischen oder liberal-christlichen Standpunkt aus kritisieren und die allgemein feministische und „linke“ (für amerikanische Verhältnisse) Meinungen vertreten. (Weder „links“ noch „feministisch“ widersprechen natürlich an sich schon dem katholischen Glauben – es kommt darauf an, wie man beides definiert.) Und da liest man oft Interessantes; auch mal Interessantes über Fehlentwicklungen in bestimmten Gemeinden / Kirchen, die wir in unserer am besten vermeiden sollten. Der beliebte Blog „Love, Joy, Feminism“ (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/ ) wäre ein gutes Beispiel: Bloggerin Libby Anne ist in einer evangelikalen Familie mit einem Dutzend Kindern aufgewachsen, in der man an das Patriarchat glaubte und in der die Kinder zuhause unterrichtet und körperlich gezüchtigt wurden, wenn sie nicht sofort und ohne Widerspruch gehorchten. Inzwischen ist sie Atheistin (dem Christentum gegenüber aber nicht grundsätzlich feindselig eingestellt) und erzieht ihre eigenen Kinder auf andere Weise. Sie schreibt sowohl über ihre eigenen Erfahrungen als auch über allgemeine Entwicklungen im amerikanischen Christentum und der amerikanischen Politik; am interessantesten finde ich persönlich ihre detaillierten Besprechungen von Büchern wie „Created to be his helpmeet“ von Debi Pearl (wage es nicht, deinem Mann nicht zu gehorchen, solange er von dir nicht gerade verlangt, ihm bei einem Bankraub zu helfen), „To train up a child“ von Michael Pearl (gute Christen müssen fünf Monate alte Babys mit Gummischläuchen schlagen, um ihnen Gehorsam beizubringen), oder „A voice in the wind“ von Francine Rivers (ein historischer Liebesroman, der im alten Rom spielt, mehr oder weniger „Twilight“ für christliche Teenager). Andere Beispiele wären Samantha Fields Blog (http://samanthapfield.com/ ) – Field ist eine sehr liberale Christin, die ebenfalls aus konservativeren Kreisen kommt – oder das Gemeinschafts-Blogprojekt „No longer quivering“ (http://www.patheos.com/blogs/nolongerquivering/ ), das vor allem das randständige, extrem konservative Quiverfull Movement kritisiert.

Wie gesagt: Ich habe auf solchen Blogs manche interessante Sachen gelesen. Besonders zum Thema „geistlicher Missbrauch“, also dem Missbrauch von religiöser Autorität, um Anhängern zum Beispiel Angst davor zu machen, einem Pastor oder einem Familienmitglied nicht zu gehorchen, um sie dazu zu bringen, Probleme in der Gemeinde unter den Teppich zu kehren, o. Ä., wird hier immer wieder Interessantes geschrieben (es gibt übrigens auf der interreligiösen Plattform Patheos auch einige katholische Blogger, die das Thema öfter mal ansprechen, vor allem Mary Pezzulo: http://www.patheos.com/blogs/steelmagnificat/ ). Oder auch die Auswüchse dessen, was in den USA als „purity culture“ bezeichnet wird – wozu gehören kann, Mädchen, die vor der Ehe Sex gehabt haben, mit angebissenen Schokoriegeln zu vergleichen, oder nicht nur sexuelle „Reinheit“ (wozu für manche Christen kein Körperkontakt vor der Hochzeit gehört… kein Kommentar), sondern auch emotionale Reinheit zu verlangen, weshalb man bitteschön darauf aufpassen soll, mit jemandem, mit dem man noch nicht verheiratet ist, eine zu tiefe emotionale Verbindung aufzubauen, schließlich wäre es schrecklich, wenn man einen Teil seines Herzens an jemanden weggegeben hätte, den man am Ende nicht heiratet. Während das noch irgendwie lachhaft wirkt, ist es schlimm, zu lesen, wie zum Beispiel die Beratungsstelle ihrer christlichen Universität reagierte, als Samantha Field versuchte, darüber zu sprechen, dass ihr Ex-Verlobter sie vergewaltigt hatte (https://www.xojane.com/issues/samantha-field-pensacola-christian-college-rape-stalking ) – welchen Anteil sie denn an der Sünde gehabt hätte? Und außerdem sollte sie ihrem Ex vergeben, sonst würde sie „bitter“ werden und ihre Beziehung zu Gott schädigen. Ähm… ja.

Ich habe auch Interessantes über feministische Theorien im Allgemeinen oder politische Debatten in den USA um Waffengesetze, Naturschutz oder Krankenversicherung erfahren. Konservative, die Republikanische Partei wählende Christen tendieren dort ja oft dazu, alle staatlichen Vorschriften und Einschränkungen für Tyrannei zu halten, während Liberale für mehr Regulierung und Sozialstaat sind. Und hier ist die liberale Position aus unserer europäischen Sicht ja oft die einzig vernünftige – wie kann man nur dagegen sein, eine allgemeine Krankenversicherung oder bezahlten Mutterschaftsurlaub einzuführen oder zu kontrollieren, ob jemand ein Krimineller ist, bevor man dem eine Waffe verkauft? Dann gibt es zum Beispiel auch Artikel, die kreationistische Behauptungen widerlegen; auch spannend. Der Kreationismus ist ja eine dieser theologischen Ideen, die ich besonders hasse, weil sie unseren Glauben bescheuert aussehen lassen und im Grunde genommen Fideismus propagieren.

Aber dann dauert es auch wieder nicht lange, bis man sich fragt: Wie kann das sein? Eben noch redet ihr von Respekt vor allen Menschen und Mitgefühl mit den an den Rand Gedrängten und jetzt… das?

Geschenkt, dass einige als „non-religious“ deklarierte Blogs sich hauptsächlich damit beschäftigen, Dinge aus der christlichen Welt herauszusuchen, über die sie sich aufregen können, statt eine eigene Botschaft zu verkünden, und sich dabei auch nicht immer Mühe geben, zu verstehen, was dieser und jener Christ eigentlich gemeint hat. Geschenkt, dass das wohlige Gefühl, besser zu sein als diese heuchlerischen, legalistischen Fundamentalisten, sich in den Kommentarspalten gelegentlich deutlich zeigt. Geschenkt, dass manchmal so getan wird, als wären alle, die anderer Meinung sind, entweder böse oder Idioten. Das alles ist alles andere als ideal (es kann leicht in die Wurzelsünde Hochmut übergehen), aber Zorn über das Böse ist ja an sich nicht von Grund auf schlecht. Auch geschenkt, dass Mrs. Field zum Beispiel sehr kreativ in ihrer Bibelinterpretation werden kann (Orpah, die unwichtige, nicht wirklich schlechte, vor allem aber an ihre eigenen Interessen denkende Nebenfigur aus dem Buch Ruth soll eine Heldin sein? Bitte? (http://samanthapfield.com/2017/09/25/finding-new-meaning-in-familiar-characters/ )).

