Die „Alleluia Community“ in Augusta, Georgia: Ein bisschen Recherche zu einer ökumenisch-charismatischen Bendikt-Option-Gemeinschaft

Ich habe in meinem Artikel über die Benedikt-Option erwähnt, dass es in dem Buch zwar eher um Familien, Pfarreien, christliche Schulen usw. geht, dass Dreher aber auch ein paar enger gestrickte Laiengemeinschaften würdigt. Der Autor geht auf keine dieser Gemeinschaften näher ein, in  dem Sinne, dass er ihre Struktur genau erklären würde, sondern er baut eher kurze Stellungnahmen von Mitgliedern über ihre positiven Erfahrungen in seinen Text ein. Aber ich  bin neugierig drauf geworden, wie so etwas in der Praxis aussieht, und weil ich zu „Tipi Loschi“, der italienischen Gemeinschaft, die Dreher am ausführlichsten würdigt, hauptsächlich italienischsprachige Internetseiten gefunden habe, habe ich mich entschieden, zu einer anderen im Buch kurz erwähnten Gemeinschaft ein bisschen im Internet zu recherchieren: Der 1973 gegründeten, ökumenischen, charismatisch orientierten „Alleluia Community“ in  Augusta, Georgia. (Jo, „1973“, „ökumenisch“, „charismatisch“ – ich bin schon mal skeptisch…)

Die offizielle Webseite dieser Gemeinschaft unter www.yeslord.com ist gerade nicht erreichbar, leider. Aber immerhin habe ich ein Video auf ihrem Youtube-Kanal gefunden, auf dem die „Alleluia Community“ vorgestellt wird:

Außerdem hat ihre Schule eine Webseite, und auf ein paar Blogs finden sich Aussagen von Mitgliedern und Ex-Mitgliedern. Hier etwa wäre ein Artikel einer Frau, die seit Jahrzehnten Mitglied ist (seit sie 22 ist), und die das Leben dort als ziemlich idyllisch schildert.

Hier mal zunächst, was ich bei einigen Pro-Alleluia-Community-Quellen gefunden habe:

Viele der Mitglieder leben in derselben Nachbarschaft von Augusta, die sie „Faith Village“ nennen. Das, was sie bei ihrem Beitritt suchten, war laut ihren Aussagen vor allem ein bewusstes Leben in christlicher Gemeinschaft, zusammen mit Nachbarn, die sich gegenseitig helfen, die einander ein christliches Leben vorleben, und die einen auch notfalls auf die eigenen Fehler aufmerksam machen. Die  Frau in dem oben verlinkten Blogpost schreibt:

 „Wir tun hier in der Alleluia Community viele gute und nützliche Dinge. Wir bilden Fahrgemeinschaften und treiben zusammen Sport. Wir helfen uns gegenseitig bei Geburten und bringen Essen vorbei, wenn das Baby geboren ist. Wir helfen den Älteren und kümmern uns um die Kranken. Wir betreiben eine Schule! Wir campen zusammen und konsumieren viel zu viel mexikanisches Essen. Gute, gute Sachen. Ich liebe das alles.“ (Übersetzung von mir)

Eltern in dem Video erklären, dass sie es schätzen, dass sie sich keine Sorgen machen müssen, welchen Umgang ihre Kinder haben; die Kinder könnten den ganzen Tag draußen in der Nachbarschaft herumlaufen, seien überall willkommen und könnten in den Gärten mit den Kindern der Nachbarn spielen. Wenn ein größeres Stück Arbeit ansteht, z. B. die Renovierung eines Hauses, organisiert die Gemeinschaft „work parties“, bei denen Mitglieder zusammenkommen und anpacken.

Die Gemeinschaft ist selbst keine Kirche, sondern ist bewusst ökumenisch aufgebaut; man muss einer anderen Kirche angehören, wenn man Mitglied bei der „Alleluia Community“ sein will. Viele Mitglieder sind anscheinend charismatische Katholiken. Zusammen will man dem einen Herrn Christus dienen. In dem Video spricht auch ein katholischer Priester, der hervorhebt, dass die Leute in der Gemeinschaft nicht nur sonntags zur Messe gingen, sondern sich um tägliches Gebet, Bibelstudium usw. bemühten – ein „radikal christliches“ Leben, wie Rod Dreher wohl sagen würde. Zur Arbeit an der eigenen Heiligkeit gehört es für den Priester „[to] never become satisfied and  never become complacent“ (ab ca. 8:46), d. h. sich nie zufrieden zu geben, nie selbstzufrieden und selbstgefällig zu werden – immer weiter zu machen. Das Video zeigt immer wieder Szenen, bei denen sich Leute in einer Halle versammelt haben, wo auf der Gitarre gespielt und gesungen wird, und die Anwesenden im Gebet die Hände in die Luft strecken. Nicht mein Geschmack, was Gebetstreffen angeht, aber wer’s mag.

