Einzelfälle, alles Einzelfälle

Ich bin gerade etwas sauer auf Kardinal Marx und so weiter.

Wiederverheiratet-Geschiedene sollen „in Einzelfällen“ zur Kommunion zugelassen werden. Homosexuelle Paare sollen „in Einzelfällen“ eine Segnung ihrer Partnerschaft erhalten können. Evangelische Ehepartner von Katholiken sollen „in Einzelfällen“ (und wenn sie in Bezug auf die Eucharistie dasselbe glauben wie die Katholiken) zusammen mit ihrem Ehepartner zur Kommunion gehen können. (Dass sie ganz zur katholischen Kirche kommen, muss aber nun wirklich nicht sein: „Den Vorwurf, es handele sich um eine ‚Rückkehr-Ökumene‘ wies Marx zurück. Es werde gerade nicht gesagt, dass Protestanten nur die Kommunion empfangen könnten, wenn sie konvertierten.“ (http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/kommunion-weg-fur-evangelischen-partner-geebnet) Wir wollen der lieben EKD ja nun nicht die Leute wegnehmen, das schadet bloß der Nicht-Rückkehr-Ökumene, die ja schließlich sehr wichtig ist.)

Alles in Einzelfällen. Wir wollen ja nicht generell was ändern, nein, habt keine Angst, liebe konservative Katholiken, wir tun ja hier nicht die Dogmen ändern; aber es braucht eben seelsorgerliche Begleitung und pastorale Wege und Gewissensurteile und so Zeugs.

Ist Kardinal Marx bzw. der Bischofskonferenz eigentlich klar, wie solche vorsichtigen Kompromissformulierungen bei den Leuten ankommen? Endlich bewegt sich in der katholischen Kirche mal was, was tut die jetzt immer noch so von wegen „Ausnahmen in Einzelfällen“ herum, die ist immer noch total diskriminierend und schlimm, aber früher oder später wird sie schon noch weiter nachgeben, jetzt geht es grundsätzlich, es wird schon nicht bei Einzelfällen bleiben. („Die katholische Kirche“ wird hier zudem wahrgenommen als eine deutsche Institution unter Marx & Co., die irgendwie noch mit einer Weltkirche und einem Papst verbunden ist, aber ihre Reformen für sich macht.) Und genau diesen Eindruck befördern die Bischöfe gerade nach Kräften.

Es ist sicher nicht schön, wenn man mit seinem Ehepartner den Glauben nicht teilt. Aber was ist die Lösung dafür? Ich sag’s euch: Den katholischen Glauben annehmen und zur katholischen Kirche konvertieren! Wenn man den Glauben – den Glauben als Ganzes – nicht teilt, aber bei den Sakramenten so tut, was bringt das dann? Da hält man die Differenzen lieber offen aus, wenn man zu keiner gemeinsamen Überzeugung findet; das ist jedenfalls ehrlicher.

Und was sagen eigentlich die Evangelischen zu der letzten Entscheidung? Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm verkündet auf Facebook:

„Das ist ein wichtiges Zeichen der Deutschen Bischofskonferenz! Dass konfessionsverbindenden Ehepaaren nunmehr ein Weg eröffnet wurde, gemeinsam an der Eucharistiefeier teilzunehmen, markiert nicht nur einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Weg der Ökumene. Für Menschen, die nicht nur ihren Glauben an Jesus Christus, sondern auch ihr Leben miteinander teilen, stellt das eine echte Erleichterung dar. Die Entscheidung macht deutlich, dass das Bedürfnis konfessionsverbindender Ehepaare, gemeinsam an den Tisch des Herrn treten zu können, von der Bischofskonferenz gehört und gewürdigt wird. Als evangelische Kirche hoffen wir weiterhin darauf, dass eine Teilnahme konfessionsverbindender Ehepartner auch am evangelischen Abendmahl möglich gemacht wird. Die heutige Richtungsentscheidung ist – bei allen noch zu klärenden Punkten – zuallererst eine Ermutigung für viele Millionen Christen, die in ihren Lebensbezügen ökumenisch eng miteinander verbunden sind.“

Bedford-Strohm verhält sich wie meine Oma, wenn ich ihr erzähle, dass ich mit meiner Psychotherapie Fortschritte mache: Na, hoffen wir mal, dass das dann in Zukunft noch besser wird.

Endlich hören und würdigen die katholischen Bischöfe mal ein wenig die armen, geplagten Leute; aber natürlich ist das nur ein „wichtige[r] Schritt auf dem Weg der Ökumene“ (an dessen Ende idealerweise die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft zu stehen hat), eine „Richtungsentscheidung“ „bei allen noch zu klärenden Punkten“. Immerhin sollten bald auch die katholischen Ehepartner am evangelischen Abendmahl teilnehmen dürfen, das fordern wir schon. Dass die katholische Kirche das evangelische Abendmahl nicht als sakramental (also nicht als wirkliches Abendmahl) anerkennen kann, ist dem Landesbischof keine Zeile wert; der katholische Glaube ist nicht erwähnenswert. Ökumene in deutschen Landen ist halt immer noch von einer extremen Anspruchshaltung der EKD geprägt, dass die katholische Kirche sich endlich mal an sie anpassen soll. Klar, wenn man schon die Abendmahlsgemeinschaft mit reformierten Kirchen hat, die nicht an die Realpräsenz glauben, obwohl man selber irgendwie noch eine Art Realpräsenz lehrt, erwartet man wohl auch von anderen nicht mehr, das Sakrament heilig zu halten. Es ist wichtiger, dass wir so tun, als wären wir eine Gemeinschaft, als dass wir wirklich eine sind. Dabei könnte man viel ehrlicher zusammenarbeiten, wenn man anerkennen würde, wo man sich unterscheidet.

