Die Päpstin, Teil 6: Das wiedervereinte Liebespaar

Im nächsten Kapitel taucht, wie versprochen, Gerold wieder auf. Sein Verhältnis zum immer tyrannischeren Kaiser hat sich in den letzten Jahren verschlechtert, und er – der eigentlich gegen den ganzen Feldzug nach Rom war – befehligt nun nur eine kleine Einheit der Nachhut von Lothars Heer. Als er mit seinen Soldaten die Alpen überquert hat und nach Oberitalien kommt, ist er entsetzt über die Verwüstungen, die das Hauptheer bereits dort angerichtet hat. „Bis zu diesem Augenblick war Gerold in dem Glauben gewesen, Lothar wolle Papst Sergius und die Römer durch eine Demonstration militärischer Stärke lediglich einschüchtern. Doch die Zerstörung dieses Dorfes war ein unheilvolles Vorzeichen.“ (S. 388) Gerold beschließt, Lothar den Dienst aufzukündigen, sobald er in Rom angekommen ist: „Doch worin lag die Ehre, Diener eines solchen Kaisers zu sein? So, wie Lothar das Gesetz und die Menschenwürde mit Füßen trat, war es gewiß kein Treuebruch, sich von seinen Verpflichtungen loszusagen.“ (S. 390)

Als Gerolds Truppe in die Nähe Roms kommt, reiten sie ein Stück übers flache Land, da die Straße gar so schlecht ist, und begegnen dort einer Gruppe Reiter, die einen Wagen eskortieren. Der Anführer des kleines Zuges erregt durch sein merkwürdiges, kurz angebundenes Verhalten Gerolds Misstrauen, und er stellt fest, dass auf dem Wagen Truhen mit dem päpstlichen Wappen sind. Er erwägt bei sich, diese Männer einfach ziehen zu lassen, da er meint, dass hier Papst Sergius seine Schätze beiseite schaffen lässt, und eigentlich keine Lust hat, diese für Lothar zu beschlagnahmen; aber dann passiert Folgendes:

„Gerold wollte seinen Männern gerade den Befehl zum Weiterritt erteilen, als einer der Römer vom Pferd sprang und sich flehend zu Boden warf. ‚Gnade, Herr!’ rief er. ‚Verschont uns! Wenn wir mit der Last eines so schweren Verbrechens auf der Seele sterben, ist uns die ewige Verdammnis gewiß!’

‚Verbrechen?’ fragte Gerold.“ (S. 391)

Der Mann verrät ihm, dass das Geld gestohlen ist; Benedikt, der Anführer des Zuges, versucht noch, Gerold einen Teil davon anzubieten, damit er sie weiterziehen lässt, aber Gerold lässt die Männer kurzerhand fesseln und sie und die Geldtruhen nach Rom zurückbringen.

Der Schauplatz wechselt nach Rom, wo im päpstlichen Palast ein großes Festmahl mit dem Kaiser und seinem Gefolge stattfindet, bei dem Sergius dem Essen und dem Wein wieder einmal mehr zuspricht, als ihm gut tut. Da wird Benedikt, den Gerold nach Rom gebracht hat, von der päpstlichen Garde hereingeführt. Er fleht seinen Bruder um Gnade für seine Untat an, da er meint, dass seine angebliche Reue Eindruck auf Sergius machen würde – aber der bereits ziemlich betrunkene Sergius ist ganz und gar nicht zur Gnade aufgelegt. „‚Er ist ein Dieb!’ sagte er voller Bitterkeit. ‚Also soll er auch wie ein Dieb bestraft werden!’“ (S. 394) Die Gardisten zerren den entsetzten Benedikt wieder hinaus. Sergius erleidet einen Ohnmachtsanfall und wird in sein Zimmer gebracht, wo sich Johanna um ihn kümmert.

Da die römischen Ärzte, die dem Können dieses ausländischen Arztes immer noch nicht trauen, später vor Sergius’ Gemächern warten, um Johanna über seinen Gesundheitszustand auszufragen, zeigt der freundliche Haushofmeister Arighis Johanna einen Geheimgang, der aus dem päpstlichen Schlafzimmer in die Privatkapelle führt, damit sie einen anderen Weg hinaus nehmen kann. Doch als sie leise in die Privatkapelle tritt, noch verborgen hinter einer Säule, wird sie unfreiwillig Zeugin eines Gesprächs, das zwei Männer im vorderen Teil des Raumes führen. Anastasius und Kaiser Lothar schließen einen heimlichen Pakt: Anastasius soll die Anliegen des Kaisers unterstützen (Lothar will, dass die Römer ihm den Treueid leisten) und der Kaiser dafür das Seine tun, dass Anastasius nach Sergius’ Tod Papst wird. Meinetwegen hätte es ruhig noch ein bisschen dramatischer sein können. Mordkomplott gegen Sergius oder so.

