Genervt von politisierenden Weihnachtspredigten über Flüchtlinge?

Ich möchte gleich zu Beginn sagen, dass ich solche Genervtheit manchmal schon verstehen kann. Wenn der Pfarrer sich in der Christmette zwanzig Minuten lang darüber auslässt, wie unchristlich eine Obergrenze wäre oder die Kanzlerin praktisch zur Heiligsprechung anmeldet, statt über Christi Geburt zu reden, dann kann das schon dazu führen, dass man die Augen verdreht und die Gedanken zu den Plänen für das Familientreffen am 1. Feiertag schweifen lässt oder ein paar Mal dezent auf die Armbanduhr schaut. Aber auch die Kritik an politischen (oder: politisch auf der anderen Seite als man selber stehenden) Predigten kann mal mit falschen Argumenten daherkommen. Wenn über die Politisierung der Kirchen geklagt wird, wird ja gelegentlich impliziert, dass die Kirchen völlig unpolitische Vereinigungen zu sein hätten, die sich in Angelegenheiten von öffentlichem Interesse nicht einmischen dürften. Und das wurde ja nun schon im Syllabus Errorum verurteilt. (Seliger Pius IX., bitte für uns!)

Daher ein paar allgemeine Gedanken zum Thema politische Predigten:

Erstens: Ja, an Weihnachten – vor allem in Gottesdiensten, in denen viele Leute erscheinen, die sich sonst nicht  in der Kirche blicken lassen – sollte der Zelebrant zuallererst mal über Weihnachten selber predigen. Euch ist heute der Heiland geboren. Das Wort ist Fleisch geworden. Gott hat Menschennatur angenommen, um uns zu erlösen, und ist in einem Stall von der Jungfrau Maria geboren worden. Darum geht es, das ist die Botschaft; und ob man nun in seinem konkreten Leben irgendwie mit Flüchtlingen zu tun hat oder nicht, diese Botschaft geht einen immer was an.

Zweitens: Ja, es ist sinnvoll, aus der Weihnachtsbotschaft dann auch konkrete Anleitungen für die Zuhörer abzuleiten, im Sinne von „Lasst Jesus auch in euren Herzen geboren werden“, wie das manchmal so heißt. Die können sehr unterschiedlich ausfallen. Sie können die Familie betreffen, das persönliche Gebet, den Job, oder auch mal die Politik – auch wenn die natürlich nicht zur unmittelbaren „Lebenswirklichkeit“ von Leuten gehört, die alle vier Jahre ein Kreuzchen machen dürfen und in keiner Partei aktiv sind.

Drittens: Nein, das Christentum ist, wie oben schon gesagt, nicht unpolitisch. Politik ist eigentlich nur die Regelung des Zusammenlebens in einer sehr großen Gemeinschaft, dafür gelten dieselben moralischen Regeln wie für das Zusammenleben in einer kleinen Gemeinschaft, die Kirche stellt fest, was diese moralischen Regeln sind, daraus folgt: die Kirche ist nicht unpolitisch. Sie stellt moralische Grundprinzipien fest, die auch in der Politik gelten.

Viertens: Zu diesen Grundprinzipien gehört, dass jeder Mensch nach Gottes Abbild geschaffen ist und dementsprechend behandelt werden muss. Zu diesen Grundprinzipien gehört, dass man in jedem Menschen Jesus erkennen kann. „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“ (Matthäus 25,45) Die Leute zu ermahnen, das auch in der Flüchtlingskrise nicht zu vergessen und nicht nur an Zahlen und Kulturen zu denken statt an konkrete Menschen, ist durchaus legitim. Die christliche Ethik ist schließlich eine Ethik, in der man nie nur an „das größere Wohl“ (Gellert Grindelwald) denken darf.

