Ihr braucht keine Angst vor uns zu haben, wir sind inzwischen aufgeklärt!

Unter säkularen Menschen ist es ja relativ weit verbreitet, Religion – zumindest ein zu großes Maß an Religion – als den Grund für Gewalt, Krieg, Intoleranz und Unterdrückung in der Welt zu sehen. Nun finde ich es ehrlich gesagt komisch, dass sich diese Ansicht noch immer so hartnäckig hält, nachdem wir im 20. Jahrhundert ein so unglaubliches Maß an Gewalt im Namen ausdrücklich nicht-religiöser, sogar ausdrücklich anti-religiöser, Ideologien gesehen haben. Sorry, Leute, die Menschen werden nicht netter, wenn sie weniger religiös werden, das sollte man inzwischen gemerkt haben. Auch die vielen Beiträge der Religion zu Frieden oder Freiheit oder Nächstenliebe werden in dieser Weltsicht natürlich einfach übersehen (die Gottesfriedensbewegung im Mittelalter, die Abschaffung der Gladiatorenkämpfe oder das Verbot der Kindesaussetzung durch christliche römische Kaiser der Spätantike, der Abolitionismus des 18. und 19. Jahrhunderts, oder auch die Arbeit sämtlicher Orden seit der Zeit, da es Orden gibt, um nur ein paar Beispiele zu erwähnen). „Die“ Religion hat uns halt sowohl Mutter Teresa als auch Osama bin Laden beschert. Genau wie „die“ Politik uns Nelson Mandela und Hitler gebracht hat.

Okay, aber mir geht es heute eigentlich nicht um dieses grundsätzliche Vorurteil gegen „die“ Religion, sondern um eine bestimmte Verteidigung, die Sympathisanten oder Anhänger des Christentums manchmal vorbringen, nämlich dann, wenn es um die Gefährlichkeit einer anderen Religion, des Islam, geht. Ja, heißt es dann, Religion kann schon fundamentalistisch und fanatisch und gefährlich werden, deshalb muss sie durch einen Prozess der Aufklärung gehen. Das Christentum hat diesen Prozess aber schon durchgemacht. Klar war es im Mittelalter ganz furchtbar schlimm; aber inzwischen ist es aufgeklärt und damit ungefährlich. Der Islam dagegen hat diesen Prozess noch vor sich und ist nach wie vor fundamentalistisch und damit bedrohlich.

Mich als Katholikin stört diese Ansicht aus mehreren Gründen. Vor allem: Hier stecken viele implizite Verleumdungen gegenüber unseren Brüdern und Schwestern in Christo aus früheren Jahrhunderten drin. Die Leute, die zum Beispiel das Mittelalter für eine finstere Zeit des Fanatismus, der Unwissenheit und der Unterdrückung halten, haben meistens keine Ahnung vom realen Mittelalter.

Und was soll überhaupt „aufgeklärt“ heißen?

 

Mit diesem Wort könnte gemeint sein: „Diese Religion akzeptiert die Vernunft als Maßstab.“ Okay, also, das tun wir Katholiken seit zweitausend Jahren.

„Fünftens: Ich halte ganz sicher fest und bekenne aufrichtig, daß der Glaube kein blindes Gefühl der Religion ist, das unter dem Drang des Herzens und der Neigung eines sittlich geformten Willens aus den Winkeln des Unterbewußtseins hervorbricht, sondern die wahre Zustimmung des Verstandes zu der von außen aufgrund des Hörens empfangenen Wahrheit, durch die wir nämlich wegen der Autorität des höchst wahrhaftigen Gottes glauben, daß wahr ist, was vom persönlichen Gott, unserem Schöpfer und Herrn, gesagt, bezeugt und geoffenbart wurde.“ Das stammt aus dem Anti-Modernisten-Eid von 1910, der jahrzehntelang angehenden Priestern und Theologiedozenten vorgeschrieben war. „4. Man hat nicht das Recht, von einem Ungläubigen zu erwarten, daß er die Auferstehung unseres göttlichen Erlösers anerkennt, bevor man ihm sichere Beweise dafür geliefert hat, und diese Beweise sind durch schlußfolgerndes Denken abgeleitet. 5. In diesen verschiedenen Fragen geht die Vernunft dem Glauben voraus und muß uns zu ihm führen. 6. So schwach und dunkel auch die Vernunft durch die Ursünde geworden ist, [so] bleibt ihr trotzdem genügend Klarheit und Kraft, um uns mit Gewißheit zur Existenz Gottes, zur Offenbarung zu führen, die an die Juden durch Mose, an die Christen durch unseren anbetungswürdigen Gottmenschen ergangen ist.“ Aus den Straßburger Thesen von 1840, die der fideistische, der Vernunft kritisch gegenüberstehende Theologe Louis-Eugène Bautain auf Geheiß seines Bischofs unterschreiben musste. (Es ist so erfrischend, im „Denzinger“ zu stöbern. Wenn man sich mal nicht so fühlt, muss man nur das Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hrsg. v. Heinrich Denzinger, aufschlagen und schon wird es besser.)

Im Prolog des Johannesevangeliums heißt es: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist.“ (Johannes 1,1-3) Das altgriechische Wort für „Wort“ ist hier „logos“, was auch „Vernunft“ oder „Sinn“ bedeutet. Gott selbst wird in der Heiligen Schrift mit der Vernunft identifiziert. Wir glauben an einen Gott, der selbst vernünftig ist, und der uns unsere Vernunft geschenkt hat, damit wir an Seinem Wesen teilhaben können. Wir dürfen und sollen diese Vernunft gebrauchen, um Gott und die von Ihm geschaffene Welt zu verstehen. (Deshalb haben wir übrigens auch kein Problem mit der Anwendung der Vernunft in den empirischen Wissenschaften.)

Und die Vernunft wurde gerade im finsteren katholischen Mittelalter sehr hoch geschätzt. Man sehe sich allein die Universitäten an: Eine sehr häufige Lehrform dort war nicht die Vorlesung, sondern die Disputation. Eine philosophische oder theologische These wurde aufgestellt, Einwände dagegen wurden vorgebracht, dann ging es an Pro-Argumente und Widerlegungen der Einwände. Am Ende sollte ein für alle einsichtiges, klares, durch die Vernunft erzieltes Ergebnis stehen. Dagegen haben wir heute oft nicht mal mehr die Erwartung, dass Debatten zu für alle Teilnehmer nachvollziehbaren Ergebnissen führen. In Thomas von Aquins Summa Theologiae hat sich diese Lehrpraxis auch niedergeschlagen. Er beginnt mit den Einwänden der gegnerischen Position, und hat dabei den Anspruch, diese besser darzustellen, als der Gegner es selbst tut. „Es scheint, dass es keinen Gott gebe, weil…“ steht ziemlich am Anfang dieses mittelalterlichen theologischen Grundsatzwerks. Ja, mit der Reformation kam dann ein gewisser anti-intellektueller Impuls im Christentum zum Tragen, aber soweit ich weiß lehnt selbst der Protestantismus an sich die Vernunft nicht ab. In der Moderne bezweifeln dagegen viele, ob man sich auf die Vernunft überhaupt verlassen kann oder ob sie nicht doch nur eine Vorspiegelung des Gehirns ist. (Wenn das allerdings so wäre, könnte man nicht durch den Gebrauch der Vernunft zu der Überzeugung kommen, dass die Vernunft nur eine Vorspiegelung des Gehirns ist. Mit anderen Worten: Vielleicht ist ja alles Denken sinnlos und führt zu nichts, aber dann auch das Denken über die Sinnlosigkeit des Denkens.)

