Die Päpstin, Teil 2: Johanna leidet an Amnesie und Donna W. Cross kann nicht rechnen

Die erste Leseetappe von „Die Päpstin“ war ja schon nicht besonders vergnüglich. Aber die zweite war so schlimm, dass ich manchmal vor Fremdscham gar nicht mehr weiter wusste. Wie bringt ein Mensch es nur fertig, so einen Text zu produzieren? Da sind ja Bücher mit Titeln wie „Die Leidenschaft des Highlanders“ oder „Eine Liebe in Cornwall“ besser.*

Eine Ankündigung: Heute werde ich im Buch nicht so viel weiterkommen, weil ich paar Szenen im Detail ansehen will – dieser Teil gibt einfach so viel Stoff her.

Wir erinnern uns: Aeskulapius ist fort, und die hochbegabte Johanna hat wieder keine Möglichkeit, ihren Studien nachzugehen, und ist verdammt dazu, mit ihrer Mutter den Haushalt zu verrichten. Aber nun stellt sich heraus, dass Aeskulapius offenbar, bevor er das Frankenreich verlassen hat, beim Bischof von Dorstadt ein gutes Wort für sie eingelegt hat; dieser schickt Männer, die sie an seine Domschule holen sollen. (Dorstadt ist ein kleiner Ort in Niedersachsen bei Braunschweig, urkundlich erstmals 1110, also knapp dreihundert Jahre nach Johannas Leben, erwähnt, und besaß ab 1189 ein Frauenkloster, aber, soweit ich herausfinden konnte, nie einen Bischof.) Nur einer der Abgesandten kommt direkt nach Ingelheim – die anderen warten fünfzehn Meilen entfernt, aus welchem Grund auch immer, vielleicht mussten sie noch auf einem Umweg etwas erledigen – und Johannas Vater macht diesem Abgesandten weis, in dem Schreiben mit seinen Anweisungen müsse ein Fehler stecken, es könne nur „Johannes“, nicht „Johanna“, heißen, und schickt somit Johannas älteren Bruder mit ihm Der Abgesandte ist zunächst skeptisch, aber als Johannas Mutter, die ihre Tochter bei sich behalten will, bestätigt, dass nur Johannes gemeint sein könnte, glaubt er es. Die verzweifelte Johanna spricht ihn auf Latein an, um ihm zu zeigen, dass sie gemeint ist, aber er versteht es nicht und glaubt, sie spräche Sächsisch, und dann hindert ihr Vater sie daran, weiter mit ihm zu sprechen.

Der Abgesandte reitet also mit Johannes fort. An dieser Stelle wird zum ersten Mal aus Johannes’ Sicht erzählt; bisher ist er meistens als weinerlich, dumm, selbstsüchtig und nachtragend erschienen, und jetzt, wo man seine Gedanken erfährt, wird auch kein viel besseres Bild von ihm vermittelt. Er will nicht an die Domschule, sondern träumt insgeheim davon, Krieger zu werden und Heiden abzuschlachten, wie der alte Sattler Ulfert, der ihm von seiner Teilnahme an den Sachsenkriegen erzählt hat. Seltsamerweise neidet er gleichzeitig Johanna ihre enge Beziehung zu ihrer sächsisch-heidnischen Mutter und die Geheimnisse, die die beiden teilen: „Mit ihm, Johannes, hatte die Mutter nie Sächsisch gesprochen. Warum nicht? fragte er sich wohl zum tausendsten Mal voller Bitterkeit. Glaubt sie, ich würde es Vater erzählen? Das würde ich niemals tun – für nichts auf der Welt, egal, was er mit mir anstellt; nicht einmal, wenn er mich schlagen würde.“ (S. 99) Na ja, ein paar innere Widersprüche gehören vielleicht zu einer runden Figur. Nicht, dass ich Johannes als eine solche Figur bezeichnen könnte… aber er ist immerhin gelungener als seine eindimensional gute, kluge, mutige Schwester.

Bevor die beiden den Treffpunkt mit den Kameraden des Abgesandten erreichen, werden sie von einem Wegelagerer angegriffen und der Abgesandte wird getötet, was sehr schön zeigt, wieso Aeskulapius’ ständiges freiwilliges unbegleitetes Pendeln von Mainz nach Ingelheim so unhistorisch war. Johannes kann den Räuber mit einem Hirschhornmesser, das er von seinem Vater gestohlen hat, abwehren. In der Nacht läuft Johanna dann heimlich von zu Hause fort und dem Abgesandten hinterher und trifft ihren Bruder neben der Leiche auf dem Weg. Sie gehen zusammen weiter zu der übrigen Gesandtschaft, die sie dann beide mit nach Dorstadt nimmt.

Als sie Dorstadt schließlich erreichen, werden sie neu eingekleidet – wobei, damit man es sich auch sicher merkt, wenn man die bisherigen Erwähnungen dieser Tatsache vergessen hat, noch einmal erzählt wird, dass Johanna trotz ihrer schönen blonden Zöpfe ein eher jungenhaftes Gesicht hat – und dann zu dem fetten Bischof Fulgentius geführt, der gerade ein rauschendes Fest feiert und dabei seine Geliebte neben sich sitzen hat. Und wieder ein antikatholisches Klischee abgehakt! Eine kurze Kritik kann ich mir hier nicht verkneifen: Der Bischof wird mit „Eminenz“ angeredet, was die Anrede für einen Kardinal ist, während man zu einem einfachen Bischof „Exzellenz“ sagt. Nun ist es laut Wikipedia so, dass die Anrede „Eminenz“ im Frühmittelalter auch noch für Bischöfe üblich war und „Exzellenz“ erst später aufkam; angesichts der anderen historischen Patzer, die im Rest des Buches noch auftauchen, halte ich es allerdings für möglich, dass die Autorin sich einfach keine genauen Gedanken um die Anreden gemacht und irgendeine Klerikeranrede genommen hat, die ihr gerade passend erschienen ist.

