Schwere Sünde, lässliche Sünde?

 (Nur ein paar Überlegungen, die vielleicht ein wenig ziellos und unstrukturiert sind. Ich denke in diesem Artikel eher laut nach und würde mich über Ergänzungen und Korrekturen freuen.)

Die katholische Lehre von den schweren und den lässlichen Sünden ist einerseits recht klar. Klar ist das Prinzip: Schwere Sünden, auch Todsünden genannt, zerstören die Beziehung zu Gott, lässliche belasten sie nur – wie man es auch aus menschlichen Beziehungen kennt. Die schwere Sünde ist wie eine tödliche Krankheit, die lässliche wie eine nicht tödliche, die der Körper (oder in diesem Fall die Seele) selbst bekämpfen kann. Für eine schwere Sünde müssen drei Kriterien erfüllt sein: schwerwiegende Materie (die Tat oder Unterlassung ist an sich schlecht genug, um die Gottesbeziehung zu zerstören), klares Wissen um die Schwere der Sünde (schuldhaftes Nicht-Wissen-Wollen mindert die Schuldfähigkeit allerdings nicht; nicht schuldhafter oder nur gering schuldhafter Irrtum schon) und freier Wille (der Wille kann z. B. durch eine Sucht, eine psychische Krankheit, Druck, Nötigung oder Zwang von außen beeinträchtigt sein). Wenn eins dieser Kriterien nicht erfüllt ist, ist die Sünde nur lässlich. Gebeichtet werden müssen von Katholiken nur schwere Sünden; wenn man sich nicht sicher ist, ob eine Sünde schwer war, muss man sie nicht als schwere zählen. Die Beichte der lässlichen Sünden ist freiwillig, wird aber empfohlen; das bedeutet auch, man muss vor der Beichte nicht versuchen, sich krampfhaft an ausnahmslos alle seit der letzten Beichte begangenen lässlichen Sünden zu erinnern.

Andererseits aber ist es nicht immer so klar, was „schwerwiegende Materie“ genau ausmacht; wie man schwerwiegende und lässliche Materie abgrenzt. Das ist es, was auch Skrupulanten wie mich oft mal belastet: Wenn man nicht unterscheiden kann, ob eine Sünde schwer oder lässlich war. (Muss ich beichten? Darf ich zur Kommunion gehen?)

Meistens bekommt man, wenn das Thema erklärt wird, statt allgemeinen Definitionen konkrete Beispiele für schwerwiegende Materie vorgelegt: Tötung eines unschuldigen Menschen (inklusive Abtreibung, Euthanasie, Selbstmord), Ehebruch, Vergewaltigung, Folter, Glaubensverleugnung, Meineid, Raub, Verleumdung, Vorenthalten des gerechten Lohns, Betrug, was so alles unter den Oberbegriff „Unzucht“ fällt, Blasphemie, grundloses Verpassen der Messe an Sonntagen und gebotenen Feiertagen, grundloses Nicht-Einhalten der kirchlichen Fastengebote, künstliche Empfängnisverhütung. (Freilich wiegen auch schwere Sünden nicht alle gleich schwer, wie unschwer einzusehen ist; Mord zum Beispiel ist schlimmer als Raub.) Beispiele für lässliche Sünden: Verlegenheitslügen oder alltägliche Unfreundlichkeiten und Streitereien, Unvorsicht, Ungeduld, Unhöflichkeit, eine gewisse Vernachlässigung des Gebets, eine Verspätung von einigen Minuten bei der Sonntagsmesse… Diese Unterscheidung entspricht auch dem gesunden Menschenverstand (Unfreundlichkeit und Mord sind offensichtlich nicht dasselbe), und sie zeigt sich bereits in der Bibel (1 Johannes 5,16f.).

[Die schweren Sünden oder Todsünden sind übrigens zu unterscheiden von den sieben Wurzelsünden (Hochmut, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Trägheit), die auch manchmal fälschlich als die „sieben Todsünden“ bezeichnet werden, aber grundlegende Haltungen bezeichnen, die zu Sünden führen, keine konkreten Sünden selbst. Eine Sünde ist immer eine konkrete Handlung oder Unterlassung (in Gedanken, Worten oder Werken).]

Eine manchmal gehörte allgemeine Begründung für den Unterschied zwischen den beiden Arten von Sünde wäre: Schwere Sünden verstoßen gegen vorrangige Werte (das Leben, die Ehe, die Gottesverehrung), und lässliche gegen untergeordnete (etwa Wahrheit, Ehre, Eigentum). Diese Begründung funktioniert jedoch offensichtlich nicht: Eine schwere Verleumdung (z. B. die Bezichtigung eines Unschuldigen wegen eines Verbrechens) ist offensichtlich eine schwere Sünde; genauso ein bedeutenderer Diebstahl, ein gewaltsamer Raub oder die Ausbeutung von Arbeitern durch Hungerlöhne. Zudem gibt es minderschwere Verstöße etwa gegen den Wert des Lebens, z. B. eine geringfügige Gefährdung des eigenen Lebens und des Lebens anderer durch noch nicht allzu große Unvorsicht im Straßenverkehr. Diese Begründung funktioniert also nicht.

Eine weitere, beliebtere Begründung wäre: Was gegen die Zehn Gebote (und für Katholiken: die ihnen von der von Christus eingesetzten Kirche auferlegten fünf Kirchengebote) verstößt, ist schwerwiegende Materie. Das funktioniert schon eher; andererseits sind manche der Zehn Gebote aber auch recht allgemein formuliert und geben nicht gleich zu erkennen, welche Verstöße gegen sie wirklich schwerwiegend sind. Ist es eine schwere Sünde gegen das dritte Gebot, wenn man am Sonntag im Garten arbeitet oder Staub saugt? Oder ab wann wird der Neid auf das neue Auto des Nachbarn zu einer schweren Sünde gegen das zehnte? War der Streit mit meinen Eltern ein schwerer Verstoß gegen das vierte? Irgendwo kann man ja auch alle Sünden unter den zehn Geboten subsumieren, wie es in Beichtspiegeln gerne getan wird – Körperverletzung, Unvorsicht im Straßenverkehr oder die Schädigung der eigenen Gesundheit durch Drogen fallen dann unter „Du sollst nicht töten“, Masturbation oder die Vernachlässigung der Beziehung zum Ehepartner unter „Du sollst nicht ehebrechen“, Notlügen und Übertreibungen unter „Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten“, und das Missachten der Pflichten gegenüber dem Staat oder der Pflichten von Eltern gegenüber ihren Kindern unter „Ehre Vater und Mutter“. Einerseits fällt, wie man daran sieht, nicht alles von dem, was irgendwie mit den Zehn Geboten in Zusammenhang gebracht werden kann (z. B. kleine Übertreibungen), unter die Kategorie „schwere Sünde“; andererseits gibt es auch offensichtlich schwere Sünden, die nicht ganz direkt in den Zehn Geboten angesprochen werden (z. B. schwere Körperverletzung, schweres Mobbing, nicht-ehebrecherische Unzucht).

