Über schwierige Bibelstellen, Teil 19: Irritierende Aussagen und Taten Jesu – einige gesammelte Stellen

[Dieser Teil wurde noch einmal überarbeitet. Alle Teile hier.]

 

Ab und an stößt man in der Bibel auch auf Aussagen oder Taten Jesu, die einen irritiert oder erschrocken zurücklassen – und die Schwierigkeit hier besteht eben darin, dass es um Jesus geht, den Sohn Gottes selbst, der sich nicht einmal irren geschweige denn sündigen kann, wie etwa Petrus, Paulus oder König David. Daher hier ein paar Erklärungsansätze zu einigen bekannten solchen Stellen. (Zu einigen gibt es mehrere mögliche Erklärungen; ich bringe hier die, die mir am logischsten erscheinen.)

 

1) Die Lästerung des Heiligen Geistes:

„Darum sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden, aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben werden. Auch wer ein Wort gegen den Menschensohn sagt, dem wird vergeben werden; wer aber etwas gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt.“ (Matthäus 12,31f.)

Die klassische Stelle, um Bibelleser zu verwirren.

Daher gleich in aller Deutlichkeit: Es gibt keine Sünde, die bei Reue und dem Vorsatz zur Besserung nicht vergeben werden könnte. Daran lässt die beständige Lehre der Kirche gar keinen Zweifel.

Was ist aber dann gemeint? Es geht um Menschen, die „etwas gegen den Heiligen Geist sag[en]“ (wörtlich: gegen den Heiligen Geist reden), also den Heiligen Geist zurückweisen; d. h. das innerliche Wirken Gottes, Gottes Gnade zurückweisen. Wenn jemand sich äußerlich als Gegner Jesu aufführt – noch nicht so schlimm, vielleicht „weiß er nicht, was er tut“. Der Heilige Geist aber steht immer für Gottes inneres Wirken im Menschen, und wenn jemand das zurückweist, dann kann ihm nicht vergeben werden, weil er sich eben in einem Zustand befindet, in dem er Gottes Vergebung nicht zulässt – einem Zustand der „Unbußfertigkeit“, mit einem älteren Ausdruck. Die Zurückweisung oder „Lästerung“ des Heiligen Geistes besteht gerade in innerlicher Gottferne, darin, nicht bereuen zu wollen, nicht das Gute tun zu wollen, sich um vergangene Sünden nicht zu kümmern, etc. Hier fehlen gerade die Reue und der Vorsatz zur Besserung, die die Vergebung der Sünden sonst möglich machen.

 

2) Will Jesus die Leute verwirren?

„Da traten die Jünger zu ihm und sagten: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Er antwortete ihnen: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen; ihnen aber ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören und nicht verstehen. An ihnen erfüllt sich das Prophetenwort Jesajas: Hören sollt ihr, hören und doch nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen und doch nicht einsehen. Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. Mit ihren Ohren hören sie schwer und ihre Augen verschließen sie, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen und sich bekehren und ich sie heile. Eure Augen aber sind selig, weil sie sehen, und eure Ohren, weil sie hören. Denn, amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.“ (Matthäus 13,10-17)

Ähnlich Markus 4,10-12: „Als er mit seinen Begleitern und den Zwölf allein war, fragten sie ihn nach dem Sinn seiner Gleichnisse. Da sagte er zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben; für die aber, die draußen sind, geschieht alles in Gleichnissen; denn sehen sollen sie, sehen, aber nicht erkennen; hören sollen sie, hören, aber nicht verstehen, damit sie sich nicht bekehren und ihnen nicht vergeben wird.“

Die zugehörige Jesaja-Stelle, aus der Jesus hier zitiert, lautet: „Da hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich sagte: Hier bin ich, sende mich! Da sagte er: Geh und sag diesem Volk: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen. Sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. Verfette das Herz dieses Volkes, mach schwer seine Ohren, verkleb seine Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht, mit seinen Ohren nicht hört, damit sein Herz nicht zur Einsicht kommt und es sich nicht bekehrt und sich so Heilung verschafft.“ (Jesaja 6,8-10)

Will Jesus hier, dass das Himmelreich exklusiv ein paar wenigen Auserwählten vorbehalten bleibt? Will Er, dass einige Menschen nicht „geheilt“ werden? Sicher nicht.

Die sinnvollste Erklärung, die ich zu dieser Stelle gefunden habe, ist die folgende: Jesus spricht in seinen öffentlichen Reden in Gleichnissen, weil er die Leute dazu bringen will, wirklich zu seinen Jüngern zu werden und sich die genaueren Erklärungen für die auf Anhieb nicht einfach so verständlichen Gleichnisse anzuhören, die er im kleineren Kreis gibt. („Die Jünger“ meint übrigens bei weitem nicht nur „die Zwölf“; an einer anderen Stelle ist z. B. von 72 anderen Jüngern mit einer speziellen Sendung die Rede, an einer weiteren Stelle werden einige Frauen genannt.) Jesus will die, „die draußen sind“, dazu bringen, eben nicht bloß draußen, nicht bloß mehr oder weniger interessierte Zuhörer zu bleiben. Man soll sich entscheiden, ob man ganz zu Christus gehören will.

In diesem Sinne: „wer hat, dem wird gegeben“ bedeutet: Wenn man einmal angefangen hat, auf Gott zu hören und das Gute zu tun, wird es einem mit der Zeit immer leichter fallen. Wenn man dagegen anfängt, seine Augen und Ohren zu verschließen, wird es immer schwerer, sie wieder zu öffnen. Wenn man sich in seinen schlechten Gewohnheiten oder Vorurteilen versteift, fällt es einem nach und nach schwerer, sie wieder zu hinterfragen oder abzulegen. Davor warnt Jesus hier: „wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat“.

Hier wird zudem eine ähnliche Sprache verwendet wie z. B. bei der Geschichte vom Exodus, als davon die Rede ist, dass Gott das Herz des Pharaos verhärtet – d. h., genau genommen ist dort abwechselnd die Rede davon, dass Gott sein Herz verhärtet und dass der Pharao sein Herz selbst verhärtet, ebenso, wie es auch hier in Matthäus 13,15 heißt: „Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. Mit ihren Ohren hören sie schwer und ihre Augen verschließen sie, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen und sich bekehren und ich sie heile.“ Die Leute selbst verschließen hier ihre Augen und Ohren, um nicht zu sehen und zu hören, weil sie sich nicht bekehren wollen. In Matthäus 13,13 heißt es: „Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören und nicht verstehen.“ Die griechische Präposition „hóti“ wird hier mit „weil“ und in anderen Übersetzungen (z. B. Zürcher Bibel) mit „dass“ wiedergegeben; sie kann tatsächlich beides heißen. Wenn man „weil“ übersetzt, stellt sich die Sache eher so dar: Jesus sieht, dass die Menschen schon nicht hören und sehen wollen, stellt sich darauf ein und erzählt ihnen – vielleicht beim ersten Hören nicht ganz verständliche, aber zum Nachdenken anregende – Gleichnisse, die sie dazu bringen sollen, tiefer zu bohren.