Obwohl er nicht gerade ein asketischer Heiliger ist, ist der Bischof jedenfalls recht freundlich und gutmütig eingestellt – im Gegensatz zum gestrengen „schmalgesichtigen“ (S. 113) Schulmeister Odo, der ebenfalls an der Tafel sitzt und klar zu verstehen gibt, dass er es für sinnlos hält, ein Mädchen an der Domschule aufzunehmen: „Ihre [der Frauen] natürlichen Körpersäfte sind kalt und feucht“, erklärt er dem Bischof, „und von daher für eine nennenswerte Hirntätigkeit ungeeignet, zumal die brauchbaren Teile des weiblichen Hirns ohnehin winzig klein sind. Frauen sind nicht imstande, höhere Begriffe oder gar gedankliche Konzepte spiritueller und moralischer Natur zu begreifen.“ (S. 113f.)

Himmel, Odo ist ein schlimmeres wandelndes Klischee antimittelalterlicher Propaganda als Johannas Vater. Um es klar zu sagen: Ja, im Mittelalter war man der Ansicht, dass Frauen ein geringeres Maß an Verstand besäßen als Männer. Diese Ansicht hatte man übrigens direkt von Heiden wie Aristoteles übernommen (in der Bibel stehen Stellen zur Unterordnung von Ehefrauen und dergleichen, aber keine einzige zum Verstand des weiblichen Geschlechts; und wenn von „Körpersäften“ die Rede ist, kann man eigentlich schon von vornherein davon ausgehen, dass sich jemand auf Aristoteles, Hippokrates o. Ä. bezieht). Aber man glaubte keineswegs, dass es widernatürlich wäre, wenn Frauen den Verstand, den sie hatten, einsetzten. Es gab in Antike und Mittelalter gelehrte Frauen, vor allem geweihte Jungfrauen und Nonnen. Und natürlich gab es unzählige Frauen, die als Heilige verehrt wurden – die Odo in den Mund gelegten Worte, Frauen könnten keine Konzepte spiritueller oder moralischer Natur begreifen, sind also doppelt irreführend.

Fulgentius fordert Odo heraus, Johannas Wissen abzuprüfen und Odo stellt ihr theologische Fragen. Ihre Antworten sind im Großen und Ganzen nicht direkt falsch und wirken auf den ersten Blick eindrucksvoll. Die Autorin wirft hier schön mit theologischen Fachbegriffen um sich. Wenn man sie näher anschaut, merkt man aber, dass Donna W. Cross sich vielleicht doch nicht ganz so gründlich in antike und frühmittelalterliche Theologie eingelesen hat. Hier ein Beispiel; Johanna ist nach dem Begriff Quincunque vult gefragt worden. (Wer nicht an der Trinitätstheologie interessiert ist, darf die nächsten paar Absätze überspringen.)

„Vorsichtig erwiderte sie: ‚Das ist der Lehrsatz, der besagt, daß die drei Personen der Dreifaltigkeit kosubstantiell sind. Die Zweinaturenlehre. Daß Jesus Christus so vollkommen göttlich ist, wie er vollkommen menschlich gewesen ist.’“ (S. 115) Im Quincunque vult, besser bekannt als Athanasianum oder Athanasisches Glaubensbekenntnis, stehen tatsächlich beide Lehren, die über die göttliche Dreifaltigkeit (Vater, Sohn, Heiliger Geist) und die über die Zwei-Naturen-Lehre (die nur den menschgewordenen Sohn betrifft); hier lässt die Autorin es allerdings ein wenig so klingen, als wäre nur von einer Lehre die Rede.

Als Johanna dann begründen soll, wieso die Zwei-Naturen-Lehre richtig und der Adoptianismus (die Ansicht, Jesus wäre nur ein Mensch gewesen und nur in dem Sinne „Sohn Gottes“ geworden, dass Gott ihn am Beginn seines öffentlichen Auftretens sozusagen adoptiert hätte, was nicht grundsätzlich verschieden etwa von der Beauftragung eines Propheten gewesen wäre) falsch ist, kommt sie mit dem filioque an – umgekehrt würde eher ein Schuh draus, die Zwei-Naturen-Lehre als Begründung für das filioque. „‚Wenn Jesus Christus durch einen Akt der Gnade der Sohn Gottes wäre und nicht von Natur aus, müßte er sich dem Vater unterwerfen. Doch so zu denken ist Ketzerei und eine Schändlichkeit’ – Johanna zitierte genau aus dem Gedächtnis – , ‚weil der Heilige Geist nicht nur dem Vater entspringt, sondern auch dem Sohne; es gibt nur einen Sohn, und dieser ist kein angenommener Sohn, ‚in utraque natura proprium eum et non adoptivum filium dei confitemur’.’“ (S. 115) Johannas Begründung geht von der falschen Richtung an die Sache heran: Wenn wir zunächst davon ausgehen, dass der Sohn dem Vater wesensgleich (also auch Gott) ist, und dann auch noch davon ausgehen, dass der Heilige Geist, der ja auch noch zur Dreifaltigkeit gehört, aus dem Vater hervorgeht, dann können wir folgern, dass der Heilige Geist, auch aus dem Sohn (filioque, lt. „und dem Sohn“) hervorgeht. Nicht umgekehrt. So war auch die historische Lehrentwicklung: Erst einmal stellte man klar, dass Jesus kein bloßer Mensch war (und auch nicht bloß Gott, der wie bei einer Vision in Gestalt eines Menschen erschienen wäre), sondern wirklich Gott, der wirklich die menschliche Natur angenommen hatte. Danach klärte man die feineren Fragen zum Hervorgehen des Heiligen Geistes. Die Sache mit dem filioque war zu Johannas Zeiten noch umstritten und noch nicht dogmatisch geklärt; die Zwei-Naturen-Lehre war es schon längst.

