Was ist „geistlicher Missbrauch“?

  • Wenn man von der Familie oder den Freunden isoliert wird
  • Wenn man am besten alle Kontakte zu Außenstehenden oder – noch schlimmer – Aussteigern abbrechen soll
  • Wenn man davor gewarnt wird, dass Außenstehende, die vielleicht in Zukunft versuchen könnten, einen von der Gruppe abzubringen, vom Teufel gesandt wären und man sie gar nicht anhören dürfte
  • Wenn einem klar ist, dass man die Freundschaft der anderen Mitglieder automatisch verlieren würde, sobald man aus der Gruppe aussteigen würde
  • Wenn die Kleinigkeiten des Alltagslebens überwacht werden
  • Wenn eine Gruppe Druck ausübt, um die gesamte freie Zeit zu beanspruchen
  • Wenn man gedrängt wird, in Gruppensitzungen alle seine Sünden oder Probleme aufzudecken, auch wenn man sich dabei nicht wohl fühlt
  • Wenn solche vertraulichen Informationen dann unangekündigt vom Gruppenleiter an andere weitergegeben werden und später dazu verwendet werden, Kontrolle über einen auszuüben
  • Wenn ehrliche Fragen (Wieso lässt ein guter Gott Leid zu? Will Gott wirklich von mir, dass ich dieser speziellen Gruppe folge? Ist es wirklich eine Pflicht der Sittsamkeit für Frauen, nur Röcke und keine Hosen zu tragen?) nicht ernst genommen und beantwortet, sondern wie Vergehen behandelt werden
  • Wenn einem, sobald man Einsprüche wagt, Kritik äußert oder versucht, auf seinen Rechten zu bestehen, oder auch, sich gegen Vorwürfe zu verteidigen, die gegen einen erhoben werden, gesagt wird, man sei rebellisch, ungehorsam, hochmütig oder stelle sich gegen den Heiligen Geist, kurz, man sei selber das Problem
  • Wenn Leiter nicht hinterfragt werden dürfen und niemandem rechenschaftspflichtig sind
  • Wenn Leiter beanspruchen, dass Gott / der Heilige Geist / whatever in allen ihren Entscheidungen direkt durch sie spreche – oft, ohne dass sie irgendwelche Beweise dafür bringen müssen, dass Gott sie auf diese Weise auserwählt hat
  • Wenn gesagt wird, man müsste den Leitern oder anderen Autoritätspersonen auch dann gehorchen, wenn sie Unsinniges oder sogar Sündhaftes befehlen würden – vor Gott wäre man nur dafür verantwortlich, zu gehorchen; alle Sünden, die man dabei vielleicht begehen würde, würden einem nicht angerechnet werden
  • Wenn Informationen über Aufbau und Praktiken der Organisation geheim gehalten werden sollen
  • Wenn vor einem selbst beim Eintritt in die Organisation noch manche wichtige Dinge geheim gehalten werden, die man erst auf einer späteren Stufe der Initiation erfahren soll
  • Wenn gleich mal mit der Hölle gedroht wird – z. B. dafür, dass man nicht oft genug an der Haustürmission teilnimmt oder dabei nicht genügend Bekehrungserfolge vorweisen kann. Solche Drohungen können subtil oder weniger subtil sein. Gerne wird auch mal die Drohung von der unwiderruflichen Verdammnis verwendet – sprich, man bezeichnet ein bestimmtes Fehlverhalten als die unvergebbare Sünde, als die „Sünde gegen den Heiligen Geist“. [Die katholische Kirche interpretiert diese Bibelstelle übrigens ganz anders: Jede Sünde wird bei Reue vergeben werden, die Sünde gegen den Heiligen Geist meint einfach nur Reuelosigkeit, mit dem alten Ausdruck „Unbußfertigkeit“.]
  • Wenn man gedrängt wird (vielleicht auch mithilfe von impliziten oder expliziten Höllendrohungen), Fehlverhalten von Leitern – ob es sich dabei um Zweckentfremdung von Spendengeldern, außereheliche Affären oder sogar den sexuellen Missbrauch von Kindern handelt – nicht publik zu machen, um der Organisation oder der „Sache Gottes“ nicht zu schaden
  • Wenn man nach außen hin nicht von irgendwelchen Problemen in der Organisation sprechen soll

Zusammengefasst: Abschottung, erzwungene Intimität, Kontrolle, Manipulation, Anmaßung von absoluter Autorität, Drohungen, Geheimhaltung – das alles sind typische Beispiele für das, was man als „geistlichen Missbrauch“ bezeichnet.

Solche Dinge sind normalerweise Kennzeichen von Gemeinschaften, die man im allgemeinen Sprachgebrauch als „Sekten“ bezeichnet – aber es gibt sie nicht nur dort. Auch in Organisationen innerhalb der katholischen Kirche kann es gelegentlich dazu kommen. Die Legionäre Christi (und ihr Laienapostolat Regnum Christi) wären ein Beispiel: Gegründet von einem Kinderschänder, der ein Doppelleben führte und einen autoritären Personenkult um sich selbst aufbaute. Kinder in den Internaten der Legionäre wurden oft auf totalen Gehorsam getrimmt und durften wenig Kontakt zu ihren Familien haben, dem Anwerben von neuen Mitgliedern und – vor allem – von Spenden wurde oft mehr Bedeutung zugemessen als allem anderen, die Legionäre wurden als die einzig wahren Katholiken dargestellt, es gab ein spezielles Gelübde der „Nächstenliebe“, das vorschrieb, Kritik an Vorgesetzten nur mit diesen selbst zu besprechen, und Vorgesetzte waren gleichzeitig Beichtväter – ganz anders als etwa in jedem normalen Priesterseminar. Solche Regeln mussten immerhin durch die von Rom erzwungenen Reformen nach dem Bekanntwerden von Maciels Vergehen geändert werden; ich weiß nicht, ob die Legionäre sich inzwischen auch wirklich in der Tiefe erneuert haben. (Dass erst dieses Jahr der Rektor ihres Priesterseminars seine Amtszeit noch beenden durfte, nachdem er seinen Ordensoberen bereits mitgeteilt hatte, dass er ein Kind gezeugt hatte,  was diese auf seinen Wunsch hin erst einmal vertraulich behandelten (http://www.kath.net/news/61242 ), spricht nicht unbedingt für den Orden. Aber ich kenne mich sonst nicht näher mit seinem jetzigen Zustand aus.)

