Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 2b: Rahab

So, jetzt weiter mit Francine Rivers‘ Roman um Rahab.

Die erste Szene des nächsten Kapitel beginnt bei Rahab in Jericho, die Vorräte für eine längere Belagerung anlegt und ihrem Vater und ihren Brüdern weiterhin predigt, nicht auf den König zu setzen, sondern auf Gott. Dann wechselt der Schauplatz und wir sind bei Salmon im Lager der Israeliten. Das Manna, das Gott regnen lässt, wird allmählich weniger, und Salmon denkt gleichzeitig mit Vorfreude an das Gelobte Land und mit Wehmut an sein bisheriges Leben in der Wüste:

„O Gott, lass uns treu bleiben!, betete er. Lass uns nicht wieder so unmündig wie quengelnde Kinder werden! Lass die Siege, die du uns schenken wirst, uns nicht zu Kopfe steigen. Die Sünden unserer Väter sind uns stets bewusst. Wenn sie nur ein für alle Mal ausgelöscht werden könnten, sodass wir so vor dir stehen können wie eins Adam und Eva, als du sie erschaffen hast…“ (S. 174f.)

Salmon ist halt der ideale Protochrist.

Nun brechen die Israeliten das Lager bei Schittim ab und ziehen zum Jordan. Dort weicht der Fluss vor der Bundeslade zurück und sie ziehen hinüber und richten zum Andenken zwei Steinmale mit Steinen aus dem Fluss auf.

Von Jericho aus sieht man die Israeliten den Fluss durchqueren; auch Rahab sieht es aus ihrem Fenster. „Angst, Begeisterung und Ehrfurcht durchfluteten sie. Sie lachte und weinte gleichzeitig, ihr Herz hämmerte, und sie lehnte sich so weit aus dem Fenster, dass sie fast hinausfiel. Ein Wunder. Sie sah ein Wunder!“ (S 178) Die Menschen, die wie Rahabs Familie vor den Stadtmauern Jerichos wohnen, kommen jetzt entsetzt zur Stadt gelaufen, und am Tor entsteht Gedränge und Panik, Rahab sieht, wie ihre Mutter sich verzweifelt abmüht, einige Bündel mitzuschleppen, und ist wütend, dass sie sie nicht einfach fallenlässt. Aber schließlich findet sich doch ihre gesamte Familie in ihrem Haus ein. Rahabs Vater ist entsetzt: „‚So etwas hätte ich mir in meinen wildesten Träumen nicht vorstellen können.‘ Er ballte die Fäuste, sein ganzer Körper steif vor Angst. ‚Noch nie habe ich solch einen furchtbaren Gott gesehen!'“ (S. 181) Rahab beruhigt ihn wieder.

Doch noch geht es nicht mit der Eroberung los. Im Lager der Israeliten werden erst noch alle Männer und Jungen beschnitten, die während der Zeit in der Wüste geboren sind. (Vgl. Jos 5,4-6: „Josua nahm die Beschneidung vor, weil das ganze Volk, das aus Ägypten ausgezogen war, das heißt die Männer, alle Krieger, nach ihrem Auszug aus Ägypten auf dem Weg durch die Wüste gestorben waren. Als das Volk auszog, waren alle beschnitten. Alle aber, die nach dem Auszug aus Ägypten unterwegs in der Wüste geboren wurden, hatte man nicht beschnitten. Denn vierzig Jahre lang wanderten die Israeliten durch die Wüste.“) Und dann wird noch das Passahfest gefeiert; Salmon feiert mit seinen Geschwistern. Sein Bruder Aminadab erzählt den Kindern die Geschichte vom Auszug aus Ägypten und daraus ergibt sich ein Streit über Rahab:

„‚Ganz Ägypten wurde schwer geschlagen, weil das Herz des Pharaos verhärtet war‘, erklärte Aminadab. ‚Er hatte weder Erbarmen mit Israel noch mit seinem eigenen Volk.‘

‚Einige von ihnen sind mit uns gezogen‘, warf Naschon ein.

