Das Gute: Gesetz oder Ideal?

Man kann grob sagen, dass sich in der Moraltheologie zwei Fronten gegenüberstehen: Für die eine Seite geht es bei der Moral eher um Gebote und Regeln, für die andere ist das Gute eher ein Ideal, dem wir uns annähern (wobei es keine in Stein gemeißelten Regeln gibt, die für alle gleichermaßen gelten würden). Die eine Seite ist heute schief angesehen; man findet sie in ihrer ausgeprägtesten Form in alten Kasuistikhandbüchern von Jesuitenpatres (aus der Zeit, als der Jesuitenorden noch gut katholisch war und für Kirchengegner so ungefähr das darstellte, was heute das Opus Dei ist); die andere Seite ist allgemein beliebt und nennt so unterschiedliche Vertreter wie die rigoristischen Jansenisten des 17. Jahrhunderts und die liberalen Papst-Franziskus-Verehrer von heute ihr eigen.

Ich werde mal meinem Ruf als pharisäische quasipelagianische Moralistin gerecht (Scherz) und erkläre meine Unterstützung für die „Gesetzes-Seite“. Begründung folgt. Bitte etwas Geduld mitbringen, ich hole ein bisschen aus.

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(Lucas Cranach, Die Zehn Gebote, 1516. Quelle: Wikimedia Commons.)

Vor ein paar Jahren, kurz bevor ich mit der Schule fertig war, habe ich von einem Priester, der wusste, dass ich Theologie studieren wollte, ein paar Bücher geschenkt bekommen, darunter ein altes, gebrauchtes, etwa 1000 Seiten dickes Handbuch der Moraltheologie aus den 1950ern, das den wunderschönen Titel „Das Gesetz Christi“ trägt. Ich fand es ziemlich spannend und erfrischend in seiner altmodischen, gründlichen, lehramtstreuen Art und Weise und habe öfter mal drin gestöbert, mich über das, was der Autor über die Rolle des Gewissens, die Klugheitsregeln, oder das 3. Gebot schrieb, informiert. Mir kam es, wie gesagt, anfangs ziemlich altmodisch vor dabei, wie es z. B. klar zu bestimmen versuchte, in welchen Fällen man schwer gegen eins der Zehn Gebote verstieß – obwohl es im Vergleich zu anderen Bücher der Vorkonzilszeit gerade nicht ausgesprochen kasuistisch-kleinkariert war. Jedenfalls endlich mal ein Theologe, der sowohl grundsätzliche als auch praktische Fragen auf kirchentreue Weise anging. Erst vor kurzem ist mir aufgefallen, wie sehr dieser Theologe, obwohl er mir damals irgendwie „gesetzlich“ vorkam, sich doch oft für das ausspricht, was ich inzwischen die „Ideal-Seite“ nenne – oder besser gesagt, wie sehr er zwischen beiden Seiten hin- und herspringt, wie er dazu neigt, die Kuh gleichzeitig melken und schlachten zu wollen. Hier mal eine aufschlussreiche Stelle aus dem Kapitel über die evangelischen Räte (Armut, ehelose Keuschheit, Gehorsam), an der es um den Unterschied zwischen Rat und Gebot geht:

„Aus der Individualität des Menschen und der Situation ergibt sich die Besonderheit der Pflicht für den einzelnen und für die einzelne Situation. Bei der Besonderung handelt es sich vielfach nicht um bloß Geratenes, sondern um eine wahre Verpflichtung, die so dringend sein kann wie ein die Allgemeinheit angehendes Gebot. (…)  Die ‚evangelischen Räte‘ und alles in der Offenbarung Anempfohlene, was nicht allgemein befohlen wird (weder als Erfüllungsgebot, noch als Zielgebot für alle) wird allen Christen als etwas in sich Angeratenes vor Augen gestellt. Damit ist aber für den einzelnen noch nichts darüber ausgesagt, ob es auch für ihn in seiner Lage das wirklich Angeratene ist. Ja, es kann ihm entsprechend seinen Kräften und seinen besonderen Aufgaben hinderlich und gefährlich und damit zu widerraten sein. Wenn zum Beispiel jemand gar keine Eignung zum Leben der Jungfräulichkeit hat, so wäre es für ihn unter Umständen nicht nur nicht ratsam, sondern sogar sündhaft, sich eigenmächtig zum jungfräulichen Leben zu verpflichten. (…)

