Die Päpstin, Teil 7: Mit Kind und Karriere ist das so eine Sache

Papst Leo IV. wird also krank. Er leidet unter seltsamen Symptomen (Kopfschmerzen, Zittern, brennende Schmerzen in Händen und Füßen, Magenprobleme), denen Johanna nicht abhelfen kann. Zur selben Zeit erhält Anastasius, der am Hof von Kaiser Lothar in Aachen gelebt und sich beim Kaiser und dessen Familienangehörigen und Höflingen beliebt gemacht hat, einen Brief von seinem Vater Arsenius, dass die Zeit für ihn reif sei, nach Rom zurückzukehren.

Johanna versucht alles, um Leo zu helfen und als sie ihm eine Woche lang alle feste Nahrung verbietet und ihm nur Heiltränke gibt, bessert sich sein Zustand. Doch eines Morgens hat er wieder furchtbare Schmerzen, und Johanna entdeckt einen Teller mit den Resten einer Fleischpastete neben seinem Bett. Leos Kammerdiener sagt, er hätte sie Leo gebracht, da der Haushofmeister Waldipert ihm gesagt hätte, dass sie es so angeordnet hätte; Johanna kommt ein schrecklicher Verdacht und sie schickt nach Gerold, damit er Waldipert verhaften lässt; doch der ist verschwunden und schließlich findet man seine Leiche im Tiber. Arsenius hat bei seinem Giftanschlag auf den Papst keine Mitwisser übrig gelassen. Leo stirbt.

Arsenius ist ein wenig sauer, dass Waldipert dem Papst das Gift nicht über einen noch längeren Zeitraum in kleineren Dosen verabreicht hat, sodass die Papstwahl schon stattfinden soll, ehe Anastasius in Rom ankommen kann. Aber er arbeitet schon daran, Anastasius’ Exkommunikation aufheben zu lassen und hofft, dass er ihn dennoch zum Papst machen kann. Gerold, der von Arsenius’ Bemühungen erfahren hat, schlägt Johanna jetzt, wo ein Pontifikat Anastasius’ droht, wieder vor, aus Rom zu fliehen und zu heiraten und sie stimmt zu. Doch am Tag der Wahl sind sie noch in Rom. Johanna betet an diesem Tag in einer kleinen Kirche in Rom, und hier findet sich eine interessante Stelle:

„Beim großen Feuer bis auf die Grundmauern niedergebrannt, war auch die Sankt Michael (sic) mit Baumaterial wiedererrichtet worden, das man aus antiken römischen Tempeln und Monumenten herangeschafft hatte. Als Johanna nun vor dem Hochaltar kniete, bemerkte sie, daß der marmorne Sockel das Symbol der Magna Mater trug, der uralten Erdgöttin, die in grauer Vorzeit von heidnischen Stämmen verehrt worden war. Unter dem primitiven Symbol war die lateinische Inschrift eingemeißelt: ‚Der Weihrauch, der auf diesem Marmor brennt, soll dir, Göttin, ein Opfer sein.’ Als der gewaltige Marmorblock hierher geschafft worden war, hatte offenbar niemand das Symbol deuten oder die alte Inschrift lesen können. Aber das war nicht weiter verwunderlich; viele römische Priester waren des Lesens und Schreibens nicht mächtig. Auch in diesem Fall hatten sie die uralte Inschrift nicht entziffern können, geschweige denn, ihre Bedeutung verstanden.

Der eigentümliche Kontrast zwischen dem christlichen Altar und seinem heidnischen Sockel erschien Johanna wie ein vollkommenes Abbild ihrer selbst: Obwohl christlicher Priester, träumte sie noch immer von den heidnischen Göttern ihrer Mutter; in den Augen der Welt ein Mann, mußte sie ihr Frausein und ihre weiblichen Gefühle vor eben dieser Welt verbergen; auf der Suche nach dem wahren Glauben, wurde sie hin und her gerissen zwischen dem Verlangen, Gott zu schauen und der Angst, er könne nicht existieren.“ (S. 481)

Davon, dass Johanna aktiv auf der Suche nach dem wahren Glauben wäre, habe ich noch nicht viel bemerkt. Auch der Rest dieser beiden Absätze macht nicht viel Sinn. Das Lesen war eine Fähigkeit, die jeder Priester beherrschen musste, allein schon, um die Messe lesen zu können; und selbst wenn einer nicht besonders gut Latein konnte – das damals in Rom gesprochene frühe Italienisch war immer noch relativ eng mit dem klassischen Latein verwandt. Dass Johanna die erste ist, die die Inschrift bemerkt und lesen kann, ist demnach unwahrscheinlich. Andererseits fragt man sich, woher sie das Symbol der Göttin kennt und zuordnen kann. (Die Magna Mater, auch unter dem Namen Kybele bekannt, war übrigens eine ursprünglich kleinasiatische Gottheit, deren Kult vor allem in der Kaiserzeit, als sich auch andere Mysterienkulte im Reich verbreiteten, in Rom an Beliebtheit gewann.) Und dass Johanna fürchtet, Gott könnte gar nicht existieren, passt schlecht zu ihrer Zeit. Wenn etwas für die Menschen des Mittelalters völlig selbstverständlich war, dann die Existenz Gottes und einer jenseitigen Welt. Auch in der Antike gab es praktisch niemanden, der der Ansicht war, die sichtbare Welt wäre alles, was es gäbe und sie wäre einfach aus dem Nichts entstanden oder schon immer da gewesen, ohne dass Götter hinter ihr stünden. Das hätte man als absurd betrachtet; die jenseitige Welt war für die Menschen damals die realere Welt, die wirkliche Welt, von der die sichtbare Welt ein schwaches Abbild war. Es wird auch nie ganz klar, was Johanna an den sächsischen Göttern ihrer Mutter fasziniert oder anzieht, und ob sie es für möglich hält, dass Wotan tatsächlich existiert.

