Die Päpstin, Teil 5: Die Autorin kennt das Wort „Nonne“!

Als Johanna in dem Boot gefunden wird, ist sie so krank, dass sie gar nicht mitbekommt, wer genau sie findet; erst eine Woche später wacht sie wieder in einem wohlhabend eingerichteten Raum bei einem jungen Ehepaar mit einer kleinen Tochter auf. Glücklicherweise stellt sich heraus, dass der junge Mann Arn ist, Magaldis’ ältester Sohn, der dank Johanna einige Jahre in der Klosterschule verbracht hat und inzwischen Gutsverwalter bei einem Grafen ist. Arn ist ihr immer noch zutiefst dankbar für das, was sie für ihn getan hat. Seine Mutter ist durch den Verkauf ihres speziellen Schimmelkäses, den Johanna damals vor ein paar Jahren dem Kloster empfohlen hat, inzwischen wieder zu Wohlstand gelangt und hat außerdem in zweiter Ehe einen wohlhabenden Bauern geheiratet. Arn und seine Frau Bona pflegen Johanna gesund; sie haben, als sie sie versorgt haben, natürlich entdeckt, dass sie eine Frau ist, aber beide scheinen ihr ihre Verkleidung nicht im Geringsten übel zu nehmen:

„‚Demnach wissen die Brüder immer noch nicht, daß Ihr eine Frau seid’, sagte Arn nachdenklich, als Johanna geendet hatte. ‚Wir dachten schon, daß man Eure wahre Identität entdeckt hat und daß Ihr deshalb fliehen mußtet. – Möchtet Ihr denn ins Kloster zurück? Ich würde Euch diese Möglichkeit niemals versperren. Eher würde ich auf der Folterbank sterben, als daß jemand auch nur ein Wort über Euer Geheimnis aus mir herausbekommt!’

Johanna lächelte. Arns männlichem Erscheinungsbild zum Trotz hatte er noch sehr viel von dem kleinen Jungen, als den sie ihn gekannt hatte.

‚Zum Glück’, sagte sie, ‚gibt es keinen Grund für ein solches Opfer. Ich bin rechtzeitig entkommen, und die Bruderschaft hat keinen Grund, mich zu verdächtigen. Aber… ich weiß nicht, ob ich ins Kloster zurückkehren möchte.’“ (S. 323)

Johanna verbringt einige Zeit bei Arn und Bona und ihrer kleinen Tochter Arnalda, der sie Unterricht erteilt. Sie will eigentlich nicht ins Kloster zurück; da ist die bleibende Gefahr, dass die anderen Mönche irgendwann ihre Identität entdecken könnten, und da ist Abt Rabanus:

„Er hatte ihr schon Probleme genug bereitet – und Gott allein wußte, welche Schwierigkeiten und Strafen sie noch erwarteten, falls sie ins Fuldaer Kloster zurückkehrte.

Außerdem drängte es Johanna nach Veränderung, nach neuen Ufern. In der Klosterbibliothek zu Fulda gab es kein Buch, das sie nicht schon gelesen hatte. Sie kannte jeden noch so kleinen Riß in der Wand des Schlafsaals. Und es lag Jahre zurück, daß sie morgens mit dem herrlichen Gefühl gespannter Erwartung erwacht war, daß irgend etwas Neues und Interessantes geschah. Sie sehnte sich danach, eine größere, weitere Welt zu erforschen.“ (S. 324f.)

Den Gedanken, zu Gerold zu gehen, verwirft sie: „Bestimmt war Gerold wieder verheiratet, und da wäre ihm ihr plötzliches Wiederauftauchen alles andere als willkommen. Außerdem hatte sie vor langer Zeit ein anderes Leben für sich selbst gewählt – ein Leben, in dem für die Liebe eines Mannes kein Platz war.“ (S. 325)

Ich möchte kurz daran erinnern, dass Johanna in einem Benediktinerkloster sowohl das Gelübde der Enthaltsamkeit als auch das Gelübde der stabilitas loci (Ortsbeständigkeit) abgelegt hat; sie hat sowohl geschworen, ehelos zu leben, als auch, ihr Leben lang in diesem Kloster zu bleiben.