So sehr die Kirche die Freiheit in der Wahl des Ordens- und Priesterberufs wahrt und schützt, so wenig ist es ihre Auffassung, daß der klar erkannte Ruf der Gnade als völlig unverbindlich übergangen werden kann mit der Ausrede, daß ja ‚kein Gesetz‘ bestehe; als ob nicht die Führung der Gnade das eigentlichste Gesetz des echten Jüngers Christi wäre. Gerade an dieser Frage scheidet sich eine rein ‚gesetzliche‘ Moral von der Gnadenmoral. (…)

Was die Tradition seit der Väterzeit mit besonderem Eifer über die Verbindlichkeit des klar erkannten ‚Berufes‘ zu einem Leben nach den evangelischen Räten sagt, gilt mit den gleichen Gründen vom ganzen Gebiet des Geratenen, der individuellen Gnadengaben und Aufgaben. Ein jeder muß all seine Gaben nach Kräften ausnützen (vgl. Mt 25,14ff.), mit jeder Gnade mitwirken, den durch die Lage vorgewiesenen Weg suchen. (…)

Die dargelegte Auffassung widerspricht nicht dem Geist der Freiheit, sondern ist gerade die Forderung der wahren Freiheit der Kinder Gottes, denen das Liebestun, die Gnadenführung der besonderen Vorsehung Gottes das eigentliche Gesetz ist. Um so schärfer ist freilich zu betonen, daß das ganze Gebiet der Räte und des Individuellen sich in keiner Weise eignet zu gesetzlicher Auferlegung, sondern jeden Zwang und jede Beurteilung von außen verbietet. (…)

In der Streitfrage, ob ein ‚evangelischer Rat‘ oder ein besonderer Beruf, der durch kein allgemeines Gebot von allen verlangt wird, jemals für den einzelnen im Gewissen verpflichtend werden könne, schleicht sich immer wieder die gesetzliche (legalistische) Art der Fragestellung ein. (…)

Wie man von der Freiheit der Kinder Gottes bei denen nicht eigentlich reden kann, die nur dem Drängen und Drohen des Gesetzes folgen, so ist auch die Frage nach der Verpflichtung des Rätlichen erst von einer gewissen Stufe des wahrhaft geistlichen Lebens ab aktuell. (…)

Der Rat tritt auch an den einzelnen zunächst als Rat heran. Wenn er jedoch das, was allgemein nur Rat ist, klar als den von der liebenden göttlichen Vorsehung ihm vorgeschriebenen Weg erkennt, so ist die letzte Entscheidung die, ob er sich ganz Gottes Führung überlassen oder der besonderen Gnade gegenüber auf das allgemeine Gesetz berufen will. (…)

Das Verhältnis von Gebot und Rat erfährt seine letzte Klärung nur im Lichte der Frage: Ist der Christ verpflichtet, immer das Vollkommenere zu tun?

Jeder Christ, ganz gleich welchen Standes, ist verpflichtet, nach Vollkommenheit zu streben. (…)

Es besteht jedoch keine allgemeine Verpflichtung, jeweils das an sich Vollkommenste zu tun.

‚Das Gesetz des Geistes, der das Leben gibt in Christus‘ (Röm 8,2), ist ein Gesetz des Wachstums. Es wäre sogar vermessen, wenn ein Anfänger im christlichen Leben ohne besondere deutliche Eingebung Gottes und ohne besondere aufrufende Umstände sich das an sich Vollkommenste zutraute. Das an sich Vollkommenste konnte nur einer immer erfüllen: Christus.

Jeder Christ ist verpflichtet, das zu erfüllen, was er mit Gottes Gnade als das für seine Lage und für seine Kräfte Angemessenste erkennt. (…)

Das bewußte und freiwillige Zurückbleiben hinter dem christlichen Ideal, die bewußte und freiwillige Unterlassung von Handlungen, die man klar als für sich in seiner Lage am angemessensten erkannt hat, ist zutreffender nicht nur eine ‚Unvollkommenheit‘, sondern ‚Sünde‘ zu nennen. Der grundsätzliche Entschluß, nicht nach Vollkommenheit in der Liebe zu Gott und zum Nächsten zu streben, ist absolut heilsgefährlich.“ (S. 321-328)

Der Autor des Buches heißt Bernhard Häring CSsR. Er gehörte dem Redemptoristenorden an, war einer der bekanntesten deutschen Theologen seiner Zeit, und war theologischer Berater beim Zweiten Vatikanischen Konzil. Nach dem Konzil driftete er in eine immer liberalere Richtung ab; er wurde zu einem der prominentesten Gegner der Enzyklika Humanae Vitae, und gegen Ende seines Lebens (er starb 1998) lief ein Lehrbeanstandungsverfahren der Glaubenskongregation gegen ihn. Sein bekanntestes Werk aus der Nachkonzilszeit heißt „Frei in Christus“.

