Wie man das Gehirn überlistet: Nur ein paar unsortierte Gedanken zu Psychopharmaka und Verhaltenstherapie

Ich habe ja hier schon ein paar Mal erwähnt, dass ich mit verschiedenen Ängsten und Zwängen kämpfe, deswegen im Sommer ein paar Wochen in einer Psychosomatischen Klinik war (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/08/12/bericht-aus-der-irrenanstalt/), und jetzt noch in ambulanter psychotherapeutischer Behandlung bin. Was mich in den letzten Wochen überrascht hat, ist, wie gut die Therapie mittlerweile vorangeht; das heißt, speziell die „Hausaufgaben“, die ich jede Woche bekomme.

Wahrscheinlich würden sie ohne das Medikament, das ich in der Klinik bekommen habe und seitdem jeden Tag einnehme, nicht so gut funktionieren; ich merke, dass es mein Gehirn ruhiger und klarer werden lässt, und das ist wunderbar. Es macht das Durchdenken der Lage und das Reagieren auf sie in Angstsituationen leichter. Es gibt sicher Leute, die mit überdosierten, süchtig machenden, bei ihnen nicht wirkenden oder mit Nebenwirkungen für sie einhergehenden Psychopharmaka Probleme haben, aber ich persönlich bin inzwischen einfach nur noch dankbar für die Existenz dieser Medikamente. Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass die Leute heute tendenziell eher zu vorsichtig dabei sind, sie mal auszuprobieren, als dass sie sie sich zu schnell verschreiben lassen. Hat vielleicht mit dieser gewissen modischen Wissenschaftsfeindlichkeit zu tun, die Leute auch homöopathische Medikamente kaufen und Impfungen ablehnen lässt. Schließlich kann die Schulmedizin ja nicht alles wissen, oder?! Oh, sie weiß immerhin einiges, habe ich gemerkt, und sie auch nicht automatisch gefährlich, weil das ja irgendwas mit „Chemie“ zu tun haben wird. (Wenn ein Spiegelei gebraten wird, hat das übrigens auch was mit Chemie zu tun. Und wenn ein homöopathisches Medikament hergestellt wird, sind da auch chemische Stoffe beteiligt, bei Arnica-Kügelchen etwa Saccharose, auch Haushaltszucker genannt (und sonst nichts). (Aber die Unsinnigkeit der Homöopathie ist ein Thema für ein anderes Mal…)) Also, alles in allem: Klare Empfehlung für Psychopharmaka, wenn man sie braucht! Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie – bitte wirklich – Ihren Arzt oder Apotheker.

Jetzt zur Therapie. Ich tue mir mittlerweile leichter dabei, nicht mehr (so oft) wütend auf mich zu werden, weil ich einfach nur blöd bin und mich bescheuert verhalte und nichts hinkriege, was normale Leute hinkriegen. Vielleicht ist es auch hier einfach das Medikament, das mich ein bisschen ruhiger, müder und gleichgültiger macht, vielleicht ist mein Unterbewusstsein aber auch tatsächlich dabei, was zu kapieren. Jedenfalls funktioniert die Verhaltenstherapie vor allem mit Geduld, und da muss ich eben akzeptieren, dass ich Geduld haben muss. Kleine Schritte. Eine naheliegende, erträgliche Angstsituation angehen, und das jeden oder fast jeden Tag. Nach einer Woche eine kleine Steigerung. Weiter jeden Tag üben. Nach einer Woche die nächste kleine Steigerung. Und ja, ich rede hier von kleinen Sachen, die normale Leute wirklich selbstverständlich jeden Tag hinkriegen. Aber hey – ich darf trotzdem zufrieden sein, wenn ich’s schaffe, wo ich’s vorher nicht geschafft hätte. Wenn man sich dann sagt „Das war ja gar nichts, jetzt schau mal, dass es ordentliche weitere Fortschritte gibt, dann darfst du dir vielleicht irgendwann selber ein ‚Ausreichend‘ geben“, hilft das auch nichts dabei, weiter Fortschritte zu machen. Wenn man die Übungen in kleinen Schritten angeht, tritt jedenfalls irgendwann ein ganz wunderbarer Gewöhnungseffekt ein, den ich zurzeit gerade an mir merke. Wir wissen ja, der Mensch gewöhnt an sich an alles. Was man die letzten sechs Tage lang gemacht hat, verliert schließlich seinen Schrecken.