Fünftens: Aber ja, es stimmt, man kann als Christ – zum Beispiel – auch mal sagen „Man kann nicht jedem helfen.“ (Wenn auch nicht als Chiffre für „Man soll niemandem helfen.“) Positive Gebote (Gebote, die eine bestimmte Handlung befehlen, etwa „du sollst sonntags in die Kirche gehen“) sind gemäß einem weiteren Prinzip der Moraltheologie schließlich nur dann verpflichtend, wenn sie physisch und moralisch erfüllbar sind (während negative Gebote, die eine Unterlassung befehlen, etwa „Du sollst nicht morden“, immer erfüllbar sind). Das Gebot, jemandem zu helfen, gilt also nur dann, wenn man in der Lage ist, zu helfen. Extreme Beispiele: Jemand, der 2000 Euro im Monat verdient, kann nicht 3000 Euro im Monat spenden, auch wenn irgendeine sehr wichtige Organisation gerade sehr dringend Spenden braucht, um sich über Wasser zu halten. Ein Ehepaar mit kleinen Kindern ist vielleicht physisch (Gästezimmer vorhanden), aber nicht moralisch in der Lage, einen Verwandten, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, wo er für Kindesmissbrauch gesessen hat, auf unbestimmte Zeit bei sich einzuquartieren, auch wenn der dann auf der Straße landet. Und ja, es stimmt auch, dass man nach der christlichen Ethik manchmal vielleicht sagen muss, dass ein vordergründig mitfühlendes Handeln in einer bestimmten Situation langfristig nicht hilft. Ich bin beispielsweise in der Flüchtlingspolitik der Meinung, dass es absolut nicht sinnvoll wäre, eine Flüchtlingsroute über Libyen einfach bestehen zu lassen (zumindest hat sich hier inzwischen etwas geändert) und die Flüchtlinge, die über diese Route kommen, auf unbestimmte Zeit in Europa aufzunehmen und nur in seltenen Ausnahmefällen mal zurückzuschicken – aus dem einfachen Grund, dass so mehr junge Afrikaner, die zwar in ihren Heimatländern mit Arbeitslosigkeit und Armut zu kämpfen haben, aber nicht verhungern würden oder verfolgt werden, dazu bewegt werden, die Reise Richtung Europa zu riskieren, und am Ende auf libyschen Sklavenmärkten landen oder im Mittelmeer ertrinken, was ich nun wirklich niemandem wünsche.

Sechstens: In der Politik, wo es zwangsläufig um große Massen von einzelnen Menschen mit sehr unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen geht, kann es eben, wie das Beispiel mit Libyen zeigt, kompliziert werden mit der aus christlicher Sicht richtigen Entscheidung. Dafür hat die katholische Moraltheologie auch noch detailliertere Prinzipien; aber da können sich Katholiken auch mal uneinig sein. Von daher sind Detailfragen (z. B. „Brauchen wir eine Obergrenze, und, wenn ja, wie hoch sollte die sein?“, „Ist Afghanistan ein sicheres Herkunftsland?“, „Ist die Mietpreisbremse sinnvoll?“, „Sollten wir wieder eine Große Koalition bekommen?“) wahrscheinlich weniger als Themen für eine Predigt in der Christmette geeignet. Um des lieben Friedens willen in der Gemeinde…

Soweit ein paar allgemeine Gedanken. Jetzt noch zu einer weiteren Kritik an politisch „linken“ Predigten: Hier werde die Weihnachtsgeschichte auf illegitime Weise „instrumentalisiert“, indem man die Fakten umdeute. Ein Dr. Markus Franz beispielsweise, ehemaliger österreichischer ÖVP-Abgeordneter, der eher den moralistischen Rekurs auf die Weihnachtsgeschichte bei linken Politikern als bei mehr oder weniger linken Klerikern kritisiert, wird in einem Gastkommentar auf kath.net (http://www.kath.net/news/62195) ziemlich deutlich: „Jesus war kein Flüchtlingskind“ lautet die Überschrift ganz provokant; dann geht es weiter:

„Politisch linksorientierte Menschen haben es üblicherweise nicht so mit der Kirche und dem Christentum. Wenn aber Kirchenfeste wie Weihnachten Anlass und Möglichkeiten bieten, sie für die eigenen, oft sinistren Zwecke zu instrumentalisieren oder gar den Christen aus demselben Grund die Evangelien erklären zu wollen, dann werden die üblichen Kirchenkritiker, die das restliche Jahr meist Häme gegenüber dem Christentum verbreiten, plötzlich zu Bibelspezialisten […].