Aber wie sieht jetzt die konkrete Organisation aus? Welche regelmäßigen Veranstaltungen gibt es, wer führt die  Gemeinschaft, wie sieht es mit den  Finanzen aus, wie gestaltet sich das schulische Leben in der von der Gemeinschaft aufgebauten Schule, welche Verpflichtungen geht man ein, wenn man den „Covenant“ („Bund“, „Vertrag“) unterzeichnet, mit dem man der „Alleluia Community“ beitritt?

Offensichtlich gibt es regelmäßige gemeinsame Gebetsabende (das Elternhandbuch auf der Schulwebseite erwähnt, dass an Freitagen keine Tests geschrieben werden, um es den Kindern zu  ermöglichen, an den Gebetstreffen an den Donnerstagabenden teilzunehmen) und kleinere „support groups“, die sich auch regelmäßig treffen. Das Video bleibt hier sehr vage.

Was die Schule angeht, die versteht sich laut dem „Family Information Handbook“ als Ergänzung zur vorrangigen Erziehungsarbeit der Eltern, die ihnen von Gott aufgetragen sei. Ein zentrales Ziel der Schule sei es, den Kindern das Evangelium zu präsentieren. Nur Kinder aus Mitgliederfamilien werden aufgenommen und auch die Lehrer müssen Mitglieder der Gemeinschaft sein und leisten einen Teil ihrer Arbeit ehrenamtlich; weil die Gemeinschaft nicht genug ausgebildete Lehrer hat, machen oft geeignete Quereinsteiger diesen Job, und deshalb war die Schule zunächst nicht staatlich anerkannt (erlaubt war ihr Betrieb nach den US-Gesetzen trotzdem; das zählte wohl wie Heimunterricht durch die Eltern).  Alle Mitglieder zahlen 6% ihres Bruttoeinkommens an die Gemeinschaft für den Betrieb der Schule (außerdem zahlen sie anscheinend weitere 10% an die Gemeinschaft an sich, den klassischen „Zehnten“, wie ich anderswo gelesen habe). Die Schulfächer sind Ökumenischer Religionsunterricht („Multi-denominational religious instruction“), Einführung in die christliche Philosophie, Mathematik, Naturwissenschaft, Englisch, Sozialkunde, Spanisch, Informatik, Lebenskunde („Life Skills“), Sport, Geschichte und Sitten der Familie („Family History and Mores“) und Gemeinschaftsformierung/Lebenserfahrung („Community Formation / Life Experience“); dazu gibt es noch Wahlfächer. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, was man in „Geschichte und Sitten der Familie“ lernen soll; dieses Fach zählt für den Abschluss übrigens ebenso viel wie Mathe oder Englisch und mehr als der Religionsunterricht oder die christliche Philosophie. Der Sport ist anscheinend ein wichtiger Teil des schulischen Lebens; jedenfalls widmet das Handbuch ihm viele seiner Seiten. Es gibt Schuluniformen, zu denen für Mädchen khakifarbene Röcke ohne Verzierungen zählen, die mindestens bis zum Knie reichen müssen. In dem Video auf Youtube werden auch Schüler interviewt, die erzählen, dass ihnen an der Schule vor allem die kleinen Klassen gefallen, die Tatsache, dass jeder jeden kennt. Auch der Direktor (?) spricht über seine Schule, und er erwähnt (ab ca. 18:14), dass sie eine „dating policy“ hat (d. h. Regeln, was romantische Beziehungen unter den Schülern angeht), die verhindern soll, dass die Jugendlichen sich zu früh in Beziehungen stürzen. Leider wird es nicht detaillierter.

Aber jetzt zu dem „Bund“, den die Mitglieder unterzeichnen. Wie gesagt, die offzielle Webseite erreiche ich nicht, aber ein katholischer Blog, der sich kritisch mit bestimmten Laiengemeinschaften („Covenant communities“) befasst, hat den Text hier online gestellt. Übersetzt lautet er:

„Der Bund der Alleluia Community

 JESUS IST UNSER HERR!

 Der Herr hat uns gerufen, mit Ihm und miteinander einen feierlichen Bund einzugehen, um ein Volk des Lobgesangs zu sein. Wir nehmen die Herrschaft Jesu in unserem Leben an, als Einzelne und als ein Volk. Er hat unsere Isolation zerstört und uns zusammengeführt.