Nachdem sie sich von ihrer Krankheit erholt hat, bietet Arn ihr an, dass sie auf dem Gut bei seiner Familie bleiben könnte – entweder als Frau oder in ihrer Verkleidung –, aber Johanna lehnt ab. Sie will stattdessen auf eine Pilgerreise nach Rom gehen; wir kommen dem Zielpunkt des Buches also allmählich näher. Zum Abschied schenkt sie der wissbegierigen kleinen Arnalda ihren Anhänger mit dem Bild der heiligen Katharina.

Es geht im Jahr 844 in Rom am päpstlichen Hof weiter. Anastasius, der ebenso wie Johanna inzwischen dreißig Jahre alt ist, hat sich weiter die Karrieleiter hoch gearbeitet und schreibt außerdem an einem großen Werk über das Wirken der Päpste, dem Liber Pontificalis. (Dazu, was an Anastasius’ Leben historisch richtig ist, in einem späteren Teil.) Papst Gregor IV. liegt auf dem Sterbebett und Anastasius’ Vater hat bereits durch „eine geschickte Verbindung von Diplomatie, Bestechung und Drohung“ (S. 332) arrangiert, wer zum nächsten Papst gewählt werden soll: Ein Kardinal namens Sergius, „der schwache und korrupte Abkömmling einer adeligen römischen Familie“ (ebd.). Der Plan ist, dass Sergius Anastasius später zum Bischof von Castellum ernennen soll, sodass der bei der nächsten Papstwahl, wenn er das Mindestalter erreicht hat, auf den Stuhl Petri aufsteigen kann.

Johanna lebt derweil in Borgo, dem römischen Viertel der Ausländer, an der Scola Anglorum, liest in der dazugehörigen Kirche die Messe, praktiziert im dazugehörigen Hospital als Arzt, und studiert in der Bibliothek die Bücher. Ihre Dienste als Arzt sind in Rom gefragt, „zumal die medizinische Wissenschaft nirgendwo sonst auf der Welt so weit fortgeschritten war wie im Frankenreich“ (S. 336). Aha. Ich hätte eher auf Byzanz oder so getippt. Sie führt jedenfalls ein angenehmes, ungebundenes Leben, das perfekt zu ihr passt.

Doch dann wird Papst Sergius krank.

Die römischen Ärzte sind alle einfach blöd (natürlich), und behandeln ihn nur mit Reliquien, Gebeten, Aderlässen und Brechmitteln, ohne dass sie ihm damit helfen können. Nun sind da zwei Männer, die aus unterschiedlichen Gründen nicht wollen, dass Sergius schon stirbt: Anastasius, der noch immer nicht das Mindestalter für die eigene Wahl zum Papst erreicht hat, und Benedikt, Sergius’ intriganter Bruder, der sich seit Sergius’ Wahl viel Macht an der Kurie hat verschaffen können. Anastasius schlägt Benedikt also vor, diesen ausländischen Arzt Johannes Anglicus kommen zu lassen, von dem man in Rom so viel hört, und so wird Johanna zu Sergius gerufen. Sie erkennt, dass er an der Gicht leidet, gibt ihm ein Heilmittel und verordnet ihm eine strenge Diät, und bald bessert sich sein Zustand.

Sergius ist meiner Ansicht nach die erste erträgliche Figur in diesem Roman. Er ist ein Papst, der sein Amt eigentlich gut ausfüllen will, sich aber leicht von seinem machtgierigen Bruder ausnützen und beiseitedrängen lässt; ihm ist die Keuschheit sehr wichtig, aber dafür verfällt er immer wieder der Völlerei, was ihm große Gewissensbisse verursacht; er kann mal aufbrausend sein, ist aber insgesamt vernünftig und freundlich. Johanna, die zu seinem Leibarzt ernannt wird, nimmt ihn als „gespaltenen Geist“ wahr: „Johanna erkannte bald, daß zwei Seelen in Sergius’ Brust wohnten – die eines zügellosen, vulgären und gemeinen Flegels und die eines kultivierten, intelligenten und freundlichen Mannes. (…) Doch in seinem Fall war es der Wein, der die Spaltung und Verwandlung hervorrief. In nüchternem Zustand war der Heilige Vater sanft und freundlich; hatte er jedoch getrunken, wurde er zu einem wahren Teufel.“ (S. 354)

Eine Stelle ist hier ganz interessant. Während Johanna das erste Mal bei Sergius ist, fragt er sie nach ihrem Beinamen, und sie erzählt ihm, dass ihr Vater aus England stammt und Missionar bei den Sachsen war:

„‚Die Sachsen.’ Sergius machte ein finsteres Gesicht. ‚Ein gottloses Volk.’