Aber, zurück zum Vergleich mit dem Pharao; es gibt ja auch die Formulierungen, in denen Gott bzw. der Prophet Jesaja Augen und Ohren verschließt. Hier muss man wie immer beachten: In der Bibel wird oft etwas als von Gott verursacht dargestellt, wenn Er es in Wahrheit bloß zulässt (da zum Beispiel vom Autor der Stelle betont wird, dass Gott das Schicksal der ganzen Welt in der Hand hält und nichts gegen Seinen Willen (Seine Zulassung) geschehen kann). Regel Nummer 14: Es gibt einen Unterschied zwischen dem direkt verursachenden und dem bloß zulassenden Willen Gottes. Gott lässt es zu, dass die Menschen ihre Augen verschließen, aber Er will es nicht und verursacht es nicht direkt.

Außerdem zu beachten: Gerade bei Jesaja spricht Gott auch etwa so wie in Offenbarung 22,11f. („Wer Unrecht tut, tue weiter Unrecht, der Unreine bleibe unrein, der Gerechte handle weiter gerecht und der Heilige strebe weiter nach Heiligkeit. Siehe, ich komme bald und mit mir bringe ich den Lohn und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht.“). Gott kündigt Jesaja einfach an, dass seine Predigt nicht zur Bekehrung des Volkes führen wird, sondern dazu, dass die Leute ihre Augen nur noch fester verschließen werden. Ja, dann verstopft doch Augen und Ohren!

Zu dieser Stelle schreibt übrigens schon der hl. Clemens von Alexandria: „‚Deshalb‘, so sagt der Herr, ‚rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie mit sehenden Augen nicht sehen und mit hörenden Ohren nicht hören und nicht verstehen‘, womit nicht gesagt ist, daß der Herr das Nichtverstehen bei ihnen herbeiführt (denn solches zu denken, wäre nicht recht), sondern daß er das bei ihnen vorhandene Nichtverstehen in prophetischer Weise aufzeigte und kundtat, daß sie das Gesagte nicht verstehen würden.“ (Stromateis I,2,3)

 

3) Jesus und die Kanaaniterin:

„Jesus ging weg von dort und zog sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her! Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Doch sie kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.“ (Matthäus 15,21-28)

Wenn diese Stelle im Sonntagsevangelium drankommt, bekommt man immer mal wieder eine Predigt zu hören, nach der Jesus selbst noch Vorurteile gegenüber der Kanaaniterin gehabt hätte, von ihr dann eines Besseren belehrt worden sei und gemerkt hätte, dass auch Kanaaniter bewundernswerten Glauben haben könnten und dass Seine eigene Sendung nicht nur Seinem eigenen Volk galt. Diese Erklärung ist natürlich von vornherein auszuschließen. Erstens war Jesus ohne Sünde, ergo auch ohne Vorurteile und Gleichgültigkeit gegenüber Kanaanitern. Zweitens können wir aufgrund der Einheit der göttlichen und der menschlichen Natur in Ihm davon ausgehen, dass Er selbst in Seiner menschlichen Natur Seine Sendung gut genug verstand, um zu wissen, dass sie auch den Heiden galt – wenn Er sich auch vor Ostern hauptsächlich an die Juden wandte und die Heiden eher erst nach Ostern und Pfingsten eine größere Rolle in der Kirche bekamen; die Juden sind nun mal das auserwählte Volk.

Eine andere Interpretation, die mehr Sinn macht, ist: Jesus erteilt hier seinen Jüngern eine Lehre, um deren Vorurteilen gegenüber den heidnischen Völkern etwas entgegenzusetzen. Man sieht, dass sie sich nicht wirklich für die Frau interessieren; sie wollen nur, dass sie aufhört, ihnen hinterher zu schreien und bitten Jesus deshalb, sich um ihr Anliegen zu kümmern. Jesus gibt als Antwort zunächst eine sicherlich auch unter einigen der Jünger verbreitete Ansicht wieder: Der Messias sei aber doch nur zu Israel gesandt; es sei doch nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Als die Kanaaniterin dann aber unbeirrt, demütig und glaubensfest antwortet: „Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen“ hat Jesus den Jüngern demonstriert, wie groß ihr Glaube ist; er heilt ihre Tochter.

Ein Vergleich mit König Salomo und seinem sprichwörtlich gewordenen salomonischen Urteil bietet sich an. Zur Erinnerung die Stelle:

„Damals kamen zwei Dirnen und traten vor den König. Die eine sagte: Bitte, Herr, ich und diese Frau wohnen im gleichen Haus und ich habe dort in ihrem Beisein geboren. Am dritten Tag nach meiner Niederkunft gebar auch diese Frau. Wir waren beisammen; kein Fremder war bei uns im Haus, nur wir beide waren dort. Nun starb der Sohn dieser Frau während der Nacht; denn sie hatte im Schlaf auf ihm gelegen. Sie stand mitten in der Nacht auf, nahm mir mein Kind weg, während deine Magd schlief, und legte es an ihre Seite. Ihr totes Kind aber legte sie an meine Seite. Als ich am Morgen aufstand, um mein Kind zu stillen, war es tot. Als ich es aber am Morgen genau ansah, war es nicht mein Kind, das ich geboren hatte. Da rief die andere Frau: Nein, mein Kind lebt und dein Kind ist tot. Doch die erste entgegnete: Nein, dein Kind ist tot und mein Kind lebt. So stritten sie vor dem König. Da begann der König: Diese sagt: Mein Kind lebt und dein Kind ist tot! und jene sagt: Nein, dein Kind ist tot und mein Kind lebt. Und der König fuhr fort: Holt mir ein Schwert! Man brachte es vor den König. Nun entschied er: Schneidet das lebende Kind entzwei und gebt eine Hälfte der einen und eine Hälfte der anderen! Doch nun bat die Mutter des lebenden Kindes den König – es regte sich nämlich in ihr die mütterliche Liebe zu ihrem Kind: Bitte, Herr, gebt ihr das lebende Kind und tötet es nicht! Doch die andere rief: Es soll weder mir noch dir gehören. Zerteilt es! Da befahl der König: Gebt jener das lebende Kind und tötet es nicht; denn sie ist seine Mutter. Ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie schauten mit Ehrfurcht zu ihm auf; denn sie erkannten, dass die Weisheit Gottes in ihm war, wenn er Recht sprach.“ (1 Könige 3,16-28)

Ich denke, man kann getrost davon ausgehen, dass König Salomo nicht vorhatte, das Kind in zwei Hälften zu schneiden und erst durch die Bitte der wahren Mutter davon abgehalten wurde. Er hatte schlichtweg vor, die Reaktionen der beiden Frauen auf seinen Lösungsvorschlag zu testen.