Jedenfalls kommt dann ein Diener Lothars, der einen Besucher für den Kaiser ankündigt – und Gerold tritt ein. Johanna ist in diesem Moment so überrascht, dass sie kurz aufschreit, und somit entdeckt wird; als Lothar und Anastasius sie fragen, wie lange sie schon in der Kapelle gewesen sei, behauptet sie, vor mehreren Stunden beim Gebet eingeschlafen und gerade erst wieder erwacht zu sein. Während Lothar sich sagt, dass Johanna zu unbedeutend sei, um eine Gefahr darzustellen, und vermutlich sowieso nicht viel gehört haben könnte, beschließt Anastasius, sie in Zukunft genau im Auge zu behalten. Meine Güte, ist das langweilig. Könnte er denn nicht wenigstens planen, sie vorsichtshalber vergiften oder aus einem Fenster stoßen zu lassen? Aber kommen wir wieder zu Gerold:

„Auch Gerold betrachtete Johanna verwundert. ‚Ihr kommt mir bekannt vor, Vater’, sagte er. ‚Haben wir uns schon einmal gesehen?’ Angestrengt musterte er sie im trüben Licht. Plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck; er starrte Johanna an wie jemand, der soeben ein Gespenst gesehen hatte. ‚Mein Gott’, sagte er mit heiserer Stimme. ‚Das kann doch nicht wahr sein…’

‚Kennt Ihr Euch?’ fragte Anastasius.

‚Wir haben uns einmal in Dorstadt getroffen’, sagte Johanna rasch. ‚Ich habe dort einige Jahre an der Domschule studiert. Meine Schwester…’, sie betonte das Wort kaum merklich, ‚…hat während dieser Zeit bei Markgraf Gerold und seiner Familie gewohnt.’

Ihre Augen blitzten Gerold eine stumme Warnung zu: Sag nichts.

Sofort hatte Gerold sich wieder in der Gewalt. ‚Ja, natürlich’, sagte er. ‚Ich kann mich noch gut an Eure Schwester erinnern. Aber…’

‚Genug jetzt’, unterbrach Lothar ihn ungeduldig. ‚Was habt Ihr mir jetzt zu berichten, Graf?’

‚Meine Botschaft ist nur für Eure Ohren bestimmt, Euer Gnaden.’

Lothar nickte. ‚Also gut. Die anderen können gehen. Wir reden später weiter, Anastasius.’

Als Johanna sich zum Gehen wandte, berührte Gerold sie am Arm. ‚Wartet auf mich. Ich würde gern mehr über… Eure Schwester erfahren.’“ (S. 399f.)

Die ganze Szene ist unglaubwürdig, mit Verlaub. Gerold hat Johanna das letzte Mal gesehen, als sie dreizehneinhalb Jahre alt war, lange Haare hatte und wie ein Mädchen gekleidet war. Inzwischen ist sie ungefähr dreißig und als Mann verkleidet.

Jedenfalls wartet Johanna vor der Kapelle auf Gerold und führt ihn nach seinem Gespräch mit dem Kaiser in ein Zimmer, in dem sie ihre Arzneien aufbewahrt. Und wieder bekommen wir große Romantik:

„Gerold trat einen Schritt auf sie zu, und dann lagen sie sich in den Armen und hielten einander so fest, daß Johanna durch den dicken Stoff ihres Priestergewands das harte Metall von Gerolds Kettenpanzer spürte.

‚Johanna’, flüsterte er bewegt und streichelte ihr übers Haar. ‚Mein Schatz. Ich hätte nicht gedacht, dich noch einmal wiederzusehen.’

‚Gerold.’ Das Wort füllte ihr Inneres vollkommen mit Gefühlen aus und verdrängte alle anderen Gedanken.“ (S. 401)

Gerold ist sauer, dass Johanna ihn nie davon verständigt hat, dass sie noch lebt, und erzählt ihr, dass er sie hätte heiraten wollen.

„Johanna schüttelte den Kopf. ‚So viele Mißverständnisse’, sagte sie traurig. ‚So viel Leid. So viel versäumtes Glück.’

‚So viel’, sagte Gerold, ‚das wir noch nachholen können.’“ (S. 402)

Gerold erzählt Johanna, dass er aus Lothars Diensten ausgetreten ist, diesem aber dafür seine Ländereien hat überlassen müssen, und dass er jetzt in den Dienst eines Prinzen Siconulf von Benevento treten wird. Er bittet Johanna, mit ihm zu kommen und seine Frau zu werden. Nur noch mal zur Erinnerung: Sie hat vierzehn Jahre in einem Benediktinerkloster verbracht und dort mit Sicherheit das Ordensgelübde abgelegt. Übrigens finde ich es ganz interessant, dass Gerold an keiner Stelle zu erkennen gibt, dass er Johannas Verstellung auch nur im Geringsten problematisch findet. Ob das für einen Mann seiner Zeit realistisch ist?

Sie werden von einem päpstlichen Notar unterbrochen, der ein Kopfschmerzmittel will, und als der wieder fort ist, schlägt Johanna Gerold einen geheimeren Treffpunkt vor, an  dem sie sich am nächsten Morgen in Ruhe unterhalten können; einen alten vestalischen Tempel vor der Stadt.

Früh am nächsten Morgen lässt Arighis, der den intriganten Bruder des Papstes loswerden will, rasch die Strafe für Diebstahl an Benedikt vollziehen, ehe Sergius aufwacht und seinen im Rausch gegebenen Befehl wieder zurücknehmen kann. Benedikt werden im Hof des Lateran beide Hände abgehackt, und er stirbt noch an Ort und Stelle durch den Blutverlust. Als Sergius aufwacht, ist er entsetzt darüber, was geschehen ist, und Arighis lässt Johanna holen, um dem Papst in seiner Verzweiflung beizustehen:

„‚Weine um mich, Johannes. Meine Seele ist verdammt bis in alle Ewigkeit.’

‚Unsinn’, erwiderte Johanna mit fester Stimme. ‚Ihr habt genau das getan, was das Gesetz verlangt.’

