Wie man Heilige missdeuten kann, oder: Jeanne d’Arc als feministische Endzeit-Terroristin?

(Die hl. Jeanne d’Arc in einer Miniatur aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts; Bildquelle: Wikimedia Commons)

Letztens bin ich auf Youtube auf folgendes Lied gestoßen, das von der hl. Jeanne d’Arc handelt bzw. handeln soll:

 

I am as God made me, I have no desire

For a mouth at my breast, or a pot on the fire

I heed the higher voices, I go where I’m sent

To mow down the men who refuse to repent

I’m a scythe in a field full of briars

 

And they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

They’ll know me as Joan

 

The courage of Catherine, the flames of the forge

The sword of Saint Michael, the blood of Saint George

I take what I’m given, I follow my truth

I gladly abandon the bloom of my youth

I’m the lashing that falls from the scourge

 

And they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

They’ll know me as Joan

 

I fight where God tells me, I never ask why

I’ve bloodied the devil with steel from on high

I kill without consequence, heed no man’s law

I sift out the righteous like grain from the straw

I am judgment and Heaven is nigh

 

And they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

 

They won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

 

No, they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

 

No, they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

 

They won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

They’ll know me as Joan

 

Das ist nicht unsere Heilige, kann ich da nur sagen.

Diese Joan besteht stolz darauf, dass sie nicht als irgendeines Mannes Anhängsel bekannt sein will, sondern für ihre eigenen Taten; nun ist Jeanne d’Arc für ihre eigenen Taten bekannt – wie übrigens unsere heiligen Frauen generell –, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie gerade nicht darauf aus war, sich Ruhm und Anerkennung zu erwerben, als sie ihren Stimmen folgte. Das ist eine Heilige nämlich nicht, und auch kein Heiliger. Sie wollen Gott dienen, sie posaunen nicht überheblich ihre Berufung zu Höherem hinaus. Auch zeigen Heilige für gewöhnlich keine Verachtung für die niederen Aufgaben mit Kindern & Küche, wie hier gleich in der ersten Strophe demonstriert – selbst dann, wenn ihnen speziell diese Aufgaben nicht liegen.

Russische Ikone

Der hl. Benedikt der Mohr konnte offenbar mehr mit der Küche anfangen als „Joan“. Er gab sogar aus Demut den Posten als Novizenmeister wieder auf, auf den ihn seine Mitbrüder gewählt hatten, um dann wieder in der Klosterküche zu arbeiten. (Bildquelle: Ökumenisches Heiligenlexikon.)

Und dann sind da ja noch diese Zeilen, die eher auf Thomas Müntzer oder Jan van Leiden oder Oliver Cromwell passen würden als auf Jeanne d’Arc. (Oder meinetwegen noch auf Arnauld Amaury.)

Datei:Thomas Muentzer.jpg

(Thomas Müntzer (1489-1525), Kupferstich von Christoph van Sichem, 1608)

Nein, die Jungfrau von Orleans war keine verrückte Endzeitprophetin, die sich berufen fühlte, Gottes Gericht an den Sündern zu vollstrecken. Die Engel, die ihr erschienen, beauftragten sie, zu helfen, Frankreich im Hundertjährigen Krieg von den Engländern zu befreien, und mit diesem Anliegen ging sie zu Karl VII. Sie war eine mutige und heilige Kriegerin und französische Patriotin; und sie versuchte nicht, im Widerspruch zum Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Matthäus 13,24-30) die Erde von Sündern zu reinigen („I sift out the righteous like grain from the straw“), weil das Ende der Welt nahe sei („I am judgment and Heaven is nigh“).

(Zeitgenössische Zeichnung von Jeanne d’Arc im Protokoll des Parlaments von Paris, 1429, erstellt von Clement de Fauquembergue; Bildquelle: Wikimedia Commons)

„I kill without consequence, heed no man’s law“? Echt jetzt? Na ja, irgendwie ist es ganz interessant, wie wenig manche Leute auf einmal gegen fanatische Religionskrieger haben, wenn es sich um Frauen handelt.

IS, Terrormiliz, Syrien, Gefährder, Wolfsburg, LKA

(IS-Kämpferinnen; Bildquelle hier.)

Okay, immer trifft das auch nicht zu.

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3 Gedanken zu “Wie man Heilige missdeuten kann, oder: Jeanne d’Arc als feministische Endzeit-Terroristin?

  1. Die Prozessakten und Protokolle sind bekannt, man kann sie sehr wohlfeil als Taschenbuch kaufen. Der Liedtexter hat wirklich gar keine Entschuldigung.

    Am 27. Februar 1431 gab Jeanne zu Protokoll: „Ich hatte eine Fahne, deren Grund von Lilien übersät war; darauf war die Welt dargestellt, und zwei Engel zur Seite; sie war weiß, aus weißer Leinwand. Dar­über waren die Namen Jesus – Maria geschrieben, glaube ich. Sie hatte Seidenfran­sen.
    Meine Fahne war mir viel lieber – hundertmal lieber als das Schwert. Ich trug meine Fahne selbst, wenn ich angriff; ich wollte vermeiden, einen Menschen zu töten. Nie­mals habe ich einen Menschen getötet.“

    Sie war nach Aussage mehrerer Soldaten eine begnadete Strategin, und sie machte den Soldaten Mut – aber obwohl sie gerüstet war, hat ihr Schwert nur einmal benutzt, um eine Prostituierte aus dem Feldlager zu treiben – aber ohne sie zu verletzen, nur indem sie ihr damit drohte. Einmal zog sie einen Offizier von einer Stelle weg, an der wenige Augenblicke später eine Kanonenkugel einschlug. Mehrmals wurde sie verwundet. Zu ihren wenigen überlieferten Handgreiflichkeiten gehört eine Ohrfeige, die ein Schneider kassierte, als er sie beim Anpassen eines Kleides begrabschte. Außerdem sagte Ritter Simon Beaucroix aus: „Während der Kampagne duldete Jeanne nicht, daß ihre Leu­te je ein Dorf plünderten. Sie weigerte sich, Fleisch zu essen, von dem sie wußte, daß es gestohlen sei. Einmal gab ihr ein Schotte zu verstehen, daß sie gestohlenes Kalb­fleisch aß. Das empörte Jeanne derart, daß sie den Schotten beinah erschlug.“ Sie war keusch und duldete keine Sauereien im Heer, aber sie war alles andere als eine Männerfeindin. Jean d’Aulon und La Hire kannten sie als energische und zuweilen polterige, aber auch fürsorgliche Kameradin.

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  2. Immerhin: Unter all dem Schmu, mit dem die Gegenseite so um sich zu werfen pflegt, hebt sich dieser Text wenigstens inhaltsunabhängig durch technisch gekonnte Poesie hervor, die durchaus – wenn es einen an Empörung über die untreue Verwurstung unserer lieben katholischen Heiligen entweder mangelt oder man bereit ist, das mental zu abstrahieren, einen gewissen ästhetischen Genuß bietet.

    Also so ähnlich wie Nietzsche oder Luther; aber die sind natürlich schon noch ein paar Nummern höher.

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