LGBTQ, die Wissenschaft, und wir Katholiken

Vor kurzem hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, im Geburtenregister müsste zur Eintragung des Geschlechts eine dritte Option neben „männlich“ und „weiblich“ geschaffen werden. Betroffen sind Intersexuelle, also Menschen, die bei der Geburt biologisch nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind, die also zum Beispiel männliche und weibliche Geschlechtsorgane gleichzeitig haben, die seltsame Genkombinationen wie XXY haben.

In der genderskeptischen katholischen Welt ist man ja meistens wenig angetan, wenn man irgendetwas davon hört, dass Gerichte oder Parlamente dritte oder soundsovielte Geschlechter anerkennen wollen. In dem Fall ist das allerdings keine so große Sache – auch wenn die frühere Regelung, die seit ein paar Jahren existierte, dass der Geschlechtseintrag ausgelassen werden kann, an sich bereits ausreichend gewesen wäre. (Intersexualität schafft kein drittes Geschlecht, sondern uneindeutige Zwischenformen zwischen den beiden Geschlechtern.) Aber hier geht es jedenfalls nicht um „Ich definiere mich ab heute so und so, objektive Geschlechter existieren nicht“. Intersexualität existiert; manche Leute sind einfach nicht eindeutig männlich oder weiblich. Übrigens sind Regelungen dieser Art auch nichts völlig Neues; zum Beispiel sah das Preußische Allgemeine Landrecht von 1794 für „Zwitter“ das Recht vor, das ihnen von den Eltern bei der Geburt zugeteilte Geschlecht bei Erreichen der Volljährigkeit zu wechseln: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwitterparagraf .

Wie lässt sich das alles mit unserem Schöpfungsverständnis – Gott schuf den Menschen als Mann und Frau – vereinbaren? Na ja, wo soll das Problem liegen? Störungen existieren in dieser gefallenen Natur. Gott hat den Menschen an sich auch mit Vernunft erschaffen, trotzdem gibt es Menschen mit geistigen Behinderungen, denen sie fehlt. Gott hat den Menschen an sich mit einem Körper und einer Seele erschaffen; trotzdem gibt es siamesische Zwillinge, die sich gewissermaßen einen Körper teilen. Gott hat den Körper des Menschen mit zwei Armen und zwei Beinen erschaffen, trotzdem gibt es Menschen, die ohne Arme oder  Beine auf die Welt kommen.

An dieser Stelle gleich zu einem Einwand, den manche Gender-Befürworter hier vielleicht sofort vorbringen würden: Wie kann man die Identität eines Menschen als Störung bezeichnen? Hatespeech.

Ehrlich gesagt kann ich diesen Einwand so überhaupt gar nicht nachvollziehen. Erniedrigt man siamesische Zwillinge, Menschen mit Downsyndrom, Menschen mit Diabetes, Menschen mit Demenz, Menschen ohne Beine oder Menschen mit einer psychischen Krankheit, wenn man sagt, sie leiden an einer Störung? „Störung“ ist kein Schimpfwort; sollte es jedenfalls nicht sein. Und ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass jemand, der in einer Welt lebt, in der die Menschen (ebenso wie alle Säugetiere) von Natur aus in den Varianten männlich – weiblich vorkommen, und der selber irgendwie beides oder nichts davon ist, nicht unter seiner unklaren Geschlechtsidentität leidet, und zwar unabhängig davon, ob er in der Schule dafür gehänselt oder von Tante Inge schief angeschaut wird. Dass man an Intersexualität nicht unbedingt etwas ändern kann – zum Glück werden heute bei Neugeborenen keine unnötigen (langfristig oft schädlichen) Operationen mehr durchgeführt, um sie nach einem bestimmten Geschlecht aussehen zu lassen – spielt in diesem Zusammenhang nicht die geringste Rolle. Downsyndrom kann man genauso wenig heilen. Verurteilt man irgendjemanden dafür, Downsyndrom zu haben? Möchte man andererseits gerne Downsyndrom haben? Kann man trotzdem gut mit Downsyndrom klarkommen, wenn man Menschen hat, die einen unterstützen?

