Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 2a: Rahab

Heute Teil 2 meiner Rezension zu dem Sammelband „Saat des Segens“ von Francine Rivers, zu Band 2, der als Einzelband unter dem Titel „Frau des Glaubens – Rahab“ (Originaltitel: „Unashamed“) erschienen ist und bei mir „Rahab – Zukunft und Hoffnung“ heißt. (Wohl eine Anspielung auf Jer 29,11 – „Denn ich, ich kenne die Gedanken, die ich für euch denke – Spruch des HERRN – , Gedanken des Heils und nicht des Unheils; denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben“ -, ein extrem beliebter Vers für Grußkarten und Instagramposts in evangelikalen Kreisen.) Die Rezension zu diesem Band habe ich auf zwei Posts aufgeteilt, weil er so viel Stoff abgegeben hat.

Der Band ist nicht der schlechteste der Reihe. Aus der Geschichte um Rahab hätte etwas Ordentliches werden können. Wohlgemerkt: hätte.

Ich war ein wenig gespannt auf diese Geschichte, weil sie mich selber mal sehr fasziniert hat – zugegebenermaßen in meiner bibelkritischen Phase mit zwölf, als ich das Alte Testament furchtbar brutal fand. Das ist ja ein Problem, das man am besten nicht einfach ignorieren sollte, wenn man einen Roman schreibt, der zur Zeit der Landnahme spielt. Hier wird eine Stadt (Jericho) erobert und fast die ganze Bevölkerung abgeschlachtet, und die, die das tun, sind die Guten der Geschichte. Einige Leser werden Probleme damit haben.

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(Rahab und die beiden Spione, links; die einstürzenden Mauern Jerichos, rechts; franz. Buchillustration aus dem 15. Jahrhundert. Gemeinfrei.)

Die biblische Welt, vor allem die des Alten Testaments, ist uns ja auch erst einmal relativ fremd. Und die Aufgabe eines guten Autors wäre es jetzt, die Leser in diese Fremdheit eintauchen zu lassen, sie sie wirklich spüren zu lassen (so, wie man sie auch beim Lesen der Bibel selbst spürt), statt zu versuchen, sie zu überspielen. (Einen hervorragenden Job macht bei so einer  Aufgabe übrigens C. S. Lewis in seinem Roman „Du selbst bist die Antwort“ („Till we have faces“), der eine Nacherzählung der Sage von Amor und Psyche ist und in der vorchristlichen Antike irgendwo nördlich von Griechenland spielt. Muss man unbedingt mal gelesen haben. Werbeblock Ende.) Aber dafür muss der Autor sich erst einmal richtig in die Denkweise seiner Figuren einfühlen können, sich ihrer nie ausgesprochenen Grundannahmen bewusst werden. Mrs. Rivers kratzt hier nur an der Oberfläche.

Die Geschichte befindet sich in der Bibel in den ersten paar Kapiteln des Buches Josua; Rahab selber taucht in Kapitel 2 und dann wieder am Ende von Kapitel 6 auf. Sie ist eine Dirne aus Jericho, die zwei israelitische Spione versteckt, die Josua ausgesandt hat, und die daher zusammen mit ihrer Familie am Leben gelassen wird, als die Israeliten später Jericho erobern. Mrs. Rivers hat sich eigentlich keine schlechte Hintergrundgeschichte für sie ausgedacht. Ihre Rahab kommt aus einfachen Verhältnissen und wurde als junges Mädchen in den Harem des Stadtfürsten von Jericho gerufen, um als seine Geliebte zu dienen;  nachdem der König genug von ihr hatte, erreichte sie, da sie nicht ohne irgendetwas dastehen wollte, dass er ihr ein Haus in der Stadtmauer nahe beim Tor einrichtete, von wo aus sie seitdem die Leute beobachten und als Hure Kunden bedienen konnte (z. B. Boten aus anderen Städten), denen sie für den König nützliche Informationen entlocken konnte. So lebt sie zu Beginn des Buches seit zwölf Jahren; und obwohl sie ein bequemes Leben und bescheidenen Wohlstand erreicht hat, hasst sie ihr Leben und fühlt sich wie in einem Gefängnis.

Hier im ersten Kapitel, als die Autorin Rahabs Lebensgeschichte ausbreitet – übrigens, ohne sich die Mühe zu machen, die Informationen irgendwie in Gespräche o. Ä. einzubetten, das Ganze wird einfach rückblickend erzählt, während Rahab an ihrem Fenster sitzt und nachdenkt – findet sich übrigens eine Stelle, die ein gutes Beispiel für das ist, was ich oben gemeint habe; die Autorin bringt die Fremdheit von Rahabs Welt nicht gut herüber: „Hatte sie nicht ein gutes, ja beneidenswertes Leben? Der König achtete sie, die Männer begehrten sie, und sie konnte sich ihre Kunden aussuchen. So manche Frau in der Stadt neidete ihr ihre Unabhängigkeit. Sie wussten nicht, wie das war, benutzt und entmenschlicht zu werden.“ (S. 126) Jetzt mal abgesehen davon, dass so manche  Frau in dieser Stadt eine Sklavin oder Nebenfrau sein und ein solches Gefühl sehr wohl kennen wird: Das Wort „entmenschlicht“ passt hier nicht. Es setzt ein Konzept von Menschenwürde voraus, das die Kanaaniter noch nicht kannten. Die historische Rahab hätte vielleicht ein solches unangenehmes Gefühl gehabt, es aber nicht in diese Worte gefasst.

Doch Rahab hat auch vom Gott der Israeliten gehört, die schon auf der anderen Seite des Jordan kampieren:

„Aber sie hatte andere Pläne, andere Träume und Hoffnungen.

Und sie hingen alle an dem Gott da draußen, dem Einen, der die Macht hatte, seine Erwählten zu retten. Schon als junges Mädchen, als sie die Geschichten zum ersten Mal gehört hatte, hatte sie tief in ihrem Inneren gewusst, dass er ein wahrer Gott war, ja der einzige. Wenn er sein Volk über den Jordan brachte, würde er diese Stadt packen und zerschmettern, wie er alle seine Feinde zerschmettert hatte.