Seltsamer wird es zum Beispiel, wenn Leute sich nicht sicher zu sein scheinen, was sie als Feministinnen von (freiwilliger) Prostitution, (freiwilliger) Produktion von Pornographie, dem Konsum von Pornographie, Sadomasochismus oder offenen Beziehungen halten sollen. Das Prinzip der „consenting adults“ wird in der liberalen Sexualethik ständig betont; ein Lehrer, der sich an eine Fünfzehnjährige heranmacht, oder ein Mann, der seiner Freundin Druck macht, Sexpraktiken auszuprobieren, die sie nicht ausprobieren möchte – solche Leute sind klar die Bösen. Aber wenn eine Frau sich ganz frei und emanzipiert für „Sexarbeit“ entscheiden möchte, kann das dann falsch sein? Facepalm. (Genau diese Einstellung hat Deutschland durch die Legalisierung der Prostitution übrigens zum Paradies für Menschenhändler gemacht, just saying. Ich sage ja nicht, dass es nie freiwillige Prostitution gibt, aber seien wir mal realistisch.) Dass es Dinge gibt, die in sich erniedrigend sind, die man einfach nicht mit sich machen lassen sollte, diese Vorstellung erscheint gar nicht auf dem Radar. Dass „consent“ eine unabdingbare Mindestvoraussetzung, aber kein allein ausreichendes Kriterium ist: Das kommt diesen Leuten nicht in den Sinn. Ein meiner Meinung nach ziemlich ironisches Beispiel bietet Libby Anne von „Love, Joy, Feminism“ hier (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/2013/10/ctbhhm-dont-talk-to-me-about-pain.html ), wo sie die Vorstellung einer Debi Pearl (einer Vertreterin des Christian Patriarchy Movement), dass Frauen ihren Ehemännern grundsätzlich und immer, wenn die es wollten, Sex zu liefern hätten, kritisiert – und dann sagt, dass, wenn zwei Partner unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse hätten, sie zuallererst miteinander kommunizieren und gemeinsam nach Lösungen suchen sollten, dass aber, wenn das nicht helfe „einige Optionen eine offene Ehe oder sogar Scheidung einschließen“. Aha. Heißt das jetzt, etwas auf die Spitze getrieben, dein Mann darf dich zwar nicht vergewaltigen, aber dafür betrügen oder verlassen?

Aber das schlimmste Beispiel ist natürlich eins, das nicht in den Bereich des sechsten, sondern des fünften Gebotes fällt: Abtreibung. Ich kann nicht verstehen – und habe nie verstanden, auch nicht, als ich noch nicht besonders religiös war – wie man der Meinung sein kann, eine Abtreibung könnte in Ordnung oder sogar etwas Gutes sein. [Note: Ich will mit alldem, was ich jetzt sagen werde, nicht leugnen oder ignorieren, dass eine ungewollte Schwangerschaft eine Belastung, in manchen Fällen eine sehr schwere Belastung, sein kann. Auch ein geborenes Kind kann eine schwere, für manche Menschen eine sehr schwere Belastung sein – und es ist nicht recht, es zu töten. Ich will auch nicht leugnen, dass Frauen, die Abtreibungen hinter sich haben, manchmal sicher dachten, sie tun für alle das Beste. Ich will auch nicht leugnen, dass Frauen es sich für gewöhnlich nicht leicht machen, wenn sie sich für eine Abtreibung entscheiden. Das alles ist wahr. Und natürlich kann es immer Heilung und Vergebung geben. Aber das macht die Sache an sich nicht besser. Für Frauen in schwierigen Situationen gibt es andere, bessere Hilfe als Abtreibungen – zum Beispiel hier: https://www.profemina.org/ ]

Abtreibung: Man reißt einen kleinen Menschen mit Metallinstrumenten oder Saugluft auseinander oder gibt ihm eine Giftspritze ins Herz; wie kann das, egal aus welchem Grund, etwas Gutes oder auch nur ein notwendiges Übel sein, das man um des größeren Wohls – oder des Wohls größerer Menschen – willen in Kauf nehmen müsste? Wir wissen, dass es ein kleiner Mensch ist; wir wissen, dass ein Embryo nach der Befruchtung sich nur noch weiterentwickeln muss, ebenso, wie er sich nach der Geburt noch weiterentwickeln muss; wenn ein Embryo in der zehnten Woche weniger wert ist als ein Neugeborenes, muss logischerweise auch ein Neugeborenes weniger wert sein als ein Dreijähriger und ein Dreijähriger weniger als ein Achtzehnjähriger. Wir treiben manche Menschen (vor allem behinderte Menschen) inzwischen im selben Lebensstadium ab, in dem wir andere Menschen in Brutkästen am Leben erhalten. Das sind biologische Tatsachen. Noch sind natürlich wenige Abtreibungsbefürworter so konsequent, diese Tatsachen anzuerkennen, aber das werden sie wahrscheinlich noch irgendwann tun (Peter Singer zum Beispiel ist einer, der es bereits tut); wir sind mit der allmählichen Legalisierung der Euthanasie auf dem besten Weg dazu, die letzten Reste des Lebensrechts auch noch für geborene Menschen auszuhöhlen. Man kann Abtreibung natürlich auch mit dem Argument verteidigen, dass das Baby sich nicht einfach im Körper der Mutter einnisten dürfte, wenn sie das nicht wollte, weil es schließlich ihrer sei – wobei sie ja in den allermeisten Fällen nicht ganz unschuldig daran ist, dass es da gelandet ist; wer Sex hat muss immer mit der Möglichkeit einer Schwangerschaft rechnen – ; damit würde man natürlich ganz elegant auch ein Argument dafür liefern, dass einer von zwei siamesischen Zwillingen den anderen umbringen darf. Wer hat das Recht, Platz in meinem Körper für sich zu beanspruchen? Wenn einer das wagt, bringe ich ihn um. Genau dieses Argument bringt beispielsweise Libby Anne hier (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/2012/12/the-anti-abortion-movement-erasing-women-edition.html ): Die Lebensrechtsbewegung lösche in ihrer Propaganda die Frauen und deren Rechte aus und spreche nur über die Rechte von Zygoten, Embryonen, Föten. Nicht völlig falsch, würde ich sagen, denn darum geht es: die Zygoten, Embryonen, Föten sind die, die getötet werden sollen; sollte man also nicht über sie sprechen? Libby Anne ihrerseits erwähnt in ihrem Artikel kein einziges Mal die Rechte der Zygoten, Embryonen, Föten als irgendwie relevanten Faktor. (Sie erwähnt allerdings, dass die Lebensrechtsbewegung die Frauen doch nicht ganz ignoriere – aber wenn die Frauen von Lebensrechtlern als „hilflose ausgebeutete Opfer“ dargestellt würden, ist ihr das offensichtlich auch nicht recht. Es geht ja nicht an, dass eine Frau, die verzweifelt genug ist, ihr Kind töten zu lassen, (auch) ein Opfer sein könnte.)