 

Mit diesem Wort könnte auch gemeint sein: „Diese Religion liest ihre heiligen Texte nicht wortwörtlich.“

Da haben wir allerdings wieder eine unsinnige Verallgemeinerung. Die unterschiedlichen Religionen haben sehr unterschiedliche religiöse Texte, die von ihrem Ursprung her nicht alle wörtlich, aber auch nicht alle nicht-wörtlich gemeint sind. Das Christentum hat außerdem nicht nur einen zentralen religiösen Text – wie der Islam –, sondern viele; die Bibel ist eine Sammlung aus Büchern, kein Buch. Einige davon sind historisch-wörtliche Berichte, andere nicht. Der Schöpfungsbericht der Genesis beispielsweise wurde übrigens auch schon von Augustinus nicht einfach wörtlich genommen (siehe auch https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/31/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-4-schoepfung-urknall-evolution-suendenfall-usw-zur-bedeutung-von-genesis-1-11/). Die Kirchenväter waren groß in der metaphorischen Interpretation der Bibel. Natürlich gab es in den letzten zwei Jahrhunderten durch neue archäologische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse auch noch einmal neue Erkenntnisse für die Bibelexegese; aber das heißt nicht, dass wir Katholiken unser Bibelverständnis dann erst grundsätzlich hätten korrigieren müssen.

Zudem sind auch Christen, die nach diesem Verständnis gar nicht „aufgeklärt“ sind – wie zum Beispiel eine sehr große Anzahl an amerikanischen Evangelikalen –, nicht so besonders bedrohlich. Sie versuchen vielleicht, Leute im Bus darauf anzusprechen, ob sie Jesus kennen, oder bauen eine lebensgroße Arche Noah in Kentucky nach (https://arkencounter.com/), aber sie zünden im Normalfall keine Bomben. Was ist also die Bedrohung an solcher Unaufgeklärtheit?

Wenn natürlich mit „Eine aufgeklärte Religion nimmt ihre heiligen Texte nicht wortwörtlich“ gemeint sein sollte „Eine aufgeklärte Religion nimmt ihre heiligen Texte nicht ernst“ – hey, dann zur Hölle mit der Aufklärung! Wir nehmen die Bibel da wörtlich, wo sie wörtlich gemeint ist, und da nicht wörtlich, wo sie nicht wörtlich gemeint ist, und wir nehmen sowohl ihre wörtlichen als auch ihre symbolischen Aussagen ernst.

 

Mit diesem Wort könnte auch gemeint sein: „Diese Religion akzeptiert die Demokratie.“ Okay, tun wir. Die Demokratie ist eine unter mehreren legitimen Staatsformen. (Die einzigen Staatsformen, die wir grundsätzlich ablehnen, sind Tyrannei, Totalitarismus (jeder Totalitarismus ist eine Tyrannei, aber nicht jede Tyrannei ist totalitaristisch – man denke an die klassische Militärdiktatur, die sich nicht um Ideologie kümmert) und Anarchie.)

 

Mit diesem Wort könnte auch gemeint sein: „Diese Religion will sich nicht gewaltsam ausbreiten und akzeptiert die Religionsfreiheit und die Trennung von Kirche und Staat.“

Na ja, das Christentum breitet sich grundsätzlich nicht gewaltsam aus. In den ersten drei Jahrhunderten des Christentums wurden die Christen sehr häufig für ihren Glauben getötet, sie töteten jedoch nicht für ihn. Das Prinzip, dass die Leute nur freiwillig zum Glauben kommen können und dass daher etwa Zwangstaufen ungültig sind, wurde von der Kirche auch  immer hochgehalten. Noch einmal einige Stellen aus dem Denzinger:

  • Wer in aufrichtiger Absicht Außenstehende zur christlichen Religion, zum rechten Glauben führen möchte, muß sich mit einnehmenden, nicht mit harten Worten darum bemühen, daß nicht die, deren Geist die Angabe einer klaren Begründung hätte herbeirufen können, Feindseligkeit weit fort treibt. Denn alle, die anders handeln und sie unter diesem Deckmantel von der gewohnten Pflege ihres Ritus abbringen wollen, von denen wird deutlich, dass sie mehr ihre eigenen Sachen als die Gottes betreiben. Es haben sich nämlich Juden, die in Neapel wohnen, bei Uns beklagt und behauptet, daß einige sich unvernünftigerweise darum bemühten, sie an bestimmten Feiern ihrer Feste zu hindern und es ihnen ja nicht zu erlauben, die Feiern ihrer Festlichkeiten so zu begehen, wie es ihnen bis jetzt und ihren Vorfahren vor langen Zeiten erlaubt war, sie zu beachten oder zu begehen. Wenn es sich aber in Wahrheit so verhält, so scheinen sie ihre Mühe auf etwas Überflüssiges zu verwenden. Denn was bringt es für einen Nutzen, wenn es, auch wenn man es ihnen entgegen langdauernder Gewohnheit verbietet, ihnen für den Glauben und die Bekehrung nichts nützt? Oder warum setzen wir für die Juden Regeln fest, wie sie ihre Feierlichkeiten begehen sollen, wenn wir sie dadurch nicht gewinnen können? Man muß also bewirken, daß sie vielmehr, durch Milde und Vernunft herbeigerufen, uns folgen, nicht fliehen wollen, damit wir sie, indem wir ihnen aus ihren Schriften beweisen, was wir sagen, mit Gottes Hilfe zum Schoß der Mutter Kirche bekehren können. Deshalb soll Deine Brüderlichkeit sie mit Ermahnungen, soweit sie es mit Gottes Hilfe vermag, zur Bekehrung anfeuern und nicht noch einmal zulassen, daß sie wegen ihrer Feierlichkeiten beunruhigt werden; vielmehr sollen sie die uneingeschränkte Erlaubnis haben, alle ihre Feierlichkeiten und Feste so zu beachten und zu feiern, wie sie es bisher … hielten.“ (Hl. Papst Gregor der Große, Brief „Qui sincera“ an Bischof Paschasius von Neapel, Nov. 602)
  • In bezug auf diejenigen aber, die sich weigern, das Gut des Christentums anzunehmen, … können Wir Euch nichts anderes schreiben, als daß Ihr sie zum rechten Glauben mehr durch Ermahnungen, Ermunterungen und Belehrung als durch Gewalt überzeugen sollt, daß sie eitel denken. … Ferner darf ihnen, damit sie glauben, keinesfalls Gewalt angetan werden. Denn alles, was nicht aus eigener Absicht kommt, kann nicht gut sein [angeführt wird Ps 54,8; 119,108; 28,7]; Gott gebietet nämlich, daß freiwilliger Gehorsam, und nur von Freiwilligen geleistet werde: Denn hätte er Gewalt anwenden wollen, hätte seiner Allmacht keiner widerstehen können.(Papst Nikolaus I., Brief „Ad consulta vestra“ an die Bulgaren, 13. Nov. 866. (Im selben Brief verurteilt der Papst übrigens auch die Folter. Ja, im Jahr 866. Schlagt es nach.))
  • Auch wenn Wir nicht daran zweifeln, daß aus dem Eifer der Frömmigkeit hervorgeht, dass Euer Hochwohlgeboren anordnet, die Juden zum Kult der Christenheit hinzuführen, hielten Wir es dennoch, weil Du dies in ungebührlichem Eifer zu betreiben scheinst, für notwendig, Dir zur Ermahnung Unseren Brief zu senden. Unser Herr Jesus Christus hat nämlich, wie man liest, keinen gewaltsam zu seinem Dienst gezwungen, sondern durch demütige Ermahnung – wobei einem jeden die Freiheit der eigenen Entscheidung vorbehalten blieb – alle, die er zum ewigen Leben vorherbestimmte, nicht durch Richten, sondern durch Vergießen seines eigenen Blutes vom Irrtum zurückgerufen.Desgleichen untersagt der selige Gregor in einem seiner Briefe, daß ebendieses Volk mit Gewalt zum Glauben gezerrt werde.“ (Papst Alexander II., Brief „Licet ex“ an Fürst Landulf von Benevent, 1065)
  • Wenn sie [die Juden] also auch lieber in ihrer Verhärtung verharren wollen als die Weissagungen der Propheten und die Geheimnisse des Gesetzes erkennen und zur Kenntnis des christlichen Glaubens gelangen, so treten Wir, da sie dennoch die Hilfe Unserer Verteidigung erbitten, aufgrund der Sanftmut der christlichen Frömmigkeit in die Fußstapfen Unserer Vorgänger seligen Angedenkens, der Römischen Bischöfe Calixtus [II.], Eugen [III.], Alexander [III.], Clemens [III.] und Cölestin [III.], schenken ihrem Gesuch Gehör und gewähren ihnen den Schild Unseres Schutzes. Wir ordnen nämlich an, daß kein Christ sie mit Gewalt nötige, widerstrebend oder gegen ihren Willen zur Taufe zu kommen; wenn aber einer von ihnen freiwillig um des Glaubens willen seine Zuflucht zu den Christen nimmt, so soll er, nachdem sein Wille eröffnet worden ist, ohne jede Schmähung Christ werden. Denn man glaubt nicht, daß [jener] den wahren Glauben der Christenheit hat, von dem man weiß, daß er nicht aus eigenem Willen, sondern widerwillig zur Taufe der Christen kommt.(Papst Innozenz III., Konstitution „Licet perfidia Iudaeorum“, 15. Sept. 1199)
  • Die Kirche hatte für Erwachsenentaufen übrigens immer auch Mindestvoraussetzungen auf der Seite des Getauften festgelegt: Frage: Ist der Spender, bevor einem Erwachsenen die Taufe gewährt wird, gehalten, ihm alle Geheimnisse unseres Glaubens zu erklären, insbesondere wenn er im Sterben liegt, da dies seinen Geist verwirren würde? Oder würde es nicht genügen, wenn der Sterbende verspräche, er werde, sobald er von der Krankheit genese, dafür sorgen, daß er unterrichtet werde, damit er in die Tat umsetze, was ihm vorgeschrieben wurde? Antwort: Das Versprechen genügt nicht, sondern der Missionar ist gehalten, dem Erwachsenen, auch wenn er im Sterben liegt, falls er noch irgendwie aufnahmefähig ist, die Geheimnisse des Glaubens zu erklären, die mit der Notwendigkeit eines Mittels [heils-]notwendig sind, als da sind hauptsächlich die Geheimnisse der Dreifaltigkeit und der Fleischwerdung.“ (Antwort des Hl. Offiziums (heute Kongregation für die Glaubenslehre) an den Bischof von Quebec, 25. Jan. 1703) Sie erließ mehrmals ausdrückliche Bestimmungen dagegen, dass überbesorgte Missionare Sterbende tauften, die nicht genau wussten, was es mit der Taufe auf sich hatte oder nicht wirklich getauft werden wollten: Frage: Kann ein Missionar einem erwachsenen Mohammedaner, dem man unterstellt, daß er sich in gutem Glauben in seinen Irrtümern [befindet], im Augenblick des Todes die Taufe spenden: 1. Wenn er noch volles Wahrnehmungsvermögen besitzt und er ihn nur zum [Reue-]Schmerz und zur Zuversicht ermahnt, ohne überhaupt über unsere [Glaubens]geheimnisse zu reden, aus Furcht, er werde ihnen nicht glauben? 2. Wenn er ihm, was für ein Wahrnehmungsvermögen auch immer er besitze, nichts sagt, da man einerseits unterstellt, ihm fehle die Reue nicht, andererseits aber, es sei nicht klug, mit ihm über unsere [Glaubens]geheimnisse zu reden? 3. Wenn er das Wahrnehmungsvermögen schon verloren hat und er ihm überhaupt nichts sagt? Antwort (vom Papst am 1. April bestätigt): Zu 1 und 2. Nein, d. h., es ist nicht erlaubt, solchen Mohammedanern … entweder absolut oder bedingt die Taufe zu spenden; und es sollen gegeben werden die Dekrete des Hl. Offiziums an den Bischof von Quebec vom 25. Jan. und 10. Mai 1703 und die Instruktion des Hl. Offiziums an den Apostolischen Vikar von Tche-Kiang vom 1. Aug. 1860. Zu 3. Was die sterbenden und der Sinne schon beraubten Mohammedaner betrifft, so ist zu antworten wie in dem Dekret des Hl. Offiziums vom 18. Sept. 1850 an den Bischof von Perth, nämlich: ‚Wenn sie zuvor Zeichen gegeben haben, daß sie getauft werden wollen, oder im gegenwärtigen Zustand entweder durch einen Wink oder auf eine andere Weise ebendiese Voraussetzung zu erkennen gegeben haben, können sie bedingungsweise getauft werden, insofern jedoch der Missionar in Anbetracht aller Umstände umsichtig so entscheidet.’“ (Antwort des Hl. Offiziums vom 30. März 1898)