Herumgedruckse von Bischöfen über „Einzelfälle“, „keine generellen Regelungen“, „pastorale Begleitung“, „Gewissensentscheidungen“ und solches Zeug führt ganz einfach dazu, dass die Entscheidungen auf die nächstuntere Ebene verlagert werden: Zu den Pfarrern. Und jetzt versuchen Sie mal als Pfarrer, dem evangelischen Ehemann Ihrer Pfarrgemeinderatsvorsitzenden zu erklären: „Nein, tut mir leid, damit teilen Sie nicht wirklich den Glauben der katholischen Kirche, ich kann Ihnen die Kommunion nicht geben.“ Versuchen Sie mal, zu einem lesbischen Paar, das frisch standesamtlich verheiratet ins Pfarrbüro kommt und noch eine romantische kirchliche Feier verlangt, eine der beiden jungen Frauen noch dazu eine ehemalige Ministrantin, zu sagen: „Nein, Ihre Beziehung ist keine sakramentale Ehe, die Kirche kann so eine Beziehung nicht segnen“. Denken Sie immer dran: Sie sind der Unbarmherzige, der noch unbarmherziger ist als die unbarmherzigen bischöflichen Kirchenfürsten. Von denen brauchen Sie auch gar keinen Rückhalt mehr zu erwarten.

Und zu noch etwas führt es: Immer weniger Leute werden der Kirche glauben, dass sie manche Dinge tatsächlich nicht ändern kann. Nein, die deutschen Bischöfe haben nicht erklärt, dass Dogmen wie die Unauflöslichkeit der Ehe (siehe die schon ewig schwärende Angelegenheit um die Wiederverheirat-Geschiedenen), die Identität der Ehe als Bund zwischen Mann und Frau, oder die Lehre über das Sakrament der Eucharistie sich irgendwie geändert hätten. Aber sie haben dafür gesorgt, dass sie das Handeln in der Praxis weniger und weniger beeinflussen. Und in der Kirche gilt nun einmal, dass lex orandi, lex credendi und lex agendi (das Gesetz des Betens, das Gesetz des Glaubens und das Gesetz des Handelns) eng zusammenhängen. Und die meisten Leute, die in der Tageszeitung oder der Rundschau von einer Entscheidung der Bischofskonferenz erfahren, haben eben keine theologische Ausbildung und können nicht so einfach unterscheiden, was Dogmen sind und was nicht. Es ist ja nicht so, dass die Rundschau es erklären (oder auch bloß selber verstehen) würde. Sie haben also den Eindruck, etwas ändert sich, das man früher nicht ändern wollte; also, wieso sollte sich nicht auch noch etwas anderes ändern, das man zurzeit nicht ändern will?

Ich gebe hier mal eine Unterhaltung zwischen mir und meiner Mutter vor einigen Wochen wieder; zuerst ging es um Luther, den Ablasshandel und die Reformation, dann kam die Rede irgendwie auf das Konzil von Trient und ich habe allgemein erklärt, was Dogmen sind und dass sie unveränderlich sind:

Sie: Aber blöd wäre es dann halt, wenn ein Papst sagt, das ist Dogma, und der nächste sagt dann, das Gegenteil davon ist jetzt Dogma.

Ich: Das ist nie passiert.

Sie: Ach, das ist nie passiert?

Ich: Nein, das ist nie passiert.

(Es folgte ein Gespräch darüber, dass der Heilige Geist die Kirche vor Irrtum bei Dogmen bewahrt und dass z. B. der Zölibat kein Dogma ist, die Dreifaltigkeit aber schon, und die Tatsache, dass Frauen keine Priester werden können, so quasi ein Dogma.)

Der Punkt ist: Meine Mutter ist nicht besonders kirchenfern. Sie geht zwar nicht regelmäßig sonntags zur Messe, betet aber jeden Tag. Einmal im Jahr nimmt sie an einer kleinen Wallfahrt teil. Als ich ihr einmal erzählt habe, dass es bei einem Vortrag in der Pfarrei darum gegangen sei, dass Jesus gestorben ist, um die Welt zu erlösen, meinte sie „Also, das weiß doch eh jeder“. Wenn eine Messe für verstorbene Großeltern oder andere Verwandte gehalten wird, geht sie selbstverständlich hin. Aber ihr war nicht bewusst, dass nie ein Dogma von der Kirche verändert wurde.

Die meisten Leute haben gar kein Bewusstsein für die Geschichte der Kirche, dafür, was sie all die Jahrhunderte hindurch bewahrt hat. Wie sollten sie auch? Niemand hat es ihnen je gesagt.

Ein weiterer Punkt: Wenn es (ob jetzt bei der Kommunionzulassung von Evangelischen, oder auch von Wiederverheirateten, oder bei der Segnung homosexueller Partnerschaften) um Einzelfälle gehen soll, die tatsächlich Einzelfälle bleiben sollen (tun wir mal so, als wäre es so), würde, statt dass jeder Katholik wüsste, woran er aufgrund einer klaren Regel ist, der einzelne Pfarrer willkürliche Entscheidungen treffen können. Der eine würde die Kommunion erhalten, der andere nicht, und aufgrund welcher Kriterien? Weil sein Gewissen sich so oder so anfühlt, weil sein Pfarrer liberaler oder konservativer ist? Das Ganze erinnert mich an meine erste Kirchenrechtsvorlesung: Der Dozent betonte damals, dass das Recht gerade für die Menschen da sei, damit jeder sein Recht bekomme. Wenn es klare Regeln gibt, kann jeder sein Recht bekommen, und weiß auch, mit welchem Recht er das und das, was er gern hätte, gerade nicht bekommt. Wenn alles nur um Einzelfälle und subjektive Entscheidungen geht, weiß das keiner mehr.

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