Aus dem Denzinger: Mittelalterliche Päpste über Gottesurteile

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-aus-dem-denzinger/

 

Heute gleich mal drei Zitate aus mittelalterlichen Papstbriefen (zwischen 887/888 und 1212) zum Thema Gottesurteile:

 

„Du hast angefragt wegen der kleinen Kinder, die, in einem Bett mit den Eltern schlafend, tot aufgefunden werden, ob die Eltern sich mit Hilfe des glühenden Eisens oder des siedenden Wassers oder irgendeiner anderen Prüfung reinwaschen sollen, sie nicht erdrückt zu haben. Die Eltern sind nämlich zu ermahnen und zu beschwören, daß sie so zarte [Kinder] nicht zu sich in ein Bett legen, damit sie nicht, wenn irgendeine Unvorsichtigkeit unterläuft, erstickt oder erdrückt und sie selbst deshalb des Mordes für schuldig befunden werden. Denn dass mit Hilfe der Prüfung des glühenden Eisens oder des siedenden Wassers von irgend jemand ein Geständnis herausgefoltert wird, billigen die heiligen Kanones nicht; und was durch die Lehre der heiligen Väter nicht festgelegt wurde, soll man sich nicht durch eine abergläubische Erfindung herausnehmen.

Durch freiwilliges Bekenntnis oder den Nachweis von Zeugen bekanntgewordene Vergehen wurden nämlich – da man die Furcht Gottes vor Augen hatte – unserer Leitung zur Aburteilung anvertraut; Verborgenes aber und Unbekanntes ist dem Urteil dessen zu überlassen, ‚der allein die Herzen der Menschenkinder kennt’ [vgl. 1 Kön 8,39].

Diejenigen aber, denen nachgewiesen wird oder die bekennen, daß sie eines solchen Vergehens schuldig [sind], die soll Deine Herrschaft bestrafen; denn wenn ein Mörder ist, wer eine Leibesfrucht im Schoße durch Abtreibung vernichtet hat, um wieviel mehr wird sich [jener] nicht entschuldigen können, ein Mörder zu sein, der ein kleines Kind von wenigstens einem Tag getötet hat?“

(Stephan V. (VI.), Brief „Consoluisti de infantibus“ an Erzbischof Ludbert von Mainz, zwischen 887 und 888; in: DH 670)

 

„Über die Angelegenheit Deines Priesters Guillandus [Gisandus], der der Tötung seines Bischofs, Deines Vorgängers, verdächtigt wurde, haben Wir öffentlich beraten. … Wenn zuverlässige Ankläger fehlen, dann soll der Priester auf Geheiß der Gerechtigkeit ohne jede Auseinandersetzung alles, was er deswegen zu Unrecht verloren hat, sowohl das Priesteramt als auch die vollständigen Pfründen [wieder] erhalten; Deinem Gutdünken überlassen Wir es jedoch, daß ebendieser zuvor zwei ihm verbundenen Priestern, wenn ein Ankläger ausgeblieben ist, von sich aus eine Rechtfertigung liefert.

Schließlich wollen Wir, daß Du das volkstümliche und durch keine kanonische Strafbestimmung gestützte Gesetz, nämlich die Berührung kochenden bzw. eiskalten Wassers und glühenden Eisens oder irgendeiner Erfindung des Volkes (denn dies sind gänzlich Erdichtungen, wobei Mißgunst am Werk ist) weder selbst anwendest noch in irgendeiner Weise forderst, ja, Wir verbieten es sogar kraft apostolischer Autorität nachdrücklichst.“

(Alexander II., Brief „Super causas“ an Bischof Rainald von Como, 1063; in: DH 695)

 

„Wenn auch bei weltlichen Richtern volkstümliche Urteilsfindungen vollzogen werden, wie die des kaltenWassers, des glühenden Eisens oder des Zweikampfs, so läßt die Kirche dennoch derartige Urteilsfindungen nicht zu; denn es steht im göttlichen Gesetz geschrieben: ‚Du wirst den Herrn, Deinen Gott, nicht versuchen’ [Dtn 6,16; Mt 4,7].“

(Innozenz III., Brief „Licet apud“ an Bischof Heinrich von Straßburg, 1212; in: DH 799)

 

Heute herrscht manchmal die Vorstellung, Gottesurteile wären von der Kirche eingeführt und angeordnet worden – tatsächlich handelt es sich bei ihnen um bei heidnischen Völkern, vor allem den germanischen Völkern, schon bestehende Bräuche, die nach der Christianisierung teilweise noch übernommen und von den Päpsten dann verurteilt wurden.

3 Gedanken zu “Aus dem Denzinger: Mittelalterliche Päpste über Gottesurteile

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