Die meisten Argumente für ein Recht auf Abtreibung, die man heutzutage liest, versuchen natürlich, neben dem Fokus auf „körperlicher Selbstbestimmung“, auch, irgendwie eine Minderwertigkeit des ungeborenen Kindes zu konstruieren, weil es für die meisten Leute einfach nicht machbar wäre, klar zu sagen „Ja, eine Mutter darf ihr Kind töten lassen, solange es noch in ihrem Bauch ist, wenn sie das will“, wenn sie das Kind als gleichwertige Person anerkennen müssten. Es ist das klassische „Nicht alle Wesen, die biologisch Menschen sind, sind Personen„-Argument: Menschen im frühesten Lebensstadium – in dem sie übrigens nicht abgetrieben werden, da die Schwangerschaft in diesem Stadium noch nicht erkannt ist – sehen wie kleine Klümpchen aus und man kann sie zum Teil erst unter dem Mikroskop erkennen, und deshalb scheinen manche Leute geneigt zu sein, sie als „Nicht-Personen“ abzustempeln; aber ob ein Mensch ein Mensch ist, hängt nicht davon ab, ob er so aussieht, wie ich mir einen Menschen vorstelle (und auch nicht davon, ob er sich jemals so weit entwickeln wird, dass er so aussehen wird). Es gab Zeiten (frühe Neuzeit – 20. Jahrhundert), da stellten manche Leute sich vor, dass ein vollwertiger Mensch, eine menschliche Person, eine weiße Hautfarbe zu haben hatte. Wie muss eine „Person“ aussehen? Was sind denn „Personen“? Sind Neugeborene, Demente, geistig Behinderte „Personen“? Bei dem Nicht-Personen-Argument wird zwangsläufig auch oft mit Verdrehungen gearbeitet und vom Thema abgelenkt. Man nehme zum Beispiel das altbekannte Gedankenspiel: „Wenn du aus einem brennenden Gebäude eine Petrischale mit mehreren Zygoten oder ein neugeborenes Baby retten könntest, würdest du doch sicher das neugeborene Baby nehmen, oder???? Also sind Zygoten keine lebenswerten Personen.“ Ähm, hm, weiß nicht, wen ich retten würde. Bin ich als Elternteil o. Ä. für das Baby oder die Zygoten verantwortlich? Würde das Baby unter Schmerzen sterben? Wie viele Zygoten sind es? Würden die Zygoten später einer Frau eingesetzt oder wahrscheinlich sowieso für die medizinische Forschung getötet werden? Hätte ich in so einer Situation überhaupt die Ruhe, vernünftig zu durchdenken, wen ich rette? Aber, am wichtigsten: In einer Situation, in der es darum geht, die eine oder die andere(n) Person(en) vor dem Tod zu retten, gibt es nur zwei richtige Möglichkeiten; in einer Situation, in der es dagegen darum ginge, die eine oder die andere(n) Person(en) aktiv zu töten [Notwehr und Nothilfe ausgenommen] gäbe es nur zwei falsche Möglichkeiten. Wenn ich ein neugeborenes Kind und eine alte Frau mit derselben potenziell tödlichen Krankheit vor mir habe, aber nur Medizin genug für einen von ihnen, wen rette ich dann? Egal, wie ich antworte: Die Antwort impliziert nicht, dass dann logischerweise auch Infantizid oder Euthanasie an Alten gerechtfertigt wäre, weil ich entweder das Kind oder die alte Frau sterben lassen würde. So kann man eine Debatte verunklaren und vom eigentlichen Thema – gibt es ein unveräußerliches Lebensrecht für alle Menschen oder nicht? – ablenken.

Ein anderer blinder Fleck bei solchen Leuten ist beispielsweise auch der Islam. Man ist anti-rassistisch und diese Religion wird irgendwie mit Ausländern in Verbindung gebracht, die eine dunklere Hautfarbe haben und aus eher ärmeren Ländern stammen (obwohl – Saudi-Arabien?). Außerdem ist man gegen die Konservativen, die sich vor dem Islam ängstigen, und der Feind meines Feindes ist mein Freund: Also muss der Islam zumindest an sich harmlos sein, oder jedenfalls „auch nicht schlimmer“ als das Christentum. Muslime sind die Unterdrückten und wir stehen auf der Seite der Unterdrückten. Die lange Geschichte islamischer Reiche als mächtige, versklavende, kolonialisierende Imperien (genau das, was man eigentlich so ausdrücklich verabscheut), die Sklavenjagden im Sudan, die Harems, die Judenpogrome (oder der heutige islamische Antisemitismus), das alles ist wieder nicht auf dem Schirm.

Ähnliches gilt für den Kommunismus. Man leugnet Stalins Verbrechen nicht unbedingt, aber irgendwie… sympathisiert man ein bisschen mit dieser Bewegung, unterschwellig zumindest. Feind-meines-Feindes. Waren die Kommunisten nicht wenigstens auf der Seite der Armen? Ja, genauso, wie der IS auf der Seite Gottes ist.

Und so häufen sich die Ungereimtheiten und die Widersprüche und man fragt sich: Wo habt ihr eigentlich eure Weltanschauung her? Auf welchen Prinzipien beruht sie? Wie begründet ihr die?

Ich habe den Verdacht, dass liberale Christen und Atheisten / Agnostiker / säkulare Menschen nicht deshalb für ein Recht auf Abtreibung – oder für legale Prostitution, oder für eine Akzeptanz von Polyamorie – sind, weil sie sich selbst davon überzeugt haben; sondern weil sie ein Glaubenssystem (vielleicht zu Recht? Je nachdem, welcher Kirche oder Religion sie angehört haben) abgelehnt und dafür ein anderes angenommen haben – mit all seinen unerklärlichen Dogmen. Und da diese Dogmen ganz relativistisch nicht durch Traditionen oder heilige Schriften begründet, sondern durch die gegenwärtige öffentliche Meinung bestimmt sind, können sie sich leider auch jederzeit ändern und machen nicht unbedingt in sich Sinn. Die „Person“-Definition der säkularen öffentlichen Meinung zum Beispiel ist nicht durchdacht; entweder sind alle Mitglieder der biologischen Spezies Mensch Personen, oder wir haben außer Ungeborenen noch weitere Ausnahmen. Trotzdem reagiert man empört auf jeden, der das eine oder das andere behauptet.

Die liberalen Christen und Atheisten aus meinen Beispielen sind nicht böswillig; sie sind sogar idealistisch. Sie sind auch nicht dumm. Aber sie haben so offensichtliche blinde Flecke, deren Existenz ich einfach nicht begreife. Es gibt ein paar Punkte unter meinen Überzeugungen, bei denen ich es verstehen könnte, wenn ein nichtgläubiger Mensch sie nicht einfach so nachvollziehen könnte – ein absolut geltendes Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung, zum Beispiel. Aber wie kann ein normaler Mensch bei Dingen wie Pornographie, Ehebruch, Abtreibung nicht instinktiv mit Abscheu reagieren? Hier werden doch natürliche Reaktionen durch die Richtinstanz über das Dogma – die öffentliche Meinung oder die Meinung der vorrangigen Intellektuellen der eigenen Seite – abgewürgt. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Also gebt mir ruhig die zeternden Rosenkranzbeter, die von Fatima und dem Erzengel Michael reden, oder die Charismatiker mit ihren in die Luft gestreckten Händen und ihren Gitarren, oder die Tradis, die über weibliche Ministranten die Nase rümpfen. Lasst uns über die EKD meckern, so viel wir wollen! Das hat im Grunde schon seine Berechtigung. Ich nehme gerne die Unvollkommenheiten in der Umsetzung des katholischen Glaubens bei den Menschen, die wie ich katholisch sind, in Kauf, wenn ich dafür nur den katholischen Glauben habe.

Der katholische Glaube macht Sinn. Er ist ein logisches System, in dem sich alles zusammenfügt. Ich weiß, was ich denke, und ich weiß, wie es sich begründet. Ich weiß, wieso ich alle Menschen für wertvolle Personen halte – weil sie alle von Gott geliebt und mit einer unsterblichen Seele ausgestattet sind. Das ist mein Dogma, für das ich wiederum Gründe habe. Atheisten wissen letztlich nicht, wieso sie an eine Menschenwürde für alle (oder fast alle) Menschen glauben, wenn sie es tun; es handelt sich um einen Glauben, der auf Sand gebaut ist.

Über Fehlinvestitionen, Risiken und Vorsicht nach dem Maßstab des Himmelreiches

Es gibt bekanntlich die Art von Predigten, bei denen man sich denkt: Ja, danke, ich weiß, was diese Bibelstelle bedeutet. Das ist offensichtlich. Geht es endlich mit den Fürbitten weiter? Und dann gibt es die Art von Predigten, bei denen man sich denkt: Von der Seite habe ich diese Stelle noch nie gesehen.