Vielleicht kann man auch sagen: Schwere Sünden verstoßen entweder direkt gegen einen zentralen Wert (z. B. verstößt die Verleugnung des Glaubens klar gegen die Treue zu Gott und gegen die Pflicht zum Bekenntnis der Wahrheit) oder sie schaden anderen Menschen oder einem selber direkt und gewollt (oder zumindest wissentlich in kauf genommen) in schwerwiegendem Maß (z. B. Mord, Selbstmord, Ehebruch, Raub, Verleumdung); oft auch beides. [Der Unterschied zwischen einer christlichen und einer utilitaristischen Moral wäre, dass die christliche nicht nur das, was direkten, quantifizierbaren Schaden anrichtet, als falsch ansieht – Glaubensverleugnung, Gotteslästerung, wohlmeinende Lügen oder konsensuale Unzucht beispielsweise richten nicht immer direkt beobachtbaren Schaden an. Freilich schaden sie oft indirekt und auf lange Sicht (ein Beispiel: Wenn man jemanden anlügt, um ihn nicht mit der Wahrheit zu beunruhigen, könnte man sich sein Vertrauen verscherzen, wenn er es merkt) und machen einen selbst zu einem von der Sünde beherrschten Menschen, aber der Verstoß gegen die Gottesliebe, die Wahrhaftigkeit oder die Keuschheit ist an sich schon schlimm. Wieso Gottesliebe, Wahrhaftigkeit und Keuschheit so wichtig sind, wäre dann mal noch eigens ausführlicher zu erläutern.] Wenn sie die Gottesbeziehung zerstören, müssen sie ein, wenn auch implizites, Nein zur Liebe, eine bewusste Gleichgültigkeit und Abwendung vom Guten, beinhalten.

Eine allgemeine Definition von Sünde an sich wäre auch: Sünde verstößt gegen den natürlichen Zweck, den Gott in die Dinge hineingelegt hat. Z. B. ist der Zweck der Sprache der Ausdruck und die Weitergabe von Wahrheit; der Zweck des Eigentums ist die Sicherung des Lebensunterhalts für einen selber und die, für die man verantwortlich ist; der Zweck der Sexualität ist die Fortpflanzung und der Ausdruck ehelicher Liebe zwischen Mann und Frau. Sünde verstößt gegen diese Ordnung der Dinge und bringt sie aus dem Gleichgewicht. Papst Benedikt XVI. hat in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag von einer „Ökologie des Menschen“ gesprochen, die beachtet werden muss. Bei einer Sünde wird ein Gut einem anderen in ungeordneter Weise vorgezogen. (Niemand tut Böses, nur um Böses zu tun; wenn man z. B. Böses tut, um Geld, Lust oder Macht zu erreichen, zieht man wirkliche Güter anderen, höheren Gütern vor.) Letztlich wird bei einer Sünde immer etwas Geschaffenes Gott (dem letzten Ziel des Menschen) vorgezogen. Sünde kann man also als auch Ungeordnetheit betrachten. Der hl. Thomas von Aquin schreibt dann in diesem Sinne (von mir aus dem lateinischen Text übersetzt – hier findet sich auch eine englische Übersetzung, die besser ist als meine) :

„Der Unterschied aber zwischen einer lässlichen Sünde und einer Todsünde folgt aus dem Unterschied in der Unordnung, die die Art der Sünde ausmacht. Denn diese Unordnung gibt es in zweifacher Weise: eine besteht im Abweichen vom ordnenden Prinzip; die andere, bei der das ordnende Prinzip erhalten bleibt, bewirkt eine Unordnung in den Dingen, die den Prinzipien folgen. So tritt im Körper eines Tieres manchmal eine umfassende Unordnung auf, die bis zur Zerstörung des lebenswichtigen Prinzips führt, und diese führt zum Tod; manchmal aber, wobei das Lebensprinzip gewahrt bleibt, tritt eine gewisse Unordnung in den Körpersäften auf, und dann kommt eine Krankheit. Das Prinzip aber der ganzen Ordnung der moralischen Dinge ist das letzte Ziel, das zu den Handlungen im selben Verhältnis steht wie das unmittelbar gewisse (?) Ziel in spekulativen Dingen, wie in VII Ethic. gesagt wird. Somit ist, wenn die Seele durch die Sünde in Unordnung fällt bis hin zur Abwendung von ihrem letzten Ziel, nämlich Gott, mit dem sie durch die Liebe geeint ist, da Todsünde; wenn sie jedoch in Unordnung fällt ohne Abwendung von Gott, dann ist da lässliche Sünde. So wie nämlich im Körper die tödliche Unordnung, die durch die Beseitigung des Lebensprinzips entsteht, naturgemäß irreparabel ist, die Unordnung einer Krankheit aber repariert werden kann, weil das Lebensprinzip gewahrt bleibt, so steht es mit den Dingen, die die Seele angehen. Denn auch in spekulativen Dingen kann derjenige, der bei den Prinzipien irrt, nicht überzeugt werden, wer aber irrt und dabei die Prinzipien bewahrt, kann durch diese Prinzipien [zur Wahrheit] zurückgebracht werden.“ (Summa Theologiae II/I 72,5)