Aminadabs Augen blitzten. ‚Ja, aber die meisten starben in der Wüste, weil sie ihre Götzen nicht aufgeben konnten.‘ Er sah Salmon an. ‚Sie führen unser Volk in die Irre.‘

‚Salmon errötete heftig. Alle im Raum hatten von Rahab gehört. ‚Unser eigenes Herz ist es, das uns in die Irre führt‘ sagte er leise. ‚Gott sagt: ‚Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.‘

‚Ich kenne das Gesetz‘, sagte Aminadab.

‚Rahab kennt nicht den Buchstaben des Gesetzes, aber sie gehorcht ihm dennoch, weil ihr Herz Gott erkannt hat.‘

Amindadab ließ sich nicht besänftigen. ‚Es ist nicht gut, wenn wir Fremde unter uns haben. Sie bringen ihre falschen Götter mit und verursachen Unruhe!‘

‚Das stimmt‘, sagte Salmon. ‚Aber wenn sie ihre falschen Götter ablegen und den Herrn lieben, sind sie keine Fremden mehr.‘

Aminadabs Augen blitzten wieder. ‚Und wie willst du wissen, ob sie es ehrlich meint? Wie kannst du einer Frau glauben, die sich anderen Göttern hingegeben hat – ganz zu schweigen von anderen Männern?‘

‚Wer?‘ meldete sich ein Kind, doch niemand reagierte.

‚So wie unsere Väter und Mütter sich dem Goldenen Kalb hingegeben haben?‘ Salmon hatte jetzt Mühe, seinen Zorn zu zügeln. ‚Du vergisst ja schnell unsere eigene Schwäche und siehst nur die der anderen, die nicht den Segen der Gegenwart Gottes gehabt haben!'“ (S. 191f.)

Blitzende Augen. Das ist so eine dieser Phrasen aus dem Standartrepertoire von Romanautoren, die ich gerne verschwinden lassen würde. Wie soll ’n das aussehen, Augen sind keine Blitzgeräte.

Aminadab behauptet, Rahab am Leben zu lassen wäre eine Gefahr für sie, während Salmon weiter darauf besteht, dass Gott Rahab retten wolle und auch die Israeliten Seiner Gnade und Auserwählung nicht würdig gewesen seien. Der Herr hat uns errettet. Der Herr hat uns zu seinem Volk gemacht. Unsere Erlösung gründet nicht darauf, wer wir sind, sondern darauf, wer er ist.“ (S. 193) Mrs. Rivers sollte wirklich lieber Predigten als Romane schreiben, die Rhetorik passt schon mal. (Ehrlich, für eine Sonntagspredigt in der Kirche wäre das kein schlechter Anfang.)

In der Zwischenzeit bei Rahab. Rahab zerstört eine tönerne Götterfigur, die ihre Schwester Hagri mit in ihr Haus gebracht hat und predigt ihr wütend, dass diese keine Macht habe.

„‚Wenn dieses Ding Macht hätte, hätte es sich dann von mir aus dem Fenster werfen lassen? Benutze doch mal deinen Kopf, Hagri. Glaubst du im Ernst, so ein Götze kann uns etwas antun? Das ist eine Tonfigur, sonst nichts. Es gibt nur einen Gott, und er ist der Gott des Himmels und der Erde. Der Gott, der vor ein paar Tagen den Jordan zurückgedrängt hat! Hast du das so schnell vergessen? Wirf dich vor ihm nieder!‘

Ihre Eltern und Geschwister standen da und starrten sie mit offenem Mund an. Sie war so wütend, dass sie zitterte, aber sie merkte, dass sie mit Schreien nichts erreichen würde.

