Über blinde Flecke und säkulare Dogmen

Gelegentlich hat man auch von seinen katholischen Glaubensgenossen mal genug. Nicht von allen vielleicht; aber wenn man in seinen Facebookgruppen irgendwann zu viele Aufrufe, zur Rettung des Abendlandes täglich den Rosenkranz zu beten, und kitschige Heiligenbilder, unter denen jeweils drei bis fünf Leute mit „Amen!!!“ und ❤ ❤ ❤ kommentiert haben,  kriegt, nervt es schließlich. Dazu kommen dann immer wieder reflexhaft-antifeministische Wortmeldungen, das ewig gleiche Gemecker über EKD, DBK und das deutsche Kirchensteuersystem (was haben da alle dagegen?? Also gegen Letzteres), mir persönlich etwas zu große ökumenische Nähe zu gewissen Freikirchen, die grausige Worship-Songs singen, pausenlos davon reden, sich in Jesus zu verlieben und manchmal dazu neigen, Katholiken nicht für Christen zu halten, oder auch diese unerträgliche Franziskus-Fanbegeisterung, die aus mir unbekannten Gründen immer noch anhält. Kurz gesagt: Manchmal fühlt man sich aus den verschiedensten Gründen, als bräuchte man ein bisschen Abstand.

Die eigenen Leute nerven manchmal; aber dann, so habe ich gemerkt, muss man nur lange genug beim ideologischen Gegner herumhängen, um zu merken, wieso man trotz pseudo-inspirierender Sprüche, trotz Glaubensgeschwistern, die die falsche Partei wählen, oder trotz in neongrün leuchtender Herz-Jesu-Bilder katholisch ist.

Ich habe in letzter Zeit öfter amerikanische Blogs gelesen, die das evangelikale / konservative / fundamentalistische Christentum von einem atheistischen oder liberal-christlichen Standpunkt aus kritisieren und die allgemein feministische und „linke“ (für amerikanische Verhältnisse) Meinungen vertreten. (Weder „links“ noch „feministisch“ widersprechen natürlich an sich schon dem katholischen Glauben – es kommt darauf an, wie man beides definiert.) Und da liest man oft Interessantes; auch mal Interessantes über Fehlentwicklungen in bestimmten Gemeinden / Kirchen, die wir in unserer am besten vermeiden sollten. Der beliebte Blog „Love, Joy, Feminism“ (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/ ) wäre ein gutes Beispiel: Bloggerin Libby Anne ist in einer evangelikalen Familie mit einem Dutzend Kindern aufgewachsen, in der man an das Patriarchat glaubte und in der die Kinder zuhause unterrichtet und körperlich gezüchtigt wurden, wenn sie nicht sofort und ohne Widerspruch gehorchten. Inzwischen ist sie Atheistin (dem Christentum gegenüber aber nicht grundsätzlich feindselig eingestellt) und erzieht ihre eigenen Kinder auf andere Weise. Sie schreibt sowohl über ihre eigenen Erfahrungen als auch über allgemeine Entwicklungen im amerikanischen Christentum und der amerikanischen Politik; am interessantesten finde ich persönlich ihre detaillierten Besprechungen von Büchern wie „Created to be his helpmeet“ von Debi Pearl (wage es nicht, deinem Mann nicht zu gehorchen, solange er von dir nicht gerade verlangt, ihm bei einem Bankraub zu helfen), „To train up a child“ von Michael Pearl (gute Christen müssen fünf Monate alte Babys mit Gummischläuchen schlagen, um ihnen Gehorsam beizubringen), oder „A voice in the wind“ von Francine Rivers (ein historischer Liebesroman, der im alten Rom spielt, mehr oder weniger „Twilight“ für christliche Teenager). Andere Beispiele wären Samantha Fields Blog (http://samanthapfield.com/ ) – Field ist eine sehr liberale Christin, die ebenfalls aus konservativeren Kreisen kommt – oder das Gemeinschafts-Blogprojekt „No longer quivering“ (http://www.patheos.com/blogs/nolongerquivering/ ), das vor allem das randständige, extrem konservative Quiverfull Movement kritisiert.

Wie gesagt: Ich habe auf solchen Blogs manche interessante Sachen gelesen. Besonders zum Thema „geistlicher Missbrauch“, also dem Missbrauch von religiöser Autorität, um Anhängern zum Beispiel Angst davor zu machen, einem Pastor oder einem Familienmitglied nicht zu gehorchen, um sie dazu zu bringen, Probleme in der Gemeinde unter den Teppich zu kehren, o. Ä., wird hier immer wieder Interessantes geschrieben (es gibt übrigens auf der interreligiösen Plattform Patheos auch einige katholische Blogger, die das Thema öfter mal ansprechen, vor allem Mary Pezzulo: http://www.patheos.com/blogs/steelmagnificat/ ). Oder auch die Auswüchse dessen, was in den USA als „purity culture“ bezeichnet wird – wozu gehören kann, Mädchen, die vor der Ehe Sex gehabt haben, mit angebissenen Schokoriegeln zu vergleichen, oder nicht nur sexuelle „Reinheit“ (wozu für manche Christen kein Körperkontakt vor der Hochzeit gehört… kein Kommentar), sondern auch emotionale Reinheit zu verlangen, weshalb man bitteschön darauf aufpassen soll, mit jemandem, mit dem man noch nicht verheiratet ist, eine zu tiefe emotionale Verbindung aufzubauen, schließlich wäre es schrecklich, wenn man einen Teil seines Herzens an jemanden weggegeben hätte, den man am Ende nicht heiratet. Während das noch irgendwie lachhaft wirkt, ist es schlimm, zu lesen, wie zum Beispiel die Beratungsstelle ihrer christlichen Universität reagierte, als Samantha Field versuchte, darüber zu sprechen, dass ihr Ex-Verlobter sie vergewaltigt hatte (https://www.xojane.com/issues/samantha-field-pensacola-christian-college-rape-stalking ) – welchen Anteil sie denn an der Sünde gehabt hätte? Und außerdem sollte sie ihrem Ex vergeben, sonst würde sie „bitter“ werden und ihre Beziehung zu Gott schädigen. Ähm… ja.