Auf die Frage zur Begründung der Zwei-Naturen-Lehre muss man andere Antworten finden; verweisen könnte man auf bestimmte Bibelstellen, etwa Selbstaussagen Jesu oder einige Stellen bei Paulus; oder auch auf die Frage, ob denn ein bloßer Mensch für unsere Sünden sühnen könnte. Es gäbe sicher noch einiges mehr, was man sagen könnte, was mir gerade nicht einfällt.

Auch die Art, wie Johanna den Adoptianismus beschreibt („Wobei die Göttlichkeit Christi wiederum dadurch entstanden sein soll, daß er von seinem Vater adoptiert wurde“) ist etwas irreführend. Die Adoptianer betrachteten Christus eben nicht als göttlich, Seinen Status als „Sohn Gottes“ betrachteten sie als durch eine Art Adoption entstanden, wobei dieser Status Ihn aber nicht wirklich göttlich machte. Selbst die irgendwo zwischen Adoptianismus und Katholizismus stehenden Arianer, die Christus ebenfalls Gott unterordneten, ihn aber nicht als bloßen Menschen sahen, sondern als ein vor aller Zeit von Gott geschaffenes oberstes Wesen der jenseitigen Welt, das dann Mensch geworden war (und die dafür auch nicht den Begriff „Adoption“ verwendeten) betrachteten Christus nur als gottähnlich.

(UPDATE: Ich habe hier einen Fehler gemacht. Ich habe mich auf den antiken Adoptianismus bezogen; tatsächlich gab es aber, wie ich inzwischen festgestellt habe, im späten 8. Jahrhundert spanische Theologen, die ebenfalls den Begriff „Adoption“ verwendeten, aber eine andere Lehre vertraten als die antiken Adoptianer. Diese Adoptianer erkannten an, dass Jesus Gott und Mensch war, waren aber der Ansicht, dass er seiner göttlichen Natur nach „filius proprius“ (natürlicher/wesenhafter Sohn) und seiner menschlichen Natur nach „filius adoptivus“ (angenommer Sohn / Adoptivsohn) von Gott dem Vater sei. Die fränkischen Bischöfe verurteilten diese Lehre auf der Synode von Frankfurt von 794, auf der auch zwei päpstliche Gesandte anwesend waren, da sie fanden, dass hier die eine Person Jesu zu sehr getrennt würde. In dem Synodalbrief an die spanischen Bischöfe finden sich folgende Zeilen:

„Es verblieb aber die Person des Sohnes in der heiligen Dreifaltigkeit; zu dieser Person kam die menschliche Natur hinzu, so daß eine Person ist, Gott und Mensch, nicht gotterfüllter Mensch und vermenschlichter Gott, sondern Gott Mensch und Mensch Gott: wegen der Einheit der Person ein Sohn Gottes und derselbe Sohn des Menschen, vollkommener Gott, vollkommener Mensch.“

(Das Zitat stammt aus dem „Denzinger“ (dem von Heinrich Denzinger herausgegebenen „Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“) – der sich übrigens hier auf Google Books findet, für die, die es selbst nachlesen möchten. Da findet sich auch Johannas lateinisches Zitat, das aus dem Glaubensbekenntnis der Synode von Friaul stammt, die sich zwei oder drei Jahre später demselben Thema widmete. Dort heißt es auch: „Und die menschliche und zeitliche Geburt stand jener göttlichen und zeitlosen Geburt nicht entgegen, sondern in der einen Person Christi Jesu (ist) der wahre Gottes- und der wahre Menschensohn; es ist nicht ein anderer Menschensohn, ein anderer Gottessohn, sondern ein und derselbe ist Gottes- und Menschensohn, in beiden Naturen, nämlich der göttlichen und der menschlichen, wahrer Gott und wahrer Mensch; (er ist) nicht scheinbarer Sohn Gottes, sondern wahrer, nicht adoptierter, sondern eigener, weil er niemals wegen des Menschen, den er angenommen hat, dem Vater fremd war. (…) Und deshalb bekennen wir ihn in beiden Naturen als eigentlichen und nicht als Adoptivsohn Gottes, weil ein und derselbe nach der Annahme des Menschen unvermischbar und untrennbar Gottes- und Menschensohn ist.“)

Mit dem filioque hat das natürlich immer noch nichts zu tun, und Johannas Beschreibung des Adoptianismus ist somit erst recht grundfalsch – für die Adoptianer des 8./9. Jahrhundert bezog sich die Adoption ja nur auf die Menschheit, nicht die Gottheit Jesu; sie hätten nie gesagt, die Göttlichkeit Jesu wäre durch Adoption entstanden. UPDATE ENDE.)

Die Dreifaltigkeitslehre, die Zwei-Naturen-Lehre, und die ihnen entgegengesetzten antiken Häresien sind natürlich eine ziemlich vertrackte und nicht ganz einfach zu erklärende Sache. Was ich damit im Rahmen dieser Rezension nur sagen will: Die Autorin hat sich offenbar eher oberflächliches Wissen angelesen, bei dem sie nicht ganz durchgestiegen ist, und hat einfach gehofft, dass es nicht auffällt und Johanna als unglaublich wissend herüberkommt (welcher ihrer Leser kennt denn auch das Athanasianum oder den Adoptianismus?). So ist das in der Schule oder der Uni ja auch oft. Da verbindet man halt Fachbegriffe, die man auswendig gelernt hat, zu Sätzen, die für den Lehrer oder Dozenten eigentlich schon Sinn ergeben müssten (oder?).