Alle Jahre wieder wird in diversen Artikeln und Kommentaren der Mythos verbreitet, Jesus wäre ein Flüchtlingskind und seine Geburt in Bethlehem deswegen eine dramatische und gefährliche Angelegenheit gewesen. Das ist aber nach dem offiziellen und in jeder Weihnachtsmesse verlesenen Weihnachtsevangelium von Lukas definitiv nicht wahr. […]

Freilich, der Evangelist Matthäus erzählt eine andere Version von Weihnachten bzw. der Zeit danach. Sie gilt allerdings nicht als das klassische Weihnachtsevangelium. Nach den Beschreibungen des Matthäus war der als brutale Schlächter verrufene und in ständiger Angst vor Attentaten lebende König Herodes höchst besorgt, dass laut den kursierenden Informationen ein neuer König der Juden (eben der Messias) geboren werden würde. Als er von Jesu Geburt hörte, schickte er Kundschafter aus, die bei Matthäus als „die Weisen“ bezeichnet werden. Nach der Verifizierung der Geburt ordnete Herodes die Tötung aller männlichen Kinder unter zwei Jahren an. […]

Laut Matthäus wurde Josef rechtzeitig von einem Engel gewarnt und er floh danach mit seiner Familie nach Ägypten, um sich dort vor den Häschern des Königs zu verstecken und das Leben des Kindes zu retten. Nach dem Tod des Herodes kehrten Maria und Josef wieder nach Judäa zurück. Das war also keine Flucht, die der heutigen Massenmigration in irgendeiner Weise gleichzustellen ist. Es ging damals um eine ganz konkrete persönliche Bedrohung und nicht um wirtschaftliche, kulturelle oder religiöse Motive. Die Reise von Jesus, Maria und Josef erfolgte auch bloß über die nächste Grenze. Die heutige Massenmigration erstreckt sich hingegen über Kontinente und es migrieren kaum Familien, sondern vor allem junge Männer – aus wie gesagt gänzlich anderen Motiven.

Die Matthäus-Geschichte wird trotzdem gern von linken Zynikern als ‚Beweis‘ dafür missbraucht, dass die Heilige Familie ein typisches Migrantenschicksal durchgemacht hätte und dass daher gerade die Christen das größte Verständnis für Flüchtlinge aller Art haben müssten. Das ist natürlich eine unlautere und anmaßende Argumentationstechnik. Christen sollten auf diese meist als Provokation gemeinten Anwürfe und Falschmeldungen nicht hereinfallen und sie gar nicht ernst nehmen. Apropos: Jeder ernstzunehmende Mensch wird anderen Menschen in echter Not und körperlicher Bedrängnis Hilfe vergönnen und selber etwas dazu beitragen, Notsituationen zu beheben oder zumindest zu lindern. Dazu braucht man keine linken Bibel-Exegeten, die das Evangelium offensichtlich noch weniger verstanden haben oder verstehen wollen als ihren Marx und ihren Engels.

Christen müssen aber stets auch klarstellen: Die Bereitschaft zur Hilfe bedeutet nicht, dass man Migranten aller Art über tausende Kilometer nach Europa kommen lassen oder diese sogar per Jet einfliegen muss, wie dies kürzlich in Italien geschehen ist. Und Nächstenliebe heisst definitiv nicht, dass man kritiklos der Massenmigration das Wort reden und alle aufnehmen muss. Das Gegenteil ist wahr: Verantwortungsvolle Hilfe und ein vernünftiges Bewältigen der Migrationskrise kann nur in den Herkunftsregionen stattfinden. Und am allerwenigsten wird die Lösung der Krise in den von sauertöpfisch-atheistischen Besserwissern und linken Provokateuren besetzen Redaktionsstuben gelingen, aus denen zu Weihnachten regelmäßig süffisante Kommentare an die Öffentlichkeit dringen.“

Was soll man nun dazu sagen? Tja, dass es eine Mischung aus Wahrem, Halbwahrem und Blödsinn ist.