Ich habe auch Interessantes über feministische Theorien im Allgemeinen oder politische Debatten in den USA um Waffengesetze, Naturschutz oder Krankenversicherung erfahren. Konservative, die Republikanische Partei wählende Christen tendieren dort ja oft dazu, alle staatlichen Vorschriften und Einschränkungen für Tyrannei zu halten, während Liberale für mehr Regulierung und Sozialstaat sind. Und hier ist die liberale Position aus unserer europäischen Sicht ja oft die einzig vernünftige – wie kann man nur dagegen sein, eine allgemeine Krankenversicherung oder bezahlten Mutterschaftsurlaub einzuführen oder zu kontrollieren, ob jemand ein Krimineller ist, bevor man dem eine Waffe verkauft? Dann gibt es zum Beispiel auch Artikel, die kreationistische Behauptungen widerlegen; auch spannend. Der Kreationismus ist ja eine dieser theologischen Ideen, die ich besonders hasse, weil sie unseren Glauben bescheuert aussehen lassen und im Grunde genommen Fideismus propagieren.

Aber dann dauert es auch wieder nicht lange, bis man sich fragt: Wie kann das sein? Eben noch redet ihr von Respekt vor allen Menschen und Mitgefühl mit den an den Rand Gedrängten und jetzt… das?

Geschenkt, dass einige als „non-religious“ deklarierte Blogs sich hauptsächlich damit beschäftigen, Dinge aus der christlichen Welt herauszusuchen, über die sie sich aufregen können, statt eine eigene Botschaft zu verkünden, und sich dabei auch nicht immer Mühe geben, zu verstehen, was dieser und jener Christ eigentlich gemeint hat. Geschenkt, dass das wohlige Gefühl, besser zu sein als diese heuchlerischen, legalistischen Fundamentalisten, sich in den Kommentarspalten gelegentlich deutlich zeigt. Geschenkt, dass manchmal so getan wird, als wären alle, die anderer Meinung sind, entweder böse oder Idioten. Das alles ist alles andere als ideal (es kann leicht in die Wurzelsünde Hochmut übergehen), aber Zorn über das Böse ist ja an sich nicht von Grund auf schlecht. Auch geschenkt, dass Mrs. Field zum Beispiel sehr kreativ in ihrer Bibelinterpretation werden kann (Orpah, die unwichtige, nicht wirklich schlechte, vor allem aber an ihre eigenen Interessen denkende Nebenfigur aus dem Buch Ruth soll eine Heldin sein? Bitte? (http://samanthapfield.com/2017/09/25/finding-new-meaning-in-familiar-characters/ )).

Seltsamer wird es zum Beispiel, wenn Leute sich nicht sicher zu sein scheinen, was sie als Feministinnen von (freiwilliger) Prostitution, (freiwilliger) Produktion von Pornographie, dem Konsum von Pornographie, Sadomasochismus oder offenen Beziehungen halten sollen. Das Prinzip der „consenting adults“ wird in der liberalen Sexualethik ständig betont; ein Lehrer, der sich an eine Fünfzehnjährige heranmacht, oder ein Mann, der seiner Freundin Druck macht, Sexpraktiken auszuprobieren, die sie nicht ausprobieren möchte – solche Leute sind klar die Bösen. Aber wenn eine Frau sich ganz frei und emanzipiert für „Sexarbeit“ entscheiden möchte, kann das dann falsch sein? Facepalm. (Genau diese Einstellung hat Deutschland durch die Legalisierung der Prostitution übrigens zum Paradies für Menschenhändler gemacht, just saying. Ich sage ja nicht, dass es nie freiwillige Prostitution gibt, aber seien wir mal realistisch.) Dass es Dinge gibt, die in sich erniedrigend sind, die man einfach nicht mit sich machen lassen sollte, diese Vorstellung erscheint gar nicht auf dem Radar. Dass „consent“ eine unabdingbare Mindestvoraussetzung, aber kein allein ausreichendes Kriterium ist: Das kommt diesen Leuten nicht in den Sinn. Ein meiner Meinung nach ziemlich ironisches Beispiel bietet Libby Anne von „Love, Joy, Feminism“ hier (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/2013/10/ctbhhm-dont-talk-to-me-about-pain.html ), wo sie die Vorstellung einer Debi Pearl (einer Vertreterin des Christian Patriarchy Movement), dass Frauen ihren Ehemännern grundsätzlich und immer, wenn die es wollten, Sex zu liefern hätten, kritisiert – und dann sagt, dass, wenn zwei Partner unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse hätten, sie zuallererst miteinander kommunizieren und gemeinsam nach Lösungen suchen sollten, dass aber, wenn das nicht helfe „einige Optionen eine offene Ehe oder sogar Scheidung einschließen“. Aha. Heißt das jetzt, etwas auf die Spitze getrieben, dein Mann darf dich zwar nicht vergewaltigen, aber dafür betrügen oder verlassen?

Aber das schlimmste Beispiel ist natürlich eins, das nicht in den Bereich des sechsten, sondern des fünften Gebotes fällt: Abtreibung. Ich kann nicht verstehen – und habe nie verstanden, auch nicht, als ich noch nicht besonders religiös war – wie man der Meinung sein kann, eine Abtreibung könnte in Ordnung oder sogar etwas Gutes sein. [Note: Ich will mit alldem, was ich jetzt sagen werde, nicht leugnen oder ignorieren, dass eine ungewollte Schwangerschaft eine Belastung, in manchen Fällen eine sehr schwere Belastung, sein kann. Auch ein geborenes Kind kann eine schwere, für manche Menschen eine sehr schwere Belastung sein – und es ist nicht recht, es zu töten. Ich will auch nicht leugnen, dass Frauen, die Abtreibungen hinter sich haben, manchmal sicher dachten, sie tun für alle das Beste. Ich will auch nicht leugnen, dass Frauen es sich für gewöhnlich nicht leicht machen, wenn sie sich für eine Abtreibung entscheiden. Das alles ist wahr. Und natürlich kann es immer Heilung und Vergebung geben. Aber das macht die Sache an sich nicht besser. Für Frauen in schwierigen Situationen gibt es andere, bessere Hilfe als Abtreibungen – zum Beispiel hier: https://www.profemina.org/ ]

