Wem gehört Jerusalem?

Ich habe in meinem letzten Artikel schon einen Beitrag auf feinschwarz.net zur Jerusalem-Frage (http://www.feinschwarz.net/jerusalem-heiligkeit-jenseits-von-machtbehauptung/) angesprochen, also will ich auf den hier jetzt noch genauer eingehen. Wie zu erwarten war, hält der Autor des Artikels, der Jesuit Christian M. Rutishauser, von Trumps Entscheidung, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, nicht viel.

Die Kritik an der Entscheidung der USA wird oft dadurch erleichtert, dass es Trump ist, der sie getroffen hat; Rutishauser hält das nicht für ein gutes Argument, auch wenn er sich etwas Trump-Kritik nicht verkneifen kann: „Da ist es einfacher, sich über einen Präsidenten wie Donald Trump zu empören, der offensichtlich aus innenpolitischen Machtinteressen Jerusalem zur Hauptstadt von Israel erklärt und damit weder den Israelinnen und Israelis noch den Palästinenser*innen einen Dienst erweist. Ob ihm die evangelikalen Wähler*innenstimmen und jene der ultra-orthodoxen, nationalreligiösen Juden und Jüdinnen helfen, wird man erst später sehen.“ Ich halte die Frage für ziemlich uninteressant, aus welchem Grund das blinde Huhn vielleicht doch mal ein Korn gefunden haben könnte; aber erweist er den Israelis denn wirklich keinen Dienst damit?

Rutishausers Hauptargument für seine Position gegen Jerusalem als israelische Hauptstadt ist: Diese Stadt ist heilig, und zwar für gleich drei Religionen. Das Heilige ist aber etwas, das Besitzdenken entzogen sein sollte:

Das Heilige stellt im Gegensatz zum Profanen denjenigen Bereich dar, der dem Menschen und seinem besitzergreifenden Handeln entzogen ist. Durch das Heilige wird dem Menschen eine Grenze gesetzt. Er kann sich nicht allem bemächtigen. […] Heilige Tage, wie sie unsere Gesellschaft gerade begeht, sollten dem menschlichen Eigennutz entzogen sein, so dass Raum für die Gesetzmäßigkeit Gottes und seiner Gerechtigkeit entsteht. So dürfte weder die «Heilige Nacht» von Weihnachten wirtschaftlich ausgebeutet, noch das «Fest der Heiligen Familie» für eine Familienideologie missbraucht werden. Doch über solche Profanierung und Grenzüberschreitung ärgert sich in unserer Gesellschaft kaum jemand. An die Maßlosigkeit westlicher Zivilisation und ihren Verlust des Heiligen haben sich die meisten gewöhnt. […] Nach dem jüdischen Religionsgesetz werden Dinge, die keine/n Besitzer*in haben, als hefker bezeichnet, Dinge aber, die nicht besessen werden können, weil sie für einen heiligen Dienst ausgesondert sind, als hekdesh. Alles würde dafür sprechen, Jerusalem jüdisch als hekdesh zu verstehen und die Stadt nicht politisch zu vereinnahmen! Die Heiligkeit Jerusalems steht im Dienst nicht nur des jüdischen Volkes, sondern auch der gesamten Menschheit.