An einer anderen Stelle schreibt er: „Die Objekte von Akten aber sind deren Ziele, wie aus dem oben Gesagten klar ist. Und deshalb richtet sich der Unterschied der Schwere von Sünden nach dem Unterschied ihrer Objekte. So ist es klar, dass äußerliche Gegenstände auf den Menschen als ihr Ziel ausgerichtet sind; der Mensch aber ist darüber hinaus auf Gott als sein Ziel ausgerichtet. Somit ist eine Sünde, bei der es um die Substanz des Menschen selbst geht, wie Mord, eine schwerere Sünde als eine, bei der es um äußerliche Dinge geht, wie Diebstahl; und fernerhin ist eine noch schwerere Sünde die, die direkt gegen Gott begangen wird, wie Unglaube, Blasphemie und dergleichen.“ (Summa Theologiae II/I 73,3)

An einer wieder anderen Stelle schreibt er über den Unterschied zwischen Todsünde und lässlicher Sünde, die Todsünde verstoße direkt gegen ein Gebot, die lässliche Sünde „non est contra praeceptum, sed praeter praeceptum“, d. h. sie stehe nicht gegen das Gebot, sondern gehe eher an ihm vorbei – man handelt nicht nach dem Prinzip der Gottes- und Nächstenliebe, verstößt aber auch nicht ganz direkt gegen es. (Summa Theologiae II/II 105,1)

Das ist natürlich immer noch etwas schwammig in den Einzelheiten; und fraglich bleibt bei solchen Definitionen auch oft, wo man die „mittelschweren“ Sünden einordnen soll. Sagen wir mal:

  • Leichte Körperverletzung bei einer Prügelei unter Bekannten, die sich dann wieder versöhnen
  • Einnahme der harmloseren Drogen (z. B. Marihuana), in einem Staat, wo das legal ist
  • Längerfristig aufrecht erhaltene Feindseligkeiten und Streitereien innerhalb der Familie
  • Gelegentliche Flirts mit der Sekretärin, weil die Ehe gerade in einer Krise ist, ohne die Absicht, weiterzugehen
  • Gewohnheitsmäßiges Lügen, z. B. weil man unangenehme Tatsachen über sich selbst nicht zugeben will, aber ohne dass damit Schaden für andere angerichtet wird
  • Ladendiebstahl (Waren von geringem Wert)

Wo genau liegt die Grenze, z. B. im Bereich des Diebstahls, zwischen lässlicher und schwerwiegender Materie? Sicher kommt es auf den angerichteten Schaden beim Bestohlenen an (objektiv: Wie teuer war das Gestohlene? subjektiv: Wie sehr leidet der Bestohlene unter dem Verlust?), auf das Motiv des Diebs (Druck von anderen, Mutprobe, keine Lust, sein Geld auszugeben?), ob er so etwas gewohnheitsmäßig, vielleicht sogar gewerbsmäßig, tut oder nicht, etc. Und sicher kann man da nicht immer eine eindeutige Linie ziehen. Dazu spielen zu viele Faktoren hinein; es gibt Fälle, in denen eine Sünde nicht eindeutig schwer oder lässlich, sondern zweifelhaft schwer ist. Hier könnte man vielleicht wieder den Vergleich mit Krankheiten heranziehen: Manche Krankheiten sind gefährlich, aber nicht in jedem Fall tödlich. Ab wann im einzelnen Fall das wirkliche Nein zum Guten da ist, ist nicht immer ganz eindeutig – aber irgendwann ist es da, so wie bei Krankheiten irgendwann der Tod eintritt, auch wenn man nicht immer voraussehen kann, ob eine bestimmte schwere, nicht immer tödliche Krankheit unter diesen Umständen bei diesem Menschen tödlich enden wird.

Dann wären da auch noch zwei bestimmte Kategorien da, bei denen die Bestimmung oft schwierig ist: Die Unterlassungssünden und die Gedankensünden.

In der Rede vom Weltgericht fokussiert Jesus sich auf die Unterlassungssünden: „Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.“ (Matthäus 25,41-46) Ab wann wird eine Unterlassung, eine Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit, also zur schweren Sünde?

Anders ausgedrückt könnte diese Frage lauten: Welche Pflichten hat der Einzelne – je nach seinen Möglichkeiten –, die unter schwerer Sünde verpflichten? Hier kann man wieder auf die Zehn Gebote und andere Texte schauen, die Pflichten gegenüber Gott einerseits und dem Nächsten andererseits festschreiben. Der „Nächste“ kann im Grunde genommen jeder werden, mit dem man zufällig zu tun hat, auch ein Fremder (s. das Gleichnis vom barmherzigen Samariter), aber je enger die Beziehung, desto größer in der Regel die Verpflichtungen; deshalb wird auch im vierten Gebot die familiäre Beziehung besonders hervorgehoben. Seine Kinder oder alten Eltern muss man persönlich versorgen; wenn es um Obdachlose in der Innenstadt oder um hungernde Menschen in der Dritten Welt geht, denen man mit Geldspenden helfen könnte, kann man sich im Grunde aussuchen, wem von vielen Bedürftigen man hilft, und ab einem gewissen Grad auch, in welchem Maße (schließlich könnte man sich immer irgendwann sagen „wenn ich mir jetzt nicht noch eine Tasse Kaffee kaufen würde, könnte ich noch ein paar Euro mehr für verfolgte Christen spenden“). Hier gibt es wieder Graubereiche. Es kommt also einerseits darauf an, wie nahe einem jemand steht; und auf der anderen Seite natürlich auch darauf, wie dringend dessen Bedürfnis nach Hilfe ist (z. B. braucht jemand, der in der Straßenbahn zusammenbricht, sofort dringend Hilfe).

[Bei Unterlassungssünden muss man übrigens auch beachten, dass das physisch oder moralisch Unmögliche grundsätzlich nicht verpflichtet. Physisch unmöglich: Ich liege schwer krank im Bett und kann deshalb nicht in die Kirche gehen. Moralisch unmöglich: Ich bin zwar nicht so krank, dass ich es nicht schaffen würde, mich in die Kirche zu schleppen, aber mit meinem Fieber etc. wäre es besser für mich, mich auszuruhen, und außerdem will ich niemanden anstecken, gerade, wenn die vielleicht ein geschwächtes Immunsystem haben. Ein positives Gebot (du sollst etwas tun, z. B. sonntags in die Kirche gehen) unterscheidet sich in dieser Hinsicht von einem negativen (du sollst etwas nicht tun, z. B. unschuldige Menschen nicht direkt töten); letzteres kann immer eingehalten werden, ersteres nur, wenn man dazu die Fähigkeit, die Gelegenheit, die Mittel hat.]