Mutter. In Johanna stieg die altvertraute Woge aus Liebe, Zärtlichkeit und Trauer auf. ‚Die meisten Sachsen sind jetzt Christen’, sagte sie herb, ‚jedenfalls, soweit man Menschen mit Feuer und Schwert vom wahren Glauben überzeugen kann.’

Sergius betrachtete sie mit scharfem Blick. ‚Seid Ihr etwa nicht der Meinung, daß die Kirche den Auftrag hat, die Heiden zu bekehren?’

‚Welchen Wert hat ein Versprechen, wenn es unter Zwang gegeben wurde? Wenn ein Mensch gefoltert wird, kann es sein, daß er alles sagt, was seine Peiniger hören wollen, nur um den Qualen ein Ende zu machen.’

‚Das ändert nichts daran, daß unser Herr Jesus uns geboten hat, in Frieden hinzugehen, allen Völkern im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes die frohe Botschaft zu verkünden und die Menschen zu taufen.’

‚Das stimmt’, räumte Johanna ein. ‚Aber…’ Sie hielt inne. Du tust es schon wieder! schalt sie sich. Wieder einmal ließ sie sich in ein unvernünftiges, unter Umständen gefährliches Streitgespräch verwickeln. Und diesmal mit keinem Geringerem als dem Papst.

‚Ja?’ sagte Sergius. ‚Nur weiter.’

‚Verzeiht mir, Heiligkeit. Eure Gesundheit ist noch angeschlagen.’

‚Nicht so sehr, daß ich keinen vernünftigen Gedanken fassen könnte’, erwiderte Sergius ungeduldig. ‚Sprecht weiter.’

‚Na ja’, Johanna wählte ihre Worte mit Bedacht, ‚bedenkt einmal die Reihenfolge des Gebots, das Jesus erteilt hat. Zuerst die Völker lehren und dann taufen. Christus hat uns nicht dazu ermahnt, das Sakrament der Taufe zu spenden, bevor der Glaube wahrhaftig in den Herzen der Menschen ist. Und bei Jesus ist von Feuer und Schwert als Instrumenten der Bekehrung und Mission nicht die Rede.’

Sergius betrachtete Johanna interessiert. ‚Ihr argumentiert geschickt. Wo habt Ihr studiert?’“ (S. 351)

Meine Güte! Als ob es für einen mittelalterlichen Theologen originell gewesen wäre, gegen Zwangsbekehrungen zu sein. Als ob der selige Alkuin gegenüber Karl dem Großen nicht dasselbe gesagt hätte. Als ob einer von Sergius’ Nachfolgern, Nikolaus I., nicht im Jahr 866 an die Bulgaren geschrieben hätte:

„In bezug auf diejenigen aber, die sich weigern, das Gut des Christentums anzunehmen, […] können Wir Euch nichts anderes schreiben, als daß Ihr sie zum rechten Glauben mehr durch Ermahnungen, Ermunterungen und Belehrung als durch Gewalt überzeugen sollt, daß sie eitel denken. […] Ferner darf ihnen, damit sie glauben, keinesfalls Gewalt angetan werden. Denn alles, was nicht aus eigener Absicht kommt, kann nicht gut sein [angeführt wird Ps 54,8; 119,108; 28,7]; Gott gebietet nämlich, daß freiwilliger Gehorsam, und nur von Freiwilligen geleistet werde: Denn hätte er Gewalt anwenden wollen, hätte seiner Allmacht keiner widerstehen können.“ (Papst Nikolaus’ Brief an die Bulgaren ist übrigens eine wahre Fundgrube: Darin spricht er sich z. B. auch gegen die Folter aus und erklärt, dass eine Ehe nur durch das Einverständnis von Braut und Bräutigam zustande kommt.)

Als ob die Ablehnung von Zwangstaufen im 9. Jahrhundert irgendetwas Neues, Unkonventionelles, potentiell Ketzerisches gewesen wäre!