Das Ende der Welt, wie sie sie kannte, war in Sicht.

Wir werden alle sterben! Warum sieht das niemand? Sind sie denn alle blind und taub für das, was in den letzten vierzig Jahren geschehen ist? […]

Sie hatte Angst vor dem Tod – aber noch stärker war die tiefe Sehnsucht, ein Teil davon zu sein, zu diesem Gott gehören zu dürfen. Sie kam sich wie ein kleines Mädchen vor, das sich danach sehnt, von den starken Armen ihres Vaters aus Not und Gefahr gerettet zu werden.“ (S. 126f.)

Sie hat u. a. von einem Ägypter, dessen Vater noch die Zeit der Plagen erlebt hat, von der Macht des israelitischen Gottes gehört, und hat auch den König davor gewarnt, der ihr aber nicht zugehört hat und das alles für Ammenmärchen hält.

Vergleichen wir das mal mit der biblischen Darstellung. Die biblische Rahab sagt später zu den beiden Spionen:

„Ich habe erfahren, dass der HERR euch das Land gegeben hat und dass uns Furcht vor euch befallen hat und alle Bewohner des Landes aus Angst vor euch vergehen. Denn wir haben gehört, wie der HERR das Wasser des Roten Meeres euretwegen austrocknen ließ, als ihr aus Ägypten ausgezogen seid. Wir haben auch gehört, was ihr mit Sihon und Og, den beiden Königen der Amoriter jenseits des Jordan, gemacht habt: Ihr habt den Bann an ihnen vollzogen. Als wir das hörten, zerschmolz unser Herz und jedem stockte euretwegen der Atem; denn der HERR, euer Gott, ist Gott droben im Himmel und hier unten auf der Erde. Nun schwört mir beim HERRN, dass ihr der Familie meines Vaters Gnade erweist, wie ich sie euch erwiesen habe, und gebt mir ein sicheres Zeichen dafür, dass ihr meinen Vater und meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern und alles, was ihnen gehört, am Leben lasst und dass ihr uns vor dem Tod bewahrt!“ (Jos 2,9-13)

In Mrs. Rivers‘ Darstellung schmilzt den Bewohnern Jerichos nicht angesichts der Macht Gottes das Herz und stockt ihnen nicht der Atem; im Gegenteil, außer Rahab sind sie alle relativ gelassen, vertrauen auf den Schutz durch ihre Stadtmauern und geben nicht viel auf den israelitischen Gott. Sie stehen hier natürlich für moderne Ungläubige. Nur leider entspricht das halt nicht der Bibel.

Außerdem lässt die Autorin Rahab ganz ähnliche Bedenken gegen die kanaanitischen Götter hegen wie Tamar in Band 1: Sie sind „von Menschenhänden gemachte Steinfiguren“ (S. 129) und sie verlangen Kinderopfer. Okay, wenn ich einen Roman über das Thema schreiben würde, würde ich wohl auch an prominenter Stelle die Kinderopfer erwähnen, um darzustellen, was für Leutet die Kanaaniter eigentlich waren. Aber auch hier wirkt Rahab irgendwie zu sehr über ihrer Kultur stehend, zu unabhängig. „Als ob ein ermordetes Kind jemals Glück bringen konnte!“ (S. 132), denkt sie sich; hat ihre Kultur ihr tatsächlich nicht mal Zweifel eingeredet, ob das nicht vielleicht doch manchmal notwendig sein oder helfen könnte, wenn man einen entsprechenden Gott besänftigen will?

Rahab bewundert Gott dafür, dass er ausgerechnet ein versklavtes Volk erwählt und befreit hat und wünscht sich, Jericho verlassen und sich den Israeliten anschließen zu können; allerdings fürchtet sie auch, dass der König dann ihre Familie bestrafen lassen könnte. Und sie hält es auch für unmöglich, dass ihre Familie mit ihr gehen würde: „Ihr Vater glaubte jedes Wort aus dem Mund des Königs; er war es nicht gewohnt, selbstständig zu denken.“ (S. 129) Höre ich hier ein mahnendes „Glaubt nicht alles, was die Regierung und die Mainstreammedien euch erzählen!“ heraus? Rahab hofft außerdem tatsächlich, dass die Israeliten Kundschafter schicken und sie sie erkennen und ihnen helfen kann. Mit ihren Vorausdeutungen ist Mrs. Rivers nicht unbedingt subtil.

In dieser ersten Szene passiert nicht mehr, als dass Rahab, wie gesagt, nachdenklich an ihrem Fenster sitzt, sich vom Hauptmann der Stadtwache verabschiedet, der die Nacht bei ihr verbracht hat, und ein paar Worte mit Männern unter ihrem Fenster wechselt.

Mrs. Rivers hat die für einen spannend sein sollenden Frauenroman naheliegende Entscheidung getroffen, Rahab mit einem der beiden Spione zusammenkommen zu lassen, was die bibelkundige Leserin weiß, sobald die nächste Szene im Lager der Israeliten beginnt. Salmon – Rahabs Zukünftiger, wie wir aus Mt 1,5 schließen können – trainiert zusammen mit seinem Freund Ephraim für den Kampf. Auch hier bekommen wir in dieser ersten Szene erst einmal einige Einblicke in Salmons Erinnerungen und Gedanken, um die Vorgeschichte zu verstehen.

Salmon denkt daran, wie die Israeliten die letzten Jahrzehnte in der Wüste umhergezogen sind, weil sie damals vor vierzig Jahren nicht darauf vertrauen wollten, dass sie das Land erobern könnten (vgl. Num 13-14):

„Salmon war noch nicht auf der Welt gewesen, als Gott das Volk in die Wüste geschickt hatte, aber er war im Schatten dieser Konsequenz aufgewachsen. Wie oft hatte er es gehört, das ‚Hätten wir nur…‘ seines Vaters. ‚Wenn wir nur Josua und Kaleb geglaubt hätten… Hätten wir Gott nur gehorcht, dann würden wir jetzt nicht wie verirrte Schafe durch die Wüste wandern…‘ Wenn es möglich gewesen wäre, Gott mit Jammern zu zermürben – Salmons Vater hätte es geschafft.