Trotzdem ist dieser Abschnitt recht aufschlussreich, indem er demonstriert, dass der Glaube an weibliche Priester und der Glaube an „weiblich“ gedachte Gottheiten irgendwie immer zusammenhängen; Johanna, die sich als Priesterin sieht, hätte eigentlich lieber eine „Magna Mater“ als den christlichen Gott. Auch bei der heutigen Bewegung für weibliche Priester in der katholischen Kirche taucht ja beinahe zwangsläufig immer wieder die Vorstellung von Gott als eine Art Muttergottheit auf. Das ist natürlich eine Vorstellung, die überhaupt nicht ins Christentum passt; der Glaube an Muttergottheiten hat immer etwas Pantheistisches (die Erde, die das Leben gebiert), während das Bild des Vatergottes besser zum außerhalb der Welt stehenden Schöpfer passt, an den wir Christen glauben. (Im Protestantismus, wo die Kleriker bloß Prediger und Gemeindevorsteher sind, mag das anders sein, aber im Katholizismus, ebenso wie in heidnischen Kulten, stehen Priester eben tatsächlich in gewisser Weise stellvertretend für Gott bzw. einen Gott / eine Göttin und repräsentieren ihn oder sie vor den Gläubigen.)

(Römische Darstellung der Kybele, um 50 n. Chr.)

Johanna bittet Gott, ihr den rechten Weg zu zeigen, erhält aber keine Antwort und fühlt sich ratlos; und plötzlich wird ihr Gebet unterbrochen. Zahlreiche Würdenträger kommen herein und sagen ihr, sie sei zum Papst gewählt worden. Unter den Klerikern werden auch „Akoluthen“ erwähnt; eigentlich müsste es „Akolythen“ heißen, aber das kann auch ein Fehler des Übersetzers sein. (Es handelt sich dabei um einen der niederen Weihegrade vor der Diakonatsweihe.) Arsenius hat zwar versucht, Stimmen für Anastasius’ Wahl zu kaufen, aber das Volk war begeistert, als der Vorschlag aufkam, Johannes Anglicus zu wählen, und somit ist sie nun Papst. Anastasius, der noch bei Perugia ist, als er von der Wahl erfährt, ist wütend und verzweifelt. Er muss ins Frankenreich zurückkehren.

Im nächsten Kapitel findet die Bischofsweihe und Krönung statt. Johanna hat ein wenig Angst, dass Gott sie bestrafen wird, wenn sie zum Papst gekrönt wird; doch nichts geschieht bei der Zeremonie. Als sie hinterher von den jubelnden Menschen vor der Peterskirche (fand damals eigentlich die Papstkrönung in St. Peter oder im Lateran statt?) begrüßt wird, ist sie glücklich: „Gott hatte tatsächlich erlaubt, daß dies alles geschah, also konnte es nicht gegen seinen Willen verstoßen. Alle Zweifel und Ängste Johannas verflogen und wichen einer wunderschönen und strahlenden Gewißheit: Dies ist meine Bestimmung, und dies sind dir mir von Gott anvertrauten Menschen.“ (S. 487) Ich dachte, Johanna soll klug sein und sich mit Theologie auskennen? Ich würde ihr gerne etwas über den direkt hervorbringenden und den bloß zulassenden Willen Gottes erklären. Wie kann denn ein denkender Mensch glauben, alles, was die Menschen tun und woran Gott sie nicht durch einen Blitz vom Himmel hindert, entspräche seinem Willen, weil Er es ja zulässt?

Das Buch fährt fort:

„Sie wurde geheiligt durch die Liebe, die sie für diese Menschen empfand, denen sie an jedem Tag ihres Lebens im Namen Gottes dienen würde.

Und vielleicht würde der Allmächtige ihr am Ende vergeben.“ (Ebd.)

Hier zeigt sich eine typische moderne Verwirrung: Man kann nicht mehr unterscheiden zwischen „etwas gutheißen“, „jemandem etwas nachsehen“ und „jemandem etwas vergeben“. Vergebung kann es nur für Dinge geben, die wirklich falsch gewesen und die bereut worden sind; wenn Johanna überzeugt ist, dass sie das Richtige tut, und nicht vorhat, damit aufzuhören, ist es Unsinn, auf Gottes Vergebung zu hoffen. Sie kann höchstens hoffen, dass Gott auf ihrer Seite steht oder Nachsicht mit ihr haben wird, falls sie sich irrt.

Auch Gerold beobachtet die Zeremonie:

„Nur Gerold, der Johanna so gut kannte, konnte erahnen, was jetzt in ihr vorgehen mochte: Eine wahrhaftige Segnung des Geistes, die ungleich bedeutsamer, inniger und tiefer war als die vorausgegangene förmliche Zeremonie.“ (Ebd.)

Nun, da die Zeremonie ungültig war, mag das in diesem Fall stimmen; bei einer normalen Weihe ist natürlich das objektive Wirken Gottes durch das sakramentale Geschehen wichtiger als die Gefühle, die einer dabei hat.

„In diesen Augenblicken sprach Gott aus ihr.“ (Ebd.)

Aha.

„Gerold sah, wie Johanna den Jubel der Menge entgegennahm, und sein Herz wurde von der schmerzlichen Einsicht erfüllt, daß er diese Frau für immer verloren hatte – und daß er sie zugleich mehr liebte als je zuvor.“ (Ebd.)

Keine Angst, tatsächlich ist die Liebesgeschichte natürlich nicht zu Ende.

Nachdem Johanna Papst geworden ist, sieht sie sich erst einmal ihre Stadt an, geht dabei auch in das dreckige, von Krankheiten geplagte Armenviertel auf dem Marsfeld, und beschließt hinterher, ein Aquädukt wieder aufbauen zu lassen, damit die Armen dort nicht das verschmutzte Tiberwasser schöpfen müssen. Natürlich muss die Autorin hier wieder auf dem Frühmittelalter herumhacken, als könnten die Leute da was dafür, dass das Errichten von Bauwerken in den vorangegangenen Jahrhunderten im Chaos der Völkerwanderungszeit eher vernachlässigt worden war:

„Das Aquädukt wiederaufzubauen, wäre eine gewaltige Aufgabe, ein vielleicht sogar unmögliches Unterfangen, legte man die spärlichen architektonischen Kenntnisse der Zeit zugrunde. Die Bücher, die das gesammelte Wissen der antiken Baumeister enthielten, die derart komplizierte Konstruktionen wie das Aquädukt geschaffen hatten, waren schon Jahrhunderte zuvor verlorengegangen oder vernichtet worden; man hatte die pergamentenen Seiten mit den unersetzlichen Bauplänen sauber geschabt, um christliche Predigten und Geschichten aus dem Leben der Heiligen und Märtyrer darauf zu schreiben.“ (S. 490f.)