Die Legionäre sind allerdings nicht die einzige Gemeinschaft, die in der Hinsicht kritisiert wird. Der Neokatechumenale Weg zum Beispiel hat ebenfalls keinen einwandfreien Ruf (https://de.wikipedia.org/wiki/Neokatechumenaler_Weg#Inhaltliche_Kritik ). Und natürlich kann es auch mal in normalen Pfarreien, kirchlichen Vereinen oder Klöstern, wenn es dort entsprechend machtbewusste Persönlichkeiten gibt, zu geistlichem Missbrauch kommen.

Ich habe so etwas persönlich noch nie erlebt, sondern nur von Erlebnissen anderer gehört und gelesen. Aber ich finde, es ist wichtig, die Anzeichen zu kennen – nur für den Fall, dass man mal in eine interessante neu gegründete geistliche Gemeinschaft hineingerät, die dann anfängt, immer stärkere Kontrolle über das Alltagsleben zu verlangen, unter dem Deckmantel, einem zur Heiligung zu verhelfen. Nein, zur Heiligung ist es eben nicht nötig, alle seine Sünden öffentlich in einer Gruppe, vor Leuten, die man kaum kennt, darzulegen und dann die ganze Fastenzeit über nur Wasser und Brot zu sich zu nehmen, weil das dem Gruppenleiter als die beste Übung der Demut für einen vom Heiligen Geist persönlich offenbart worden ist.

Sektenartige Gemeinschaften oder sehr autoritäre Kleriker haben natürlich eine gewisse Anziehungskraft: Sie machen ernst. Sie sind radikal. Sie stellen das ganze Leben unter Gottes Willen. Aber Gottes Wille ist eben nicht automatisch der Wille eines Katecheten beim Neokatechumenalen Weg. Es gibt Gründe, wieso es in der Kirche zum Beispiel das Beichtgeheimnis gibt, und wieso sie genau festgelegt hat, was Sünden sind und wo im Gegenzug jeder seinen eigenen Weg finden darf: Um die Leute vor so etwas zu schützen. Nicht, dass zusätzliche persönliche Gelübde, oder der Anschluss an Gruppen, in denen man zusätzliche persönliche Gelübde macht, generell schlecht wären, das würde niemand behaupten; oft geht das Schlechte erst da los, wo ein solcher Weg nicht mehr als ein Weg unter vielen in der Kirche, sondern als der einzig wahre katholische Weg dargestellt wird, als etwas, das man nicht ausschlagen kann, ohne das eigene Heil zu gefährden. Oft erkennt man fragwürdige Gemeinschaften auch an ihrem Verhalten gegenüber kritischen Bischöfen: Sie akzeptieren keine Verurteilungen, stellen sich grundsätzlich als die Opfer hin, wenn sie kritisiert werden, als Märtyrer, als die letzte Bastion Gottes, die vom Satan in Gestalt der Kirchenhierarchie angegriffen wird. Mit Gehorsam ist es dann nicht mehr weit her.

Fazit: Prüfet alles, das Gute behaltet. Auch bei geistlichen Gemeinschaften. Manche von ihnen, wenn sie sich selbst absolut setzen, können einem authentischen katholischen geistlichen Leben im Weg stehen, statt dabei zu helfen.

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Immer noch genial

Lutheran Satire‘s Parodie von Do they know it’s Christmas, die letztes Jahr zur Weihnachtszeit veröffentlicht wurde:

Der Vikar und Mr. Thompson sind auf das Problem aufmerksam geworden, dass die Leute im 21. Jahrhundert keine Ahnung mehr von der Bedeutung von Weihnachten haben und suchen nach einer Lösung.

Vicar: Raise awareness? What does that mean?

Mr. Thompson: Ah, yes. That’s the term that people in the future use for when you’re too lazy to actually fix the problem, so you just tell yourself that publicly whining about it is good enough.

Und genau das machen sie dann auch, mit der Hilfe aller anderen Lutheran-Satire-Figuren, und mit der Verfremdung eines grässlichen 80er-Jahre-Wohltätigskeitprojekt-Weihnachtssongs.

 

Den Dialog ganz am Ende sollte man übrigens nicht verpassen. Hier meine Übersetzung:

Äthiopier: Und ja, es ist nervig, wie sie es so aussehen lassen, als wäre mein gesamter Kontinent eine einzige Wüste des Elends, aber, wisst ihr, was mich wirklich an Do they know it’s Christmas nervt, ist, dass Äthiopien wohl die erste christliche Nation der Weltgeschichte ist. Also, zu eurer Informationen, liebe Briten, wir brauchen keinen Schnee, um zu wissen, dass es Weihnachten ist. Wir haben schon die Geburt Jesu gefeiert, als ihr den späten Dezember noch damit verbracht habt, Glurg, dem Gott des Baumharzes, Menschenopfer darzubringen.

Mr. Thompson: Richtig. Wer waren Sie allerdings noch gleich?

Äthiopier: Oh, ich bin der Äthiopier, den Philippus in der Apostelgeschichte, Kapitel 8, getauft hat.

Vikar: Ah. Sie sind also der äthiopische Eunuch.

Äthiopier: Ähm, ja, so werde ich oft genannt. Ähm, aber ich habe auch einen Namen, Simeon, also wisst ihr, nennt mich einfach so.

Mr. Thompson: Richtig. Also, Simeon der Eunuch, dann?

Äthiopier: Einfach nur Simeon ist gut.