Salmon verzog unwillkürlich das Gesicht bei der Erinnerung an das Selbstmitleid seines Vaters, das so stark nach dem alten, rebellischen Unglauben roch. Barmherziger Gott, betete er, bewahre mich davor, auch so zu denken. Mache mich zu dem Mann, als den du mich gedacht hast – einen Mann voller Gehorsam und Entschlossenheit.

Aber es war einfach, über die Fehler der anderen die Nase zu rümpfen. Und hochmütig. Salmon wusste, dass er nicht besser war als der Mann, der ihn gezeugt hatte. Die große Gefahr war, zu weit nach vorne zu schauen. Er musste warten, so wie Josua wartete. Der Herr würde sprechen, wenn der rechte Zeitpunkt da war. Und wenn er redete, hatte Salmon nur die Wahl zwischen Gehorsam und Ungehorsam.“ (S. 134f.)

In der nächsten Szene kommt Josua in Salmons Zelt und fragt ihn, ob er bereit ist, einen gefährlichen Auftrag zu übernehmen. Salmon erklärt sich natürlich sofort bereit und Josua erklärt, dass es darum geht, Jerichos Verteidigungsanlagen und die Stimmung der Menschen dort auszukundschaften. Er lässt Salmon amoritische Kleider und ein Schwert da. „Die Kleider mussten von der Leiche eines getöteten Feindes stammen, denn Salmon sah einen Blutfleck. Er würde vorsichtig sein müssen, wenn er dieses Gewand trug, am besten einen Mantel darüber tragen. Jeder, der den Blutfleck sah, würde ahnen, dass der vorherige Besitzer des Gewandes eines gewaltsamen Todes gestorben war – keine gute Voraussetzung, um unauffällig zu sein.“ (S. 137) Und Kleider kann man natürlich nicht waschen. Für den Job als Spion scheint Salmon eher mäßig geeignet.

Jedenfalls schwimmen Salmon und Ephraim in der nächsten Nacht über den Jordan – d. h., schwimmen können sie als in der Wüste Aufgewachsene eigentlich nicht richtig, aber sie sagen sich, dass sie auf Gott vertrauen müssten und schaffen es irgendwie hinüber – und machen sich auf nach Jericho. Das nächste Kapitel beginnt wieder bei Rahab, die aus ihrem Fenster blickt und die beiden sich dem Stadttor nähernden scheinbaren amoritischen Soldaten beobachtet:

„Aber als sie näher kamen, sah sie, dass sie keinerlei Gepäck dabei hatten, dafür aber die Stadtmauern mit sichtlichem Interesse musterten und sich eifrig gestikulierend unterhielten. Jetzt waren sie fast unterhalb von ihr. Ihre Gesichter waren merkwürdig ernst. Aber das Auffälligste war, dass sie sich keinen Deut für sie zu interessieren schienen. Es gab keinen Soldaten, der nicht ständig Ausschau nach Frauen wie Rahab hielt. […] Vor allem die Amoriter, deren Geilheit sprichwörtlich war.

Ah, jetzt hatten sie sie doch gesehen. ‚Seid gegrüßt, hübschen Freunde!‘ rief sie, ihnen zuwinkend. Sie wandten ihre Gesichter ab. Seltsam.“ (S. 142)

Nicht, dass hier noch jemand denkt, anständige israelitische Spione wären aus gewöhnlichen Gründen bei einer Prostituierten gelandet!

Rahab jedenfalls wird misstrauisch. „Jetzt riss ein Windstoß das Obergewand des Größeren auf. Er zog es hastig wieder zu, aber nicht schnell genug für Rahab. Ein Blutfleck. Aha.“ (S. 143) Schlechteste. Spione. Ever.

Jetzt ist sie sich sicher, israelitische Kundschafter vor sich zu haben. „Ihr wurde mulmig. Wussten die beiden denn nicht, in welcher Gefahr sie waren? Bildeten sie sich wirklich ein, die Torwächter würden sich von ihrer Verkleidung täuschen lassen?“ (S. 144) Sie versucht, die Aufmerksamkeit der beiden zu erregen, und ruft ihnen schließlich zu, sie wisse, was sie wollten, und „Der Jordan ist tief um diese Jahreszeit, nicht wahr?“ (S. 144) Salmon reagiert darauf jetzt doch. Sie ruft, sie werde im Tor auf die beiden warten, rennt hinunter, und verwickelt dort unten erst einmal den Hauptmann, der in der letzten Nacht bei ihr war, einen Mann namens Kabul, in ein Gespräch. Er bemerkt schließlich dennoch, dass sie sich für die beiden amoritischen Soldaten zu interessieren scheint, die jetzt zum Tor gekommen sind, und auch er wird misstrauisch – es seien gefährliche Zeiten, sagt er zu Rahab, das könnten Spione sein, sie hätten so ungewöhnlich kurzes Haar. (Außerdem werden sie so beschrieben, dass sie „sich so auffällig darum bemühten, unauffällig zu erscheinen“ (S. 146). Allerschlechteste. Spione. Ever.) Rahab sagt ihm, er solle noch etwas warten, bevor er zum König schicken lasse, sie wolle sehen, ob sie etwas aus den beiden herausbekommen könnte, falls es Spione seien, er solle ihr eine Stunde Zeit geben; sie würde sie mit Wein abfüllen und ihnen Informationen entocken und er könne dann etwas von der Belohnung haben, die der König ihr geben würde. Er geht darauf ein.

Salmon und Ephraim gelangen also in die Stadt, gehen mit Rahab mit, und in ihrem Haus angekommen, konfrontiert sie sie sofort mit ihrem Wissen, dass sie hebräische Spione seien und lässt sie sich auf dem Dach verstecken. Ein wenig Romantik bekommen wir auch schon. „Sie sah Salmon an, und er fand, dass sie die schönsten Augen hatte, die er je gesehen hatte. Kein Wunder, dass Josua und Kaleb sie so oft vor den fremden Frauen gewarnt hatten.“ (S. 148) Hach.