Diese Aussage klingt zunächst einmal beeindruckend und sehr wahr – auch wenn Rutishausers Beispiele vielleicht nicht alle sinnvoll gewählt sind. (Was ist eine „Familienideologie“?) Aber Rutishauser hält hier zwei Dinge nicht auseinander. Dass eine heilige Sache oder ein heiliger Ort beliebigen menschlichen Zugriffen entzogen sein sollten, bedeutet z. B., dass ein Pfarrer nicht das Recht hat, in einer Kirche, die seiner Pfarrei gehört, einfach eine Tischtennisplatte im Altarraum aufzustellen, es bedeutet aber nicht, dass er sich nicht dagegen wehren sollte, wenn der Staat beschließen sollte, diese Kirche zu konfiszieren. (Das ist kein fiktives Beispiel; in Frankreich wurden im Jahr 1905 alle sakralen Gebäude im Land vom Staat beschlagnahmt; bis heute sind die vor diesem Datum erbauten Kirchen öffentliches Eigentum: https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_zur_Trennung_von_Kirche_und_Staat_(Frankreich) Auch aus kommunistischen Staaten oder der heutigen Türkei gibt es zahlreiche Beispiele für Enteignungen von Kirchen.) Mit dem Heiligen kann man nicht einfach machen, was man will, nur, weil es einem „gehört“; aber das heißt nicht, dass heilige Dinge oder Orte keinen Besitzer nach dem weltlichen Recht haben sollten. Nur ist dieser Besitzer eben primär dafür verantwortlich, sie zu schützen und zu achten. (Das Prinzip, dass man mit seinem Besitz nicht alles machen darf, was man will, gilt übrigens auch für ganz profanem Besitz: Man darf auch auf seinem eigenen Grund und Boden kein Gift ins Grundwasser leiten, und man darf sogar an seinem eigenen Haus nicht ohne Genehmigung anbauen.) Und wenn jemand sich dafür einsetzt, dass etwas Heiliges nach dem weltlichen Recht in seinem Besitz bleibt (oder erst in seinen Besitz gelangt), dann kann man ihm nicht automatisch Besitzdenken und mangelnde Ehrfurcht vor dem Heiligen vorwerfen. Wenn Juden die heiligen Stätten in Jerusalem unter der Herrschaft des Staates Israel sehen wollen, dann doch wohl, um sie zu schützen und dafür zu sorgen, dass Juden dort den heiligen Gott anbeten können. Wenn man gerade diese Stadt zur Hauptstadt erhebt, zeigt das doch eher, wie wichtig sie einem, historisch und religiös gesehen, ist. Natürlich wird es komplizierter, sobald es um die heiligen Stätten anderer Religionen geht, die auch da sind; die muss man aber gerade nicht deshalb achten, weil man ihre Heiligkeit sieht, sondern weil man die Menschen achtet, die sie für heilig halten.

Rutishauser schreibt weiter:

Selbstverständlich ist der politische Zionismus mit dem Staat Israel ein konstitutiver Bestandteil des heutigen Judentums, den es nicht zu bestreiten gilt. Doch macht er nicht die ganze Wirklichkeit jüdischer Gegenwartsgeschichte aus.

Mit anderen Worten, politischer Zionismus ist blöd, auch wenn es ihn leider gibt.

Gerade Kulturzionist*innen wie Simon Dubnow oder Martin Buber haben Jerusalem zuerst als ein kulturelles und geistig-geistliches Zentrum des Judentums gesehen. Zion als Ausdruck einer Sprache und Literatur, einer Weltanschauung und Religion, einer nach jüdischen Werten geformten Wissenschaft, Wirtschaft und Politik stand dem Kulturzionismus vor Augen. Er ist aus dem traditionellen rabbinischen Denken mit seinem Sinn für Menschlichkeit, Humanismus und Gerechtigkeit herausgewachsen. Er atmet den Geist der Sensibilität für die/den Andere/n. Es bleibt dem Judentum zu wünschen, dass es neben dem politischen Zionismus, der auf Landbesitz und politische Macht konzentriert ist, die kulturzionistische Dimension nicht verliert und die geistige Tradition der Diaspora nicht vergisst. Auch hier ist Erinnerung Anfang der Erlösung.

Dass das Judentum als Volk, Kultur und Religion wie keine andere Tradition ihren Mittelpunkt in Jerusalem hat, kann nicht bestritten werden. Den Christ*innen ruft Paulus im Römerbrief in Erinnerung, dass sie auf diese Tradition aufgepfropft sind wie wilde Sprösslinge auf einen Ölbaum. Was dies für das Judentum wiederum bedeutet, müsste erst noch bedacht werden. Aus der Heiligkeit Jerusalems religionspolitisch aber Souveränität abzuleiten, ist nur dann legitim, wenn sie sich am Ethos des Heiligkeitsgesetzes ausrichtet. Ansonsten schließen sich Heiligkeit und Souveränität gegenseitig aus, weil es in der Souveränität um Selbstbehauptung geht. Das Heiligkeitsgesetz der Tora definiert ja das Heilige gerade nicht mehr nur als Erfahrung des tremendum et faszinosum, sondern als ein Handeln, als Imitatio Dei: «Seid heilig in eurem Tun, denn ich bin der Heilige», klingt wie ein Refrain durch die rabbinische Ethik. Ohne diese ethische Rückbindung der Landverheissung wird die politische Frage nach der Souveränität zu einem Götzen bzw. Fetisch, wie in militanten Siedler*innenkreisen heute klar sichtbar ist.

Wieso wollen die politischen Zionisten denn „Landbesitz und politische Macht“? Wieso wurde der Staat Israel überhaupt gegründet? Um eine geschützte „Heimstatt“ für ein lange verfolgtes und immer noch bedrohtes Volk zu schaffen. Natürlich kann politischer Zionismus auch in eine falsche Richtung gehen. Aber es wirkt doch zynisch, wenn Rutishauser im Sinne der Gegenseitigkeit an dieser Stelle hinzufügt:

Selbstverständlich steht auch der Ruf «Tot den Juden!» aus muslimisch-arabischen Kreisen angesichts der Ankündigung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, jedem Ethos der Heiligkeit entgegen.