In dem Zusammenhang von angeborener Intersexualität musste ich auch an das Thema Homosexualität denken, und an die Debatte, ob sie genetisch bedingt ist oder nicht. Tatsächlich trifft man ja gelegentlich (inzwischen seltener) auf religiöse Menschen, die darauf bestehen, Homosexualität sei nicht genetisch, sondern eher durch Umwelteinflüsse (wie eine schlechte Beziehung zum eigenen Vater oder anderen männlichen Vorbildern bei Schwulen) bedingt. Diese Ansicht findet sich gelegentlich auch unter Katholiken, obwohl sie unter Evangelikalen noch weiter verbreitet zu sein scheint. Dabei ist die Fragestellung sinnlos – oder zumindest von geringem praktischem Interesse. (Weshalb die Kirche auch nichts dazu sagt.) Sowohl Gene als auch Umwelt sind äußerliche Kräfte, die eine Neigung verursachen, für die man eben nichts kann und nach der man nach der katholischen Moral eben nicht handeln darf. Wenn ich eine Neigung zu Jähzorn habe, ist es irrelevant, ob meine Erziehung oder die Gene meiner Mutter dafür verantwortlich sind; ich darf trotzdem nicht jeden anschreien, der mich nervt. Nun gibt es ja verschiedene Arten von Homosexualität; phasenweise in der Pubertät bei manchen, bedingt durch die äußere Situation in Gefängnissen oder früher in Jungeninternaten bei anderen, unveränderlich als bleibende, lebenslange Neigung bei wieder anderen. Dass bei letzterer Art von Homosexualität die Gene zumindest eine Rolle spielen, ist meines beschränkten Wissens nach inzwischen wissenschaftlich belegt.

Was es mit Leuten auf sich hat, die sich als transgender/transsexuell identifizieren – die also körperlich gesehen zum Beispiel eindeutig männlich sind, sich aber als Frau fühlen – ist wieder eine andere, aber auch eine mit den vorigen Fragen zusammenhängende Frage. Neuere Studien legen schließlich nahe, dass auch diese Geschlechtsidentität eine biologische Basis hat, die durch die Entwicklung im Mutterleib bedingt ist – in der ersten Schwangerschaftshälfte bilden sich die Geschlechtsorgane, und erst in der zweiten die geschlechtstypischen Unterschiede im Gehirn, und wenn diese beiden Entwicklungsstufen nicht zusammenpassen, passt die gefühlte Identität nicht zum Körper; könnte man Transsexualität, wenn sie wirklich eine solche biologische Basis hat, also als eine spezielle Form der Intersexualität definieren? Vielleicht, je nachdem, wie man Intersexualität definiert. Aber ich würde sagen, eher nicht. Transsexuelle haben genetisch und organisch gesehen eine klare Geschlechtsidentität; dass sie aufgrund einer späteren Fehlentwicklung an Geschlechtsdysphorie (dem Gefühl, zum falschen Geschlecht zu gehören) leiden, löscht die eigentliche Identität nicht aus, und dass diese Geschlechtsdysphorie eine biologische Basis im Gehirn hat, ist auch nicht besonders überraschend, wenn man sich ansieht, dass z. B. auch Zwangsstörungen, Depressionen, Psychosen, bipolare Störungen und andere psychische Störungen eine biologische Basis im Gehirn haben. Meine psychische Störung redet mir sinnlose Ängste ein, z. B. vor Gift in meinen Tabletten und Einbrechern unter meinem Bett, während der für Angst zuständige Teil in meinem Gehirn sich eigentlich a) mäßigen und b) auf reale Gefahren, wie heiße Herdplatten oder den Straßenverkehr, konzentrieren sollte; und diese Fehlfunktion in meinem Gehirn hat wahrscheinlich irgendeine neurobiologische Basis. Bei anderen Menschen machen andere Stellen im Gehirn eben dahingehend etwas falsch, dass sie einem andere irreale Dinge einreden, z. B. dass man nicht zu dem Geschlecht gehört, zu dem man gehört. Meine schlimmen Vorahnungen werden nicht realer dadurch, dass sie real in meinem Gehirn existieren; ebenso wenig wird jemand durch das wirkliche Gefühl, ein Mann zu sein, ein Mann. (Ob die oben erwähnten Forschungen wissenschaftlich endgültig anerkannt sind, weiß ich übrigens nicht. Bin keine Neurobiologin. Habe nur Google.) Ich würde daher Transsexualität deutlich von Intersexualität unterscheiden; das eine ist eine physische, das andere eine psychiche Störung. Angenehm ist beides wohl nicht. Siehe die hohe Rate an Selbstmordversuchen bei Transsexuellen (vor und nach Geschlechtsumwandlungen).