In ihrem Versteck auf dem Dach streiten die zwei sich ein wenig; der nervöse Ephraim meint, sie hätten diese Hure sofort umbringen und verschwinden sollen, statt sich auf ihrem Dach zu verstecken, und äußert sich abfällig über ihre Tätigkeit. Salmon beruhigt ihn wieder. „Sei ruhig! Wir sind genau dort, wo Gott uns hingestellt hat.“ (S. 149)

Als die Soldaten wiederkommen, begrüßt Rahab sie mit einem „Wärt ihr nur eher gekommen!“ (S. 150) und sagt ihnen, die beiden Männer wären schon wieder gegangen und hätten die Stadt verlassen; sie könnten sie sicher noch erwischen. Kabul wird nicht misstrauisch und marschiert wieder ab.

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(Rahab hilft den beiden Spionen, aus einer Kinderbibel von 1897. Gemeinfrei.)

Rahab geht zu den beiden aufs Dach. Hier sagt sie jetzt doch so etwas Ähnliches, wie in der Bibel steht („Ich weiß, dass Gott der Herr euch dieses Land gegeben hat. Alle zittern vor euch“ (S. 152) usw.), und bittet sie, sie und ihre Familie bei der Eroberung Jerichos zu verschonen. Die beiden versprechen es. Die erleichterte Rahab lädt sie ein, es sich gemütlich zu machen und etwas zu essen, aber Ephraim lehnt sofort ab. Salmon dagegen ist neugierig, was es mit ihr auf sich hat, und lässt sich auf ein Gespräch darüber ein, wie es dazu kommt, dass sie an Gott glaubt. Dabei sagt Rahab auch über die anderen Bewohner Jerichos: „Ja. Sie haben Angst vor euch, wie vor jedem anderen Eroberer. Aber sie begreifen nicht, dass es euer Gott ist, der euch den Sieg gibt.“ (S. 153) Ah ja, so hat sich das vorher nicht angehört.

Zwischen Salmon und Rahab entwickelt sich schon etwas: „Es war überdeutlich, dass sie ihm gefiel. Und ihr ging es andersherum genauso.“ (S. 154) Rahab erklärt, wie gern sie zum Volk der beiden gehören würde. Doch halt! Die Israeliten haben da gewisse Gesetze.

„Salmon sah sie einen Augenblick lang an und sagte dann leise. ‚Es gibt zum Beispiel Gesetze gegen Unzucht und Ehebruch.‘

‚Ephraim fuhr fort: ‚Prostitution ist nicht erlaubt. Wer das missachtet, ist des Todes.‘

Rahab erinnerte sich, wie sie sich aus ihrem Fenster gelehnt und die beiden angesprochen hatte, wie bei Hunderten anderen schon, und die Röte schoss ihr ins Gesicht. Sie ekelte sich plötzlich vor sich selbst. Kein Wunder, dadss die Israeliten so gezögert hatten und ihr Essen nicht wollten.

‚Ich habe mir meinen Beruf nicht ausgesucht‘, sagte sie rasch. ‚Mein Vater brachte mich zum König, als ich noch ein Kind war und…‘ Sie unterbrach sich, als sie Salmons Gesichtsausdruck sah. War es wirklich so wichtig, wie sie zu dem geworden war, was sie war? Dass sie ein Mädchen gewesen war, das keine Wahl hatte – war das eine Entschuldigung dafür, dass sie als erwachsene Frau ihren Beruf beibehalten und sich damit ihre Taschen gefüllt hatte? […] ‚Wenn euer Gott es so hasst, dann höre ich auf.'“ (S. 154f.)

Dass das Gesetz des Mose (zu dessen „schwierigen“ Stellen ich übrigens hier mal was geschrieben habe, wenn es jemanden interessieren sollte) Prostitution mit der Todesstrafe belege, stimmt schlicht nicht. Darin gibt es Gesetze zu Unzucht und Ehebruch, durchaus. Das sechste Gebot lautet „Du sollst nicht die Ehe brechen“. Dann gibt es folgendes Gesetz zur Verführung eines Mädchens: „Wenn jemand ein noch nicht verlobtes Mädchen verführt und bei ihm schläft, dann soll er das Brautgeld zahlen und sie zur Frau nehmen.Weigert sich aber ihr Vater, sie ihm zu geben, dann hat er ihm so viel zu zahlen, wie der Brautpreis für eine Jungfrau beträgt.“ (Ex 22,15f.) Ähnliche Gesetze stehen in Dtr 22, wo es um Ehebruch, Unzucht mit einer bereits Verlobten (was wie Ehebruch zählt), und Vergewaltigung/Verführung einer noch nicht Verlobten geht, und eine Faustregel für die Unterscheidung von Vergewaltigung und konsensualer Unzucht gegeben wird. Es gilt: Todesstrafe für Ehebruch; keine Todesstrafe, sondern Schadensersatz des Mannes an der Frau bei vorehelicher Verführung/Vergewaltigung, entweder durch Heirat oder durch Geld. Allerdings gibt es da auch ein Gesetz, das die Todesstrafe für eine Frau festlegt, bei der der Mann erst irgendwann nach der Eheschließung gemerkt hat, dass sie nicht mehr Jungfrau war, als sie ihn geheiratet hat – vielleicht deshalb, weil er getäuscht wurde, vielleicht steht da auch die Befürchtung dahinter, sie könnte schon bei der Heirat von einem anderen schwanger gewesen sein und ihm ein Kuckuckskind ins Haus gebracht haben, grundsätzlich heißt es im Text einfach: „denn sie hat eine Schandtat in Israel begangen, indem sie in ihrem Vaterhaus Unzucht trieb.“ (Auch eine falsche Beschuldigung wegen vorehelichen Verkehrs soll hier übrigens bestraft werden.) Dann wären da die Bestimmungen von Lev 18 und 20, die Ehebruch, Inzest, homosexuelle Unzucht (interessanterweise nur unter Männern), Verkehr mit einer menstruierenden Frau (wegen der kultischen Reinheit) und Bestialität unter Todesstrafe stellen.*  Zwar heißt es in Lev 19,29 auch noch „Entweih nicht deine Tochter, indem du sie als Hure preisgibst, damit das Land nicht der Hurerei verfällt und voller Blutschande wird!“, aber hier ist keine Strafe vorgeschrieben. Die Tempelprostitution wird auch verboten. „Unter den Frauen Israels soll es keine Geheiligte geben und unter den Männern Israels soll es keinen Geheiligten geben. Du sollst weder Dirnenlohn noch Hundegeld in den Tempel des HERRN, deines Gottes, bringen. Kein Gelübde kann dazu verpflichten; denn auch diese beiden Dinge sind dem HERRN, deinem Gott, ein Gräuel.“ (Dtr 23,18f.) Aber Rahab ist ja keine Tempelprostituierte, und auch hier: keine konkrete Strafe. Lev 21,7 legt zwar bzgl. der Priester fest: „Sie dürfen weder eine Dirne noch eine Entweihte noch eine Frau heiraten, die ihr Mann verstoßen hat; denn der Priester ist seinem Gott geheiligt.“ Aber gerade das impliziert ja, dass Dirnen (die nicht einen Mann heirateten, dem sie vorschwindelten, Jungfrau zu sein) nicht mit dem Tod bestraft wurden, sondern relativ unbehelligt in Israel lebten.