 

[Ich muss mir das Original jedes Jahr in der Weihnachtszeit anhören, da ein Elternteil ein Fan ist, daher hat mir diese Überarbeitung von Lutheran Satire besonders gefallen. Für alle, die das Glück haben, das Lied von 1984 nicht zu kennen, hier noch dessen Text:

 

It’s Christmas time, and there’s no need to be afraid

At Christmas time, we let in light and we banish shade

And in our world of plenty, we can spread a smile of joy

Throw your arms around the world at Christmas time

 

But say a prayer to pray for the other ones

At Christmas time, it’s hard, but when you’re having fun

There’s a world outside your window

And it’s a world of dread and fear

Where the only water flowing is the bitter sting of tears

And the Christmas bells that ring there

Are the clanging chimes of doom

Well, tonight, thank God it’s them instead of you

 

And there won’t be snow in Africa this Christmas time

The greatest gift they’ll get this year is life

Where nothing ever grows, no rain or rivers flow

Do they know it’s Christmas time at all?

 

Here’s to you, raise a glass for everyone

Here’s to them underneath that burning sun

Do they know it’s Christmas time at all?

 

Feed the world

Feed the world

 

Feed the world,

let them know it’s Christmas time

And feed the world

let them know it’s Christmas time

And feed the world

let them know it’s Christmas time

And feed the world

let them know it’s Christmas time…

 

Schon ein wenig… over the top… nicht wahr?]

Woher wissen wir, was richtig und was falsch ist?

Eine Antwort an Muriel, auf die Frage, woher man als Katholik/Christ/Theist seine Moral herleitet. Ich hoffe, es ist alles verständlich erklärt, ich bin heute schon etwas müde.

Im Kommentarbereich von meinem – eigentlich Nepomuks – letzten Beitrag (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/12/01/zu-gaudete/) wurden einige Fragen aufgeworfen: Was ist das Naturrecht? Weiß man als Christ nur durch Gottes Offenbarung, was richtig oder falsch ist? Und wie leitet man eine atheistische Moral her? Weil das alles ausführliche Antworten erfordert, antworte ich in einem eigenen Beitrag.

Die letzte Frage hat Muriel hier (https://ueberschaubarerelevanz.com/2010/07/28/abfalle-zur-verwertung-sind-abfalle-die-verwertet-werden/) für sich beantwortet: Moral ist eine gesellschaftliche Vereinbarung, die dem Gemeinwohl dient.

„Niemand will ermordet werden, und niemand will, dass andere ihm sein Zeug wegnehmen. Und deshalb formen wir Gesellschaften, in denen wir übereinkommen, uns nicht gegenseitig umzubringen, und uns nicht unsere Sachen wegzunehmen. […] Und so kann man, finde ich jedenfalls, sehr gut vernünftig begründen, was man für ethisch hält und was nicht.

Der Maßstab unserer ethischen Regeln sollten ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft sein, und unsere Vorstellungen davon, wie eine gute Gesellschaft aussieht. Selbstverständlich kommt dabei nicht heraus, dass man Ethik quasi wissenschaftlich erforschen kann. Man hat am Ende nicht einen ehernen Regelkanon, der für alle Zeiten so bleiben kann. Wir werden immer wieder neu entscheiden müssen, wie wir unser Zusammenleben gestalten wollen. Gewiss sind wir uns dabei nicht immer einig, und deshalb werden wir niemals endgültig wahre Antworten finden. In gewisser Weise ist das vielleicht eine Schwäche des Systems, aber es ist eine Schwäche, die es mit allen anderen gemeinsam hat. Eine absolute Quelle für unfehlbare Moral gibt es nicht, und wer so tut, setzt damit nur – bewusst oder unbewusst – seine eigenen subjektiven Vorstellungen absolut, ohne diese vernünftig begründen zu können.“

Im selben Beitrag kritisiert Muriel andere Ansichten zur Begründung von Moral:

„Es gibt Leute, die glauben, Moral käme von Gott. Und dann gibt es andere, die glauben, Moral käme aus der Natur, und noch mal andere, die glauben, Moral wäre willkürlich und zufällig und könnte jedenfalls nicht rational begründet werden. Ihr werdet es euch denken können: Die haben alle Unrecht.

Es ist so eine Sache, die ich mich angesichts der Geschichte von den sogenannten zehn Geboten schon immer gefragt habe: Sollen wir wirklich glauben, dass die Israeliten vorher nicht wussten, dass es nicht okay ist, zu töten und zu stehlen? Sollen wir wirklich glauben, dass wir einen Gott brauchen, der uns sowas sagt? Oder dass die Natur eben schon immer so war, dass niemand tötet und niemand stiehlt? Oder dass es genauso gut hätte so kommen können, dass wir eine Gesellschaft errichten, deren Bürger sich routinemäßig gegenseitig töten und bestehlen?“

 

Zur ersten Alternative: Gott als Ursprung von Moral.

Wir Katholiken glauben nicht, dass wir Gott brauchen, um zu kapieren, dass Töten und Stehlen schlecht sind. Die Ansicht, dass Moral nur das ist, was Gott zufällig befohlen hat, oder dass wir ohne Gottes Offenbarung nicht wissen könnten, was richtig oder falsch ist, ist Ketzerei. Wir besitzen Vernunft und Gewissen und es gibt das objektiv Gute, das wir mithilfe dieser Instrumente erkennen können.