Abtreibung: Man reißt einen kleinen Menschen mit Metallinstrumenten oder Saugluft auseinander oder gibt ihm eine Giftspritze ins Herz; wie kann das, egal aus welchem Grund, etwas Gutes oder auch nur ein notwendiges Übel sein, das man um des größeren Wohls – oder des Wohls größerer Menschen – willen in Kauf nehmen müsste? Wir wissen, dass es ein kleiner Mensch ist; wir wissen, dass ein Embryo nach der Befruchtung sich nur noch weiterentwickeln muss, ebenso, wie er sich nach der Geburt noch weiterentwickeln muss; wenn ein Embryo in der zehnten Woche weniger wert ist als ein Neugeborenes, muss logischerweise auch ein Neugeborenes weniger wert sein als ein Dreijähriger und ein Dreijähriger weniger als ein Achtzehnjähriger. Wir treiben manche Menschen (vor allem behinderte Menschen) inzwischen im selben Lebensstadium ab, in dem wir andere Menschen in Brutkästen am Leben erhalten. Das sind biologische Tatsachen. Noch sind natürlich wenige Abtreibungsbefürworter so konsequent, diese Tatsachen anzuerkennen, aber das werden sie wahrscheinlich noch irgendwann tun (Peter Singer zum Beispiel ist einer, der es bereits tut); wir sind mit der allmählichen Legalisierung der Euthanasie auf dem besten Weg dazu, die letzten Reste des Lebensrechts auch noch für geborene Menschen auszuhöhlen. Man kann Abtreibung natürlich auch mit dem Argument verteidigen, dass das Baby sich nicht einfach im Körper der Mutter einnisten dürfte, wenn sie das nicht wollte, weil es schließlich ihrer sei – wobei sie ja in den allermeisten Fällen nicht ganz unschuldig daran ist, dass es da gelandet ist; wer Sex hat muss immer mit der Möglichkeit einer Schwangerschaft rechnen – ; damit würde man natürlich ganz elegant auch ein Argument dafür liefern, dass einer von zwei siamesischen Zwillingen den anderen umbringen darf. Wer hat das Recht, Platz in meinem Körper für sich zu beanspruchen? Wenn einer das wagt, bringe ich ihn um. Genau dieses Argument bringt beispielsweise Libby Anne hier (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/2012/12/the-anti-abortion-movement-erasing-women-edition.html ): Die Lebensrechtsbewegung lösche in ihrer Propaganda die Frauen und deren Rechte aus und spreche nur über die Rechte von Zygoten, Embryonen, Föten. Nicht völlig falsch, würde ich sagen, denn darum geht es: die Zygoten, Embryonen, Föten sind die, die getötet werden sollen; sollte man also nicht über sie sprechen? Libby Anne ihrerseits erwähnt in ihrem Artikel kein einziges Mal die Rechte der Zygoten, Embryonen, Föten als irgendwie relevanten Faktor. (Sie erwähnt allerdings, dass die Lebensrechtsbewegung die Frauen doch nicht ganz ignoriere – aber wenn die Frauen von Lebensrechtlern als „hilflose ausgebeutete Opfer“ dargestellt würden, ist ihr das offensichtlich auch nicht recht. Es geht ja nicht an, dass eine Frau, die verzweifelt genug ist, ihr Kind töten zu lassen, (auch) ein Opfer sein könnte.)

Die meisten Argumente für ein Recht auf Abtreibung, die man heutzutage liest, versuchen natürlich, neben dem Fokus auf „körperlicher Selbstbestimmung“, auch, irgendwie eine Minderwertigkeit des ungeborenen Kindes zu konstruieren, weil es für die meisten Leute einfach nicht machbar wäre, klar zu sagen „Ja, eine Mutter darf ihr Kind töten lassen, solange es noch in ihrem Bauch ist, wenn sie das will“, wenn sie das Kind als gleichwertige Person anerkennen müssten. Es ist das klassische „Nicht alle Wesen, die biologisch Menschen sind, sind Personen„-Argument: Menschen im frühesten Lebensstadium – in dem sie übrigens nicht abgetrieben werden, da die Schwangerschaft in diesem Stadium noch nicht erkannt ist – sehen wie kleine Klümpchen aus und man kann sie zum Teil erst unter dem Mikroskop erkennen, und deshalb scheinen manche Leute geneigt zu sein, sie als „Nicht-Personen“ abzustempeln; aber ob ein Mensch ein Mensch ist, hängt nicht davon ab, ob er so aussieht, wie ich mir einen Menschen vorstelle (und auch nicht davon, ob er sich jemals so weit entwickeln wird, dass er so aussehen wird). Es gab Zeiten (frühe Neuzeit – 20. Jahrhundert), da stellten manche Leute sich vor, dass ein vollwertiger Mensch, eine menschliche Person, eine weiße Hautfarbe zu haben hatte. Wie muss eine „Person“ aussehen? Was sind denn „Personen“? Sind Neugeborene, Demente, geistig Behinderte „Personen“? Bei dem Nicht-Personen-Argument wird zwangsläufig auch oft mit Verdrehungen gearbeitet und vom Thema abgelenkt. Man nehme zum Beispiel das altbekannte Gedankenspiel: „Wenn du aus einem brennenden Gebäude eine Petrischale mit mehreren Zygoten oder ein neugeborenes Baby retten könntest, würdest du doch sicher das neugeborene Baby nehmen, oder???? Also sind Zygoten keine lebenswerten Personen.“ Ähm, hm, weiß nicht, wen ich retten würde. Bin ich als Elternteil o. Ä. für das Baby oder die Zygoten verantwortlich? Würde das Baby unter Schmerzen sterben? Wie viele Zygoten sind es? Würden die Zygoten später einer Frau eingesetzt oder wahrscheinlich sowieso für die medizinische Forschung getötet werden? Hätte ich in so einer Situation überhaupt die Ruhe, vernünftig zu durchdenken, wen ich rette? Aber, am wichtigsten: In einer Situation, in der es darum geht, die eine oder die andere(n) Person(en) vor dem Tod zu retten, gibt es nur zwei richtige Möglichkeiten; in einer Situation, in der es dagegen darum ginge, die eine oder die andere(n) Person(en) aktiv zu töten [Notwehr und Nothilfe ausgenommen] gäbe es nur zwei falsche Möglichkeiten. Wenn ich ein neugeborenes Kind und eine alte Frau mit derselben potenziell tödlichen Krankheit vor mir habe, aber nur Medizin genug für einen von ihnen, wen rette ich dann? Egal, wie ich antworte: Die Antwort impliziert nicht, dass dann logischerweise auch Infantizid oder Euthanasie an Alten gerechtfertigt wäre, weil ich entweder das Kind oder die alte Frau sterben lassen würde. So kann man eine Debatte verunklaren und vom eigentlichen Thema – gibt es ein unveräußerliches Lebensrecht für alle Menschen oder nicht? – ablenken.