Als es Sergius besser geht, animiert Johanna ihn, wieder selbst den Versammlungen des päpstlichen Hofes vorzustehen, statt diese Aufgabe Benedikt zu überlassen. Dabei wirft Sergius Benedikts korrupte Geschäfte durcheinander: Da ist etwa ein Kaufmann namens Mamertus, der ein altes, heruntergekommenes Waisenhaus nahe dem Lateran renovieren und zur Pilgerherberge umfunktionieren will; er hat Benedikt schon eine großzügige „Spende“ gegeben, damit er die Waisen hinauswerfen und das Gebäude bekommen kann; Sergius entscheidet jedoch, dass die Waisen bleiben sollen und das Waisenhaus mithilfe von Mamertus Spende für sie wieder instand gesetzt wird. Dabei scheint die Autorin zu glauben, bei Pilgerherbergen handle es sich um großen Gewinn abwerfende Luxushotels; so lässt sie Mamertus sagen: „Aber die neue Pilger-Unterkunft würde zum Stolz Roms, Heiligkeit! Jeder Graf, jeder Herzog, ja, selbst Kaiser und Könige würden dort mit Freuden schlafen!“ (S. 357)

Benedikt jedenfalls ist ganz und gar nicht mehr angetan von diesem neuen Leibarzt seines Bruders, der ihm seine Geschäfte zunichte macht, und schmiedet Pläne, ihn loszuwerden. Johanna wird bald darauf zu einer reichen jungen Dame in Trastevere gerufen, die angeblich krank sei. Zunächst wundert sie sich nicht; ihre Dienste sind im römischen Adel inzwischen sehr gefragt. Doch als sie zu ihrer Patientin, einer sehr attraktiven jungen Frau namens Marioza, kommt, ist diese kerngesund und versucht, sie zu verführen. Als ihre Bemühungen ohne Erfolg bleiben, reißt sie kurzerhand ihr Kleid auf, packt Johanna und drückt deren Kopf an ihre Brust, und im selben Moment stürmen päpstliche Gardisten herein, die Johanna, angeblich auf frischer Tat ertappt, festnehmen.

An dieser Stelle fällt Johanna ein, wer Marioza sein kann: „Benedicte! dachte Johanna. Das muß die Marioza sein, die gefeiertste Kurtisane Roms, die beinahe schon sagenhafte hetaera. Es hieß, daß einige der mächtigsten Männer der Heiligen Stadt zu ihren Kunden zählten.“ (S. 363) Ehe sie von den Gardisten weggeführt wird, wendet Johanna sich noch einmal an Marioza: „Ich weiß nicht, weshalb Ihr das tut oder für wen, aber ich gebe Euch einen guten Rat, Marioza: Macht Euer Glück nicht von der Gefälligkeit der Männer abhängig, denn sie werden sich als so flüchtig erweisen wie Eure Schönheit.“ (S. 363f.) Okay, das ist ja mal kein allzu schlechter Rat.

Auf dem Rückweg zum Lateranpalast denkt Johanna sich folgendes:

„Obwohl sie allen Grund gehabt hätte, konnte sie Marioza nicht hassen. Hätte das Schicksal sie selbst nicht auf einen anderen Weg geführt, wäre auch sie vielleicht zur Prostituierten geworden. In den Straßen Roms wimmelte es von Frauen, die ihren Körper für den Preis einer Mahlzeit anboten. Viele waren ursprünglich als fromme Pilgerinnen oder sogar als Nonnen in die Stadt gekommen, standen dann aber plötzlich ohne Unterkunft da und hatten nicht die finanziellen Mittel für die Reise zurück in die Heimat. Deshalb hatten sie, der Not gehorchend, zur schnellsten und einfachsten Möglichkeit des Broterwerbs gegriffen.

Von der Sicherheit der Kanzel aus wetterte der Klerus gegen diese ‚Handlangerinnen des Teufels’. Es sei besser, keusch zu sterben, erklärten die Priester, als in Sünde zu leben. Aber diese Leute, sagte sich Johanna, hatten nie am eigenen Leibe erfahren, was Hunger ist.“ (S. 364)

Hier haben wir den Beweis, der bisher gefehlt hat: In der Welt von „Die Päpstin“ existieren Nonnen. Donna W. Cross kennt den Begriff „Nonne“ und ihr ist bewusst, dass es zur Handlungszeit ihres Buches welche gab. Na also.

Irmengard

(Heilige Irmengard vom Chiemsee (nach 830-866). Die heilige Irmengard war eine Tochter Ludwigs des Deutschen und damit eine Enkelin Karls des Großen; sie war zuerst im Kloster Buchau und später in Frauenchiemsee Äbtissin. Bildquelle hier.)

