Die Ringparabel: Ein kurzer Rant über das lächerlichste Werk der sog. Aufklärung

Ich bin ja allgemein keine Freundin der sog. Aufklärung – auch wenn ich diesen eingebildeten Intellektuellen aus dem 18. Jahrhundert zugestehen muss, dass sie sich eine propagandistisch kluge Selbstbezeichnung gewählt haben. Wer ist schon gegen „Aufklärung“? Ungefähr so viele Leute, wie für „Hass und Hetze“ sind. (Das soll kein Endorsement der AfD sein (ich wähle diese Partei aus diversen Gründen nicht, u. a. weil sie mir zu sehr von gewissen „aufklärerischen“ Positionen geprägt ist), es geht mir um die Ähnlichkeit von Propagandabegriffen.) Ich würde mir wünschen, dass das Wort „Aufklärung“ bei den Leuten ähnliche Assoziationen wecken würde wie der Begriff „Antifaschistischer Schutzwall“ – denn besonders viel Licht und Klarheit und Vernunft hat die sog. Aufklärung tatsächlich nicht gebracht.

Besonders nervig an vielen sog. Aufklärern ist ja ihre unerklärliche Feindseligkeit gegenüber allen Offenbarungsreligionen; ein vager Deismus, die Anerkennung eines Höchsten Wesens ist noch in Ordnung, aber doch bitte kein Gott, der sich tatsächlich in die Welt einmischt, die Er gemacht hat; das darf nicht sein. Und die Kirche – diesen Hort von „Aberglauben“ und „Fanatismus“ (noch so zwei Schlagworte aus der Propagandakiste), diese weltabgewandte Institution, die ihre Mönche und Nonnen in Klöster sperrt, um zu beten, statt was Nützliches für Wirtschaft und Gesellschaft zu leisten, diese Feindin der Natur, die immer noch an der Lehre von der Erbsünde festhält und sich nicht dazu bringen lässt, zu glauben, die Menschen seien von Natur aus gut – die konnten sie gleich mal gar nicht leiden. Eins der dämlichsten Werke, das die religiösen Ansichten der sog. Aufklärer populär gemacht hat und mit dem leider immer noch Schüler gequält werden – ich vor einigen Jahren auch -, ist ja die Ringparabel aus Lessings Stück „Nathan der Weise“.

(Nathan der Weise, Erstdruck. Bildquelle: Wikimedia: Foto H.- P. Haack.)

Hier noch mal der Text (Quelle hier) :

 

„Nathan.       Traun, ein schöner Titel!
Doch, Sultan, eh‘ ich mich dir ganz vertraue,
Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu
Erzählen?

Saladin.       Warum das nicht? Ich bin stets
Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut
Erzählt.

Nathan.       Ja, gut erzählen, das ist nun
Wohl eben meine Sache nicht.

Saladin.       Schon wieder
So stolz bescheiden? – Mach! erzähl, erzähle!

Nathan.
Vor grauen Jahren lebt‘ ein Mann in Osten,
Der einen Ring von unschätzbarem Wert
Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein
Opal, der hundert schöne Farben spielte,
Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen, wer
In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
Daß ihn der Mann in Osten darum nie
Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,
Auf ewig ihn bei seinem Hause zu
Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring
Von seinen Söhnen dem geliebtesten;
Und setzte fest, daß dieser wiederum
Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,
Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,
Ohn‘ Ansehn der Geburt, in Kraft allein
Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. –
Versteh mich, Sultan.

Saladin.       Ich versteh dich. Weiter!

Nathan.
So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
Auf einen Vater endlich von drei Söhnen;
Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,
Die alle drei er folglich gleich zu lieben
Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit
Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald
Der dritte, – sowie jeder sich mit ihm
Allein befand, und sein ergießend Herz
Die andern zwei nicht teilten, – würdiger
Des Ringes; den er denn auch einem jeden
Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.
Das ging nun so, solang es ging. – Allein
Es kam zum Sterben, und der gute Vater
Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei
Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort
Verlassen, so zu kränken. – Was zu tun? –
Er sendet in geheim zu einem Künstler,
Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,
Zwei andere bestellt, und weder Kosten
Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,
Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt
Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,
Kann selbst der Vater seinen Musterring
Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
Er seine Söhne, jeden insbesondre;
Gibt jedem insbesondre seinen Segen, –
Und seinen Ring, – und stirbt. – Du hörst doch, Sultan?