Der neue Kaplan in meiner Pfarrei hat eine gewisse Art, herausfordernden, beunruhigenden, seltsamen oder verstörenden Stellen aus den Evangelien sehr Tröstliches abzugewinnen. Zum Beispiel gestern dem Gleichnis mit den anvertrauten Talenten: „Es ist wie mit einem Mann, der auf Reisen ging. Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab. Sofort ging der Diener, der die fünf Talente erhalten hatte hin, wirtschaftete mit ihnen und gewann noch fünf weitere dazu. Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei weitere dazu. Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kehrte der Herr jener Diener zurück und hielt Abrechnung mit ihnen. Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du tüchtiger und treuer Diener. Über Weniges warst du treu, über Vieles werde ich dich setzen. Komm, nimm teil am Freudenfest deines Herrn! Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte, und sagte: Herr, du hast mir zwei Talente gegeben; sieh her, ich habe noch zwei dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du tüchtiger und treuer Diener. Über Weniges warst du treu, über Vieles werde ich dich setzen. Komm, nimm teil am Freudenfest deines Herrn! Es kam aber auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mensch bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Sieh her, hier hast du das Deine. Sein Herr antwortete und sprach zu ihm: Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. Du hättest mein Geld auf die Bank bringen müssen, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten. Nehmt ihm also das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben werden und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.“ (Matthäus 25,14-30)

Die zentrale Aussage ist klar: Mach was aus deinen Talenten, die du von Gott bekommen hast; es nicht zu tun, ist Sünde. (Oder wie es der Jakobusbrief ausdrückt: „Wer also das Gute tun kann und es nicht tut, der sündigt.“ (Jakobus 4,17))

Aber wenn man die Geschichte einfach nur so oberflächlich liest, hat mir der dritte Diener immer ein bisschen leid getan. Er hatte nur Angst; er war vorsichtig; ein Fehler vielleicht, aber doch kein Verbrechen. Sein Herr wirkt unsympathisch und scheint überzureagieren. In der Predigt am Sonntag wurde ich dann aber auf etwas aufmerksam gemacht: Jesus zieht die Möglichkeit, dass eine Investition des Geldes durch den Diener hätte scheitern können, gar nicht in Betracht – und zwar deshalb, weil es sie nicht gibt. Nach dem Maßstab des Himmelreiches können Bemühungen unsererseits nie vergeblich sein, auch wenn sie vordergründig scheitern; auch dann haben sie einen verborgenen Wert. Jesus ist zuerst vordergründig gescheitert, bevor er von den Toten auferstanden ist. Der Diener hätte keine Angst haben müssen, das Geld zu investieren; er hätte nicht verlieren können.

(Und noch etwas: Der Herr hatte seine Diener dafür eingestellt, mit dem Geld zu wirtschaften, nicht dazu, es bloß zu vergraben – und er wäre schon mit einem sehr geringen Arbeitsaufwand ihrerseits zufrieden gewesen: sie hätten das Geld bloß auf die Bank bringen müssen. Aus dieser Perspektive betrachtet klingt seine Rechtfertigung noch mehr nach einer Ausrede.)

LGBTQ, die Wissenschaft, und wir Katholiken

Vor kurzem hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, im Geburtenregister müsste zur Eintragung des Geschlechts eine dritte Option neben „männlich“ und „weiblich“ geschaffen werden. Betroffen sind Intersexuelle, also Menschen, die bei der Geburt biologisch nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind, die also zum Beispiel männliche und weibliche Geschlechtsorgane gleichzeitig haben, die seltsame Genkombinationen wie XXY haben.

In der genderskeptischen katholischen Welt ist man ja meistens wenig angetan, wenn man irgendetwas davon hört, dass Gerichte oder Parlamente dritte oder soundsovielte Geschlechter anerkennen wollen. In dem Fall ist das allerdings keine so große Sache – auch wenn die frühere Regelung, die seit ein paar Jahren existierte, dass der Geschlechtseintrag ausgelassen werden kann, an sich bereits ausreichend gewesen wäre. (Intersexualität schafft kein drittes Geschlecht, sondern uneindeutige Zwischenformen zwischen den beiden Geschlechtern.) Aber hier geht es jedenfalls nicht um „Ich definiere mich ab heute so und so, objektive Geschlechter existieren nicht“. Intersexualität existiert; manche Leute sind einfach nicht eindeutig männlich oder weiblich. Übrigens sind Regelungen dieser Art auch nichts völlig Neues; zum Beispiel sah das Preußische Allgemeine Landrecht von 1794 für „Zwitter“ das Recht vor, das ihnen von den Eltern bei der Geburt zugeteilte Geschlecht bei Erreichen der Volljährigkeit zu wechseln: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwitterparagraf .

Wie lässt sich das alles mit unserem Schöpfungsverständnis – Gott schuf den Menschen als Mann und Frau – vereinbaren? Na ja, wo soll das Problem liegen? Störungen existieren in dieser gefallenen Natur. Gott hat den Menschen an sich auch mit Vernunft erschaffen, trotzdem gibt es Menschen mit geistigen Behinderungen, denen sie fehlt. Gott hat den Menschen an sich mit einem Körper und einer Seele erschaffen; trotzdem gibt es siamesische Zwillinge, die sich gewissermaßen einen Körper teilen. Gott hat den Körper des Menschen mit zwei Armen und zwei Beinen erschaffen, trotzdem gibt es Menschen, die ohne Arme oder  Beine auf die Welt kommen.

An dieser Stelle gleich zu einem Einwand, den manche Gender-Befürworter hier vielleicht sofort vorbringen würden: Wie kann man die Identität eines Menschen als Störung bezeichnen? Hatespeech.

Ehrlich gesagt kann ich diesen Einwand so überhaupt gar nicht nachvollziehen. Erniedrigt man siamesische Zwillinge, Menschen mit Downsyndrom, Menschen mit Diabetes, Menschen mit Demenz, Menschen ohne Beine oder Menschen mit einer psychischen Krankheit, wenn man sagt, sie leiden an einer Störung? „Störung“ ist kein Schimpfwort; sollte es jedenfalls nicht sein. Und ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass jemand, der in einer Welt lebt, in der die Menschen (ebenso wie alle Säugetiere) von Natur aus in den Varianten männlich – weiblich vorkommen, und der selber irgendwie beides oder nichts davon ist, nicht unter seiner unklaren Geschlechtsidentität leidet, und zwar unabhängig davon, ob er in der Schule dafür gehänselt oder von Tante Inge schief angeschaut wird. Dass man an Intersexualität nicht unbedingt etwas ändern kann – zum Glück werden heute bei Neugeborenen keine unnötigen (langfristig oft schädlichen) Operationen mehr durchgeführt, um sie nach einem bestimmten Geschlecht aussehen zu lassen – spielt in diesem Zusammenhang nicht die geringste Rolle. Downsyndrom kann man genauso wenig heilen. Verurteilt man irgendjemanden dafür, Downsyndrom zu haben? Möchte man andererseits gerne Downsyndrom haben? Kann man trotzdem gut mit Downsyndrom klarkommen, wenn man Menschen hat, die einen unterstützen?