Isn’t it ironic. Ja, ist es nicht seltsam, dass ein Theologe, der zuerst so dafür eintrat, dass der Christ, auch der Laie, sich nicht damit zufriedengeben dürfte, nur die Gebote zu erfüllen, sondern in jeder Situation nach Vollkommenheit (gemäß seiner Lage) streben müsste, am Ende nicht einmal mehr die allgemein geltenden Gebote für verpflichtend hielt?

Ne. Ist es eigentlich nicht.

Den Idealismus à la „Das Gesetz Christi“ kann man fast schon die Einstiegsdroge für den Relativismus à la „Frei in Christus“ nennen. Durch diesen Idealismus verschwimmt der Unterschied zwischen Gut und Böse, zwischen Nichtsünde und Sünde; die Menschen befinden sich letztlich alle nur in unterschiedlicher Entfernung zum Ideal. Und, nun ja, wir haben uns ja schon eingestanden, dass keiner es so ganz erreicht, und dass die Anfänger sich vielleicht mit einer etwas größeren Entfernung zum Ideal zufriedengeben müssen, in ihren speziellen Situationen. Und schwupps, gleich darauf sind wir bei (gewissen Interpretationen von) Amoris Laetitia und der Idee, dass man eben doch nicht von allen Katholiken erwarten könnte, Ehebruch bleiben zu lassen, sondern dass das ein Ideal sei, das nur manche erreichen. Gut und schön; sicherlich; aber eben nur ein Ideal, nichts für jeden.

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(Gott übergibt Mose die Tafeln mit den Zehn Geboten am Berg Sinai, Gemälde von Hieronymus Hau im Kreuzgang des Klosters Ottobeuren. Quelle: Wikimedia Commons.)

Okay. Aber wieso soll diese Sicht jetzt falsch sein? Dann ist es eben so, dass man von manchen nicht alles erwarten kann, was früher als allgemein verbindlich galt, und von anderen deutlich mehr als das. Jedem das Seine gemäß seinen Fähigkeiten und Umständen.

Falsch.

Zunächst mal ist es blasphemischer Unsinn, zu behaupten, Gott würde uns in irgendeiner Situation nicht die Kraft, die Gnade, geben, eine Sünde bleiben zu lassen.

Dann ist das Bessere nicht der Feind des Guten. Es gibt in dem großen Bereich des Guten das weniger Gute und das Bessere und das Beste, und alles davon unterscheidet sich kategorisch vom Bösen. Ich stelle mir das Leben vor wie eine riesige, hohe Insel, die über ein dunkles Meer voller gefährlicher Kreaturen ragt: ein Ort unterschiedlicher wunderschöner Plätze; Wälder und Täler und Flussauen und Gärten und Paläste, von denen manche gleich schön sind, wenn auch auf unterschiedliche Weise, andere weniger schön als andere, aber alle schön. Solange man auf der Insel ist, ist man sicher und kann hingehen, wohin man will. Das Böse ist ja letztlich nur eine Abwesenheit von Gutem, ein Abweichen vom Guten, ein Mangel, nichts, was in sich selbst existiert.

Die Insel-Idee ist von Chesterton geklaut; ich weiß nicht mehr, wo er es geschrieben hat, aber irgendwo hat er geschrieben, dass das moralische Gesetz etwa so ist wie ein Zaun, der um das Ufer eines großen Felsens im Meer herum führt. Wenn man eine Gruppe Kinder auf den Felsen bringt, und kein Zaun da ist, werden sie sich alle in der Mitte des Felsens zusammendrängen und ängstlich da sitzen, um nicht in Gefahr zu geraten, hinunterzufallen, aber wenn der Zaun da ist, können sie auf dem ganzen Felsen spielen, und fallen nicht hinunter. (Und je sichtbarer und höher und fester der Zaun ist, desto weniger Gefahr ist da, dass einer sich doch mal hinüberlehnt, würde ich hinzufügen.)

(St. Marien auf der Insel Mainau, Bildquelle hier.)

Klare moralische Grenzen ermöglichen Freiheit innerhalb dieser Grenzen. Sie nehmen Gewissenszweifel und Druck weg – den Druck, immer das finden zu müssen, was vielleicht gerade das Beste, das Idealste ist. Die Kirche hat traditionell immer zwischen den Geboten unterschieden, die für alle verpflichtend sind, und den „Werken der Übergebühr“, die freiwillig sind – damit sind solche Dinge gemeint wie: ehelos und/oder ohne eigenen Besitz leben, an mehr als den vorgeschriebenen Tagen fasten, jeden Tag eine Stunde beten, o. Ä.