Ein anderer blinder Fleck bei solchen Leuten ist beispielsweise auch der Islam. Man ist anti-rassistisch und diese Religion wird irgendwie mit Ausländern in Verbindung gebracht, die eine dunklere Hautfarbe haben und aus eher ärmeren Ländern stammen (obwohl – Saudi-Arabien?). Außerdem ist man gegen die Konservativen, die sich vor dem Islam ängstigen, und der Feind meines Feindes ist mein Freund: Also muss der Islam zumindest an sich harmlos sein, oder jedenfalls „auch nicht schlimmer“ als das Christentum. Muslime sind die Unterdrückten und wir stehen auf der Seite der Unterdrückten. Die lange Geschichte islamischer Reiche als mächtige, versklavende, kolonialisierende Imperien (genau das, was man eigentlich so ausdrücklich verabscheut), die Sklavenjagden im Sudan, die Harems, die Judenpogrome (oder der heutige islamische Antisemitismus), das alles ist wieder nicht auf dem Schirm.

Ähnliches gilt für den Kommunismus. Man leugnet Stalins Verbrechen nicht unbedingt, aber irgendwie… sympathisiert man ein bisschen mit dieser Bewegung, unterschwellig zumindest. Feind-meines-Feindes. Waren die Kommunisten nicht wenigstens auf der Seite der Armen? Ja, genauso, wie der IS auf der Seite Gottes ist.

Und so häufen sich die Ungereimtheiten und die Widersprüche und man fragt sich: Wo habt ihr eigentlich eure Weltanschauung her? Auf welchen Prinzipien beruht sie? Wie begründet ihr die?

Ich habe den Verdacht, dass liberale Christen und Atheisten / Agnostiker / säkulare Menschen nicht deshalb für ein Recht auf Abtreibung – oder für legale Prostitution, oder für eine Akzeptanz von Polyamorie – sind, weil sie sich selbst davon überzeugt haben; sondern weil sie ein Glaubenssystem (vielleicht zu Recht? Je nachdem, welcher Kirche oder Religion sie angehört haben) abgelehnt und dafür ein anderes angenommen haben – mit all seinen unerklärlichen Dogmen. Und da diese Dogmen ganz relativistisch nicht durch Traditionen oder heilige Schriften begründet, sondern durch die gegenwärtige öffentliche Meinung bestimmt sind, können sie sich leider auch jederzeit ändern und machen nicht unbedingt in sich Sinn. Die „Person“-Definition der säkularen öffentlichen Meinung zum Beispiel ist nicht durchdacht; entweder sind alle Mitglieder der biologischen Spezies Mensch Personen, oder wir haben außer Ungeborenen noch weitere Ausnahmen. Trotzdem reagiert man empört auf jeden, der das eine oder das andere behauptet.

Die liberalen Christen und Atheisten aus meinen Beispielen sind nicht böswillig; sie sind sogar idealistisch. Sie sind auch nicht dumm. Aber sie haben so offensichtliche blinde Flecke, deren Existenz ich einfach nicht begreife. Es gibt ein paar Punkte unter meinen Überzeugungen, bei denen ich es verstehen könnte, wenn ein nichtgläubiger Mensch sie nicht einfach so nachvollziehen könnte – ein absolut geltendes Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung, zum Beispiel. Aber wie kann ein normaler Mensch bei Dingen wie Pornographie, Ehebruch, Abtreibung nicht instinktiv mit Abscheu reagieren? Hier werden doch natürliche Reaktionen durch die Richtinstanz über das Dogma – die öffentliche Meinung oder die Meinung der vorrangigen Intellektuellen der eigenen Seite – abgewürgt. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Also gebt mir ruhig die zeternden Rosenkranzbeter, die von Fatima und dem Erzengel Michael reden, oder die Charismatiker mit ihren in die Luft gestreckten Händen und ihren Gitarren, oder die Tradis, die über weibliche Ministranten die Nase rümpfen. Lasst uns über die EKD meckern, so viel wir wollen! Das hat im Grunde schon seine Berechtigung. Ich nehme gerne die Unvollkommenheiten in der Umsetzung des katholischen Glaubens bei den Menschen, die wie ich katholisch sind, in Kauf, wenn ich dafür nur den katholischen Glauben habe.

Der katholische Glaube macht Sinn. Er ist ein logisches System, in dem sich alles zusammenfügt. Ich weiß, was ich denke, und ich weiß, wie es sich begründet. Ich weiß, wieso ich alle Menschen für wertvolle Personen halte – weil sie alle von Gott geliebt und mit einer unsterblichen Seele ausgestattet sind. Das ist mein Dogma, für das ich wiederum Gründe habe. Atheisten wissen letztlich nicht, wieso sie an eine Menschenwürde für alle (oder fast alle) Menschen glauben, wenn sie es tun; es handelt sich um einen Glauben, der auf Sand gebaut ist.