Dennoch wird das Projekt unter Gerolds Aufsicht in Angriff genommen, auch wenn einige Männer der Kurie finden, man sollte lieber mehr Kirchen wiederaufbauen. Tatsächlich wurden in dieser Zeit von den Päpsten sowohl einzelne Aquädukte als auch Kirchen wieder instand gesetzt. (Das erste neue Aquädukt wurde in Italien übrigens erst wieder im Hochmittelalter gebaut.)

Johanna ist derweil genervt von ihren liturgischen Pflichten:

„Nominell eine der höchsten Machtstellungen auf Erden, war dieses Amt in Wahrheit mit umfassenden priesterlichen Aufgaben verbunden. (…) Alles in allem gab es mehr als einhunderfünfundsiebzig christliche Festtage, an denen zeitraubende, bis ins kleinste festgelegte Feierlichkeiten stattfanden.

Aus diesem Grund blieb Johanna nur sehr wenig Zeit, tatsächlich zu regieren oder sich um Dinge zu kümmern, die ihr wirklich am Herzen lagen: das Los der Armen wie auch die Ausbildung des Klerus zu verbessern.“ (S. 491f.)

Wie schrecklich zeitraubend doch die Anbetung Gottes ist. Nachdem Johanna in einem Benediktinerkloster gelebt hat, wo sieben Mal am Tag gebetet wird, wundert es mich, dass sie die päpstlichen liturgischen Pflichten so schlimm findet.

Als nächstes findet eine „Bischofskonferenz“ statt. Wirklich, da steht „Bischofskonferenz“. Der Autorin (oder dem Übersetzer) hat offenbar niemand gesagt, dass wir zu dieser Zeit Bischofssynoden oder -konzilien hatten und die Bischofskonferenzen (nationale Vereinigungen der Bischöfe) erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil existieren.

Auf dieser Konferenz bzw. Synode tritt Johanna für die Kommunionspendung mit Intinctio ein, die sie damals in Fulda eingeführt hat und die sich inzwischen im Frankenreich weit verbreitet hat, und die anderen Bischöfe sind alle dagegen, weil das gegen die Tradition sei, und können Johannas Argumenten natürlich nichts anderes entgegensetzen.

„‚Sollen wir eine Idee nur deshalb ablehnen, weil sie neu ist?’ fragte Johanna.

‚Wir sollten uns in allen Dingen von der Weisheit der Alten leiten lassen’, erwiderte Pothos gewichtig. ‚Und wir können uns nur einer einzigen Wahrheit sicher sein – nämlich jener, die uns in der Vergangenheit gewährt worden ist.’

‚Alles, was alt ist, war irgendwann neu’, entgegnete Johanna, ‚und stets geht das Neue dem Alten voraus. Ist es da nicht dumm und widersinnig, auf der einen Seite alles zu verdammen, was zuerst kommt, und auf der anderen Seite alles in den Himmel zu heben, was aus zuerst Gekommenem entstanden ist?’

Pothos furchte die Brauen, als er diesen Darlegungen zu folgen versuchte. Wie die meisten seiner Amtskollegen hatte er keine Übung in gelehrten Disputen und Rededuellen; er fühlte sich nur wohl in seiner Haut, wenn er Autoritäten zitieren konnte.“ (S. 493)

Meine Güte, als ob Johannas Aussagen so „gelehrt“ gewesen wären; der zweite Satz ist auch nur eine längere Version von „Alles, was alt ist, war irgendwann neu“. Tatsächlich war die Dialektik den Theologen damals eben nicht fremd; hat die Autorin z. B. noch nie von Johannes Scotus Eriugena gehört? Johanna setzt sich jedenfalls durch; die Intinctio darf im Frankenreich beibehalten werden.

(Johannes Scotus Eriugena in einer Buchmalerei aus dem 12. Jahrhundert. Ich liebe seinen Gesichtsausdruck.)

Als nächstes reden die Bischöfe über Gottschalk von Orbais, der damals das Kloster Fulda verlassen hat und inzwischen Priester und Theologe geworden ist, und der von Rabanus Maurus, nun Erzbischof von Mainz, wegen Ketzerei in den Kerker geworfen wurde. Johanna fragt nach, welche Ketzerei Gottschalk vorgeworfen wird:

„‚Erstens’, entgegnete Wulfram, ‚behauptet der Mönch Gottschalk, daß Gott alle Menschen entweder zur Errettung oder zur ewigen Verdammnis vorherbestimmt. Zweitens behauptet er, daß Christus nicht für alle Menschen am Kreuz gestorben ist, sondern nur für die zur Errettung Erwählten. Und drittens sagt dieser Ketzer, daß Menschen, die für die Verdammnis bestimmt sind, auch durch gute Werke nicht bewirken können, zu den Erwählten zu gehören.’“ (S. 494f.)