 Wir verpflichten uns vollständig zu unserer Unterordnung unter unsere vorrangigen Bundesverpflichtungen zur Ehe, dem Zölibat und der Kirche [„church“ hier kleingeschrieben, wie es in protestantischen Kreisen üblich ist; d. h. es ist nicht die Kirche gemeint, sondern die jeweilige Gemeinde, der der einzelne angehört], und als Brüder und Schwestern im Herrn vertrauen wir unsere Leben Ihm und einander in Ihm an. Wir versprechen, einander aufzurichten, zu ermahnen, zu warnen und einander zuzuhören; rasch bereit zu sein, zu vergeben und um Vergebung zu bitten; einander zu helfen, Seinen vollkommenen Willen in allen Dingen zu suchen. In Seiner Freude und Seinem Frieden, daher, übergeben wir unsere Leben an Jesus; alles Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige, und wir stimmen zu:

  1. einander als Brüder und Schwestern in Christus zu lieben.
  2. unseren Verpflichtungen zum Gemeinschaftsgebet, zur Gemeinschaftspflege [„fellowship“ meint in vielen Kirchen gesellige Veranstaltungen, z. B. ein gemeinsames Mittagessen nach dem Sonntagsgottesdienst o. Ä.] und zum Dienst [mit „service“ könnte gegenseitiger Dienst im Sinne von Hilfe bei Renovierungsarbeiten, oder aber auch Gottesdienst gemeint sein] nachzukommen, wobei wir immer die Vision und das Wachstum suchen werden, zu dem der Geist uns ruft.
  3. Verantwortung für die Ordnung der Gemeinschaft zu akzeptieren.
  4. das Wachstum der Gemeinschaft zu fördern, indem wir die Verantwortung für ein Programm der christlichen Initiation und Gemeinschaftsbildung annehmen.
  5. die Leitungsgewalt der Koordinatoren anzuerkennen, und stimmen zu, ihnen zu gehorchen, sie zu korrigieren und für sie zu beten.
  6. unsere finanzielle Verantwortung für die Gemeinschaft zu akzeptieren.
  7. angehalten zu werden, diesem Bund zu folgen, und einander dazu anzuhalten.

Wir versprechen, einander zu lieben und einander zur Heiligkeit zu rufen. Wir glauben, dass das der Weg ist, den Gott für unsere Heiligung gewählt hat. Wir bitten Ihn willig, ihn zu benutzen. Wir sehen dies als eine feierliche und ernste Verpflichtung an, die wir mit gutem Gewissen, aus freien Stücken und im Glauben eingehen.“

Dieser Text klingt meiner Ansicht nach… ziemlich vage.

Weder sind die Dienste an der Gemeinschaft genau festgelegt, noch sind die Grenzen des Gehorsams gegenüber den Koordinatoren umschrieben. (Das Wort, das ich hier mit „Leitungsgewalt“ übersetzt habe, lautet übrigens im Original „headship“ und hat besondere biblische Konnotationen: Christus ist „head“, also „Haupt“, der Kirche.) Auch die Aussage, dass der Herr selbst die Leute zu dieser Gemeinschaft geführt habe, klingt… na ja, irreführend. Oder übertrieben, besser gesagt. Nicht immer müssen die eigenen Überlegungen dazu, was das Beste für das persönliche Leben als Christ sein könnte, göttlich inspiriert sein. Woher sind die Unterzeichner sich sicher, dass Gott wirklich von ihnen will, in genau dieser Gemeinschaft zu leben – und nicht auch mit etwas anderem zufrieden sein oder das sogar besser finden könnte? Wie können sie so selbstsicher diese Aussage treffen?

Auf dem oben verlinkten Blog haben Ex-Mitglieder der „Alleluia Community“ kommentiert. „Anonymous“ (der oder die übrigens immer noch ausdrücklich katholisch ist) zitiert aus mehreren Veröffentlichungen der „Alleluia Community“, darunter folgende:

„Von denen, die Alleluia beitreten, wird erwartet, dass sie sich in vorrangiger Weise verpflichten, unsere christlichen Ideale in Gemeinschaft mit denen zu leben, die eine ähnliche Sehnsucht haben und ähnlichen Einsatz zeigen. Das bedeutet, ihre Zeit und ihr Einkommen, ihr ganzes Leben, der Gemeinschaft zu verpflichten, bis zu welchem Maß auch immer es notwendig ist, um ihr [der Gemeinschaft] Leben und ihre Mission zu fördern.“