Und dann wären da eben noch die Gedankensünden. In der Bergpredigt sagt Jesus: „Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ (Matthäus 5,28)  Ab wann werden Gedankensünden schwerwiegend? Karl Hörmann schreibt im „Lexikon der christlichen Moral“ (1976) zu Gedankensünden im Allgemeinen:

„3. Weil die S. wesentl. durch die innere Entscheidung begründet wird, gibt es rein innere S.n, denen kein äußerer Vollzug folgt. ‚Der böse Wille schon für sich allein ist sündhaft, auch wenn es nicht zur Tat kommt, das ist, wenn jemand nicht die Macht hat’ (Augustinus, De spir. et litt. 31,54; PL 44,235; vgl. D 1680 1707 2113). a) Die Begierde nach einem dem sittl. Gesetz widersprechenden Verhalten (sinnl. Regung) macht den Menschen nicht schon zum Sünder, wenn sie vor seiner Entscheidung von selbst auftritt, sondern erst, wenn er sie frei weckt od. bejaht. Diese Begierde, die ‚aus verkehrtem Willen entsteht’ (Augustinus, Conf. VIII 5,10; PL 32,753), ist durch die beiden letzten Gebote des Dekalogs als S. kenntl. gemacht (Ex 20,17; Dtn 5,12). b) Eine Bejahung der S. liegt auch in der Freude, dem überlegten Wohlgefallen an eigener od. fremder geschehener S., u. im freien wohlgefälligen Verweilen dabei. Wer noch dazu mit einer begangenen S. vor anderen prahlt, verfehlt sich auch gegen diese (vgl. Ärgernis).“ Daraus wird freilich noch nicht klar, wann genau das bewusste Phantasieren über eine Sünde oder das Planen dieser Sünde schwer sündhaft ist – beides kann es sein, und dabei kommt wohl hauptsächlich darauf an, ob diese Sünde selber schwer wäre, und dann darauf, ob der Gedanke flüchtig oder ernsthaft ist, oder ob man ihn schnell wieder verwirft oder ihn länger im Kopf behält. Wenn man sich ausführlich ausmalt, sich z. B. an jemandem zu rächen, kann das sehr wohl eine schwere Sünde sein; wenn man sich bei dem freudigen, aber noch eher halbherzigen Gedanken an so etwas ertappt und sich nach ein paar Sekunden zusammenreißt und seine Gedanken woanders hin lenkt, ist es eher eine lässliche. (Wenn einem der Gedanke in den Kopf kommen würde, ohne dass man ihn hervorgerufen hätte, und man nichts tun würde, um ihn dazubehalten, wäre es gar keine Sünde.)

Ich habe schon mal geschrieben, dass ich wegen solcher praktischer Fragen mit der heute allgegenwärtigen Abneigung gegen die sog. „Kasuistik“ (moralische Fallanalyse) nichts anfangen kann; an älteren, vor dem 2. Vatikanum herausgegebenen Moraltheologiebüchern (von denen ich nur eins besitze, eines aus den 50ern) ist das Praktische, dass die Autoren bei jedem Punkt ihre Meinung dazu sagen, welche schwerwiegenden Verpflichtungen oder möglichen Sünden es hier gebe. Die muss vielleicht nicht immer in jeder Einzelheit richtig sein; aber jedenfalls gehen sie die Frage an.

Das „Lexikon der christlichen Moral“ schreibt übrigens beim Stichwort Sünde zur schweren Sünde (Hervorhebungen von mir): „Im allg. aber ist eine ganzpersonale Entscheidung gegen Gott nur in Dingen mögl., die ihrer Beschaffenheit nach für die Verwirklichung der sittl. Ordnung (der Liebe) wichtig sind (materia gravis ); wer ihre Bedeutung erfaßt hat u. sich frei für sie entscheidet, kommt um schwere S. nicht herum. Was dazu zählt, kann der Mensch durch eigene Überlegung, mit Hilfe der Hl. Schrift (S.n, die als todeswürdig bezeichnet werden, wie Götzendienst, Zauberei u. Gotteslästerung – Lev 20,2; 22,17; 24,11-16; Auflehnung gegen die Eltern – Lev 20,9; Menschenraub – Ex 21,16; verschiedene Unzucht-S.n – Lev 18,29; die ‚himmelschreienden’ S.n Mord – Gen 4,10; 2 Makk 8,3, Sodomie – Gen 18,20 f; 19,13, Bedrückung von Hilflosen – Ex 3,7; 22,21 f, Vorenthaltung des verdienten Arbeitslohnes – Dtn 24,14 f; Jak 5,4; die verhängnisvolle Grund-S. wider den Hl. Geist – Mk 3,28 f; Lk 12,10, näml. der verstockte Unglaube, das Nichthören- u. Nichtannehmenwollen des Rufes Gottes in Christus – Jes 6,9 f; Mk 4,12; 8,18; Lk 10,13-15; 11,32; Joh 8,21; 9,39-41; 12,37-40; 16,9; Apg 28,23-28; Röm 11,8; 2 Thess 2,10-12; S.n, die vom Reich Gottes ausschließen – 1 Kor 6,9 f; Gal 5,19-21; Offb 21,27; 22,15; D 1544 1577), mit Hilfe der Lehre der Kirchenväter u. der Theologen u. durch Beachtung der Lehre u. der Praxis der Kirche (was die Kirche z.B. mit Strafe bedroht, sieht sie als schwere S. an; vgl. CICc. 2218 § 2; c. 2242 § 1) feststellen.

 Letztlich ist das wohl für die Praxis entscheidend: Wenn etwas schwere Sünde ist, muss die Kirche, und i. d. R. auch schon die Bibel, irgendwann schon mal etwas dazu gesagt haben. Wenn die Zehn Gebote da noch nicht ganz klar sind, dann wohl die Propheten, Jesus, Paulus oder der Katechismus. Was nirgendwo als schwer genug erachtet wurde, um ausdrücklich so genannt zu werden, kann nicht so schwer sein. Ja, es wird dann auch nicht immer ganz eindeutig – gerade bei so allgemeinen Geboten wie „Ehre Vater und Mutter“. Aber es gibt immerhin gewisse Richtlinien.