Sergius schüttelte den Kopf. ‚Du sollst nicht sein wie Kain; denn in ihm war das Böse, und er tötete seinen Bruder’, zitierte er.

‚Und weshalb hat er ihn getötet? Weil Kains Taten böse waren, die seines Bruders dagegen rechtschaffen’, antwortete Johanna. ‚Benedikt aber war nicht rechtschaffen, Heiligkeit. Er hat Euch und Rom verraten.’

‚Und jetzt ist er tot, weil ich es so befohlen habe! O Gott!’ Er schlug sich klagend an die Brust und jammerte vor Seelenqual.“ (S. 408)

Damit er sich beruhigen kann, schlägt Johanna ihm vor, die Ohrenbeichte abzulegen, und an dieser Stelle erläutert die Autorin:

„Diese Form des Sakraments der Buße und Versöhnung – der Betreffende legte eine vertrauliche und ordentliche Beichte ad auriculum ab, ‚für das Ohr’ eines Priesters –, war im fränkischen Reich weit verbreitet. Doch in Rom hielt man immer noch starr am Althergebrachten fest: Die Beichte wurde öffentlich abgelegt, wie auch die Buße öffentlich verhängt wurde, und zwar nur einmal im Leben.“ (Ebd.)

Unsinn. Die Ansicht, dass die Beichte nur einmal im Leben abgelegt werden könnte, hatte die Kirche schon in der Antike zurückgewiesen; und im 9. Jahrhundert müsste sich meines Wissens auch in Rom allmählich die Ohrenbeichte durchgesetzt haben.

Sergius geht auf ihren Vorschlag ein, und will gleich bei ihr beichten, obwohl sie ihm zuerst einen Kardinal als Beichtvater holen will. Sie ist einverstanden, und er legt die Beichte ab:

„Sergius begann, und Johanna lauschte mit stummem Mitgefühl dem langen Gefühlserguß aus Leid und Trauer, Bedauern und Reue. Angesichts einer derart gepeinigten, belasteten Seele war es kein Wunder, daß Sergius Ruhe und Vergessen zu finden versuchte, indem er sich so oft betrank.

Die Beichte hatte jene Wirkung, die Johanna sich erhofft hatte; nach und nach fiel die wilde Verzweiflung von Sergius ab und wich einer tiefen Erschöpfung und Müdigkeit. Jetzt stellte er für sich und andere keine Gefahr mehr dar.“ (S. 409)

(An dieser Stelle finde ich es übrigens gut, dass die Autorin die Beichtszene nicht im Detail beschreibt. Die Beichte ist eine dieser Sachen, die sogar bei Buchfiguren etwas Privates hat: Die Einzelheiten müssen wir nicht wissen, wenn sie nicht absolut handlungsentscheidend sind. (Dieses Prinzip sollten sich Schriftsteller übrigens auch bei Sexszenen zu Herzen nehmen, aber ich schweife ab.))

Eine Frage stellt sich hier natürlich: Ist Johanna bewusst, dass sie ungültig geweiht ist und nicht die Vollmacht besitzt, Sergius die Absolution zu erteilen? Genausowenig, wie sie bei der Messe Brot und Wein wandeln kann? Ich meine, wir wissen alle, dass der liebe Gott es dem Pönitenten in einer solchen hypothetischen Situation nicht anrechnen würde, auf einen falschen Priester hereingefallen zu sein; aber von Johannas Seite aus betrachtet ist diese Täuschung trotzdem ziemlich unmoralisch. Es wäre natürlich möglich, dass sie nicht so genau weiß, dass ihre Weihe nicht nur unerlaubt, sondern auch ungültig war; im 9. Jahrhundert stellte sich die Frage nach der Weihe von Frauen gar nicht und die Frage der Gültigkeit einer solchen Weihe wurde somit wohl auch nicht diskutiert. Trotzdem besitzt sie wohl kaum die Sicherheit, dass sie gültig geweiht wurde; und somit ist ihr Handeln gegenüber den Menschen, die in ihre Messen kommen, bei ihr die Beichte ablegen, oder sich von ihr die Krankensalbung erteilen lassen, ziemlich anmaßend und hinterhältig.

Als Buße trägt Johanna dem Papst auf, bis zu seinem Tod auf Wein und Fleisch zu verzichten; hauptsächlich ist sie dabei natürlich von der Erwägung geleitet, dass das seiner Gesundheit nützen wird. Ebenso war ihr Grund dafür, die Beichte vorzuschlagen, ja auch nicht Sorge um Sergius’ Seelenheil, sondern um sein psychisches Wohlbefinden. Die Aufgabe eines Priesters wäre es aber eigentlich gewesen, ihm deutlich klarzumachen, was keine Sünden bzw. was tatsächlich Sünden sind (er hat sich nicht des Brudermords schuldig gemacht, allerdings schon der Völlerei und Trunkenheit, obwohl er wusste, dass der Wein einen negativen Einfluss auf ihn hat), und ihm dann die Beichte für seine realen Sünden abzunehmen, um Gottes Vergebung für diese zu vermitteln. Auf lange Sicht tut es jemandem wie Sergius nicht gut, wenn man ihn in dem Glauben lässt, er hätte diese oder jene schwere Sünde begangen, die er nicht begangen hat, und ihn einfach zur Beruhigung beichten lässt.