In einem anderen Kommentar zitiert „Anonymous“ eine „Lebensregel“ der Gemeinschaft von 2008, in der es dann mal konkreter wird. Ich fasse die Punkte mal auf Deutsch zusammen und lasse dabei die langen einleitenden Sätze aus, damit dieser Artikel nicht schon wieder so überlang wird:

  1. Jedes Mitglied wird jeden Tag eine Gebetszeit einhalten.
  2. Jede Familie wird jeden Tag zusammen beten.
  3. Man wird verlässlich und pünktlich zu den Treffen der Gemeinschaft oder von Untergruppen der Gemeinschaft erscheinen, wenn einem diese Verpflichtung nicht erlassen wurde.
  4. Jedes Mitglied wird sich bei einem Gemeinschaftsdienstteam oder bei einer Evangelisationsaktion oder einem anderen Dienst an der Gemeinschaft beteiligen.
  5. Jedes Mitglied wird ein Programm geistlicher Studien und Schriftlesung einhalten.
  6. Jedes Mitglied wird in seinem Leben Raum schaffen, um auch außerhalb der festgelegten Zeiten Zeit mit anderen Mitgliedern zu verbringen, und, wenn möglich, in ihrer Nähe leben.
  7. Jedes Mitglied wird Gelegenheiten suchen, durch christliche Gastfreundschaft, Evangelisation und gute Werke anderen Jesus und das gemeinschaftliche Leben in ihm zu zeigen.
  8. Jedes Mitglied wird sich treu an eine „headship relationship of care and accountability“ halten. [D. h. jeder soll jemand über ihm als geistlichen Leiter oder so etwas haben. Anscheinend gehört das zu dem System mit den „support groups“.]
  9. Jedes Mitglied mit Kindern wird seine Kinder zur Beteiligung am Gemeinschaftsleben führen und sie als fromme Söhne und Töchter erziehen.
  10. Jedes Mitglied wird wöchentlich fasten.
  11. Jedes Mitglied wird danach streben, Christus in jedem Gedanken ähnlich zu werden, so dass wir alle die Freude und den Frieden ausstrahlen, Gottes Volk zu sein.
  12. Jedes Mitglied wird nach Heiligkeit streben und die höchsten Standards von Moral und kulturellem Ausdruck erstreben. Kultureller Ausdruck schließt solche Dinge wie Mediennutzung, Sittsamkeit, Mode, Sitten bei „dating and courtship“ etc. ein. [„Dating and courtship“ lässt sich schwierig übersetzen, weil diese Schlagworte im US-amerikanischen Kontext eine ganz bestimmte Bedeutung haben. Viele konservative amerikanische Christen sehen klassische „Dating“-Beziehungen wegen ihrer Unverbindlichkeit und weil sie oft jahrelang nicht zu einer Ehe führen würden, kritisch, und meinen, es brauche statt „dating“ „courtship“, d. h. wenn ein Mann einer Frau „den Hof macht“ – er hat die Initiative zu ergreifen, und bei den konservativeren Leuten, die dieser Ansicht folgen, soll er auch noch zuerst das Einverständnis ihrer Eltern einholen („parent-led courtship“) – muss das Ganze „intentional“ sein, d. h. es muss von Anfang an klar sein, dass es darum geht, zu prüfen, ob der andere ein passender Ehepartner ist, und wenn es absehbar ist, dass die Beziehung nicht zu einer Ehe führen wird, gibt man sie wieder auf; es soll nicht darum gehen, sich einfach zum Spaß zu treffen.]
  13. Jedes Mitglied wird das Alleluia-Bildungsprogramm absolvieren, ihm zustimmen, es regelmäßig erneut durchsehen und seine Lehren ausleben.
  14. Jedes Mitglied wird treu an der Alleluia-Gebetswache teilnehmen.