18 Gedanken zu “Über blinde Flecke und säkulare Dogmen

  1. … oder auch diese unerträgliche Franziskus-Fanbegeisterung, die aus mir unbekannten Gründen immer noch anhält. Kurz gesagt: Manchmal fühlt man sich aus den verschiedensten Gründen, als bräuchte man ein bisschen Abstand.

    Gut gesagt. Zu ersterem ein Erklärungsversuch. Der Mann setzt eindeutig andere Prioritäten, als das die bisherigen Päpste, nach dem letzten Konzil getan haben. Und wie ich Ihrem Beitrag entnehme, sind das ganz und gar nicht Ihre Prioritäten, die eindeutig nicht im gesamtgeselleschaftlichen Bereich, sondern eher im dem Bereich zu finden sind, den die römisch katholische Kirche bisher als überwiegenden Sündenpfuhl verortet hat. Die Sexualität der Menschen.
    Die scheint allerdings diesem Papst nicht ganz so wichtig zu sein, dass er, wie viele andere Katholiken dies tun, den Menschen ständig zwischen die Beine und auf die Bäuche der Frauen starrt.

    Zu zweitem. Sie haben völlig Recht und sind hier mit einem sehr, sehr grossen Anteil der Menschen völlig d’accord. Die haben auch befunden, dass sie von dieser Kirche mehr Abstand brauchen und absentieren sich in immer grösserem Umfang.
    Aber es scheint, als hätte man in den Führungsetagen dieser Kirche den Schuss, was für ein Euphemismus, bei dem Trommelfeuer, noch immer nicht gehört, oder blende ihn einfach aus.

    Dabei gibt es doch höchst aktuell, vor fünfhundert Jahren wurde die Reformation virulent, nach der plötzlich der halbe Laden weg war, Warnzeichen en masse, dass es diesmal die gesamte zweite Hälfte des Ladens erwischen könnte. Und wenn das der Fall ist, dann können die Herren Bischöfe demnächst auf Augenhöhe mit den Zeugen Jehovas verhandeln.

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    1. Ich schreibe hauptsächlich über Sexualität?? Haben Sie meinen Blog näher angesehen? Klar, ich schreibe gar nicht über Bibelexegese, unhistorische Romane, psychische Störungen oder den Calvinismus. – Im Übrigen, was genau hat Abtreibung mit Sexualität zu tun? Der Sex ist da lange vorbei. – Wenn Sie meinen Text genau gelesen hätten: Eigentlich ging es mir eher darum, dass Menschen Menschen sind und Menschen nerven. Das ist dasselbe, was man in jedem anderen Kreis (z. B. bei Familientreffen an Weihnachten) früher oder später erlebt… (Ich schätze, ich nerve auch manchmal Menschen. 🙂 )

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      1. Der katholischen Kirche ist die menschliche Sexualität eines der wichtigsten Themen überhaupt. Dort gibt es Richtlinien, Gebote und vor allem Verbote, bis in die aller intimsten Bereiche des Lebens hinein. Das schlägt sich natürlich auch in den Aussagen und Abhandlungen aller Autoren nieder, die sich daran abarbeiten. Seien es nun reine Theoretiker wie der katholische Klerus, oder seien es auch die Laien, die über praktische Lebenserfahrung verfügen, die dem Weihestand verschlossen bleiben muss.
        Deswegen wundere ich mich über ihre Frage, was Schwangerschaftsabbrüche nun mit Sexualität zu tun haben. Ich hatte Sie im Laienstand verortet. Und mein ganzer Beitrag war wirklich ein Erklärungsversuch für die Franziskus-Fanbegeisterung, die Ihnen scheints völlig fremd ist.

        Ich versuchs mal in einem Satz auszudrücken. Franziskus will dem Verlust der zweiten Hälfte zu vermeiden und deswegen die Begeisterung für ihn.

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      2. „Eins der wichtigsten Themen überhaupt“? Ne, bloß eins, bei dem die Kirche ständig wieder erklären muss, was Sache ist. Die Richtlinien, Gebote und Verbote (als ob die so kompliziert wären…) haben nun mal ihren Sinn. – Wieso wundern Sie sich über die Frage? Hatte ich nicht begründet, was da so unsinnig ist? Ja, ich bin Laiin. Was hat das mit irgendwas zu tun? – Was genau will Franziskus? Ich habe keine Ahnung, ehrlich gesagt. Seine Predigten sind weitschweifig und unklar, zu Amoris Laetitia äußert er sich einfach nicht (zu Abtreibung hat er sich allerdings schon sehr klar geäußert, in der Hinsicht kann ihm niemand etwas vorwerfen), er redet von Nettigkeit und davon, Leuten entgegenzukommen, redet aber selbst nicht mal mit seinen Kritikern, aus den Bemühungen des Vatikans gegen sexuellen Missbrauch wird anscheinend unter seinem Pontifikat auch nicht mehr wirklich was (http://www.catholicherald.co.uk/commentandblogs/2017/03/02/we-can-no-longer-pretend-that-the-vatican-is-getting-to-grips-with-the-abuse-crisis/)… Papst Franziskus hat natürlich seine guten und bewundernswerten Seiten; nur verstehe ich einfach nicht, wieso manche Leute sich so ehrlich für ihn begeistern, wie ich mich für Benedikt XVI. begeistert habe. (Benedikt ist so genial!)

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    2. Ich finde übrigens, dass die Unterstellung, Abtreibung hätte irgendetwas mit Sexualethik zu tun, eine der perfidesten Verdrehungen in dieser Debatte ist. Wenn eine Frau durch künstliche Befruchtung schwanger geworden wäre, würde das dann vielleicht irgendetwas an der Sache ändern? (Ja, es kommt übrigens sehr wohl auch nach künstlichen Befruchtungen zu Abtreibungen. Zum Beispiel, wenn ein Kind behindert ist oder wenn sich zwei oder drei Embryos statt bloß einem in der Gebärmutter eingenistet haben und die Ärzte dazu raten, die überzähligen loszuwerden.)