 Sie zwang sich, ruhiger zu sprechen. ‚Unsere einzige Hoffnung ist der Gott der Hebräer. Wir müssen uns von allem trennen, was ihn beleidigt. Habt ihr noch andere Götzenfiguren dabei?‘ Sie sahen sie stumm an, und sie platzte fast. ‚Kommt, zeigt mir alles! Zeigt mir, was für Scheußlichkeiten ihr noch mit in mein Haus gebracht habt!‘

Sie begannen zögernd, ihre Sachen hervorzuholen. Waheb, Hagris Mann, legte einen mit Ton gefüllten Totenschädel, in dessen Augenhöhlen Muschelschalen lagen, auf den Tisch. ‚Mein Vater‘, erklärte er. ‚Er war ein weiser Mann.‘

‚Weise und tot.‘

‚Unsere Ahnen geben uns Hilfe und Rat!‘

‚Wozu? Damit wir so werden wie sie? Glaubst du, dieser Totenschädel voll Dreck kann dir sagen, wie du dem kommenden Gericht entfliehen kannst? Wirf ihn weg!‘

‚Das ist mein Vater!‘

‚Dein Vater ist tot, Waheb. Warum habt ihr seinen Kopf nicht mit ihm begraben?'“ (S. 184f.)

Rahab droht schließlich sogar, Waheb und seine Familie hinauszuwerfen, wenn sie den Schädel nicht zerstören, und weist noch einmal auf das echte göttliche Wunder am Jordan hin, das sie gesehen haben. Schließlich gibt Waheb nach, und Rahabs Vater bringt dann auch noch seine Frau dazu, den Götzenschrein und die Ahnenschädel, die sie mitgebracht hat – das war in den schweren Bündeln – auszupacken.

„Rahab schauderte. Sie erinnerte sich noch gut daran, welche Angst die Totenschädel ihrer Ahnen mit ihren leeren Augen ihr als Kind eingejagt hatten. Sie hatten einen Ehrenplatz in der Hütte ihres Vaters gehabt – gruselige Erinnerungen an vergangene Generationen.

‚Können wir nicht wenigstens den Schrein behalten?‘ fragte ihre Mutter.

‚Warum?‘, sagte Rahab.

‚Er ist kostbar. Dies ist Elfenbein, und diese Steine hier…'“ (S. 187)

Äh, was? Ich dachte, das soll eine arme Bauernfamilie sein. Rahab jedenfalls schert sich nicht um das Elfenbein, das ihre Familie unlogischerweise besitzt:

„‚Er würde uns nur an die Götzen erinnern, die darin gewesen sind.‘

Ihr Vater warf den Schrein aus dem Fenster hinaus. Er prallte auf, und die steinerne Statue in ihm rollte heraus und den Wall hinunter. Als Nächstes warf ihr Vater die Schädel hinunter. Einer nach dem anderen krachten sie auf die Steine.“ (Ebd.)

Während Rahabs Gleichgültigkeit gegenüber irdischen Kostbarkeiten ja sehr lobenswert ist und Nekromantie jetzt auch nicht gerade toll ist, ist das hier trotzdem schlicht und ergreifend Leichenschändung. Wieso die Schädel nicht im Hinterhof begraben, oder so? Wahebs Instinkt, seinen toten Vater ehren zu wollen, indem er die Leiche ehrt, ist eben gerade nicht falsch, sondern sehr richtig; erst dann, wenn man Leichenteile als Glücksbringer verwendet oder Totengeister zur Zukunftsweissagung heraufbeschwören will (wie das etwa Saul in 1 Sam 28 tut), wird es falsch. Mrs. Rivers, die als Christin schon die Hoffnung auf die Auferstehung des Leibes kennen sollte, sollte das eigentlich sehr genau wissen, und selbst in alttestamentlichen Zeiten, als man diese Hoffnung noch nicht hatte, wusste man, dass ein Körper nicht einfach nur eine wertlose äußere Hülle für die Seele war (wie einige spätere griechische Philosophen glaubten), sondern wirklich zu einem Menschen gehörte und Achtung verdiente.