23 Gedanken zu “Schwere Sünde, lässliche Sünde?

  1. Also ich finde das mit den Sünden schon relativ klar und (zumindest größtenteils) einsichtig, während die zietierte Stelle aus Matthäus, von der großen Aussonderungsaktion am Ende am schwersten verständlich ist. Im Grunde sündigen die Menschen die verworfen werden ja nicht wissentlich, handeln nicht aus bösem Antrieb.
    Wie interpretieren Sie die Stelle? Wer kann denn all dem geforderten nachkommen? Haben Sie schon mal jemandem im Gefängnis besucht?
    Und ist es nicht eigentlich sehr grausam, jemandem bis zu seinem Lebensende in Furcht vor der ewigen Verdammnis zu halten?

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    1. Wo soll da stehen, dass sie nicht wissentlich sündigen? Ihnen ist nur nicht bewusst, dass Christus sich mit den Opfern ihrer Sünden identifiziert, vermutlich, weil sie an die einfach nicht viel denken. – Ich denke nicht, dass jeder einzelne Vorwurf jeden Einzelnen trifft, hier wird die Gruppe als Ganzes angesprochen (nicht jeder kann alle Werke der Barmherzigkeit erfüllen, aber jeder irgendwelche).

      Ist es grausam, jemanden, so oft er am Straßenverkehr teilnimmt, in Furcht vor Unfällen zu halten? Ist es grausam, seinen Kindern Angst vor der heißen Herdplatte zu machen? – Wir brauchen keine übertriebene Angst haben, und können immer auf Gottes Barmherzigkeit vertrauen, wenn wir zu Ihm kommen, aber es gibt die ewige Verdammnis nun mal, wenn man seine bösen Taten nicht bereut. Ist halt so.

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      1. Ich habe die hier geschilderte Verwunderung der „Auszusondernden“ über die Vorwürfe als Unwissen interpretiert, wobei mich zum einen die Tatsache einer unerwarteten Schlussabrechung, die man so nicht hat kommen sehen und auch die Art der Versäumisse beschäftigt.
        Mir ist nicht ganz klar, ob es hier eigentlich um Menschen geht, die nie Werke der Bamherzigkeit tun, oder ob die Nichterfüllung des Gesamtkataloges in einer eigentlich nie zu durchschauenden – nennen wir es Gesamtprozentzahl, ebenfalls zur Verdammnis führt.

        Also nach dem Beispiel, Du hast zwar an 5 Obdachlose was gegeben, 10 weiteren aber nicht außerdem warst Du nie einen Gefängsnisinsassen besuchen, als Folge Verdamnis.

        Denn eigentlich steht in diesem Gleichnis nichts von der Unmöglichkeit dem allen Folge zu leisten und da steht auch nichts von einer Barmherzigkeit die dann zum Tragen käme, wenn man nur einfach nicht genug Werke der Barmherzigkeit getan hätte.

        Deshalb finde ich den Vergleich mit dem Strassenverkehr hier auch nicht zutreffend.

        Umsichtiges Handeln im Strassenverkehr ist eine einfach zu befolgende Regel, die mich sicher vor Unheil schützt, ob die Bamherzigkeit, die ich in meinem Leben an den Tag lege ausreichend war, um mich vor der Verdammnis zu schützen, werde ich nie wissen können.

        Vielleicht wartet da für so manchen der sich das gar nicht vorstellen kann eine böse Überraschung? Das finde ich grausam, ja.

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      2. Zunächst mal reißen wir als Katholiken nicht eine Bibelstelle aus dem Zusammenhang, interpretieren sie im unlogischsten Sinn, der uns einfällt, und bauen dann die ganze Lehre über die Erlösung darauf auf.

        Nein; der Vergleich mit dem Straßenverkehr ist deshalb nicht ganz passend, weil man da, auch wenn man selbst ganz vorsichtig ist, von einem anderen, z. B. einem betrunkenen Autofahrer, angefahren werden kann. Ohne eigene Schuld kann man jedoch nicht verdammt werden. Und auch wenn wir keine Heilsgewissheit haben, können wir doch zuversichtlich sein – und Reue vor dem Tod (mit Beichte, wenn noch möglich) hilft ja immer 😉

        Es gibt sicher viele Menschen, die nach dem Tod nicht mit einem Gericht rechnen, und die dann entweder eine böse oder eine gute Überraschung erleben. Aber diese Überraschung wird auf dem beruhen, was sie bewusst getan haben und wofür sie verantwortlich sind. Und jedenfalls ist es dann ja sinnvoll, diese Menschen gleich mal vor dem Endgericht zu warnen.

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      3. Also zunächst mal ist es so, dass ich nicht katholisch bin (evangelisch, vor jahrzehnten aus der Kirche ausgetreten), sondern die katholische Glaubenswelt gerade erst für mich entdecke.
        Vielleicht hilft Ihnen das ja etwas weniger ungnädig zu sein.

        Deshalb lese ich erst einmal was da schwarz auf weiß steht und suche nicht nach dem möglichst unlogischsten Sinn, oder Zusammenhang.

        So komme ich eben auf den Eindruck, dass Erlösung eben kein Versprechen ist, auf dass man bei entsprechendem Lebenswandel vertrauen kann, sondern eine ungewisse Belohnung deren Erhalt sich dann noch herausstellt; im gegenteiligen Fall allerdings die schlimmste aller Konsequenzen nach sich zieht.

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      4. Hier würde ich auf Nepomuks Kommentar verweisen. Sie haben eben nicht einfach gelesen, was da steht. In dieser Rede ist vereinfachend von zwei Gruppen die Rede: Eine tut gute Werke, die andere tut keine guten Werke. Punkt. Die Frage, für wen genau man nun verantwortlich ist, wie viele gute Werke genau man tun kann/muss, usw. usf. wird hier überhaupt nicht angesprochen.

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    2. Man muß halt lernen, die Bibel so zu lesen, wie sie dasteht.

      Unser Heiland erwähnt im angesprochenen Gleichnis genau zwei Gruppen: die, die bei den Gelegenheiten Werke der Barmherzigkeit getan haben, und die, die das nicht getan haben. (Er sagt damit übrigens *nicht*, daß irgendjemand – außer, wie wir aus anderen Quellen wissen, Er selbst und seine Mutter zur ersteren -, ausschließlich einer der beiden Gruppen angehört.)