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  2. Kurze Anmerkung 1:

    >>Islam. Man ist anti-rassistisch und diese Religion wird irgendwie mit Ausländern in Verbindung gebracht, die eine dunklere Hautfarbe haben

    Das ist dann übrigens hier schon falsch. Moslems kommen aus allen möglichen Ländern. Und z. B. die mir bekannten Syrer (gut, es sind nicht viele) sind vom Aussehen her von nicht-blonden Norddeutschen, Polen, Franzosen usw. nicht zu unterscheiden. In Marokko oder der Türkei etc. mag das anders sei, aber dieser etwas dunklere Hauttyp kommt auch in Italien vor. In Italien gibt es jede Menge Leute, die zweifellos Italiener und auch katholisch oder modern-halb-bis-ex-katholisch sind und von denen die einen dezidiert südländisch ausschauen und die anderen dezidiert nicht.

    >>und aus eher ärmeren Ländern stammen (obwohl – Saudi-Arabien?)

    richtig bemerkt. Eher ärmer ist zwar richtig; bei der nennen-wir’s-mal aktuell relevanten Entwicklung spielt aber weniger die wirtschaftliche Lage (Syrien etwa war *vergleichsweise* ein nicht allzu armes Land) sondern die politisch-militärische Lage die Hauptrolle.

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  3. >>Ähnliches gilt für den Kommunismus. Man leugnet Stalins Verbrechen nicht unbedingt, aber irgendwie… sympathisiert man ein bisschen mit dieser Bewegung, unterschwellig zumindest. Feind-meines-Feindes. Waren die Kommunisten nicht wenigstens auf der Seite der Armen? Ja, genauso, wie der IS auf der Seite Gottes ist.

    Da bekenne ich mich freilich schuldig im Sinne der Anklage… auch wenn die vielleicht gar nicht so beabsichtigt war.

    Also, damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich unterschreibe jedes Wort in Divini redemptoris.

    Dennoch ist es zunächst einmal eine Tatsache, daß die stalinistischen Verbrechen in der kommunistischen Doktrin so nicht vorgesehen waren.

    Da ist zu unterscheiden: Die Stasi-Verbrechen und der Schießbefehl auf Republikflüchtige in der DDR *waren* in der kommunistischen Doktrin vorgesehen. Die dem Hexenwahn vergleichbare Paranoia, auf Grund derer der Despot Stalin gegen ganze Völker und große Sektionen auch seiner eigenen Partei ein unberechenbares Willkürgericht entfesselte, war es nicht.

    Zum anderen ist es so: ja, Feind-meines-Feindes und so. Für eine Bewegung von fanatisch überzeugten, zumindest zum Teil gutwilligen Menschen, die *einem dogmatischen Weltanschauungssystem anhingen*

    – einem falschen zwar –

    und die die Geschichte mit der Würde des Gescheiterten ausgestattet hat

    – wenn auch sie selber, weil ihr Urahn zufällig Hegel gelesen hatte, eine solche nicht anerkannten –

    und die doch tatsächlich zwar nicht unbedingt auf der Seite der Armen waren und das auch selber, wenn man ihnen zuhört, nicht unbedingt behauptet hätten (die gemeinten Arbeiter waren nicht die unterste, sondern die zweitunterste Schicht; niemand hetzte stärker gegen das von ihnen sog. „Lumpenproletariat“ als echte Kommunisten), das war westlich-pseudokommunistische Sozialromantik, wohl aber auf der Seite dessen, was *sie* immerhin tatsächlich für ein gerechtes Wirtschaftssystem hielten

    – wenn es auch tatsächlich den vorgängigen Bruch des siebten Gebots voraussetzte und hernach die angeblich so entrechteten Arbeiter aus dem Regen den „kapitalistischen Entfremdung“ in diejenige Traufe schicken wollten, die darin bestand, Rädchen im Getriebe einer staatsmonopolkapitalistischen Universalbürokratie zu sein –

    und die heute zwar zu Recht verdammt, aber nur allzu oft aus den falschen Gründen verdammt werden[*],

    kann man eine *gewisse* Sympathie nicht versagen.

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    1. [* Beispiele für *falsche* Gründe, den Kommunismus zu verdammen:

      1. Der Kommunismus ist gescheitert, was sich am Untergang des sowjetisch dominierten Ostblocks zeigt.

      Sed contra: Anders als die Kommunisten selbst erkennen wir keine Macht der Weltgeschichte und des Fortschritts, über richtig und falsch zu unterscheiden, an. Der Kommunismus *war* falsch und *ist* untergegangen (naja… China… aber das ist eine andere Baustelle); aber er war nicht falsch, *weil* er untergegangen ist.

      2. Der Kommunismus hat darin versagt, seine Bevölkerungen auf kapitalistischem Niveau mit Konsumgütern zu versorgen.

      Sed contra: *Wenn* die kommunistische Gesellschaft tatsächlich gerechter *wäre*, *dann* wäre das sehr wohl den Verzicht auf Bananen und moderne Autos wert. Der Punkt ist, daß sie es *nicht ist*; aber wenn sie es *wäre*…

      3. Der Kommunismus ist gewissermaßen naturgesetzlich unmöglich, da die Menschen danach verlangen, einander auszustechen.

      Sed contra: Erstens ist das, wie schon Chesterton bemerkt hat, ein Argument von der Gier her, d. h. von schlechten Eigenschaften des Menschen (was die Beliebtheit in calvinistischen Kreisen erklären könnte, aber ich schweife ab). Zweitens wollen die Menschen das nicht unbedingt; sie sind nicht andauernd von Gier frei, aber das Verlangen nach einer gesicherten Zukunft in gewissem Wohlstand, mit dem sie dann aber auch zufrieden wären, ist nicht nur moralisch viel legitimer, sondern (außerhalb der USA?) auch mE viel verbreiteter. Drittens *könnte* man etwa durch Ordensverleihungen usw künstlich Anreize setzen.

      4. Der Kommunismus kann nicht funktionieren, weil Menschen in einem gesicherten Arbeitsverhältnis notwendig letztlich nichts mehr arbeiten werden; sie können ja nicht hinausgeworfen werden.