Da Gottschalk ja ein Sympathieträger bleiben soll, weil Rabanus Maurus der Böse war, geht es folgendermaßen weiter:

Das hört sich allerdings sehr nach Gottschalk an, ging es Johanna durch den Kopf. Ein überzeugter Pessimist wie er, ständig unglücklich und von Seelenqualen gepeinigt, mußte sich von Natur aus zu einer solchen Theorie hingezogen fühlen, die einen Teil der Menschen als von vornherein zum Untergang verurteilt deklarierte – wobei Gottschalk sich höchstwahrscheinlich selbst dazu zählte.“

Ich kenne mich mit Gottschalk von Orbais zugegebenermaßen nicht besonders gut aus; aber im Allgemeinen waren die Leute, die eine solche Prädestinationslehre in der Kirche einführen wollten, immer ziemlich überzeugt von ihrer eigenen Erwählung – Calvin oder die Jansenisten zum Beispiel. Es geht folgendermaßen weiter:

„Andererseits waren diese Gedanken ganz und gar nicht neu und erst recht nicht ketzerisch: Der heilige Augustinus hatte in seinen beiden großen Werken, Über den Gottesstaat und Über die Liebe zu Gott, ganz ähnliche Ansichten vertreten: ‚Alle Gnade’, hatte er geschrieben, ‚ist unverdiente Gnade.’“ (S. 495)

(Augustinus in einer Darstellung in der Lateranbasilika, 6. Jahrhundert)

Und wieder zeigt sich, dass die Autorin bei den theologischen Fragen einfach nicht ganz durchsteigt. Selbstverständlich ist alle Gnade unverdiente Gnade, das bestreitet kein Christ (außer den zu Augustinus’ Zeiten verurteilten Pelagianern, die meinten, der Mensch könne sich durch eigene moralische Anstrengung den Himmel verdienen); aber das heißt nicht, dass Gott nicht allen Menschen diese unverdiente Gnade anbietet und alle Menschen durch ihren freien Willen die Möglichkeit haben, sie entweder anzunehmen oder zurückzuweisen.

Aber ja, es stimmt, dass Augustinus in seinen späteren Werken auch ziemlich nahe an die Lehre von der doppelten Prädestination herankam. Da ich sehr wenig Augustinus gelesen habe (ich habe vor, das nachzuholen), weiß ich nicht genau, wie nahe, und äußere mich dazu mal lieber nicht; aber jedenfalls zählt für die Frage, was kirchliche Lehre ist, nicht die Meinung eines einzelnen Kirchenvaters, selbst wenn es Augustinus ist, sondern vielmehr die Beschlüsse von Konzilien, Synoden und Päpsten, und bei der Verurteilung des Pelagianismus wurde die Lehre von der doppelten Prädestination eben nicht angenommen. Im Buch geht es folgendermaßen weiter:

„Nirgotius, der Bischof von Anagni, erhob sich, um das Wort zu ergreifen. ‚Dies ist ein verwerflicher und sündhafter Abfall vom Glauben’, sagte er. ‚Denn es ist wohlbekannt, daß Gottes Wille die Auserwählten vorherbestimmt, nicht aber die Verdammten.’

Diese Argumentation ließ arg zu wünschen übrig; denn wenn Gott für den einen Teil der Menschen irgend etwas vorherbestimmte, galt dies zwangsläufig auch für den anderen Teil.“ (Ebd.)

Okay, hier kann man der Autorin mal irgendwo zustimmen. Eine ähnliche Kritik würde ich als Anhängerin des Molinismus auch an den Augustinismus richten. Übrigens liebe ich den Namen „Nirgotius“.

„Doch Johanna wies den Bischof nicht darauf hin, denn Gottschalks Lehren bereiteten ihr in der Tat einigen Kummer. Es war gefährlich, die Menschen zu lehren, daß ein Teil von ihnen der Verdammnis anheimfiel, mochten sie noch so viele gute Taten vollbringen und ein noch so frommes Leben führen. Denn falls dies zutraf – warum sollte sich dann überhaupt noch jemand die Mühe machen, sich nach den Geboten zu richten oder gute Werke zu tun, da Gott die Würfel ja bereits geworfen hatte?“ (Ebd.)

Schlimmer noch, was für ein Gottesbild bekämen wir dann? Die Lehre von der doppelten Prädestination stellt Gottes Liebe zu allen Seinen Geschöpfen radikal infrage.

Die „Bischofskonferenz“ verurteilt am Ende Gottschalks Lehren, tadelt aber auch Rabanus’ hartes Vorgehen gegen ihn. Tatsächlich war es so, dass Rabanus Maurus und Hinkmar von Reims auf einer fränkischen Synode die Verurteilung des historischen Gottschalks wegen Ketzerei erreichten und er in Klosterhaft kam.

Im nächsten Abschnitt bekommen wir dann wieder eine der besonderen Perlen des Romans:

„Die Sympathie, die Johanna auf der Synode erworben hatte, hielt nicht lange vor. Schon im nächsten Monat wurde die gesamte christliche Welt bis in die Grundfesten erschüttert, als Johanna die Absicht verkündete, eine Schule für Frauen zu gründen.“ (S. 496)

Man versuche mal, diesen Satz laut vorzulesen, ohne zu lachen. Wie die christliche Welt wohl erst erschüttert werden würde, wenn Johanna beschließen würde, sich beim Frühstück Butter aufs Brot zu schmieren? Der Untergang des Abendlandes droht, nein, er ist schon da!

Ich wiederhole es jetzt zum hunderttausendsten Mal: Es gab im 9. Jahrhundert Nonnenklöster und Klosterschulen. Und es gab auch außerhalb der Klöster gelehrte Frauen.

(Gründungsurkunde der Fraumünsterabtei in Zürich, 853 von Ludwig dem Deutschen gestiftet)

Die päpstlichen Beamten sind gegen Johannas Plan, da es Allgemeinwissen sei, dass das Lernen bei Frauen die Fruchtbarkeit beeinträchtige. „Je mehr ein Mädchen lernt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, daß es als Frau jemals Kinder bekommen wird“, behauptet einer von ihnen (ebd.). Und natürlich waren Frauen im 9. Jahrhundert nur zum Gebären da; niemand pries damals das ehelose, jungfräuliche Leben um Christi willen. Niemand! Hier gibt es nichts zu sehen!

(Die heilige Kassia, eine byzantinische Äbtissin und Komponistin, um 810 – um 865)

Johanna setzt sich durch. Gerold sagt später zu ihr, sie sollte die Leute nicht so verärgern; sie könne es sich nicht leisten, sich Feinde zu machen: „Aber du mußt den Menschen Zeit lassen. Die Welt kann nicht an einem einzigen Tag neu erschaffen werden.“ (S. 497) Johanna bemüht sich daraufhin tatsächlich, diplomatischer zu sein, aber ihren Plan mit der Schule verwirklicht sie.