Wie auch immer, weiter im Text. Odo gibt sich überzeugt, Johanna hätte hier nur etwas auswendig gelernt und würde es nachplappern (was, ähem, ja tatsächlich nicht unplausibel ist, bezogen auf die Autorin, die Johanna ihre Worte in den Mund legt).

„‚Aber diese Fähigkeit zur Nachahmung darf nicht mit der wahren Vernunft verwechselt werden, die ihrem ganzen Wesen nach eine rein männliche Eigenschaft ist. Denn, wie allgemein bekannt’, Odos Stimme wurde fester und bekam einen autoritären, herrischen Beiklang, denn nun bewegte er sich auf vertrautem Boden, ‚ist die niedere Stellung der Frau gegenüber dem Manne angeboren.’

‚Warum?’ Johanna kam das Wort über die Lippen, noch ehe ihr bewußt geworden war, überhaupt etwas gesagt zu haben.

Odos schmallippiger Mund verzog sich zu einem häßlichen Lächeln. Er sah aus wie der Fuchs, der das Kaninchen in die Enge getrieben hat. ‚Deine Unwissenheit, Kind, offenbart sich schon in dieser Frage. Denn der heilige Paulus selbst hat es als unumstößliche Wahrheit befunden, daß Frauen dem Manne unterlegen sind, was den körperlichen Entwurf, die Rangfolge und die Willenskraft anbelangt.’

‚Was den körperlichen Entwurf, die Rangfolge und die Willenskraft anbelangt?’ wiederholte Johanna.

‚Jaaa.’ Odo sprach langsam und betont, als würde er zu einem geistig zurückgebliebenen Kind reden. ‚Was den körperlichen Entwurf angeht, weil Gott den Adam zuerst schuf und die Eva später; was die Rangfolge betrifft, weil die Eva erschaffen wurde, um dem Adam als Gesellin und Gespielin zu dienen, und was die Willenskraft anbelangt, weil die Eva der Verführung durch den Teufel nicht widerstehen konnte und von dem Apfel aß.’“ (S. 116)

Johanna ist wagemutig und macht sich daran, allen drei Behauptungen ihre eigenen Argumente entgegenzusetzen:

„‚Wie kann’, sagte sie schließlich, ‚die Frau dem Mann im körperlichen Entwurf unterlegen sein? Denn weil Gott sie als zweite schuf, hat er sie aus Adams Rippe gemacht, wohingegen Adam aus feuchtem Lehm geknetet wurde.’“ (S. 116)

„‚Und was die Rangfolge angeht’, die Worte sprudelten aus Johanna hervor, während ihr der Kopf vor Gedanken schwirrte, als sie die logische Kette ihrer Argumentation zusammenfügte, ‚sollte die Frau dem Mann vorgezogen werden, weil Eva innerhalb des Paradieses erschaffen wurde, Adam aber außerhalb.’“ (S. 117)

„Johanna fand ihre Argumentationskette zu interessant, als daß sie groß darüber nachgedacht hätte, ob es besser gewesen wäre, den Mund zu halten. ‚Und was die Willenskraft betrifft, sollte die Frau als dem Mann überlegen betrachtet werden’ – das war ein starkes Stück; aber nun gab es kein Zurück mehr –, ‚denn Eva aß aus Liebe zum Wissen und zum Lernen von dem Apfel, während Adam nur davon aß, weil Eva ihn gefragt hat, ob er ein Stück haben will.’“ (S. 117)

Ach ja, kennen wir ja von sarkastischen Feministenwebsites. – Ich will nur zum letzten Punkt kurz etwas sagen: Der geht so völlig an der Bibelstelle vorbei, dass man meinen könnte, Johanna hätte sie nie gelesen. Es ging weder Adam noch Eva um ein nobles Streben nach Wissen, sondern die Schlange (d. h. der Teufel) verführte sie dazu, sein zu wollen „wie Gott“. Es ging nicht um einen allgemeinen „Baum der Erkenntnis“, sondern um den „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“, d. h. um den Wunsch, selbst festzulegen, was gut und was böse ist (oder eine andere Auslegung: sie wollten auch das Böse praktisch austesten, nicht nur das Gute, weil sie meinten, Gott enthielte ihnen etwas vor, wenn Er ihnen das Böse verbat).

Im Saal herrscht nach Johannas Rede entsetztes Schweigen, aber Bischof Fulgentius bricht es mit seinem Lachen. Er scheint das Ganze für eine Art großartigen Witz zu halten. Er nimmt Johanna auf die Domschule auf, und ihren Bruder mit ihr, ohne ihn irgendwie zu prüfen. Odo ist freilich immer noch zornig und Johanna denkt wieder an etwas, das Aeskulapius ihr bei ihrem Gespräch über Hexenprozesse gesagt hat: „Manche Gedanken sind gefährlich.“ (S. 117)