Gab es Zwangstaufen im Lauf der Geschichte? In seltenen Fällen, ja. Bei Karl dem Großen, der die Sachsen besiegte und sie zur Taufe zwang. Auch im Lauf diverser mittelalterlicher Judenpogrome kam es zu Zwangstaufen, die dann der Anlass für die oben zitierten päpstlichen Erlasse gegen Zwangstaufen waren. Ansonsten – nein, ansonsten wären mir keine Fälle bekannt. Bei der Mission in Amerika oder Afrika? Nein, das gab es dort nicht.

Der Katholizismus kennt auch kein Prinzip des heiligen Krieges zur Religionsausbreitung. (Er kennt lediglich das Prinzip des gerechten Krieges: Ein Krieg ist dann gerecht, wenn aus gerechtem Grund erfolgt (z. B. Verteidigung gegen einen Angreifer), mit gerechter Absicht geführt wird (etwa um sich zu verteidigen, nicht, um dann auch noch das feindliche Volk auszurotten), mit gerechten Mitteln geführt wird (also z. B. keine Bomben auf Zivilisten), nur als letztes mögliches Mittel (ultima ratio) begonnen wird; und dann noch paar andere Bedingungen erfüllt sind.)

Was ist mit den Kreuzzügen? Die Kreuzzüge waren gar keine Kriege zur Ausbreitung der eigenen Religion (wenn sie es gewesen wären, könnte man immer noch mit der Verteidigung „die Christen haben sich eben nicht immer an ihre Lehre gehalten“ kommen, aber sie waren es nicht). Sie waren Kriege zur Verteidigung gegen Angehörige einer anderen Religion, die die eigenen heiligen Stätten erobert und teilweise zerstört hatten und nun Pilger angriffen und zu einer ernsthaften Bedrohung für Glaubensgenossen wurden. Der erste Kreuzzug wurde von Papst Urban II. ausgerufen, nachdem der oströmische Kaiser Alexios Komnenos den Westen um Hilfe gegen die angreifenden Seldschuken (die heutigen Türken) gebeten hatte, die bereits in der Nähe von Konstantinopel standen und längst auch schon Jerusalem beherrschten, wo sie die Grabeskirche verwüstet hatten. Oh, während der Kreuzzüge gab es sicher auch viel Fanatismus und Grausamkeit. Aber sie waren kein Dschihad, genauso, wie der „War on Terror“ manchmal grausam ist und mit verkehrten Mitteln geführt wird, aber kein Dschihad ist. Bei den Kreuzzügen wurden keine Muslime zwangsbekehrt; auch die fanatischsten Kreuzzügler wollten einfach nur an die heiligen Stätten in Jerusalem.

Was ist mit der Ketzerverfolgung in Mittelalter und früher Neuzeit? Besseres Argument. Bevor ich darauf im Detail eingehe, sollte ich wahrscheinlich erst noch auf die grundsätzliche katholische Sicht auf die „Trennung von Staat und Kirche“ und die Religionsfreiheit eingehen.

Anders als eine gewisse andere Religion, deren Gründer auch gleichzeitig ihr erster weltlicher Anführer war, hat das Christentum den Bereich des Weltlichen und den des Religiösen bekanntlich nie einfach in eins gesetzt. So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ (Matthäus 22,21) „Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Königtum von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Nun aber ist mein Königtum nicht von hier.“ (Johannes 18,36) Nach den Bibelzitaten wieder Papst-Zitate aus dem Denzinger:

  • Zwei sind es nämlich, von denen diese Welt vornehmlich regiert wird, die geheiligte Autorität der Bischöfe und die königliche Gewalt; unter diesen wiegt die Last der Priester umso schwerer, als sie bei dem göttlichen Gericht auch für die Könige der Menschen selbst Rechenschaft ablegen werden. Du weißt nämlich, gütigster Sohn, daß Du zwar durch Deine Würde dem Menschengeschlecht vorstehst, Du unterwirfst Dich jedoch demütig den Vorstehern der göttlichen Dinge und erbittest von ihnen die Ursachen Deines Heiles; und Du erkennst, daß Du beim Empfang der himmlischen Sakramente und ihrer gehörigen Verwaltung nach der Ordnung der Religion eher untertan sein mußt als vorstehen. Du weißt also, daß in diesem Bereich Du vom Urteil jener abhängst, aber nicht willst, daß jene Deine mWillen unterworfen sind. Wenn nämlich, was die Ordnung der öffentlichen Verfassung angeht, auch die Vorsteher der Religion selbst erkennen, daß Dir die Herrschaft auf Anordnung von oben übertragen wurde, und deshalb Deinen Gesetzen gehorchen, um nicht einmal in den weltlichen Dingen den Anschein zu erwecken, sie widerstünden … einer ausgeschlossenen Entscheidung, mit welcher Hingabe, frage ich Dich, ziemt und gebührt es sich dann, denen zu gehorchen, die für die Austeilung der ehrwürdigen Geheimnisse bestimmt sind? (Papst Gelasius I., Brief „Famuli vestrae pietatis“ an Kaiser Anastasius I., 494)
  • Wir wollen aber die Ehrenstellung des Kaisers mit der Ehrenstellung des Bischofs vergleichen; zwischen ihnen besteht ein solch großer Abstand, als jener für die menschlichen Dinge Sorge trägt, dieser für die göttlichen. Du, Kaiser, empfängst vom Bischof die Taufe, erhältst die Sakramente, forderst das Gebet, erhoffst die Segnung, erbittest die Buße. Schließlich verwaltest Du das Menschliche, jener gewährt Dir das Göttliche. Deshalb ist die Ehrenstellung, um nicht zu sagen: höher, so doch sicherlich gleich. … Ich bitte Dich, Kaiser – sei mir nicht böse! –, gedenke, daß Du ein Mensch [bist], auf dass Du die Dir von Gott verliehene Vollmacht gebrauchen kannst; denn auch wenn dies nach menschlichem Urteil geschehen ist, muß es [doch] in göttlichem Gericht geprüft werden. Vielleicht wirst Du sagen, es stehe geschrieben: wir müssen jeder Gewalt untertan sein [vgl. Tit 3,1]. Wir anerkennen freilich die menschlichen Gewalten an ihrem Platz, solange sie nicht ihren Willen gegen Gott erheben. Wenn im übrigen jede Gewalt von Gott ist, so noch mehr, die den göttlichen Dingen vorangestellt ist. Erweise Gott in uns [die Ehre], und wir erweisen Gott in Dir [die Ehre]. (Papst Symmachus, Brief „Ad augustae memoriae“ an Kaiser Anastasius I., zwischen 506 und 512)