Aber gut. Protestanten haben ja ein seltsames Verhältnis zu den Toten. Sie halten es ja auch jetzt noch für Nekromantie, Seelen im Himmel um ihre Fürsprache bei Gott zu bitten, und das nach dem Abstieg Christi ins Totenreich und der Befreiung der Seelen aus demselben.

(Christliche Eschatologie ist ein bisschen komplizierter als „nach dem Tod ist die Seele im Himmel“, ja.)

Auch Rahab spürt, wie Salmon, eine Sehnsucht nach Reinigung von Schuld: „Was hatte sie nicht alles für unsichtbare Götzen und Talismane gehabt  ihr Streben nach Geld und Sicherheit; ihre Fähigkeit, innerlich aus ihrem Körper herauszutreten, während unzählige Männer ihn benutzten; ihre Bereitschaft, einem König zu dienen, der sein Volk als seinen persönlichen Besitz betrachtete. Oh, wenn sie nur noch einmal von vorn anfangen, ein neues Geschöpf werden könnte! Wenn sie nur gereinigt werden könnte von all dem Schmutz, sodass sie in Dankbarkeit und ohne Scham vor diesem Gott niederfallen konnte!“ (Ebd.)

Sie und ihre Familie hören die Geräusche des Festes aus dem Lager der Israeliten, und während der Angriff noch auf sich warten lässt, werden Rahabs Angehörige nervös. Ob die Israeliten überhaupt angreifen werden, nachdem sie die Mauern gesehen haben? Oder sollten sie vielleicht doch versuchen, aus der Stadt zu fliehen, bevor der Angriff kommt? Rahabs Mutter regt sich darüber auf, dass Rahab ständig über Gott redet. Alle sind eben nervös und hocken zu eng aufeinander. Spannenderes passiert bei ihnen dann auch nicht mehr. Tatsächlich hätte man in die Geschichte – deren Ende die Leserinnen ja eh schon kennen – an dieser Stelle noch ein bisschen zusätzliche Spannung bringen können, z. B. indem ein Mann der Stadtwache entdeckt, dass Rahabs Familie Götterstatuen zerstört hat und sie für diesen gefährlichen Frevel beim König anzeigt; oder der König Rahabs männliche Angehörige auf die Stadtmauern holen will, damit sie bei der Verteidigung Jerichos helfen; oder der König Rahab das Angebot schickt, während der Belagerung in seinen Palast zu kommen, damit sie dort sicherer ist; oder oder oder… Aber gut, das wäre vielleicht auch etwas viel dichterische Freiheit.

Wir bekommen noch eine kurze Szene, die auf folgender Bibelstelle beruht: „Als Josua bei Jericho war und die Augen erhob, schaute er und siehe: Ein Mann stand vor ihm, mit einem gezückten Schwert in der Hand. Josua ging auf ihn zu und fragte ihn: Gehörst du zu uns oder zu unseren Feinden? Er antwortete: Nein, ich bin der Anführer des Heeres des HERRN. Ich bin soeben gekommen. Da fiel Josua auf sein Angesicht zur Erde nieder, um ihm zu huldigen, und fragte ihn: Was befiehlt mein Herr seinem Knecht? Der Anführer des Heeres des HERRN antwortete Josua: Zieh deine Schuhe aus; denn der Ort, wo du stehst, ist heilig. Und Josua tat es.“ (Jos 5,13-15)

Rahab sieht beim ersten Morgenlicht aus dem Fenster und sieht einen alten Mann – Josua -, der seltsamerweise „[i]n Bogenschützenreichweite von der Stadtmauer“ steht, und dann, als sie ein zweites Mal hinsieht, einen jüngeren Mann, einen Soldaten, bei ihm. Sie beobachtet, wie Josua niederfällt und seine Schuhe auszieht. Nachdem sie kurz vom Fenster weggegangen ist, um ihren Bruder Mizraim zu holen, ist der jüngere Mann wieder fort, als sie zurückkehrt, und der alte kehrt ins israelitische Lager zurück. Sie ahnt, dass es nun losgehen wird mit der Eroberung.