      Für den üblichen Fall, daß jemand sowohl Werke der Barmherzigkeit getan, als auch, obwohl er konnte, unterlassen hat, ist dem zunächst einmal keine Aussage zu entnehmen – außer die, die z. B. Thomas von Aquin ihm entnimmt: daß das Unterlassen von Werken der Barmherzigkeit *grundsätzlich unter Umständen eine schwere Sünde sein **kann***.

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  2. »Vielleicht wartet da für so manchen der sich das gar nicht vorstellen kann eine böse Überraschung? Das finde ich grausam, ja.«

    Na ja, da gibt es doch den ein oder anderen katholischen Witz: Johannes Paul II. (oder hier jeden anderen beliebigen Namen einsetzen, der sich dazu eignet) stirbt und kommt in den Himmel, ist irgendwann furchtbar hungrig und wird von Petrus nur mit einer Semmel vertröstet. Das wiederholt sich mehrfach, bis sich Johannes Paul bei Petrus beschwert, warum er denn nur eine Semmel bekäme, während alle die da unten in der Hölle eine halbe Sau über den Grill drehten und ihm der Duft in die Nase steige. Darauf Petrus: Hier oben lohnt sich halt das kochen nicht…

    »… wenn man nur einfach nicht genug Werke der Barmherzigkeit getan hätte.«

    Das wäre ja eine verzerrte Vorstellung von Werkgerechtigkeit, die der Protestantismus zu Recht kritisiert hätte. Die Gleichnisse Jesu setzen ja immer ein gewisse face-to-face-Situation voraus, die man meiner Meinung nach in einer komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaft als Richtschnur nehmen kann.

    Es natürlich wichtig, das Gewissen zu bilden und die römisch-katholische Lehre als Richtschnur zu nehmen. Aber ein bisschen Humor und Entspanntheit kann dabei nicht schaden, wenn man bedenkt, dass wahrscheinlich 95–98% der deutschen Katholiken verworfen sein dürften (weltkirchlich wird dieser Prozentsatz doch wohl nur unwesentlich geringer sein), weil sie sich weder an alle Kirchengebote halten noch an die Vorschriften von Humanæ Vitæ, deren naturrechtliche Argumentation selbst jemand wie der spätere Johannes Paul I. nicht vollkommen überzeugend fand. Wenn man sich den Kanon der 10 Gebote zu Herzen nimmt (darunter fällt meines Erachtens weder ein gelegentlicher Streit mit Eltern, noch der neidvolle Blick auf den Porsche des Nachbarn – letzterer wird erst dann zum Problem, wenn ich genau _diesen_ Porsche mir aneignen möchte, anstatt mich anzustrengen, mir selbst einen eigenen Porsche rechtmäßig zu erwerben) und bedenkt, dass man sich bei allem Bemühen der Bergpredigt als Mensch niemals (!) vollständig gerecht werden kann, und dazu den auferstanden Christus und den dreieinigen Gott bekennt, kommt man schon recht weit. Wenn einen dann der Herr beim Gericht beim Namen nennt, wird man dann schon wissen, was man zu sagen hat. Wenn Christus auch nicht für alle gestorben ist, ist er doch _pro multis_ gestorben und nicht für ganzen wenigen, die ohne Sünde sein mögen.

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    1. Spekulationen über den Prozentsatz der Erlösten oder Verworfenen halte ich nicht für sinnvoll (abgesehen davon, wie viele deutsche Katholiken kennen die Kirchengebote oder die Argumente von Humanae Vitae überhaupt? Stichwort „unüberwindliche Unwissenheit“).

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      1. »Spekulationen über den Prozentsatz der Erlösten oder Verworfenen halte ich nicht für sinnvoll…«

        Absolut, da sind wir uns vollkommen einig!!

        Das war auch nicht wirklich ernstgemeint – vor allem, wo ich mir sicher wäre, dass ich nicht zu den verbleibenden 3–5 % gehörte, die sich im Himmel die trockenen Semmeln teilen müssen 🙂 😉

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  3. ohne den Artikel ganz, oder den Kommentarbereich gelesen zu haben:

    >>wenn man sich nicht sicher ist, ob eine Sünde schwer war, muss man sie nicht als schwere zählen.

    Unter dem Vorsichtszeichen „Achtung: von Nichtskrupulanten für Nichtskrupulanten“: dann muß man sie auf jeden Fall bei der nächsten Beichte erwähnen, kann dabei Nachfragen und sollte währenddessen nicht kommunizieren. Akt der Liebesreue setzen versteht sich sowieso.

    Wenn einem allerdings (wirklich) erst nach der Sünde einfällt, daß sie eventuell schwer (oder überhaupt Sünde) sein könnte, gilt das natürlich nicht.

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  4. >>Die schweren Sünden oder Todsünden sind übrigens zu unterscheiden von den sieben Wurzelsünden (Hochmut, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Trägheit), die auch manchmal fälschlich als die „sieben Todsünden“ bezeichnet werden, aber grundlegende Haltungen bezeichnen, die zu Sünden führen, keine konkreten Sünden selbst. Eine Sünde ist immer eine konkrete Handlung oder Unterlassung (in Gedanken, Worten oder Werken).

    Das stimmt mE so nicht, die Wurzelsünden sind durchaus selbst Sünden (zu beichten, wenn gewünscht, als „ich habe Zorn in mir gefaßt / zugelassen“ und besonders beliebt: „ich habe zu viel gegessen und zu wenig Sport getrieben“ usw.). Jedoch, weswegen ihr Traditionsname so besonders komisch ist, sind sie in vielen Fällen (Unkeuschheit und vielleicht auch Neid im eigentlichen Sinn des Wortes ein bißchen ausgenommen) geradezu Paradebeispiele für läßliche Sünden.

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  5. So schwierig ist das gar nicht. Aber ceterum censeo: Wir brauchen Kasuistik. Hast Du ja selber schon angesprochen?

    Was ist die schwere Sünde? Schwere Sünde ist die Sünde, die die heiligmachende Gnade in uns zerstört (gewissermaßen per definitionem) bzw. die, die die Tugend der caritas in uns zerstört][*] (die immer zusammen mit der heiligmachenden Gnade auftritt).