Kurz gesagt: Es gibt die kirchliche Autorität, die sich um die kirchlichen Dinge (Sakramentenpastoral, Dogmenverkündigung, Priesterausbildung, etc.) kümmert, und die weltliche Autorität, die sich um die weltlichen Dinge (Rechtsprechung, Infrastruktur, Sozialhilfe etc.) kümmert. Im frühen Mittelalter ergab es sich durch die chaotische Situation, in der Westeuropa sich befand, dass Bischöfe dort auch immer mehr weltliche Aufgaben übernahmen und schließlich auch zu Landesfürsten wurden, also beide Aufgabenbereiche in einer Person vereinigten, was sich lange Zeit hielt. Das ist jedoch nicht unbedingt ideal nach der Theorie von der zweifachen Gewalt auf Erden (Zwei-Schwerter-Lehre); und selbst dabei wurden die beiden Aufgabenbereiche immer noch unterschieden.

Aber: Alle diese Texte oben erwähnen auch, dass weltliche und geistliche Autorität im Endeffekt von Gott ausgehen. Die Tatsache, dass ab der Spätantike das Christentum in vielen Ländern öffentlich als wahr anerkannt wurde und Gesetze im Sinne des Christentums geändert wurden, stellt nicht automatisch eine unzulässige Vermischung von kirchlichem und weltlichem Bereich dar; die Konstantinische Wende war kein Sündenfall des Christentums, wie selbst manche Christen heute denken. Ich erwähnte in diesem Zusammenhang schon, dass christliche römische Kaiser zum Beispiel die Kindesaussetzung unter Strafe stellten und die Gladiatorenkämpfe abschafften. Natürlich war das gut.

Eine bestimmte Definition von „Trennung von Kirche und Staat“ lehnen wir Katholiken nämlich ab. Wenn damit gemeint ist, dass Christen – oder überhaupt religiöse Menschen – anders als nicht religiöse Menschen ihre Überzeugungen zu öffentlichen Angelegenheiten nicht äußern und sich politisch für sie einsetzen dürften, sondern allenfalls im stillen Kämmerlein ihre Gebete sprechen dürften, dann lehnen wir das ab. Ja, religiöse Überzeugungen haben im öffentlichen Raum etwas zu suchen. Wir sind davon überzeugt, dass das Leben aller Menschen wertvoll ist, also werden wir natürlich gegen Euthanasie oder Abtreibung sein. Wir sind für Solidarität und Subsidiarität, also sind wir natürlich für eine soziale Marktwirtschaft. Wir sehen die Wichtigkeit der Familie, also sind wir natürlich für ihre Unterstützung durch den Staat. Man könnte das einfach so ausdrücken, dass wir Katholiken glauben, dass die Moral für alle gilt und dass auch im öffentlichen Raum eine gewisse grundlegende Gerechtigkeit herrschen sollte. (Natürlich ist es mit der Moral so, dass man auch als Nichtkatholik grundsätzlich erkennen kann, was recht und unrecht ist. Der katholische Fachbegriff dafür nennt sich „Naturrecht“ (siehe auch hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/12/02/woher-wissen-wir-was-richtig-und-was-falsch-ist/).)

Jetzt zur Religionsfreiheit. Ich habe oben Lehrschreiben aus dem Mittelalter zitiert, die Zwangstaufen verbieten und dieses Verbot auch ausführlich begründen: Der Glaube ist seinem Wesen nach etwas Freiwilliges, Gott will, dass die Leute freiwillig zu ihm kommen, usw. usf. Aber trotzdem finden sich im Lauf der Kirchengeschichte auch kirchliche Lehrschreiben, die dem Begriff der „Religionsfreiheit“ sehr kritisch gegenüberstehen, vor allem im 18. und 19. Jahrhundert, während und nach der französischen Revolution (die einerseits Religionsfreiheit proklamierte und dann Priester, Mönche und Nonnen – etwa die Karmelitinnen von Compiègne – guillotinierte, aber das ist ein Thema für sich).

Papst Pius VI. etwa, der zur Zeit der Revolution auf dem Stuhl Petri saß und kurz vor seinem Tod noch von französischen Truppen nach Frankreich verschleppt wurde, schreibt in seinem Breve „Quod Aliquantum“ von 1791 (von mir übersetzt aus einer im Internet gefundenen englischen Übersetzung; auf der Website des Vatikans findet sich das Breve leider nur auf Italienisch): „Zu diesem Zweck stellt sie [die französische Nationalversammlung] als ein Recht des Menschen in der Gesellschaft diese absolute Freiheit auf, die nicht nur das Recht sicherstellt, gegenüber religiösen Meinungen indifferent zu sein, sondern auch die völlige Erlaubnis gibt, in religiösen Dingen frei zu denken, zu sprechen, zu schreiben und sogar zu drucken, was auch immer man wünscht – selbst die verdorbensten Vorstellungen. Es ist ein monströses Recht, von dem die Versammlung allerdings behauptet, es resultiere aus der Gleichheit und den natürlichen Freiheiten aller Menschen. Aber was könnte weniger klug sein, als unter den Menschen diese Gleichheit und diese unkontrollierte Freiheit aufzurichten, die jede Vernunft erstickt, das wertvollste Geschenk, das die Natur dem Menschen gegeben hat, das eine, das ihn von den Tieren unterscheidet? [Der Papst schreibt über die göttlichen Gebote, die dem Menschen von Beginn an auferlegt wurden] Können wir die Tatsache ignorieren, dass der Mensch nicht für sich allein geschaffen wurde, sondern um seinem Nächsten hilfreich zu sein?“