Ich wünschte, ich könnte ordentlich ausdrücken, was die Worte „Ordnung“, „Gesetz“, „Recht“, „Gerechtigkeit“ für mich bedeuten. Mich lassen sie an Licht und Frieden und Herrlichkeit und Musik und Tanz und Mathematik und Vernunft und Sonnen und Engelschöre und Dantes Himmelssphären denken.

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(Rosa Celeste, Darstellung von Dante und Beatrice in den Himmelssphären, 19. Jahrhundert. Quelle: Wikimedia Commons.)

Alles Gute hat Regeln und Gesetze, und innerhalb dieser Regeln gibt es eine Menge Freiraum und Variationen – so wie bei einem Tanz eben. Die Regeln machen aber überhaupt erst den Tanz. Man kann einen einfachen Tanz tanzen und dabei keine falschen Schritte tun, oder man kann einen komplizierten Tanz tanzen und dabei keine falschen Schritte tun; beides ist gut, wenn auch das eine besser ist, und unterscheidet sich der Kategorie  nach vom falschen Tanzen.

(DIESES LIED IST SEHR SCHÖN UND NICHT HÄRETISCH.)

Ebenso definieren die Naturgesetze die Natur, und die paar Gesetze, die die Natur beherrschen, haben im Lauf der letzten Jahrmilliarden eine unglaubliche Pracht hervorgebracht.

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(Deus Geometres, Buchmalerei aus dem 13. Jahrhundert. Gott wird hier mit einem Zirkel als Architekt des Universums dargestellt. Quelle: Wikimedia Commons.)

Ebenso ist das moralische Gesetz umfassend; es kann auf alle möglichen Situationen angewandt werden, und lässt in diesen Situationen auch oft mehrere Möglichkeiten.

Ich musste beim Nachdenken darüber, was ich in diesem Artikel sagen will, nicht nur an Bernhard Häring CSsR, sondern auch an einen anderen Priester, Ordensmann und Theologen denken: Dr. Martin Luther OESA.

Durch einen Freund (danke nochmal!) bin ich auf ein (auch schon älteres) Buch eines Kirchenhistorikers namens Heinrich Denifle OP über Luther aufmerksam gemacht worden, das es online gibt und in dem es um die frühe Entwicklung von Luthers Ideen geht. (Ich bin damit noch nicht durch; aber sehr spannend ist es, so viel kann ich schon sagen.) Zunächst behandelt Denifle Luthers frühe Schriften zum Ordensleben, das dieser noch bis ca. 1520 nicht ablehnte:

„Also wiederum hören wir Luther das Ordensleben loben und den Zweck angeben, weshalb man den Ordensstand mit allem, was er bietet, ergreifen soll: aus Liebe zu Gott. Aber eines fällt uns auf, daß Luther fortwährend darauf zurückkommt, man solle das Ordensleben nicht in der Absicht wählen, als könnte man sonst nicht das Heil finden; das hieße aus Verzweiflung Mönch werden. Fast möchte man schließen, Luther selbst sei in den Orden aus Verzweiflung sonst kein Heil zu finden, getreten, und er habe seine Handlungsweise, wie dies später seine Gewohnheit war, auf alle übertragen.“ (S. 36)

„Heilige Anna, ich will ein Mönch werden!“, soll Luther angeblich als junger Mann in seiner Angst geschworen haben, als er während eines schweren Gewitters einem Blitzeinschlag entkam. Helft mir, bitte, bitte, ihr Heiligen, ich habe mir bis jetzt nicht viel Mühe gegeben, ich bin nicht bereit, vor Gott zu treten, nicht jetzt, lasst mir noch Zeit, ich will mich bessern, irgendwann werde ich bereit sein, irgendwann, danke, ich werde es jetzt anders machen, ich werde alles Mögliche tun, bestimmt… Solche Gefühle kann ich sehr gut verstehen. (Wobei ich nicht weiß, wie sehr sich diese Anekdote in Luthers Erinnerung vielleicht verändert hat, und ob sie genau so passiert ist. Für das, worum es mir hier geht, ist das aber auch nicht so wichtig.) Die Kirche zu Luthers Zeit lehrte freilich – genauso wie zu Härings Zeit oder heute -, dass es nicht heilsnotwendig sei, in einen Orden einzutreten oder ein anderes „Werk der Übergebühr“ zu erfüllen; und das war Luther klar, und das predigte er eben auch überdeutlich in seinen eigenen Schriften – vielleicht gerade deshalb, weil er sich selbst davon überzeugen wollte, weil er Angst hatte, dass es doch heilsnotwendig sein könnte, zumindest für ihn? So wie ich anderen Skrupulanten gerne Furchtlosigkeit predige, wenn ich mich klein und ängstlich fühle. Jemand, der zu einer gewissen Ängstlichkeit neigt, wie Luther, und wie ich, neigt eben auch leicht dazu, zu zweifeln: Wenn ich aber etwas nicht tue, was der idealere Weg wäre, verstoße ich dann nicht gegen das Gebot der Gottesliebe? Bin ich damit nicht schon völlig auf Abwegen? Finde ich so noch – wie Luther es formulierte – „einen gnädigen Gott“?