      Sed contra: Der real existierende Kommunismus hatte tatsächlich eine Produktion, die auch was produziert hat. Das Faulheitsbedürfnis des normalen Menschen hat nämlich Grenzen. Und als ultima ratio wird ein kommunistischer Staat selbstverständlich Arbeitsverweigerer mit den Mitteln des Strafrechts behandeln, wie es übrigens ein bestimmter Arbeitgeber auch in ganz gewöhnlichen Ländern tut, nämlich das Militär. Wird das nicht auch motivieren.]

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      1. Zu „er war nicht falsch, *weil* er untergegangen ist“: Ich weiß nicht. Dass eine Weltanschauung sich in der Weltgeschichte nicht durchsetzt, ist an sich kein Argument gegen sie; aber der Kommunismus war ja eine konkrete Anleitung für die politische Praxis und hat konkrete Vorhersagen gemacht. Wenn ich einer Anleitung zur Reparatur eines kaputten Geräts folge und das Gerät dann noch kaputter wird, ist das schon mal ein Hinweis darauf, dass die Anleitung falsch sein könnte.

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      2. Also daß es natürlich das von wegen „der Sozialismus war eine schöne Idee, nur falsch umgesetzt“ Unfug und gar nicht der Diskussion wert ist (auch wenn man es tatsächlich oft hört), setze ich als selbstverständlich voraus.

        Der Sozialismus muß ziemlich notwendig so ausschauen, wie er in der DDR oder der Sowjetunion ausgeschaut hat (allerdings nicht der unter Stalin).

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      3. >>Dass eine Weltanschauung sich in der Weltgeschichte nicht durchsetzt, ist an sich kein Argument gegen sie; aber der Kommunismus war ja eine konkrete Anleitung für die politische Praxis und hat konkrete Vorhersagen gemacht. Wenn ich einer Anleitung zur Reparatur eines kaputten Geräts folge und das Gerät dann noch kaputter wird, ist das schon mal ein Hinweis darauf, dass die Anleitung falsch sein könnte.

        Ja, aber *ist* das Gerät kaputter geworden?

        Objektiv, ja: objektiv natürlich schon.

        Von seinen eigenen Prinzipien ausgehend gesehen ist es dem Kommunismus durchaus *gelungen*, in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen.

        Wer sagt: Laßt uns das mit dem Kommunismus nochmal probieren, diesmal wird’s ganz anders als die DDR! – der redet Blödsinn.

        Wer aber sagt: „wir wollen unsere alte DDR wieder haben“, der hat offensichtlich eine *falsche* Entscheidung getroffen, Blödsinn aber redet er nicht unbedingt.

        Denn natürlich: eine kommunistische bzw. sozialistische Gesellschaft (ich gebrauche die Begriffe anders als die marxistische Doktrin austauschbar) ist eine solche mit allem, was dazu gehört; und etwas ganz anderes, als sich die Bohème des Westens so zusammenträumte.

        Es ist aber den Kommunisten tatsächlich gelungen, eine kommunistische Gesellschaft so, wie sie nur sein kann, aufzubauen. Also: staatliche Universalbürokratie unter Führung einer Klasse von Beamten (/Funktionären / Kadern); diese ist in einer kommunistischen Gesellschaft zwingend gegeben. Ferner ein weit altmodischeres und spießbürgerlicheres Gesellschaftssystem, als es der Westen für zu dem Zeitpunkt vorstellbar hielt, jeder nur auf seinem Platz, auf den er hingestellt sei; das ergibt sich fast zwingend daraus. Wenig Konsumgüter; aber doch genügend (hört man zumindest), daß die Leute überleben, die ihnen im Zweifelsfall zugeteilt werden. Keine Freiheit, ist ja auch viel zu anstrengend und könnte schiefgehen. (Die DDR-Bürger haben den wenigen, die in den Westen reisen durften, die Geschichten von Bettlern dort nicht geglaubt, weil sie das für Propaganda hielten; es war aber keine.) Und natürlich die unnachgiebige Verteidigung des Machtstellung der Kommunisten gegen Leute anderer Ansicht, so wie die Träger der *hier* herrschenden Weltanschauung ihre Machtstellung ebenfalls verteidigen und z. B. die Kommunisten verboten. So hat z. B. die DDR in den 1950ern, teilweise auch noch später, ihre Gegner wegen sog. „Boykotthetze“ von kommunistischen Gerichten verurteilen und gelegentlich auch hinrichten lassen(*). Ferner folgt dann aus der kommunistischen Lehre, daß irgendwie die Produktion ja gestemmt werden muß; also müßten das die unter kommunistischer Herrschaft befindlichen Menschen tun. Also dürfe und müsse man sie dazu zwingen. Da sie sich aber durch Auswandern entziehen könnten – zumal wenn es einen Staat gibt (Bundesrepublik), der sie gern aufnimmt – muß man ihnen das Auswandern verbieten und alle Maßnahmen treffen, die es verhindern. Einschließlich des Schießbefehls.

        Eine solche Gesellschaft hat der Kommunismus durchaus errichtet. Das alles steht und fällt mit der Frage, ob es eine *gute* ist; ist es nicht; deswegen ist es falsch.

        Wer den Kommunismus haben will, der will zugespitzt gesagt auch den Schießbefehl an der Mauer haben; daran kann es gar keinen Zweifel geben.

        Aber wer der theoretischen Ansicht ist, daß Menschen am besten in einem Gefängnis, mit festen Mahlzeiten, freilich mit Zellen in der Größe von Wohnungen und mit nicht allzu tyrannischen Wärtern (*) leben sollen und keinesfalls in so etwas Riskantem wie einem freien Land (**) – eine einem solchen Gefängnis gleichende Gesellschaftsordnung wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts tatsächlich errichtet. Insoweit war der kommunistische Versuch erfolgreich.