Mrs. Rivers, das mit dem Bibellesen üben wir noch mal! Natürlich stimmt es, dass Unzucht nicht gern gesehen war, aber bei normaler, heterosexueller, nicht-ehebrecherischer, nicht-inzestuöser, nicht gegen Reinheitsbestimmungen verstoßender Unzucht/Prostitution war man mit den Strafen nicht so streng wie bei anderen Formen.

Nachdem sie noch mit Rahab verabredet haben, dass sie ein rotes Seil aus dem Fenster hängen lassen soll, damit sie erkennen können, welches Haus sie verschonen müssen, lassen Salmon und Ephraim sich an eben diesem Seil aus dem Fenster hinunter.

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(Rahab und die beiden Gesandten Josuas, von einem unbekannten Maler, Italien, 17. Jahrhundert. Gemeinfrei.)

Sie gehen dann auf Rahabs Rat hin in die nahen Berge und verstecken sich dort drei Tage, bis nicht mehr nach ihnen gesucht wird.

Rahab währenddessen schließt sich vor allen ab. „Sie erklärte ihm [Kabul], dass sie sich nicht gut fühle. Das war keine Lüge. Ihr war wirklich schlecht – wegen ihm, wegen des Lebens, das sie führte, wegen der Erkenntnis, dass bald alle in dieser Stadt tot sein würden.“ (S. 158) Der König hat sie zwar wegen der Spione befragt, ihre Lügen aber geglaubt; diese Szene bekommen wir übrigens nicht mit, sondern bloß rückblickend in zwei Sätzen zusammengefasst. Mrs. Rivers ist schon etwas faul; man erfährt auch nicht mehr viel über die Zustände in der Stadt oder irgendwelche anderen Einwohner Jerichos – abgesehen von Rahabs Familie, die sie jetzt kontaktiert.

Ihr Vater ist ein nicht besonders wohlhabender Bauer, und sie hat zwei Brüder und zwei Schwestern, die alle verheiratet sind und Kinder haben. Sie lädt zunächst ihren Vater und ihre beiden Brüder Mizraim und Jobab zu sich ein, um ihnen zu erklären, was sie getan hat. Zuerst sind vor allem ihre Brüder alles andere als erfreut. Rahab hält ihnen eine ausführliche Predigt: „‚Wir sind all die Jahre vor den Baalen niedergefallen und haben gedacht, sie seien die Herren des Landes. Aber das Land gehört dem Gott da draußen, und er wird es sich nehmen!‘ Sie lachte tonlos. ‚Bildet ihr euch ein, uns könne nichts passieren, weil wir den Götzenbildern Opfer gebracht haben, die wir uns selbst gemacht haben? […] Alles gehört ihm, und er kann dieses Land und alles, was darin ist, geben wem er will.'“ (S. 162) Ich wünschte, Andersgläubige würden öfter durch bloßes Hörensagen so akkurate theologische Kenntnisse erwerben, und dann auch noch gleich den Jargon übernehmen („Götzenbilder“). Die Autorin lässt Rahab ihre Überzeugung folgendermaßen begründen:

„‚Jedes Mal, wenn ich etwas über ihn [Gott] vernommen habe, habe ich eine… Gewissheit gespürt. Ich kann es nicht erklären, aber ich weiß, dass dies Gott ist – der einzige Gott. Und ich habe beschlossen, meinen Glauben und meine Hoffnung auf ihn zu setzen.‘ Sie lehnte sich zurück und sah die anderen an. ‚Ihr müsst selbst entscheiden, ob ihr das Leben oder den Tod wählen wollt.‘

‚Wir wählen das Leben‘, antwortete ihr Vater.“ (S. 163f.)

Die Einwände von Rahabs Brüdern in diesem Gespräch bewegen sich alle auf der Ebene von „Was, wenn der König das herausfindet“, „Unsere Mauern sind doch stark“, Woher willst du wissen, dass du diesen Spionen vertrauen kannst“ – kein einziger moralischer Einwand im Sinne von „Wir müssen für unser Volk kämpfen“ taucht auf. Das könnte zwar irgendwo Sinn machen – wenn man weiß, dass man sowieso verlieren wird, ist auch die Pflicht zum Kampf nicht mehr so wirklich da -, aber dennoch hat es etwas Unrealistisches. So ganz unproblematisch ist Rahabs Handeln ja aus kanaanitischer Sicht nicht – sehr untertrieben ausgedrückt.

Denken wir uns mal eine moderne Parallele; nehmen wir dafür einen Krieg, bei dem es für alle einsichtig und unumstritten ist, wer die Guten und wer die Bösen sind. Sagen wir, eine Deutsche hilft im Zweiten Weltkrieg englischen Spionen und erfährt durch sie von einem bevorstehenden Bombenangriff auf ihre Stadt, sodass sie und ihre Familie diese rechtzeitig verlassen und den Bomben entgehen können. (Irgendwie gefällt mir das Beispiel, denn auch hier muss der Bombenangriff speziell nicht moralisch gerechtfertigt sein, auch wenn die Kriegserklärung der Engländer an Deutschland das grundsätzlich war – genauso, wie es bei Rahabs Geschichte grundsätzlich egal ist, ob man die Bibel so interpretiert, dass Gott eindeutig direkt selber befohlen habe, alle Kanaaniter inklusive Frauen, Kinder, Alte auszurotten, oder die Israeliten das auf dieser Stufe der Offenbarung halt so verstanden hätten.**) Auch in diesem Fall würden die Angehörigen dieser „Verräterin“ ihr vermutlich erst mal vorhalten, sie habe ihr Volk verraten, und sie müssten für Deutschland kämpfen, usw.