(Martin Luther als Augustinermönch um 1520, Lukas Cranach der Ältere, Quelle: Wikimedia Commons.)

Wir wissen, welchen Ausweg Luther schließlich fand: Er sagte sich, dass der Mensch sowieso in allem, was er tat, sündigte; dass alle Taten somit egal waren; und dass man gerettet war, wenn man nur fest daran glaubte. Die Tinkerbell-Strategie: Wenn man nur fest an Feen glaubt, gibt es sie auch.* Oder „Erlösung durch Autosuggestion“, um meinen Leser Nepomuk zu zitieren. Erlösung von seinen Ängsten fand er auch dadurch langfristig nicht; ob er seinen gnädigen Gott gefunden hat, können wir nicht wissen, sondern nur hoffen; aber wenn, dann trotz, nicht wegen, seines falschen Auswegs.

Um mitlesende Protestanten nicht zu verunsichern: Nein, der Katholizismus lehrt nicht die Erlösung durch Werke. Wir brauchen Gottes zuvorkommende und vergebende Gnade immer. Aber mit dieser Gnade müssen wir dann auch kooperieren und gewisse Werke tun bzw. lassen, wenn wir das Heil nicht verlieren wollen, denn:Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt (Joh 14,21).

Es gibt keinen Grund, an der Frage, ob man genug tut, zu verzweifeln. Wenn man die Gebote hält, tut man genug; die Räte spielen dafür keine Rolle. Ideen wie die von Häring – die Räte sind einerseits nicht heilsnotwendig, aber dann irgendwie doch manchmal, wenn sie für einen persönlich das Vollkommenste wären, aber wenn sie für einen persönlich das nicht wären, könnte man sogar sündigen, wenn man sich für sie entscheidet, also lieber mal Vorsicht, aber bitte nicht gesetzlich sein und in Skrupulosität verfallen! – sind hier irgendwie nicht hilfreich.

„Die dargelegte Auffassung widerspricht nicht dem Geist der Freiheit, sondern ist gerade die Forderung der wahren Freiheit der Kinder Gottes, denen das Liebestun, die Gnadenführung der besonderen Vorsehung Gottes das eigentliche Gesetz ist. Um so schärfer ist freilich zu betonen, daß das ganze Gebiet der Räte und des Individuellen sich in keiner Weise eignet zu gesetzlicher Auferlegung, sondern jeden Zwang und jede Beurteilung von außen verbietet.“

Ja, toll. Jetzt heißt es hier nicht nur, dass ich möglicherweise das und das heilsnotwendigerweise tun muss, aber jemand anderer kann mir auch nicht helfen, herauszufinden, ob ich es tun muss. Danke auch.

Häring fügt in dem oben zitierten Abschnitt auch noch folgende Warnung hinzu:

„Wenn die Angst, doch ja immer das jeweils Vollkommenere zu treffen, für einen einzelnen eine Gefahr für den Geist der inneren Freiheit bedeuten würde, so müßte er bisweilen auch ganz bewußt das an sich weniger Vollkommene (aber nie etwas in sich Schlechtes) wählen, um sich vor Ängstlichkeit und Skrupulosität zu bewahren. In diesem Fall ist das an sich weniger Vollkommene für ihn das Vollkommenste, wenn nur sein Wille lebendig bleibt, unentwegt nach vollkommener Liebe zu Gott zu streben.“

Das Problem dabei ist natürlich, dass die skrupulösen Ängste auf einmal eine viel stärkere Basis haben, wenn es tatsächlich heilsgefährlich sein soll, nicht das Vollkommenste zu tun.

Bei Häring sieht man auch diese seltsame Abneigung dagegen, einfach zuzugeben, dass (z. B.) das Ordensleben objektiv vollkommener ist als die Ehe, und die Ehe trotzdem gut ist. Nein, nein, es kommt nur auf die Eignung und die Situation des einzelnen an. Natürlich kommt es auch auf die Eignung und die Situation des einzelnen an; aber jemand kann auch für beide Wege geeignet sein, und sich dann frei für den einen oder den anderen entscheiden, ohne zu sündigen, wenn er den weniger vollkommenen wählt.