Dann kommt die Frage auf, wo Johanna untergebracht werden soll; Johannes soll bei den anderen Jungen in der Schule wohnen, aber sie als Mädchen? Da bietet ein freundlicher rothaariger Ritter namens Gerold, der ebenfalls an der Tafel sitzt, an, sie bei sich aufzunehmen; sie könnte seinen Töchtern Gesellschaft leisten. Gerold ist ein junger Markgraf, der ein paar Kilometer außerhalb von Dorstadt auf einem großen Gut namens Villaris lebt. Auf dem Weg dorthin erklärt er Johanna etwas über den Bischof: „Er hat Amt und Würden von seinem Onkel geerbt, seinem Vorgänger auf dem Bischofsstuhl. Fulgentius hat nie die Priesterweihe empfangen, und er versucht auch gar nicht erst, sich den Anschein von Tugendhaftigkeit zu geben, wie du gewiß bemerkt hast. Aber du wirst schon noch erkennen, daß er ein tüchtiger Mann in seinem Amt ist und ein guter Mann dazu. Er bewundert die Gelehrsamkeit, wenngleich er selbst kein Gelehrter ist.“ (S. 121f.) Der hier getätigten Aussage, Fulgentius habe nie die Priesterweihe empfangen, steht allerdings die Tatsache entgegen, dass er in den kommenden Kapiteln mehrmals die Messe liest; die Autorin kann sich wirklich nichts merken, was sie geschrieben hat. Soweit ich weiß, kamen solche Fälle, in denen ein Adeliger sich den Titel und das Einkommen eines Bischofspostens sicherte, aber nicht Bischof wurde (oder zumindest nicht gleich Bischof wurde), auch eher in der Frühen Neuzeit als im Frühmittelalter vor.

Gerold nimmt die inzwischen zwölf Jahre alte Johanna also in seinem Haus auf, bei seiner kalten, unsympathischen Gattin Richild, mit der er seit langem nicht mehr in einem Bett schläft, und seinen beiden netten Töchtern Gisla und Dhuoda, die ein Jahr älter bzw. drei oder vier Jahre jünger als Johanna sind. Gerolds Alter wird übrigens ca. ein Jahr später, als Johanna dreizehn und Gisla vierzehn ist, mit siebenundzwanzig angegeben. Das heißt, er müsste dreizehn Jahre alt gewesen sein, als Gisla geboren wurde, und zwölf, als er sie gezeugt hat. Entweder kann die Autorin nicht rechnen oder sie hat keine Ahnung von Biologie; beide Alternativen sind wenig schmeichelhaft. Als Johanna Gerold kennenlernt, schätzt sie ihn sogar erst auf fünfundzwanzig.

Zu Gerold und der ziemlich kranken Geschichte, die sich zwischen ihm und Johanna entwickelt, dann im nächsten Teil; jetzt erst einmal dazu, wie es Johanna an der Domschule ergeht.

Kurz gesagt so, wie es zu erwarten war: Sie genießt das Lernen, die anderen Jungen ärgern sie, ihr Bruder macht dabei mit, und Odo hat es auf sie abgesehen und lässt sie für angeblich zu unrunde Buchstaben 1 Timotheus 2,11-14 fünfundzwanzigmal abschreiben: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Daß eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen und danach Eva. Und nicht Adam ließ sich verführen, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.“ (S. 128) Noch eine Bibelstelle abgehakt, bald sind wir wohl durch. Johanna erträgt alles standhaft, was auch sonst.

An der Schule lernen die Jungen übrigens auch den Schwertkampf, was keinen rechten Sinn macht. An Domschulen wurden Jungen dafür ausgebildet, Kleriker zu werden, und Kleriker hatten nicht mit der Waffe zu kämpfen; wer wollte, dass sein Sohn Ritter wurde, ließ ihn Page und dann Knappe an einem fremden Hof werden. (Und wer wollte, dass seine Tochter eine gute Bildung erhielt, schickte sie in ein Nonnenkloster oder holte ihr einen Hauslehrer; Domschulen waren keine Orte der allgemeinen kostenlosen Talentförderung.)

Gerold wird weiterhin als sehr freundlich dargestellt, und einmal beschützt er Johanna vor ihren Mitschülern. Ein anderes Mal unterhält er sich mit ihr über ihre Studien, und diese Szene möchte ich näher anschauen, da sie das Absurdeste ist, was die Autorin bisher geschrieben hat.

Johanna erzählt ihm von einem Vorfall an der Domschule. In der Gegend wurde eine trächtige weiße Wölfin gesichtet, die im Winter zuvor Reisende angegriffen und ein kleines Kind getötet hat; nun soll eine Jagd auf sie stattfinden. Odo jedoch sei gegen diese Jagd, weil ein weißer Wolf ein heiliges Tier, eine „lebendige Manifestation der Auferstehung Christi“ (S. 135) sei. Diese Darstellung ist gar nicht mal abwegig; im Mittelalter betrachtete man so manche seltenen Tiere, auch etwa weiße Hirsche, als wundersame Wesen und Zeichen für Christus und dichtete ihnen alle möglichen fantastischen Verhaltensweisen an:

„Johanna fuhr fort: ‚Die Jungen eines weißen Wolfes werden tot geboren, hat Odo gesagt. Der Vater muß die Kleinen binnen dreier Tage zum Leben erwecken, indem er sie ableckt. Es ist ein so seltenes und heiliges Wunder, sagte Odo, daß kein Mensch es je gesehen hat.’

‚Und was hast du dazu gesagt?’ fragte Gerold. Er kannte Johanna inzwischen gut genug, um zu wissen, wann sie sich zu Wort gemeldet hatte und wann nicht.

‚Ich habe ihn gefragt, wie man von diesem Wunder wissen kann, wenn es noch nie jemand gesehen hat.’

Gerold lachte laut auf. ‚Ich gehe jede Wette ein, daß unserem braven Schulmeister diese Frage ganz und gar nicht gefallen hat.’

‚Stimmt. Sie ist nicht statthaft hat er gesagt. Und unlogisch noch dazu. Denn obwohl kein Mensch die Auferstehung Christi mit eigenen Augen gesehen hat, zweifelt niemand daran, daß sie stattgefunden hat.’

Gerold legte Johanna die Hand auf die Schulter. ‚Mach dir nichts daraus, Kind.’