Allerdings ist es natürlich sinnvoll, wenn Gott uns an die Gebote erinnert und sie uns noch einmal einschärft. Ohne diese zusätzliche Bestätigung neigen wir leicht dazu, sie zu untergraben oder beiseite zu schieben. Was ist mit dem 6. Gebot, „Du sollst nicht die Ehe brechen“, oder dem 4. Gebot, „Ehre Vater und Mutter“? Würden alle Atheisten das heute noch vorbehaltlos unterschreiben? Oder nehmen wir ruhig das scheinbar so einfache und einsichtige 5. Gebot: „Du sollst nicht töten.“ Nun sehen auch wir Katholiken hier Ausnahmen im Fall von Notwehr und Nothilfe und interpretieren das Gebot als „Du sollst nicht morden“, d. h. „Du sollst niemals direkt unschuldige Menschen töten“. Aber wie geht es dann weiter, wenn es an die Frage nach, sagen wir mal, Euthanasie für ein schwer krankes Kleinkind geht? Manche Gesellschaften haben sie für sinnvoll erklärt. Was ist mit Abtreibung? Selbstmord? Beihilfe zum Selbstmord? Duellen? Hier kommen wir zu Detailfragen, die grundsätzlich auch alle durch die Vernunft lösbar sind, bei deren Lösung uns aber Gott – heute vor allem durch das Lehramt der Kirche – helfend zur Seite steht, damit wir uns nicht verzetteln. [Anmerkung: Wir Katholiken glauben nicht an den protestantischen Grundsatz „Allein die Schrift“; für uns spielt das Lehramt der Kirche bei der Auslegung der Bibel eine große Rolle. Mit einem „In der Bibel steht kein Vers über frühabtreibende Verhütungsmittel“ kann man uns also in einer Debatte zum Beispiel nicht begegnen.]

Was die Zehn Gebote angeht, sollte man übrigens sehen, dass sie nicht einfach eine Lehrpredigt für die Israeliten im Sinne von „Das hier ist Moral, merkt euch das“ sind. Hier begründet Gott am Sinai seinen Bund mit den Israeliten, und zu diesem Bund gehört auch die Verpflichtung, die grundsätzlichen moralischen Gebote einzuhalten. Hier macht Gott deutlich: Er ist nicht ein Gott, dem die Moral egal ist, dem es bloß auf die richtigen Kulthandlungen ankommt. „Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.“ (Hosea 6,6) Übrigens betreffen auch nur die letzten sieben Gebote die zwischenmenschliche Moral, die ersten drei das Verhältnis zu Gott.

In einem gewissen Sinne kann man als Katholik sagen, man würde die Moral „von Gott herleiten“: Gott ist gut; Gott ist das Gute selbst, die Vernunft selbst, die Liebe selbst. (Er ist zudem der Schöpfer dieser Welt, wir sind alle nur durch Ihn gemacht; angenommen, Gott wäre nicht gut, wie wäre es uns dann möglich, das zu erkennen, da wir unsere Erkenntnisfähigkeit nur durch Ihn haben?) Aber das heißt nicht, dass wir ohne spezielle Offenbarung bezüglich der Moral im Dunkeln tappen.

 

Jetzt zur zweiten Alternative: Die Natur als Ursprung von Moral.

Wir Menschen, die wir vernunftbegabt sind, erkennen, dass es in dieser Welt viele Ungerechtigkeiten gibt. Wir erkennen, dass die Welt in ihrem derzeitigen Zustand nicht so ist, wie sie sein sollte. Das spricht gegen den Pantheismus, die Naturverehrung: Wenn wir nur aus dieser Welt hervorgegangen wären, wenn die Natur alles wäre, was es gäbe, wie könnten wir dann praktisch als Außenstehende die Natur beurteilen und erklären, dass zum Beispiel natürliche Rivalitäten zwischen Menschen, das Recht des Stärkeren im Tierreich, oder Tod und Leid im Allgemeinen schlecht sind? Wir sind übernatürliche Wesen – von Gott geschaffen. Und wir erkennen, dass das, was wir allgemein als „Natur“ bezeichnen, nicht einfach moralische Maßstäbe vorführt.

Falsche Vorstellungen von einem „Naturrecht“ sind möglich. Das beste Beispiel ist der Sozialdarwinismus. (Wobei mir nicht bekannt wäre, dass Sozialdarwinisten den traditionellen katholischen Begriff des Naturrechts je für sich übernommen hätten.) Der Sozialdarwinismus basiert auf der Überlegung: So sehen wir es in der „Natur“ (Flora und Fauna), also sollte es auch so sein (allgemein bekannt als der „naturalistische Fehlschluss“ oder „Seins-Sollens-Fehlschluss“). Einfach zu beobachten, was passiert, und das dann für gut zu erklären, ist falsch. Der Sozialdarwinismus ist reine Naturverehrung; wir Christen verehren dagegen einen Schöpfergott, der über der Natur steht.

Aber das heißt natürlich auch, dass die Natur für uns sehr wohl eine gewisse Bedeutung hat: Der gute Gott hat sie erschaffen, sie ist gut. Zwar ist die Welt auch gefallen – nicht schlecht, aber in mancher Weise verdorben – aber trotzdem sagt uns ihr Aufbau etwas über die Moral.

Wir glauben, dass Gott alle Dinge zu einem bestimmten Zweck geschaffen hat. Wir sollen gemäß unserer Natur und der Natur der Dinge leben – Natur jetzt nicht im Sinne von Flora und Fauna, sondern im philosophischen Sinn verwendet. Die Sprache zum Beispiel hat einen natürlichen Zweck – Kommunikation -, daher ist ihr Missbrauch durch Lügen falsch. Das ist der ursprüngliche Zweck der Sprache, der in ihrem Wesen liegt. Wenn man in der Natur beobachtet, dass die Leute sie nicht so verwenden, dann ändert das nichts daran, dass sie sie nicht so verwenden sollten: Das ist, kurz gesagt, der Unterschied zwischen Sozialdarwinismus und katholischem Naturrechtsdenken. Auch andere Dinge im Leben haben ihren natürlichen Zweck und sollten nicht entgegen diesem Zweck verwendet werden.

Der Begriff des Naturrechts will vor allem sagen, dass eine Tat oder Unterlassung nicht deshalb gut oder schlecht ist, weil eine Gesellschaft oder ein Gott sie für gut oder schlecht erklärt hat, sondern weil sie ihrem Wesen nach gut oder schlecht ist.