Es wird oft gesagt, wir müssten das Großartige, was die Heiligen getan haben, nicht immer in unserem Leben nachahmen, weil es vielleicht in unserer konkreten Situation falsch oder kontraproduktiv sein könnte; und daran ist sicher etwas dran; aber auch wenn es in unserer Situation nicht falsch wäre, müssen wir nicht immer all ihren Heroismus nachahmen. Wir können es (wenn es nicht falsch oder kontraproduktiv ist). Sie waren vollkommener, als die meisten von uns je sein werden; aber das heißt nicht, dass wir automatisch falsch handeln, wenn wir weniger tun als sie. Kann man den Heiligen nicht ihre Größe lassen und ihnen die Ehre zukommen lassen, die ihnen gebührt? Manche Menschen befinden sich auf einer höheren Stufe der Vollkommenheit als andere, klar; und ihr Beispiel soll uns motivieren, nicht uns niederdrücken; wir sollen sie bewundern, auch wenn wir vielleicht nur weniges aus ihrem Leben in unserem übernehmen. Sie sind großartig. Sie haben Großes geleistet; ehren wir sie dafür.

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(Die Jakobsleiter, James Tissot. Quelle: Wikimedia Commons.)

Ich weiß, ich bin wieder die gesetzliche moralistische Pharisäerin. Hatte ich moralistisch schon erwähnt? Und gesetzlich?

Aber ist diese Betrachtungsweise nicht doch irgendwie zu gesetzlich? Geht es nicht gegen die Liebe, alles in Begriffen von müssen und dürfen und sollen zu bewerten?

Nun, man muss ja nicht ständig über das Gesetz reden. Aber wenn Fragen über Richtig und Falsch aufkommen, kommen sie eben auf. Und woher kommt denn überhaupt die Idee, dass Liebe und Gesetz ein Widerspruch wären? Die Liebe ist die Grundlage und der Kern des Gesetzes. Das Gesetz soll man aus Liebe tun. Lieben heißt: einem anderen Gutes wollen. Das Gesetz sagt uns dann, was genau dieses Gute ist, was zu ihm im Widerspruch steht, und was nicht, d. h. worauf man achten muss, wenn man die Liebe verwirklichen will. Die Liebe hat ihre Gesetze, das sieht man in menschlichen Beziehungen ebenso wie bei der Gottesliebe; z. B. zerstört es die Beziehung zur Ehefrau, fremdzugehen, aber einmal in der Woche im Wirtshaus zu sitzen, weil man auch mal seinen Freiraum haben will, zerstört sie nicht (und die Ehefrau sollte auch meistens nichts dagegen haben, ihrem Mann die Freiheit zu lassen, ob er einmal in der Woche ins Wirtshaus gehen will oder nicht). Manchmal kommen eben einfach die Fragen auf, was man nun darf und was nicht – ob es den Leuten von der Ideal-Seite nun passt oder nicht.

Macht es euch nicht so einfach, sagt die Ideal-Seite. Glaubt ja nicht, ihr könntet es euch so einfach machen, alles abzirkeln, alles in Schwarz und Weiß unterteilen. Die Leute sind ja meistens nicht gegen die Gesetzes-Seite in der Debatte, weil sie das Leben zu schwer mache, sondern weil sie es zu leicht mache. Laut der Gesetzes-Seite darf man fragen „Wie weit darf ich gehen?“ und erhält eine klare Antwort, anstatt dass es heißt „Frag dich lieber, was das Ideal wäre, statt was gerade noch so geht!“ (strenge Seite) oder „Ach mei, folg doch einfach deinem Gefühl, es gibt da eh kein klares Richtig und Falsch“ (liberale Seite). Die Gesetzes-Seite sieht, dass hinter der Frage nicht ein „Ich will alles tun, mit dem ich noch davon komme, ohne in die Hölle zu kommen“ stehen muss, sondern auch ein „Ich bin bereit, in Zukunft das und das zu tun / zu lassen, wenn mein Vater im Himmel es von mir verlangt; verlangt Er es?“ stehen kann.

Ich glaube, dass die Ideal-Seite wirklich nicht unproblematisch ist – in ihren beiden Varianten.

 

* Wenn ich es mir so recht überlege, es klingt gar nicht unwahrscheinlich, dass dieser Trend in der Kindererziehung, Kindern einzureden, es wäre tugendhaft, an erfundene Gestalten wie den Weihnachtsmann, das Christkind, die Zahnfee und den Osterhasen zu glauben, über deren Existenz ihre Eltern sie angelogen haben, und wer brav sei, der würde sich nicht fragen, ob Papa vielleicht die Geschenke unter den Baum gelegt haben könnte, auf protestantische Ideen über den Glauben zurückgeht. Du musst an den Weihnachtsmann glauben, dann bringt er dir auch Geschenke. „Der Polarexpress“ ist Fiduzialglaube! Endlich habe ich ordentliche theologische Argumente gegen diesen Schrott.

