Ein nicht ganz realitätsferner Kommentarbereich, irgendwo im Internet

(Heute mal bloß eine kleine Spielerei.)

 

Vor gar nicht allzu langer Zeit, in einem unbekannten Sozialen Medium…

 

Katholischer Literaturblog hat gepostet:

Hallo alle miteinander! Heute etwas für alle Eltern mit Kindern im Grundschulalter: Erinnert ihr euch noch, wie begeistert ihr in eurer eigenen Kindheit „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ oder „Jim Knopf und die Wilde 13“ gelesen habt? Lasst uns die Kinderbuchklassiker wiederentdecken! Nicht nur Michael Ende, sondern auch Otfried Preußler oder Paul Maar haben viel Spaß & Spannung zu bieten… (click to read more)

Ottomar St. Michael hilf uns hat kommentiert:

„Jim Knopf“ auf einem KATHOLISCHEN Blog????? Dieses Buch dient in WAHRHEIT der satanischen Unterminierung unseres Glauben!!!! Scheinbar eine Marginalie: Gleich am Anfang des 1. Bands warnt König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte vor „Überbevölkerung“ – „‚Unser Land leidet jetzt einfach an Überbevölkerung. Fast alle Länder der Welt leiden daran, aber Lummerland besonders. Ich mache mir schreckliche Sorgen.“ Wegen dieser sog. „ÜBERBEVÖLKERUNG“ verlassen Jim, Lukas und Emma überhaupt erst Lummerland!! Und dann kommen sie nach Mandala (=China) und Jim denkt sich: „Aber er wollte doch lieber dahin, wo etwas weniger Leute waren, Leute, die man auseinanderhalten konnte.“ ES WIRD KLAR: Auf subtile Weise soll hier Kindern eingehämmert werden dass ÜBERBEVÖLKERUNG eine drohende GEfahr ist damit sie der satanischen BEVÖLKERUNGSKONTROLLE durch die UN keinen WIderstand entgegensetzen und der NEUEN WELTORDNUNG nichts mehr im WEg steht!!!!!111 Das ist GEHIRNWÄSCHE!!!1 Wetten dass Michael Ende die Ein-Kind-Politik von China unterstützt hat??? Und wer will wissen wie viel Geld er von SOROS für dieses Buch bekommen hat???? Wir müssen zum HEILIGEN ERZENGEL MICHAEL beten und zu UNSERER LIEBEN FRAU VON FATIMA!!!!!!!! httpp://www.gebete-gegen-die-nwo.blogspot.com

    Anneliese Müller hat kommentiert:

Ich LIEBE Jim Knopf! Ich habe es in der Augsburger Puppenkiste gesehen! Und die Unendliche Geschichte habe ich damals im Kino gesehen! Tolle Erinnerungen!!! 😀 😀 #Kindheit #Kindheitserinnerungen #Kinderbuchklassiker #Augsburger Puppenkiste #Jim Knopf #UnendlicheGeschichte #MichaelEnde #Kinderbücher #Puppentheater #Kino #Erinnerungen #Literatur #ChristlicherLiteraturblog #Lieblingsbücher #Schönwars #Bücher #Filme #SchöneJugendzeit

    Gisela Sefferputt hat kommentiert:

Jim Knopf mag ja eine nette Geschichte sein. ABer sollten wir nicht die Auswirkungen auf unsere Kinder bedenken wenn wir ihnen so was vorlesen??? Gibt es da nicht rassistische Stellen z B das Jim mit dem N-Wort bezeichnet wird????

