Aus dem Denzinger: Der Heilige Stuhl über Duelle (19. Jahrhundert)

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-aus-dem-denzinger/

 

Auch in früheren Zeiten lagen die Gesellschaft und die Kirche nicht immer auf einer Linie – ein Paradebeispiel wäre die in der feinen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts weitgehend anerkannte Praxis des Duells. Dazu schreibt Leo XIII. ausführlich:

 

„…Beide göttlichen Gesetze, sowohl dasjenige, das durch das Licht der natürlichen Vernunft, als auch [jenes], das durch die unter göttlichem Anhauch verfaßte Schrift verkündet wurde, verbieten strikt, daß einer außerhalb eines öffentlichen Verfahrens einen Menschen tötet oder verwundet, es sei denn, durch Notwendigkeit gezwungen, um sein Leben zu verteidigen. Die aber zu privatem Kampfe aufrufen oder einen angebotenen annehmen, betreiben dieses, richten – durch keine Notwendigkeit gebunden – Sinn und Kräfte darauf, dem Gegner das Leben zu entreißen oder wenigstens eine Wunde beizubringen.

Beide göttlichen Gesetze untersagen ferner, daß einer sein Leben leichtfertig preisgibt, indem er es schwerer und offenkundiger Gefahr aussetzt, obwohl keine Spur von Pflicht oder großherziger Liebe dazu rät; diese blinde, lebensverachtende Leichtfertigkeit aber wohnt der Natur des Duells eindeutig inne.

Daher kann es niemandem unklar oder zweifelhaft sein, daß auf diejenigen, die sich privat auf einen Einzelkampf einlassen, beides fällt, sowohl der Frevel des fremden Unglücks als auch die freiwillige Gefährdung des eigenen Lebens. Schließlich gibt es kaum eine Pest, die der Verfassung des bürgerlichen Lebens mehr zuwiderläuft und die gerechte Ordnung des Staates verkehrt als die den Bürgern zugestandene Erlaubnis, daß jeder mit privater Gewalt und Hand als Anwalt seines Rechtes und Rächer seiner Ehre, die er verletzt glaubt, auftritt.…

Auch für jene, die einen angebotenen Kampf annehmen, genügt als begründete Entschuldigung nicht die Angst, weil sie fürchten, sie würden allgemein für träge gehalten werden, wenn sie den Kampf verweigerten. Denn wenn die Pflichten der Menschen an den falschen Meinungen der Menge zu bemessen wären, nicht an der ewigen Norm des Rechten und Gerechten, gäbe es keinen natürlichen und wahren Unterschied zwischen sittlich guten Handlungen und schändlichen Taten. Selbst die heidnischen Weisen haben sowohl erkannt als auch gelehrt, daß die trügerischen Urteile der Menge von einem tapferen und standhaften Manne zu verschmähen seien. Vielmehr ist es begründete und heilige Furcht, die den Menschen von ungerechtem Mord abhält und ihn um sein eigenes Heil und das der Brüder besorgt macht. Ja, wer die eitlen Urteile der Menge verschmäht, wer lieber die Schläge der Schmähungen auf sich nehmen will, als in irgendeiner Sache die Pflicht vernachlässigen, der besitzt offensichtlich eine weit höhere und erhabenere Gesinnung als wer, durch ein Unrecht gereizt, zu den Waffen rennt. Ja, wenn man es recht beurteilen will, so ist es sogar jener allein, in dem die gediegene Tapferkeit aufstrahlt, jene Tapferkeit, sage ich, die wahrhaft Tugend genannt wird und deren Begleiter ein Ruhm ist, der nicht eitel, nicht trügerisch ist. Die Tugend nämlich besteht im Gut, das mit der Vernunft übereinstimmt, und wenn er nicht auf dem Urteil des zustimmenden Gottes beruht, ist jeder Ruhm töricht.“

(Leo XIII., Brief an die Bischöfe Deutschlands und Österreichs, 1891; in: DH 3272-3273)

 

Schon ein paar Jahre zuvor musste sich das Heilige Offizium – Vorgängerbehörde der Glaubenskongregation – mit speziellen Fragen zum Umgang mit Duellen beschäftigen. Zu dieser Zeit bestanden bereits sehr strenge Regeln für alle daran Beteiligten – sie zogen sich automatisch die Exkommunikation zu. Daher kamen folgende Fragen auf:

 

„Fragen:

1. Kann ein Arzt auf Bitten der Duellanten einem Duell beiwohnen mit der Absicht, dem Kampf schneller ein Ende zu setzen oder einfach die Wunden zu verbinden und zu heilen, ohne sich die dem Papst auf einfache Weise vorbehaltene Exkommunikation zuzuziehen?

2. Kann er wenigstens, ohne beim Duell anwesend zu sein, sich in einem benachbarten Haus oder an einem nahegelegenen Ort aufhalten, ganz nahe und bereit, seinen Dienst zu leisten, wenn ihn die Duellanten nötig haben?

3. Wie [steht es] mit einem Beichtvater unter denselben Bedingungen?

Antwort:

Zu 1. Er kann es nicht und zieht sich die Exkommunikation zu.

Zu 2. und 3. Insofern es auf Abmachung hin geschieht, kann er es gleichfalls nicht und zieht sich die Exkommunikation zu.“

(Antwort des Hl. Offiziums an den Bischof von Poitiers, 1884; in: DH 3162)

 

Man könnte die Antwort des Hl. Offiziums mit der Regelung des hl. Johannes Pauls II. zur Schwangerenberatung vergleichen: Katholische Beratungsstellen in Deutschland dürfen keine Beratungsscheine ausstellen, da sie damit helfen würden, die Voraussetzungen für eine straffreie Abtreibung zu schaffen, auch wenn sie in der Beratung versuchen sollten, die Schwangere zu einer Entscheidung für ihr Kind zu ermutigen, da sie damit ein unmenschliches System legitimieren würden. Sie sollen beraten; aber sie dürfen keine Scheine ausstellen, die zur Abtreibung berechtigen. Ebenso sollte damals ein katholischer Arzt oder Priester nicht an der Vorbereitung eines Duells beteiligt sein; sicher dürfte er helfen, wenn er hinterher gerufen werden würde, aber er dürfte sich nicht extra bereithalten, und dem Ganzen damit einen Anschein von Legitimität verleihen – zumal es die beiden Gegner vielleicht eher noch zur Einsicht bringen könnte, wenn sie niemanden finden würden, der im Notfall zur Wundversorgung bzw. für die Sterbesakramente bereitstehen würde.

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2 Gedanken zu “Aus dem Denzinger: Der Heilige Stuhl über Duelle (19. Jahrhundert)

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