Sowohl Inter- als auch Transsexualität widerlegen übrigens die These, dass das Geschlecht eine rein kulturelle Konstruktion wäre, etwas, das man sich selbst nach Belieben aussuchen könnte. Vor allem Transsexuelle leiden ja gerade darunter, dass sie das nicht können.

Was man dann in der Praxis mit diesen ganzen Fakten macht, sobald man klare Fakten vor sich hat, ist natürlich eine ganz andere Frage. Geschlechtsumwandlungen für Transgender-Personen, da das ja nur eine Angleichung an das „eigentliche“, seelische Geschlecht bedeuten würde? Sicher nicht. Wir können die körperliche Realität nicht einfach ignorieren – und sie auch nicht mit kosmetischen Veränderungen übertünchen. Wir sind nicht, wie Platon meinte, bloß gefangene Seelen im äußerlichen Käfig eines Körpers, sondern der Körper gehört zu unserem Ich. Oder was ist mit Beziehungen und der Ehe? Kann eine intersexuelle Person nach katholischem Verständnis heiraten – bzw. einen Partner welchen Geschlechts kann sie heiraten? Hier darf man natürlich nicht vergessen, dass „Intersexualität“ eine große Bandbreite medizinischer Störungen beschreibt; die Geschlechtsidentität ist nicht immer völlig uneindeutig, nicht alle Intersexuellen sind sog. „echte Zwitter“. (Dann kommt vermutlich auch ins Spiel, dass laut Kirchenrecht „[d]ie der Ehe vorausgehende und dauernde Unfähigkeit zum Beischlaf, sei sie auf seiten des Mannes oder der Frau, sei sie absolut oder relativ, […] die Ehe aus ihrem Wesen heraus ungültig [macht]“ (Codex des Kanonischen Rechts, Canon 1084, § 1; http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3Y.HTM); was natürlich auch wieder nicht bei allen Intersexuellen der Fall ist.) Hier ergeben sich jedenfalls einige schwierige Fragen – und eine Debatte unter, sagen wir mal, Kirchenrechtlern oder Moraltheologen dazu wäre etwas wirklich Interessantes.

Was ich mit alldem sagen wollte: Ich denke, wir Katholiken sollten uns solche Fragen bei Gelegenheit auch mal stellen – und zwar ernsthaft, nach Betrachtung dessen, was die neuere Forschung dazu sagt, und ohne alles zusammenzuwerfen. Ein schlechtes Beispiel bietet in dieser Hinsicht meiner Meinung nach Gabriele Kuby, die in einem Artikel in der Tagespost zur Entscheidung des BVG (http://www.die-tagespost.de/politik/Drittes-Geschlecht-per-Erlass;art315,183100) Inter- und Transsexualität einfach in eins wirft, obwohl diese Dinge nicht dasselbe sind, und dann ausführlich über gewisse Formen der Sexualerziehung und eine „Ideologie, die die Wirklichkeit leugnet“ rantet. Könnten wir bitte mal beim Thema bleiben, differenzieren und klar sagen, wo die Wirklichkeit geleugnet wird und wo nicht?

Ja, es geht hier um kleine Minderheiten, aber diese Minderheiten existieren. Manche Leute – auch manche von uns – gehören zu diesen Minderheiten.

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7 Gedanken zu “LGBTQ, die Wissenschaft, und wir Katholiken

  1. Interessante Punkte speziell zum preußischen ALR.

    Von mir hier zu einer Nebensache:

    >>musste ich auch an das Thema Homosexualität denken, und an die Debatte, ob sie genetisch bedingt ist oder nicht. Tatsächlich trifft man ja gelegentlich (inzwischen seltener) auf religiöse Menschen, die darauf bestehen, Homosexualität sei nicht genetisch, sondern eher durch Umwelteinflüsse […] bedingt. Diese Ansicht findet sich gelegentlich auch unter Katholiken,

    ja, hier 😉

    Genaugenommen kenne ich überhaupt niemand, der behauptet, daß Homosexualität genetisch bedingt – im Sinne von: determiniert – wäre. Allenfalls ein paar schlecht informierte Befürworter der Homosexualität, und ein paar schlecht informierte Gegner, die auf der Tatsache „es gibt kein (ergänze: uns bekanntes) Schwulengen“ herumreiten, was an sich tatsächlich eine solche ist, was dann aber höchstens ein bißchen peinlich wird, weil die Art und Weise, wie sie das sagen, darauf schließen läßt, daß sie noch unter dem Eindruck sind, daß der Debattengegner das heute noch behaupte. Wir erinnern uns, wenn die Kirche up to date sein will, sei es nur was den Debattenstand angeht, ist sie gern ein paar Jahre hinterher.