Saladin (der sich betroffen von ihm gewandt).
Ich hör, ich höre! – Komm mit deinem Märchen
Nur bald zu Ende. – Wird’s?

Nathan.       Ich bin zu Ende.
Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. –
Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder
Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst
Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
Erweislich; –
(nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet)
Fast so unerweislich, als
Uns itzt – der rechte Glaube.

Saladin.       Wie? das soll
Die Antwort sein auf meine Frage? …

Nathan.       Soll
Mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe
Mir nicht getrau zu unterscheiden, die
Der Vater in der Absicht machen ließ,
Damit sie nicht zu unterscheiden wären.

Saladin.
Die Ringe! – Spiele nicht mit mir! – Ich dächte,
Daß die Religionen, die ich dir
Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.
Bis auf die Kleidung, bis auf Speis‘ und Trank!

Nathan.
Und nur von seiten ihrer Gründe nicht.
Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
Geschrieben oder überliefert! – Und
Geschichte muß doch wohl allein auf Treu
Und Glauben angenommen werden? – Nicht? –
Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
Getäuscht zu werden uns heilsamer war? –
Wie kann ich meinen Vätern weniger
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. –
Kann ich von dir verlangen, daß du deine
Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
Das nämliche gilt von den Christen. Nicht? –

Saladin.
(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht.
Ich muß verstummen.)

Nathan.       Laß auf unsre Ring‘
Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne
Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,
Unmittelbar aus seines Vaters Hand
Den Ring zu haben. – Wie auch wahr! – Nachdem
Er von ihm lange das Versprechen schon
Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu
Genießen. – Wie nicht minder wahr! – Der Vater,
Beteurt‘ jeder, könne gegen ihn
Nicht falsch gewesen sein; und eh‘ er dieses
Von ihm, von einem solchen lieben Vater,
Argwohnen lass‘: eh‘ müss‘ er seine Brüder,
So gern er sonst von ihnen nur das Beste
Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels
Bezeihen; und er wolle die Verräter
Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.

Saladin.
Und nun, der Richter? – Mich verlangt zu hören,
Was du den Richter sagen lässest. Sprich!

Nathan.
Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater
Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich euch
Von meinem Stuhle. Denkt ihr, daß ich Rätsel
Zu lösen da bin? Oder harret ihr,
Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne? –
Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring
Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß
Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
Doch das nicht können! – Nun; wen lieben zwei
Von Euch am meisten? – Macht, sagt an! Ihr schweigt?
Die Ringe wirken nur zurück? und nicht
Nach außen? Jeder liebt sich selber nur
Am meisten? – Oh, so seid ihr alle drei
Betrogene Betrüger! Eure Ringe
Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring
Vermutlich ging verloren. Den Verlust
Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater
Die drei für einen machen.

Saladin.       Herrlich! herrlich!

Nathan.
Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr
Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:
Geht nur! – Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten. – Möglich; daß der Vater nun
Die Tyrannei des einen Rings nicht länger
In seinem Hause dulden willen! – Und gewiß;
Daß er euch alle drei geliebt, und gleich
Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,
Um einen zu begünstigen. – Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring‘ an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott
Zu Hilf‘! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:
So lad ich über tausend tausend Jahre
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen. Geht! – So sagte der
Bescheidne Richter.

Saladin.       Gott! Gott!

Nathan.             Saladin,
Wenn du dich fühlest, dieser weisere
Versprochne Mann zu sein: …

Saladin (der auf ihn zustürzt und seine Hand ergreift, die er bis zu Ende nicht wieder fahren läßt).
Ich Staub? Ich Nichts?
O Gott!

Nathan.       Was ist dir, Sultan?

Saladin.       Nathan, lieber Nathan! –
Die tausend tausend Jahre deines Richters
Sind noch nicht um. – Sein Richterstuhl ist nicht
Der meine. – Geh! – Geh! – Aber sei mein Freund.“

 

Was. Für. Ein. Scheiß.

