Wie sagt ihr’s euren Kindern?

Ende der 90er war meine Mutter mit ihrem letzten Kind schwanger (dem fünften, wenn man eine frühe Fehlgeburt mitrechnet). In der mutmaßlich 17. Schwangerschaftswoche machte ihr Frauenarzt bei ihr den mit gewissen Unsicherheiten behafteten Triple-Test; sie war gerade erkältet und man war sich bei ihr bei der genauen Wochenzahl sowieso nie sicher, was beides die Testergebnisse noch mehr verunklaren kann. Jedenfalls kam heraus, dass das Kind möglicherweise das Downsyndrom haben könnte, und der Arzt schickte sie zu einer Fruchtwasseruntersuchung in die nächste Großstadt, mit der Begründung, dass sie, wenn sie über eine Behinderung Bescheid wisse, gleich in einer speziellen Klinik entbinden könnte. Die Ärztin in der Großstadt fragte sie dann, ob sie die Schwangerschaft abbrechen wollte, falls herauskäme, dass das Kind behindert wäre. Meine Mutter antwortete, nein, natürlich nicht. Wieso sie diese Untersuchung dann überhaupt machen lasse?, wurde sie gefragt. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde sie über das Fehlgeburtsrisiko bei Fruchtwasseruntersuchungen aufgeklärt. Am Ende machte die Ärztin bei ihr einen 3D-Ultraschall, das Ergebnis war gut, aber sicher konnte man natürlich mit dieser Methode nicht sein. Meine Mutter legte damals das Versprechen ab, dass sie, wenn das Kind nicht behindert sein sollte, einmal im Jahr an einer Wallfahrt teilnehmen würde.

Meine kleine Schwester kam dann kerngesund zur Welt und meine Mutter hat ihr Versprechen gehalten.

Wieso erzähle ich das? Na ja, das ist eine Geschichte, die man bei uns, wenn die Familie zusammensitzt und man über alte Familiengeschichten redet, problemlos erzählen kann. Als meine Mutter letztens einmal ausführlich von alldem erzählt hat – erst da habe ich übrigens erfahren, wie spät sie über die Risiken einer Fruchtwasseruntersuchung aufgeklärt wurde -, war meine kleine Schwester auch dabei und sagte einmal: Aber ihr hättet mich ja eh nicht abtreiben lassen, oder? Nein, natürlich hätten wir das nicht, konnte meine Mutter sagen.

Wie ist das bei Eltern, die wegen einem Verdacht auf Downsyndrom eine Fruchtwasseruntersuchung machen haben lassen, mit der Absicht, abzutreiben, wenn sich der Verdacht bestätigen sollte? Sagen wir mal, es stellte sich heraus, ihr Kind war gesund; wie erklären sie ihrem fünfzehn- oder achtzehn- oder zweiundzwanzigjährigen Kind dann die Situation von damals? „Wir hätten dich abtreiben lassen, aber zum Glück gab es keinen Anlass dazu“?

Und was ist mit den Eltern, die tatsächlich ein Downsyndrom-Kind haben abtreiben lassen? Werden sie seinen Geschwistern gegenüber jemals davon reden? „Es war besser so, euer Bruder hätte mit einer Behinderung leben müssen“?

90% aller Kinder mit Downsyndrom werden abgetrieben; dabei können die lebenden Menschen mit Downsyndrom ein glückliches Leben führen. 90%, obwohl in Deutschland die eugenische / embryopathische Indikation längst aus dem Gesetzbuch gestrichen wurde. Mit der stattdessen nun von Ärzten herangezogenen offiziellen Begründung, dass ein behindertes Kind die psychische Gesundheit der Mutter beeinträchtigen würde, können schon bei einem Verdacht auf Downsyndrom Kinder noch sehr spät in der Schwangerschaft abgetrieben werden.

Die Abtreibungszahlen in Deutschland sind unglaublich hoch; nach offiziellen Angaben allein 100.000 pro Jahr, wobei nicht alle Abtreibungen statistisch erfasst werden. Über die Jahrzehnte sind das sehr, sehr viele Kinder gewesen. Die meisten davon keine Downsyndrom-Kinder, ich weiß. Aber das Thema Abtreibung allgemein betrifft sehr, sehr viele Frauen und Männer in Deutschland – Mütter, Väter, deren Angehörige und Freunde, Ärzte, Pflegepersonal… Also: Wenn ihr mal eine Abtreibung habt vornehmen lassen, in jungen Jahren, weil es da gerade nicht gepasst hat, aber ihr euch gesagt habt, dass ja später vielleicht einmal der richtige Zeitpunkt für ein Kind kommen würde – werdet ihr gegenüber den Kindern, die später zum richtigen Zeitpunkt gezeugt wurden, jemals darüber reden? Wie sagt ihr’s euren Kindern?

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