Vaterunser auf Feministisch

Ich schätze, ich muss nicht viel dazu sagen, was ich davon halte, wenn die Worte unseres Herrn willkürlich abgeändert werden, weil irgendwer meint, es besser zu wissen als der Gottmensch Jesus Christus. Wer eine Idee zu  einem Gebet hat, die er ganz toll findet, soll ein neues Gebet schreiben, nicht am Vaterunser herumdoktern. Aber wenn solche Texte umgedichtet werden, ist es schon ganz interessant, welche Stellen dabei umformuliert oder ausgelassen werden.

Eine anglikanische („episcopalian“: der amerikanische Zweig der Anglikaner) Kirche in San Francisco hat am 25. April eine „Beyoncé-Messe“ abgehalten, d. h. eine Messe begleitet von Liedern von Beyoncé, da man die dort offenbar sehr inspirierend fand. Der verlinkte Artikel zeigt auch ein Foto von den Zetteln, die dabei an die ca. 900 Besucher ausgeteilt wurden, und auf diesen Zetteln ist das Vaterunser in zwei Versionen abgedruckt, wobei darüber noch der Hinweis steht, dass man es „in den unten stehenden Worten, oder in den Worten Ihres Herzens“ mitbeten könnte. Die Version auf der rechten Seite ist die traditionelle englische Übersetzung des Bibeltextes („Traditional English Lord’s Prayer“), die linke eine, na ja, etwas freiere Umdichtung unter dem Titel „Womanist Lord’s Prayer“:

 

„Our Mother,

who is in heavan and within us,

We call upon your names.

Your wisdom come.

Your will be done,

In all the spaces in which You dwell.

Give us each day

sustenance and perseverance.

Remind us of our limits as

we give grace to the limits of others.

Seperate us from the temptation of empire,

But deliver us into community.

For you are the dwelling place within us

the empowerment around us

and the celebretation among us

now and for ever.

Amen.“

 

(Unsere Muter,

die im Himmel und in uns ist,

wir rufen deine Namen an.

Deine Weisheit komme.

Dein Wille geschehe,

An all den Orten, an denen du wohnst.

Gib uns jeden Tag

Lebensunterhalt und Ausdauer.

Erinnere uns an unsere Grenzen so wie

wir Rücksicht auf die Grenzen anderer nehmen.

Scheide uns von der Versuchung der Herrschaft,

Und führe uns stattdessen in die Erlösung zur Gemeinschaft.

Denn du bist die Wohnung in uns

die Emanzipation um uns herum

und die Feier unter uns

jetzt und in alle Ewigkeit.

Amen.)

 

Die feministische Umdichtung eines nun mal leider so eindeutig ein männliches Gottesbild vermittelnden Gebets wie des Vaterunsers zu einem Mutterunser ist ja nun leider nichts Neues. Aber die restlichen Umdichtungen sind schon interessant.

Vor allem fällt auf: Das Böse darf nicht wirklich vorkommen. Es wird keine Schuld vergeben, sondern es wird nur anerkannt, dass Menschen „Grenzen“ haben: Eine völlig blödsinnige Formulierung. Rücksicht auf die Grenzen anderer nehmen heißt z. B., dass ich es nachsehe, wenn meine vergessliche Großmutter ständig Schlüssel und Geldbeutel vergisst, und mich im Voraus darauf einstelle, damit ich darauf achten kann. Schuld vergeben bedeutet dagegen, dass ich es vergebe, dass meine leicht beleidigte Großmutter nach einer geringfügigen Meinungsverschiedenheit wochenlang nicht mit mir geredet hat. Schwächen und Sünden sind nicht einfach ein- und dasselbe. Als nächstes wird die Versuchung, in die man nicht geraten will, eingeschränkt auf eine ganz bestimmte Art der Versuchung, nämlich die zur Herrschsucht; als wäre das die einzige Form des Bösen, die es gäbe. (Auch Gleichgültigkeit, Vernachlässigung, unterlassene Hilfeleistung o. Ä. können Sünden sein, um nur ein paar offensichtliche Beispiele zu nennen, die mit Herrschen nichts zu tun haben.) Aber das passt eben zum feministischen Konzept: Die einzige bewusst wahrgenommene Form des Bösen ist die Unterdrückung, also ist die „Emanzipation“ („empowerment“) und die gleichberechtigte „Gemeinschaft“ die einzige bewusst wahrgenommene Form des Guten. (Sicher ist das eine wichtige Form des Guten, aber eben nicht die einzige.)

Dazu kommt noch die grässlich formulierte Bitte um „Lebensunterhalt und Ausdauer“, die das wunderbar konkrete „unser täglich Brot gib uns heute“ ersetzt, und dann so völlig blödsinnige Sätze wie „du bist die Wohnung in uns“ (wenn schon, dann bitte „du wohnst in uns“, aber – du „bist“ die Wohnung in uns?).

An letzterer Stelle und auch weiter oben fällt auch auf: Das „Reich“ (in der traditionellen englischen Übersetzung „kingdom“) Gottes darf nicht vorkommen; auch nicht „Macht“ („power“) und „Herrlichkeit“ („glory“). Wäre ja alles zu, äh, herrschaftlich. Auch ein guter Herrscher wie Gott bzw. die hier angebetete Muttergöttin darf nicht herrschen, sondern bloß seine/ihre „Weisheit“ spenden und in den Leuten Wohnung nehmen (oder so ähnlich). Aber ich glaube, es ist nicht nur diese Abneigung gegenüber allem, was an Macht oder Herrschaft erinnert: Nein, solche Leute glauben auch nicht, dass Jesus jemals wirklich am Ende der Zeiten zurückkehren wird und wirklich endgültig Gottes Reich aufgerichtet werden wird; also können sie auch schlecht um die Ankunft dieses Reiches beten. Es muss reichen, wenn ein bisschen göttliche Weisheit aus den höheren Sphären zu uns in den Alltag hinabsickert.