Erstens: Dr. Franz widerspricht sich selbst, wenn er in seiner Überschrift behauptet, Jesus wäre kein Flüchtlingskind gewesen, und die Heilige Familie dann im Text gerade als richtige, legitime Musterflüchtlinge heutigen mutmaßlichen Pseudo-Flüchtlingen gegenüberstellt. Jesus war während seiner Zeit in Ägypten ein Flüchtlingskind, Punkt. Schreiben Sie doch gleich Artikel mit Überschriften wie „Jesus war kein Zimmermann“ oder „Jesus war kein Galiläer“. Was soll der Scheiß.

Zweitens: Wieso man das Matthäusevangelium hier heruntersetzen muss, wird wohl Dr. Franz‘ Geheimnis bleiben. Für gewöhnlich wird aus der Lukas-Geschichte keine Flüchtlingsgeschichte gesponnen, und wenn das getan werden würde, wäre es Blödsinn; aber das Matthäusevangelium bietet genau das, und beide Evangelien sind gleich wichtig in der katholischen Kirche. Wo spielen die Heiligen Drei Könige (ja, streng genommen: die Sterndeuter aus dem Osten) eine geringere Rolle als die Hirten auf dem Felde? Wo wird das Fest der Heiligen Unschuldigen Kinder (28. Dezember) nicht gefeiert?

Drittens: Ganz richtig, die Heilige Familie ist nur bis ins Nachbarland geflohen, und nach dem Ende der Bedrohung wieder nach Galiläa zurückgekehrt. Ja, diese Tatsachen kann man gerne auch anführen, wenn es um die konkrete Flüchtlingspolitik geht, wenn man denn unbedingt will; muss man aber auch nicht, schließlich sind wir keine Protestanten und müssen nicht für jede einzelne Situation eine biblische Vorbildgeschichte finden, um zur richtigen Entscheidung zu gelangen. (Es gibt übrigens auch ein anderes Beispiel aus der Bibel, nämlich aus dem Buch Genesis: Josephs Familie blieb auch nach dem Ende der Hungersnot noch in Ägypten. Das ging dann allerdings für ihre Nachkommen ziemlich schlecht aus.)

Viertens: Dr. Franz spricht davon, die heutigen Flüchtlinge würden aus „wirtschaftliche[n], kulturelle[n] oder religiöse[n] Motive[n]“ nach Europa kommen. Wirtschaftliche Motive, klar, das stimmt sehr oft, vor allem bei Flüchtlingen aus Afrika. Was mit kulturellen Motiven gemeint ist, ist mir völlig schleierhaft. Und religiöse Motive? Meint er Christen, Schiiten oder Jesiden, die vom IS verfolgt (oder in Nicht-IS-Gebieten von ihren Nachbarn und Regierungen im Alltag drangsaliert) werden? Oder was? Sorry, aber andere religiöse Motive fallen mir einfach nicht ein. Und was ist mit den Menschen, die aus Syrien geflohen sind, weil ihre Viertel bombadiert wurden und sie schlicht Angst hatten, es könnte sie auch treffen? Welche Motive hatten die? Sicher, da kann man in Dr. Franz‘ Sinne entgegnen, die hätten im Libanon oder der Türkei bleiben können; die Weiterreise nach Europa sei nur aus „wirtschaftlichen Motiven“ erfolgt. (Wobei man dem Argument wieder entgegnen könnte, Europa solle den Nachbarländern Syriens nicht alle Arbeit mit den Flüchtlingen überlassen. Aber ich will mich hier nicht schon wieder in den Details verzetteln.)