[Zu einer anderen möglichen Interpretation dieser Stelle: Siehe die Kommentare.]

 

4) Die Verfluchung des Feigenbaums (und die Schweine bei Gerasa):

„Als sie am nächsten Tag Betanien verließen, hatte er Hunger. Da sah er von Weitem einen Feigenbaum mit Blättern und ging hin, um nach Früchten zu suchen. Aber er fand nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit der Feigenernte. Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von dir essen. Und seine Jünger hörten es. […] Als sie am nächsten Morgen an dem Feigenbaum vorbeikamen, sahen sie, dass er bis zu den Wurzeln verdorrt war. Da erinnerte sich Petrus und sagte zu Jesus: Rabbi, sieh doch, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt. Jesus sagte zu ihnen: Habt Glauben an Gott! Amen, ich sage euch: Wenn jemand zu diesem Berg sagt: Heb dich empor und stürz dich ins Meer! und wenn er in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dass geschieht, was er sagt, dann wird es geschehen. Darum sage ich euch: Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.“ (Markus 11,12-14.20-24)

Hier stellen sich zweierlei Probleme:

Erstens: Radikale Umweltschützer könnten sich aufregen, dass Jesus ein Lebewesen absterben lässt (wenn auch in diesem Fall kein fühlendes Lebewesen). Ein ähnliches Problem würde sich für sie übrigens bei der Geschichte mit dem Besessenen von Gerasa stellen: „Sie kamen an das andere Ufer des Sees, in das Gebiet von Gerasa. Als er aus dem Boot stieg, lief ihm sogleich von den Gräbern her ein Mensch entgegen, der von einem unreinen Geist besessen war. Er hauste in den Grabstätten. Nicht einmal mit einer Kette konnte man ihn bändigen. Schon oft hatte man ihn mit Fußfesseln und Ketten gebunden, aber er hatte die Ketten zerrissen und die Fußfesseln durchgescheuert; niemand konnte ihn bezwingen. Bei Tag und Nacht schrie er unaufhörlich in den Grabstätten und auf den Bergen und schlug sich mit Steinen. Als er Jesus von Weitem sah, lief er zu ihm hin, warf sich vor ihm nieder und schrie laut: Was habe ich mit dir zu tun, Jesus, Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht! Jesus hatte nämlich zu ihm gesagt: Verlass diesen Menschen, du unreiner Geist! Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Mein Name ist Legion; denn wir sind viele. Und er flehte Jesus an, sie nicht aus diesem Gebiet fortzuschicken. Nun weidete dort an einem Berghang gerade eine große Schweineherde. Da baten ihn die Dämonen: Schick uns in die Schweine! Jesus erlaubte es ihnen. Darauf verließen die unreinen Geister den Menschen und fuhren in die Schweine und die Herde stürmte den Abhang hinab in den See. Es waren etwa zweitausend Tiere und alle ertranken. Die Hirten flohen und erzählten es in der Stadt und in den Dörfern. Darauf eilten die Leute herbei, um zu sehen, was geschehen war. Sie kamen zu Jesus und sahen bei ihm den Mann, der von der Legion Dämonen besessen gewesen war, bekleidet und bei Verstand. Da fürchteten sie sich. Die es gesehen hatten, berichteten ihnen, wie es mit dem Besessenen und den Schweinen geschehen war. Darauf baten die Leute Jesus, ihr Gebiet zu verlassen. Als er ins Boot stieg, bat ihn der Mann, der zuvor von den Dämonen besessen war, dass er bei ihm sein dürfe. Aber Jesus erlaubte es ihm nicht, sondern sagte: Geh nach Hause und berichte deiner Familie alles, was der Herr für dich getan und wie er Erbarmen mit dir gehabt hat! Da ging der Mann weg und verkündete in der ganzen Dekapolis, was Jesus für ihn getan hatte, und alle staunten.“ (Markus 5,1-20) Wieso lässt Jesus zweitausend Schweine ertrinken? Hier einfach die Erinnerung an Regel Nr. 15: Gott ist der Herr über alles Leben. Er lässt auch zu, dass das Leben von Tieren und Pflanzen auf andere Weise zu Ende geht.

Ein zweiter, allgemeiner Einwand: Jesus wird wütend auf einen Baum, weil der keine Früchte trägt? Noch dazu, wenn gar nicht Erntezeit ist? Dieser Einwand ist sehr rasch erledigt: Es handelt sich bei diesem Wunder nicht um eine wütende Reaktion darauf, dass Er nichts zu essen findet, sondern schlichtweg um eine Art „Lehrwunder“ für seine Jünger. Einerseits demonstriert Er an dem Baum, was die Kraft des Glaubens ausrichtet (s. Verse 20-24); andererseits wirkt das Ganze wie eine Illustration zu einem Seiner Gleichnisse, das Lukas überliefert hat: „Und er erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine. Da sagte er zu seinem Winzer: Siehe, jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen? Der Winzer erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er in Zukunft Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen!“ (Lukas 13,6-9) Gott kommt, um zu inspizieren, ob es gute Früchte gibt oder nicht; es gibt keine, also zieht Er die Konsequenzen. Hier wird schlichtweg das göttliche Gericht an einem Beispiel demonstriert.

 

5) Wann ist der Jüngste Tag?

„Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist. So erkennt auch ihr, wenn ihr das alles seht, dass das Ende der Welt nahe ist. Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Matthäus 24,32-36)

Das eine Problem hier ist: Wie kann es sein, dass der Sohn „jenen Tag und jene Stunde“ nicht kennt, wenn wir glauben, dass er „wahrer Gott und wahrer Mensch“ und „eines Wesens mit dem Vater“ ist? Hier zitiere ich ganz einfach mal Joseph Ratzinger:

„Das Problem der Bedeutung des Verses Mt 24, 36 (Was jenen Tag und jene Stunde angeht, so kennt sie niemand, nicht einmal die Engel des Himmels, nicht einmal der Sohn, sondern allein der Vater) wird seit den Väterzeiten unter Dogmatikern und Exegeten heftig diskutiert. Im Laufe der Zeit haben sich zwei Hauptantworten herauskristallisiert:

1. Allen Lösungen ist die durch das Dogma verbürgte Erkenntnis gemeinsam, dass in Christus zwischen seinem menschlichen und göttlichen Wissen unterschieden werden muss. Christus war nicht nur der gleichwesentliche Sohn des ewigen Vaters, sondern ebenso sehr voller, gleichwesentlicher Mensch mit uns, der, wie die Dogmen des 5. und 7. Jahrhunderts herausgestellt haben, auch einen eigenen menschlichen Verstand und menschlichen Willen und so auch eine menschliche Weise des Wissens besaß. Klar ist weiterhin, dass sich die Aussage Mt 24, 36 auf das menschliche, nicht auf das göttliche Wissen Jesu bezieht. Umstritten ist allein die Frage, wie sich menschliches und göttliches Wissen in Jesus zueinander verhalten. Die Theologie des Mittelalters kam diesbezüglich zu der Meinung, dass beiderlei Wissen sich so eng durchdringe, dass Jesus auch als Mensch an der göttlichen Allwissenheit Anteil habe. Um dennoch das Problem von Mt 24,36 und ähnlichen Versen lösen zu können, unterscheidet man dann zwischen mitteilbarem und nichtmitteilbarem Wissen. Zwar habe Jesus für sich selbst kraft seiner Anteilnahme am Ewigen Wort alles Wirkliche geschaut, aber er sei mit einem festumrissenen Offenbarungsauftrag in diese Welt getreten und zu diesem Offenbarungsauftrag gehörte nicht das Datum des Jüngsten Tages. So konnte er mit Recht in Bezug auf das ihm zur Mitteilung zur Verfügung stehende Wissen sagen, dass es Zeit und Stunde des Weltendes nicht umfasse. Das Wissen darüber wird gleichsam nicht freigegeben, es gehörte nicht zum göttlichen Offenbarungsbestand.

2. Moderne Deutungen gehen noch einen Schritt weiter. Sie sagen, dass Jesus mit dem Grunde seiner menschlichen Seele immer eingetaucht war in das göttliche Wort, mit dem er ja eine Person bildete, dass aber diese Verbindung, die den Grund seines Seins prägte, nicht auch sein menschliches Bewusstsein mit allen Details der göttlichen Allwissenheit erfüllte, sondern es nur so weit durchdrang, soweit dies für seinen Offenbarungsauftrag nötig war. Auf diese Weise wird es möglich, ein echtes menschliches Wissen und Wachsen bei Jesus anzunehmen, ohne dass man seine seinsmäßige Einheit mit der zweiten Person der Trinität in Frage stellt. Das Gesamtbild der Evangelien, die uns Jesu wahre Menschlichkeit so unmittelbar erleben lassen, wird auf diese Weise verständlicher. Nach dieser Auslegung konnte Jesus mit vollem Recht sagen, dass er, obgleich vom Grunde seines Seins her der „Sohn“, dennoch das Datum des Letzten Tages nicht wisse, weil der göttliche Grund seines Seins seinen menschlichen Verstand nicht darüber belehrte. Wie Sie sehen, ist diese Lösung mit der Unterscheidung von mitteilbarem und nichtmitteilbarem Wissen zwar verwandt, aber sie streift den etwas fiktiven Charakter dieses Gedankens ab und versucht, ebenso dem vollen Ernst der Gottessohnschaft Jesu wie dem vollen Ernst des biblischen Wortes gerecht zu werden.“

(Quelle hier.)

Jesu menschliche Natur spielt auch für die Erklärung anderer Bibelstellen eine Rolle, z. B. wenn es in Lukas‘ Kindheitsgeschichte heißt „seine Weisheit nahm zu“ (Lukas 2,52). Als Mensch entwickelte sich Jesus auch in Bezug auf Verstand und Bewusstsein ebenso wie andere Menschen nach und nach.

Das zweite Problem ist: Wie kann Jesus gleichzeitig sagen, dass Er den Tag nicht kennt, und zuvor, dass „diese Generation“ nicht vergehen wird, bis das alles geschieht? Und… das Ende der Welt kam schließlich auch nicht zur Zeit „dieser Generation“. Irrte Jesus hier also?

Es gibt mehrere mögliche Erklärungen:

Erstens: Das Wort, das hier mit „Generation“ übersetzt wird, heißt „geneá“ und kann auch „Geschlecht“ bedeuten; es ist also nicht eindeutig zeitlich gemeint. Jesus könnte zum Beispiel auch im übertragenen Sinne Menschen nach der Art seiner Zeitgenossen gemeint haben. Wenn er an anderen Stellen von „dieser Generation / diesem Geschlecht“ spricht, hat das in der Regel eine negative Konnotation:

  • „Mit wem soll ich diese Generation vergleichen? Sie gleicht Kindern, die auf den Marktplätzen sitzen und anderen zurufen: Wir haben für euch auf der Flöte gespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben die Totenklage angestimmt und ihr habt euch nicht an die Brust geschlagen. Denn Johannes ist gekommen, er isst nicht und trinkt nicht und sie sagen: Er hat einen Dämon. Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt und sie sagen: Siehe, ein Fresser und Säufer, ein Freund der Zöllner und Sünder! Und doch hat die Weisheit durch ihre Taten Recht bekommen.“ (Matthäus 11,16-19)
  • „Er antwortete ihnen: Diese böse und treulose Generation fordert ein Zeichen, aber es wird ihr kein Zeichen gegeben werden außer das Zeichen des Propheten Jona. Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein. Die Männer von Ninive werden beim Gericht mit dieser Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie sind auf die Botschaft des Jona hin umgekehrt. Und siehe, hier ist mehr als Jona. Die Königin des Südens wird beim Gericht gegen diese Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie kam vom Ende der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.“ (Matthäus 12,39-42)
  • „Denn wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommt.“ (Markus 8,38)

Es könnte also zum Beispiel die Art von Menschen gemeint sein, die dieselben negativen Eigenschaften besitzen wie die hier kritisierten.