Für kurze Zeit trat Stille ein, so, als würde Johanna abwägen, ob sie noch irgend etwas sagen sollte oder nicht. Schließlich schaute sie Gerold forschend an, und auf ihrem jungen Gesicht lag ein Ausdruck von tiefem Ernst. ‚Wie können wir uns denn sicher sein, daß die Auferstehung sich tatsächlich ereignet hat? Wo doch niemand sie beobachtet hat?’“ (S. 135f.)

Doch. Doch, das steht da wirklich. Ich meine, man könnte es eventuell noch so hinbiegen, dass der weitere Text Sinn macht. Wenn es so weitergehen würde, dass Gerold, besorgt um Johannas extremen Gedächtnisverlust und ihren verwirrten Geisteszustand, sie sofort ins nächste Spital bringt oder so.

Der erste Text, den Johanna in ihrem Leben zusammen mit ihrem Bruder Matthias gelesen hat, ist das Johannesevangelium, und inzwischen sollte sie die Bibel – das Neue Testament ganz sicher – in- und auswendig kennen. Sie kennt die Texte von den Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus – wie Maria von Magdala ans leere Grab kam und Ihn dann im Garten traf, wie Er kurz darauf in die Mitte seiner ängstlichen und verwirrten Jünger trat, wie Thomas, der nicht dabei war, ihnen nicht glaubte und sagte, er würde erst glauben, wenn er Jesus selbst sehen und seine Wunden berühren könnte, wie Jesus dann wiederkam und Thomas seine Wunden berühren konnte… Johanna muss die Geschichte der Jünger auf dem Weg nach Emmaus kennen, die Begegnung am See von Genezareth, wo Jesus Petrus aufträgt: „Weide meine Schafe!“, und die Stelle in 1 Korinther 15, wo Paulus von diesen Begegnungen schreibt und erwähnt, dass Jesus einmal sogar „mehr als fünfhundert Brüdern zugleich“ erschienen sei. Johanna weiß von etlichen Zeugen, die berichteten, dass ein Toter, der ins Grab gelegt worden war, wieder lebendig vor ihnen stand; aber offenbar haben wir keine Möglichkeit, daraus zu schließen, dass eine Auferstehung stattgefunden hat. What the fuck.

Hier halte ich Donna W. Cross kein Unwissen zugute: Dafür hat sie sich genug oberflächliches Bibelwissen angelesen. Sie lügt. Und das Problem ist: Sie wird mit ihren an sich sehr leicht zu durchschauenden Lügen, die einzig und allein dazu dienen, Christen als leichtgläubige Idioten und ihre Religion als widervernünftig darzustellen, bei vielen ihrer Leser durchkommen. Viele ihrer Leser haben nichts, was annähernd an die Bildung heranreicht, die Johanna besitzen soll, und haben wohl nie eine Bibel aufgeschlagen. Viele ihrer Leser sind in Bezug auf die Bibel und die Kirche so ahnungslos, dass sie ihr jedes Wort über den christlichen Glauben abnehmen werden, das in ihrem Buch steht. Es ist eine Schande, wie sie mit ihrer Propaganda auf das Unwissen der Leute zählen kann.

Die Szene geht damit weiter, dass Gerold Johanna erklärt, dass man manche Fragen eben nicht stellen dürfe. Hier wird auch seine religiöse Einstellung näher beschrieben: „Wie die meisten Adeligen in diesem nördlichen Teil des Kaiserreiches – Männer, die während der Regierungszeit des alten Kaisers Karl, der an bestimmten überkommenen Bräuchen festgehalten hatte, zu erwachsenen Männern geworden waren – war Gerold nur im weitesten Sinne ein Christ. Er besuchte die Messe, gab Almosen und achtete auf die Einhaltung der Sonntage, der kirchlichen Feste und der christlichen Gebräuche. Er befolgte jene Lehren der Kirchendoktrin, die ihm bei der Ausübung seiner herrschaftlichen Rechte und Pflichten nicht ins Gehege kamen; die übrigen aber beachtete er gar nicht erst.“ (S. 136) Nennt man so jemanden nicht Heuchler?

Johanna wird dann aus Gerolds Sicht folgendermaßen beschrieben: „Johannas große graugrüne Augen, die so viel tiefer und klüger blicken konnten als die anderer Kinder, waren forschend auf ihn gerichtet. Die Augen einer Heidin, ging es Gerold durch den Kopf. Augen, die dieses Mädchen weder vor Gott noch vor irgendeinem Menschen niederschlagen würde.“ (S. 137) Was wieder mal zeigt, dass Donna W. Cross keine Ahnung vom Heidentum hat: Den Heiden war die Tugend der pietas, der Ehrfurcht vor den Göttern, sehr wichtig; ebenso wie die Achtung vor Ahnen und Familienoberhäuptern. Sie waren keine Atheisten. Und inwiefern soll Ehrfurchtslosigkeit vor dem vollkommen guten und allwissenden Schöpfer denn etwas Positives sein? Vor dem, der mir meine ganze Existenz gegeben hat und mich besser kennt als ich mich selbst – wie könnte ich vor dem nicht die Augen niederschlagen?