Das Ganze geht einfach komplett am Thema vorbei. Lessings Argument ist etwa so stichhaltig, wie wenn jemand auf „Iss Obst, das ist gesund“ hin antworten würde: „Wieso soll ich Obst essen? Äpfel sind oft rot oder blau, und eigentlich ist Lila meine Lieblingsfarbe, oh, guck mal, da draußen ist ein Eichhörnchen! Wusstest du, dass Eichhörnchen auch Obst essen, und mir hat ein Eichhörnchen auch schon mal so nervige Predigten über blaue Äpfel gehalten, und wir sind doch keine Tiere!“

Dröseln wir mal ein paar der einzelnen Denkfehler auf:

1. Die drei Religionen sind nicht ununterscheidbar. Das ist so offensichtlich, dass ich gar nicht weiß, wie irgendjemand darauf kommt, etwas anderes zu behaupten. Was kommt nach dem Tod? Wie werde ich meine Schuld los? Wie soll Gott verehrt werden? Kann ich mich scheiden lassen und dann wieder heiraten? Kann ich mehrere Frauen haben? Überall geben die Religionen verschiedene Antworten. Um Chesterton zu zitieren:

„Was unsere Progressiven vor riesigen Zuhörermassen mit ruhiger Gewissheit erzählen, ist meistens das Gegenteil der Tatsachen; gerade unsere Binsenwahrheiten sind unwahr. Hier ein Beispiel: In jeder ‚Ethischen Gesellschaft‘ und jedem ‚Religionsparlament‘ hört man die bequeme liberale Phrase: ‚Die Religionen unserer Erde unterscheiden sich zwar in Riten und Formen, aber in dem, was sie lehren, stimmen sie überein.‘ Diese Aussage ist falsch; sie widerstreitet den Tatsachen. In Riten und Formen unterscheiden sich die Religionen unserer Erde gar nicht erheblich; erheblich jedoch unterscheiden sie sich in dem, was sie lehren. Es ist, als sagte man: ‚Lasst euch nicht täuschen von der Tatsache, dass die Church Times und der Freethinker völlig anders aussehen, dass die eine Zeitung auf Pergament gezeichnet und die andere in Marmor gemeißelt, dass die eine dreieckig und die andere sechseckig ist; lest sie, und ihr werdet sehen; dass sie dasselbe sagen.‘ Ein atheistisch gesonnener Börsenmakler in Surbiton sieht genauso aus wie ein für Swedenborg schwärmender Börsenmakler in Wimbledon. Man kann endlos um sie herumgehen und sie einer ganz persönlichen und eindringlichen Prüfung unterziehen, ohne etwas Swedenborgartiges am Hut oder etwas besonders Gottloses am Regenschirm zu entdecken. Was sie voneinander trennt, ist nämlich ihr Inneres. In Wahrheit sind also die Religionen unserer Erde gar nicht so beschaffen, wie es die billige Sentenz behauptet: daß sie in der Bedeutung übereinstimmen, im Prozedere jedoch nicht. Genau das Gegenteil ist der Fall. Im Prozedere stimmen sie überein; fast jede große Weltreligion arbeitet mit denselben Methoden, mit Priestern, heiligen Schriften, Altären, Mönchsgelübden und besonderen Festtagen. Die Form, das Wie der Lehre ist überall gleich; der Inhalt, das Was der Lehre, ist überall anders. Heidnische Optimisten und orientalische Pessimisten haben beide ihre Tempel, so wie Liberale und Tories beide ihre Zeitungen haben. Religionen, die dazu da sind, einander zu vernichten, haben jede ihre heiligen Schriften, so wie Armeen, die dazu da sind, einander zu vernichten, jede ihre Geschütze haben.“ (G. K. Chesterton, „Orthodoxie“, aus Kapitel 8)

Lessing hat es sich natürlich auch ein wenig einfacher gemacht, indem er drei gewissermaßen zusammenhängende Religionen genommen hat – hätte er noch Hinduismus, Buddhismus, Platonismus, Manichäismus, Shintoismus, Konfuzianismus, Zoroastrismus und die Kulte der Römer, Germanen, Phönizier und Azteken hinzugezogen, wäre es noch deutlicher geworden, dass er Unsinn schreibt. Aber auch diese drei Religionen haben ihre deutlichen Unterschiede.