Im nächsten Kapitel ist es dann tatsächlich allmählich so weit. Die Israeliten ziehen, wie ihnen geboten wurde, schweigend und die sieben Widderhörner blasend mit der Bundeslade um Jericho. Rahab hat schon davon gehört, was die Bundeslade ist, und erklärt es ihrer Familie – und auch, dass man Gott nicht beherrschen könnte, indem man die Bundeslade erbeuten würde, weil Gott sich nicht darin einsperren ließe. Wie schon mal gesagt: Wenn die Leute sich öfter so akkurates theologisches Wissen durch Hörensagen erwerben würden, wäre es wirklich schön. Zum Erstaunen der Bewohner Jerichos ziehen die Israeliten wieder ab, nachdem sie die Stadt umrundet haben.

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(James Tissot, The Seven Trumpets of Jericho, Gemeinfrei.)

„‚Sie gehen wieder! Sie gehen wieder!‘, kamen die Schreie von der Mauer, als die israelitische Armee zurück in die Ebene marschierte. Die Soldaten Jerichos riefen und lachten und johlten.

Rahab zuckte zusammen, als sie die Spottrufe hörte, mit denen sie die fortmarschierende Armee und ihren Gott bedachten. Wussten diese Männer nicht, dass sie ihre Eroberer verspotteten? Sie hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Wie sie sich schämte über ihr Volk, über seinen Hochmut, über seine Verachtung vor dem allmächtigen Gott. Wenn sie nur ein bisschen Verstand gehabt hätten, sie hätten Boten mit Geschenken zu den Israeliten geschickt! Der König selbst wäre hinausgegangen, um dem Gott Israels seine Aufwartungen [sic] zu machen! Das Volk hätte die Tore Jerichos geöffnet und den Herrn des Himmels und der Welt willkommen geheißen. Doch stattdessen hatten diese stolzen, dummen Menschen die Stadt verriegelt und verrammelt und zu einem Grab gemacht.“ (S. 200)

Nun ja. Ich will jetzt wirklich nicht die Jerichoaner zu den Guten erklären – für die Gründe siehe den ersten Teil dieser Rezension – aber aus ihrer Sicht ist es doch nicht unlogisch, dass sie noch hoffen, dass ihre Götter doch noch etwas gegen diesen israelitischen Gott ausrichten werden, auch wenn der gerade erst den Jordan aufgehalten hat, und dass sie sich nicht einfach ihren Feinden ergeben wollen. Sie sind, wie gesagt, nicht die Guten der Geschichte, aber sie handeln auch nicht uneingeschränkt frei. (An dieser Stelle nochmal ein allgemeiner Aufruf zu einem Ave Maria für Jerichos Tote.)

Rahabs Familie meint zuerst wie alle anderen, die Israeliten würden nun endgültig abziehen, doch Rahab wankt nicht in ihrer Überzeugung, dass sie zurückkehren würden.

Und natürlich kehren sie an den nächsten Tagen zurück und marschieren wieder und wieder um die Stadt. Hier bekommen wir wieder Salmons Perspektive, der mitmarschiert, zu Rahabs Fenster hinaufsieht und sehnsüchtig und besorgt an sie denkt, während die Soldaten Jerichos die israelitische Armee verspotten. Und dann kommt am siebten Tag ein anderer Marschbefehl als zuvor:

„Heute also würde der Kampf beginnen. Heute würde er sich einen Weg in die Stadt bahnen, Rahab finden und sie und die Ihren in Sicherheit bringen, bevor das Gericht über sie kam.