Fünftens: Ja, die meisten Flüchtlinge hier sind junge Männer. Aber hier hat Dr. Franz’ Formulierung – er kritisiert, dass „kaum Familien, sondern vor allem junge Männer [migrieren]“ – ein gewisses G’schmäckle: Will er sagen, dass junge Männer nicht das Recht hätten, aus einem gefährlichen Gebiet zu flüchten, Familien mit Frauen und Kindern aber schon? Das würde er auf Nachfrage höchstwahrscheinlich nicht sagen, sondern eher darauf hinweisen, wieso denn diese Flüchtlinge ihre Familien nicht mitnähmen, wenn sie tatsächlich in Gefahr wären? Nun, bei manchen, etwa den meisten Afrikanern, ist das klar: Sie sind eben, da hat Dr. Franz Recht, Wirtschaftsflüchtlinge. Da wagen nur die jungen, kräftigen Männer (die auch ein wenig Geld für die Schleuser haben) die gefährliche Reise. Bei den Syrern etwa ist es auch klar, aber aus einem anderen Grund: Die Familien schicken die jungen Männer voraus, um die Frauen und Kinder und Alten nicht den besagten Gefahren der Reise auszusetzen, und vermutlich, weil sie nicht für jeden Angehörigen die Schleuser bezahlen können, während sie darauf hoffen, bald legal nachgeholt zu werden; zudem hätten die jungen Männer sonst vielleicht zu Assads Armee gemusst. Hier sollte man also nicht verallgemeinern, und Flüchtlinge einfach ablehnen, weil sie einem bestimmten Geschlecht und einer bestimmten Altersgruppe angehören.

Ich spreche diesen Punkt an, weil er bei „rechteren“ Leuten als Dr. Franz öfter eine Rolle spielt: Da wird die Flüchtlingsbewegung, die doch eh nur brutale junge Männer aus bedrohlichen Kulturen ins Land brächte, implizit oder explizit als eine Art kriegerische Invasion betrachtet. Noch einmal kath.net: Die Nachrichtenseite hat letztens – wenn auch nicht ausdrücklich zustimmend – eine Äußerung des tschechischen Präsidenten Milos Zeman berichtet, wonach die Migrationsbewegung „keine spontane Fluchtbewegung […], sondern eine organisierte Invasion“ sei (http://www.kath.net/news/62190). Hier wird es dann doch gefährlich. Organisiert? Von wem denn? Glaubt Zeman auch an die Neue Weltordnung und die Illuminati? Und denkt er wirklich, selbst jemand, der, sagen wir mal, aus dem Senegal oder Algerien flieht, weil ihm weisgemacht wurde, in Europa würden einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, nähme die Fahrt übers Mittelmeer in einem Schlauchboot aus Spaß an der Freud auf sich? Hier werden Menschen zu bedrohlichen Feinden erklärt, die sicher nicht unbedingt mit der Absicht kommen, Europa zu bereichern und sich allen unseren Integrationsforderungen zu unterwerfen, aber doch auch keine böse Absicht uns gegenüber hegen, sondern nur an ihre eigene Zukunft denken. (Den einen oder anderen IS-Terroristen mal ausgenommen.)

Ein wenig an Zeman erinnert auch Dr. Franz‘ Wortwahl, politisch linksgerichtete Menschen würden Kirchenfeste „für die eigenen, oft sinistren Zwecke […] instrumentalisieren“. Hä? Linksgerichtete Menschen sind manchmal naiv, folgen vielleicht auch mal einer falschen Ideologie, oder laufen schlichtweg einer undurchdachten Parteilinie hinterher, die eher durch die Opposition zur Linie der anderen Parteien als durch vernünftige Überlegungen zustande gekommen ist, wie das in der Politik eben so gemacht wird. Aber welche „sinistren Zwecke“ sollen sie denn haben – es sei denn, man zählt „Ich will bei den Wählern beliebt sein und von der FAZ gelobt werden“ als solchen? Ich kann zum Beispiel Martin Schulz‘ Anblick im Fernseher nicht ausstehen, aber für einen Schurken, der, sagen wir mal, sich in seinem Geheimlabor* kichernd die Hände reibt, während sein finsterer Plan, Europa mithilfe einer modernen Völkerwanderung ins Chaos zu stürzen, um dann als angeblicher Retter in der Not die Herrschaft über den ganzen Kontinent an sich zu reißen und eine Diktatur aufzubauen, sich allmählich entfaltet, hat er doch nicht das rechte Format. Obwohl, das wäre ein guter Plot für einen Roman. Uncharismatischer, eingebildeter ehemaliger Lokalpolitiker, der so wirkt, als wäre die Rolle, die er anstrebt, ein paar Nummern zu groß für ihn, zieht im Geheimen die Fäden einer riesigen Verschwörung, und zeigt sein wahres Gesicht erst, als es längst zu spät ist. Muss ich im Hinterkopf behalten.