Am Ende dieses Gesprächs kommt eine etwas lächerliche Stelle. Rahabs Bruder fragt:

„Wir sind zwanzig Menschen, Rahab. Wie willst du uns alle unterbringen – uns und den Proviant, den wir [gemeint: während der Belagerung] brauchen werden?“ (S. 164)

Weil es ja offensichtlich so schwierig ist, zwanzig Menschen in einem Haus unterzubringen! Die Antwort lautet:

„Oh, Mizraim, du sorgst dich um so viele Dinge – darum, was du essen und wo du schlafen wirst. Aber nur eins ist wirklich wichtig: Folge den Anweisungen! Wenn du überleben willst, pack deine Sachen und komm in mein Haus.“ (Ebd.)

Man könnte es auch ein bisschen unauffälliger machen, als Rahab ein zusammengestoppeltes Zitat aus der Bergpredigt (Mt 6,25.31) und der Marta-und-Maria-Geschichte (Lk 10,41f.) in den Mund zu legen. Mrs. Rivers nimmt ihren Predigtauftrag wirklich sehr ernst.

Aber zurück zu Salmon und Ephraim. Die beiden haben es zurück ins israelitische Lager geschafft und erstatten Josua und Kaleb Bericht. Sie stellen fest, dass ihr Bericht eigentlich gar nicht mehr nötig war; in der Zwischenzeit hat Gott bereits zu Josua gesprochen und alles ist entschieden; sie werden in drei Tagen den Jordan überqueren. Salmon jedoch ist nicht etwa enttäuscht deswegen: „Er hatte den Eindruck, dass er und Ephraim aus einem ganz anderen Grund nach Jericho gesandt worden waren, einem Grund, den nur der Herr selbst gekannt hatte. Vielleicht hatten sie Rahab finden und die Tür zu ihrer Rettung öffnen sollen.“ (S. 167) Als sie von Rahab erzählen, erklären sich Josua und Kaleb einverstanden mit der Abmachung.

„Josuas Augen wurden schmaler. ‚Und habt ihr diesen Eid geschworen?‘

Salmon spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Hatte er vielleicht eigenmächtig gehandelt und den Willen Gottes übertreten? ‚Wenn ich falsch gehandelt habe, bete ich darum, dass Gott, der Herr, allein mich zu Rechenschaft ziehen und diese Frau nicht bestrafen wird. Ja, wir haben vor dem Herrn, unserem Gott, geschworen, dass jeder, der in Rahabs Haus ist, verschont wird.‘

‚Dann wird es so sein‘, sagte Josua.“ (S. 166)

Schön gesagt. Kaleb trägt Salmon und Ephraim auf, bei der Eroberung für die Sicherheit von Rahab und ihrer Familie zu sorgen.

Nachdem Josua und Ephraim gegangen sind, spricht Salmon noch weiter mit Kaleb über Rahab:

„‚Sie will eine der Unseren werden.‘ Salmon überlegte kurz. Doch, es war das Beste, wenn er seine Gefühle vor Kaleb offenlegte und um Rat bat. ‚Und ich… ich möchte diese Frau in mein Zelt führen.'“ (S. 167)

Na, das geht ja mal wirklich fix.

Kaleb ist erst ein bisschen skeptisch, rät von Eile ab.

„Kaleb schüttelte den Kopf, halt amüsiert, halb sorgenvoll. ‚Es sind immer die heidnischen Frauen, die unsere Männer von Gott wegziehen.‘

‚Rahab ist keine Heidin!‘

‚Sie ist eine Kanaaniterin.‘

‚Diese Frau hat mehr Glauben an den Tag gelegt als mein Vater und meine Mutter. Aber zählen wir doch gleich alles auf, was gegen sie spricht: Sie ist älter als ich, und sie hat sich ihr Brot als Hure verdient.‘

In Kalebs Augen war ein merkwürdiges Leuchten. ‚Und eine solche Frau willst du dir zur Ehefra wählen?‘

‚Rahab ist tatsächlich etwas Besonderes.‘

Kaleb schürte das Feuer mit einem Stock. ‚Vielleicht ist sie nur eine raffinierte Lügnerin, die ihr eigenes Volk verrät, um ihre Haut zu retten.‘

‚Aber wer ist ihr Volk?‘

Kaleb hob seine Hand, wie um Salmons Worte wegzuwischen. Salmon sprach rasch weiter. ‚Du und Josua, ihr habt mich gelehrt, in allem nach Gottes Willen zu fragen. Hilf mir, ihn zu finden, was diese Frau angeht!‘

Kaleb atmete langsam aus und rieb sich mit beiden Händen über sein Gesicht. ‚Josua hat dir bereits seine Anweisungen gegeben. Du wirst für die Sicherheit dieser Frau und all derer sorgen, die zu ihr gehöre. Und wenn du willst, wird sie als Kriegsbeute dir gehören.'“ (S. 168)

Kriegsbeute? Wie kommen wir jetzt aufs Thema Kriegsbeute? Rahab ist eine Verbündete, mit der es eine friedliche Vereinbarung gab, in der nie von „Kriegsbeute“ die Rede war!

„Salmons Herz schlug heftig. Es fühlte sich an, als habe Kaleb ihm gerade ein kostbares Geschenk überreicht, so kühl seine Worte auch klangen.

Der  Ältere ließ seine Hände sinken. ‚Du solltest sie und ihre Familie allerdings zunächst draußen vor dem Lager lassen. Vielleicht will sie gehen und die Ihren mitnehmen.‘

‚Sie möchte eine von uns werden.‘

‚Wie kannst du da so sicher sein?‘

Salmon hockte sich hin. ‚Ich habe ihre Augen gesehen und ihre Worte gehört.'“ (S. 168f.)