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16 Gedanken zu “Das Gute: Gesetz oder Ideal?

  1. Die Lorbeeren für die „Erlösung durch Autosuggestion“ gehören wem anders; ich glaube, es war Paul Hacker, „Das Ich im Glauben bei Martin Luther“, bin mir aber nicht ganz sicher.

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  2. Ich würde die Menschen grob in Buchhalter und Versicherungsvertreter scheiden und daraus eben die Vorliebe für Gesetz oder Ideal ableiten.
    So wie der Buchhalter ängstlich in den Zeilen seiner Excel-Tabellen wandelt und nur dort wirklich sicher ist, so braucht der Versicherungsvertreter möglichst viel Freiheit, ein Ziel mit groben Leitplanken, sonst geht er unter.

    Der erste benötigt Gesetz, der andere Ideal.

    Im Glauben benötigt der eine die Gewißheit der Vergebung des eigenen Lebens, der andere freut sich vielleicht auf eine unvergleichliche Erfahrung.

    Und Heilige? Sind das nicht zunächst Menschen die ertragen haben? Schmerz und Tod und Folter (wieder mal). Braucht sie der Buchhalter nicht als Vorbild um ebenfalls ertragen zu können?

    Und sagen sie dem Versicherungsvertreter deshalb nichts, weil er im Leiden selbst nichts positives sehen kann und will?

    Und scheiden sich letztlich daran Katholik und Evangele?

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    1. An dem Vergleich hinkt meiner Meinung nach einiges, zunächst mal das: Die „Gewissheit der Vergebung des eigenen Lebens“ müsste man (laut der lutherischen Idealvorstellung) dem Evangelen zuordnen, eine absolut 100-prozentige Heilsgewissheit darf der Katholik nämlich gar nicht haben. Das wäre vermessen.

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  3. Klar, wenn man vereinfacht liegt man meist nicht zu 100% richtig (von mir aus auch viel weniger).

    Ich meinte auch nicht eine Heilsgewissheit, sondern den Glauben als Notwendigkeit um Vergebung zu erlangen. Ich meine hier vor allem Menschen, deren Eltern sie mit Strenge und Lieblosigkeit traktiert und so ein Gefühl der Wertlosigkeit implantiert haben und deshalb besonders empfänglich für diesen Blick auf den Glauben sind.

    Katholizismus hat sich für mich eigentlich immer mit der Betonung des strafenden,Gott verbunden, mit prügelnden Nonnen und Priestern und so ganz falsch ist das ja – wie wir nun wissen – auch nicht.

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    1. „Wie wir nun wissen“?

      Wenn das das heißen soll, was ich denke, das es heißt: Ich kann gar nicht nachvollziehen, wie jemand an dem so klaren Unterschied zwischen einem strengen Erzieher, der prügelt – gerade auch: der vielleicht tatsächlich zu viel prügelt – und einem schwulen Erzieher, der sexuell mißbraucht, einfach vorübergehen kann. Das sind einfach zwei völlig unterschiedliche Dinge, und zu ersterem haben wir „nun“ keinerlei neue Erkenntnisgewinne bekommen. Auch ist letzteres eben tatsächlich die Kinderschändung, die sie heißt, während ersteres in gewissem Rahmen (der aber wohl doch eher selten überschritten wurde) eine ganz normale Erziehungsmethode ist, die damals erlaubt war, und die auch kaum jemals irgendjemand verheimlicht hat.

      (Übrigens: *auch* – und gerade! – mündlicher Tadel, besorgte Blicke, Seufzer, daß eine klar Verfehlung gar nicht erst bestraft wird, daß man weiß, daß man die Eltern unglücklich macht usw., das alles sind ziemlich demütigende Angelegenheiten. Ich wäre bei solchen Gelegenheiten, wenn ich es mir hätte aussuchen können, lieber geschlagen worden, aber wehe, man hätte so etwas einmal gesagt! Dann wäre das unphysische Donnerwetter erst richtig losgegangen!)

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      1. Nein, ich wollte tatsächlich keinen Bezug zum Missbrauch herstellen (obwohl Gewalt teilweise auch sexuell konnotiert gewesen sein kann, oder der Triebsublimierung gegolten haben mag), mir ging es eher um prügelnde Priester und Nonnen aus der Erzählung meiner Eltern und vieler ähnlicher Fälle (ich erinnere mich da an einen Priester der Geständnisse über Prügelorgien mit Kleiderbügeln in die Fernsehkammeras winselte) und sehe da eben einen Zusammenhang auf die Gesetzesbetonung in Konkurrenz zur Idealverfolgung die mir grundsätzlich als weniger Streng angelegt scheint.