  15. Jedes Mitglied wird ein monatliches Budget vorbereiten und seine Zeit einplanen, um für seine Familie zu sorgen, innerhalb seines Einkommens zu leben, und ein Leben christlicher Einfachheit zu leben.
  16. Jedes Mitglied wird sich an die gegenwärtigen finanziellen Bestimmungen der Gemeinschaft halten.
  17. Jedes Mitglied wird in einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus sein, und erfüllt mit und offen für die Gaben des Heiligen Geistes.
  18. Jedes Mitglied wird treu darauf sehen, im Einklang mit seiner Konfession zu sein und wird die Unterschiede in anderen Konfessionen respektieren, während es ein Leben zu leben sucht, das auf allem basiert, was gut und wahr ist.
  19. Jedes Mitglied wird den Beginn und das Ende des Tages des Herrn anerkennen und wird Geschäftstätigkeit und Reisen, die nicht einem geistlichen Zweck oder der Erholung dienen, auf ein Minimum begrenzen.
  20. Jedes Mitglied stimmt zu, Lästereien, üble Nachrede, Entzweiung oder den Geist der Parteiungen zu vermeiden und die Prinzipien und Methoden von Matthäus 18,15-17.65 auszuleben.
  21. Jedes Mitglied wird danach streben, andere mit der Sprache und mit äußeren Zeichen der Liebe, der Achtung und des Respekts zu ehren.
  22. Jedes Mitglied wird nach den Übereinkünften der Gemeinschaftsleitung leben und sie sich zu eigen machen. Jedes Mitglied wird der zuständigen Autorität Korrekturen und Verbesserungsvorschläge vorbringen und für die Leiter der Gemeinschaft beten.
  23. Jedes Mitglied wird treu nach den biblischen Modellen der Rollen von Männern, Frauen, Kindern und der Familie leben. [Hier fände ich es wieder interessant, Genaueres zu fahren. Es gibt nämlich protestantische Kreise in den USA, für die „biblical role models“ grundsätzliche Unterordnung und Gehorsam der Frau gegenüber dem Mann – außer vielleicht, er würde Sünde befehlen – bedeutet, und evtl. auch, dass Frauen unter keinen Umständen außer Haus arbeiten dürften. Es gibt auch Protestanten, für die es zum biblischen Familienmodell gehört, dass Eltern bei Hochzeitsplänen ihrer Kinder ihre Zustimmung erteilen müssen, was ganz eindeutig unkatholisch ist. Aber, wie gesagt, nicht jeder versteht unter den „biblical role models“ dasselbe…]
  24. Jedes Mitglied wird gegen den Teufel, sein eigenes Fleisch und die Irrtümer einer weltlichen Weisheit, die Christus leugnet, kämpfen, und wird den Dienst in Bereichen suchen, die seine Fähigkeit behindern, ein heiliges Leben oder unser gemeinsames Leben zu leben.
  25. Jedes Mitglied wird die Mitteilungen der Gemeinschaft (wie: Konsultationen, „the Dove“, Gebetsketten, Worte, Memos, etc.) lesen und auf passende Weise auf sie antworten.
  26. Jede Frau wird eine Beziehung der Unterstützung mit einer Älteren Frau suchen. [Ja, „Older Woman“ ist hier großgeschrieben. Ich erkenne den Einfluss von Titus 2,3-5 – eine beliebte Stelle in der protestantischen Frauenseelsorge.]
  27. Jeder, der eine Mitgliedschaft anstrebt [„Underway member“] stimmt zu, nach unserem Bund zu leben, indem er unsere Lebensregel annimmt und auslebt.
  28. Jedes Mitglied stimmt zu, dass dies der Weg ist, den Gott für seine Heiligung ausgewählt hat, und dass es diesen Weg guten Gewissens, aus freiem Willen und im Glauben gewählt hat, und stimmt des weiteren zu, zu den höchsten Standards des gemeinschaftlichen Lebens angehalten zu werden.