Nachdem Johanna bei Sergius fertig ist, eilt sie zu dem halb verfallenen vestalischen Tempel, in dem Gerold schon ungeduldig auf sie wartet. Er ist in euphorischer Stimmung, bevor sie ankommt: „Vesta, die römische Göttin von Heim und Herd. Sie symbolisierte alles, was Johanna für Gerold bedeutete: Leben, Liebe, ein wiedererwachtes Gefühl der Hoffnung. (…) Die Jahre, die noch vor ihm lagen, waren nicht mehr grau, sondern strahlten in leuchtenden Farben und waren voller Versprechen. Er würde Johanna heiraten, und dann würden sie nach Benevento ziehen und dort in Frieden und Liebe zusammenleben. Vielleicht waren ihnen sogar Kinder vergönnt – noch war es nicht zu spät dafür.“ (S. 410f.) Aber dann kommt Johanna an, und… sie ist nicht mehr für Gerolds Pläne zu haben. Sie sagt ihm, sie könne nicht mit ihm gehen, da sie Sergius nicht allein lassen könne:

„‚Falls ich ihn jetzt allein lasse’, erwiderte Johanna, ‚wird Sergius sich binnen eines halben Jahres zu Tode trinken.’

‚Dann laß ihn doch. Es ist sein Leben’, sagte Gerold grob. ‚Was hat das mit uns beiden zu tun?’

Sie blickte ihn schockiert an. ‚Wie kannst du so etwas sagen?’

‚Großer Gott, haben wir nicht schon genug geopfert? Der Frühling unseres Lebens liegt bereits hinter uns. Laß uns jetzt nicht die Zeit verschwenden, die uns noch bleibt!’“ (S. 412)

Irgendwann wird Johanna sauer und sagt Dinge, die sie nicht so meint:

„‚Was erwartest du eigentlich von mir?’ rief sie. ‚Daß ich mit dir durchbrenne wie ein verliebtes junges Mädchen, wenn du bloß mit dem kleinen Finger winkst? Ich habe mir hier ein Leben aufgebaut – ein schönes Leben. Ich bin unabhängig, frei im Handeln und Denken. Ich werde geachtet und gebraucht. Ich habe hier Möglichkeiten, von denen andere Frauen nicht einmal träumen können. Warum sollte ich das alles aufgeben? Wofür? Um den Rest meines Lebens in irgendeiner dunklen, beengten Wohnung mit Kochen und Nähen zu verbringen?’

‚Wenn ich von einer Frau nicht mehr erwarten würde’, sagte Gerold leise, ‚wäre ich längst wieder verheiratet.’

‚Dann heirate doch!’ erwiderte Johanna heftig. ‚Ich werde dich nicht aufhalten!’

Gerold schüttelte langsam den Kopf. Mit ruhiger Stimme fragte er: ‚Was ist geschehen, Johanna? Mit dir stimmt doch etwas nicht.’

‚Ich habe mich verändert, das ist alles. Ich bin nicht mehr das naive und liebeskranke Mädchen, das ich in Dorstadt gewesen bin. Ich bin jetzt mein eigener Herr. Und das werde ich nicht aufgeben – nicht für dich, und nicht für sonst einen Mann!’

‚Habe ich dich darum gebeten?’ entgegnete Gerold mit ruhiger Stimme.

Doch Johanna war jetzt keinen sachlichen Argumenten mehr zugänglich. Gerolds Nähe, seine Freundlichkeit, sein Verständnis, seine starke körperliche Anziehungskraft waren eine Qual für sie; es war, als würde eine Schlange sich um ihren freien Willen winden, zudrücken und ihn ersticken. Verzweifelt versuchte Johanna, diese Umklammerung zu sprengen. ‚Du kannst es einfach nicht hinnehmen, stimmt’s? Du kannst den Gedanken nicht ertragen, daß ich nicht bereit bin, um deinetwillen mein jetziges Leben aufzugeben, nicht wahr? Daß es eine Frau gibt, die deinem berühmten männlichen Charme widerstehen kann?’

Sie hatte ihn verletzen wollen, und es war ihr gelungen.

Gerold schaute sie an, als hätte er eine vollkommen Fremde vor sich. ‚Ich dachte, du liebst mich’, sagte er steif. ‚Offensichtlich war das ein Irrtum. Verzeih mir; ich werde dich nie mehr belästigen.’“ (S. 412f.)

Das ganze Gespräch… klingt nicht nach neuntem Jahrhundert. Sorry. Ne. Außerdem macht es Johanna nicht unbedingt sympathischer. Einen anderen Eindruck hätte es gemacht, wenn sie weiter darüber geredet hätte, dass Sergius sie bräuchte und sie in Rom bleiben müsste, solange er noch lebt oder bis sie einen Nachfolger als Arzt ausgebildet hätte oder etwas in der Art. Auch ihre Tirade gegen eine dunkle beengte Wohnung und das Kochen und Nähen ist nicht unbedingt logisch: Gerold hat in Benevento vermutlich eine schöne Wohnung und Diener. Dort als seine Frau hätte sie zwar wohl ihre Arztkarriere beenden müssen, aber sicher nicht alle ihre Studien.

Jedenfalls geht Gerold, während Johanna noch hin- und hergerissen ist, ob sie nicht doch noch ihre Meinung ändern soll. Als sie ihm am Ende noch nachlaufen will, ist er schon davon geritten. Sie hat ein schlechtes Gewissen und spürt eine „schreckliche, schmerzliche innere Lehre“ (S. 414), obwohl sie sich dann sagt, dass es „so auf jeden Fall am besten“ (ebd.) wäre. Die muss sie aber nicht ewig spüren; natürlich muss Gerold bald darauf wieder auftauchen.