Die Zionisten missachten also das Ethos der Heiligkeit, wenn sie heilige Stätten besitzen wollen – aber natürlich missachten auch die Palästinenser dieses Ethos, wenn sie die Juden tot sehen wollen. Wie nett, dass Rutishauser anerkennt, dass Juden nicht umgebracht werden sollen. So etwas passiert, wenn man zwanghaft versucht, im Nahostkonflikt die Schuld gleichmäßig auf beide Seiten zu verteilen. Dieser Konflikt ist leider kein gutes Beispiel für den Spruch „Es gehören immer zwei dazu“. Palästinenser rufen „Tod den Juden“, Zionisten verlangen Jerusalem als „ungeteilte Hauptstadt Israels“. Es sind Palästinenserorganisationen, die keine Juden im Land sehen wollen und die immer wieder zu Gewalt aufrufen. Millionen von Palästinensern leben in Israel, gleichberechtigt und oft als israelische Staatsbürger; wie viele Juden leben in Gaza?

Und nebenbei, es müsste „Tod“ mit d heißen.

Rutishausers praktische Ideen für den Status der heiligen Stadt sehen folgendermaßen aus:

Umkämpft wie die Stadt ist, muss es aber für jeden vernünftigen Menschen eine Selbstverständlichkeit sein, dass sie Jüdinnen und Juden, Christ*innen und Muslim*innen offensteht. Die verschiedenen Gläubigen müssen dabei nicht nur ihre heiligen Stätten besuchen können. Auch ihre karitativen Einrichtungen, Spitäler, Schulen etc. müssen sich entfalten dürfen. Dass die Stadt drei Religionen und auch zwei Völkern, Palästinenser*innen, Israelinnen und Israelis Lebensraum zu geben hat, stellt eine Forderung dar, hinter die nicht zurückgetreten werden kann. Die Patriarchen und weitere christliche Führer der Stadt haben dies nochmals eindringlich unterstrichen.

Nach 1967 hat der Staat Israel begonnen, dazu Rahmenbedingungen zu schaffen. Doch angesichts der politisch angespannten Situation im Alltag und der verschiedenen ideologischen und theologischen Ansprüche ist die Stadt von einem friedlichen, gerechten und freien Zusammenleben ihrer Bewohner*innen immer noch entfernt. Aus der Perspektive der Menschenrechte wie auch aus der Perspektive des Ethos der Heiligkeit ist dies aber das entscheidende Kriterium. Eine Symbolpolitik muss dahinter zurücktreten. Ob ein palästinensischer Staat diesen Kriterien gewachsen wäre, darf auch bezweifelt werden. Jerusalem aber unter eine internationale Hoheit zu stellen, wie dies der Vatikan in der laufenden Debatte nochmals getan hat, bleibt eine Utopie. Der Vatikan weiß selbst darum. Es gibt keine internationale Instanz, die diesen Status von Jerusalem garantieren könnte. Wünschenswert wäre er, insofern man einer neutralen Instanz zutraut, den drei Religionsgemeinschaften und den beiden Völkern gerecht zu werden.

Als Ausdruck eines multireligiösen Ansatzes, der allen Beteiligten gerecht werden will, taugt er nicht. Er stellt nur den kleinsten gemeinsamen Nenner dar, berücksichtigt die unterschiedlichen Verbindungen zu Jerusalem aber nicht. Gefragt wäre ein Miteinander von politischen und religiösen Autoritäten und Strukturen, die vom Geist der Heiligkeit getragen sind, Jerusalem nicht nur für sich, sondern auch für die/den Andere/n dienstbar zu machen. Dazu braucht es die Fähigkeit der Selbstbeschränkung.

Rutishauser ist es wichtig, dass alle drei Religionen, Judentum, Christentum und Islam, Zugang zu ihren heiligen Stätten haben und Gott in Jerusalem dienen können, und dass sowohl Israelis als auch Palästinenser dort leben können. Das ist ja auch wichtig. Aber wo wäre es denn jetzt nicht gegeben? Jeder Christ kann in die Grabeskirche gehen – und jeder Muslim in die Al-Aqsa-Moschee. Der Tempelberg steht unter der Verwaltung der muslimischen Waqf-Behörde, die sogar verbietet, dass Nicht-Muslime ihn betreten. Die israelische Polizei stellt nur dann Zugangsbeschränkungen zu diesem Ort auf, wenn es aus Sicherheitsgründen unumgänglich ist. Faktisch herrscht der Staat Israel über Jerusalem, beschränkt jedoch seine eigene Herrschaft schon, wenn es darum geht, andere Religionen zu achten.