Puh.

Das Seltsame an dieser Lebensregel ist, wie ich finde, dass sie immer wieder ganz unkonkrete Dinge befiehlt, die man nicht wirklich überprüfen kann – alle Mitglieder sollen Freude zeigen, eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus haben und von den Gaben des Heiligen Geistes erfüllt sein (als ob man die einfach so herbeizitieren könnte). Ein Leiter kann objektiv überprüfen, ob jemand seine Mitgliedsbeiträge bezahlt hat – aber ob jemand ausreichend von Freude erfüllt ist? Und dann wird wieder darauf bestanden, dass genau diese Gruppe Gottes Weg für das Leben der Mitglieder ist – mit anderen Worten, es wird unterstellt, dass sie zwangsläufig sündigen würden, wenn sie wieder austreten würden.

Jetzt von den Quellen aus der Gemeinschaft zur Kritik mancher Ex-Mitglieder, die ja auch in den Kommentaren auf diesem Blog geäußert wird:

„Anonymous“ kritisiert die Vagheit der Gehorsamsverpflichtung, den Druck und Gruppenzwang, der in der Gemeinschaft geherrscht habe, und dass zu hohen Spenden an die Gemeinschaft ermutigt worden sei, und erzählt des weiteren:

  • dass junge Singles, die der Gemeinschaft beitraten, dazu ermutigt wurden, bei einer Familie zu leben und ihre eigene Haushaltseinrichtung an andere Mitglieder abzugeben, und dann später, wenn sie einen eigenen Haushalt gründeten, oft ohne Habseligkeiten dastanden, weil sie dann auch nichts von der Gemeinschaft zurückbekamen;
  • dass die Männer einander bei ihren regelmäßigen Treffen auch ihre Familienbudgets für den nächsten Monat präsentierten und da natürlich ein gewisser Druck vorhanden war, wofür man Geld ausgeben oder nicht ausgeben durfte;
  • dass, wenn von der Gemeinschaft dazu „ermutigt“ wurde, sich an bestimmten politischen Events in der Gegend zu beteiligen, es ganz klar erwartet wurde, dass jeder auftauchte, ob es ihm nun gerade passte oder nicht;
  • dass viele Eltern, wenn ihre Kinder psychisch/soziale/gesundheitliche Probleme hatten, es vorzogen, sich zu einem Beratungsgespräch mit jemandem aus der Gemeinschaft zu treffen, statt mit ausgebildeten Psychologen oder Ärzten, da sie jedes Problem für ein geistliches Problem hielten;
  • dass die Gemeinschaft häufig „Befreiungsgebete“ durchführte, um ihre Mitglieder von dämonischen Einflüssen zu befreien (was in der katholischen Kirche Laien nicht erlaubt ist!).

(Ein anderes ehemaliges Mitglied der „Alleluia Community“ („flobi“) beantwortet übrigens die Frage eines anderen Kommentators nach der „dating policy“: Die Gemeinschaft verbietet romantische Paarbeziehungen, bis die Kinder aus der Schule sind. Interessant.)

Auf demselben Blog befasst sich auch noch ein etwas älterer Artikel mit der „Alleluia Community“. Die Verfasserin ist mit einer Familie bekannt, die aus beruflichen Gründen die Gemeinschaft verlassen hat, und, obwohl sie jetzt anderswo wohnt, offiziell noch dort Mitglied ist. Sie schreibt u. a.:

„Das Gedankengut dieser Gemeinschaft durchdringt ihr Denken und ihre Sprache immer noch. Eine gemeinsame Freundin, die mit dem Vater im Katechumenatsprogramm arbeitet, rief mich an, um eine Aussage des Vaters ihr gegenüber zu verstehen, als sie ihn nach seiner Meinung zu einem theologischen Aspekt des Katechumenatskurses fragte, den sie abhielten. Er sagte, dass er ihr nicht antworten könnte, weil er sich nicht in ihre geistliche Beziehung mit ihrem Ehemann einmischen wollte. Ich konnte diese Aussage zuerst nicht verstehen, aber dann dämmerte es mir, dass er dachte, dass sie und ihr Ehemann eine Beziehung der geistlichen Leitung [„headship relationship“] hatten (oder haben sollten) und dass ihr Ehemann ihr EINZIGER geistlicher Begleiter war und niemand das ersetzen oder darauf aufbauen konnte. Das passierte erst vor ein paar Monaten, zwei Jahre nach ihrem Umzug hierher.“ Mit anderen Worten, diese Leute halten eine blödsinnige, in manchen protestantischen Kreisen verbreitete Auslegung von 1 Kor 14,34f. für normativ für alle Katholiken.

„Anonymous“ hat auch hier kommentiert und erwähnt u. a.:

  • Die Gemeinschaft veröffentliche nicht, wie andere „non-profit“-Organisationen, ihre jährlichen Finanzen und lasse sie die Mitglieder auch nicht auf Anfrage einsehen („Anonymous“ sei mit der Aussage abgewimmelt worden, dass das alles zu schwer verständlich sei).
  • Jeder sei dazu angehalten gewesen, alles Mögliche den Leitern zu melden, was sie brauchen könnten, um ihre Aufgabe zu erledigen, also herrschte keine Atmosphäre des Vertrauens unter den Mitgliedern, da ja alles und jedes weitergesagt werden könnte.
  • Andererseits sollte man auch seinem „head“ (geistlichen Leiter) alles erzählen, was einen bewegte; sonst gelte man nicht als gutes Mitglied.
  • Die Gemeinschaft habe sich sehr stark an „Prophezeiungen“ gehalten, die die Leute z. B. in den Gebetsgruppen „erhielten“, und in denen es zum Beispiel darum ging, wie lange der einzelne jeden Tag beten sollte; „Anonymous“ hält diese Prophezeiungen nicht für authentisch, sondern für vom Unterbewusstsein hervorgerufen.
  • Während der Bischof klargestellt habe, dass der „Bund“ der Gemeinschaft keine solche Verpflichtung wie die Ehe sei, sondern ein einfaches Versprechen (an das man sich nicht unter allen möglichen zukünftigen Umständen halten muss), habe die Gemeinschaft den Bund als etwas absolut Bindendes wie den Ehebund hingestellt.