Zurück zum Thema. In der Praxis bin ich von Dr. Franz‘ Ideen zur Hilfe für Flüchtlinge vielleicht gar nicht so arg weit entfernt (wobei er hier ja auch noch im Allgemeinen bleibt; ich kenne also nicht alle seine politischen Ansichten z. B. zu Familiennachzug, Integrationskursen, Abschiebungen oder Grenzkontrollen); es sind eher seine Vorüberlegungen und seine Redeweise, die mich stören.

Zusammenfassend: Bei aller Genervtheit von politisierenden Pfarrern, die die Messe mit der heute-show zu verwechseln scheinen (okay, so schlimm wird es selten), sollte man auch im Hinterkopf behalten, dass die oft getätigte Aussage, dass man in Flüchtlingen Christus erkennen könne, schlicht wahr ist. Es ist auch wahr, dass man in den Opfern vom Breitscheidplatz Christus erkennen kann. Es ist auch wahr, dass man in Frau Merkel Christus erkennen kann. Es ist auch wahr, dass man in Frau Weidel Christus erkennen kann. Es ist auch wahr, dass man in Herrn Höcke Christus erkennen kann. Es ist auch wahr, dass man in Herrn Amri Christus erkennen kann. Sie sind alle Gottes geliebte Geschöpfe, nach Seinem Abbild gemacht, und Er hat ihre Natur angenommen. Das verkündet die Kirche halt.

 

* Ich hatte zunächst „Geheimlaber“ getippt. Das Labern passt besser zu Herrn Schulz, wenn ich ehrlich sein soll, als das Schurkendasein.

Werbeanzeigen

2 Gedanken zu “Genervt von politisierenden Weihnachtspredigten über Flüchtlinge?

  1. Genervt? Nein, bin ich nicht, schon weil ich keine solche Predigt gehört habe.

    Dennoch halte ich das für so eigentlich nicht richtig, in der Beziehung.

    >> Zweitens: Ja, es ist sinnvoll, aus der Weihnachtsbotschaft dann auch konkrete Anleitungen für die Zuhörer abzuleiten, im Sinne von „Lasst Jesus auch in euren Herzen geboren werden“, wie das manchmal so heißt. Die können sehr unterschiedlich ausfallen. Sie können die Familie betreffen, das persönliche Gebet, den Job, oder auch mal die Politik.

    Wenndann in einem Nebensatz. Immerhin – die Behauptung, daß die Kirche nicht politisieren dürfe, ist tatsächlich eine, der man, gerade weil sie weitverbreitet ist, entgegentreten muß. Mit einem „selbstverständlich nicht“, am besten.

    Dennoch halte ich solche Themen – vom Gebet einmal abgesehen – gerade für eine Weihnachtspredigt nicht wirklich geeignet. Auch wenn ich durchaus sehe, gerade wenn einer ein Bischof ist, dann will er etwas dann sagen, wenn auch die Presse auf ihn hört. Notsituation, vielleicht. Aber prinzipiell:

    An Weihnachten gehen zwei Arten von Leuten in die Kirche:

    1. die, die den Advent begangen haben und
    2. die, die das nicht getan haben und in der Regel nur an Weihnachten in die Kirche gehen.

    Es ist schwierig genug, denen beiden was zu bieten. Oft wird wohl ein Prediger sich nur an (2) richten, weil die sonst halt gar nicht da sind. Aber dann muß er es richtig machen und ihnen etwas Grundlegendes zum Glauben und zum religiösen Leben erzählen, eigentlich. Oder nicht? „Ihr glaubt nur so halb, also konzentrieren wir uns auf die Moral, auf die wir uns als gute Menschen wohl einigen können“ ist jedenfalls entschieden die falsche Strategie – selbst *wenn* man sich auf diese Moral an und für sich *tatsächlich* einigen könnte.

    Und die Nr. (1)? Die haben drei bis vier Wochen „baut eine gerade Straße für den Herrn“ schon hinter sich; wenn es nur die betrifft, so kann man Themen, die eigentlich durchaus adventliche, aber keine eigentlich weihnachtlichen sind, durchaus auch im Advent abhandeln.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.