2. Damit, dass der Ring „die geheime Kraft [hatte], vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen“ soll wohl so etwas gemeint sein wie „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“. Dann sehen wir doch mal die Früchte an. Ganz banal: Wo wäre es schöner, zu leben, in Polen, Israel oder der Türkei? Oder, sagen wir, im Irland der 1930er oder dem Saudi-Arabien der 1930er? Unter Richard Löwenherz oder unter Sultan Saladin?

Oder will Lessing gar behaupten, die wahre Religion solle ihre Anhänger bei anderen beliebt machen? Nun, das hat keine der drei Religionen je für sich beansprucht. Mohammed hat einen beständigen Krieg gegen die ungläubige Welt geführt, und Jesus hat seinen Jüngern angekündigt, sie würden von dieser ungläubigen Welt verfolgt werden. Die Juden hatten es auch nie einfach mit ihr.

3. Die drei Religionen wurden nicht zum selben Zeitpunkt an unterschiedliche Leute verteilt. Sie sind nacheinander entstanden. Das Christentum beansprucht, die angekündigte Erfüllung des Judentums durch den Messias zu sein; der Islam behauptet, Juden und Christen wären von Gottes ursprünglicher Botschaft abgefallen und Mohammed habe die reine Lehre dann wiederhergestellt. (Etwas Ähnliches behaupteten später auch die Reformatoren oder die Mormonen, wobei Luther freilich keine neue Offenbarung von Gott beanspruchte, sondern sich bloß auf die Auslegung eines Textes berief.)

4. Die wahre Religion ist nichts, was ein einzelner oder ein einzelnes Volk besitzen kann, wodurch ein anderer dann leer ausgeht. Eine solche Konkurrenzsituation wie in der Parabel besteht in der Realität einfach nicht. Die drei Religionsgemeinschaften sind erst dadurch entstanden, dass es die drei Religionen gab und einzelne sich ihnen zugehörig erklärten. In der Parabel existieren aber die drei Söhne schon vorher und der Vater kann nur einem den Ring geben. Tatsächlich ist es ja so, dass gerade, wenn alle dieselbe Religion hätten, sich nicht einer über die anderen aufspielen könnte – wenn z. B. jemand vom Christentum zum Islam konvertiert, würden andere Muslime ihn gerade dann als gleichberechtigtes Mitglied der Umma anerkennen. Im frühen Mittelalter wurden Völker wie die Franken oder Dänen, indem ihre Könige sich taufen ließen, als ebenbürtige Mitglieder in die Christenheit aufgenommen. Evtl. könnte man beim frühmittelalterlichen Christentum und Islam noch damit kommen, dass mehr oder weniger alle Christen den Papst und alle Muslime den Kalif anerkennen mussten, die Religionsfrage also zu einer Konkurrenzfrage zwischen Papst und Kalif erklären; aber die Muslime waren schon zu Saladins Zeiten zersplittert, und die Juden passen natürlich überhaupt nicht in dieses Konzept.

Und natürlich ist es ganz grundsätzlich so, dass es bei der Wahrheitsfrage nicht um Herrschaft geht. Wenn ich jemanden von der Wahrheit überzeugen will, dann aus Wahrheitsliebe und weil ich meine, dass es gut für denjenigen ist, die Wahrheit zu kennen, nicht, weil ich dann irgendwie über ihn herrschen könnte. (Das gilt übrigens auch dann, wenn man, wie Lessing, meint, dass Deismus und religiöser Indifferentismus die Wahrheit wären.)

5. Wie gesagt, die Parabel mit den drei Söhnen, von denen nur einer den Ring haben kann, macht keinen Sinn. Aber selbst im Kontext der Parabel, was ist das für ein Vater, der seine Söhne täuscht und den abzusehenden Zank billigend in Kauf nimmt? Aber natürlich macht auch der eine Vater keinen Sinn. Der Vater scheint ja im Kontext der Parabel für die Vorfahren – nicht etwa für Gott; die Annahme eines Gottes, der verschiedene Offenbarungen sendet, wäre ja auch gar zu dämlich – zu stehen; das sind allerdings eben nicht dieselben für Juden, Christen und Muslime. Lessing müsste in seiner Parabel verschiedene Familien haben, die miteinander streiten, nicht drei Söhne desselben Vaters.