Auch Kaiser Lothar verlässt Rom wieder, und für zwei Jahre ist in der Stadt alles gut. Dann erreicht jedoch die Nachricht die Stadt, dass eine Flotte sarazenischer Schiffe von Nordafrika aus Kurs auf Rom genommen hätte. Johanna schlägt bei einem Treffen des Papstes und der römischen Adeligen vor, die Reliquien (hier falsch als „Relikte“ übersetzt) des heiligen Petrus und die anderen Schätze aus der Peterskirche an einen Ort innerhalb der Stadtmauern zu schaffen, damit die damals noch außerhalb der Mauern liegende Peterskirche nicht geplündert werden kann, und außerdem aus den umliegenden Orten Männer zur Verteidigung Roms zusammenzurufen. Aber Sergius und die anderen Verantwortlichen sind seltsam sorglos: Gerade würden alle Männer bei der Ernte gebraucht, und überhaupt, Gott würde die Seinen beschützen, sie müssten nur auf Ihn vertrauen. Es sei auch noch gar keine unmittelbare Gefahr da.

Der Schauplatz wechselt zu Gerold, der in den vergangenen zwei Jahren die Truppen von Fürst Siconulf befehligt hat, der gegen einen Rivalen um den Thron von Benevento zu kämpfen hatte. Dieser ist inzwischen geschlagen. Wir bekommen eine kurze nächtliche Szene in Gerolds Zelt im Heerlager, wo eine Prostituierte neben ihm schläft, er jedoch noch immer an Johanna zurückdenkt: „Denn immer noch trug Gerold die Erinnerung an eine Liebe im Herzen, die nicht flüchtig, sondern unvergänglich war, die weder befriedigt noch vergessen werden konnte – die Liebe zu einer Frau, bei der Geist und Körper zu perfekter Harmonie vereint waren.“ (S. 418f.) Aha. Ich fände ja, es wäre sowohl realistischer als auch sinnvoller als auch tugendhafter für Gerold gewesen, langsam mal über Johanna hinwegzukommen und eine andere nette Frau zu heiraten, statt mit Prostituierten zu schlafen und von Johanna zu träumen; die Autorin legt da freilich andere Maßstäbe an. (Ich finde es übrigens auch ganz interessant, dass sich in sehr vielen Liebesromanen, wenn die Protagonisten zeitweise getrennt sind, der Mann mit flüchtigen Verhältnissen mit anderen Frauen ablenkt, während die Frau allein bleibt oder höchstens eine ernsthafte Beziehung eingeht. Wenn wir schon Helden bekommen, die an anderen Stellen auf unrealistische Weise idealisiert werden, können sie dann nicht wenigstens auch keusch sein?)

Am nächsten Tag jedenfalls teilt Siconulf Gerold und seinen anderen Vasallen mit, dass er Nachricht davon erhalten hat, dass die Sarazenen Kurs auf Rom genommen haben. Und Gerold schlägt vor, Papst Sergius zu Hilfe zu kommen:

„Doch er dachte dabei nicht an Sergius. Die Nachricht von der herannahenden Sarazenen-Flotte hatte allen Schmerz, alle Fehler, alle Mißverständnisse der letzten zwei Jahre auf einen Streich hinweggefegt. Für Gerold zählte jetzt nur noch eins – Johanna rechtzeitig zu erreichen und alles in seiner Macht Stehende zu tun, um sie zu schützen.“ (S. 420)

Fürst Siconulf, der als frommer Christ verhindern will, dass die Sarazenen das Petrusgrab schänden und außerdem auf persönliche Vorteile hofft, wenn er dem Papst zu Hilfe kommt, gibt Gerold die Erlaubnis, mit drei Divisionen nach Rom zu ziehen.

Wir sind wieder in Rom. Die Sarazenen nähern sich der Stadt, und allmählich werden die bisher so gelassenen Römer panisch. Sergius jedoch macht ihnen Mut und animiert sie, auf die päpstliche Garde und die Miliz der Stadt und vor allem auf Gottes Hilfe zu vertrauen. Als die Feinde die Stadt erreichen, steigt er selbst auf die Brustwehr der Stadtmauer hinauf und betet dort laut mit einem Kruzifix in der Hand. Doch was er von der Mauer aus ansehen muss, ist entsetzlich: Die Sarazenen schlachten die kleine römische Miliz, die einen Ausfall macht, gnadenlos ab und beginnen damit, die Peterskirche zu plündern. Der geschockte Sergius erleidet wieder einen Gichtanfall und wird in ein nahes Haus gebracht; er trägt Johanna auf, an seiner Stelle zu den Römern zu sprechen und ihnen Mut zu machen. Also geht sie nach draußen auf die Mauer und betet dort zusammen mit einem Kardinal namens Leo laut, um den Menschen ihre Panik zu nehmen, während die Sarazenen versuchen, die Stadttore aufzubrechen. In diesem kritischen Augenblick tauchen Gerolds Truppen auf und es gelingt ihnen, die Sarazenen zu vertreiben.

Rom ist vorerst gerettet, aber Sergius ist verzweifelt über die Plünderung der Peterskirche:

„Sergius gab sich die Schuld an der Katastrophe. Er zog sich in seine Gemächer zurück und weigerte sich, irgend jemanden zu empfangen; nur Johanna und einige enge Ratgeber ließ er zu sich vor. Und er fing wieder mit dem Trinken an, leerte Becher um Becher toskanischen Weins, bis sein Verstand in gnädiges Vergessen versank.