Eine andere Übersetzungsmöglichkeit wäre, „geneá“ als „Geschlecht“ zu verstehen, es aber im ethnischen Sinn auf das jüdische Volk zu beziehen, das nicht vergehen wird, bevor das Weltende kommt.

Eine weitere Interpretation wäre folgende: Jesus kündigt in seiner langen Rede über die Endzeit nicht nur das Jüngste Gericht an, sondern beginnt schon mit der Zerstörung des Tempels, die 70 n. Chr. passieren sollte (vgl. Matthäus 24,1-2). Dann kündigt Er im weiteren Verlauf von Kapitel 24 eine längere Zeit an, die man noch nicht für die direkte Endzeit halten soll: „Jesus antwortete und sagte zu ihnen: Gebt Acht, dass euch niemand irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin der Christus! und sie werden viele irreführen. Ihr werdet von Kriegen und Kriegsgerüchten hören. Gebt Acht, lasst euch nicht erschrecken! Das muss geschehen. Es ist aber noch nicht das Ende. Denn Volk wird sich gegen Volk und Reich gegen Reich erheben und an vielen Orten wird es Hungersnöte und Erdbeben geben. Doch das alles ist erst der Anfang der Wehen. Dann wird man euch der Not ausliefern und euch töten und ihr werdet von allen Völkern um meines Namens willen gehasst. Und viele werden zu Fall kommen und einander ausliefern und einander hassen. Viele falsche Propheten werden auftreten und sie werden viele irreführen. Und weil die Gesetzlosigkeit überhand nimmt, wird die Liebe bei vielen erkalten. Wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet werden. Und dieses Evangelium vom Reich wird auf der ganzen Welt verkündet werden – zum Zeugnis für alle Völker; dann erst kommt das Ende. (Matthäus 24,4-14) In dieser Zeit befinden wir uns offensichtlich immer noch.

Es ist also möglich, dass Jesus „diese Generation“ im zeitlichen Sinne verstand, den Satz aber auf den Anfang all der zusammenhängenden Ereignisse ab der Zerstörung des Tempels bezog. 70 n. Chr. war „diese Generation“ noch nicht vergangen.

Hier möchte ich noch einen Kommentara einfügen, den Nepomuk unter dem ursprünglichen Artikel hinterlassen hat:

„In ähnlichem Zusammenhang, vielleicht sogar an dieser Stelle, heißt es: ‚Einige von euch werden den Tod nicht schmecken, ehe sie nicht den Menschensohn in seiner Herrlichkeit gesehen haben.‘ [Markus 9,1; Matthäus 16,28]

Und nun?

Nun, weiterlesen hilft manchmal. Der unmittelbar nächste Abschnitt beschreibt nämlich genau die Verklärung. Für mich die bei weitem einfachste Erklärung.“

 

6) Jesus und Seine Familie:

„Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen. […] Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben draußen stehen und ließen ihn herausrufen. Es saßen viele Leute um ihn herum und man sagte zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich. Er erwiderte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Markus 3,21.31-35)

Hier stellen sich zwei Fragen: Erstens: Wieso ist Maria (die dem katholischen Glauben nach ohne Sünde war) bei den Angehörigen mitgekommen, die Jesus für verrückt hielten und Ihn von Seiner Sendung abbringen wollten? Zweitens: Wieso verhält Jesus sich so abweisend gegenüber Seiner Familie, bevor man Ihm überhaupt gesagt hat, was sie wollen? Sollte die Familie nicht etwas Wichtiges sein?

Zu erstens: Zunächst einmal muss es nicht so gewesen sein, dass Maria dasselbe dachte wie der Rest der Familie; das wird hier jedenfalls nicht ausdrücklich gesagt. Sie kann deshalb mitgekommen sein, weil sie einfach sehen wollte, was Jesus nun eigentlich tat, als sich sein Ruf als Wundertäter und möglicher Messiaskandidat im Land verbreitete. Oder vielleicht, um einen mildernden Einfluss auf die Brüder (Vettern) auszuüben, die Jesus zur Rede stellen wollten? Dass sie die Verwandtschaft begleitete, als die Jesus aufsuchen wollte, ist jedenfalls ganz logisch.

Zu zweitens: Die leibliche Familie hatte zu Jesu Zeit eine enorme Bedeutung; Er jedoch stellt sich diesem Verständnis immer wieder entgegen:

  • „Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ (Matthäus 10,35-39)
  • „Ein anderer aber, einer seiner Jünger, sagte zu ihm: Herr, lass mich zuerst weggehen und meinen Vater begraben. Jesus erwiderte: Folge mir nach; lass die Toten ihre Toten begraben!“ (Matthäus 8,21f.)
  • „Es geschah aber: Als er das sagte, da erhob eine Frau aus der Menge ihre Stimme und rief ihm zu: Selig der Schoß, der dich getragen, und die Brust, die dich gestillt hat! Er aber erwiderte: Ja, selig sind vielmehr, die das Wort Gottes hören und es befolgen.“ (Lukas 11,27f.)

Jesus leugnet nicht, dass die Familie gut und wichtig ist; aber Er stellt heraus, dass es etwas noch Wichtigeres gibt, das man auf keinen Fall vergessen darf. Es gibt eine Loyalität, die steht höher als die zur Familie, und das ist die zu Gott. Und es gibt auch eine umfassende Familie, eine Gemeinschaft aller, die „den Willen Gottes tu[n]“ – alle Christen gehören zu Jesu Familie. Jesus leugnet nicht, dass Seine leiblichen Verwandten Seine Familie sind; Er sagt, dass andere es auch sind. Er sagt, dass Blutsverwandtschaft nicht das Entscheidende ist, was damals wichtig war, herauszustellen.