Oder da wäre auch Gregor XVI., der in seiner ersten Enzyklika „Mirari vos“ von 1832 schreibt: „Aus dieser modrigen Quelle der Gleichgültigkeit, die den Glauben betrifft, fließt jene törichte und falsche Ansicht, die man besser als Wahnsinn bezeichnet, für jeden die Gewissensfreiheit zu fordern und zu verteidigen. Der Wegbereiter für diesen überaus verderblichen Irrtum ist diese vollkommen übermäßige Meinungsfreiheit, die auf weiten Gebieten zum Verderben der Kirche und des Staates verbreitet ist. Einige behaupten hierbei mit großer Unverschämtheit, daß sich daraus Vorteile für die Religion ergeben. Der heilige Augustinus sagt dagegen, was ist tödlicher für die Seele, als die Freiheit des Irrtums! Wenn jeder Zaum entfernt wird, durch welchen die Menschen auf den Pfaden der Wahrheit geführt werden, und dadurch ihre zum Bösen geneigte Natur in die Tiefe stürzt, sehen wir den geöffneten Abgrund der Hölle, aus dem der Apostel Johannes den Rauch aufsteigen sah, der die Sonne verdunkelte und aus dem Heuschrecken hervorgingen, die sich über die gesamte Erde verbreiteten, um sie zu verwüsten. Aus diesem Irrtum entstammt die Wandlung der Gesinnungen, die zur Verderbnis der Jugend führen, aus dem die Verachtung des Volkes gegenüber der Religion sowie der heiligsten Dinge und Gesetze hervorgeht und aus dem die Worte der Pest kommen, die für das öffentliche Gemeinwesen tödlicher sind, als alles andere. Die Erfahrung bezeugt, was seit ältester Zeit bekannt ist. Staaten, die durch Reichtum, Macht und Ruhm aufblühten, sind an diesem einem Übel zugrunde gegangen, das sich in der übermäßigen Meinungsfreiheit, der Redefreiheit und der Sucht nach Neuerungen äußert. Hierher gehört auch die von Grund auf schlechte, niemals ausreichend verurteilte abscheuliche Freiheit der Buchdruckerkunst, um alle möglichen Schriften unter das Volk zu bringen. Diese Freiheit wird von vielen eifrig und mit lauter Stimme gefordert und gefördert. Entsetzt müssen Wir sehen, mit welchen Ungeheuern von Lehrern, besser ausgedrückt, mit welchen Schreckgestalten von Irrtümern wir überschüttet werden. Überall wird eine gewaltige Menge an Büchern, Schriften und Broschüren verbreitet, deren Umfang zwar klein ist, die Bosheit jedoch übergroß daraus hervorgeht, aus denen Wir mit tränenden Augen den Fluch sehen müssen, der sich über die gesamte Erde ausbreitet. Bedauerlicherweise gibt es Leute, die sich von ihrer Unverschämtheit so weit fortreißen lassen, daß sie starrsinnig behaupten, die aus der Pressefreiheit hervorgehende Flut an Irrtümern würde in ausreichender Weise durch irgendein Buch aufgewogen werden, das in diesem großen Sturm von Schlechtigkeiten zur Verteidigung der Religion und der Wahrheit herausgegeben wird. In Wirklichkeit ist es frevelhaft und gegen jedes Recht, absichtlich ein offenkundiges und größeres Übel zu vollbringen, in der Hoffnung, daß daraus etwas Gutes entstehen könnte. Welcher vernünftige Mensch würde behaupten, daß Gifte frei verbreitet sowie öffentlich verkauft und angeboten, ja sogar getrunken werden dürfen, weil damit ein Heilmittel zur Verfügung steht, durch dessen Gebrauch gelegentlich jemand vor dem Untergang gerettet werden könnte?

Die beiden Dinge, die Pius VI. und Gregor XVI. hier vor allem ablehnen, sind also erstens die Auffassung, es wäre moralisch richtig, zu glauben, was immer man will, man müsste sich nicht um die Erkenntnis der Wahrheit bemühen, da alle Religionen sowieso im Grunde gleich wären – die Idee der Religionsfreiheit war in ihren Tagen von Grund auf verbunden mit der Idee des religiösen Indifferentismus –, und zweitens die vollkommen uneingeschränkte Freiheit, Meinungen zu verbreiten, auch solche, die dem Gemeinwohl schaden könnten.

Zum Vergleich damit die Erklärung Dignitatis Humanae des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Religionsfreiheit: „Fürs erste bekennt die Heilige Synode: Gott selbst hat dem Menschengeschlecht Kenntnis gegeben von dem Weg, auf dem die Menschen, ihm dienend, in Christus erlöst und selig werden können. Diese einzige wahre Religion, so glauben wir, ist verwirklicht in der katholischen, apostolischen Kirche, die von Jesus dem Herrn den Auftrag erhalten hat, sie unter allen Menschen zu verbreiten. Er sprach ja zu den Aposteln: ‚Gehet hin, und lehret alle Völker, taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie alles halten, was ich euch geboten habe’ (Mt 28,19-20). Alle Menschen sind ihrerseits verpflichtet, die Wahrheit, besonders in dem, was Gott und seine Kirche angeht, zu suchen und die erkannte Wahrheit aufzunehmen und zu bewahren. In gleicher Weise bekennt sich das Konzil dazu, daß diese Pflichten die Menschen in ihrem Gewissen berühren und binden, und anders erhebt die Wahrheit nicht Anspruch als kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt. Da nun die religiöse Freiheit, welche die Menschen zur Erfüllung der pflichtgemäßen Gottesverehrung beanspruchen, sich auf die Freiheit von Zwang in der staatlichen Gesellschaft bezieht, läßt sie die überlieferte katholische Lehre von der moralischen Pflicht der Menschen und der Gesellschaften gegenüber der wahren Religion und der einzigen Kirche Christi unangetastet. Bei der Behandlung dieser Religionsfreiheit beabsichtigt das Heilige Konzil, zugleich die Lehre der neueren Päpste über die unverletzlichen Rechte der menschlichen Person wie auch ihre Lehre von der rechtlichen Ordnung der Gesellschaft weiterzuführen. […] Das Vatikanische Konzil erklärt, daß die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, daß alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so daß in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen – innerhalb der gebührenden Grenzen – nach seinem Gewissen zu handeln. Ferner erklärt das Konzil, das Recht auf religiöse Freiheit sei in Wahrheit auf die Würde der menschlichen Person selbst gegründet, so wie sie durch das geoffenbarte Wort Gottes und durch die Vernunft selbst erkannt wird. Dieses Recht der menschlichen Person auf religiöse Freiheit muß in der rechtlichen Ordnung der Gesellschaft so anerkannt werden, daß es zum bürgerlichen Recht wird. […] Es geschieht also ein Unrecht gegen die menschliche Person und gegen die Ordnung selbst, in die die Menschen von Gott hineingestellt sind, wenn jemandem die freie Verwirklichung der Religion in der Gesellschaft verweigert wird, vorausgesetzt, daß die gerechte öffentliche Ordnung gewahrt bleibt.“ (http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_decl_19651207_dignitatis-humanae_ge.html)

Also: Das 2. Vatikanum spricht weiter von einer moralischen Verpflichtung, die Wahrheit zu suchen. Es sagt auch weiterhin, dass die Freiheit in einer Gesellschaft unter Umständen Grenzen haben kann. Aber aufgrund der wichtigen Rolle, die die katholische Lehre traditionell schon dem menschlichen Gewissen und der Würde des Einzelnen zuschreibt, wird der Begriff „Religionsfreiheit“ ansonsten deutlich positiver bewertet als in älteren Dokumenten.