Die Auswirkungen dieses Rückfalls waren vorherzusehen: Mit aller Macht kehrte die Gicht wieder. (…) Johanna hatte Angst, daß Sergius’ ohnehin geschwächtes Herz dieses Belastungen nicht mehr lange durchhalten konnte.

‚Denkt an die Buße, die ich Euch auferlegt habe!’ sagte Johanna. ‚Keinen Wein!’

‚Das spielt jetzt keine Rolle mehr’, erwiderte Sergius niedergeschlagen. ‚Ich habe die Hoffnung auf das Himmelreich aufgegeben. Gott hat mich verstoßen.’

‚Gott verstößt niemanden. Und Ihr dürft Euch nicht die Schuld daran geben, was geschehen ist. Gewisse Dinge liegen außerhalb aller menschlichen Macht. Man kann nichts dagegen tun.’“ (S. 428)

Das hat sich vorher bei ihr noch anders angehört. Natürlich hätte Sergius mehr tun können und mehr tun sollen; aber seine Verzweiflung bringt jetzt auch nichts mehr.

Sergius lässt sich jedenfalls nicht beruhigen; auch der Gedanke an seinen Bruder plagt ihn jetzt wieder. In der Zwischenzeit hat sich auch die öffentliche Meinung gegen ihn gewandt, weil er vor dem Überfall der Sarazenen keine Vorsichtsmaßnahmen getroffen hat: „Sergius’ Glaube an die göttliche Errettung, den man zuvor noch auf dem ganzen Erdkreis gepriesen hatte, wurde nun von allen Menschen als Folge seines sündigen und auf katastrophale Weise fehlgeleiteten Hochmuts verdammt.“ (S. 429) Immerhin sind die Leute theologisch gesehen wieder mehr bei Sinnen. Es ist ja tatsächlich vermessen, sich auf den Eintritt eines göttlichen Wunders zu verlassen – du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen, und so.

Johanna kann Sergius nicht mehr aus seiner Verzweiflung herausholen, und er stirbt. Wieso muss die Autorin eigentlich allen ihren halbwegs sympathischen Figuren (Sergius, Gisla, Dhuoda, Iso) ein furchtbares Ende andichten?

Nun soll ein neuer Papst gewählt werden, und Anastasius bereitet sich darauf vor, sich bei der Wahl von Kaiser Lothar zu distanzieren, weil die Leute es dem Kaiser übel nehmen, dass er Rom nicht zu Hilfe gekommen ist, und den Kaiser später zu benachrichtigen, dass er sich nur vorübergehend nach außen hin von ihm hätte lossagen müssen. Johanna beschließt in der Zwischenzeit, endlich ihrer Liebe zu Gerold nachzugeben, und freut sich darauf, ihn wiederzusehen. (Sie hat ihn von den Mauern aus bei der Schlacht gesehen, ihn aber seitdem noch nicht persönlich getroffen.)

Zur Papstwahl versammeln sich die Römer auf dem Platz beim Lateranpalast; damals wurde der Papst noch nicht von den Kardinälen, sondern von Klerus und Volk von Rom gewählt. Einer seiner Anhänger empfiehlt, wie von allen erwartet, Anastasius; Vorwürfe werden gegen ihn laut, er sei nur ein Werkzeug des Kaisers; Anastasius verteidigt sich dagegen und erklärt, Lothar hätte das Recht verwirkt, sich Beschützer der Länder des heiligen Petrus zu nennen, und seine, Anastasius’ Treue, gelte nur Rom. Da ergreift jedoch Johanna das Wort und erzählt, was sie in der Kapelle des Papstes mit angehört hat; die Menge beginnt, sich über Anastasius’ Kandidatur zu streiten; und da schlägt plötzlich Arighis einen ganz anderen Kandidaten vor: Kardinal Leo, der bei dem Kampf gegen die Sarazenen zusammen mit Johanna auf der Mauer gestanden und die Leute ermutigt hat. Die Leute sind von dieser Idee begeistert und Leo wird zum Papst gewählt. Leo ist großzügig gegenüber dem anderen Papstkandidaten und ernennt Anastasius zum Kardinal von Sankt Marcellus.

(Papst Leo IV. in einem Fresko aus dem 9. Jahrhundert in San Clemente, Rom. Bildquelle: Wikimedia Commons.)

Mir ist nicht ganz klar, wieso Johanna sich so viel Zeit dabei lässt, nach Gerold zu suchen (seit dem Angriff müssen auf jeden Fall ein paar Wochen vergangen sein); jedenfalls ist es er, der sie etwas später, am Tag der Papstweihe, in dem kleinen Zimmer mit ihren Arzneimitteln im Lateran aufsucht, wo sie gerade darüber nachdenkt, dass sie das alles hinter sich lassen will. Die beiden versöhnen sich sofort:

„‚Was ich dir damals gesagt habe, in dem vestalischen Tempel…’ murmelte sie, ‚es war dumm von mir. Ich wollte nicht…’

Gerold legte ihr einen Finger auf die Lippen. ‚Laß mich zuerst reden. Was geschehen ist, war meine Schuld. Es war verkehrt, dich zu bitten, mit mir aus Rom fortzugehen; das habe ich jetzt erkannt. Ich wußte damals nicht, was du dir hier aufgebaut hast, was aus dir geworden ist. Du hattest Recht, Johanna – ich kann dir nichts bieten, das sich auch nur annähernd damit vergleichen ließe.’