Jedenfalls warnt Gerold Johanna davor, dass, wenn sie mit solchen Fragen weitermache, diese sie sogar ihr Leben kosten könnten. Er erzählt ihr von einer Gruppe langobardischer Sabellianer, die ein paar Jahre zuvor als Reisende in die Gegend kamen und die die Leute beschuldigten, einen Hagelschauer herbeigehext zu haben. „‚Fulgentius hat versucht, die Leute zu verteidigen. Doch sie wurden verhört, und man befand ihre Gedanken als ketzerisch. Gedanken, Johanna’, er schaute sie mit ruhigem Blick an, ‚die nicht allzuweit von der Frage entfernt sind, die du heute Odo gestellt hast.“ (S. 139) Zum Hexenglauben habe ich mich schon im vorigen Teil geäußert, und die Todesstrafe für Ketzerei wurde erst im Hochmittelalter eingeführt; in der Realität hätte es einem Bischof also gelingen sollen, einen solchen Gewaltausbruch zu verhindern. Und was man auch gegen die Sabellianer sagen kann, sie wären sicher nicht auf die Idee gekommen, wie Odo und Johanna zu behaupten, es gäbe keine Zeugen für die Auferstehung. Sabellius – hier als „Sabellus“ bezeichnet – vertrat schlichtweg eine Form des Modalismus; nach dieser Lehre besteht Gott nicht wirklich aus drei verschiedenen Personen, sondern Vater, Sohn und Heiliger sind nur drei Erscheinungsformen von Gott. Ja, ja, ich weiß, reale Ketzereien klingen wesentlich langweiliger, als man es beim Wort „Ketzerei“ erwartet.

That’s modalism, Patrick!

Am Ende sagt Gerold zu ihr, sie würden sich später am Abend noch über die Frage nach der Auferstehung unterhalten; aber tatsächlich kommt dieses Gespräch nicht mehr vor. Hat eigentlich niemand das Manuskript probegelesen?

Am Ende noch zu einem weiteren Punkt: In einem der oben zitierten Absätze wird ja hervorgehoben, wie erwachsen und ernst Johanna sei, wie anders als andere Kinder. Das ist nicht die erste solche Stelle. Und sie ist so typisch: Roman- und Drehbuchautoren scheinen ständig zu meinen, aus ganz normalen, durchschnittlichen Menschen, die von sich aus weder überdurchschnittliche Talente noch überdurchschnittliche Tugenden haben und auch nicht von der Gesellschaft als Außenseiter abgestempelt werden, könne man keine Helden machen. (Ein ganz wunderbares Buch, in dem das anders ist, wäre übrigens der historische Roman „Come Rack! Come Rope!“ von Robert Hugh Benson. Sehr empfehlenswert.)

Es wird auch immer wieder herausgestellt, wie anders als andere Mädchen Johanna ist. Schon die Mädchen in Ingelheim konnten nichts mit ihr anfangen, und auch die in Dorstadt gehen ihr aus dem Weg. „Sie betrachteten Johanna mit Argwohn, beteiligten sie nicht an ihren Spielen und erzählten ihr nicht den neuesten Klatsch und Tratsch.“ (S. 143) So frauenfreundlich, wie die Autorin meint, ist ihr Buch eigentlich gar nicht: Die meisten Frauen und Mädchen in der von ihr konstruierten Welt interessieren sich nur für Klatsch und Tratsch und schöne Kleider und Ehemänner, was natürlich alles unter dem Niveau der hochbegabten, außergewöhnlichen Johanna ist. Gerolds Tochter Gisla zum Beispiel wird an späteren Stellen als albern, einfältig und oberflächlich bezeichnet, weil sie jedes Mal kichert, wenn von dem Mann die Rede ist, dem sie versprochen ist, und weil sie unbedingt über ihr Hochzeitskleid reden will. Leute! Das Mädel ist vierzehn! Vierzehnjährige dürfen sich für Kleider begeistern (auch wenn das im Idealfall noch nicht die Hochzeitskleider sein sollten). Ich meine, ich war auch mal die Streberin ohne viel Modegespür (und habe mir auch bisschen was aufs Anderssein eingebildet), aber irgendwann will man dann doch auch mal zumindest ein bisschen hübsch aussehen, und daran ist nichts Schlimmes; im Gegenteil, es ist harmlos und normal. Natürlich gibt es oberflächliche Menschen, die sich fast nur für eigentlich unwichtige Dinge interessieren, und auf die ein- oder andere Weise sind wohl viele Menschen ab und an oberflächlich; trotzdem generalisiert die Autorin hier sehr.

Die anderen Mädchen in Donna W. Cross‘ Welt stellen, anders als Johanna, auch keine tiefergehenden Fragen, begehren nicht auf, und sind zufrieden mit ihrem Leben. „Die anderen Mädchen im Dorf [Ingelheim] interessierten sich nicht für solche Dinge. Sie waren es zufrieden, die Zeit durchzuhalten, die eine heilige Messe dauerte, ohne daß sie einziges Wort verstanden. Sie akzeptierten, was ihnen gesagt wurde, und schauten nicht nach vorn. Sie träumten von einem guten Ehemann – womit sie einen Mann meinten, der sie freundlich behandelte und sie nicht prügelte – , und einem kleinen Stück Ackerland; sie spürten kein inneres Verlangen, das sie über die sichere und vertraute Welt des Dorfes hinausführte. Sie waren für Johanna so unerklärlich, wie Johanna es für sie war.“ (S. 50f.) Nein: Es ist einfach falsch, zu behaupten, die meisten Menschen würden sich nie für religiöse Fragen interessieren; gerade für diese Zeit ist es falsch. Die Mädchen von Ingelheim waren mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bereits vom Tod eines Geschwisterkindes oder Elternteils betroffen, da macht man sich sehr wohl Gedanken darüber, was die Messe, die für die Toten gelesen wird, eigentlich bedeutet. Und jeder Mensch interessiert sich irgendwann einmal für andere Dinge als das Alltägliche; auch dann, wenn er oder sie die allgemein akzeptierten Antworten auf seine Fragen einfach hinnimmt. Und was hat Johanna gegen ein ruhiges Leben, die vertraute Heimat und ein kleines Stück Ackerland? Zudem sollte klar sein: Für die meisten Bauernmädchen dieser Zeit war es auch nicht besonders realistisch, über ihre nähere Umgebung hinauszukommen. Das nennt sich Armut und ist nicht moralisch verwerflich. Ein moralisch guter Mensch kann man auch in einem kleinen Dorf sein, ohne je darüber hinauszuschauen; und eine große Gelehrte zu werden, ist keine moralische Verpflichtung.