(Hrotsvit von Gandersheim (um 935 – nach 973) überreicht Kaiser Otto dem Großen ihr Buch „Gesta Ottonis“, im Hintergrund Hrotsvits Äbtissin Gerberga, Holzschnitt von Albrecht Dürer, 1501)

Einige Zeit später gibt es in Rom eine Überschwemmung; der Tiber tritt über die Ufer und überflutet das Marsfeld, wodurch viele Menschen dort in den alten, noch aus der Antike stammenden Mietskasernen eingeschlossen sind. Johanna lässt kurzerhand die päpstliche Miliz zusammenrufen, requiriert so viele Boote und wie möglich und steigt selbst zusammen mit Gerold in eines, um auf das Marsfeld hinauszurudern und Menschen zu retten. Die Männer der Kurie versuchen natürlich, ihr auszureden, wegen ein paar zerlumpter Bettler ihr Leben aufs Spiel zu setzen, aber sie bleibt stur. Es könnte sein, dass die Autorin hier eine Geschichte über Papst Nikolaus I. (Papst von 858 bis 867) entfremdet, dessen tatkräftige Hilfe für das Volk von Rom nach einer Flutkatastrophe im Liber Pontificalis gerühmt wird.

(Einige Jahrhunderte später: Papst Pius XII. geht nach einem Bombenangriff in Rom zu den Menschen in das zerbombte Viertel,  Bildquelle hier.)

Zuerst klappt alles, doch als Gerold und Johanna noch ein letztes Mal zurückfahren, um einen kleinen Jungen aus einem Haus zu retten, kommt eine neue Flutwelle, die durch den Einsturz eines Teils der Aurelianischen Mauer unter dem Druck der Wassermassen ausgelöst wurde, und diese Flutwelle schleudert die beiden in eins der oberen Stockwerke eines Hauses. (Der kleine Junge stirbt.)

Gerold hat sich am Kopf verletzt und viel Wasser geschluckt und ist zunächst ohnmächtig. Johanna leistet ihm Erste Hilfe und kommt dann auf die Idee, dass sie ihn aufwärmen müsste, weil sie da irgendetwas bei Hippokrates gelesen hat, und weil sie kein Feuer entfachen kann, greift sie auf das Prinzip Körperwärme zurück, zieht ihn und sich aus und kuschelt sich an ihn. Wie manche Autoren sich doch anstrengen, ihre Figuren in passende Situationen für Sex zu bringen. Gerold wacht irgendwann auf und dann passiert, was zu erwarten war. Auch am nächsten Morgen bekommen wir noch mal ein bisschen Romantik: „Sie waren Zwillingsseelen, für immer und untrennbar verbunden; zwei Hälften eines vollkommenen Ganzen, das ohne den anderen nie mehr vollständig sein würde.“ (S. 508) Usw. usf.

Schließlich hört der Regen draußen auf und die beiden sprechen über ihre Zukunft, da sie realisieren, dass man bald nach ihnen suchen wird. Gerold schlägt Johanna vor, sich einfach verborgen zu halten, wenn Boote kommen, und später, wenn das Wasser abgelaufen ist, die Stadt zu verlassen. Niemand würde nach ihnen suchen, da man glauben würde, sie wären ertrunken. Doch Johanna lehnt das ab; sie sieht sich in der Verantwortung für die Leute von Rom.

„‚Ich verstehe’, sagte Gerold. ‚Und ich werde dich nicht mehr bedrängen. Aber eines sollst du wissen. Und ich werde es nur einmal sagen, hier und jetzt, und dann nie mehr wieder. Du bist mein wahres Leben auf Erden, und ich bin dein wahrer Gatte. Egal, was geschieht, egal, welches Schicksal uns erwartet – nichts und niemand kann je etwas daran ändern.’“ (S. 510f.)

Was für ein Blödsinn. Wir sind hier im 9. Jahrhundert, nicht im 19.; niemand vertrat damals die Ansicht, dass eine auf einer Art „Seelenverwandtschaft“ beruhende Liebe mit einer Ehe gleichzusetzen wäre.

Sie werden schließlich gefunden und gerettet und die kurze Zeit der Zweisamkeit ist vorbei.

Es geht mit Johannas Taten als Papst weiter. Sie tut Gutes und macht sich beim Volk beliebt und bei den Mächtigen, die finden, dass sie die Würde ihres Amtes nicht achtet, unbeliebt. „Zudem glaubte Papst Johannes an die Kraft der Logik und die Stichhaltigkeit von Beobachtungen; der hohe Klerus dagegen glaubte allein an die Kraft heiliger Reliquien und göttlicher Wunder. Der Papst war vorausschauend und fortschrittlich, die Würdenträger konservativ und durch Gewohnheit an Traditionen gebunden.“ (S. 512) Noch holzhammerartiger ging es nicht mehr, nehme ich an.

Johanna besetzt auch wichtige Posten mit fähigen Männern, auch wenn diese Ausländer sind, was die mächtigen römischen Familien verärgert. Arsenius versucht natürlich, sich die Situation zunutze zu machen und die Männer der Kurie noch mehr gegen den Papst einzunehmen. Anastasius schmachtet derweil im Exil im Frankenreich; er ist zwar am kaiserlichen Hof beliebt und beeindruckt die Leute, wenn er z. B. im Abendmahlsstreit argumentiert, Brot und Wein würden bloß sinnbildlich zu Leib und Blut Christi; aber er sehnt sich doch danach, dieses barbarische Land endlich verlassen und wieder nach Rom gehen zu können. (Im Abendmahlsstreit des 9. Jahrhunderts war man sich zwar einig darüber, dass Christus in Brot und Wein gegenwärtig ist, aber eine Frage war unter Theologen wie Paschasius Radbertus und Ratramnus umstritten: Ist der eucharistische Leib nun wirklich mit dem historischen Leib Jesu identisch oder ist er es nicht?) Von seinem Vater erhält Anastasius Berichte aus Rom: Papst Johannes kümmere sich zu wenig darum, den Diebstahl von Reliquien zu verhindern – „Er sagte, die Menschen wären sinnvoller damit beschäftigt, sich um die Lebenden statt um die Toten zu kümmern“ –, verschwende Geld für Schulen und Hospitäler und Armenhäuser und wende kein bisschen für die Kirchen der Stadt auf. (Ich finde ja übrigens, wer die Toten nicht achtet, achtet am Ende auch die Lebenden nicht mehr. Nicht ohne Grund ist es eins der sieben Werke der Barmherzigkeit, Tote zu begraben. Natürlich alles eine Frage des Maßes.) „Falls – nein, verbesserte Anastasius sich selbst – sobald er Papst wurde, würde sich vieles ändern. Er würde Rom wieder zu alter Größe führen. Unter seiner segensreichen Schirmherrschaft würden die Kirchen der Stadt in neuem Glanz erstrahlen, großartiger und prächtiger als die schönsten Paläste von Byzanz. Das – Anastasius wußte es genau – war die Mission, mit der Gott ihn auf Erden betraut hatte.“ (S. 522f.) Anastasius sieht einen göttlichen Auftrag für sich? Das ist interessant. Bisher ist es eher so dargestellt worden, als wäre er von rein weltlichem Ehrgeiz motiviert.