    Daraus ergibt sich im wesentlichen der Rest (mit Nickeligkeiten im Detail).

    Auch lehrt die Kirche oder zumindest die Theologie, daß zusammen mit der heiligmachenden Gnade und der caritas auch alle übrigen Tugenden eingegossen werden. Da es – zuallermindest – mit der aus der caritas fließenden Selbstliebe nicht vereinbar ist, eine solche Tugend in sich zu zerstören, ist auch alles das schwere Sünde, was eine solche Tugend *ganz zerstört*.

    Hier allerdings muß man bedenken: die so scherzhaft-selbstkritisch oder auch vorwurfsvoll gebrauchten Worte „eigentlich bin ich ganz anders; ich komme nur nicht dazu“ sind tatsächlich relativ tiefsinnig. Nicht jeder, der die Mäßigung nicht übt, selbst wenn er gerade in eine Situation gestellt ist, in der er sie üben müßte, tut dies in einem Ausmaß, daß die Tugend (als Habitus der Seele) der Mäßigung *ganz* vertrieben würde – usw. Genau das ist dann die läßliche Sünde.

    >>Warum Gottesliebe, Wahrhaftigkeit und Keuschheit so wichtig sind

    Bei Gottesliebe ergibt sich das nach Gesagtem von selbst. Die Wahrhaftigkeit ist es nicht (radikal gesagt); Sünden gegen die Wahrhaftigkeit und nur gegen sie sind Paradebeispiele für läßliche Sünden. Keuschheit ist wichtig, weil der Sex der Natur der Sache entsprechend die ganze Person mitnimmt: man kann ein bißchen unmäßig sein oder ein bißchen unklug oder ein bißchen unwahrhaftig, aber ebensowenig, wie man ein bißchen schwanger ist, kann man auch ein bißchen Sex haben. (Nb.: für körperliche Berührungen, die kein Sex sind – auch nicht in dem Sinn, in dem Petting sex ist – gilt das, auch wenn sie unschicklicher Art sind, an sich *nicht*: diese sind daher auch weder im eigentlichen Sinne unkeusch noch schwere Sünden [**]. Beispiel wäre: Jemand ist in fester Beziehung und küßt eine andere mit ihrem Einverständnis auf den geschlossenen Mund.)

    Statt der Wahrhaftigkeit gehört in die Liste die – eigentliche – Gerechtigkeit (nicht ihre Seitentugenden wie Anstand, Wahrhaftigkeit usw.); und die ist wieder aus dem gleichen Grunde so wichtig, weil ein Mensch, der Ungerechtigkeiten begeht, auch *ungerecht ist* (und damit z. B. nicht nächstenliebend). So sind Sünden gegen die Wahrhaftigkeit dann schwere Sünden, wenn sie gegen die Gerechtigkeit verstoßen, also z. B. einem Mitmenschen durch das Erzählen der Lüge einen Schaden zufügen wollen.

    [* Ungeachtet dessen, daß diese schon Augenblicke später durch das Setzen eines Aktes der Liebesreue wiedergewonnen werden können.

    ** Die Autoren diskutieren allerdings, die älteren Lehren es auch (ob sie hier ein wenig zu streng waren?), daß sie auf Grund einer sekundären Überlegung doch schwere Sünden sind: sie sind zwar – ausdrücklich – nicht der Unkeuschheit, aber fallen unter Sich-der-nächsten-Gelegenheit-zur-Unkeuschheit-Aussetzens, welche gegen die Selbstliebe verstößt.]

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    1. Ein bißchen ein Fremdkörper im System ist dann übrigens der Kleindiebstahl, da *der* ja zweifellos auch gegen die Gerechtigkeit verstößt, den Fall des Fringsens jetzt mal ausgenommen (bei Thomas von Aquin deswegen auch „Diebstahl ist vom Betrag unabhängig schwere Sünde“, dem sich die Katechismen so nicht angeschlossen haben).

      Zu erklären dürfte das so sein, daß der wohlmeinende rechtmäßige Besitzer bis zu einem gewissen Grad (und Betrag) lieber auf sein Eigentum stillschweigend verzichtet, als den Mitmenschen wegen einer Kleinigkeit zum schweren Sünder zu machen. Auch dann dürfte aber das Stehlen auch kleiner Beträge, wenn es mit der primären Absicht geschieht, dem Bestohlenen zu schaden – vielleicht auch dem, das Gefühl, ein Dieb zu sein, zu erleben – zumindest sehr stark in den schwersündhaften Bereich zu tendieren.

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  6. Als gute Hinweise taugen natürlich auch das ausdrückliche Verbot in der Bibel (NB: Das achte Gebot heißt *nicht* „Du sollst nicht lügen“!) oder durch den rechtmäßigen Vorgesetzten (sofern sein Befehl nicht unzumutbar ist, sei es in sich selbst, sei es auf Grund der Menge seiner Befehle).

    [Was den praktisch durchaus relevanten Fall von *staatlichen* Befehlen betrifft, so ist es meines Wissens herrschende juristische Lehre, daß die Sanktionen bei Ordnungswidrigkeiten keine moralischen Urteile fällen – im Gegensatz zu denen bei Straftaten („moralischen Unwert feststellen“). Ins Katholische übersetzt heißt das: der Staat verbietet nur unter Sünde, wenn es um Straftatbestände geht, wobei *zumindest* die *Verbrechen*, die der Staat ja ausdrücklich besonders hervorhebt, unter schwerer Sünde verboten sind. Bei Vergehen müßte man sich die Vergehen im einzelnen anschauen; „Diebstahl“ wird nicht dadurch schlimmer, daß der Staat es auch zur Straftat gemacht hat, „Trunkenheit im Verkehr“ – ich meine jetzt die Straftat, nicht die Ordnungswidrigkeit – hat bei lediglich langsamen und des Vernunftgebrauchs noch mächtigen Rad(!)fahrern vielleicht auch etwas Läßliches an sich – bei Autofahrern nicht -; Unterschlagung ist tendenziell eine Nummer unter Diebstahl; Befehlsverweigerung beim Soldaten ist zwar nur ein Vergehen, aber ziemlich offensichtlich eine schwere Sünde.

