Ein verspäteter Buchtipp zu Dreikönig

Wer waren die „Sterndeuter aus dem Osten“? In dem Jugendbuch „Alphabet der Träume“ spinnt Susan Fletcher eine Geschichte um die geheimnisvollen Gestalten aus dem Matthäusevangelium. Hier gibt es eine Leseprobe: https://www.amazon.de/Alphabet-Tr%C3%A4ume-Susan-Fletcher/dp/3446209018/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1515444591&sr=8-3&keywords=alphabet+der+tr%C3%A4ume

(Darstellung der Drei Weisen auf einem Mosaik aus dem 6. Jahrhundert, Ravenna)

Ich habe „Alphabet der Träume“ vor einigen Jahren geschenkt bekommen, fand es toll und habe es mehrmals wieder gelesen. Die Autorin übernimmt eine häufig gehörte Deutung und stellt die „Magoi“ als persische zoroastrische Priester und Sterndeuter dar. Die Hauptpersonen in dem Buch aber sind die vierzehnjährige Mitra und ihr fünfjähriger Bruder Babak, die in der Karawane des Magus Melchior landen, der sich dann auch Kaspar und Balthasar anschließen.

Mitra, Babak und ihr großer Bruder Suren stammen aus einer Familie, die königlicher Abstammung ist – und ihr Vater Vardan hat vor drei Jahren versucht, den persischen König Phraates zu stürzen. Seitdem sind sie auf der Flucht; ihre Eltern sollen tot sein. Am Beginn des Buches leben Mitra und Babak in der „Totenstadt“ bei der Stadt Rhagae, einem großen System aus uralten Grabhöhlen, in dem Bettler hausen. „Die meisten Bettler zogen es vor, innerhalb der Stadtmauern von Rhagae zu hausen, in irgendeinem verlassenen Loch oder in den Ruinen eines alten Palastes, wo die Luft frischer war und wo man nicht über Knochen stolperte, die aus zerfallenen Urnen gefallen waren. In den Höhlen dagegen war die Luft dumpf, und man wurde ständig an den Tod erinnert. In diesen uralten Felsenhöhlen lebten nur diejenigen, die sich vor anderen Bettlern in Sicherheit bringen mussten – wehrlose Frauen, Kranke oder Krüppel, sehr Junge oder sehr Alte.“ (S. 17f.) Mitra gibt sich zu ihrer Sicherheit als Junge aus und nennt sich Ramin, und tagsüber geht sie mit ihrem Bruder in die Stadt, um zu betteln und Essen zu stehlen.

Die beiden warten auf die Rückkehr Surens, den Mitra vor einigen Wochen überredet hat, sich Arbeit in einer Karawane nach Susa, wo sie herkommen, zu suchen. „Suren wusste, wo unser Vater Schatullen mit Goldmünzen vergraben hatte. Alles, was er tun musste, war, sie auszugraben und damit zu uns zurückzukehren. Das würde er doch sicher schaffen! Mit Goldmünzen konnten wir für uns drei einen Platz in einer Karawane nach Palmyra bezahlen, wohin, wie wir gehört hatten, Mitglieder unserer Familie geflohen waren.“ (S. 14) Palmyra liegt in weiter Entfernung auf römischem Gebiet, im heutigen Syrien; Rhagae ist ein Stück südlich vom Kaspischen Meer.

Im ersten Kapitel zieht die Karawane eines Magus in Rhagae ein und Mitra und Babak halten vergeblich nach Suren Ausschau; aber wieder einmal ist er nicht dabei. An diesem Tag gelingt es Babak auch, die Fellmütze eines Skythen auf dem Marktplatz zu stehlen, und als er in der Nacht mit dieser Mütze auf dem Kopf schläft, träumt er von der Geburt eines Jungen. Am nächsten Tag, als er den Skythen in der Stadt wiedererkennt, ruft Babak ihm zu, es würde ein gesunder Jungen werden. Der Skythe, der die zwei erwischt, obwohl Mitra noch versucht, mit Babak wegzulaufen, denkt nicht mehr an die gestohlene Mütze, sondern hält Babaks Traum für ein gutes Omen, da seine Frau tatsächlich ein Kind erwartet, und gibt den beiden etwas Geld dafür. Nachdem sich der Traum erfüllt hat, sucht er wieder nach ihnen, und auch seine Verwandten, unter denen sich die Nachricht herumgesprochen hat, wollen Babak jetzt für sich träumen lassen, indem sie ihn mit ihren Kleidungsstücken am Körper schlafen lassen.

Mitra hat kein gutes Gefühl dabei, ihren Bruder für andere träumen zu lassen, lässt sich aber letzten Endes doch auf den Handel ein, solange seine Gabe noch einigermaßen geheim gehalten wird und sie für die Träume bezahlt werden. Eine alte Bettlerin aus der Totenstadt, Zoya, übernimmt für die beiden die Vermittlung, da Mitra nicht will, dass diese Leute direkten Kontakt zu ihr und ihrem Bruder haben.