In dem Zusammenhang von angeborener Intersexualität musste ich auch an das Thema Homosexualität denken, und an die Debatte, ob sie genetisch bedingt ist oder nicht. Tatsächlich trifft man ja gelegentlich (inzwischen seltener) auf religiöse Menschen, die darauf bestehen, Homosexualität sei nicht genetisch, sondern eher durch Umwelteinflüsse (wie eine schlechte Beziehung zum eigenen Vater oder anderen männlichen Vorbildern bei Schwulen) bedingt. Diese Ansicht findet sich gelegentlich auch unter Katholiken, obwohl sie unter Evangelikalen noch weiter verbreitet zu sein scheint. Dabei ist die Fragestellung sinnlos – oder zumindest von geringem praktischem Interesse. (Weshalb die Kirche auch nichts dazu sagt.) Sowohl Gene als auch Umwelt sind äußerliche Kräfte, die eine Neigung verursachen, für die man eben nichts kann und nach der man nach der katholischen Moral eben nicht handeln darf. Wenn ich eine Neigung zu Jähzorn habe, ist es irrelevant, ob meine Erziehung oder die Gene meiner Mutter dafür verantwortlich sind; ich darf trotzdem nicht jeden anschreien, der mich nervt. Nun gibt es ja verschiedene Arten von Homosexualität; phasenweise in der Pubertät bei manchen, bedingt durch die äußere Situation in Gefängnissen oder früher in Jungeninternaten bei anderen, unveränderlich als bleibende, lebenslange Neigung bei wieder anderen. Dass bei letzterer Art von Homosexualität die Gene zumindest eine Rolle spielen, ist meines beschränkten Wissens nach inzwischen wissenschaftlich belegt.

Was es mit Leuten auf sich hat, die sich als transgender/transsexuell identifizieren – die also körperlich gesehen zum Beispiel eindeutig männlich sind, sich aber als Frau fühlen – ist wieder eine andere, aber auch eine mit den vorigen Fragen zusammenhängende Frage. Neuere Studien legen schließlich nahe, dass auch diese Geschlechtsidentität eine biologische Basis hat, die durch die Entwicklung im Mutterleib bedingt ist – in der ersten Schwangerschaftshälfte bilden sich die Geschlechtsorgane, und erst in der zweiten die geschlechtstypischen Unterschiede im Gehirn, und wenn diese beiden Entwicklungsstufen nicht zusammenpassen, passt die gefühlte Identität nicht zum Körper; könnte man Transsexualität, wenn sie wirklich eine solche biologische Basis hat, also als eine spezielle Form der Intersexualität definieren? Vielleicht, je nachdem, wie man Intersexualität definiert. Aber ich würde sagen, eher nicht. Transsexuelle haben genetisch und organisch gesehen eine klare Geschlechtsidentität; dass sie aufgrund einer späteren Fehlentwicklung an Geschlechtsdysphorie (dem Gefühl, zum falschen Geschlecht zu gehören) leiden, löscht die eigentliche Identität nicht aus, und dass diese Geschlechtsdysphorie eine biologische Basis im Gehirn hat, ist auch nicht besonders überraschend, wenn man sich ansieht, dass z. B. auch Zwangsstörungen, Depressionen, Psychosen, bipolare Störungen und andere psychische Störungen eine biologische Basis im Gehirn haben. Meine psychische Störung redet mir sinnlose Ängste ein, z. B. vor Gift in meinen Tabletten und Einbrechern unter meinem Bett, während der für Angst zuständige Teil in meinem Gehirn sich eigentlich a) mäßigen und b) auf reale Gefahren, wie heiße Herdplatten oder den Straßenverkehr, konzentrieren sollte; und diese Fehlfunktion in meinem Gehirn hat wahrscheinlich irgendeine neurobiologische Basis. Bei anderen Menschen machen andere Stellen im Gehirn eben dahingehend etwas falsch, dass sie einem andere irreale Dinge einreden, z. B. dass man nicht zu dem Geschlecht gehört, zu dem man gehört. Meine schlimmen Vorahnungen werden nicht realer dadurch, dass sie real in meinem Gehirn existieren; ebenso wenig wird jemand durch das wirkliche Gefühl, ein Mann zu sein, ein Mann. (Ob die oben erwähnten Forschungen wissenschaftlich endgültig anerkannt sind, weiß ich übrigens nicht. Bin keine Neurobiologin. Habe nur Google.) Ich würde daher Transsexualität deutlich von Intersexualität unterscheiden; das eine ist eine physische, das andere eine psychiche Störung. Angenehm ist beides wohl nicht. Siehe die hohe Rate an Selbstmordversuchen bei Transsexuellen (vor und nach Geschlechtsumwandlungen).

Sowohl Inter- als auch Transsexualität widerlegen übrigens die These, dass das Geschlecht eine rein kulturelle Konstruktion wäre, etwas, das man sich selbst nach Belieben aussuchen könnte. Vor allem Transsexuelle leiden ja gerade darunter, dass sie das nicht können.

Was man dann in der Praxis mit diesen ganzen Fakten macht, sobald man klare Fakten vor sich hat, ist natürlich eine ganz andere Frage. Geschlechtsumwandlungen für Transgender-Personen, da das ja nur eine Angleichung an das „eigentliche“, seelische Geschlecht bedeuten würde? Sicher nicht. Wir können die körperliche Realität nicht einfach ignorieren – und sie auch nicht mit kosmetischen Veränderungen übertünchen. Wir sind nicht, wie Platon meinte, bloß gefangene Seelen im äußerlichen Käfig eines Körpers, sondern der Körper gehört zu unserem Ich. Oder was ist mit Beziehungen und der Ehe? Kann eine intersexuelle Person nach katholischem Verständnis heiraten – bzw. einen Partner welchen Geschlechts kann sie heiraten? Hier darf man natürlich nicht vergessen, dass „Intersexualität“ eine große Bandbreite medizinischer Störungen beschreibt; die Geschlechtsidentität ist nicht immer völlig uneindeutig, nicht alle Intersexuellen sind sog. „echte Zwitter“. (Dann kommt vermutlich auch ins Spiel, dass laut Kirchenrecht „[d]ie der Ehe vorausgehende und dauernde Unfähigkeit zum Beischlaf, sei sie auf seiten des Mannes oder der Frau, sei sie absolut oder relativ, […] die Ehe aus ihrem Wesen heraus ungültig [macht]“ (Codex des Kanonischen Rechts, Canon 1084, § 1; http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3Y.HTM); was natürlich auch wieder nicht bei allen Intersexuellen der Fall ist.) Hier ergeben sich jedenfalls einige schwierige Fragen – und eine Debatte unter, sagen wir mal, Kirchenrechtlern oder Moraltheologen dazu wäre etwas wirklich Interessantes.

Was ich mit alldem sagen wollte: Ich denke, wir Katholiken sollten uns solche Fragen bei Gelegenheit auch mal stellen – und zwar ernsthaft, nach Betrachtung dessen, was die neuere Forschung dazu sagt, und ohne alles zusammenzuwerfen. Ein schlechtes Beispiel bietet in dieser Hinsicht meiner Meinung nach Gabriele Kuby, die in einem Artikel in der Tagespost zur Entscheidung des BVG (http://www.die-tagespost.de/politik/Drittes-Geschlecht-per-Erlass;art315,183100) Inter- und Transsexualität einfach in eins wirft, obwohl diese Dinge nicht dasselbe sind, und dann ausführlich über gewisse Formen der Sexualerziehung und eine „Ideologie, die die Wirklichkeit leugnet“ rantet. Könnten wir bitte mal beim Thema bleiben, differenzieren und klar sagen, wo die Wirklichkeit geleugnet wird und wo nicht?

Ja, es geht hier um kleine Minderheiten, aber diese Minderheiten existieren. Manche Leute – auch manche von uns – gehören zu diesen Minderheiten.

Wenn wir alle an denselben Gott glauben

„Nein, nein, nein!“, heulten die Tiere. „Das kann nicht wahr sein. Aslan verkauft uns nicht als Sklaven an den König von Kalormen.“

„Was soll denn das? Hört auf zu jammern!“, knurrte der Affe. „Wer hat etwas von Sklaven gesagt.ß Ihr werdet keine Sklaven sein. Ihr werdet bezahlt. Ihr bekommt sogar einen sehr guten Lohn. Das heißt, euer Geld wird in Aslans Schatzkasse wandern und er wird alles für jedermanns Wohl verwenden.“ Dann sah er den Befehlshaber der Kalormenen an und zwinkerte ihm zu.