Denn heute würde Jericho fallen!“ (S. 205)

Diesmal ziehen die Israeliten nicht nur ein, sondern sieben Mal um die Stadt. Rahab ist aufgeregt, als sie merkt, dass sie nicht nach einer Runde wieder abziehen, und fordert ihre Familie auf, sich festlich anzuziehen. „Sollten wir unsere Befreier mit staubigen Gesichtern und schmutzigen Kleidern begrüßen? […] Heute ist der Tag unserer Erlösung!“ (S. 206) Echt jetzt. Dass an diesem Tag all ihre Nachbarn der Tod erwartet, scheint Rahab inzwischen nicht mehr zu kümmern.

Es geht mir hier nicht um Schuld oder Verbrechen. Das ist – siehe Teil a – ein komplizierteres Thema. Aber sie scheint all das nicht einmal als etwas Tragisches, Betrauernswertes zu sehen. Ich nehme es den Russen, die im 2. Weltkrieg meinen Großonkel getötet haben, auch nicht übel, was sie getan haben – sie haben einen gerechten Verteidigungskrieg geführt –, aber trotzdem kann ich es schlimm finden.

Die Reaktion von Rahabs Familie? Stöhnen und genervte Hinweise darauf, dass sie das auch schon die vorigen Tage gesagt habe. Auch hier keine Trauer.

Wir sind wieder draußen bei den Israeliten. Josua befiehlt, nach der siebten Runde ein Kampfgeschrei zu erheben, die Stadt zu stürmen und als Opfer für den Herrn völlig zu zerstören, nur die metallenen Geräte in den Schatz des Herrn zu bringen und die Dirne Rahab zu verschonen. Die Mauern stürzen ein, wie wir alle wissen, nachdem sie das Kriegsgeschrei erhoben haben, und die Israeliten erstürmen die Stadt.

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(James Tissot, The Taking of Jericho, Gemeinfrei.)

Rahab verliert auch jetzt, wo ihr  halbes Haus einstürzt, nicht den Mut. „‚Stellt euch alle hinter mich, schnell!‘, schrie sie über den Lärm hinweg. ‚Habt keine Angst, steht fest!'“ (S. 208)

Josua schickt Salmon und Ephraim zu  Rahabs Haus:

„Er sprang über die Trümmer, das Schwert in der Hand, und machte einen gegnerischen Soldaten nieder, der versuchte, der entfesselten Gottesarmee zu entkommen. […] Er trat durch die Öffnung in der Mauer. Ja, da stand sie und hinter ihr über ein Dutzend weiterer Menschen. Ihre Arme waren ausgestreckt, als wolle sie ihre Familie beschirmen. Ihr schönes Gesicht war blass, aber ihre Augen leuchteten.“ (S. 208f.)

Salmon und Ephraim bringen alle schnell aus der Stadt, wobei wir einen flüchtigen Eindruck von dem Chaos bekommen, das dort herrscht. („Gegenüber auf der Straße brannte ein Haus. Die Leichen von Rahabs Nachbarn lagen in der Tür. Aus dem Stadtzentrum kamen Schreie.“ (S. 209)) Jericho geht in Flammen auf, während Rahabs Familie zu einem Platz außerhalb des israelitischen Lagers gebracht wird.

„Rahab saß zitternd da, die Knie an die Brust gezogen. Erschöpfung, Erleichterung über ihre Rettung und eine abgrundtiefe Traurigkeit stritten in ihr. All diese Menschen – tot, weil sie ihr Vertrauen auf von Menschen errichtete Mauern gesetzt hatten und nicht auf den lebendigen Gott, der die Steine geschaffen hatte. Die Geschichten über Israel hatten sie doch genauso gehört wie sie. Warum hatten sie nur nicht glauben wollen? […]

Rahab ließ ihren Kopf auf die Knie sinken. Sie wollte nicht, dass Salmon oder Ephraim ihre Tränen sahen. Womöglich würden sie sie falsch verstehen und denken, dass sie über die gefallene Stadt trauerte oder nicht dankbar war, dass sie ihren Eid gehalten hatten. Ihr Herz war voll Dankbarkeit gegenüber Gott, dem Herrn des Himmels und der Erde, der diese Menschen an ihr Versprechen gebunden hatte. Sie und alle ihre Lieben waren am Leben und in Sicherheit.