 

7) Jesus und Seine Mutter:

„Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungssitte der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist! Sie brachten es ihm. Dieser kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt aufbewahrt. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn. Danach zog er mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach Kafarnaum hinab. Dort blieben sie einige Zeit.“ (Johannes 2,1-12)

Hier fällt auf: Jesus lässt sich von Seiner Mutter überreden; Er ändert praktisch Seine Meinung, nachdem Er zuerst darauf bestanden hat, dass Seine „Stunde“ noch nicht gekommen ist. (Übrigens, eine Klarstellung noch: Die Anrede „Frau“ ist hier nicht unhöflich; dass es uns so vorkommt, liegt nur an der Begrenztheit von Übersetzungen aus dem Altgriechischen.) Ich möchte hier zunächst einmal Fulton Sheen zitieren:

“In order to understand His meaning more fully, consider the words, ‘My Hour is not yet come.’ The ‘Hour’ obviously refers to His Cross. Whenever the word ‘Hour’ is used in the New Testament, it is used in relation to His Passion, death and glory. […] At Cana, Our Lord was referring to Calvary and saying that the time appointed for beginning the task of Redemption was not yet at hand. His mother was asking for a miracle; He was implying that a miracle worked as a sign of His Divinity would be the beginning of His Death. The moment He showed Himself before men as the Son of God, He would draw down upon Himself their hatred, for evil can tolerate mediocrity, but not supreme goodness. […]

There were, in His life, two occasions when His human nature seemed to show an unwillingness to take on His burden of suffering. In the Garden, He asked His Father if it be possible to take away His chalice of woe. But He immediately afterward acquiesced in His Father’s will: ‘Not My will, but Thine be done.’ The same apparent reluctance was also manifested in the face of the will of His mother. Cana was a rehearsal for Golgotha. He was not questioning the wisdom of beginning His Public Life and going to death at this particular point in time; it was rather a question of submitting His reluctant human nature to obedience to the Cross. There is a striking parallel between His Father’s bidding Him to His public death and His mother’s bidding Him to His public life. Obedience triumphed in both cases; at Cana, the water was changed into wine; at Calvary, the wine was changed into blood.” (Fulton Sheen, Life of Christ, S. 88-90)

„Um besser zu verstehen, was Er meint, betrachte die Worte ‚Meine Stunde ist noch nicht gekommen’. Die ‚Stunde’ bezieht sich offensichtlich auf Sein Kreuz. Immer, wenn das Wort ‚Stunde’ im Neuen Testament gebraucht wird, wird es in Beziehung zu Seinem Leiden, Seinem Tod und Seiner Verherrlichung gebraucht. […] In Cana verwies unser Herr auf Kalvaria und sagte, dass die Zeit, die dafür bestimmt war, die Aufgabe der Erlösung zu beginnen, noch nicht da war. Seine Mutter bat um ein Wunder; Er implizierte, dass ein Wunder, das als ein Zeichen Seiner Göttlichkeit gewirkt werden würde, der Beginn Seines Todes sein würde. In dem Augenblick, in dem Er sich vor den Menschen als der Sohn Gottes zeigte, würde Er ihren Hass auf sich ziehen, denn das Böse kann die Mittelmäßigkeit dulden, aber nicht die höchste Gutheit. […]

Es gab in Seinem Leben zwei Gelegenheiten, bei denen Seine menschliche Natur eine Unwilligkeit zu zeigen schien, Seine Last des Leidens auf sich zu nehmen. Im Garten bat Er Seinen Vater, ob es möglich wäre, Seinen Kelch des Leidens wegzunehmen. Aber gleich danach ergab Er sich in den Willen des Vaters: ‚Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.’ Dasselbe scheinbare Widerstreben zeigte sich auch gegenüber dem Willen Seiner Mutter. Kana war eine Probe für Golgotha. Er hinterfragte nicht die Weisheit dahinter, zu genau diesem Zeitpunkt Sein öffentliches Leben zu beginnen und auf den Tod zuzugehen; es war eher eine Frage davon, Seine widerstrebende menschliche Natur dem Gehorsam zum Kreuz zu unterwerfen. Es gibt eine bemerkenswerte Parallele zwischen der Bitte Seines Vaters an Ihn zu Seinem öffentlichen Tod und die Bitte Seiner Mutter an Ihn zu Seinem öffentlichen Leben. Der Gehorsam triumphierte in beiden Fällen; in Cana wurde das Wasser in Wein verwandelt; auf Kalvaria wurde der Wein in Blut verwandelt.“

Diese Stelle zeigt zudem ganz wunderbar, weshalb wir die Gottesmutter verehren und sie bitten: „Bitte für uns.“ Weil es etwas bringt. Weil ihr Sohn (auch jetzt immer noch) eben ihr Sohn ist und sich von ihr auch mal überreden lässt. Ich habe hier ausführlicher zum Bittgebet geschrieben: Manchmal wartet Gott eben darauf, dass wir fragen. Wir Menschen haben wirkliche Macht, etwas in der Welt zu verändern, und zwar entweder durch direkte Taten, oder durch Bittgebete, die Gott dann erfüllen kann oder nicht. Gott hat eine wirkliche Beziehung zu Seinen Geschöpfen, und lässt sich von ihnen sogar gewissermaßen beeinflussen (nicht, dass das nicht schon im Plan vorgesehen wäre – schließlich ist Gott außerhalb der Zeit und allwissend).

 

8) Hält sich Jesus selbst gar nicht für Gott?

 „Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer der eine Gott.” (Markus 10,17f.)

Zu dieser Stelle ein Zitat von Ronald Knox:

“So, for that matter, is the well-known rejoinder, ’Why dost thou call me good? None is good, save God’ – a rejoinder which is exquisitely flat and meaningless if it be taken as a serious statement, full of significance when you realise that it was uttered in irony.” (Ronald Knox, The belief of Catholics, Kapitel 8.)

„Ebenso, übrigens, ist es bei der wohlbekannten Erwiderung ‚Wieso nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott’ – eine Erwiderung, die ausnehmend inhaltsleer und bedeutungslos ist, wenn man sie als ernsthafte Aussage versteht, voller Bedeutung, wenn man begreift, dass sie ironisch ausgesprochen wurde.“

Mit anderen Worten: Die Verehrung für ihn als „guten Meister“ weist tatsächlich auf seine Göttlichkeit hin. Wie es Nepomuk in den Kommentaren besser als ich hier ausgedrückt hat: „Vielleicht hat Er so etwas wie eine göttliche Verehrung *tatsächlich* in den Augen des Fragenden gelesen und dann nachgefragt: ‚Warum, genau, nennst du mich eigentlich gut? Willst du damit sagen, daß ich Gott bin, der allein gut ist? [Wenn dem so wäre, dann hättest du pfeilgerad ins Schwarze getroffen!]'“

(Eine andere, oft gehörte Interpretation wäre einfach, dass Jesus hier in Seiner menschlichen Natur spricht. Mir gefällt Knox’ Interpretation besser.)

 

13 Gedanken zu “Über schwierige Bibelstellen, Teil 19: Irritierende Aussagen und Taten Jesu – einige gesammelte Stellen

  1. Zu 5:

    In ähnlichem Zusammenhang, vielleicht sogar an dieser Stelle, heißt es: „Einige von euch werden den Tod nicht schmecken, ehe sie nicht den Menschensohn in seiner Herrlichkeit gesehen haben.“

    Und nun?