[…]

„Aber diese Dinge brauchen wir doch nicht“, murrte ein alter Bär. „Wir wollen frei sein. Und wir wollen Aslan selbst sprechen hören.“

„Nun fangt nicht an, misstrauisch zu werden“, schalt der Affe aufgebracht. „Das lasse ich nicht zu. Ich bin ein Mensch. Du aber bist nur ein fetter, törichter alter Bär. Was weißt du schon von Freiheit? Du denkst, Freiheit heißt, du kannst alles tun, was du willst. Da hast du dich aber geschnitten. Das ist keine wirkliche Freiheit. Wahre Freiheit heißt: Ihr müsst tun, was ich euch befehle.“

„H-n-n-ch“, grunzte der Bär und ließ seinen Kopf hängen. Die Dinge so zu sehen, verstand er nicht.

„Bitte, bitte“, sagte die hohe Stimme eines wolligen Lämmchens. Jeder staunte, dass ein so junges Tier überhaupt zu reden wagte.

„Was ist denn noch?“ fragte der Affe. „Fass dich kurz.“

„Bitte“, erklärte das Lämmchen, „ich verstehe das nicht. Was haben wir eigentlich mit den Leuten aus Kalormen zu tun? Wir gehören zu Aslan, die anderen gehören zu Tash. Dieser Gott Tash hat vier Arme und einen Geierkopf. Auf seinem Altar werden Menschen getötet. Wie kann der edle und freundliche Aslan mit dem bösen Tash befreundet sein?“

Da wandten alle Tiere ihre Köpfe und ihre hellen Augen funkelten den Affen an. Sie wussten, das war die beste Antwort, die der Affe bisher bekommen hatte.

Wütend sprang Listig auf und bespuckte das Lämmchen. „Kindskopf!“, zischte er. „Dummer kleiner Blöker! Geh heim zu deiner Mutter und trink deine Milch. Was verstehst du schon von solchen Dingen? Hört zu, hört alle zu! Tash ist nur ein anderer Name für Aslan. Die alte Meinung, dass wir Narnianen im Recht sind und die Kalormenen Unrecht haben, ist töricht. Jetzt wissen wir es besser. Die Kalormenen gebrauchen andere Wörter, aber wir meinen alle dasselbe. Tash und Aslan sind nur zwei verschiedene Namen für… ihr wisst, wen ich meine. Deshalb können sie auch nie Streit miteinander haben. Prägt euch das ein, ihr dummes Viehzeug: Tash ist Aslan und Aslan ist Tash.“

Ihr wisst doch, wie traurig ein Hund einen manchmal anschaut. Die Gesichter jener Sprechenden Tiere aber – all dieser redlichen, bescheidenen, verwirrten Vögel, Bären, Dachse, Kaninchen, Maulwürfe und Mäuse – sie waren noch viel trauriger. Jeder Schwanz wurde eingezogen, jedes Schnurrhaar sträubte sich. Es hätte dir das Herz gebrochen, zu sehen, wie unglücklich sie alle waren.

(C. S. Lewis, Die Chroniken von Narnia, Band 7 – Der letzte Kampf)

Immer dran denken: Du bist nur das, wozu deine Geschlechtsorgane dich machen

Jedenfalls scheint der amerikanische Pastor Hans Fiene so zu denken, der hier erklärt hat, wieso Männer und Frauen nie nur Freunde sein können: http://thefederalist.com/2017/04/04/men-women-can-never-just-friends/

Fiene betreibt den Youtube-Kanal Lutheran Satire, auf dem eigentlich einige gute Videos erschienen sind (auch wenn sie ihre Message oft ein bisschen überdeutlich herüberbringen), und in letzter Zeit erscheinen seine Beiträge auch öfter mal im Federalist, einem Onlinemagazin, das typische konservative Ideen vertritt – d. h., das, was in den USA als konservativ gilt, also Nationalismus, liberale bis libertäre Ideen zur Wirtschaft, Waffenbegeisterung und konservativ-protestantische Ansichten zu Religion und Moral; eine seltsame Mischung aus den Werten der Puritaner des 17. Jahrhunderts, der aufklärerisch geprägten amerikanischen Gründervater des 18. Jahrhunderts, und der „Fundamentalisten“ des frühen 20. Jahrhunderts. Und vielleicht noch der Eugeniker und Industriellen des 19. Jahrhunderts. Pastor Fienes neuesten Artikel zu dem neuesten Amoklauf in den USA nimmt sich übrigens Simcha Fisher hier vor (https://www.simchafisher.com/2017/11/07/the-federalist-god-is-a-psychopath/ ); durch einen Link von ihr auf Facebook bin ich auch auf diesen anderen, schon ein paar Monate älteren Artikel gestoßen. Und da dachte ich mir, hey, das gibt wirklich mal ein bisschen Stoff ab, um sich aufzuregen. Fällt mir doch wieder was für einen Blogartikel ein.

Pastor Fiene geht hier von einem gesellschaftlichen Problem aus, für das er eine Lösung haben will: „All of us need to start having more babies or else the upcoming demographic tsunami will consume our nation“ (Wir müssen alle anfangen, mehr Babies zu bekommen, sonst wird der aufkommende demographische Tsunami unsere Nation zerstören). Nun hat Amerika mit 1,9 Kindern pro Frau – Tendenz allerdings, anders als in einigen europäischen Ländern mit an sich noch niedrigerer Rate, tatsächlich sinkend – eine Geburtenrate, die noch so mehr oder weniger das Bevölkerunsniveau aufrechterhält (https://www.welt.de/politik/deutschland/article140454529/Wo-die-Welt-noch-kinderfreundlich-ist.html), aber das Sinken dieser Zahlen kann man ja tatsächlich als Problem sehen. Bei linksliberalen Amerikanern wäre das vielleicht eher ein Grund, sich zu überlegen, ob man nicht als beinahe letztes Land auf der Erde mal bezahlten Mutterschaftsurlaub einführen sollte (bis jetzt gibt es dort unter Umständen zwölf Wochen unbezahlten Urlaub), oder vielleicht sogar so etwas wie Kindergeld, aber Pastor Fiene sieht das Problem offensichtlich eher auf der individuellen Ebene – die ja sicher auch eine Rolle spielt. „One of the best ways we can do so is by reversing the trend of Americans waiting longer to get married.“ (Einer der besten Wege, auf dem wir das erreichen können, ist, den Trend umzukehren, dass die Amerikaner länger damit warten, zu heiraten.) Also, Leute, heiratet, um die Nation zu retten! Und dazu, das ist klar, muss eins geschehen: „We tear down the Friend Zone.“ (Wir zerstören die Friend Zone.)