Aber sie hatte auf mehr gehofft. Oh, auf so viel mehr.“ (S. 210f.)

Ihre Familie ist froh um ihre Rettung und ihr Vater dankt Rahab für ihre Weisheit, aber:

„Keiner ihrer Angehörigen würde ihren Schmerz verstehen. Selbst jetzt, nach allem, was sie gehört und gesehen hatten, teilten sie nicht ihren Glauben und die Sehnsucht ihres Herzens nach Gott. […]

Ihre Schultern bebten; sie schlug die Hände vor den Mund, um ihr Schluchzen zu unterdrücken.

‚Weinst du um die Gefallenen, Rahab?‘

‚Nein‘, sagte sie rau.

Sie weinte, weil ihr Traum, dem wahren Gott nachzufolgen, dabei war, zu Staub zu zerfallen. Sie hatten sie nicht mitgenommen in das Lager Israels.“ (S. 212)

Am nächsten Tag kommen aus dem Lager der Israeliten Josua, Salmon und Ephraim zu ihnen. Hier stellt sich heraus, dass Rahabs Vater Abjasaf Josua schon einmal gesehen hat – vor vierzig Jahre, als der in Moses‘ Auftrag das Land erkundet hat.

„‚Du und ich, wir sind uns vor vielen Jahren hier in diesem Palmenhain begegnet‘, sagte Rahabs Vater. ‚Ich wusste, dass du wiederkommen würdest.‘

‚Ich erinnere mich an dich, Abjasaf.'“ (S. 213)

Mehr erfährt man seltsamerweise nicht über diese Begegnung; man würde glauben, dass die Autorin noch die Gelegenheit nutzen möchte, mehr aus der Figur von Rahabs Vater oder der von Josua zu machen, aber das tut sie nicht.

(Ich habe keine Bibelstelle gefunden, auf der diese Geschichte beruhen könnte. In Numeri 13 steht nichts dergleichen.)

Josua garantiert für ihr Leben und fragt, wohin sie gehen wollen; Abjasaf sagt, wenn sie es sich aussuchen könnten, würden sie gern in ihr altes Haus außerhalb der zerstörten Stadt zurückkehren.

In der Bibel heißt es hier bloß: „Da gingen die jungen Männer, die Kundschafter, und holten Rahab, ihren Vater, ihre Mutter, ihre Brüder und alles, was ihr gehörte; sie führten ihre ganze Verwandtschaft heraus und wiesen ihnen einen Platz außerhalb des Lagers Israels an. Die Stadt aber und alles, was darin war, brannte man nieder; nur das Silber und Gold und die Geräte aus Bronze und Eisen brachte man in den Schatz im Haus des HERRN. Die Dirne Rahab und die Familie ihres Vaters und alles, was ihr gehörte, ließ Josua am Leben. So wohnt ihre Familie bis heute mitten in Israel; denn Rahab hatte die Boten versteckt, die Josua ausgesandt hatte, um Jericho auskundschaften zu lassen.“ (Jos 6,23-25)

Aber weil Rahab ja mit Salmon zusammenkommen muss, lässt Mrs. Rivers sie jetzt noch Josua darum bitten, ins Volk Israel aufgenommen zu werden. Josua sagt zunächst nur „Wenn Rahab hierbleiben will, so darf sie das tun“ (S. 215), nimmt sie aber nicht ins Lager mit.

The Bible panorama, or The Holy Scriptures in picture and story (1891) (14598251719).jpg

(Illustration von 1891, die Rahab, ihre Familie, Josua und die israelitischen Krieger nach der Eroberung Jerichos zeigt. Gemeinfrei.)