Johanna ist hier jedenfalls keine Repräsentantin ihres Geschlechts, die zeigt, dass auch Frauen denken und lernen können, sondern ein extrem seltener Ausnahmefall, eine Art Laune der Natur – wie gesagt, doch keine ganz so feministische Aussage wie beabsichtigt.

Ihre Glaubwürdigkeit als feministische Ikone muss, wie sollte es anders sein, dann auch noch dadurch herausgestellt werden, dass sie ungeschickt bei Nadelarbeiten ist. Hier folgt die Autorin nur den Konventionen des Genres; immerhin haben geschätzte 90% aller historischen Frauenromane eine Protagonistin, die nicht sticken kann. Dabei ist Sticken das einfachste von der Welt. Man zieht eine Nadel durch ein Stück Stoff und zählt dabei die Löcher ab – komplizierter wird’s nicht. Da ist ja noch Stricken schwieriger. „Mehr als einmal hatte Richild sich wegen Johannas Unbeholfenheit mit der Nagel bei ihrem Mann beklagt; Gerold selbst hatte die verzweifelten Bemühungen des Mädchens beobachtet, ihre widerspenstigen Finger zum Gehorsam zu zwingen, und er hatte die kläglichen Ergebnisse ihrer Bemühungen gesehen.“ (S. 137) Was soll dieser Unsinn? Einige Zeit vorher hat Aeskulapius Johanna noch dafür gelobt, dass ihre Buchstaben kleiner und ordentlicher sind als die ihres Bruders; hat sie also geschickte Finger oder nicht? Sticken ist sehr viel einfacher als Schönschrift.

Damit jedenfalls wäre ich am Ende der heutigen Leseetappe – beim nächsten Mal dann zu Johannas Verliebtheit in Gerold, die sich bereits zeigt…

 

* Spontan ausgedachte Titel, aber vermutlich gibt es sie wirklich irgendwo.

4 Gedanken zu “Die Päpstin, Teil 2: Johanna leidet an Amnesie und Donna W. Cross kann nicht rechnen

  1. Oh wow, das haut ja rein. Was für ein Scheiß.

    Nur das hier:
    >>Am Ende sagt Gerold zu ihr, sie würden sich später am Abend noch über die Frage nach der Auferstehung unterhalten; aber tatsächlich kommt dieses Gespräch nicht mehr vor. Hat eigentlich niemand das Manuskript probegelesen

    halte ich für keinen Lektorierfehler, wenn auch aller Wahrscheinlichkeit nach für eine hochanachronistische Vorgehensweise.

    „Da reden wir später mal darüber“ war nämlich z. B. auch der typische Ausweichsatz meiner Grundschul-Religionslehrerin, wenn sie bestimmte Diskussionen gerade nicht führen wollte; wobei „später“ durchaus auch „der Religionslehrer am Gymnasium in der Oberstufe dann“ bedeuten konnte. (Okay vielleicht übertreibe ich etwas.)

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    1. Ich habe es vielleicht schlecht beschrieben. Gerold sagt ausdrücklich zu Johanna, er würde ihr sagen, was er darüber denkt – aber nicht jetzt, jetzt muss er sich erst um sein Pferd kümmern, sie soll dann vor der Vesper zu ihm kommen. Und nach dem Ende der Szene geht es dann weiter mit „Der Winter kam ins Land…“

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  2. Übrigens: daß Bischöfe im Frühmittelalter Eminenz genannt wurden, war mir neu, ich hätte jetzt eher auf „Herr Bischof“ bzw. „mein Herr“ (entsprechend dem engl. Your Lordship) oder vielleicht auch Seine Gnaden getippt.

    Immerhin: die Gewährung der „Eminenz“ an alle und nur die Kardinäle (okay, und den Großmeister der Malteser) stammt aus der Zeit um 1630 durch ausdrückliches päpstliches Dekret, vorher waren sie „durchlauchtigste Exzellenz“ – dieses Wissen stammt aus den „Verlobten“ von Manzoni, aber dem traue ich da etwas Recherche zu -, was natürlich damit vereinbar sein *könnte*, daß Eminenz *vorher* ein niederrangigerer Titel als Exzellenz gewesen sein könnte.

    Die Gewährung der „Exzellenz“ an alle Bischöfe ohne Ausnahme stammt aus den 1930er Jahren durch päpstliches Dekret, vorher waren sie „Euer Gnaden“ (in England nur die Erzbischöfe), „Euer Lordschaft“ (in England, und bis heute), „Euer Größe“ (auf französisch und lateinisch) und „Euer Erlaucht“ (bzw. eigentlich „der erlauchteste und hochwürdigste Herr“). „Exzellenz“, damals anscheinend als höherrangiger Titel als alles das geltend, wurde teilweise – in Italien – freihändig geführt, bevor der Papst es allen Bischöfen gewährte, stand aber von Rechts wegen allen Kardinälen (von der Eminenz aber verdrängt), Patriarchen, Nuntii und Legati nati zu, ferner als hochrangigste Staatsauszeichnung außerhalb der Adelsprädikate den Bischöfen, die das Prädikat vom *Staat* erhalten hatten (in Deutschland bis zu dem erwähnten Dekret auch strikt auf sie beschränkt).

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