Der ganze Absatz ist natürlich wieder mal Blödsinn. Man konnte sehr wohl ohne Geld auf Pilgerfahrt gehen; man musste eben zu Fuß gehen und nachts in Klöstern unterkommen; jedes Kloster nahm Pilger auf und stellte ihnen eine Mahlzeit und ein Bett zur Verfügung. Zudem wären gerade Frauen wohl kaum allein auf Pilgerreisen gegangen; allein schon aus Sicherheitsgründen schloss sich jeder Pilger mit etwas Verstand einer Pilgergruppe an (so hat es auch Johanna auf ihrer Reise nach Rom gehalten). Keine Äbtissin hätte eine einzelne Nonne allein nach Rom geschickt.

Übrigens kann ich persönlich mir, ganz unabhängig von irgendwelchen Moralfragen, vorstellen, dass das Leben einer Prostituierten auch nicht unbedingt angenehmer ist als das Hungern. Aber gut, ich kenne nur den Hunger, der davon kommt, dass man wegen einer chronischen Krankheit tagelang sehr wenig essen kann, und nicht den, bei dem man fürchten muss, zu verhungern, wenn man nicht bald etwas zu essen auftreibt; das mag schon noch ein gewisser Unterschied sein.

Jedenfalls nutzt Benedikt, der Marioza angeheuert hat, diesen Vorwand, um Johanna in den Kerker werfen zu lassen; Sergius bekommt sie gar nicht mehr zu Gesicht, sodass sie sich nicht gegen die falschen Anschuldigungen verteidigen kann.

Dann kommt ihr jedoch Sergius’ Krankheit zu Hilfe. Seine Gicht verschlimmert sich, weil er sich wieder falsch ernährt, und schließlich erleidet er einen Schock und sein Zustand verschlechtert sich dramatisch, als ihm eine schlimme Nachricht überbracht wird: Kaiser Lothar nähert sich mit einer Armee.

„Nach der Wahl Sergius’ zum Oberhaupt der christlichen Kirche hatte die Stadt Rom ihn sofort feierlich zum Papst geweiht, ohne das erforderliche Einverständnis des Kaisers einzuholen. Dies aber war ein Bruch eines seit dem Jahre 824 bestehenden Abkommens, welches Lothar das Recht des kaiserlichen jussio gewährte – dem Einverständnis mit der Wahl des Papstes vor dessen Weihe. Dennoch war Sergius’ ‚eigenmächtige’ Papstweihe weithin begrüßt worden; man betrachtete diesen Schritt als stolze Wiederbehauptung römischer Unabhängigkeit gegenüber der fernen fränkischen Krone. Andererseits war es ein eindeutiger und absichtlicher Affront Lothar gegenüber, wenngleich das jussio einen eher symbolischen denn faktischen Charakter besaß: Noch nie hatte der Kaiser einer Papstwahl seine Zustimmung verweigert, und niemand hätte je damit gerechnet, daß Lothar nun so nachdrücklich auf dieses Recht pochen würde.“ (S. 372) Es kommen schreckliche Berichte von den Plünderungen und Gräueltaten, die Lothars Armee auf ihrem Weg nach Rom anrichtet, und Flüchtlinge aus dem Norden strömen nach Rom.

Sergius ist also schwer krank und verzweifelt. Sein Bruder kommt auf die Idee, dem Kaiser 50.000 Gold-solidi überbringen zu lassen, um ihn zu beschwichtigen; Sergius stimmt zu; aber Benedikt verschwindet kurzerhand selbst mit den Geldtruhen und einigen Begleitern aus Rom. Sergius’ Haushofmeister Arighis weiß sich schließlich nicht mehr anders zu helfen und holt den Arzt Johannes Anglicus aus dem Kerker. Johanna kann dem kranken Papst klarmachen, dass sie ein Opfer von Benedikts Intrigen geworden ist.

„Sergius schwieg für längere Zeit. Schließlich sagte er mit schwankender Stimme zu Johanna: ‚Wenn das stimmt, ist Euch bitteres Unrecht geschehen.’ Verzweifelt wandte er den Blick ab. ‚Daß Lothar gegen Rom zieht, ist Gottes gerechte Strafe für all meine Sünden!’

