Ich wusste gar nicht, dass es noch Theosophen gibt…

…und dass die gar so seltsame Ansichten vertreten.

Zu meinem letzten Artikel wurde von jemandem namens „Öko-Theosoph“ ein Kommentar hinterlassen, den ich wegen völliger Themaverfehlung (in dem Artikel geht es um einen klischeehaften historischen Roman) als Spam markiert habe, aber bei näherer Betrachtung doch mal hier veröffentlichen und selber kurz kommentieren will. Man kennt so was ja; Leute, die überall im Internet ihre standartisierten Kommentare hinterlassen, ob es nun passt oder nicht, um möglichst viele Leute mit ihren Ansichten zu beglücken. Die meisten Absätze sind zwecks besserer Lesbarkeit von mir eingefügt:

Das Christentum muss reformiert werden. Kruzifixe (in Wohnungen) können Kirchengebäude (und Heilige Messen) ersetzen. Es ist unsinnig, zu beten.
Ein Mensch sollte seine Willenskraft und Liebe vergrößern. Es ist wichtig, gesundheitsbewusst zu leben und sich unegoistisch zu verhalten. Es ist sinnvoll, die körperliche Leistungsfähigkeit zu vergrößern, diverse Herausforderungen zu meistern, die Natur zu schützen usw.
Und dann sollte man sich morgens unmittelbar nach dem Aufwachen auf einen Wunsch konzentrieren und sich (nochmal) in den Schlaf sinken lassen. Durch Traumsteuerung (oder im halbwachen Zustand nach dem Aufwachen) kann man zu mystischen Erfahrungen (und Heilen wie Jesus) gelangen. Der Mensch (genauer: das Ich-Bewusstsein) kann mystische Erfahrungen nicht bewirken, sondern nur vorbereiten. Bestimmte Meditations- und Yoga-Techniken, Hypnose, Präkognition usw. sind gefährlich. Traumsteuerung ist auch ohne luzides Träumen (das u. U. gefährlich ist) möglich. Man sollte sich nur dann einen luziden Traum wünschen, wenn man durch Traumdeutung herausgefunden hat, dass man dafür die nötige Reife hat. Oder man kann sich vor dem Einschlafen wünschen, dass sich nur Dinge ereignen, für die man die nötige Reife hat. Es ist gefährlich, während eines luziden Traumes zu versuchen, den eigenen schlafenden Körper wahrzunehmen. Luzide Träume dürfen nicht durch externe Reize (Drogen, akustische Signale usw.) herbeigeführt werden. Man kann sich fragen, ob eine echte (nicht nur eine eingebildete) Zeitdehnung in Träumen möglich ist. Zudem, wie sich Schlaf-Erlebnisse von Tiefschlaf-Erlebnissen (und Nahtod-Erlebnissen usw.) unterscheiden. Die Bedeutung eines symbolischen Traumgeschehens kann individuell verschieden sein und kann sich im Laufe der Zeit ändern.
Es bedeutet eine Entheiligung der Natur, wenn Traumforscher die Hirnströme von Schlafenden messen. Die Wissenschaft darf nicht alles erforschen. Es ist z. B. gefährlich, wenn ein Mensch erforscht, ob er einen freien Willen hat. Es ist denkbar, dass ein Mensch gerade durch die Erforschung der Beschaffenheit des Willens seinen freien Willen verliert. Zudem besteht die Gefahr, dass ein Mensch verrückt wird, wenn er sich fragt (wie schon vorgekommen), ob das Leben nur eine Illusion ist. Das Leben ist real.
Es kann in Teilbereichen auf wissenschaftlichen (und technischen) Fortschritt verzichtet werden. Es ist z. B. falsch, Hochgeschwindigkeitszüge zu bauen. Man sollte möglichst dort wohnen, wo man arbeitet. Dadurch werden viele Privatfahrzeuge (nicht Firmenfahrzeuge) überflüssig.
Es ist sinnvoll, überflüssige Dinge (Luxusgüter, Werbung, Kirchengebäude, Urlaubsindustrie, Rüstung, Geldverleih usw.) abzuschaffen. Der MIPS muss gesenkt werden (Regionalisierung senkt Transportkosten, ein Öko-Auto fährt über 50 Jahre, ein 1-Liter-Zweisitzer-Auto spart Sprit usw.). Ein Mensch kann im kleinen und einstöckigen 3-D-Druck-Haus (Wandstärke ca. 10 cm) mit Nano-Wärmedämmung wohnen.
Wenn die Menschen sich ökologisch verhalten, vergrößert sich die Wahrscheinlichkeit einer günstigen Erwärmung im Winter. Denn das Klima ist (so wie das Leben) in der Lage, sich positiv weiterzuentwickeln.
In der Medizin sollte u. a. die Linsermethode gegen Krampfadern (auch dicke) eingesetzt werden.
Es ist wichtig, den Konsum von tierischen Produkten (und Süßigkeiten und Eis) zu reduzieren oder einzustellen. Hat man eine bestimmte Reife, kann man sich möglicherweise von veganer Urkost ernähren (oder sogar nahrungslos leben).
Die berufliche 40-Stunden-Woche kann durch die 4-Stunden-Woche ersetzt werden (bei Abschaffung des Renteneintrittsalters). Wenn die Menschen sich richtig verhalten, werden die Berufe zukünftig zunehmend und beschleunigt an Bedeutung verlieren.