        Den Verzicht auf Prügel und stattdessen der Zugriff auf möglichst „ausgefeilte“ psychologische Strafen sehe ich hier nicht als Widerspruch dieser Unterteilung an; auch solches Vorgehen wird man wohl weniger bei einer Idealorientierung vorfinden.

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      2. Bei meinen Eltern und Onkeln und Tanten heißt es ja regelmäßig so was wie „Ja, früher hat man noch nicht gleich irgendwelche Sozialarbeiter holen müssen, wenn ein paar Jungs was angestellt hatten, da gab es eine Watschn und es war erledigt“. So kann man es halt auch sehen…

        Ich selber hab ja trotzdem nie im Leben eine Watschn gekriegt und vor allem meine Mutter hat sich sehr schwer getan, irgendwelche Strafen zu verhängen oder Regeln bei meinen Schwestern und mir durchzusetzen, und vielleicht sind mir deshalb Regeln wichtig, weil es nervt, wenn andere Leute mit Ungerechtigkeiten einfach durchkommen (und es sich auch nicht so gut anfühlt, wenn man selber mal diejenige ist, die damit durchkommt…).

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    2. Das hieße dann, wenn es denn stimmte, daß man bei dem, was Du „Idealorientierung“ nennst, schlicht weniger Erziehung vorfinden wird. Irgendwelche Druckmittel in der Hinterhand braucht der Erzieher nämlich offenkundig immer (und wenn’s der strafende Blick oder die Wiederholung der Aufforderung und die zweite und die dritte Wiederholung der Aufforderung ist). Das Wort „elterliche Gewalt“ kommt nuneinmal ebensowenig von ungefähr wie das Wort „Staatsgewalt“.

      (Deswegen ist Erziehung aber nichts Schlechtes.)

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      1. Und natürlich winseln die, wenn man sie heute dazu ins Fernsehen zerrt (oder vielleicht auch speziell die, die man ins Fernsehen zerrt), wo man natürlich dann auch die Fälle nimmt, wo vielleicht ausnahmsweise statt dem Rohrstock, der Birkenrute oder der flachen Hand tatsächlich einmal ein Kleiderbügel eingesetzt wurde.

        Ich bin ja mal gespannt, ob einmal in vierzig Jahren irgendjemand den Klassenlehrer meiner Parallelklasse (zufällig tatsächlich auch katholischer Religionslehrer) in ein Fernsehstudio zerrt, weil er nach unaufmerksamen Schülern tatsächlich regelmäßig mit Gegenständen schmiß. Gut, die Gegenstände waren Kreidestückchen, und das ganze war eine sehr effiziente und zur Belustigung der Klasse einschließlich des Getroffenen führende Methode, aber bei der heutigen Entwicklung weiß man ja nie.

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  4. Ich denke das der am Ideal orientierte durchaus erzieht, aber vielleicht eher durch positives Beispiel wobei ich Sanktionen wie böse Blicke, Tadel oder Strafarbeiten, Einschränkungen der Freizeit o. ä. gar nicht verurteilen will, so sie denn eben eine Sanktion von Fehlverhalten darstellen und eben mehr nicht.

    Das selbst das (ja, fliegende Kreide kannte ich aus meiner Schulzeit auch, das war wirklich kein Ding) von gewissen Kreisen als unzulässig angesehen wird, stimmt, aber das macht Prügelstrafen egal in welcher Ausprägung nicht richtiger.

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    1. Missbrauch kann es sowohl bei Prügelstrafen als auch bei anderen Strafen geben – z. B. Ignorieren, ständiges verbales Runtermachen o. Ä. kann auch sehr schlimm sein. Aber, wie Sie schon sagen, es muss irgendwelche Sanktionen geben.

      Es muss doch für Kinder klar sein: Wenn du z. B. deine Geschwister oder Mitschüler schlecht behandelst, lassen wir das nicht durchgehen und es gibt Konsequenzen, die auch mal ein bisschen wehtun können, ob das jetzt zwei Tage kein Fernsehen, Hausarrest, eine Strafarbeit oder eine Watschn ist.

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      1. Eine „Watschn“ für mich klar umrissen als eine Ohrfeige die kaum eine Rötung hinterlässt und mehr nicht, kann ich als momentane Überforderung verzeihen, als übliche Sanktion bei Fehlverhalten hat sie m. E. nichts zu suchen, dafür gibt es die anderen beschriebenen Mittel.

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