Wobei das hier auch wieder nicht ganz so einfach ist: Man sollte sich vor der Übung auch selber klarmachen, dass xyz vernünftig betrachtet eigentlich völlig ungefährlich ist, man sich also ruhig dafür entscheiden kann, es zu machen; wenn man sich vorher in Panik hineinsteigert, sich dann doch – eigentlich gegen seinen Willen – von anderen dazu überreden lässt, es zu probieren, und hinterher dann höchstens das Gefühl hat, dass man vielleicht diesmal zufällig gerade noch der Gefahr entronnen ist, wird der Gewöhnungseffekt doch erheblich behindert. Vielleicht kann man hier den Begriff „Autosuggestion“ verwenden, auch wenn ich nicht weiß, ob die Psychologen den dafür hernehmen. Um solche Autosuggestion hinzukriegen, ist es natürlich sinnvoll, sich über die reale Gefährlichkeit der gefürchteten Dinge vorher genau zu informieren. Dann kann man sich nämlich praktisch mit Gewissheit selber einreden, nein, keine Angst, die Wahrscheinlichkeit ist 99,996%, dass nichts passieren wird. Und ja, die 0,004% Restwahrscheinlichkeit muss man einfach aushalten lernen. Absolute Sicherheit wird es nicht geben, da hilft nichts. (Das ist auch eine Wahrheit, die mir die katholische Theologie schon seit Jahren einzuhämmern scheint. Absolute Sicherheit – vor Leid, vor Enttäuschungen durch andere, etc. – kann man sich als Mensch in dieser Welt durch alle Vorsichtsmaßnahmen nicht selbst erarbeiten. Aber Sicherheit ist auch nicht das höchste Gut in dieser Welt oder das Ziel des menschlichen Lebens. (Mann, wie einen die Wahrheit in gewissen Augenblicken ankotzen kann.))

Geduld, kleine Schritte, die man wirklich hinkriegen kann. Regelmäßigkeit, Planung. Autosuggestion, eine eigene Entscheidung treffen, sich der anerkanntermaßen unvernünftigen Angst zu stellen. Restwahrscheinlichkeit aushalten. Alles eigentlich im Prinzip recht simpel. (In der Theorie.)

Ich glaube, ich habe inzwischen auch mehr oder weniger akzeptiert, dass die Ängste auch durch diese Therapie nicht einfach verschwinden werden, sondern dass ich eher Mechanismen lerne, mit ihnen umzugehen, wie die Therapeutin mir klar gemacht hat, und dass manche Dinge immer anstrengend sein werden. Ich erwarte eigentlich auch nicht mehr, irgendwann „ganz normal“, ganz gesund, zu sein, aber ich will das Zeug zumindest einigermaßen unter Kontrolle haben. Und da bin ich mittlerweile optimistischer als etwa noch im Sommer, dass das funktionieren kann. Ich bin jetzt sicher noch nicht so weit, dass ich zufrieden mit dem Ergebnis wäre, aber ich habe gemerkt, dass ich anscheinend tatsächliche, anhaltende Fortschritte machen kann, und nicht immer wieder zurückfalle, wie ich vorher oft das Gefühl hatte. Das ist doch schon mal etwas. Ich hoffe nur, dass es so bleibt. Sicherheit gibt es nicht…

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Ein Gedanke zu “Wie man das Gehirn überlistet: Nur ein paar unsortierte Gedanken zu Psychopharmaka und Verhaltenstherapie

  1. Eine Empfehlung einer Psychotherapeutin, die mir aus einer tiefen -exogenen- Depression geholfen hat gebe ich gerne weiter. Sie empfahl mir regelmässig Sport zu treiben. Bewegung ist eigentlich bei fast jeder Krankheit gut, sogar bei Krebspatienten gibt es Nachweise für eine Besserung des Befindens, wenn mit Sport begonnen wurde. Wobei es relativ egal zu sein scheint, welchen Sport man wählt.
    Ich habe mich für eine Sportart entschieden, die Konzentrationsfähigkeit fordert und fördert, weil ich ruhiger werden sollte, weniger Aufgeregtheit produzieren, wie meine Ärzte das nannten.
    Ich habe mich für einenSchützenverein entschieden und dort für das Bogenschiessen. Es fordert körperliche Kräfte, moderne Recurvebögen haben bis zu vierzig Pfund Zugkraft und gleichzeitig fordert es absolute Konzentration, Fokussierung auf Waffe und Ziel.
    Es hat mir sehr geholfen; und so viel Spass gemacht, dass ich dabei geblieben bin und nicht nur für mich Pfeile fliegen lasse, sondern regelmässig auch an Turnieren und Meisterschaften (auf lokaler Ebene!) teilnehme. In der warmen Jahreszeit auf unserem Schiessplatz, sonst regelmässig in der Halle.

    Ansonsten ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein zufriedenes Jahr 2018.

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