 

Auf die dritte Alternative, Moral wäre willkürlich und zufällig, brauche ich wohl nicht mehr einzugehen.

 

Daher widme ich mich jetzt Muriels eigener Vorstellung: Muriel erkennt sehr wohl selbst an, dass es etwas objektiv Gutes gibt: nämlich allgemeine Zufriedenheit, Glück, gute Lebensbedingungen: das Ziel der zu vereinbarenden Moral. Das ist jedoch schon ein „absolutes“, also praktisch naturrechtliches, Prinzip.

Nur ist es leider etwas schwammig formuliert, und es wird wenig Konkretes daraus abgeleitet. Geht es beim Maßstab der „Auswirkungen auf unsere Gesellschaft“ um Utilitarismus – das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl? Oder geht es um das Wohl jedes einzelnen Mitglieds der Gesellschaft? Das übergreifende Prinzip der christlichen Moral ist ganz einfach: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Und „lieben“ meint hier: „Jemandem Gutes wollen.“) Es geht um die konkrete Verantwortung gegenüber den einzelnen Menschen, mit denen man zu tun hat – den eigenen Familienangehörigen, Kollegen, Nachbarn -, weniger gegenüber der gesamten Gesellschaft. (Da die ja auch aus vielen einzelnen Menschen besteht, sollte das Gemeinwohl aber natürlich nicht vergessen werden.) Ich nehme mal einfach eine nicht-utilitaristische Lesart für Muriels Text an; ich denke, dass wir uns dann in den Prinzipien ziemlich einig wären. Etwa dem grundlegenden Prinzip: Was einen Menschen schädigt, ist falsch. Man müsste dann sicher noch darüber sprechen, was genau schädigt oder nicht schädigt, aber das Prinzip ist ja nicht schwer einzusehen.

Es beruht allerdings auch noch auf zwei Annahmen, die man sich noch ansehen sollte:

  1. Menschen sind wertvoll.
  2. Kein Mensch ist mehr oder weniger wertvoll als ein anderer.

Muss man diese beiden Prinzipien als Atheist zwangsläufig auch annehmen? Das erste ist wohl das schwierigere. Welchen Wert sieht man als Atheist im menschlichen Leben? Es gibt dazu sicher unter Atheisten unterschiedliche Ansichten; aber wenn man das Leben als schlecht und sinnlos ansieht, wie es manche Atheisten tun, dann ändert sich natürlich auch die Moral: Wenn es so ist, was bringt es dann etwa, anderen Menschen, zum Beispiel schwer Kranken, das Leben zu erhalten? Die Sicht auf Euthanasie beispielsweise wäre in diesem Fall eine andere als die christliche. Und das zweite Prinzip: Woher nimmt man als Atheist die Überzeugung, dass z. B. schwer behinderte Menschen ebenso wertvoll sind wie hochintelligente? Es gab und gibt Atheisten, die nicht dieser Überzeugung sind. Nein, da muss man nicht in die Vergangenheit schauen: Der australische Philosoph Peter Singer zum Beispiel sieht in behinderten Neugeborenen keinen besonderen Wert.

Ich sage nicht, dass man diese Prinzipien als Atheist nicht auch annehmen kann. Man kann sie einfach als offensichtliche Wahrheiten, die das Gewissen vorgibt, annehmen, auch als Atheist.

Wenn wir alle einfach annehmen, dass wir Gewissen und Vernunft haben, die uns einfach sagen, dass wir „unseren Nächsten lieben“ sollen „wie uns selbst“, dann wären wir uns bei der Herleitung der Moral wohl einig. Für uns Christen wird diese Moral dann durch die Überzeugungen, dass alle Menschen eine unsterbliche Seele haben, dass sie von Gott als wertvoll geschaffen sind, dass sie Gottes geliebte Geschöpfe sind, noch untermauert.

„Moral als gesellschaftliche Vereinbarung“ macht dagegen in sich keinen Sinn. Eine Gesellschaft könnte zum Beispiel vereinbaren, eine Minderheit zu unterdrücken – was offensichtlich unmoralisch wäre. Zum zweiten hat man nicht nur gegenüber Menschen, die der eigenen Gesellschaft angehören, moralische Verpflichtungen. Wie sollte man sich gegenüber jemandem verhalten, den man in einem fremden Land trifft und der andere Vereinbarungen gewohnt ist? Muss man erst neue gegenseitige Vereinbarungen treffen? Oder gibt es nicht doch universelle Prinzipien der Menschlichkeit, an die man sich halten könnte?

Muriel unterscheidet hier nicht zwischen dem positiven (=gesetzten) menschengemachten Recht, das in verschiedenen Ländern legitimerweise verschieden sein kann – Autos fahren auf der rechten Straßenseite, zur Begrüßung reicht man sich die Hand, das Staatsoberhaupt wird alle fünf Jahre vom Volk gewählt – und universellen Regeln, also dem Naturrecht – du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht lügen. Im positiven Recht gibt es Spielraum, wobei es natürlich auf dem Naturrecht beruhen sollte.

Zu Gaudete

Ein Gastbeitrag von Nepomuk in Form einer Predigt zum Gaudete-Sonntag:

Freut euch allezeit im Herrn! Noch einmal sage ich: freut euch. (Phil 4,4)

Den heutigen Sonntag nennt man Gaudete, das heißt „Freut euch!“. Das kam im Introitus. Das kam in der Lesung. Und jetzt kommt’s auch in der Predigt schon wieder. Natürlich muß es hier um die Freude gehen.