Babak ist zufrieden, solange sie mit dem Geld von seinen Träumen, die sich weiterhin erfüllen, Melonen kaufen können; Mitra dagegen träumt nicht nur davon, nicht mehr stehlen und hungern zu müssen, sondern vor allem davon, die Reise nach Palmyra auch dann bezahlen zu können, falls Suren nicht an das versteckte Gold kommen sollte. Palmyra ist das Ziel ihrer Träume: „Viele Perser, die aus dem Land hatten fliehen müssen, lebten jetzt dort, hatte ich gehört. In Palmyra sei die Familie Vardans hoch angesehen. Würde hofiert und geehrt, wie es unserer rechtmäßigen Stellung entsprach. Suren schien in der Lage zu sein, unsere jetzige elende Existenz hinzunehmen, doch ich konnte das nicht. Wollte es auch nicht! Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass es für alle Zeit so weitergehen würde mit uns, dass wir uns immer weiter so jämmerlich durchschlagen müssten mitten unter dem Pöbel.“ (S. 27) „Vergiss nicht, wer du bist“, sagt sie Babak immer wieder, wie ihre Großmutter es ihr früher gesagt hat. Sie ist sich sehr sicher, wer sie ist und was sie will. Zu diesem Zeitpunkt.

Nicht allzu lange Zeit später merkt sie, dass ein Mann aus der Karawane des Magus, mit dem offenbar ein Verwandter des Skythen gesprochen hat, sich für Babak zu interessieren scheint, und sie verstecken sich vor ihm. Zur selben Zeit tauchen zwei Männer in Rhagae auf, die Zoya bemerkt, und die sie für Spione von Phraates hält. „Zoya [berichtete], dass Stunden zuvor zwei wie Kaufleute gekleidete Männer in die Totenstadt gekommen seien und sich nach einem kleinen Jungen namens Babak und einem älteren Bruder oder einer Schwester erkundigt hätten. ‚Aber mich konnten sie nicht täuschen‘, sagte Zoya. ‚Wann sieht man schon einmal einen Kaufmann mit einem Bogenfutteral am Sattel oder einem Bogenring am Daumen? Und ein Kaufmann mit so harten Augen ist mir auch noch nicht begegnet.'“ (S. 66) Zoya vermutet, dass Suren gefangen genommen wurde und unter Folter den Aufenthaltsort seiner Geschwister verraten hat, weshalb die Spione nach Rhagae gekommen sind. Mitra will das nicht glauben, und sie weigert sich, wie Zoya vorschlägt, zur Karawane des Magus zu gehen, um dort Schutz zu suchen.

Zoya schafft Mitra und Babak daraufhin zu Bekannten, die ihr noch etwas schulden und die in einer kleinen Siedlung in den Sümpfen nahe der Stadt leben, um sie vor „den Augen und Ohren des Königs“ zu verstecken – und gibt Mitra dann ein Schlafmittel und schafft Babak fort, um ihn an den Magus zu verkaufen, der von Babaks prophetischen Träumen erfahren hat und sie für sich nutzen will. Als Mitra aufwacht, behauptet Zoya, sie habe ihnen damit einen Gefallen getan. Mitra folgt der Karawane, die aus Rhagae nach Westen aufgebrochen ist, und wird schließlich von Melchiors Diener Giv, der ihr schon entgegengekommen ist, aufgegriffen. Ihr Bruder weint nach ihr und will ohne sie weder träumen noch auch nur etwas essen, erfährt sie. Melchior, der als reicher, eingebildeter, an Luxus gewöhnter Mann dargestellt wird, lässt Mitra daher in seiner Karawane bleiben, weigert sich aber, Babak gehen zu lassen. Er will dessen Gabe jedoch ebenso wie Mitra geheim halten – sie für sich behalten.

Sie ziehen weiter Richtung Westen. Babak träumt für Melchior von geheimnisvollen Sternen, die dieser offenbar schon in Rhagae beobachtet hat, und wegen denen er sich entschieden hat, plötzlich in diese Richtung zu reisen. (Im Nachwort geht die Autorin übrigens auf die reale Sternenkonstellation ein, die die Weisen beobachtet haben könnten.) Seine Träume bestätigen die Pläne des Magus und fügen schließlich neue Informationen hinzu. Mitra versteht das Ziel der Reise nicht und schmiedet Fluchtpläne, und Babak wird allmählich geschwächt und krank durch das Träumen für andere Menschen. Die Augen und Ohren des Königs sind weiterhin auf der Suche nach den beiden Geschwistern, und als ein Mann aus der Karawane Mitra heimlich anbietet, ihr bei der Flucht zu helfen, und sie zu Suren zu bringen, den er angeblich getroffen habe, ist sie hin- und hergerissen, ob sie ihm vertrauen soll oder nicht…

Ich will jetzt nicht noch mehr verraten; vermutlich waren es schon zu viele Spoiler. Nur noch so viel: Auch der gelehrte Kaspar und der heiligmäßige Balthasar tauchen schließlich auf, und sie alle erreichen Jerusalem, wo König Herodes ist, und dann Bethlehem, wo die Heilige Familie sich befindet. Susan Fletcher hält sich hier an den Bericht des Matthäusevangeliums, und dieser Teil des Buches ist magisch.

Auch das Ende ist dann wirklich schön, die Figuren sind gelungen, und die Handlung sorgt für Spannung. Empfehlenswert vor allem für 12-16-Jährige. Aber gerne auch für ältere Leser.

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