Außer deiner Liebe, dachte Johanna, sprach es aber nicht aus. Statt dessen sagte sie schlicht: ‚Ich möchte dich nicht wieder verlieren.’“ (S. 439)

Daraufhin erzählt Gerold ihr, dass der neue Papst ihn gebeten hat, als superista, also Befehlshaber der päpstlichen Garde, in Rom zu bleiben, da er einen erneuten Angriff der Sarazenen fürchtet. Außerdem erzählt er Johanna, dass sie selbst zum nomenclator ernannt worden ist. „Johanna glaubte ihren Ohren nicht trauen zu können. Der nomenclator war einer der optimates, der höchsten Beamten Roms: der für die Wohlfahrt zuständige Minister und der besondere Beschützer der Mündel, Witwen und Waisen.“ (S. 440) So ergibt es sich, dass sie beide in Rom bleiben, da Gerold meint, dass Leo sie bräuchte.

„‚Ich werde dir nicht wieder den Vorschlag machen, mich zu heiraten’, sagte er. ‚Ich weiß, daß wir niemals wie Mann und Frau zusammensein können. Aber wir würden uns oft sehen, und wir könnten zusammen arbeiten, wie wir es schon einmal getan haben. Wir waren immer ein gutes Gespann, nicht wahr?’

Johannas Stimme war nurmehr ein Flüstern. ‚Ja. Das waren wir.’“ (S. 440)

Ehrlich gesagt verstehe ich die beiden nicht ganz. Sowohl den Posten des superista als auch den des nomenclator könnten in Rom andere übernehmen, wenn Gerold und Johanna gemeinsam nach Benevento gehen würden. Aber die Liebesgeschichte läuft eben hier immer nur irgendwo nebenher mit, während der zentrale Handlungsstrang Johannas Aufstieg am päpstlichen Hof sein muss.

Leo (der übrigens ein Heiliger ist) ist ein guter Papst, der sich voller Elan an seine Aufgaben macht. Er beginnt mit der Instandsetzung der Stadtmauer und sogar dem Bau einer neuen Mauer, die die Peterskirche und den Stadtteil Borgo einschließen soll (das geschieht natürlich auf Johannas Vorschlag hin). Die Meinung der Römer bezüglich der Leoninischen Mauer ist geteilt; die einen befürworten sie, die anderen halten sie für Geldverschwendung und meinen, sie könnte sowieso nicht fertig werden, bevor die Sarazenen das nächste Mal angreifen.

Und jetzt beginnt Anastasius, der ja bisher keinen so wahnsinnig spannenden Antagonisten abgegeben hat, mal ordentlich zu intrigieren. Er will dafür sorgen, dass aus dem Mauerbau nichts wird, denn: „Falls das Projekt fehlschlug, konnte die Woge der öffentlichen Abneigung, die sich dabei bilden würde, Anastasius genau jene Chance verschaffen, die er brauchte. Dann konnten seine Anhänger in der kaiserlichen Partei zum Lateranpalast marschieren, den in Ungnade gefallenen Papst aus seinem Amt entfernen und ihren eigenen Kandidaten auf den Thron Petri erheben.“ (S. 444) Ich habe das Gefühl, er stellt es sich ein bisschen zu einfach vor, einen Papst abzusetzen; aber sei’s drum.

Jedenfalls entsteht eines Nachts ein Feuer bei der Leoninischen Mauer, das auf Borgo übergreift. Papst Leo reitet zum Petersdom und betet dort auf den Stufen, was den Menschen bei den Löscharbeiten Mut verleiht; auch Arighis kommt mit und stirbt, als er den Papst aus direkter Gefahr vor den Flammen rettet. Gerold befindet sich in jener Nacht in Borgo, überlebt aber und rettet dabei noch zwei Kinder, und koordiniert hinterher zusammen mit Johanna, die verzweifelt nach ihm gesucht und ihn schließlich gefunden hat, die Löscharbeiten. Das Feuer wird besiegt, aber es gibt zahlreiche Tote im völlig zerstörten Borgo; die Mauer wurde allerdings kaum beschädigt. Auch der Petersdom ist verschont geblieben, und das sehen die Leute als Wunder an, das sie Leo zuschreiben. Anastasius ist ganz und gar nicht erfreut über den Ausgang der Angelegenheit. Und bald bekommt er noch mehr Grund zur Unzufriedenheit: Denn ein Priester kommt zusammen mit einem etwa fünfzehnjährigen Jungen namens Dominik zum Papst und erzählt, dass der Junge etwas berichten möchte, was er ihm gebeichtet hat.

„Leo runzelte die Stirn. ‚Du weißt, mein Sohn, daß das Beichtgeheimnis nicht verletzt werden darf.’

‚Der Junge ist aus freien Stücken gekommen, Heiligkeit. Er leidet unter schrecklichen seelischen und spirituellen Qualen.’

Leo wandte sich an Dominik. ‚Stimmt das? Sag die Wahrheit; es ist keine Schande, wenn du für dich behalten willst, was du gebeichtet hast.’