Kehren wir nach Rom zurück. Zwei oder drei Monate nach dem Hochwasser beschließt Gerold, die Stadt zu verlassen und wieder nach Benevento zu gehen, damit seine und Johannas Liebe zueinander nicht entdeckt wird. Johanna will es ihm ausreden. In diesem Augenblick wird ihr schwindelig, und er verspricht ihr, später noch einmal mit ihr darüber zu sprechen, und zumindest in Rom zu bleiben, bis sie sich wieder gesund fühlt.

Als Johanna in der Stille ihres Schlafzimmers darüber nachdenkt, dass sie sich eigentlich seit mehreren Wochen nicht besonders gut fühlt, wird ihr klar, dass auch ihre Monatsblutung seit längerem ausgeblieben ist. Sie ist schwanger.

Sie gerät in Panik und denkt nicht daran, dass sie aus Rom fliehen könnte, sondern stellt sich nur vor, was wäre, wenn ihre Schwangerschaft entdeckt würde. In ihrer Panik bereitet sie aus den Arzneien, die sie bei sich hat, rasch ein Abtreibungsmittel zu.

„In diesem Augenblick kamen ihr ungewollt die Worte des Hippokrates in den Sinn. Die Kunst der Medizin bedeutet Verantwortung und Vertrauen. Als Arzt mußt du all dein Wissen stets darauf verwenden, den Kranken zu helfen, so gut dein Können und dein Urteil es erlauben – aber niemals, unter keinen Umständen, darfst du einem Menschen Leid zufügen.“ (S. 524f.)

(Tatsächlich enthält ja der berühmte Hippokratische Eid im Original auch die Zeile: „Auch werde ich nie einer Frau ein Abtreibungsmittel geben.“)

„Entschlossen schob Johanna diesen Gedanken zur Seite. Ihr Leben lang war ihr weiblicher Körper eine Quelle des Kummers und des Schmerzes für sie gewesen – Behinderung und Hindernis bei allem, was sie tun oder sein wollte. Sie würde nicht zulassen, daß dieser Frauenkörper sie nun auch noch das Leben kostete.

Johanna setzte das Fläschchen an die Lippen und trank.

Niemals darfst du Leid zufügen. Niemals darfst du Leid zufügen. Niemals darfst du Leid zufügen.

Die Worte brannten in ihrem Inneren und versengten ihr das Herz. Mit einem Schluchzer schleuderte sie das leere Fläschchen zu Boden. Es rollte davon, und die letzten Tropfen der Arznei hinterließen ein unregelmäßiges Muster auf den Holzdielen.“ (S. 525)

Doch das Mittel funktioniert nicht. Johanna bekommt zwar eine Zeitlang heftige Schmerzen, aber als diese vorbei sind, ist das Kind in ihrem Leib immer noch da.

Als Johanna sich dann später Gerold anvertraut – jedoch ohne ihm etwas von dem Abtreibungsversuch zu sagen; „nicht einmal von Gerold konnte sie in dieser Hinsicht Verständnis erwarten“ (S. 526) – will er sofort mit ihr aus der Stadt fliehen. Johanna jedoch will aus irgendeinem Grund noch bis nach dem Osterfest warten; so lange könne sie ihre Schwangerschaft noch verbergen. Gerold meint zwar, sie wäre vor Angst nicht ganz bei Sinnen, stimmt aber zu, bis Ostern zu warten.

Doch am Osterfest kommt ein Bote mit der Nachricht, dass Kaiser Lothar sich der Stadt nähere, und Anastasius, dessen Exkommunikation der Kaiser nicht anerkenne, bei ihm sei. Johanna schiebt ihren Aufbruch weiter auf.

„‚Es ist nur eine Frage von wenigen Tagen’, sagte sie in versöhnlichem Tonfall. ‚Wir wissen zwar nicht, was Lothar vorhat, aber wir können davon ausgehen, daß er die Stadt verläßt, wenn er sein Ziel erreicht hat. Und sobald er verschwunden ist, werde ich mit dir aus Rom fortgehen.’

Für einen Augenblick überdachte Gerold ihren Vorschlag. ‚Und du versprichst mir, es dann nicht noch einmal aufzuschieben, weil irgend etwas dazwischen gekommen ist?’

‚Ich verspreche es’, sagte Johanna.“ (S. 530)

Als der Kaiser sich nähert, lässt Johanna Gerold ihm entgegenreiten, um ihn zu begrüßen; aber als der Kaiser dann in die Stadt kommt (wieder wird er vor St. Peter, nicht im Lateran begrüßt), Anastasius im Kardinalsgewand an seiner Seite, hat er Gerold fesseln lassen und informiert Johanna, dass er ihn des Verrats anklagen wolle.

„Zum erstenmal meldete Anastasius sich zu Wort. ‚Der Verrat war nicht gegen den Thron des Papstes gerichtet, Heiligkeit, sondern gegen den des Kaisers. Gerold steht unter dem Verdacht, sich gegen Rom verschworen zu haben – mit dem Ziel die Stadt wieder unter griechische Herrschaft zu bringen.“ (S. 530f.)

