Die zweifache Gefahr dieses Pontifikats

Ich bin sicher, dass ich nicht die einzige Katholikin bin, der es in den letzten fünf Jahren ungefähr so gegangen ist:

Wir bekommen sicher wieder einen tollen Papst – Er ist sicher ein toller Papst, die Medien wollen ihn bloß absichtlich missverstehen, wie sie es schon bei Benedikt getan haben – Er ist sicher ein guter Papst, aber er könnte sich manchmal klarer ausdrücken, damit man ihn nicht missversteht – Er sollte sich wirklich klarer ausdrücken – Es ist beunruhigend, dass er nicht gegen unkatholische Meinungen auf der Synode einschreitet; man könnte meinen, er stünde hinter Kasper – Es wäre wohl besser, wenn er unter Mitarbeitermotivation nicht verstehen würde, seine Mitarbeiter zu beleidigen – Also, man könnte diese Fußnote im falschen Sinn verstehen; er sollte wirklich klarstellen, dass Amoris Laetitia sich in Kontinuität zur Lehre Johannes Pauls II. befindet – Wieso beantwortet er die Dubia nicht? Wieso tut er nichts gegen diesen Bischof, der sexuellen Missbrauch vertuscht haben soll? Wieso diese ständigen Angriffe gegen alle, die „rigide“ oder „pharisäisch“ sein sollen – während er nie darauf eingeht, dass die Gebote auch ihren Sinn haben? Wieso kann er nicht einmal was Nettes zu denen sagen, die sich bemühen, den Glauben authentisch zu leben?

Irgendwann ist man frustriert. Ja, Franziskus ist der Papst. Nein, ich mag ihn nicht; und ich habe keine Lust mehr, mir einzureden, dass alles Problematische, was ich bei seinen Äußerungen wahrnehme, auf böswilligen Missverständnissen und Fehldeutungen meinerseits beruht. Ich mag ihn nicht, und er mag Katholiken wie mich vermutlich nicht. Aber man muss ja auch nicht jeden mögen, und wenn der Papst nur mich nerven würde, wäre das ein Luxusproblem. Damit kann ich umgehen, indem ich seine Äußerungen nicht mehr lese.

Das derzeitige Pontifikat sorgt aber, nach meinem Eindruck, für zwei große Gefahren bei zwei Gruppen:

Da wären erstens die Katholiken, die zwar durchaus gläubig, aber nicht sehr gefestigt im Glauben sind und die Gründe für viele Lehren nicht kennen; die aus mangelndem historischen Wissen einige Vorurteile über das Mittelalter, die vorkonziliare Kirche etc. hegen; die die Neuerungen des Konzils überschätzen und froh sind, dass die Kirche jetzt barmherziger und mehr Jesus-gemäß sei als früher; die sich, kurz gesagt, die „Entwicklung der Glaubenslehre“ als einen Fortschritt im Sinne des technischen Fortschritts vorstellen, wo wir viel weiter sind als unsere Vorfahren und wo man auch mal alte Ideen aufgeben muss; und die sich, weil sie eben nicht genau wissen, wie sich die Lehre authentisch entwickeln kann und was sich an ihr nicht ändern kann, nicht ausschließen, dass die Kirche ihre Position zum Frauenpriestertum, zu homosexuellen Beziehungen, oder zum Dauerbrenner zweite Ehen nach Scheidung im Sinne der „Barmherzigkeit“ verändern könnte. Solche Katholiken, die vielleicht zur Zeit Benedikts XVI. oder Johannes Pauls II. noch eher eine klare Erklärung dafür gehört hätten, wieso Gottes Gebote alle gut sind und nicht dazu da sind, uns zu quälen, oder wieso die Kirche, begleitet vom Heiligen Geist, zwar Lehren tiefer verstehen, aber nicht vom Grundsatz her ändern kann, werden jetzt darin bestätigt, dass alle, die (beispielsweise) gegen den Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene sind, ja nur rigide, verurteilende Pharisäer seien, die Gottes Barmherzigkeit nicht kennen würden – sagt schließlich der Papst selbst. Oder er deutet es zumindest an. (Bei wirklich glaubensfernen Menschen oder den ebenso glaubensfernen Medien ist dieser Effekt natürlich noch mal stärker: Sie mögen Franziskus, weil er ihnen den Eindruck von „Ich bin ja gar nicht so wie die böse Kirche“ gibt – und entwickeln dadurch natürlich erst recht keinerlei Sympathie für die Kirche.) So geht  das Verständnis für die katholische Lehre verloren.

Dann wäre da auf der anderen Seite eine gewisse Sorte von Tradi-Katholiken, die sich nur mühsam von den beiden letzten Päpsten haben überreden lassen, dass das Konzil keinen Bruch dargestellt hat und mit einer „Hermeneutik der Kontinuität“ verstanden werden kann, und die evtl. auch eine gewisse Neigung zu Verschwörungsdenken haben und dazu, den nahenden Weltuntergang zu erwarten. Die bekommen immer mehr den Eindruck: Franziskus verkündet Irrlehren. Zumindest widerspricht er nicht, wenn sie in seinem Namen verkündet werden. Und manchmal rutschen solche Leute dann in den Sedisvakantismus ab. Der Gedankengang sieht folgendermaßen aus: Franziskus scheint Häresie zu vertreten; und wenn Franziskus ein Häretiker ist, ist er nicht mehr Teil der Kirche, also ist er nicht mehr Papst. Der hl. Robert Bellarmin hat schließlich gesagt, wenn ein Papst öffentlich Häresie verkünden würde, würde er sein Amt verlieren. Manche gehen dann so weit, den Papst nicht nur für einen Anti-Papst, sondern sogar für den Antichrist zu halten, der sich bald als solcher zu erkennen geben würde.