6. Und hier kommen wir jetzt zur Entstehung der Religionen laut Nathan/Lessing:

„Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
Geschrieben oder überliefert! – Und
Geschichte muß doch wohl allein auf Treu
Und Glauben angenommen werden? – Nicht? –
Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?“

NEIN, NEIN, UND NOCHMALS NEIN.

Nein, es ist nicht recht, das, was einem die eigenen Leute sagen, ohne Belege anzunehmen, und das, was einem andere sagen, ohne Belege zu verwerfen. Geschichte muss nicht auf Treu und Glauben angenommen werden, und es ist in Ordnung, anzuerkennen, dass die eigenen Vorfahren sich geirrt haben könnten.

Ich kann die Argumente dafür und dagegen, dass Jesus der Messias oder Mohammed ein Prophet war, ansehen. Schauen wir mal zur Entstehung der Religionen hin, ins 1. Jahrhundert etwa. Ein Jude in Ephesus oder Korinth, dem Paulus erzählte, der Messias sei gekommen – ein gewisser Jesus von Nazareth -, konnte sich die Berichte von der Auferstehung anhören, von Pfingsten, von den Wundern Jesu; er konnte Jesu Leben mit den Prophezeiungen über den Messias vergleichen; usw. (Übrigens sind, entgegen anderslautender Gerüchte, sehr viele Juden im antiken Römischen Reich Christen geworden.) Ähnlich ein Jude oder Christ in Mekka im 7. Jahrhundert: Er konnte sich anhören, was dieser neue Prophet sagte und ob es einen Anhaltspunkt dafür gab, dass der ein wahrer Prophet Gottes war, konnte sehen, ob er Wunder wirkte, ob er von früheren Propheten angekündigt worden war, usw. (was nicht der Fall war).

Wir sind heute ja im Vergleich zu damals z. T. in einer noch besseren Position. Wir können z. B., anders als Mohammeds Zeitgenossen in Arabien, frühe Bibelhandschriften, andere frühchristliche Werke aus dem späten 1. oder dem 2. Jahrhundert, und Ähnliches, vergleichen und sehen, ob irgendwann im frühen Christentum diese Verfälschung, dieser Abfall von dem, was Jesus laut Mohammed gepredigt habe, geschehen ist. Das Ergebnis ist einfach zu sehen: Es gab diesen Abfall nicht. Die Evangelien sahen im 1. Jahrhundert schon genauso aus wie im 7. oder im 21.

Es ist kein Zeichen der Bescheidenheit, nicht nach der Wahrheit suchen zu wollen, sondern eins intellektueller Feigheit. Man muss im Leben nach irgendwelchen Prinzipien handeln – etwas anderes bleibt einem gar nicht übrig, man wird immer mit Situationen konfrontiert, in denen man Entscheidungen treffen muss -, und da kann man sehr wohl versuchen, herauszufinden, welches denn die richtigen wären.

Lessing behauptet einfach, die drei Religionen seien ja eh praktisch dasselbe, und eh alle nur unbewiesene Traditionen, die man eben aus Respekt vor den eigenen Ahnen weiterpflegen solle (aber wohl, ohne sie eigentlich ernst zu nehmen, denn sie sind ja letztlich doch nur Anleitungen zum moralisch guten Leben, und alles andere an ihnen ist unwichtiger Mythos). Aber jeden Beleg dafür bleibt er schuldig. Er verurteilt damit auch Konvertiten, die die Suche nach der Wahrheit ernst genommen und die Religionen ihrer Eltern verlassen haben.

Kurz gesagt, er ist ein typischer „Aufklärer“: Undurchdachte Schlagworte und Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit und dem lebendigen Gott, der „gesprochen hat durch die Propheten, und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“.