Ein anderer Kommentator („Brainwashed“), der ebenfalls früher zu der Gemeinschaft gehörte, erzählt, dass er sich an ein Treffen zwischen dem Bischof von Savannah und der Gemeinschaft erinnere, bei dem der Bischof gesagt habe, dass die „Befreiungsgebete“ durch Laien aufhören müssten. Zudem hätte er seine Bedenken wegen der „headship“-Beziehungen, d. h. der geistlichen Leitung durch Laien, ausgedrückt. „Brainwashed“ möchte die Gemeinschaft nicht eine Sekte nennen, weil es sich nicht mit anderen Sekten vergleichen ließe, aber es gäbe gewisse Ähnlichkeiten.

Ein anderer Artikel auf einem christlichen Blog ist vielleicht auch noch interessant. Der Autor erzählt, wie er zusammen mit seiner Frau in den 80ern zur „Alleluia Community“ gefunden hat. Er berichtet über seinen anfänglichen Kontakt mit der Gemeinschaft:

„Während wir bei unserem [ersten] Besuch an diesem Tag am Gemeinschaftsleben teilnahmen, trafen wir uns zweimal mit Dale, dem Mann, der das Mittagsgebet geleitet hatte, und der auch ein Gemeindegründer und -ältester war. Dale war anders als jeder, den wir jemals getroffen hatten; er war bekannt für seine geistliche Einfühlsamkeit und sein geistliches Unterscheidungsvermögen und dafür, bewusst sehr wenig zu sagen. Er kam auf den Punkt und ermutigte uns nicht wirklich, Alleluia wieder zu besuchen, wenn wir nicht ‚berufen’ wären.

 Wir versuchten, Dale über die Sendung der Gemeinschaft auszufragen. Was war es? Was war ihre Aufgabe? Er antwortete immer nur: ‚Ein Volk zu sein’. Die Gemeinschaft strebte danach, dass jeder, für den sie sorgte, im Heiligen Geist getauft wurde, und hart daran zu arbeiten, ‚ein Volk zu sein’, was für sie hieß, zusammen wie eine christliche Familie zu leben.“

Es kommt mir seltsam vor, wenn jemand nicht für genauere Erklärungen zu seiner Organisation zu haben ist.

Der Autor hatte wegen der damals in den frühen 80ern anscheinend ziemlich heruntergekommenen Nachbarschaft Bedenken; aber später kam er mit seiner Familie doch wieder mehrere Male zu Besuch:

„Diese Wochenenden waren für uns alle gerammelt voll. Wir wurden bei verschiedenen Familien untergebracht, um in ihren Häusern zu übernachten und mit ihnen Gemeinschaft zu erfahren. […] Mehrere Male hatten wir unsere Gastgeber nicht getroffen, bevor wir ihr Zuhause erreichten. […] Wir wurden immer mit größer Wärme und Akzeptanz behandelt. Ihre Kinder nannten uns immer Tante Nancy, Onkel Gary und ‚Franma’. Ihre Liebe zu Jesus zeigte sich in ihrem Umgang mit uns.“

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Mir kommt eine Gemeinschaft, in der es von der christlichen Nächstenliebe der Mitglieder erwartet wird, jederzeit völlig Fremde zu beherbergen, eher suspekt und übergriffig vor.

Über das Gemeinschaftsleben heißt es weiter:

„Alleluia hielt am Samstagmorgen Kurse für die neueren Leute ab, eine ‚work party’ am Nachmittag, und ein Herrentagsmahl am Samstagabend. Die Sonntage waren voll: Frühstück, dann Gemeindegottesdienste, Brunch, und das wöchentliche Gemeinschaftstreffen am Sonntagnachmittag. Am Ende des Treffens legten uns Gemeinschaftsmitglieder die Hände auf, beteten für unsere Heimreise, und sagten uns, dass es ihnen leid täte, dass wir nicht bleiben und ‚Gemeinschaft erleben’ konnten.“

Schließlich waren er und seine Frau so beeindruckt davon, wie radikal christlich diese Leute lebten, dass sie der „Alleluia Community“ beitraten:

„Nancy und ich waren es beide müde, von Gläubigen enttäuscht zu werden, die eifrig ein Stück des Weges gehen würden, und dann nicht weiter. Es war offensichtlich anhand der kostspieligen Umzüge, die viele Mitglieder unternommen hatten, um zu Alleluia zu kommen – sie hatten ihr Zuhause, Familien, Freundschaften, Jobs und sogar Karrieren hinter sich gelassen –, dass sie die Kosten nicht aufrechneten. Sie hatten ihre wertvolle Perle gefunden und auf den Ruf zu diesem neuen Leben geantwortet, wobei sie nicht gewusst hatten, was es mit sich bringen möchte. Viele von ihnen waren ehemalige Leiter von Gebetsgruppen in ihren Kirchen, aber hatten das bereitwillig wegen dieser höheren Berufung hinter sich gelassen, und am untersten Level in der Gemeinschaft einen neuen Anfang gemacht, in Übereinstimmung mit Gottes Plan für ihr Leben. Nancy und ich wollten unter Gläubigen mit diesem Level an Einsatz leben.“

Das, muss ich sagen, klingt nun problematischer als der ganze Rest von oben. Es scheint in den offiziellen Aussagen der Gemeinschaft oder auch bei dem Priester in dem Video immer wieder durch, aber hier kommt es klar zum Ausdruck: Die „normalen“ Christen, die nicht in ähnlichen Gemeinschaften leben, hält man eigentlich für gar keine richtigen Christen. Sie setzen sich nicht so ein, wie sie es könnten; die „Alleluia“-Christen tun das schon. Mit anderen Worten: Die „Alleluia Community“ fällt in die „Aber ich könnte ja noch mehr tun“-Falle.

Was soll man jetzt abschließend zu dieser Gemeinschaft sagen? Wie eine entsetzliche Sekte klingt sie nicht unbedingt – aber auch eindeutig nicht wie eine Gemeinschaft, in der ich leben möchte. Da muss ich mir eigentlich nicht mal die Kritik anschauen; da reichen schon die offiziellen Regeln und die positiven Erfahrungsberichte. Für mich persönlich würden die Nachteile auf jeden Fall die Vorteile überwiegen; und ich habe auch allgemein gewisse Vorbehalte gegenüber solchen Gemeinschaften. Ein Orden funktioniert in der Regel ganz gut, weil dort ungebundene Einzelpersonen eintreten; eine Familie jedoch ist schon in sich eine Gemeinschaft, da gibt es gegenseitige Verpflichtungen und dann noch die jeweiligen weltlichen Pflichten der Einzelnen, und wenn dann noch umfassende Pflichten gegenüber einer größeren Gemeinschaft hinzukommen, kann es schwierig werden. Gerade dann, wenn zum Beispiel ein Kind ein zeitintensives Hobby außerhalb der Gemeinschaft haben möchte, oder ein anderes einfach introvertiert ist und unter Stress steht, wenn ständig Gemeinschaftsveranstaltungen stattfinden oder man nie seine Ruhe vor den Nachbarn hat…

Außerdem kommt mir die „Alleluia Community“ auch ein bisschen zu… na ja, zu ökumenisch, vor. Nichts gegen ökumenische Organisationen an sich. Aber ich habe den Verdacht, dass eine solche enge Gemeinschaft, auch wenn sie in der Theorie die Kirchengemeinden der Mitglieder als vorrangig bezeichnet, diese Kirchengemeinden in der Praxis ersetzen könnte. Wenn sich ein großer Teil der täglichen Interaktionen und des religiösen Lebens innerhalb der Gemeinschaft abspielen, gerät dann nicht die eigentliche Kirche in den Hintergrund? Besteht nicht die Gefahr, dass die Mitglieder die „Alleluia Community“ für die eigentlich wichtige Gemeinschaft halten und die katholische Kirche (oder ihre eigenen protestantischen Kirchen) für zweitrangig, oder vielleicht sogar für defizitär, weil sie die Konfessionen nicht so verbinde?

Und dann ist da noch das ganze charismatische Zeug, bei dem ich immer Bedenken wegen der Authentizität hätte. Geisttaufe. Routinemäßige „Prophezeiungen“. Und, schlimmer, „Befreiungsgebete“.

Und wenn jemand noch zweifelt: KHAKIFARBENE RÖCKE. Die armen Mädchen, die in der „Alleluia Community“ aufwachsen, müssen zwölf Jahre ihres Lebens an jedem Wochentag khakifarbene Röcke tragen. Nonnengewänder sind wenigstens weiß oder schwarz oder blau.

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2 Gedanken zu “Die „Alleluia Community“ in Augusta, Georgia: Ein bisschen Recherche zu einer ökumenisch-charismatischen Bendikt-Option-Gemeinschaft

  1. Jo, „1973“, „ökumenisch“, „charismatisch“ – ich bin schon mal skeptisch.

    Precisely my thoughts. Danke schonmal für die Recherche!

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