Anastasius, Arsenius und Lothar haben einen römischen Adligen namens Daniel, der sauer ist, weil sein Sohn bei der Vergabe eines Bischofsstuhls übergangen wurde, dazu gebracht, die falsche Anklage gegen Gerold zu erheben. Johanna durchschaut die Absicht dahinter: „Sie selbst, als Papst, konnte nicht vor Gericht gestellt werden, wohl aber Gerold – und falls man ihn für schuldig befand, war sie mit betroffen, und ihr Thron geriet ins Wanken.“ (S. 531)

Der Prozess findet also statt, wobei Johanna und Lothar den Vorsitz führen. Daniel behauptet, er hätte ein Gespräch zwischen Gerold und Papst Johannes gehört, bei dem sie über ein Bündnis mit den Griechen gegen den Kaiser gesprochen hätten. Johanna, die zwar selbst nicht angeklagt werden kann, aber Gerold helfen will, schwört auf die Evangelien, dass dieses Gespräch nicht stattgefunden habe; dann jedoch beruft sich Anastasius auf die coniuratio, nach der „Schuld oder Unschuld eines Beklagten durch eine Probe bewiesen werden konnte, bei der es darauf ankam, welche der gegnerischen Parteien die größere Anzahl von sacramentales oder ‚Eideshelfern’ auf ihrer Seite  hatte, um die jeweilige Aussage zu untermauern“ (S. 534), und die kaiserliche Seite bringt mehr Eideshelfer zusammen als die päpstliche. Gerold verlangt daraufhin jedoch noch ein Gottesurteil. Johanna, die verhindern will, dass er sich einer solchen lebensgefährlichen Probe unterzieht, stellt dem Ankläger zuerst noch Fragen zu seiner Aussage und verwickelt ihn dabei in offensichtliche Widersprüche, sodass es allen deutlich wird, dass er Gerold fälschlich bezichtigt hat. Sie entzieht Daniel seine Titel und sein Vermögen und verbannt ihn aus Rom. Die Autorin stellt es bei diesem Prozess so dar, als ob es etwas völlig Neues, Unerhörtes wäre, nicht sofort zu Gottesurteilen und dergleichen zu schreiten, sondern erst Zeugenaussagen genauer anzusehen; außerdem wird ganz selbstverständlich das fränkische statt das römische Recht (das so etwas wie Eideshelfer nicht kannte) angewandt – in Rom.

Anastasius jedenfalls ist trotz dieses Rückschlags entschlossen, sich endlich den Papstthron zu erobern. Sein nächster Plan ist, seine Anhänger ganz einfach den päpstlichen Palast stürmen zu lassen, während der Papst eine Prozession durch die Stadt anführt; es wird auch geplant, wie Gerold ausgeschaltet werden soll, damit die päpstliche Miliz die Pläne nicht durchkreuzen kann. Mir kommt dieser Plan irgendwe stümperhaft vor. Wäre es nicht besser, einen Papst heimlich zu ermorden – wie Leo – und nach seinem Tod irgendwie den Anschein einer legitimen Wahl herzustellen, statt einfach nur zu versuchen, die Kontrolle über einen Palast in Rom zu bekommen? Ein Papst muss als Papst anerkannt werden.

Der Tag der Prozession kommt, und Johanna fühlt sich nicht ganz wohl, während sie durch die Straßen reitet: „offenbar war der Sattel nicht richtig aufgeschnallt, denn ihr tat schon jetzt der Rücken weh; der dumpfe, pochende Schmerz kam und verschwand in regelmäßigen Abständen.“ (S. 544) An alle Leserinnen, die Erfahrung damit haben: Sind Wehen tatsächlich dumpf und pochend?

Während der Prozession kommt eine Frau zu Johanna her und bittet sie um Vergebung für das, was sie ihr angetan habe; Johanna erkennt die stark gealterte Frau schließlich als die Kurtisane Marioza, die Benedikt einst dabei geholfen hat, sie in den Kerker zu bringen. Mariozas Gesicht ist inzwischen von Messernarben entstellt, „Die Abschiedsgeschenke eines eifersüchtigen Liebhabers“, wie sie Johanna sagt, als die danach fragt. Marioza sieht ihr Schicksal als göttliche Strafe für das, was sie Johanna angetan hat; Johanna vergibt ihr und segnet sie.

Als die Prozession noch ein Stück weiter gezogen ist, verursachen einige steinewerfende Männer einen kleinen Aufruhr; einer der Steine trifft auch Johannas Pferd. Gerold, der Johanna begleitet, reitet ihnen hinterher, als sie sich in eine Seitengasse zurückziehen; doch es ist eine Falle, und sie zerren ihn von seinem Pferd und stoßen ihm einen Dolch in den Rücken; die anderen Männer der päpstlichen Garde kommen ihm erst zu spät zu Hilfe. Johanna steigt von ihrem Pferd und rennt zu Gerold, und er stirbt in ihren Armen. Und dann spürt sie einen schrecklichen Schmerz:

„Als Johanna sich erhob, durchfuhr sie ein so schrecklicher Schmerz, daß sie sich krümmte, zu Boden fiel und keuchend nach Atem rang. Ihr Körper wand sich in schrecklichen Krämpfen, gegen die sie sich nicht zur Wehr setzen konnte. (…)

Das Kind, durchfuhr es sie. Es kommt.“ (S. 548f.)

Die Menschen sind aufgebracht, meinen, der Papst sei vom Teufel besessen, ein Priester kommt rasch nach vorne geeilt und besprenkelt Johanna mit Weihwasser, doch da wird auch schon ihr Kind geboren:

„Johanna schrie, als mit einer letzten schrecklichen Schmerzwoge der Druck in ihrem Innern wich und ein gewaltiger Blutschwall aus ihrem Leib schoß.

Abrupt verstummte Aurianos’ monotone Stimme, und fassungsloses Schweigen breitete sich aus.

Unter dem Saum der weiten weißen Roben Johannas, die nun mit ihrem Blut getränkt waren, war der winzige bläuliche Körper einer Frühgeburt zu sehen.“ (S. 549)

Eine Geburt geht doch nicht so schnell?! Mir kamen die medizinischen Details ja schon öfter komisch vor, aber das hier?