Man könnte an dieses Thema naiv herangehen und sagen: freuen, das tun wir Christen uns ja sowiesó. Könnte man. Aber es wäre naiv. Man könnte dann noch naiver auf irgendwelche Statistiken eingehen, die irgendwie (vermutlich) nahelegen würden, daß die Gläubigen fröhlicher durchs Leben gehen als die Ungläubigen; wahrscheinlich ist das auch so. Ich habe die statistische Lage nicht geprüft, aber ich meine mich zu erinnern, daß es das immer heißt. Ich weiß freilich – offen gestanden – nicht, wie die Statistiker, wenn es diese Statistiken überhaupt gibt, zu ihren Ergebnissen kommen. Ob das irgendwelche Fragebögen sind? Wie aussagekräftig das ist? Hat einer geantwortet, wie er antworten soll, weil er weiß, daß er eigentlich Grund zur Freude hat? Damit müßte man sich wenndann im Detail beschäftigen; letztlich ist es aber, so denke ich, nicht so wichtig. Eines heißt es jedenfalls, die Gläubigen begehen seltener Selbstmord als die Ungläubigen. Aber liegt das daran, daß sie sich mehr freuen – oder doch ganz banal daran, daß sie an der moralischen Pflicht festhalten, aus ihrem Leben gerade dann nicht zu flüchten, wenn es wirklich unangenehm wird? (Natürlich ist die Pflicht eine des Naturrechts; de facto hält das aber wohl nur noch der Gläubige hoch.)

Man könnte an das Thema auch moralisierend herangehen; dann kommt in der Regel relativ bald der Spruch von Friedrich Nietzsche: „Erlöster müßten mir die Christen aussehen […] wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“ Ich will keinen Hehl daraus machen, daß ich von diesem Sprüchlein – das nebenbei Nietzsche tatsächlich einmal gesagt hat, das in gefühlten 95 % aller Fälle, in denen es heute zitiert wird, aber von eifrigen Christen zitiert wird, immer beflissen, einander zu ermahnen: was, wenn wegen eines unterlassenen Lächelns ein Mensch sich nicht bekehrt, will jemand diese Verantwortung tragen usw.? – in dieser Verwendung nicht allzuviel halte.

Es gibt eine Pflicht, sich zu freuen; der Apostel schreibt das ja ausdrücklich. Ich komme darauf auch gleich zu sprechen. Aber einstweilen – diese gibt es, weil wir tatsächlich Grund zur Freude haben! Aber einen Atheisten mit Hang zur Verrücktheit, wie Nietzsche es war, der von unserem Glauben keine Ahnung, bloß oberflächliche Kenntnisse hat, der insbesondere von den Dingen, die dem Gläubigen auch tatsächlich schwer zu ertragen werden, denn es gibt sie, keine Ahnung hat, der ist der allerletzte, der uns zu sagen hätte, was unser Gefühl zu tun und zu lassen hat! Als ob die Freudigkeit oder fehlende Freudigkeit der Christen, von denen doch ohnehin klar ist, daß sie zum einen sündigen und zum anderen auch, wo das, was sie tun, immerhin keine Sünde ist, eher selten dem Bild des zum einen völlig perfekten, zum anderen „geisterfüllt“ (oder was man so nennt) auf Wolke sieben schwebenden „erlösten“ Menschen nahekommt. Das geht Nietzsche einen feuchten Dreck an!

Übrigens ist dieser auf Wolke sieben schwebende Charismatiker, dem wir sein Glück durchaus gönnen wollen, für den Katholiken entgegen der von gewissen religiösen Revival- und Pfingst- und wie-sie-nicht-alle-heißen-Bewegungen kolportierten Vorstellungen durchaus auch nicht das Ideal. Es gibt ja diese Vorstellung, der Heilige bekehre sich einmal in einer großen Bekehrungsaktion, und dann habe er natürlich hier und da die eine oder andere Anfechtung, aber im großen und ganzen sei er im Frieden. – Wie gesagt, wenn das dem einen oder anderen so geht, dann sei ihm das gegönnt. Aber es ist definitiv nicht der typische Lebenslauf der großen katholischen Heiligen; und wohl auch nicht der meisten ein paar Niveaus drunter anzusiedelnden Katholiken. Mit der Bekehrung, sei es daß sie durch ein plötzliches Ereignis kommt, sei es (was trotz aller das Gegenteil behauptenden Neuprotestanten durchaus möglich ist) daß ein als Kind Getaufter wirklich von Kindesbeinen an in den Glauben hineinwächst und natürlich für seine Sünden Buße tun, eine „typische“ Bekehrung aus dem Bilderbuch vom Unglauben zum Glauben aber gar nicht ablegen muß – damit jedenfalls geht der Glaubensweg erst so richtig los; geht auch der Kampf los; geht auch der Lauf, von dem der hl. Paulus schreibt, los. Der in diesen Tagen seinen Geburtstag für den Himmel feiernde Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz hat daran keinen Zweifel gelassen: auf diesem Weg kann es auch zu sogenannten Trockenheiten kommen, in denen der Mensch glaubt, aber die Tröstungen des Glaubens gar nicht spürt; und die hl. Mutter Teresa von Kalkutta hat nach ihrer ewigen Profeß fast das ganze weitere Leben das Martyrium einer solchen Trockenheit erdulden müssen.

Gerade in ebenso einer „Trockenheit“, können wir glaubich sagen, befand im Evangelium des vergangenen Sonntags sich ein anderer großer Heiliger, ein anderer hl. Johannes, eben der hl. Johannes der Täufer, von dem auch heute, wenngleich in anderem Zusammenhang das Evangelium berichtet.

Er sitzt da da, im Gefängnis, in das ihn sein konsequentes Eintreten für die Wahrheit und die rechte Moral – wofür übrigens? Dafür, daß er Herodes darauf hingewiesen hatte, daß geschiedene Leute nicht heiraten dürfen – gebracht hat; und jetzt sitzt er da. Auf Christus hat er hingewiesen; im heutigen Evangelium haben wir von seiner Prophetie gehört, die auf Christus verweist. Unmittelbar danach wird im Johannesevangelium berichtet, daß Christus zu Johannes kam und Johannes den Geist auf ihn herabkommen sah (es muß das bei der Taufe Christi gewesen sein, von der die Synoptiker berichten), und jetzt identifiziert Johannes ihn: Das ist er.