‚Ich möchte es Euch aber sagen, Heiliger Vater’, erwiderte der Junge mit zittriger Stimme. ‚Ich muß es Euch sagen, um meiner Seele willen!’“ (S. 458)

Dominik erzählt also, dass Anastasius, in dessen Kirche er Messdiener ist, ihn angestiftet hat, das Feuer zu legen: „Er hat mir gesagt, der Bau der Stadtmauer wäre ein großes Übel… wegen des vielen Geldes, der Zeit und der Arbeitskraft, die darauf verwendet werden. Er sagte, wir sollten diese Mittel lieber dazu benutzen, die Kirchen instand zu setzen und die Not der Armen zu lindern.“ (Ebd.) Dominik hätte nur ein kleines Feuer an der Mauer legen wollen, aber dann hätte der Wind die Flammen angefacht. Er ist verzweifelt über seine Tat: „Ich kann nicht leben mit dem, was ich getan habe! Legt mir eine Buße auf! Bestraft mich! Ich werde jeden Tod erleiden, wie schrecklich er auch sein mag; denn meine Seele wäre wieder rein!“ (S. 459)

Papst Leo erlegt Dominik jedoch als Buße nur eine Wallfahrt nach Jerusalem auf. Er will dann Anastasius den Prozess machen, aber der neue päpstliche Haushofmeister Waldipert ist ein Spitzel von Anastasius’ Vater Arsenius und warnt diesen rechtzeitig, sodass Anastasius ins Frankenreich fliehen kann. Leo exkommuniziert den abwesenden Anastasius in einer feierlichen Zeremonie.

„Ihr (Johanna) fiel auf, daß Leo sich für das excommunicatio minor entschieden hatte, die weniger strenge Form der Exkommunikation: Dem Bestraften wurde zwar das Recht aberkannt, die Sakramente zu spenden oder zu empfangen (von der Letzten Ölung abgesehen, die keinem Menschen verweigert werden konnte); doch wurde ihm nicht jeglicher Umgang mit anderen Christenmenschen untersagt. Leo hat wirklich ein gütiges Herz, dachte Johanna bei sich.“ (S. 464) Johanna bedauert Anastasius irgendwo: „Was für eine tragische Verschwendung, dachte sie. Ein so intelligenter Mann wie Anastasius hätte sehr viel Gutes bewirken können, wäre sein Herz nicht von blindem Ehrgeiz zerfressen gewesen.“ (Ebd.)

Der Bau der Leoninischen Mauer schreitet weiter voran, und als sich erneut sarazenische Schiffe Richtung Rom aufmachen, verbündet sich Leo mit Neapel und die Sarazenen können mithilfe der neapolitanischen Flotte schon bei Ostia in die Flucht geschlagen werden, wobei auch ein zur günstigen Zeit eintreffender Sturm zu Hilfe kommt. Leo lässt auch die geplünderte Peterskirche von neuem prächtig ausstatten und wird allgemein als Restaurator Urbis, Wiedererbauer der Stadt, gefeiert. Johanna ist kein ganz so uneingeschränkter Fan des Papstes: „Es war nicht zu leugnen, daß Leo ein neues Heiligtum von ehrfurchtgebietender Schönheit hatte errichten lassen. Doch die Mehrheit der Römer, die in der Nähe dieser funkelnden Pracht wohnten, mußten ihr Leben in jämmerlicher, erniedrigender Armut verbringen. Nur eine einzige von den massiven silbernen Platten an den Türen von Sankt Peter, in Münzen gegossen, hätte die gesamte Einwohnerschaft des Stadtteils Campus Martius ein Jahr lang ernähren können. Erforderte die Verehrung Gotte wirklich so große Opfer?“ (S. 470) Hier zeigen sich natürlich die modernen Vorurteile der Autorin, die meint, dass diese Armen auch keine Schönheit brauchen. Interessanterweise hat Gerold diesen Einwand parat, als Johanna ihm ihre Gedanken mitteilt: „‚Ich habe mal irgendwo gelesen’, sagte er, ‚daß die Schönheit eines heiligen Schreines dem Gläubigen eine andere Form von Nahrung gibt – nicht für den Körper, sondern für die Seele.’“ (Ebd.) Johanna erwidert darauf jedoch nur lapidar: „Es ist schwer, die Stimme Gottes zu hören, wenn einem der Magen knurrt.“ (Ebd.)

Insgesamt scheint jedoch alles recht gut zu gehen, auch für Johanna, die eine wichtige und geachtete Rolle als nomenclator einnimmt und sich um die Anliegen zahlreicher Bittsteller kümmert, und für ihre Beziehung zu Gerold, die weiterhin liebevoll, aber mehr oder weniger platonisch ist. Doch dann beginnen sich bei dem bisher kerngesunden Leo Anzeichen einer Krankheit zu zeigen…

5 Gedanken zu “Die Päpstin, Teil 6: Das wiedervereinte Liebespaar

  1. In den Ruinen eines Vesta-Tempels vor den Toren der Stadt – sind die für ihr Stelldichein bis nach Ostia antica hinaus, wo es vielleicht so einen gab? Ohne Regionalzug?

    Ich bin mir ziemlich sicher, das Vesta, die man sich als ziemlich häuslich vorstellte, in Rom nur einen Tempel hatte, und zwar auf dem Forum.

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      1. Aber hey, das *weiß* man doch… in jedem heidnischen Haus war der Herd per se eine Kultstätte für Vesta, aber einen zentralen Tempel gab es in der Stadt nur einen, eben den Herd der Stadt. Und wenn es nicht nur ein zufälliger Platz ist, wie ja ausdrücklich erwähnt wird… „symbolisierte alles, was Gerold für sie bedeutete“… dann ist Vesta sowieso eine eher komische Wahl. Venus, wegen dem Sex, oder Juno, wegen der eventuell erwarteten Ehe… aber doch nicht *die* Göttin des Spießbürgertums schlechthin, deren Priesterinnen Jungfrauen (auf Zeit) waren…

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