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24 Gedanken zu “Die Ringparabel: Ein kurzer Rant über das lächerlichste Werk der sog. Aufklärung

  1. Ja da können Sie kräftig mit dem Fuß aufstampfen und Nein, Nein rufen. Der Zusammenschluss der Religionen wird nicht von diesen selbst bestimmt, sondern von der säkularen Welt und die Religionen werden mitmarschieren. Das Zauberwort hierzu heißt Gleichheit und Friede zw. den Religionen. Die Kirchen kath./evang., Evangelische voran, sind doch bereits selbst bestrebt, Einheit, heute noch Annäherung, Verständis, Kennenlernen, Dialog genannt, zwischen Islam und Christentum herbeizuführen.
    Gemeinsame Gottesdienste, es wurde verordnet, dass bei Schülergottesdiensten jetzt auch islamische Elemente darin ihren Platz finden müssen, gemeinsame Gebete, Christen und Moslime, zeigen an, dass die Zeit da ist, den neuen gemeinsamen Ring zu gießen.
    Die Ringparabel hat für mich eine prophetische Dimension.

    1. „Gemeinsame Gottesdienste, es wurde verordnet, dass bei Schülergottesdiensten jetzt auch islamische Elemente darin ihren Platz finden müssen, gemeinsame Gebete, Christen und Moslime, zeigen an, dass die Zeit da ist, den neuen gemeinsamen Ring zu gießen.“

      Das ist eine durch und durch ideologisierte, historisch uninformierte Dystopie. So was kann man nur „verordnen“, wenn die Freiheit in einer Gesellschaft verloren gegangen ist. Mit Aufklärung hat das nichts zu tun.

      Der Dialog, von dem Sie reden, kann nur gelingen, wenn jeder in seinen Traditionen für sich selbst steht. Es ist mir ein Rätsel, wie man von so einer undifferenzierten Wohlfühlsuppe träumen kann.

      1. „Mitmarschieren“, „verordnen“… Interessantes Vokabular, wie der Religionsdialog herbeigeführt werden soll. Tyrannei der Aufklärung quasi, kennt man ja spätestens seit 1793…

  2. Nein, nein, die Kirchenorganisation ist nicht erledigt. Sie wird aber im Weltgeist aufgehen. Darüber hinaus gibt es eine wahre unsichtbare Kirche jenseits der Religionen, die den Glauben an Gott und J.Chr. nicht verloren hat.

      1. Die Kirche Jesu Christi (Ekklesia) ist die Gemeinschaft derer, die von Jesus Christus durch das Evangelium aus der Welt herausgerufen wurden, sich um ihn versammeln im Gottesdienst und von ihm zum Glaubenszeugnis und Dienst der Liebe gesandt werden.
        Diese Gemeinschaft ist nicht auf eine Kirchenorganisation beschränkt. Andererseits gehören nicht alle Mitglieder einer Kirche zu dieser Ekklesia.

      2. Die Ekklesia ist schon immer geeint. J.Chr. hat keine organisatorische Einheit im Blick gehabt. Wenn Sie an J.Chr. glauben, sind wir Eins. So einfach ist Evangelium.

      3. Z.B. hier:
        Lesung
        aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gálater
        Schwestern und Brüder!
        26 Ihr seid alle durch den Glauben
        Söhne (und Töchter) Gottes in Christus Jesus.
        27 Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid,
        habt Christus als Gewand angelegt.
        28 Es gibt nicht mehr Juden und Griechen,
        nicht Sklaven und Freie,
        nicht Mann und Frau;
        denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus.
        29 Wenn ihr aber zu Christus gehört,
        dann seid ihr Abrahams Nachkommen,
        Erben kraft der Verheißung

        Auslegung s. http://www.bibelwerk.de/sixcms/media.php/185/c_jahreskreis.12_l2_gal.pdf

        Bitte nachlesen!

      4. Man weiß ja nicht, was man schlimmer finden soll: Ihre Phrasenmaschine oder die verlinkte Diplom-Theologinnen-Lektorenhilfe…

        Der Galater-Brief ist ein höchst persönlicher, drastischer und sprachlich großartiger Brief, und was fällt den Berufstheolog*innen dazu ein? Die „Töchter“ beim Lesen nicht zu vergessen, und die Gräben zwischen Klerikern und Laien zuzuschütten. Soll man sich da wundern, wenn Kirchen leer bleiben…?

      5. Zugegeben, aber das ist nicht das Wesentliche am bibl. Text und die Kirchen bleiben leer, weil ihre Botschaft oft auf das Niveau der Tagesschau sinkt und nicht das Evangelium verkündet.