 

Meine Highlights:

  • Christen haben sich gefälligst nicht in Gemeinschaft zu versammeln; wenn sie unbedingt beten müssen, können sie das für sich zu Hause vor dem Kruzifix erledigen.
  • Aber Beten ist auch unsinnig, also lasst das gefälligst auch; schafft einfach das Christentum ab (ja, Öko-Theosoph, ohne Gebet ist es kein Christentum mehr).
  • Hm, was unterscheidet wohl ein Kruzifix (einen Gegenstand) von einer Heiligen Messe (dem Vorgang, bei dem sich Himmel und Erde berühren, der Quelle und dem Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens)?
  • Mehr über die Natur wissen zu wollen, ist ein Sakrileg. Komisch, eigentlich hätte ich gedacht, dass so ein Gedanke nicht mal aus der unsinnigsten Vergöttlichung der Natur folgen müsste. Wir Christen halten es schließlich auch nicht für ein Sakrileg, mehr über Gott wissen zu wollen (nennt sich „Theologie“).
  • Alle Leute können dort wohnen, wo sie arbeiten. Z. B. eine Putzfrau in der Münchner Innenstadt.
  • Noch mal: Die Wissenschaft ist iiiiihhhh-bääähhh. Sie könnte ja das Leben erleichtern.
  • Auch das philosophische Denken ist gefährlich, zumindest, wenn es an die Grundfragen geht. Die sollte man lieber gar nicht erst stellen. (Und Öko-Theosoph unterscheidet nicht zwischen Naturwissenschaft (Was passiert während des Schlafes im Gehirn?) und Philosophie (Haben wir einen freien Willen? Ist das Leben real?). Aber das geht ja vielen Leuten so.)
  • Die Leute sollen in Zweisitzer-Autos fahren und in möglichst kleinen Häusern wohnen. Weil, wer hat z. B. schon Kinder? Okay, die soll man nach so einer Weltsicht vermutlich eh wegen „Überbevölkerung“ vermeiden, und Freunde, Mitbewohner oder Eltern hat ja auch niemand, also sind Zweisitzer-Autos für die meisten Leute ja total praktisch.
  • Geldverleih ist überflüssig. Wer muss sich schon mal Geld leihen, um sich ein Auto oder ein Haus zu kaufen oder eine Firma aufzubauen?
  • Urlaub ist überflüssig. Überhaupt alles, was nicht strikt notwendig ist, sondern einfach nur Freude macht, ist überflüssig.
  • Alles, was Öko-Theosoph für überflüssig erklärt, hat abgeschafft zu werden. Weil, Freiheit (z. B. die Freiheit, im Sommer zwei Wochen an der Adria zu verbringen oder Gott in einer Kirche anzubeten) würde die Leute ja bloß überfordern.
  • „Urkost“ war vegan. In der Steinzeit (inklusive der Eiszeiten) war es ja ganz einfach, sich Proteine und Fette durch die gerade verfügbaren Pflanzen zu beschaffen.
  • Der Mensch kann (und soll) nahrungslos leben, wenn er „reif“ ist… ne, das kommentiere ich jetzt mal nicht mehr.

Mann, sind Theosophen streng. Und da beschwert man sich über die katholische Kirche.