Mit anderen Worten: Dieses Pontifikat produziert Häretiker auf der einen und Schismatiker auf der anderen Seite.

 

PS: Die Argumentation der zweiten Gruppe geht übrigens an folgenden Punkten fehl:

Erstens – der hl. Robert Bellarmin in allen Ehren, aber auch die Ansicht, dass Gott es einfach nicht zulassen würde, dass jemals ein Papst öffentlich Häresie verkündet, hat einige Vertreter, und sie ist die logischere. Wozu hat Christus denn das Papstamt eingesetzt? Und wer könnte den Papst zum „Nicht-mehr-Papst“ erklären? Über dem Papst gibt es in der Kirche keine höhere Autorität mehr.

Zweitens – Franziskus ist nach dem Kirchenrecht eben kein Häretiker. Er hat nicht eindeutig öffentlich vertreten „Die Ehe ist nicht unauflöslich“ oder „Die Hölle gibt es nicht“ (Letzteres hat ein notorisch unzuverlässiger atheistischer Journalist über ihn behauptet, der sich bei seinen Interviews nicht einmal Notizen macht; und dass Franziskus dem nicht eindeutig persönlich widersprochen hat, heißt nicht, dass er diese Ansicht selbst verkündet hat). Mit den alten Zensuren, mit denen der Hl. Stuhl früher theologische Ansichten bewertete, müsste man bei einigen seiner Äußerungen so etwas wie „der Häresie nahestehend“ oder „zur Häresie hinführend“ sagen; und eben nicht „häretisch“.

Drittens – Oft wird dann die Behauptung aufgestellt: „Wir hatten schon sündhafte Päpste, aber keine, die die Lehre angegriffen haben“. Das ist nicht richtig. Wir hatten u. a. schon folgende Päpste:

  • Liberius (352-366) machte Zugeständnisse an den Arianismus – die bedeutendste Häresie der Antike, die im vierten Jahrhundert die Unterstützung verschiedener römischer Kaiser hatte. Einer davon verbannte Liberius, und in der Verbannung unterschrieb Liberius ein Bekenntnis, das man im arianischen Sinn verstehen konnte (wenn es auch nicht eindeutig arianisch war), und exkommunizierte Athanasius von Alexandria, den klarsten Verteidiger der Lehre des Konzils von Nizäa, dass Gott der Sohn wesensgleich mit Gott dem Vater ist (statt nur wesensähnlich, also nicht so wirklich göttlich, wie die Arianer behaupteten). Zeitweise stand Athanasius ziemlich allein da, auch er wurde mehrmals verbannt – „Athanasius contra mundum“.
  • Honorius I. (625-638) wurde sogar vom dritten Konzil von Konstantinopel (680/81) verurteilt, weil er den Monotheletismus (die Lehre, dass Christus nicht einen menschlichen und einen göttlichen Willen, sondern nur einen göttlichen Willen gehabt hätte) begünstigt hatte: „Zusammen mit diesen aber soll, so beschlossen wir, auch Honorius, der ehemalige Papst Altroms, aus der heiligen Kirche Gottes ausgestoßen und mit dem Anathema belegt werden, weil wir in dem Brief, der von ihm an Sergius verfaßt wurde, fanden, daß er in allem dessen Auffassung folgte und seine gottlosen Lehren bekräftigte.“ Papst Leo II. schrieb in seinem Brief zur Bestätigung des Konzils: „Und in gleicherWeise belegen wir die Erfinder der neuen Irrlehre mit dem Anathema, nämlich Theodor, den Bischof von Pharan, Cyrus von Alexandrien, Sergius, Pyrrhus … und ebenso auch Honorius, der diese apostolische Kirche nicht durch die Lehre der apostolischen Überlieferung reinigte, sondern versuchte, in unheiligem Verrat den unbefleckten Glauben umzustürzen [griechische Fassung: zuließ, daß die unbefleckte [Kirche] durch unheiligen Verrat befleckt wurde].“ Honorius hat nicht ex cathedra Häresie gelehrt – aber er hat eine Häresie begünstigt und ist ihr nicht entgegengetreten.
  • Johannes XXII. (1316-1334) vertrat in einigen Predigten die Ansicht, dass die Seelen im Himmel erst nach dem Jüngsten Gericht Gott schauen würden. Das Gegenteil war damals noch kein Dogma, aber bereits relativ allgemein anerkannte Lehre der Kirche, und viele Theologen widersprachen dem Papst. Johannes erklärte schließlich, nur seine private theologische Meinung geäußert zu haben. Der nächste Papst stellte die Sache mit einem Dogma klar.
Advertisements

2 Gedanken zu “Die zweifache Gefahr dieses Pontifikats

  1. Das Pontifikat empfinde ich ähnlich wie Sie. Wo Benedikt mit behutsam gewählten Worten breiten Konsens stiftete, bleibt Franziskus in einer sehr innerkirchlichen Sichtweise gefangen. Das Problem etwa der Kommunionzulassung für geschiedene Katholiken setzt an der Spitze eines Eisbergs von Schwierigkeiten an, die man „von unten“ angehen müsste. Ausbleibende Antworten auf theolgisch berechtige Anliegen kann und darf sich ein Papst nicht erlauben. Sein Einsatz für die Armen, auch viele seiner geistlichen Betrachtungen, sprechen an und überzeugen. Zugleich sollte der Papst hin und wieder von der Rolle aüßerer Bescheidenheit absehen können, Glanz und Schönheit der Ecclesia thriumphans auflleuchten lassen, von mir aus gerne auch mit Tiara…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.