Er erklärt seine Überzeugung, dass Gott ihn und Ephraim nach Jericho geschickt hat, damit Rahab gerettet wird. Kaleb warnt ihn davor, Gott seine eigenen Wünsche in den Mund zu legen. Aber Salmon hat noch mehr Argumente parat:

„‚Seit ich ein kleiner Junge war, hast du mich die Wahrheit gelehrt und sie vor meinen Augen ausgelebt. Eines ist mir immer ganz klar gewesen: Gott hat uns nicht aus Ägypten befreit, weil wir so gut gewesen wären oder die Freiheit verdient hätten, sondern er hat uns aus Gnade gerettet.‘ Salmon breitete seine Hände aus. ‚Und will der Herr seine Gnade nicht jedem geben, der sich danach sehnt, zu ihm zu gehören? Ich habe diese Sehnsucht in Rahabs Augen gesehen, ich habe sie davon reden gehört. Sie glaubt, dass der Herr Gott ist, und sie hat ihre Treue zu ihm darin gezeigt, dass sie uns das Leben gerettet hat.'“ (S. 169)

Denken Sie dran, meine Damen, sola gratia und sola fide!

Kaleb mahnt wieder zur Geduld. Der verliebte Salmon unterbreitet ihm noch eine ziemliche Schnapsidee: „Wenn jemand in der Stadt herausfindet, dass sie Ephraim und mir geholfen hat, bleibt sie vielleicht nicht lange genug am Leben, dass wir sie retten können. Ob ich wohl zurückgehen sollte?“ (S. 170) Jemand müsste Salmon mal erklären, dass das wohl viel eher irgendjemand herausfinden würde, wenn er noch einmal versuchen würde, in die Stadt und zu Rahab zu kommen, und sich dabei vor allem noch einmal so blöd anstellen würde. Das Spionagehandwerk hat der junge Mann echt nicht drauf. Kaleb tut das nicht, sondern sagt ihm einfach, Gott werde Rahab retten, wenn das Sein Plan sei. Salmon bittet um Vergebung für seinen Unglauben. Aber noch einmal versucht er, Kalebs Segen für seine Pläne zu bekommen:

„‚Dann wärst du also nicht dagegen, dass ich Rahab in mein Zelt führe?‘

Kaleb sah ihn halb mitleidig an. ‚Es wäre weise, wenn du erst einmal abwartest, was sie darüber denkt. Wenn Gott sie aus Jericho errettet, wird sie zu entscheiden haben, was sie mit dem Leben anfängt, dass [sic] er ihr geschenkt hat.‘ Er zwinkerte Salmon zu. ‚Wenn sie so klug ist, wie du sagst, wird sie vielleicht einem älteren Mann den Vorzug geben.

Salmon lachte, alle Anspannung auf einmal wie weggeblasen. Hatte Kaleb ihn nur testen wollen? ‚Vorhin hast du gesagt, dass sie mir als Kriegsbeute gehört.‘

Kaleb lachte mit. ‚Ja, das stimmt, aber eine Frau mit so viel Glauben und Mut wird ihren eigenen Kopf haben.'“ (S. 171)

Ähm, dann hätten wir das Thema Kriegsbeute auch einfach weglassen können.

„Er legte eine Hand auf Salmons Schulter, sein Blick wurde wieder ernst. ‚Wenn der Kampf vorbei ist, wird Josua über ihr Schicksal entscheiden, und ihre Gründe werden auf die Probe gestellt werden.‘ Er ließ ihn los. ‚Wenn sie so ist, wie du sagst, brauchst du dich nicht um das Ergebnis zu sorgen.‘

Salmon war nicht zufrieden. Er hatte eine eindeutige Antwort gewollt und stattdessen die Anweisung bekommen zu warten.

Würde Rahab sich als die Frau erweisen, für die er sie hielt? Wenn nicht, würde ihm die Aufgabe zufallen, dafür zu sorgen, dass sie sich von Israel fernhielt.“ (Ebd.)

Und damit endet das Kapitel. Hat diese Liebe eine Chance? Sie werden es erfahren…

 

* „Ihr sollt nicht tun, was man in Ägypten tut, wo ihr gewohnt habt; ihr sollt nicht tun, was man in Kanaan tut, wohin ich euch führe. Ihre Satzungen sollt ihr nicht befolgen. […] Niemand von euch darf sich einer Blutsverwandten nähern, um ihre Scham zu entblößen. Ich bin der HERR. [Bestimmungen über die Grade der Verwandtschaft, die Inzest zu einem Verbrechen machen.] Die Scham einer Frau und gleichzeitig die ihrer Tochter darfst du nicht entblößen; weder die Tochter ihres Sohnes noch die Tochter ihrer Tochter darfst du nehmen, um ihre Scham zu entblößen. Sie sind leiblich verwandt, es wäre Blutschande. Du darfst neben einer Frau nicht auch noch deren Schwester heiraten; du würdest sie zur Nebenbuhlerin machen, wenn du zu Lebzeiten der einen die Scham der anderen entblößt. Einer Frau, die wegen ihrer Regel unrein ist, darfst du dich nicht nähern, um ihre Scham zu entblößen. Mit der Frau deines Mitbürgers darfst du nicht schlafen; du würdest durch sie unrein. Von deinen Nachkommen darfst du keinen hingeben, um ihn für Moloch hinübergehen zu lassen. Du darfst den Namen deines Gottes nicht entweihen. Ich bin der HERR. Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel. Keinem Vieh darfst du beiwohnen; du würdest dadurch unrein. Keine Frau darf vor ein Vieh hintreten, um sich mit ihm zu begatten; das wäre eine schandbare Tat. Ihr sollt euch nicht durch all das verunreinigen; denn durch all das haben sich die Nationen verunreinigt, die ich vor euch vertreibe.“ (Lev 18,3.6.17-24) „Ein Mann, der mit der Frau seines Nächsten die Ehe bricht, hat den Tod verdient, der Ehebrecher und die Ehebrecherin. Ein Mann, der mit der Frau seines Vaters schläft, hat die Scham seines Vaters entblößt. Beide haben den Tod verdient; ihr Blut kommt auf sie selbst. Schläft einer mit seiner Schwiegertochter, so haben beide den Tod verdient. Sie haben eine schändliche Tat begangen, ihr Blut kommt auf sie selbst. Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide haben den Tod verdient; ihr Blut kommt auf sie selbst. Heiratet einer eine Frau und ihre Mutter, so ist das Blutschande. Ihn und die beiden Frauen soll man verbrennen, damit es keine Blutschande unter euch gibt. Ein Mann, der einem Tier beiwohnt, hat den Tod verdient und das Tier sollt ihr töten. Nähert sich eine Frau einem Tier, um sich mit ihm zu begatten, dann sollst du die Frau und das Tier töten. Sie haben den Tod verdient; ihr Blut kommt auf sie selbst. Nimmt einer seine Schwester, eine Tochter seines Vaters oder eine Tochter seiner Mutter und sieht ihre Scham und sie sieht die seine, so ist es eine Schandtat. Sie sollen vor den Augen der Angehörigen ihres Volkes ausgemerzt werden. Er hat die Scham seiner Schwester entblößt; er muss die Folgen seiner Schuld tragen. Ein Mann, der mit einer Frau während ihrer Regel schläft und ihre Scham entblößt, hat ihre Blutquelle aufgedeckt und sie hat ihre Blutquelle entblößt; daher sollen beide aus ihrem Volk ausgemerzt werden. Die Scham der Schwester deiner Mutter oder der Schwester deines Vaters sollst du nicht entblößen; denn wer seine eigene Verwandte entblößt, muss die Folgen seiner Schuld tragen. Ein Mann, der mit seiner Tante schläft, hat die Scham seines Onkels entblößt. Sie müssen die Folgen ihrer Sünde tragen; sie sollen kinderlos sterben. Nimmt einer die Frau seines Bruders, so ist das Befleckung. Er hat die Scham seines Bruders entblößt; sie sollen kinderlos bleiben.“ (Lev 20,10-21)