    Nichtsdestoweniger stimmt es an und für sich – Homosexualität ist nicht genetisch determiniert.

    >>Dass bei letzterer Art von Homosexualität die Gene zumindest eine Rolle spielen, ist meines beschränkten Wissens nach inzwischen wissenschaftlich belegt.

    Dazu dreierlei:

    1. Das ist etwas völlig *anderes* als eine *Bedingtheit*, wenn wir sie als Determiniertheit verstünden.

    2. Ich halte es nach dem allgemeinen Lauf der Welt für abstrus unwahrscheinlich, wenn die Gene bei *irgendeiner* persönlichen Charakteristik *gar* keine Rolle spielen würden; dies schließt selbstverständlich die Homosexualität ein.

    3. Nichtsdestoweniger bin ich mir nicht sicher, ob es die wissenschaftlichen Belege dafür tatsächlich im eigentlichen Sinn gibt, geschweige denn daß ich wüßte, wie schlüssig sie sind. Ob also nicht etwa daraus, daß dasselbe wie bei mir unter (2) nicht zu Unrecht von einem *Wissenschaftler* gesagt wird, ein wissenschaftlicher Beleg gemacht wird, ob nicht aus „das Gegenteil sagen nur Homophobe“ unterderhand zu einem wissenschaftlichen Argument gemacht wird gemacht wird. Daß natürlich, auch wenn es stimmt, jeder Menge interessierten Kreise einiges daran liegt, zu der ehemaligen – fallen gelassenen – Behauptung von der genetischen Determiniertheit der Homosexualität gewissermaßen wenigstens noch etwas ähnlich Klingendes retten zu können, dürfte klar sein.

    Und zur Folge daraus:

    >>Sowohl Gene als auch Umwelt sind äußerliche Kräfte, die eine Neigung verursachen, für die man eben nichts kann und nach der man nach der katholischen Moral eben nicht handeln darf.

    Soo ganz einfach ist das auch wieder nicht. Sind die eigenen Gene wirklich eine äußerliche Kraft?

    Dieses Argument hört man *auch* sehr oft, aber wir wissen ja (auch wenn Du jetzt vielleicht denkst, ich sehe Gespenster), daß die Debatte (was man ja sogar loben mag^^) vom glaubenstreuen Christentum in einer vereinigten Front gegen die Gegner geführt wird; heißt insbesondere, da sind auch unsere speziellen Freunde, die Calvinisten, dabei.

    Wenn man nun argumentiert, wie ein Calvinist es tut, daß die menschliche Natur nun einmal verdorben sei, wir den Auftrag hätten, sie gefälligst zu überwinden – nicht fragen warum, wenn wir es nicht machten, dann kämen wir eben in die Hölle und würden sehen, was wir davon hätten (also letztlich geht es um eine Kapitulation vor dem größeren Munitionslager Gottes, aber ich schweife ab) – und weil wir das ohnehin nicht schafften, wir sowieso unsere Sünden mit Fiduzialglauben wegzaubern müßten, trotzdem aber versuchen etc., aber ich schweife schon wieder ab – *dann* ist auch das Argument: „Das ist in Deiner Natur, aber das heißt noch lange nicht, daß Du danach handeln darfst“ verständlich.

    Nur glauben wir das eben gerade *nicht*.

    Die menschliche Natur wurde durch den Sündenfall nicht verändert, sie ist jetzt noch dieselbe, wie sie im Paradiese war, heißt es in der katholischen Lehre – es klappt nur nicht mehr. Mehr noch, für jedes natürliche (!) Verlangen gibt es zumindest unter Umständen auch die Möglichkeit der Befriedigung, heißt es irgendwo beim hl. Thomas.

    Und daraus folgt, daß, wenn homosexuelles Betätigen als dem Menschen natürlich nachgewiesen werden könnte, wir *tatsächlich* moralerklärend in ziemliche Schwulitäten geraten würden (pun appeared spontaneously, then on second thought intended). Da brauchen wir nicht drumherumzureden.