Machen wir uns nichts vor: Es gibt in diesem Land durchaus jüdisch-nationalistische Fanatiker, aber es gibt sehr viel mehr Muslime, die keine Juden irgendwo in Jerusalem sehen wollen – oder am besten überhaupt im Heiligen Land. Rutishausers Aussage „Ob ein palästinensischer Staat diesen Kriterien gewachsen wäre, darf auch bezweifelt werden“ kann man daher nur zustimmen. Auch seine Beobachtung, dass es praktisch nicht möglich wäre, Jerusalem unter internationale Verwaltung zu stellen, ist ganz richtig – zumal die internationalen Verwalter auch nie einfach neutral sein könnten. (In der UNO etwa haben antiisraelische muslimische Mitgliedstaaten zurzeit großen Einfluss, dem die Europäer nichts entgegensetzen.) Sein „Miteinander von politischen und religiösen Autoritäten und Strukturen, die vom Geist der Heiligkeit getragen sind, Jerusalem nicht nur für sich, sondern auch für die/den Andere/n dienstbar zu machen“ klingt wesentlich sinnvoller, aber was genau ist damit gemeint? Eine Zwei-Staaten-Lösung mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt der Palästinenser und West-Jerusalem als Hauptstadt Israels? Aber was wäre mit dem Teil der Ost-Jerusalemer Altstadt, wo die heiligen Stätten beider Religionen liegen? Gemeinsame Verwaltung? Und wären die Palästinenserorganisationen mit einem solchen Miteinander als endgültiger Lösung einverstanden? Viele antisemitisch eingestellte Muslime – weltweit – leugnen immerhin, dass Jerusalem überhaupt ein heiliger Ort der Juden ist. Und wenn man sich z. B. mal die Website der „Diplomatische[n] Vertretung Palästinas in Deutschland“ ansieht, liest man schon auf der Startseite die Aussage: „Jerusalem ist eine arabische, christliche und islamische Stadt. Sie ist die ewige Hauptstadt des Staates Palästina.“ (http://palaestina.org/index.php?id=223) Danke für das Lippenbekenntnis zur christlichen Identität der Stadt, aber ihr habt noch eine Identität vergessen. Auf der Seite zum Friedensprozess und zur Bedeutung Jerusalems dafür liest man dann am Ende:

Im Einklang mit dem internationalen Recht und gemäß der Prinzipienerklärung von 1993 muss das gesamte Jerusalem (und nicht nur Ost-Jerusalem) Gegenstand der Endstatusverhandlungen sein. Im besetzten Ost-Jerusalem, und als integraler Teil der Westbank, kann Israel keinen legalen Anspruch auf diese Stadt haben. Somit sind alle Maßnahmen, die auf Veränderung des Charakters hinwirken, illegal.

Das palästinensische Volk wird keinen Staat ohne Ost-Jerusalem als Hauptstadt akzeptieren. Von besonderer Bedeutung sind hierbei die Altstadt und die umliegenden Bezirke. Sich der religiösen Bedeutung Ost-Jerusalems bewusst, wird die PLO die Freiheit der Religionen respektieren und den Zugang zu allen religiösen Stätten für alle Glaubensrichtungen garantieren.

(http://palaestina.org/index.php?id=70)

Während Ost-Jerusalem inklusive der Altstadt von Jordanien besetzt war (von 1948 bis 1967) gab es übrigens, entgegen dem Waffenstillstandsabkommen, keinen Zugang zur Klagemauer für Juden; der Wunsch, diesen Ort unter isrealischer Herrschaft zu behalten, ist also nicht unbedingt unlogisch.

Jerusalem ist nun mal seit 3000 Jahren ein heiliger Ort für das jüdische Volk; 1600 Jahre länger, als der Islam überhaupt existiert. Was würden die Muslime sagen, wenn eine neue Sekte plötzlich auch Mekka zu ihrer heiligen Stadt erklären würde? Die Sehnsucht, Jerusalem als Hauptstadt des jüdischen Staates zu sehen, als Besitzdenken und politische Vereinnahmung zu bezeichnen, kommt mir kurzsichtig vor. Rutishauser hat einige bedenkenswerte Gedanken in seinem Artikel; trotzdem stört diese Tendenz, die Schuld für alle Unstimmigkeiten in Nahost vor allem auf israelischer Seite zu suchen, die man nicht nur hier beobachten kann.

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