Interessanter und trauriger als das Gerede über luzide Träume und Nahrungslosigkeit ist, wie Öko-Theosoph in den einleitenden Sätzen noch kurz von „Liebe“ und „unegoistisch[em]“ Verhalten schreibt, und sich dann im weiteren Verlauf des Textes nur noch auf Selbst-Perfektionierung, Gesundheit und natürlich auf die große Verpflichtung, die Natur in Ruhe zu lassen, konzentriert. Das ist Heiligkeit für Esoteriker. Zwischenmenschliches? Das kommt allenfalls unter „ferner liefen“ vor. Nein, die wirkliche Heiligkeit besteht darin, vegan zu essen und Sport zu treiben; der Übergewichtige an der Dönerbude ist der Sünder, nicht derjenige, der seine Mutter nicht im Altenheim besucht oder seine Frau betrügt. Und da liegt Öko-Theosoph ja leider ganz auf einer Linie mit den Mainstream-Moralisten unserer Tage: Sie überfordern die Leute mit der ständigen Einführung neuer Sünden und haben keine Zeit mehr für die wirklichen.

Ich geb’s zu: Ein paar unerwartete vernünftige Ansätze finden sich auch. Z. B. unterscheidet sich Öko-Theosoph vom handelsüblichen Esoteriker darin, dass er das den Eingeweihten, den „Reifen“ erlösende Wissen als etwas darstellt, das dieser sich zumindest nicht völlig selbst erarbeiten kann, dass er also die Begrenztheit des Menschen ein bisschen anerkennt („Der Mensch (genauer: das Ich-Bewusstsein) kann mystische Erfahrungen nicht bewirken, sondern nur vorbereiten“). Auch der Satz Das Leben ist real“ ist schlicht richtig – auch wenn ein Mensch nicht gleich verrückt wird, wenn er sich fragt, ob das Leben denn real ist. Und hey, wenigstens ist er gegen Drogen, das ist auch nicht immer selbstverständlich bei Esoterikern. Aber im Ganzen vertritt Öko-Theosoph klassisch gnostische Lehren, gemischt mit ins Extremistische gesteigerten Grünen-Forderungen.

2 Gedanken zu “Ich wusste gar nicht, dass es noch Theosophen gibt…

  1. Ich würd dem Knöppi jetzt gerne erklären, warum ich es richtig finde, heute (Freitag) auf Fleisch zu verzichten. Und warum ich es ebenfalls richtig finde, übermorgen (Sonntag) ganz und gar nicht auf Fleisch zu verzichten.
    Und dann würde ich ihn gerne fragen, womit Veganer ihre Felder düngen. Mist haben sie ja keinen, und die in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft wichtigen, in jedem Fall dem Boden nützlichen Hornspäne auch nicht. Kali?
    Und dann wüßte ich auch gerne, wohin mit den Behinderten, die mehr Platz brauchen (Rollstühle sind nicht so klein), energieaufwendige Pflege und größere Autos.
    Und dann erzähl ich ihm meinen Traum, in dem ein theosophischer Dinosaurier meinem Nachbarn den Kopf abbiß.

    Gefällt 1 Person

  2. Bei mir hat der Öko-Theosoph auch einen Kommentar abgelassen. Ich habe ihn per mail gefragt, was der mit meinem Artikel zu tun habe.
    Hier die Antwort:

    *** MAILVERSAND FEHLERBERICHT ***

    Die E-Mail wurde eingeliefert am Montag, 26. März 2018 11:19:54 +0200 (CEST)
    von Host [192.168.178.20] (p549D8A40.dip0.t-ipconnect.de [84.157.138.64]).

    Betreff: Ihr Kommentar
    Absender: ds@dierk-schaefer.de

    Der Mailversand zum folgenden Empfänger ist endgültig gescheitert:

    theo343@gmx.de
    Letzter Fehler: 550 5.0.0
    Erklärung: host mx01.emig.gmx.net [212.227.17.5] said: Requested action not taken:
    mailbox unavailable

    Auszug aus dem Session-Protokoll:
    … während der Kommunikation mit dem Mailserver mx01.emig.gmx.net [212.227.17.5]:
    >>> RCPT TO:
    <<< 550 Requested action not taken: mailbox unavailable

    Liken

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