„Every year, countless young men find themselves trapped in the Friend Zone, a prison where women place any man they deem worthy of their time but not their hearts, men they’d love to have dinner with but, for whatever reason, don’t want to kiss goodnight. Being caught in the Friend Zone is an inarguable drag on fertility rates, as a man who spends several years pledging his heart to a woman who will never have his children is also a man who most likely won’t procreate with anyone else during that time of incarceration. Free him to find a woman who actually wants to marry him, however, and he’ll have several more years to sire children who will laugh, create, sing, fill the world with love and, most importantly, pay into Social Security.“

(Jedes Jahr finden sich unzählige junge Männer gefangen in der Friend Zone, einem Gefängnis, in das Frauen jeden Mann stecken, den sie als ihrer Zeit, aber nicht ihrer Herzen für würdig befinden, Männer, mit denen sie liebend gerne zu Abend essen würden, denen sie aber, aus welchem Grund auch immer, keinen Gutenachtkuss geben wollen. In der Friend Zone gefangen zu sein ist ein unbestreitbares Hemmnis für die Fruchtbarkeitsrate, denn ein Mann, der mehrere Jahre damit verbringt, sein Herz an eine Frau zu hängen, die nie seine Kinder bekommen wird, ist auch ein Mann, der sich während dieser Zeit der Haft aller Wahrscheinlichkeit nach mit niemand anderem fortpflanzen wird. Befrei ihn allerdings, damit er eine Frau finden kann, die ihn tatsächlich heiraten will, und er wird einige Jahre mehr Zeit haben, um Kinder zu zeugen, die lachen werden, kreativ sein werden, singen werden, die Welt mit Liebe füllen werden, und, am wichtigsten, in die Sozialversicherung einzahlen werden.)

Okay… Was haben wir gelernt:

  • Der hauptsächlich Daseinszweck von Menschen ist es, in die Sozialversicherung einzuzahlen. (Ich nehme zu Pastor Fienes Gunsten mal an, dass er hier selber ein bisschen ironisch spricht.)
  • Wenn eine Frau einem Mann ihre Zeit schenkt, hat er das Recht, von ihr auch eine Beziehung zu erwarten. Wie kann sie erwarten, dass er mit ihr isst, wenn sie ihn dann nicht küssen, heiraten und seine Kinder bekommen will? (Man beachtete die Formulierung: „seine Kinder bekommen“, nicht „mit ihm Kinder bekommen“.)
  • Wenn eine Frau klar macht, dass sie nur Freundschaft will, der Mann so tut, als wäre das für ihn okay, aber insgeheim – jahrelang! – darauf hofft, sie doch noch als Partnerin zu gewinnen, dann ist das Problem nicht er, sondern sie. Bitch.
  • So viele Männer versuchen jahrelang, uninteressierte Frauen über „Freundschaft“ zu bekommen, dass die Leute im Durchschnitt so spät heiraten, dass sie kaum noch Kinder bekommen (können), weshalb die amerikanische Nation untergeht.

Pastor Fiene erklärt dem Weibsvolk, wie es aussieht: „women must accept the following truths: you don’t have any guy friends and, in fact, you can’t have any guy friends.“ (Frauen müssen die folgenden Wahrheiten akzeptieren: Ihr habt keine Männer als Freunde, und ihr könnt tatsächlich keine Männer als Freunde haben.)

Er erklärt auch, wieso Männer nur dann Zeit zu zweit mit weiblichen Freunden verbringen, wenn sie insgeheim in die verliebt sind – und das gibt interessante Einblicke in seine Einstellung zu Beziehungen im Allgemeinen:

„Imagine that friendship is a good that people acquire in exchange for the currency of their time. The average man lives in a competitive friendship market where some forms of friendship appeal to him more than others and therefore get his business.“

(Stell dir vor, dass Freundschaft ein Gut ist, das Leute im Gegenzug für die Währung ihrer Zeit erwerben. Der durchschnittliche Mann lebt in einem konkurrenzbetonten Markt der Freundschaft, wo einige Formen der Freundschaft ihn mehr als andere ansprechen und daher das Geschäft machen.)

Freundschaft ist ein Konsumgut; man geht sie nicht ein, weil man den anderen mag, sondern weil man im Austausch für seine Zeit etwas bekommt.

„What then, is the average man looking for in a friend? By and large, something along these lines:

  1. Someone who shares his interest in activities such as watching movies where things explode, playing video games where things explode, or putting fireworks in things so they’ll explode. Bonus points if you enjoy yelling at football players through the television set and laughing at noxious flatulence.
  2. Someone who won’t pressure him to open up beyond his comfort level if his girlfriend breaks up with him,he loses his job, or his mom gets eaten by a yeti.
  3. Someone who cherishes the man tradition of showing affection through insults and general jackassery.

If you are a lady who believes your dude friends are genuinely ‚just friends,‘ ask yourself this: Which of these things are you better at giving a man than another man is?“

(Nach was sucht dann der durchschnittliche Mann bei einem Freund? Im Großen und Ganzen, nach etwas in dieser Art: 1. Jemand, der sein Interesse an Aktivitäten teilt wie: Filme zu schauen, in denen Dinge explodieren, Videospiele zu spielen, in denen Dinge explodieren, oder Feuerwerk in Dinge zu stecken, sodass sie explodieren. Bonuspunkte, wenn du es genießt, Footballspieler durch den Fernseher anzuschreien und über eklige Blähungen zu lachen. 2. Jemand, der ihn nicht drängen wird, sich mehr zu öffnen, als ihm angenehm ist, wenn seine Freundin mit ihm Schluss macht, er seinen Job verliert, oder seine Mutter von einem Yeti gefressen wird. 3. Jemand, der die Männertradition in Ehren hält, Zuneigung durch Beleidigung und generelle Gemeinheit zu zeigen. Wenn du eine Lady bist, die glaubt, dass ihre männlichen Freunde ernsthaft „bloß Freunde“ sind, frag dich das: Welches von diesen Dingen kannst du einem Mann besser geben als ein anderer Mann das kann?)

Vielleicht sollte man auch sich noch etwas anderes fragen: Ist das wirklich das, was alle Männer sich unter Freundschaft vorstellen? Oder ist das alles, was alle Männer sich unter Freundschaft vorstellen?

„The answer is clear. None of them. You are not especially good at liking ‚Karate Ninja 7: Exploding Hands of Fury,‘ or informing the offensive line of the Chicago Bears, via your Samsung, that they are all false starting idiots. […] By and large, you are not very good at supplying the kind of friendship the average man demands.“

(Die Antwort ist klar. Nichts davon. Du bist nicht besonders gut dabei, „Karate Ninja 7: Exploding Hands of Fury“ zu mögen oder die Stürmer der Chicago Bears via dein Samsunggerät zu informieren, dass sie alle falsche verschreckte Idioten sind. […] Im Großen und Ganzen bist du nicht sehr gut dabei, die Art von Freundschaft bereitzustellen, die der durchschnittliche Mann fordert.)

Und das weiß Hans Fiene nochmal woher genau?

In der realen Welt gibt es sehr viele Interessen, die bestimmte Männer und Frauen gemeinsam haben (und bestimmte andere Männer und Frauen dann nicht): eine bestimmte Musikrichtung, Der Herr der Ringe, thomistische Theologie, Politik, Schach, lateinamerikanischer Tanz, Tennis, Leichtathletik, Blasmusik, Hundezucht, Evolutionsbiologie… Männer und Frauen sind zusammen in allen möglichen Vereinen, Kursen, Berufen. Und ja, es gibt sogar Frauen, die Videospiele spielen, Footballfans sind, Karate machen, ein Auto reparieren können, gut in Mathe sind, Informatik studieren, oder aggressiv oder vulgär oder gefühlsmäßig distanziert sind (was Fiene für notwendige Attribute der Männlichkeit zu halten scheint). Genauso, wie es Männer gibt, die gern kochen, gut mit Kindern umgehen können oder sensibel sind (was er den Frauen zugesteht).

Fienes Fazit ist jedenfalls klar: Wenn ein Mann dein Freund ist, dann sicher nicht, weil er deine Freundschaft schätzt, dafür wäre jeder Mann besser geeignet. Stell dir bloß nicht vor, deine Persönlichkeit könnte ihm gerade gefallen haben. Jeder Mann wäre besser als du. Es kann gar nicht sein, dass du persönlich und dieser Mann da zufällig mehr Gemeinsamkeiten haben als er und jeder andere Mann auf der Welt. Aber, es gibt ja Trost:

„Just because men don’t want to be your friend, however, doesn’t mean they don’t enjoy your company. They most certainly do. They love discovering how you see the world, what you think about life, the universe, and everything. They love your kindness, thoughtfulness, sensitivity, support, and your nurturing heart. They love being in your presence when you display the wonders of the feminine virtues.