    Nun, weiterlesen hilft manchmal. Der unmittelbar nächste Abschnitt beschreibt nämlich genau die Verklärung. Für mich die bei weitem einfachste Erklärung.

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  2. Zu 1: genau; es sei noch angemerkt, daß Christus in Mt 16,19; 18,19; Joh 20,23 ausdrücklich keine Einschränkung bezüglich irgendwelcher Sünden macht (oder wenn überhaupt nur der Willkür bzw. beamtendeutsch gesagt dem „billigen Ermäßen in Einzelfallentscheidung“ der Apostel die Möglichkeit eröffnet, Nein zu sagen, aber eben nicht bestimmte Sünden von der Vergebung ausschließt).

    (Wie übrigens *das* zu interpretieren ist, wäre noch einmal eine eigene Frage – wobei laut Karl Rahner das „Behalten“ als bloße Auslegung des Gesetzes, das eben die Sünde als Sünde lehrt, verstanden werden könne.)

    Bei Thomas von Aquin sinngemäß: „Sünde wider den Hl. Geist, die unvergebbare, soll heißen: sehr schwer vergebbare Sünde“.

    Zu 2: genau, und sehr interessant mit dem „hoti“, wußte ich nicht. Ich hatte mich tatsächlich immer gewundert, wieso unser Heiland die Gleichnisse erzählt, *damit* die Leute nichts verstehen, wenn doch ihr offensichtlicher Effekt ist, daß sie sehr wohl etwas (wenn auch vielleicht nicht gleich so viel) verstehen und einem Gleichnis vielleicht eher zuhören als etwas anderem.

    Zu 3: überzeugt mich nicht. Und zwar deswegen nicht, weil Christus hier ausdrücklich sagt, daß seine Sendung eben nicht den Heiden gilt. Er hat das alles nur ironisch gemeint, weil er seine Jünger dafür verweisen wollte, daß sie „nur“ (was übrigens gar nicht gesagt und menschlich auch unwahrscheinlich ist) weil die Frau hinter ihnen herschreit, um ihre Heilung bitten? Immerhin hat Christus an anderer Stelle (Lk 18,3ff.) das Hinter-jemandem-Herschreien durchaus empfohlen, und die Jünger, für die das Schreien sicherlich der Anlaß ist, werden sich dann normalerweise schon gedacht haben, „außerdem, leicht hat sie’s ja wirklich nicht“. Ohnehin, warum würde Er dann die Frage an die Kanaaniterin stellen? Hätte Er ironisch sprechen wollen, hätte Er die Sprüchlein vom Brot für die Kinder und den Brosamen für die Hunde selber und zu den Jüngern gesagt.

    Ausgeschlossen hast Du natürlich mit Recht, daß Christus irgendwie vorurteilsbehaftet gewesen sei oder ein falsches Verständnis von Seiner Sendung gehabt hätte. Was also dann?

    Nun, es gibt zwei Sendungen Christi, gewissermaßen: die eine, die Welt zu erlösen, und in *der* gibt es weder Juden noch Griechen. Die andere, die vielleicht in dem Maleachi-Wort zusammengefaßt ist „dann kommt plötzlich zu seinem Tempel der Herr“: also seine „Messiastätigkeit“, wie das jemand mal genannt hat; wir wissen, was gemeint ist. Auf Erden leben, predigen, das Volk versammeln und überhaupt erstmal religiös wieder aufrichten, Wunder tun, Seine Göttlichkeit unter Beweis stellen, am Ende sein Leben hingeben, damit aus der Frucht dieses Opfers dann die Auferstehung und die Befreiung der ganzen Welt (s. o.) werden kann: und *diese* Sendung bezieht sich, so muß man Christus mE an dieser Stelle verstehen, *tatsächlich* auf die Juden, die verlorenen Schafe des Hauses Israel, und durchaus *nicht* auf die Heiden.

    Auf eine Wunderheilung hat nun einmal kein Mensch einen Rechtsanspruch, auch wenn Gott liebt (war das nicht sogar eine Regel von Dir?).

    Und warum hat er sie dann trotzdem geheilt?

    Salopp gesagt, weil Er, obwohl in diesem Sinne „nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“, kein Pfennigfuchser ist. Und weil die Hunde tatsächlich die Brosamen bekommen. Und als Belohnung für die außergewöhnliche Demut der Kanaaniterin, zu der er ihr auch mit hart gewählten (aber nicht falschen) Worten Gelegenheit gegeben hat.

    Zu 4: richtig, aber ganz ehrlich, Mitleid mit dem Baum hat da keiner, wohl aber könnte der eine oder andere mit Christus bzgl. der Aussageabsicht des Gleichniswunders nicht ganz einer Meinung sein^^

    Was die Schweine betrifft: Sicher ist Gott der Herr über Leben und Tod, wobei er hier ja auch nur Dämonen erlaubt, diese Schweine zu besetzen. Allerdings war das eine Herde, d. h. sie hat jemandem gehört: sollte der nebenher für seine Sünde, als Jude (?) Schweine zu halten, bestraft werden? Wie groß ist eine „große Schweineherde“ für gewöhnlich? Eine Legion sind ja stanmäßig 6000 Soldaten, aber wenn 6000 Dämonen in einem Menschen Platz gehabt haben, werden ja wohl auch ein paar in ein Schwein passen…

    Zu 5: Jou. Siehe übrigens auch noch die kanonische Interpretation des Verses „That Doom is near at hand“ in: J. R. R. Tolkien, „Der Herr der Ringe“, „Elronds Rat“.

    Zu 6: Jou. „wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ ist übrigens außer ein offensichtliches (wenn auch den Hörern vielleicht nicht erkennbares) Marienlob für mich auch ein Hinweis auf die geheimnisvollen Wechselbeziehungen zwischen der Mutter Gottes und der Mutter Kirche, ich sag‘ mal nur „Urbild der Kirche“.

    Zu 7: Genau. Man kann natürlich auch etwas verschmitzt sagen, daß Christus formal nicht dem zuwiderhandelt, was er vorher gesagt hatte, seine Stunde sei noch nicht gekommen, wenn er jetzt den Willen seiner Mutter erfüllt: denn vermutlich sind seitdem mindestens 20 Minuten, vielleicht eine ganze Stunde vergangen…

    Zu 8: Die Interpretation, daß Christus hier in seiner Menschennatur spricht, würde ich ausschließen. Das tut er später, aus gutem Grund (er will die Jünger trösten), wenn er sagt: „der Vater ist größer als ich“, aber hier mutet E einem Neuankömmling nicht derart diffizile theologische Unterscheidungen zu und läßt dann auch noch zu, daß die vom Evangelisten in der Bibel aufgezeichnet werden und wir uns daran die Zähne ausbeißen.