Stefanie Ditthart-Schnallenhauser hat auf diesen Kommentar geantwortet:

Hallo liebe Frau Sefferputt, ich glaube nicht, dass Rassismus gg. Afro-Stämmigen ein zentrales Problem in „Jim Knopf“ ist. Es gibt Ausgaben, in denen die Sprache an den ein oder zwei problematischen Stellen der heutigen Zeit angepasst wurde, und selbstverständlich würde ich meinen Kindern eine solche Ausgabe kaufen, wenn ich vorhätte, es ihnen vorzulesen. Aber zum Zeitpunkt des Erscheinens war Endes Sprache nicht unbedingt rassistisch; für seine Zeit war der Autor sogar eher fortschrittlich bei der Wahl eines afro-stämmigen Protagonisten und einer asiatischen Protagonistin. (Sicherlich könnte man aber die unzähligen Klischees kritisieren, in die er bei der Beschreibung der „Mandalanier“ verfällt!!!) Was ich allerdings WIRKLICH problematisch finde, ist die Beschreibung der WEIBLICHEN FIGUREN. Mädchen brauchen Vorbilder, die NICHT dem klassischen Heimchen am Herd oder der schutzbedürftigen Jungfrau in Nöten entsprechen. Aber was präsentiert „Jim Knopf“ uns? Frau Waas spielt nur die Rolle des besorgten Hausmütterchens, backt und näht und stellt Erdbeereis her. Und dann ist da Prinzessin Li Si, die eigentlich nichts Handlungsentscheidendes TUT. Im ersten Band muss sie einfach vor Frau Mahlzahn gerettet werden. Im zweiten Band wird ihr verboten, auf die Suche nach der Wilden 13 mitzukommen – Jim bezeichnet das Ganze als „Männersache“ und Lukas sagt: „Für kleine zarte Mädchen (sic!!!) ist ein Kampf mit Seeräubern bestimmt nicht das Geeignete.“ Und nachdem Li Si sich doch heimlich aufs Schiff geschlichen hat, bekommt sie Angst und ist von dem „Abenteuer“ überfordert – mit anderen Worten, die Männer haben Recht behalten. Mansplaining much??? Zwar wird Li Si immerhin als besonders klug dargestellt, aber sogar da sagt sie gegen Ende des 1. Bandes zu Jim, als sie sich von ihm wünscht, dass er Lesen und Schreiben lernt: „also, ich möchte eben, dass mein Bräutigam nicht nur mutiger ist als ich, er soll auch viel klüger sein, damit ich ihn bewundern kann“. Was ist das für eine Sicht auf Beziehungen?? A propos „Bräutigam“. Ende hat nicht einmal auf die Storyline „Der Fürst gibt seine Tochter demjenigen zur Frau, der sie vor dem Drachen rettet“ verzichtet!!!! Ich könnte kotzen bei so was!!! Wie soll ich meinen zwei Töchtern IRGENDWAS über gesunde Beziehungen, informed consent usw beibringen, wenn sie solche Geschichten hören? Meine ältere Tochter hat mich vor ein paar Tagen schon gefragt, ob sie die neue Verfilmung sehen darf, wenn die auf DVD raus kommt! Deswegen habe ich auch meine Buchausgabe wieder herausgekramt und mir das Ganze noch mal durchgelesen. Also, jetzt steht für mich fest, ich werde ihr den Film NICHT kaufen! Solches Zeug wird heute wieder „recycelt“ – haben wir nicht bessere Geschichten, die man verfilmen könnte???

Gisela Sefferputt hat auf diesen Kommentar geantwortet:

Hallo Frau Ditthart-Schnallenhauser also ICH würde meinem Enkelkind grundsätzlich NIE ein Buch vorlesen wo ein Junge als „N****baby“ oder so was bezeichnet wird! Dabei bleibe ich auch!!

Melanie Heller-Danninger hat auf diesen Kommentar geantwortet:

Liebe Stefanie, ich sehe das genau so wie du! Toller Kommentar! Die Gender-Aspekte bei dem Buch sind wirklich schlimm. Was noch dazu kommt: Auch mit der Toleranz, die es angeblich Kindern beibringen soll, ist es nicht so weit her. Die Drachen (klassische Repräsentation des Fremden, (scheinbar) Bedrohlichen) müssen besiegt werden und sich völlig verwandeln, und der Halbdrache muss auch seine Drachenartigkeit (also einen Teil seines WESENS) ablegen, bevor er von den Hauptfiguren akzeptiert wird. Mich wundert es gar nicht, dass ein fundamentalistisch-katholischer Blog diese Bücher empfiehlt – fühlt sich hier irgendwer an die Sicht der Amtskirche auf LGBTQ-Personen erinnert??? „Wir lieben dich ja, aber dass du lesbisch oder queer oder non-binary bist, DAS können wir nicht akzeptieren“ Dasselbe verlogene Konzept!! Sogar der Scheinriese Herr Tur Tur wird nur toleriert, weil er eben nur ein SCHEINriese ist, sprich, er wird akzeptiert, weil er eigentlich genauso ist wie die anderen Figuren und nur auf den ersten Blick anders wirkt – ohne dass IRGENDWO erklärt wird, wieso richtige Riesen böse sein sollten!!

Stefanie Ditthart-Schnallenhauser hat auf diesen Kommentar geantwortet:

Hallo Melanie, das wäre mir noch gar nicht aufgefallen! Gut beobachtet!

Gabriele von Kärten hat kommentiert:

Wieso wird auf diesem „katholischen“ Blog ständig sog. „Fantasy“ empfohlen?? Kindern sollte man REALISTISChE Geschichten zu lesen geben und nicht solches Zeug mit „Halbdrachen“ und fliegenden Lokomotiven!!

Katholischer Literaturblog hat kommentiert:

Die Kommentare sind ab jetzt geschlossen.

2 Gedanken zu “Ein nicht ganz realitätsferner Kommentarbereich, irgendwo im Internet

  1. Sehr treffend; dankeschön!

    Und bestätigt mich natürlich in meiner Einschätzung, was für ein wunderbares und, ob bewußt oder nicht, katholisches Buch Jim Knopf doch ist. Gerade wegen dem, was Frau Ditthart-Schnallenhauser kritisiert 🙂

    – Es wird übrigens hüben wie drüben etwas übersehen – auch von mir, bis ich es irgendwo gelesen habe – daß weder Michael Ende noch sein (vom Autor ja auch schon zu unterscheidender) Erzähler Jim einen kleinen Negerjungen nennen, sondern ausschließlich Herr Ärmel. Und unabhängig davon, ob das jetzt richtig war *von Herrn Ärmel* oder nicht und ob sich das geändert hat oder nicht, war es jedenfalls richtig von Michael Ende und würde es auf alle Fälle auch heute noch sein, es *Herrn Ärmel in den Mund zu legen*: der Typus, den Herr Ärmel offensichtlich darstellen soll, nämlich der gebildete Gentleman (etwa des ausgehenden 19. Jahrhunderts) *würde* nämlich offensichtlich (auch durchaus in freundlicher Absicht, die die *Objekte* der völkerkundlichen Konversationslexika freilich *durchaus* als herablassend wahrnehmen können) von Negern sprechen. Sich darüber als Autor hinwegzusetzen, wäre eine Qualitätseinbuße.

    Kommentieren würde ich:

    @Ottmar St. Michael hilf uns: Auch wenn ich den Rest Ihres Kommentars gern nicht weiter kommentiere, möchte ich außer der allfälligen Bemerkung, daß Großbuchstaben und Ausrufezeichen KEIN ARGUMENT SIND!!, noch feststellen: wer das Augenzwinkern bei Endes „viele Staaten haben jetzt ein solches Problem, und nun ist es also auch bei uns: die Überbevölkerung“ nicht hören kann, ist selbst schuld. Ebenso, wer nicht sieht, daß das Buch für dieses „Problem“ eine sehr katholische *Lösung* bietet: ein Wunder, eine schwimmende Insel, das Auftauchen von Atlantis etc. (In praktische Politik umgesetzt könnte man etwa auch an die holländischen Meerverlandungsprojekte denken.)

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, genau, es ist ein tolles Buch! 🙂

      Eigentlich wollte ich Frau Ditthart-Schnallenhauser oder Frau Heller-Danninger auch noch zusätzlich das Argument in den Mund legen, dass es „undemokratische Regierungsformen verharmlose und idealisiere“, aber das habe ich dann vergessen 😉

      – Crescentia.

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