Rahab streitet sich noch mit ihrer Familie, bevor diese abzieht; ihr Vater sagt, der Gott, der Jericho zerstört habe, sei nicht der ihrige, und gerade einem so mächtigen Gott gehe man lieber aus dem Weg. Hier wird es interessant. Mrs. Rivers hat sich ja bisher kaum mit der Tatsache aufgehalten, dass „dieser Gott ist ein wirklicher, mächtiger Gott, mit dem wir rechnen müssen“ für die Leute damals nicht automatisch hieß „dieser Gott ist ein guter Gott, dem wir nahe sein wollen“. Aber auch hier scheint sie keine wirkliche Antwort darauf zu haben. Rahab führt nichts in Bezug auf Gottes Güte und Gerechtigkeit an – spricht nicht über seine gerechten Gebote und Gesetze, seine Liebe zu den Armen und Versklavten (gerade die Bücher Exodus und Deuteronomium gäben da ja einiges an Stoff her) -, sondern fragt nur:

„‚Und wie willst du das machen, Vater? Wo kannst du dich vor ihm verstecken?‘

Er sah einen Augenblick unsicher aus, dann sagte er. ‚Wir werden still für uns unter den Palmen wohnen, wie Josua es uns erlaubt hat. Wir werden uns abseits halten und die Israeliten nicht stören. Auf diese Weise werden wir Frieden haben mit dem Volk Israel und mit seinem Gott.“ (S. 216f.)

Abjasaf tut mir irgendwie leid.

Während ihre Familie abzieht, lässt Josua Rahab noch einige Tage vor dem Lager warten. Als sie vier Tage lang treu dort ausharrt, darf Salmon schließlich zu ihr gehen. Er wechselt nur wenige Worte mit ihr – wobei sie ihre Entschlossenheit deutlich macht, bei den Israeliten zu bleiben -, bevor er ihr seinen  Heiratsantrag macht. Sie ist zuerst ganz verdattert: Was, dieser junge Mann will ausgerechnet eine Hure heiraten? Sie lehnt zunächst ab und sagt ihm, in ein paar Tagen werde er froh darüber sein. Aber er lässt nicht locker:

„Als ich dich das erste Mal in der Mauer von Jericho sah, sah ich nur eine Hure. Aber als ich in dein Haus kam und du mit uns geredet hast, da sah ich, was du wirklich bist – eine Frau voller Weisheit, eine Frau, die des Ruhmes würdig ist. […] Von dem Augenblick an, in dem du deinen Glauben an Gott erklärt hast, habe ich dich geliebt.“ (S. 219)

Rosamunde Pilcher auf Evangelikal. – Salmon wird sogar zum Propheten:

„Von dir werden Propheten kommen… wer weiß, vielleicht sogar der Messias.“ (S. 219f.)

Rahab ist überwältigt:„Sie schluckte, sprachlos vor der Güte Gottes. Erst hatte er ihr das Leben gerettet, und jetzt schenkte er ihr einen Mann Gottes als Ehemann. Einen Ehemann! Das hätte sie sich nie träumen lassen.“ (S. 220) Und so endet das Buch. „Salmon hob ihr Bündel auf, nahm ihre Hand und führte sie nach Hause.“ (S. 221)

Was die Botschaften des Buches angeht, so ist außer einer etwas verworrenen Vorstellung davon, was Gottvertrauen eigentlich bedeutet (wieviel Vorausplanung und Eigeninitiative ist jetzt noch gleich Sünde?) nicht viel Schlimmes dabei. Na gut: Die wirklich schlimm stereotype Liebe auf den ersten Blick. Die zwei sehen gewisse Anzeichen dafür, dass die jeweils andere Person gläubig ist, finden sie attraktiv, und mehr müssen sie nicht voneinander wissen. Es ist mir wirklich schleierhaft, wieso die Autorin sich die zwei nicht nach der Eroberung Jerichos erst mal richtig kennenlernen gelassen hat.

Im nächsten Teil zu Ruth.

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