    Nein, lesen wir das ganze erstmal formal: was steht da denn?

    Frage: „Guter Meister, etc.“
    Christus: „Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.“

    Was steht da genau nicht? „Ich bin nicht Gott.“

    Wenn überhaupt, dann hat also Christus nicht selber „in seiner Menschennatur gesprochen“, sondern Er hat bloß gesagt, daß der *Fragende* das, was *der* für einen Menschen hält, nicht „gut“ nennen soll.

    Angesichts der berechtigten Frage, was denn Christus dagegen haben soll, wenn wir einander mit „guter Mensch“ ansprechen, da meint doch niemand „gut im Vollsinn“ (oder hat er das damals in den Augen des Fragenden gelesen?), spricht allerdings sehr viel für Knoxens Auslegung, die allerdings gar keine Ironie als Annahme braucht: man muß lediglich die Frage für eine echte, nichtrhetorische Frage halten.

    Vielleicht hat Er so etwas wie eine göttliche Verehrung *tatsächlich* in den Augen des Fragenden gelesen und dann nachgefragt: „Warum, genau, nennst du mich eigentlich gut? Willst du damit sagen, daß ich Gott bin, der allein gut ist? [Wenn dem so wäre, dann hättest du pfeilgerad ins Schwarze getroffen!]“

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    1. Zu 3: Auch eine Möglichkei; der Hinweis, dass niemand einen Anspruch auf ein Wunder hat, ist sehr wichtig und das habe ich nicht bedacht (ich habe das nicht als Regel, sollte ich aber vielleicht; ich werde wohl noch mal was über Wunder schreiben). Allerdings ist das mit der von einem Dämon gequälten Tochter ja schon eine eher extreme Situation, oder? (Dein Argument „Ohnehin, warum würde Er dann die Frage an die Kanaaniterin stellen? Hätte Er ironisch sprechen wollen, hätte Er die Sprüchlein vom Brot für die Kinder und den Brosamen für die Hunde selber und zu den Jüngern gesagt“ finde ich nicht sehr überzeugend; siehe den Vergleich mit Salomo; der hat ja auch zu den Frauen selber gesagt, man soll das Kind entzwei schneiden, um ihre Reaktionen zu sehen.)

      Zu 4: Ich glaube, ich habe das mit dem Baum echt mal so gelesen. – Es heißt, dass es etwa zweitausend Tiere waren. Interessante Idee, das mit der Strafe für das Schweinehalten.

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  3. Zu 3: Es ist prinzipiell zwar an sich eine andere Situation als wenn jemand auf natürliche Weise schwer und unheilbar krank ist, aber nicht in bezug auf das Bedürfnis nach göttlicher Hilfe bezogen.

    Eben, Salomo hat das zu den Frauen gesagt (naja, eigentlich hat er zumindest den ersten Satz „Holt ein Schwert“ wahrscheinlich zu seinen Dienern gesagt, was meinem Argument schadet^^, aber die Wirkung ist tatsächlich, als hätte er zu den Frauen gesagt „Ich hole jetzt ein Schwert“), weil er ihre Reaktionen herausfinden wollte. Und wenn es Christus um die Reaktion der Jünger (primär) gegangen wäre, dann wäre es logisch gewesen, mit den Jüngern zu reden und nicht die Kanaaniterin scharf anzufahren, wenn er ihr die Demütigung gar nicht hätte bereiten wollen.

    Zu 4: tja, weil mein Gedanke war ja da der, daß wer sich da besonders beschweren könnte, der betreffende Schweinehirt oder -bauer gewesen sein könnte. „Ich gönne diesem Namenlosen durchaus, daß er von seiner Besessenheit befreit wird, aber wieso muß Christus, wenn er doch eh schon offensichtlich alles kann, dabei unbedingt meine Schweine draufgehen lassen?“

    Eine andere Theorie wäre: Er wollte Exorzisten, die eben anders als er nicht allmächtig sind, ein Beispiel geben, wie sie eventuell doch zum Ziel kommen können. Ich habe wenigstens mal gelesen, daß diese Variante bisweilen in wohl recht schweren Fällen heute von Exorzisten praktiziert wird: den Dämon austreiben und in das Hausschwein schicken. Danach sollte man sich dem Schweinestall aber nur noch bewaffnet nähern.

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      1. Es war aber keineswegs klar, außer durch göttliches Vorauswissen, daß sie so reagieren würde; rein natürlich gesehen hätte sie ja auch die hochnäsigen Israeliten beschimpfen können.

        Vor allem aber wäre es dann ziemlich fies gegen die Kanaaniterin gewesen, sie so zu demütigen.

        Also: Wenn der Heiland es mit Absicht macht, dann kann man sagen: „Es stimmt ja, sie ist *tatsächlich* eine Kanaaniterin und die haben *tatsächlich* erstmal gar nichts zu melden, außer vielleicht Brösel einsammeln“ – hart erscheint es dann freilich immer noch, aber gerecht. Täte Er es hingegen nicht mit Absicht, sondern nur um seinen Jüngern was vorzubeweisen… dann wäre ich mir relativ im unklaren, wie man *das* noch gerecht nennen könnte.

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      2. Die Aussage *ist* hart; aber wäre sie quasi nur so dahingesagt, um den Jüngern was vorzudemonstrieren und eigentlich gar nicht so gemeint (scherzhaftes Augenzwinkern, „wir verstehen uns, spiel das Spiel mit“ etc. können wir nach Lage der Dinge ausschließen), dann wäre das außerdem fies. Hart ist der Herrgott bisweilen, fies niemals; so mein Gedankengang.

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      3. Ich weiß nicht… Für deine Interpretation spräche natürlich, dass Jesus auch in Mt 10,5f. sagt „Geht nicht den Weg zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel!“, sprich, da verwendet Er dieselben Worte wie hier. Dagegen spräche aber irgendwie auch wieder, dass den Juden ja nichts „weggenommen“ werden würde, wenn Er auch einer Heiden hilft, oder? Es geht ja nicht drum, dass jemand zu Ihm sagt „Hey, komm doch auch mal zu uns nach Damaskus oder Alexandria“, sondern er begegnet ihr ja einfach auf Seinem Weg.

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