Jeder Mensch hat ein Gewissen, und spürt die Verpflichtung, ihm zu folgen. Das Gewissen kann mal irren, vielleicht, weil man mit einer falschen Ideologie indoktriniert wurde, oder weil man es jahrelang unterdrückt und sich selbst belogen hat. Aber deswegen muss ein Mensch seinem Gewissen trotzdem folgen, und es bedeutet einem Menschen Gewalt anzutun, wenn man ihn daran hindert, seinem Gewissen zu folgen, weshalb das nur bei äußerster Notwendigkeit erlaubt sein kann. Soll heißen: Ein Staat darf einen Islamisten, der versucht hat, aus einer von ihm empfundenen falschen Gewissensverpflichtung einen Anschlag zu begehen, einsperren; ein Staat darf nicht versuchen, einen Islamisten mit Gewalt zu zwingen, gegen sein irrendes Gewissen ein Bekenntnis zu Pluralismus, Religionsfreiheit und Toleranz zu unterschreiben. Ersteres ist für den Schutz der Allgemeinheit nötig, letzteres nicht. Ein Staat darf Terrorpropaganda verhindern, ein Staat darf aber nicht Gedankenpolizei spielen.

Interessanterweise steht die Position der heutigen Linken („XYZ ist geistige Brandstiftung“, „XYZ darf man keine Bühne bieten“, „keine Toleranz den Intoleranten“) übrigens der eines Pius oder Gregor relativ nahe, jedenfalls näher als der eines Voltaire. Die reine Lehre der klassischen Liberalen der Aufklärungszeit wird zwar auch heute von manchen Menschen noch hochgehalten, speziell von den heutigen Rechten und speziell auch in den USA, wo etwa Holocaustleugnung kein Straftatbestand ist und man legal Naziflaggen schwenken darf. Der Rest der Welt fühlt sich aber mittlerweile irgendwie unwohl mit totaler Meinungsfreiheit. Wir haben auch hier in Deutschland keine totale Meinungsfreiheit: Beleidigung oder Volksverhetzung oder Unterstützung einer terroristischen Vereinigung sind Straftaten.

Jetzt konkret zur mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ketzerverfolgung. Erst einmal sollte man sich vielleicht populäre Vorstellungen zu Opferzahlen und Verfahrensweisen aus dem Kopf schlagen; der Inquisitor in dunkler Kapuze, der mit einem finsteren Lächeln am Rad der Streckbank dreht, nachdem der Angeklagte schon seit zehn Stunden gefoltert wird, und so. Dieses Geschichtsbild beruht auf englischer Propaganda aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Aber ja, natürlich, es gab Ketzerprozesse im Mittelalter und der Frühen Neuzeit, ja, manchmal wurden für schuldig befundene Häretiker „dem weltlichen Arm übergeben“, der dann die Hinrichtung vollstreckte (die Kirche stellte fest, ob jemand ein Ketzer war; der Staat legte die Strafe für Ketzerei fest und vollzog sie). Ja, einige Leute wurden damals verbrannt (oder geköpft, oder gehängt, oder was auch immer). Es gab auch ein paar heftigere Verfolgungswellen, vor allem den „Kreuzzug“ gegen die Albigenser (Katharer) in Südfrankreich im 13. Jahrhundert.

Das Mittelalter war eine brutale Zeit; ich bewundere einige Dinge am Mittelalter, aber das muss man leider sagen, es war eine brutale Zeit. Kriege waren häufig, die Todesstrafe war Standard. Wenn ein Thomas von Aquin Ketzerei mit Münzfälschung vergleicht und ganz selbstverständlich erwähnt, dass beides mit dem Tod bestraft wird, dann denken wir uns vermutlich eher so was wie: Waaas, für Münzfälschung gab es die Todesstrafe? Man hatte eben für Dinge, die nach Ansicht der damaligen Menschen die gesellschaftliche Ordnung unterminierten, nicht viel Milde übrig, und dazu gehörte die Ketzerei, da die ganze Gesellschaft auf dem katholischen Glauben beruhte. Man war zwar bereit, gewisse ungetaufte Außenseiter wie die Juden (oder einige übrig gebliebene Heiden, oder in manchen Gebieten Muslime) als Außenseiter zu dulden, für die eigene Regeln galten und die nicht so richtig zur Gesellschaft dazugehörten, aber innerhalb der Christenheit, unter den bereits Getauften, duldete man keine Abweichungen. Tatsächlich schadeten manche Häresien der Gesellschaft auch schon auf konkrete Weise, als man begann, sie zu verfolgen, da ihre Anhänger sich zum Beispiel weigerten, Eide zu schwören oder Kriegsdienst zu leisten; man könnte die Albigenser in etwa mit den heutigen Reichsbürgern vergleichen. (Die Albigenser waren übrigens auch extrem weltabgewandt, glorifizierten den Selbstmord und lehnten Geldwirtschaft, Ehe und Kinderkriegen ab.) Ketzerei konnte damals auch zu Aufruhr und Bürgerkrieg führen; man denke nur an Thomas Müntzer. Man muss die verschiedenen Ketzerverfolgungen also im Kontext ihrer Zeit sehen.

Was war trotzdem falsch an der damaligen Ketzerverfolgung: Erstens, sie war zu grausam; zweitens, Ketzer sollten damals dazu gebracht werden, ihre Überzeugungen zu widerrufen, nicht nur, sie nicht zu verbreiten oder wegen ihnen keine Straftaten zu begehen, was bedeutete, ihren Gewissen unnötige Gewalt anzutun; drittens, wenn man jede Ketzerei auch als Straftat behandelt, nimmt man damit in gewissem Sinne erst die Gefahr auf sich, dass aus allen theologischen Streitigkeiten bewaffnete Auseinandersetzungen werden, weshalb, wie ich finde, ein Staat so viel Meinungsfreiheit lassen sollte wie nur möglich und nur im absoluten Notfall eingreifen sollte. Ach ja, viertens, Meinungen werden manchmal erst dadurch attraktiv, dass sie als absolut tabu behandelt werden. (Donald Trump. AfD.) (Was natürlich andererseits auch nicht heißt, dass man gar nichts als tabu behandeln sollte, man denke etwa an Kannibalismus, Menschenopfer oder Folter… ach, schwieriges Thema. Die Einzelheiten wären vielleicht ein Thema für ein anderes Mal.) Gregor der XVI. erwähnt in seiner Enzyklika das Prinzip, dass man nicht Böses vollbringen darf, um Gutes zu erreichen; aber wenn ein Staat bis zu einem gewissen Grad auch schlechte Meinungen toleriert, vollbringt er nicht selbst etwas Böses, sondern lässt lediglich etwas Böses zu, was der katholischen Morallehre nach prinzipiell zulässig sein kann, wenn es darum geht, ein größeres Gut zu erreichen oder ein größeres Übel zu verhindern.