** Ich habe hier mal eher für letzteres plädiert – grob gesagt, mit der „Das-ist-Altes-Testament“-Begründung – und würde das immer noch für eine mögliche Interpretation halten, neige aber selber inzwischen eher zu ersterem. Grundsätzlich gilt ja: Das Leben ist ein ungeschuldetes Geschenk von Gott, weshalb Er es uns prinzipiell nehmen kann, und prinzipiell auch andere dazu delegieren kann, es zu nehmen (selbst, wenn wir annehmen, dass Er das selten tun wird); natürlich kann Gott nichts in sich Böses tun oder befehlen – z. B. Folter oder Lüge – aber jemanden zu töten ist nichts in sich Böses, sondern nur etwas, zu dem Menschen unter normalen Umständen kein Recht haben, weil wir nicht Gott spielen dürfen. Und schließlich werden die unschuldigen Kanaaniter, die bei der Landnahme getötet wurden, inzwischen im Himmel sein. (Oder höchstens vielleicht noch im Fegefeuer. Bitte alle mal ein Ave Maria für sie beten.) Prinzipiell sah es nach dem Auszug aus Ägypten so aus: Gott wollte Seinem aus der Sklaverei befreiten heimatlosen Volk eine Heimat geben; in dem ihnen versprochenen Land saßen noch die Kanaaniter, die, nun, ein wirklich ziemlich verkommenes Volk waren, mit Kinderopfern und Tempelprostitution und Totenbeschwörung zur Wahrsagerei und was weiß ich noch allem. Gott wusste, dass die Israeliten, wenn sie z. B. nur einen Teil des Gebiets erobern, mit einigen kanaanitischen Städten Frieden schließen, Kriegsgefangene am Leben lassen und als Sklaven halten, Götzenbilder als Beute rauben würden usw., sich wohl zumindest teilweise auch von kanaanitischen religiösen Vorstellungen anstecken lassen würden („vielleicht gibt es Baal und Moloch ja doch, seien wir mal lieber vorsichtig, und bringen ihnen die Opfer dar, die sie fordern“). Deshalb befahl Er vielleicht tatsächlich direkt den „Bann“ (oder die „Vernichtungsweihe“ oder wie das in verschiedenen Bibelübersetzungen so heißt) – alle töten, auch die Frauen, auch die Kinder, selbst das Vieh, alles niederbrennen, keine Beute übrig lassen. Das führten die Israeliten übrigens laut den biblischen Schriften nicht immer so vorschriftsmäßig aus – und das Ergebnis war genau diese Ansteckung mit dem Heidentum. Ein Paradebeispiel dafür ist König Saul (vgl. 1 Sam 15, und das folgende Debakel mit seinen Taten etwa in 1 Sam 28 und 1 Sam 31). Ich will hier auch noch einen Kommentar, der hier mal bei mir von Nepomuk hinterlassen wurde, zitieren: „Ich kann natürlich nicht ausschließen, daß Gott gewissermaßen ‚Hintergedanken‘ hatte, die z. B. so gelautet hätten haben können (der Herr möge entschuldigen, daß ich das in saloppe Worte kleide): ‚Hm, Ich hab jetzt unter anderem zwei Möglichkeiten. Die Kanaaniter müssen, so wie sie jetzt sind, irgendwie weg; das steht fest. Nach Lage der Dinge wird Mein Volk hier einfallen, ein riesiges Gemetzel unter ihnen anrichten, sich mords gegen sie und gegen Mich versündigen, und ein riesiges Gemetzel unter sich selbst anrichten, der Verteilung der Beute wegen – oder Ich befehl‘ ihnen *gleich*, die Stämme und insbesondere ihren ganzen Besitz zu vernichten – *Ich* darf das ja – und das erspart zum einen die Sünden, die sie bei ihrem Gemetzel sonst begehen würden, und zum anderen den Zwist hernach wegen der Beute.‘ (Jetzt, wo ich das so formuliere, kommt mir das sogar wahrscheinlich vor.)“  Wie gesagt: Man kann diese alttestametlichen Stellen auch noch anders lesen, aber das ist so die direkte, naheliegende Lesart.

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4 Gedanken zu “Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 2a: Rahab

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