    Freilich würde das an der Moral nichts ändern, insoweit haben die Calvinisten sogar recht, aber es *wäre* ein Fall von „Glaube und Wissenschaft das jeweilige Gegenteil, wir müssen warten, bis sich der Widerspruch durch bessere Einsicht löst, und uns einstweilen an den Glauben halten“ – und dieser Spagat ist *ebenfalls* widernatürlich.

    Und hier hat eine genetische Disposition dann eben *doch* eine größere Bedeutung als ein bloßer schädlicher Umwelteinfluß.

    Zum Glück sehe ich nicht, wo es eine solche Ausrichtung auf das, was das *eigentlich* Sündhafte an Homosexualität ist, irgendwie dem Menschen oder einigen von ihnen natürlich ist. Ein geringeres bis fehlendes sexuelles Begehren (also bzgl. des anderen Geschlechts)? Neigung zu starken, seelisch intimen Männerfreundschaften? Neigung, dieselben durch Streicheleinheiten etc. auszudrücken? Neigung zu dem, was man metrosexuelles Auftreten nennt? Nichts von dem ist im eigentlichen Sinn objektiv ungeordnet, auch dann nicht, wenn es zusammen auftritt, all das können sogar in sich gute Züge sein (auch wenn das Bild hierfür zumindest für mich dadurch verunklart wird, daß das heutzutage eben, um die Umgangssprachliche Wendung herzunehmen, „schwul herüberkommt“). Verkehrt ist nur die homosexuelle Simulation des Geschlechtsakts – und kann jemand behaupten, daß einzelne Menschen von Natur aus *dazu* geneigt wären?

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    1. Interessante Gedanken… Ich habe jedenfalls keine Determiniertheit gemeint, sondern mehr so was wie das, was du unter 2. schreibst („Ich halte es nach dem allgemeinen Lauf der Welt für abstrus unwahrscheinlich, wenn die Gene bei *irgendeiner* persönlichen Charakteristik *gar* keine Rolle spielen würden; dies schließt selbstverständlich die Homosexualität ein.“)

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    2. Was deinen eigentlichen Punkt angeht: Klar, jedes natürliche Verlangen hat an sich seinen Zweck. Aber es gibt ja auch andere natürliche Verlangen, die verdorben werden und sich auf was Falsches richten können – zum Beispiel ist beim Pica-Syndrom der natürliche Essensdrang falsch ausgerichtet, sodass Leute Erde und Steine und Papier essen. Okay, das ist vermutlich kein gutes Beispiel, da es nicht genetisch bedingt ist (soweit ich weiß). Aber ich nehme mal wieder das Beispiel des Jähzorns: Zorn ist an sich nicht schlecht (wenn er sich auf wirkliche Ungerechtigkeiten oder so was richtet), aber wenn er ständig auftritt und sich auf Falsches richtet, ist er schlecht – und da können auch die Gene eine Rolle spielen. Bei Homosexualität richtet sich der an sich richtige Geschlechtstrieb eben einfach auf Falsches.

      Und sind unsere Gene wirklich *so* unverdorben? Auch viele Krankheiten liegen ja in den Genen.

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    3. Ich musste gerade an meinen Psychologiekurs in der Oberstufe denken. Da haben wir einmal Statistiken zu Gewalttätern angeschaut, und da gibt es offenbar tatsächlich ein Gen (vielleicht fällt mir der Name irgendwann wieder ein), das bei Gewalttätern viel häufiger auftritt als in der Durchschnittsbevölkerung – allerdings werden Menschen, die dieses Gen tragen, erst dann mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit (auch dann nicht zwangsläufig) kriminell, wenn sie selber Gewalt in der Kindheit erlebt haben oder so – das Gen wird also sozusagen durch Umwelteinflüsse „angeschaltet“, und auch dann ist der freie Wille noch da. Nicht alle, die dieses Gen haben, werden gewalttätig, und nicht alle Gewalttäter haben dieses Gen, aber es besteht ein Zusammenhang.

      Es ist irgendwie nervig, über solche Dinge zu reden, wenn man sich selber nur so oberflächlich mit der Forschung auskennt und nicht sagen kann, wie sicher solche Theorien überhaupt sind!