        Für heute genug diskutiert. Bei Gelegenheit wieder.

      6. Also, ich weiß ja nicht, was Sie überhaupt wollen. Jedesmal, wenn ich in die Kirche gehe, höre ich das Evangelium. 😀

        Auch wenn ich damit meinem letzten Posting vielleicht widerspreche, aber die Behauptung, die Kirche verkünde das Evangelium nicht mehr, ist doch blanker Unsinn.

        Dass es einen NGO-förmigen Wasserkopf gibt und Leute wie Kardinal Marx Unsinn reden, ist unbestritten, aber etwas anderes.

        „Für heute genug diskutiert. Bei Gelegenheit wieder.“

        Ihr autoritär-paternalistischer Diskussionsstil ist ein Phänomen.

      7. „Ah, aber Protestanten meinen mit ‚das Evangelium‘ nicht ‚das Evangelium‘, sondern Luthers falsche Auslegung der Paulusbriefe.“

        Genau das wollte ich doch aufs Korn nehmen 😀

  3. „Die „Töchter“ beim Lesen nicht zu vergessen, und die Gräben zwischen Klerikern und Laien zuzuschütten. Soll man sich da wundern, wenn Kirchen leer bleiben…?“

    Ja, die „Christinnen“ und „Christen“ bleiben in Scharen weg. Das ist mittlerweile allerdings keine protestantische Spezialität mehr. Ein Kaplan frisch geweiht, der in unserer katholischen Gemeinde untätig war, bezeichnete Paulus als „verklemmten Typen“. Ob Luther das lustig gefunden hätte, wage ich zu bezweifeln.

  4. @nolitetimereweb

    Die meisten Menschen haben positive Assoziationen zu dem Begriff „Aufklärung“ wie Freiheit, Vernunft oder Gleichheit.

    Die Argumente lauten dabei meist wie folgt:

    1) Die Aufklärung ist die Grundlage für die heutigen Menschenrechte. Die Intellektuellen der Aufklärung haben immer wieder betont, dass alle Menschen frei und gleich sein sollen. Ebenso wurde die Humanitätsidee, die besagt, dass alle Menschen eine Würde haben und entsprechend behandelt werden sollen, entwickelt. Auf der Grundlage dieser aufklärerischen Prinzipien wurden Folter und Leibeigenschaft abgeschafft. Religiöse Toleranz und Religionsfreiheit wurden eingeführt, sodass ab dem Zeitalter der Aufklärung erste Ansätze zur Judenemanzipation sichtbar wurden.

    2) Philosophen der Aufklärung wie Immanuel Kant haben immer wieder darauf hingewiesen, dass wir unseren Verstand benutzen und kritisches Denken üben sollen. Aufgrund dieses wichtigen Prinzips der Aufklärung wurde Schulbildung gefördert und Aberglauben eingedämmt, sodass ab dem 18. Jahrhundert keine Hexen mehr in Europa verbrannt wurden. Rationale Instrumente der Beweisführung wurden nun eingeführt und auf Aberglauben basierende Praktiken wie die Wasserprobe wurden dafür eingestellt.

    3) Die Aufklärer haben immer wieder bekräftigt, dass es jedem Menschen erlaubt sein sollte, seine Meinung frei zu äußern. Ihnen haben wir es zu verdanken, dass wir heute über Presse- und Meinungsfreiheit verfügen. Dank der Aufklärung müssen wir uns nicht mehr fürchten, als Häretiker auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden, wenn wir eine unbequeme Meinung kundtun und die Dogmen der Kirche hinterfragen (Beispiel: Johannes Hus auf dem Konzil von Konstanz).

    4) Die Aufklärer haben auch die Forderung erhoben, dass alle Menschen an politischen Prozessen beteiligt werden sollen. Die Aufklärung bildet also das Fundament unserer freiheitlichen Demokratie.

    Was sagst du zu diesen Argumenten, die in der öffentlichen Meinung weit verbreitet sind?

    1. Das sind alles gute Fragen. Ich glaube aber, es wäre ein bisschen viel für den Kommentarbereich hier und erfordert einen eigenen Artikel, den ich eigentlich schon lange mal schreiben wollte. Kommt bald, versprochen!

      – Crescentia.

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