Im Evangelium vom letzten Sonntag ist wie gesagt einige Zeit vergangen; Johannes sitzt im Gefängnis und schickt Boten zu Christus: „Bist Du es denn jetzt, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Glaubensfreude? Auf den ersten Blick Fehlanzeige.

(Nebenbei bemerkt haben sich nicht wenige Kirchenväter gedacht, ein Prophet irrt sich nicht und zweifelt auch an seiner Prophetie nicht; Johannes habe daher gar nicht an Christus gezweifelt, aber seine Jünger hätten es, und um diesen, nicht seinen eigenen, Zweifeln Ruhe zu verschaffen, habe er seine Jünger zu Christus geschickt, daß Er sie selber stille. So oder so: die Zweifel waren jedenfalls in der Welt.)

Christus antwortet darauf nach ein paar Sätzen, auf die ich noch eingehe, mit dem Lob des Hl. Johannes, als wollte er es den von dem protestantischen Gerede über die Stärke des Glaubensgefühls als Gradmesser der Festigkeit des Glaubens verunsicherten Menschen von heute ins Stammbuch schreiben, daß dieser Zweifel, ob ihn der hl. Johannes nun hatte oder ob es nur der seiner Jünger war, mit dem er sich aber in dem Fall unzweideutig solidarisierte, nicht heißt, daß einer ein schlechter Christ sei.

Auch in einem der beeindruckendsten Bücher des Alten Testaments, im Buch Ijob, von dem man bitte nicht einfach eine Zusammenfassung lese, sondern das man von vorn bis hinten durchlesend auf sich einwirken lassen sollte, wird Ijob nicht für die Klage getadelt, zu der er kein Recht habe. Man wird sich erinnern (weil man vielleicht doch schon eine Zusammenfassung gelesen hat): Ijob verliert alles, was er auf der Erden hat, auch seine Gesundheit und liegt da in Schmerzen und klagt, warum ihm das passiere, er habe es doch nicht verdient. (So ganz grob.) Drei Freunde sind da, Elifas, Bildad und Zofar, die sagen ihm dann, er müsse ganz einfach ein Sünder sein und außerdem stehe es ihm keineswegs zu, mit Gott zu rechten, er habe sich seiner Majestät einfach zu unterwerfen. (So ganz grob.) Im Grunde also predigen sie die Haltung, die heute der Islam einnimmt – wenn der auch sonst bisweilen schlecht informierte deutsche Denker Oswald Spengler behauptet, Ijob (und nicht die drei Freunde) sei der Prototyp des Moslems, dann stimmt das nicht. Nichtsdestoweniger ist die Rede der drei auch nicht ganz falsch, wenn sie auch hernach dafür getadelt werden. Nachher erscheint ein jüngerer Mann namens Elihu, der differenzierte Theologie betreibt; das ist schon hilfreicher, und er wird dafür nicht getadelt. Dann aber kommt die Hauptsache, dann tritt Gott selbst auf den Plan. Und was der nur überfliegende Leser ebenfalls für einen Tadel von seiten Gottes halten würde,

„Wer ist es, der den Plan verdunkelt / mit Worten, denen die Erkenntnis mangelt?
Umgürte Deine Lenden wie ein Mann; / ich will dich fragen, Du belehre mich!
Wo warst Du denn, als ich die Erde gründete? / Sag an, wenn Du so große Einsicht hast!“
und dann geht es so eine Weile weiter und dann kommt:
„und wer hat ihren Eckstein eingefügt,
als all die Morgensterne jauchzten / und alle Gottessöhne jubelten?“

– das ist gar kein Tadel. Gott beschreibt dann geradezu detailverliebt die Schönheit und den Detailreichtum Seiner Schöpfung, und wie Chesterton bemerkt, wird klar, daß die Gottessöhne wirklich etwas zu jubeln hatten, und daß Gott Hagelkörner aufbewahrt
„für den Tag des Kampfes und der Schlacht“,
und daß die Frevler (und nicht Ijob!) von der Erde geschüttelt werden würden.

Die Antwort Ijobs darauf scheint für viele oberflächliche Leser die Grundaussage des Buches zu sein:

„Sieh, zu gering bin ich. Was soll ich Dir erwidern? / Ich lege meine Hand auf meinen Mund.
Einmal hab‘ ich geredet, tu’s nicht wieder / sogar ein zweitesmal, doch fahre ich nicht fort.“

Auch die Haltung ist, versteht sich, nicht ganz falsch. Aber Grundaussage des Buches? Nichts dergleichen. Jetzt, wo, wenn das stimmte, Gott doch zufrieden sein müßte, jetzt gerade ändert sich auf einmal der Tonfall; jetzt kommt noch eine zweite Rede Gottes, und jetzt kommt Gott wirklich fast ein wenig zornig herüber!

„Willst du wirklich mir mein Recht zunichte machen/ mich schuldig sprechen, daß Du Recht behältst?“
Jetzt kommt die zweite Rede Gottes von seiner Hoheit und seiner Majestät, jetzt treten Nilpferd und Walfisch auf und so weiter. Und am Ende sagt Ijob dann:
„Ich weiß nun, daß Du alles kannst / und kein Gedanke Dir unmöglich ist.
Wer ist es, der den Rat verdunkelt ohne Einsicht? / So sprach ich im Unverstand von dem  / was mir zu wunderbar und unbegreiflich war.
So höre doch, ich will nun reden! / Ich will Dich fragen, Du belehre mich!
Vom Hörensagen nur hab ich von Dir gewußt / jetzt aber hat mein Auge Dich geschaut.
Drum leiste Widerruf ich und bereue / in Staub und Asche.“

„Ich weiß, daß mein Erlöser lebt / selbst wenn er sich als Letzter aus dem Staub erhebt“, hatte er vorher mitten in seiner Klage gesagt. Und er hatte Recht.