    Ordnungswidrigkeiten sind daher niemals allein deswegen, weil sie Ordnungswidrigkeiten sind, schwere Sünden, dürften aber, weil die Ordnung ja ein positives Gut ist, zumeist läßliche Sünden sein (auf Grund allgemeinen gewohnheitlichen Rechtsanwendung würde ich allerdings die meisten Verkehrsordnungswidrigkeiten nach StVO – nicht aber die 0,5-Promillegrenze für Autofahrer nach StVG – auch davon ausnehmen.)

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  7. >>Leichte Körperverletzung bei einer Prügelei unter Bekannten, die sich dann wieder versöhnen

    siehe dazu die Ausführung von Thomas von Aquin zum Thema „Fehde“ (sekundär wäre das staatliche Gewaltmonopol zu beachten).

    Sich zum Prügeln treffen unter Hooligans? Läßliche Sünde, da gegen Anstand und das Es-gehört-sich-so verstoßen wird.

    >>Einnahme der harmloseren Drogen (z. B. Marihuana), in einem Staat, wo das legal ist

    Selbe Regel wie für Alkohol: Sich den Vernunftgebrauch ganz wegzurauchen ist ebenso schwer sündhaft wie, ihn sich wegzusaufen („weil es schändlich ist, einem Ebenbild Gottes das anzutun“, so die Morallehrer). Ab wieviel Joints das gilt, weiß ich nicht, außer daß es beim ersten Zug noch *nicht* der Fall ist; beim Alkohol kann man viel trinken.

    Im übrigen erst einmal gar keine Sünde; in Staaten, wo das verboten ist, im allgemeinen eine läßliche.

    >> Längerfristig aufrecht erhaltene Feindseligkeiten und Streitereien innerhalb der Familie

    Kommt auf die Begründung derselben an. Aber nicht vergessen: Der Hauptinhalt des Vierten Gebotes ist das, was in der heutigen Rechtssprache „Unterhalt“ heißt (am Beispiel zu versorgender alter Eltern).

    >>Gelegentliche Flirts mit der Sekretärin, weil die Ehe gerade in einer Krise ist, ohne die Absicht, weiterzugehen

    Ohne die Absicht, weiterzugehen, sind das gar keine Flirts. Gar keine Sünde (wobei bei körperlichen Berührungen eventuell über die Gefahr der Sünde nachzudenken ist).

    >>Gewohnheitsmäßiges Lügen, z. B. weil man unangenehme Tatsachen über sich selbst nicht zugeben will, aber ohne dass damit Schaden für andere angerichtet wird

    Klingt schwer nach einer läßlichen Sünde, wenn auch – insbesondere von wegen „gewohnheitsmäßig“ einer schwereren darunter. Wenn durch geschicktes Ausweichen, ohne formell die Unwahrheit zu sagen, gar keine Sünde, allenfalls eine läßliche. Wenn unter Eid, im allgemeinen eine schwere.

    >>Ladendiebstahl (Waren von geringem Wert)
    Kommt wie gesagt auf den Wert (auch den kumulierten mehrere Ladendiebstähle) und bei insgesamt geringem Wert auch auf die Motivation an. Bei Ladendiebstählen als Mutprobe unter Jugendlichen würde ich von einer schweren Sünde ausgehen, aber vielleicht bin ich da etwas streng.

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  8. >>Seine Kinder oder alten Eltern muss man persönlich versorgen

    Unsicher. Daß in gewissen Situationen die Inanspruchnahme von entsprechendem Personal gegen Geld läßliche Sünde oder ganz erlaubt ist, würde ich doch stark vermuten.

    >>und ab einem gewissen Grad auch, in welchem Maße.

    Hierzu der einschlägige Absatz aus der Catholic Encyclopedia (Artikel „Alms and Almsgiving“):

    „In the ordinary troubles confronting the poor alms must be given from such temporalities only as are superfluous to social requirements. This does not imply an obligation of answering every call, but rather a readiness, to give alms according to the dictates of well-regulated charity (Suarez, loc. cit., sect. 3, nos. 7, 10). Theologians are divided into two schools regarding the character of this obligation. Those holding that the obligation is serious seem to espouse a cause in harmony with the teaching of Scripture and the authority of the Fathers (St. Alphonsus, op. cit., III, no. 32; Bouquillon, Institutiones Theol. Moralis Specialis, III, no. 488). At all events, such affluent individuals as always fail to give alms or harshly repel mendicants indiscriminately are unquestionably guilty of grievous sin. Whoso is actually obliged to relieve extreme or pressing indigence must give whatever is necessary to ameliorate existing conditions. It is not an easy matter to determine what amount must be given as alms to those labouring under ordinary indigence. St. Alphonsus, whose view in this matter is shared by many modern moralists, holds that **an outlay corresponding to two per cent of temporalities *superfluous to social prestige* suffices to satisfy the obligation**, because were all concerned to adopt this method ordinary indigence could easily be remedied. At the same time it is not always practical to reduce problems depending so largely on moral appreciation to a mathematical basis (Lehmkuhl, Theologia Moralis (Specialis), II, ii, no. 609). Furthermore, **all either contributing spontaneously to public and private charities, or paying such taxes as are levied by civil legislation to support the indigent satisfy this obligation to some extent** (Lehmkuhl, loc. cit., no. 606).“

    Zum Thema Gedankensünden lasse ich mal die genaue Differenzierung sein und sage als Faustregel, daß nur in zwei Fällen schwere Sünden in Gedanken zu befürchten sind
    a) wenn man sich das Begehen einer schweren Nicht-Gedankensünde tatsächlich vornimmt; oder sich wünscht, es tun zu können, und dann nur aus Furcht vor Strafverfolgung oder öffentlichem Skandal, aber nicht aus christlicher Moral unterläßt,
    b) circa sextum, sofern wir uns im Bereich Selbstbefriedigung aufhalten (die ja schon an und für sich eine schwere Sünde ist).

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    1. Mit dem „persönlich versorgen“ wollte ich nichts gegen Altenheime usw. sagen, sondern nur sagen, dass man hier eine direkte Verantwortung trägt (der man auch nachkommen kann, indem man z. B. für den Pflegeheimplatz zahlt), anders als etwa gegenüber einem fremden Obdachlosen in der Fußgängerzone.

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