        [* *Nicht* kommunistisch waren hingegen die uns auch besonders perfide erscheinenden sog. „Zersetzungsmaßnahmen“ der Stasi ab etwa den 1970ern. Weil man sich das Verurteilen wegen Boykotthetze seltener bis nicht mehr traute, wollte man sich auf andere, scheinbar mildere, jedenfalls unmittelbar weniger schlechte Presse machende, da verborgene, Weise abhelfen. Aber Folter und langgestreckte Folter sind immer abscheulich – und das dürften allerdings auch die Kommunisten, die meisten wenigstens, so gesehen haben.

        Die Stasi, die sowas machte, *wurde* dann natürlich auch zu tyrannischen Gefängniswärtern. „Schlechter Umgang verdirbt gute Sitten“ heißt es in der Bibel; und schlechte eigene Taten erst recht.]

        [ ** Das ist die zugespitzte kommunistische Lehre; die meisten Menschen würden sich scheuen, ihr zuzustimmen, wenn sie so klar ausgesprochen wird. Ich halte es aber für durchaus möglich und sogar sehr wahrscheinlich, daß Menschen wenigstens im Gefühl, wenn auch nicht mit so klaren Worten, *tatsächlich* ein solches Gefängnis der Freiheit vorziehen.]

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      4. Aber genau das ist ja eine Gesellschaft, wie sie sich der theoretische Marxismus eben nicht vorgestellt hat. Das ist keine klassenlose Gesellschaft. Du sagst selbst, du verwendest „sozialistisch“ und „kommunistisch“ als austauschbare Begriffe, aber der Marxismus sieht das eben nicht so. Die Diktatur des Proletariats müsste vielleicht so aussehen wie die DDR, das könnte ein richtiger Kommunist vielleicht noch zugeben – aber sollte dann nicht zwangsläufig, weil die Geschichte ja laut Marx so ablaufen muss, irgendwann mal das kommunistische Paradies, die klassenlose Gesellschaft, kommen? Und die kam nicht.

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      5. „Die kam nicht“ – das ist richtig.

        Ich habe die Begriffe „sozialistisch“ und „kommunistisch“ bewußt austauschbar gebraucht. Weil: der Marxismus unterscheidet da nur, weil er mit „kommunistisch“ eben besagte Utopie meint, deren Bedeutung aber und insbesondere vom westlichen Salonkommunismus massiv übertrieben worden ist. Es ist halt eben eine Utopie; das sagen die Marxisten auch selbst. Sie sagen übrigens nicht, zumindest meines Wissens nicht, *wann* genau die kommt; und der kommunistische oder von mir aus sozialistische Menschenversuch in dieser Richtung zum Glück gestoppt worden ist (wenn wir von China, Kuba, Nordkorea und [?] Venezuela absehen).

        Ansonsten kann man den Kommunisten schon unterstellen, daß auch sie einen gewissen gesunden Menschenverstand hatten, mag er auch von Irrtümern gezeichnet und zu allerhand Skrupellosigkeiten in der Lage gewesen sein. Sie glaubten an den zukünftigen „Kommunismus“ im Sinne der Utopie, aber so nebenher, weil das ihr Gründer Marx gesagt hatte (so heißt es zumindest) und man als guter Kommunist das halt glaubte. Das waren keine prä-1970er Zeugen Jehovas.

        Einstweilen sagte entweder Chesterton oder Belloc an irgendeiner jetzt nicht auffindbaren Stelle sinngemäß „I say state ownership, not common ownership, for that is what it would, in practice, mean“ – und diese logische Tatsache haben durchaus auch die Kommunisten gesehen und danach gehandelt.

        Als faire Gegner sollten wir aus ihnen, obwohl sie à la manière religieuse strikt am ehrwürdigen Worte Marxens festhaltend auch ihre Utopien hochgehalten haben, nicht unterstellen, Traumtänzer gewesen zu sein, die sie nicht waren.

        Erich Honecker hat nach der Wiedervereinigung, falsch, aber subjektiv anzunehmenderweise ehrlich gesagt, die DDR habe gezeigt, daß der „Sozialismus möglich und besser sei als der Kapitalismus“ bzw. jene Art freier, zumindest im großen und ganzen dem Naturrecht gemäßer Gesellschaftsordnung, die er und seine Genossen den Kapitalismus zu nennen pflegten. – Insoweit der Sozialismus ein konkretes politisches Programm war, wurde er, natürlich mit Fehlern (Stalinscher Wahnsinn; Zersetzungsmaßnahmen statt offener Verfolgung der Gegner), tatsächlich umgesetzt.

        Wenn uns diese Gesellschaft nicht gefällt, dann liegt das daran, nicht daß sie unsozialistisch war, sondern daß der Sozialismus scheiße ist.

        Wenn sie aber manchen gefällt, dann liegt das vielleicht daran, daß sie die (halbwegs) kommode Knechtschaft dem Anspruch der Freiheit vorziehen, was ein moralischer Makel ist. (And there, but for the grace of God, goes Nepomuk.)

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    2. Eine gewisse Sympathie, ja, natürlich. Aber da ist man dann oft blind für die Fehler *in der kommunistischen Theorie* und bedauert nur die konkrete Umsetzung, was Unsinn ist, weil die Fehler des Kommunismus schon in der Theorie liegen (Leugnung irgendeines Rechts auf Privateigentum, allgemein Totalitarismus, falsches Geschichtsbild, Atheismus, Materialismus, usw….).

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  4. Du schreibst:

    „Atheisten wissen letztlich nicht, wieso sie an eine Menschenwürde für alle (oder fast alle) Menschen glauben, wenn sie es tun; es handelt sich um einen Glauben, der auf Sand gebaut ist.“

    Es gibt immer wieder Atheisten, die versuchen, eine Menschenwürde ohne Gott zu begründen. Carl Sagan kann man hier als Beispiel nennen:

    http://shamelesspopery.com/the-matrix/

    „I am a collection of water, calcium and organic molecules called Carl Sagan. You are a collection of almost identical molecules with a different collective label. But is that all? Is there nothing in here but molecules? Some people find this idea somehow demeaning to human dignity. For myself, I find it elevating that our universe permits the evolution of molecular machines as intricate and subtle as we.“

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