Johannes ließ anfragen: „Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ So höre denn, ich will nun reden: ich will Dich fragen, Du belehre mich! Und Christus antwortet: „Berichtet ihm, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote werden auferweckt und den Armen wird das Evangelium verkündet. Und selig, der an mir keinen Anstoß nimmt.“

Das ist der Grund für unsere christliche Freude, daß unser Erlöser lebt und sich aus dem Staub erhoben hat.

Johannes fragte in einer Zeit der Unsicherheit, der Buße – er war ja Bußprediger – des Advents, der violetten Gewänder, der Erwartung der Ankunft Gottes in diese Welt. Ijob fragte in seiner persönlichen Unsicherheit, seiner Klage, seinem Leiden – in einer Zeit der violetten Gewänder, des Advents, der Erwartung der Ankunft Gottes in diese Welt. Und sie erhielten beide Antwort: Mit der Ankunft Gottes in diese Welt.

Darin freilich ist Johannes Ijob voraus: Dem Ijob erschien Gott, um ihn zu trösten: letztlich, um ihn damit zu trösten, daß Er da ist, daß die ganze Problemlage tatsächlich eine zum Himmel schreiende Problemlage ist und daß der Himmel antworten wird. Christus, Gott selbst, der Menschgewordene, ist die Antwort des Himmels – Er wird die Sünden der Welt – und damit letztlich auch die Sündenfolgen – hinwegnehmen. Johannes durfte mit den Worten „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt“ auf ihn hinweisen (wieder: unmittelbar im Anschluß an das Evangelium von heute) – nachdem er es, bevor ihm gesagt wurde, daß Er es sei („auch ich kannte ihn nicht“ würde er sagen; persönlich kannte er Ihn schon, Er war sein Cousin, aber er wußte nicht, daß Er es sei), schon als adventlicher Prophet verkündet hatte.

Er, Christus, ist der Grund für unsere Freude; und deswegen hat der Herr Zelebrant heute ein rosanes Gewand an als aufgehelltes Violett.

Und was folgt nun für unser Verhalten daraus? Nein, nicht, daß wir nicht klagen dürften. Auch Ijob durfte. Auch Johannes durfte. Wohl aber wird man ganz pragmatisch sagen: wir sollten es damit nicht übertreiben.

Der Hl. Thomas von Aquin lehrt an einer Stelle, wenn uns die Traurigkeit übermannt, dann solle man ein heißes Bad nehmen (oder so ähnlich): Zur Freude gehört schon auch, daß wir uns nicht alleweil der Trübsal hingeben – und wenn so banale gewissermaßen „Techniken“ wie Baden, Duschen, lautes Singen von von rechter Fröhlichkeit erfüllten Liedern, zum Beispiel von religiösen, aber auch, anstatt dauerndem Vor-sich-hin-Gegrummel die Klage wirklich einmal auszusprechen, laut hinauszuschreien, zu weinen etc. – auch wenn es paradox klingt, aber das hilft in der Regel, zur Freude zurückzufinden – uns dabei helfen, dann können wir diese auch hernehmen. „Durch die äußeren Formen [gemeint: des katholischen Ritus] werden die inneren Haltungen sowohl ausgedrückt als auch hervorgebracht“, heißt es in der Erklärung der Alten Messe von Pater Martin Ramm; das ist das schlagende Argument gegen den von protestantischer und anderer Seite vorgebrachten Vorwurf, wir würden nur auf Äußerlichkeiten setzen; und was für den Ritus gilt, das gilt auch außerhalb.

Machen wir uns nichts vor! Aber scheuen wir uns auch nicht, die Haltung, die wir eigentlich in unserem Herzen, oder, wenn für jemanden das Wort „Herz“ zu sehr nach „Gefühl“ klingt: durchaus auch in unserem Kopfe, haben, laut zu äußern auch in der Hoffnung, daß wir unser eigenes Gemüt damit erst noch so überzeugen. Wie es die hl. Mutter Teresa gehandhabt hat: sie hat immer gelächelt – weil sie wußte, es gibt Grund zum Lächeln. Das war nicht unehrlich. Auch wenn das Lächeln mühevolle Arbeit war.

Und dann, klar, tun wir, wie der Hl. Paulus gesagt hat. „Euer gütiges Wesen sollen alle Menschen erfahren.“ Freude auszustrahlen ist selbst schon ein Akt der Gütigkeit; er macht den Mitmenschen das Leben angenehmer. Und so wie wir angelegt sind, wird zumeist nur mit Freude im Herzen es gelingen, Großes zu leisten, sei es in der Nächstenliebe, sei es anderweitig. „Du wirst es nicht zu Tücht’gem bringen / bei deines Grames Träumereien, / die Tränen lassen nichts gelingen; / wer schaffen will, muß fröhlich sein. // Wohl Keime wecken mag der Regen, / der in die Scholle niederbricht, / doch golden Korn und Erntesegen / reift nur heran bei Sonnenlicht.“ So, mit Recht, Theodor Fontane.

Und das geht ja auch. Denn, so Paulus: „Um nichts macht euch Sorgen; laßt vielmehr in jeder Lage eure Anliegen durch Bitten und Flehen – mit Dank! – vor Gott kund werden.“

Das ist der nächste praktische Hinweis: Scheuen wir uns nicht, unseren Herrgott mit Bittgebeten zu bestürmen! Wir wissen ja, daß er uns gibt, was wir brauchen.

Und vergessen wir das Dankgebet nicht. Denn was wir brauchen könnten, ist allenfalls ein kleiner Tropfen in dem Meer von dem, was er uns schon gegeben hat in der Schöpfung; was Er uns zuteil hat werden lassen in der Erlösung, in der Gnade, in Jesus Christus; und vor allem, um den Dank mit dem Gloria zu sagen: in bezug auf Seine eigene große Herrlichkeit: denn Er, das vollkommene Gute und die Ewige Schönheit, íst:

und wenn das für einen kein Grund zur Freude ist, dann ist er entweder seines Verstandes nichtmächtig oder ein Trottel.