But because God designed these virtues to entice men into marriage, the average man will never be content to receive those gifts in a form of companionship that doesn’t lead to marriage. Quite simply, men can’t be at peace being just friends. And there’s nothing you can do to change that.“

(Aber nur weil Männer nicht deine Freunde sein wollen, bedeutet das nicht, dass sie deine Gesellschaft nicht mögen. Das tun sie sicher. Sie lieben es, zu entdecken, wie du die Welt siehst, was du über das Leben, das Universum und alles und jedes denkst. Sie lieben deine Güte, Rücksichtnahme, Sensibilität, Unterstützung und dein sorgendes Herz. Sie lieben es, in deiner Nähe zu sein, wenn du die Wunder der weiblichen Tugenden zeigst. Aber weil Gott diese Tugenden dafür geschaffen hat, Männer in die Ehe zu locken, wird der durchschnittliche Mann nie damit zufrieden sein, diese Gaben in der Form einer Kameradschaft zu erhalten, die nicht zu einer Ehe führt. Männer können ganz einfach nicht damit zufrieden sein, nur Freunde zu sein. Und da gibt es nichts, was du tun kannst, um das zu ändern.)

Wir lernen: Es gibt keine allgemein menschlichen Tugenden, sondern Männer müssen bestimmte Tugenden zeigen und Frauen müssen bestimmte Tugenden zeigen. Männer sind von Güte, Rücksichtnahme und Sensibilität entschuldigt, und Frauen offenbar, wie ich dem verlinkten Artikel über weibliche Tugenden entnehme, von Mut und Aufopferungsbereitschaft.

Das Problem bei Leuten wie Hans Fiene – besonders ausgeprägt bei konservativen amerikanischen Protestanten, aber durchaus auch mal bei anderen konservativen Christen zu sehen – ist, dass sie politisch inkorrekt sein wollen, um dem wahren Glauben zu folgen, und dabei völlig von der Tradition des wahren Glaubens abgeschnitten sind. Die Kirchenväter zum Beispiel hielten geistliche Freundschaften zwischen Männern und Frauen sehr wohl für möglich, sogar für erstrebenswert. Laut Fiene hätte also der hl. Hieronymus nicht mit der hl. Paula oder der hl. Eustochium befreundet sein dürfen, der hl. Franz von Sales nicht mit der hl. Johanna Franziska von Chantal, und der hl. Johannes Paul II. nicht mit Anna Teresa Tymieniecka (eine verheiratete polnisch-amerikanische Philosophin, mit der der Papst dreißig Jahre lang einen regelmäßigen Briefwechsel unterhielt). Nun ist Fiene ja Lutheraner und scheint in der Tradition Luthers zu stehen, der die Enthaltsamkeit für etwas hielt, was sowieso niemand hinkriegt, weswegen die Leute alle heiraten sollen, also weiß ich nicht, ob Fiene Franz und Johanna Franziska eine unterdrückte Verliebtheit unterstellen würde oder so was, aber gut: Protestantische Irrungen halt.

Fienes Text jedenfalls klingt so, als würde jeder Mann, der eine nette Frau kennenlernt, die „weibliche Tugenden“ besitzt, von ihr auf die Weise angezogen werden, dass er sie gleich heiraten will. Dass man Menschen unterschiedlichen Geschlechts mögen kann, ohne sich in sie zu verlieben, scheint keine Möglichkeit zu sein. Leute, bitte: Als Ehepartner kommt nur ein Mensch im Leben in Frage (solange der nicht stirbt), aber man wird mit vielen Menschen unterschiedlichen Geschlechts zusammenkommen, und manche davon wird man vielleicht auch so gerne mögen, dass man sie etwas näher kennenlernen und mehr mit ihnen zu tun haben möchte. Was ist so schlimm daran?

Natürlich kann die Situation vorkommen, dass in einer Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau der eine sich mehr erhofft als der andere (es kann auch mal die Frau sein, die verliebt ist!); es kann auch mal vorkommen, dass der eine sich unsicher ist, ob der andere vielleicht mehr erwartet oder ob man selber nur zu viel in normale freundschaftliche Gesten hineinliest. Und manche Freundschaften entwickeln sich zu ernsthaften Beziehungen, und andere nicht. Aber erwachsene Menschen können mit so etwas umgehen. Glaubt Fiene ernsthaft, dass es sich in der Heiratsstatistik niederschlägt, dass unzählige junge Männer jahrelang uninteressierten Frauen hinterherlaufen? Ich will hier mal ganz ehrlich sein: Ich denke, dass die meisten Männer (und Frauen) nicht auf diese Weise ihre Zeit verschwenden würden. Irgendwann merkt man, dass das nichts wird.

Fienes gesamter Artikel zeigt eigentlich eine irgendwo menschenverachtende Haltung: Wir brauchen mehr Kinder zum Nutzen der Gesellschaft. – Du bist verpflichtet, Kinder zu bekommen. – Heirate gefälligst! Und dulde ja nichts, was andere Leute eventuell vom Heiraten abhalten könnte!

Man könnte auch noch erwähnen, dass das Problem bei einer niedrigen Geburtenrate in diesem Fall sowieso nicht ein zu hohes Heiratsalter ist – so hoch liegt das durchschnittliche Heiratsalter in den USA nun wirklich nicht, und auch eine Frau, die mit Ende zwanzig oder Anfang dreißig heiratet, kann auf jeden Fall noch ohne Probleme zwei oder drei Kinder bekommen.

Zuletzt will ich meinen Lesern nicht vorenthalten, was der Pastor den angesprochenen Frauen als Lösung verschlägt, wenn sie männliche Freunde haben sollten, an denen sie bei näherer Betrachtung tatsächlich kein romantisches Interesse haben:

„Call him up and tell him, ‚It’s not my fault that your facial symmetry grosses out my ovaries, but it was my fault that I got your hopes up by putting you in the Friend Zone. As restitution, please accept the phone numbers of five girls I know who find you attractive. Stop wasting your time with me and go hang out with a girl who might one day bear your children.‘

Do this now. Don’t hesitate, thinking that you don’t want to lose him as a friend.“

(Ruf ihn an und sag ihm: „Es ist nicht meine Schuld, dass deine Gesichtssymmetrie meine Eierstöcke anwidert, aber es war meine Schuld, dass ich dir Hoffnungen gemacht habe, indem ich dich in die Friend Zone gesteckt habe. Als Entschädigung nimm bitte die Telefonnummern von fünf Mädchen an, von denen ich weiß, dass sie dich attraktiv finden. Hör auf, deine Zeit mit mir zu verschwenden und häng mit einem Mädchen herum, das eines Tages deine Kinder gebären könnte.“ Tu das jetzt. Zögere nicht, weil du denkst, dass du ihn nicht als Freund verlieren willst.)

Okay. Kein Kommentar.

Der Pastor beendet seinen Artikel mit der Aufforderung an Frauen, zu heiraten, ein paar Mal schwanger zu werden und ein paar hübsche kleine zukünftige Steuerzahler in die Welt zu setzen. Achtung, Achtung! Hans Fiene hat das elfte Gebot wiederentdeckt! No, Sir. Ich habe nicht vor, in nächster Zeit zu heiraten und ein paar zukünftige kleine Steuerzahler in die Welt zu setzen.