Auch die Diversität muss natürlich kurz vorkommen: Die Göttin hat nicht nur einen Namen, sondern viele („wir rufen deine Namen an“). Sie ist vielseitig, da ist für alle was dabei.

Insgesamt ist das Gebet vor allem eins: langweilig und harmlos. Das langweilige, harmlose Thesenpapier netter engagierter Pfarrer*innen und Lai*innen, die beim Kirchenkaffee und beim Vortragsabend im Pfarrheim von Machtstrukturen und ihrer Bekämpfung durch Gendersternchen reden, und keine Ahnung haben von wirklicher Schuld, wirklichem Bösen, oder der wirklichen Herrlichkeit des Reiches des wirklichen Gottes, und die es verachten, um das täglich Brot zu bitten, wenn man stattdessen „Lebensunterhalt“ sagen kann.

10 Gedanken zu “Vaterunser auf Feministisch

  1. Wir können zu Gott, kommen wie wir wollen. Was ich lese ist, dass sie glaubt, dass da was ist, was sie aber noch nicht richtig verstanden hat. Jedoch Gott selbst wird auch ihr Gebet richtig deuten und verstehen. Gott ist ja Mutter und Vater, obwohl wir ja Muttererde sagen und himmlischer-Vater. Er der große Geist sieht in die Herzen und wird sich so seine Meinung bilden. Wir selbst sind erstens dafür nicht befugt und können oder sollen darüber auch nicht urteilen. LG

    Liken

    1. Natürlich hat Gott kein Geschlecht wie Menschen, aber es macht viel mehr Sinn, von Ihm als „Er“ und „Vater“ zu sprechen, als „Sie“ und „Mutter“ zu sagen (abgesehen davon, dass Er selber das so aufgetragen hat – das Vaterunser stammt von Jesus selbst). Ein Vater ist vom Kind klar getrennt, wie der Schöpfer von der Schöpfung; wenn von einer Muttergottheit geredet wird, kommen doch immer pantheistische Vorstellungen hinein – die Natur als Gottheit, die aus sich heraus das Leben gebiert. Wie Sie selbst schon sagen: Man denkt bei Muttergottheiten an das pantheistische Konzept „Muttererde“.

      Gott wird die guten und schlechten Motive usw. beurteilen, aber wir können sehr wohl die äußeren Handlungen beurteilen. Bei anderen Dingen, die Sie für eindeutig falsch halten, würden Sie vermutlich auch nicht an jeder Ecke sagen „Wir dürfen nicht urteilen“. Es gibt nun mal einen Unterschied zwischen Person und Handlung.

      Und wir sollten ja schon so zu Gott kommen, wie *Er* es will.

      – LG, Crescentia.

      Liken

    2. „Was ich lese ist, dass sie glaubt, dass da was ist, was sie aber noch nicht richtig verstanden hat.“

      Das wird schon so sein.

      Die Dame hat es halt nicht nötig, aus einer seit zweitausend Jahren währenden intellektuellen Auseinandersetzung mit Gott und der Offenbarung zu schöpfen. Was dabei rauskommt, sieht man ja.

      Liken

  2. Liken, habt Ihr mich damit gemeint. Dass ich das nicht verstanden habe! Zum Glück setze ich mich noch keine 2000 Jahre mit der Offenbarung auseinander. Erst seit einem Jahr. Aber ich weiß, dass bereits was dabei rausgekommen ist. LG

    Liken

    1. Ich denke, Sokleidas hat die gemeint, die diese Vaterunser-Umdichtung geschaffen haben. Jemand, der das Gebet des Herrn (!) für einen öffentlichen Gottesdienst umdichtet (was ja eigentlich sowieso nicht geht), sollte sich ja schon tiefer mit der Offenbarung auseinandergesetzt haben.

      Ansonsten natürlich erstmal Gratulation für Ihre Suche! 😀

      – LG, Crescentia

      Liken

    2. @Julie Ackermann:

      Ich habe in der Tat nicht Sie persönlich gemeint, sondern die Pastorin, die den Text gedichtet hat – genau so, wie es Crescentia eben gesagt hat.

      Es war in keiner Weise meine Absicht, Sie zu beleidigen und bitte Sie um Entschuldigung, wenn das der Fall war! Und Suchende sind wir alle!

      (P.S.: Der Katholik sagt ja nur, dass seit 2000 Jahren so viele Leute über den Glauben nachgedacht haben, die um vieles klüger sind, als ich es je sein könnte. Deswegen schadet es nix, sich auf deren Schultern zu stellen. Kardinal Ratzinger hat mal in einem Interview gesagt, es reiche nicht, „einfach mal so herumzudenken“, sondern man sei an die Tradition gebunden. Aber man muss kein Gelehrter sein, es reicht ja auch einfach, auf die Kirche zu hören. Die Episkopalisten in San Francisco meinen halt, für sie gelte das nicht.)

      Gefällt 1 Person

      1. Gerne in einem beliebigen Kommentarbereich (hier oder bei einem neueren Beitrag), wenn Sie mehr Meinungen haben wollen, oder, wenn Sie es nicht öffentlich machen wollen, mir privat über die „Contact“-Seite schreiben.

        – LG, Crescentia.

        Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.