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    4. Ja, wie gesagt…

      1. natürlich sind unsere Gene nicht so einfachhin unverdorben (siehe Erbkrankheiten). Was ich nur gesagt habe, ist, daß sich ein genetischer Persönlichkeitszug doch näher an der Natur dran ist als durch äußeren Einfluß bedingter. In dem Zusammenhang ist auch zu bedenken, daß nach der einhelligen kirchlichen Lehre, wie sie Papst Alexander in bezug auf die Masturbation auch explizit vorgetragen hat und wie sie a fortiori für die Homosexualität gilt, diese eben *nicht* nur weil von Gott verboten verwerflich ist, sondern im Naturrecht selbst verboten. Könnte man etwas, was ein natürliches Verlangen ist und keinem anderen schadet, so sagen?

      2. Allerdings: richtet sich das homosexuelle Verlangen bzw. das, was daran natürlich ist, denn wirklich zunächst, und nicht auf Grund erlernten Verhaltens, auf den simulierten Geschlechtsakt *selbst* – und nur *der* macht ja das Widernatürliche aus? Noch Alfred Döblin läßt einen Homosexuellen in „Berlin Alexanderplatz“ bei der Polizei zu Protokoll geben: „Etwas Strafbares [was damals der homosexuelle Geschlechtsakt und nur der war] ist nicht vorgefallen, ich bin nur in das Herz eines jungen Menschen eingebrochen.“

      3. Zum Beispiel Jähzorn (was mir primär logisch erschiene, wenn es mit dem Gewalttäter-Gen durchaus zu tun hat): Zorn ist, wie Du richtig bemerkst, entgegen anderslautenden Gerüchten nicht in sich schlecht, sondern eine gute Eigenschaft des Menschen, die in eine richtige Bahn gelenkt werden. Zum Beispiel für den Kampf, den buchstäblichen und den übertragenen.

      Und damit erledigt sich ehrlich gesagt auch die Frage schon. Daß der beim einen Menschen mehr ausgeprägt ist wie beim anderen, wie ein anderer wieder etwas lethargischer sein mag als der andere (auch Gelassenheit ist eine gute Eigenschaft, die in eine richtige Bahn gelenkt werden muß) ist nachvollziehbar, logisch und, ohne unserem lieben Herrgott Noten für seine Schöpfung verteilen zu wollen, sinnvoll^^ – it takes all sorts to make a world. Kein Wolf ist verpflichtet, ein Lamm zu werden. (People suppose that if the lion lays down with the lamb the lion becomes lamb-like; but this would be plain imperialism on the part of the lamb, Chesterton, sinngemäß.)

      Der Wolf ist bloß verpflichtet, ein Hund zu werden; das reicht; vielleicht ja sogar ein Schäferhund.

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      1. Ich finde deinen Vergleich von Homosexualität und Masturbation interessant. Der Geschlechtstrieb soll ja eigentlich auf ein von einem selber verschiedenes Gegenüber ausgerichtet sein, so von wegen Liebe und gegenseitige Ergänzung, also ist beides aus so ziemlich dem selben Grund schlecht… oder?

        Deinen zweiten Punkt verstehe ich allerdings nicht ganz. Homosexuelle Verliebtheit ist ja eigentlich schon auch was (nicht Sündhaftes, da ungewollt, aber) objektiv Ungeordnetes; ich meine, Verliebtheit ist ja was anderes als freundschaftliche Gefühle, und eigentlich auch was anderes als einfach freundschaftliche Gefühle + sexuelles Verlangen.

        Schönes Zitat.

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      2. Es mag an meinem beschränkten Denkvermögen liegen bzw. daran, daß ich mir eben die Gefühlslage eines Homosexuellen gar nicht vorstellen kann. Aber von genau der Gleichung „Verliebtheit = freundschaftliche Gefühle + sexuelles Verlangen“ bin ich ausgegangen. Wir wissen ja, daß beides auch voneinander getrennt vorkommen kann (obwohl sexuelles Verlangen ohne freundschaftliche Gefühle ebenfalls objektiv ungeordnet ist). Beim homosexuellen sind die freundschaftlichen Gefühle erstmal nicht verkehrt und eine etwas sentimentale, intime [nicht im Sinne von Körperteilen verstanden], bei Männern sonst unübliche Ausprägung derselben erstmal auch nicht.

        An der Stelle aus „Berlin Alexanderplatz“ faszinierte mich (auch wenn es nur Fiktion ist) wie damals (zumindest wenn man die Aussage als glaubwürdig einschätzen kann, was man, denke ich, kann) sogar die Homosexuellen zumindest manchmal den Unterschied zwischen dem eigentlichen widernatürlichen Akt und dem ganzen Rest hochhielten; nichts weiter.

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