‚Würde Gott Euch bestrafen wollen, könnte er es sich einfacher machen’, sagte Johanna. ‚Warum sollte er das Leben tausender Unschuldiger opfern, wo er Euch mit einem Schlag zerschmettern könnte?’

Sergius blickte sie erstaunt an. Wie bei vielen Mächtigen, war ihm angesichts der maßlosen Überschätzung der eigenen Bedeutung dieser Gedanke offenbar noch gar nicht gekommen.“ (S. 379)

Johanna versucht, Sergius zu überzeugen, dass Lothars Kommen keine Strafe, sondern eine Prüfung sei, und er für die Menschen von Rom stark sein müsse. Er ist jedoch verzweifelt:

„‚Was macht es schon aus, ob ich stark bin oder nicht?’ sagte Sergius hoffnungslos. ‚Wir können Lothars Heer nicht standhalten. Da müßte schon ein Wunder geschehen.’

‚Dann’, sagte Johanna geheimnisvoll, ‚laßt uns dieses Wunder bewirken.’“ (Ebd.)

Johanna hat einen Plan für Lothars Ankunft entwickelt. Zunächst einmal schickt man ihm eine festliche Abordnung entgegen: „Lothar hatte weder der Stadt Rom noch dem Papst seine Feindschaft auf irgendeine förmliche Weise erklärt; deshalb hatte man den Plan gefaßt, ihm einen festlichen Empfang zu bereiten, wie er einer Persönlichkeit von so außerordentlichem Rang zustand; sämtliche Würdenträger der Stadt sollten dem Kaiser ihre Reverenz erweisen. Vielleicht entwaffnete diese für Lothar unerwartete Begrüßung den Kaiser lange genug, so daß der zweite Teil von Johannas Plan wirken konnte.“ (S. 379f.) Tatsächlich folgen Lothar und seine Soldaten der Abordnung friedlich bis zum Petersdom, vor dem der dank Johanna wieder einigermaßen gesunde Sergius wartet. Und als Lothar und eine Gruppe seiner Soldaten dann die Stufen zum Petersdom hinaufsteigen, schwingen die offenen Türen wie von Geisterhand zu – was einen ziemlichen Eindruck auf die Franken macht, den der Papst noch zu verstärken weiß. „Sergius sprach fränkisch, um sicherzugehen, daß Lothars Soldaten ihn verstanden. ‚Hütet euch vor der Hand Gottes’, rief er mit Donnerstimme, ‚die euch den Weg zum heiligsten aller Altäre versperrt hat!’“ (S. 382) Als Lothar, der selber erschrocken ist und dem angesichts des Entsetzens seiner Soldaten nichts anderes übrig bleibt, Sergius mit einem Friedenskuss begrüßt, schwingen die Türen wieder nach außen auf.

Das Ganze war natürlich ein Trick – eine hydraulische Vorrichtung, die Johanna bereits einmal vor Jahren zusammen mit Gerold nach einer Vorlage in einem antiken Manuskript gebaut hat. Als Johanna die Türen aufgehen sieht, tauchen all ihre schmerzlichen Erinnerungen an Gerold plötzlich wieder auf…

Und somit muss auch Gerold mal wieder auftauchen, aber dazu dann im nächsten Teil.

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3 Gedanken zu “Die Päpstin, Teil 5: Die Autorin kennt das Wort „Nonne“!

  1. Der Papst hätte damals den Kaiser übrigens mit ziemlicher Sicherheit im Lateran empfangen. Und: Stufen empor? Gab‘s die in Alt-St. Peter überhaupt? In St. Prassende, das angeblich am ehesten wie Alt-St. Peter ausschaut, gibt es sie jedenfalls nicht,

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  2. Das halte ich zumindest für möglich. Oder „Seligkeit“. Wenn ich mich richtig erinnere, ist laut Catholic Encyclopedia „Seligkeit“ von alters her dem Papst vorbehalten, weshalb es eigentlich nicht richtig sei, Patriarchen so zu nennen, doch sei das üblich geworden… mittlerweile natürlich auch mit offizieller Sanktion.
    Aber wenndann würde ich so etwas der Autorin auch nicht vorwerfen… immerhin, wenn ein Bibelübersetzer im Neuen Testament „Sohn Davids“ (hyios Dabid?) mit „Königliche Hoheit“ übersetzete, wäre das ja auch zwar kreativ, aber nicht unbedingt falsch.

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