Ich finde die Dominikaner irgendwie faszinierend. Dieser Orden wurde vom hl. Dominikus zu der Zeit gegründet, als sich in Südfrankreich viele Menschen den Albigensern anschlossen. Er wurde als Predigerorden gegründet, um diese Leute durch vernünftige Argumente wieder vom katholischen Glauben zu überzeugen. Im Lauf der Zeit wurden so einige Dominikanermönche, da sie eine so gute theologische Ausbildung hatten, auch als Inquisitoren berufen; aber eins zeigt das Beispiel der Dominikaner: Ihr Gründer wusste, dass es mit Zwang nicht getan war, sondern dass es überzeugende Argumente brauchte. Genauso, wie es heute auch reale, überzeugende Argumente gegen den Islamismus braucht, und man sich nicht nur mit dem Versuch begnügen kann, islamistische Propaganda im Internet zu löschen oder das Zeigen der IS-Flagge unter Strafe zu stellen.

Im Endeffekt: Ja, man darf Dignitatis Humanae gerne als theologischen Fortschritt, als Vertiefung der Lehre, als weiterführende Klärung gewisser Fragen, sehen; aber nein, das 2. Vatikanum hat keinen grundlegenden Wandel in der katholischen Auffassung von der Religionsfreiheit bewirkt. In einem gewissen Sinne haben wir sie schon immer anerkannt; aber wir sehen auch, dass sie unter Umständen Grenzen haben kann, wo das Gemeinwohl betroffen ist, und wir sehen des weiteren, dass religiöser Indifferentismus moralisch falsch ist. Der Katholizismus ist die wahre Religion, Punkt, und ja, er hat durchaus den Anspruch, auch gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken.

Sind wir damit nun aufgeklärt oder nicht?

 

Alles in allem: Ja, es gab in den zwei, drei Jahrhunderten seit der sog. Aufklärung durchaus theologische Fortschritte in der Kirche, genauso, wie es sie zu jeder Zeit der Kirchengeschichte gab – siehe zu diesem Thema auch John Henry Newmans Vorstellung von der „Entwicklung der Glaubenslehre“. (Zum Beispiel haben wir das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit und zwei Mariendogmen hinzubekommen, und außerdem neue Perspektiven auf die Bibelexegese oder die Bedeutung des Gewissens, und auch die katholische Soziallehre wurde während der Industrialisierung entwickelt. Auch die weitgehende Abkehr von der Idee eines Limbus für die ungetauften Kinder in der neueren Theologie könnte man erwähnen, oder die „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II.) Und ja, auch in den Werken einiger Denker der sog. Aufklärung steckten sicherlich ein paar sinnvolle Ideen, die auch der Theologie nutzen konnten. Aber nein, wir haben uns nicht grundlegend von einer gefährlichen, radikalen Religion entwickelt (oder entwickeln müssen) zu einer harmlosen, unbedrohlichen. So bedrohlich waren wir ehrlich gesagt noch nie, aber ernst sollten wir uns immer noch nehmen, und radikal sollten wir in einem gewissen Sinne auch immer noch sein. (Wortbedeutung: „radix“ = „Wurzel“, d. h. „radikal“ = prinzipientreu, konsequent; „radikal“ meint nicht dasselbe wie „fanatisch“, „gewaltbereit“.) Unsere grundsätzlichen Lehren sind nämlich seit 2000 Jahren dieselben. Anders kann es gar nicht sein, wenn wir ernsthaft daran glauben wollen, dass der Sohn Gottes die katholische Kirche gegründet hat und der Heilige Geist ihr beisteht.

Natürlich gibt es Theologen, die diese Lehren ändern wollen, die weibliche Priester verlangen, das Papstamt ablehnen und nicht an die leibliche Auferstehung Jesu Christi glauben. Nur, die werden sich in der katholischen Kirche nicht durchsetzen. Wenn man also das unter „aufgeklärt“ versteht, dann sind wir eben nicht aufgeklärt.

Wozu sollten wir uns überhaupt zwanghaft als irgendwie auf einer Linie mit ein paar Intellektuellen des 18. Jahrhunderts, die sich selbst den nicht gerade bescheidenen Namen „Aufklärer“ verpasst haben, sehen oder darstellen wollen? Müssen wir sämtliche Label, die die Geschichte den Dingen verpasst hat, akzeptieren? Was ist „aufgeklärt“? Ist das eine Kategorie, die für uns wichtig sein sollte? Man könnte natürlich auch einfach Kants Definition dafür verwenden („Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“, „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ etc.), klar, damit waren wir schon immer einverstanden, Mündigkeit, Denken, schön und gut. Aber der Begriff „Aufklärung“ scheint im allgemeinen Sprachgebrauch so unspezifisch, so undefiniert zu sein, dass wir ihn auch einfach links liegen lassen könnten. Wir müssen uns doch keine modischen Begriffe hernehmen, um den Säkularisten zu versichern, dass wir eigentlich ganz harmlos und sowieso auf derselben Seite wie sie sind.

Ehrlich gesagt denke ich, dass das Gerede über die Aufklärung der Religionen entweder bloß eine schlecht durchdachte, reflexhafte Verteidigung von Christen gegen aggressiven Säkulärismus ist, oder aber Wunschdenken, um sich sagen zu können, dass der Islam sich schon noch wandeln wird, wie das Christentum sich angeblich gewandelt habe, wenn nur genügend islamische Theologen sich entscheiden, den Koran so und so zu interpretieren. Mit dieser Art der Koraninterpretation ist es aber leider wie mit einer Bultmann’schen oder Küng’schen Bibelinterpretation: Sie entspricht dem Geist der Religion nicht, und daher wird sie sich am Ende auch nicht durchsetzen. Die jungen Muslime sind im Allgemeinen heute radikaler als ihre Eltern, ebenso wie die jungen Katholiken, die Katholiken meiner Generation, im Allgemeinen radikaler sind als unsere Eltern und die Generation vor unseren Eltern, weil die Leute, die nach einer Religion suchen, am Ende eben doch eine Religion nehmen werden, die sich selbst ernst nimmt und die an eine unveränderliche, dem Menschen vorgegebene übernatürliche Wahrheit glaubt, so wie der traditionelle Islam oder der traditionelle Katholizismus es tut.

Es kommt dann eben nur darauf an, was tatsächlich die Wahrheit ist.

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