In der Menge entsteht wieder ein Aufruhr, aber Johanna bekommt davon nicht mehr viel mit: „Johanna hörte dies alles wie aus weiter Ferne. Als sie auf der Straße lag, in ihrem eigenen Blut, überkam sie plötzlich ein unfaßbares, erhabenes Gefühl inneren Friedens. Die Straße, die Menschen, die farbenprächtigen Banner der Prozession erstrahlten in wundervoll leuchtenden Farben vor ihrem geistigen Auge, wie die Fäden eines riesigen Wandteppichs, dessen Muster sie allein zu erkennen vermochte.

Noch einmal wuchs ihr gewaltiger Geist heran, bis er die Leere in ihrem Innern füllte. Sie wurde in ein wundervolles, strahlendes Licht gebadet. Glaube und Zweifel, Wille und Verlangen, Herz und Verstand – endlich, am Ende ihres Weges, erkannte Johanna, daß dies alles eins war und daß dieses Eine Gott war.

Das Leuchten wurde heller. Lächelnd ging sie darauf zu, während die Lichter und Laute der irdischen Welt schwächer und schwächer wurden und schließlich erloschen, wie der Mond, wenn die Morgenröte kommt.“ (S. 549f.)

Und damit ist die Geschichte mehr oder weniger zu Ende. Johanna stirbt also kurzerhand, und die Autorin hat Gelegenheit, noch ein bisschen Esoterikblabla unterzubringen. Was genau soll mit dem Satz „Noch einmal wuchs ihr gewaltiger Geist heran, bis er die Leere in ihrem Innern füllte“ denn gemeint sein? Aus sich selber heraus kann kein Mensch die Leere in seinem Innern füllen; wenn, dann kann das Gott.

Es kommt dann noch ein Epilog, der zunächst bei Anastasius spielt, der fünfundachtzig Jahre alt geworden ist und nie sein Ziel erreicht hat, Papst zu werden. Er hat zwar nach Johannas Tod und der Entdeckung ihrer Identität den Papstthron für sich beansprucht, aber etliche Römer waren gegen ihn und der Kaiser hat ihn schließlich fallen gelassen; so wurde ein anderer gewählt und Anastasius in ein Kloster verbannt. Er hat sich später wieder zum päpstlichen Bibliothekar hochgearbeitet und ist nun für sein Werk, den Liber Pontificalis, weithin berühmt. „Der Liber Pontificalis war Anastasius’ Gewähr für die Unsterblichkeit und sein Nachlaß an die irdische Welt. Vor allem aber war dieses Werk Anastasius’ letzte Rache an seinem verhaßten Rivalen – an jenem Menschen, der ihm im Jahre 853 den Ruhm verwehrt hatte, für den das Schicksal, da war er gewiß, ihn bestimmt hatte. Anastasius hatte Päpstin Johanna aus dem offiziellen Papstregister gestrichen; im Liber Pontificalis wurde nicht einmal ihr Name erwähnt.“ (S. 553) Tatsächlich war es so, dass der historische Anastasius, der im Jahr 853 von Papst Leo IV. exkommuniziert worden war, nach dessen Tod im Jahr 855 den Papstthron für sich beanspruchen wollte, obwohl Benedikt III. gewählt worden war, und damit keinen Erfolg hatte. Er wurde später tatsächlich noch päpstlicher Bibliothekar (er ist heute unter dem Namen „Anastasius Bibliothecarius“ bekannt) und arbeitete am Liber Pontificalis weiter (nicht das ganze Buch, sondern nur einzelne Teile stammen von Anastasius, andere sind älter).

Die Perspektive wechselt dann nach Paris zu einem Erzbischof Arnaldo, der an seiner eigenen Abschrift des Liber Pontificalis arbeitet; er hat diese Arbeit selbst anstelle seiner Schreiber übernommen, um Anastasius’ Werk zu korrigieren: „Zwischen den Abschnitten, in denen das Leben der Päpste Leo und Benedikt beschrieben wurde, gab es nun einen neuen Eintrag über Päpstin Johanna – einen Abschnitt, in dem Johannas Leben und ihre Amtszeit wieder an die ihnen zustehenden Plätze in der Geschichte gerückt wurden.“ (S. 554) Denn: Arnaldo ist in Wirklichkeit Arnalda, Arns und Bonas kleine Tochter, der Johanna viele Jahre zuvor ihren Anhänger mit dem Katharinenbildnis geschenkt hat.

Wie viele andere von uns mag es wohl geben? fragte Arnalda sich nicht zum erstenmal. Wie viele andere Frauen hatten den kühnen Sprung getan und ihre weibliche Identität abgelegt? Wie viele Frauen hatten ein Leben aufgegeben, das mit Kindern und einer Familie hätte erfüllt und ausgefüllt sein können, um statt dessen Ziele anzustreben, die sie als Frau und auf andere Weise niemals hätten erreichen können? Wer konnte das sagen? Es mochte gut sein, daß Arnalda in einem Kloster oder einem Dom, ohne es zu wissen, einer Geschlechtsgenossin begegnet war, die sich in geheimer und bislang unaufgedeckter Schwesternschaft als Mann ausgab und einen ebenso beschwerlichen Weg gehen mußte wie Johanna und Arnalda. (…)

Eines Tages würde jemand diese Unterlagen finden und Johannas Geschichte erzählen.

Die Schuld ist beglichen, dachte Arnalda. Ruhe in Frieden, Päpstin Johanna.“ (S. 554)

Und damit ist dieser Roman endlich zu Ende. Im nächsten Post dann noch ein bisschen was zum Nachwort der Autorin und der ursprünglichen spätmittelalterlichen Legende von der Päpstin, und ein allgemeines Fazit, und dann haben wir’s.

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Ein Gedanke zu “Die Päpstin, Teil 7: Mit Kind und Karriere ist das so eine Sache

  1. Zugegeben: Akoluth ist eigentlich das richtige griechische Wort (akoluthos) für das, was auf Latein aus irgendeinem Grund dann mit y geschrieben wird, obwohl auf griechisch vor dem Ypsilon noch ein Omikron steht.

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