Wie man Rechtsextreme und Fundikatholiken unterscheidet: Eine Handreichung für die Uneingeweihten

Ich habe in letzter Zeit einmal zu oft die scheinbar gleichbedeutend aneinandergereihten Wörter „rechtsextrem“, „extremkatholisch“, „traditionalistisch-katholisch“, „religiös-fundamentalistisch“, „rechtsradikal“, „rechtskatholisch“, „rechts-fundamentalisch“ usw. gelesen. Gerade gewisse Linke, die es als den Sinn ihres Lebens zu betrachten scheinen, „gegen rechts“ zu sein, können die Rechten, gegen die sie sind, und die religiösen Fundamentalisten, gegen die sie auch sind, nicht immer so ganz auseinanderhalten – oder sind einfach nicht gewillt, das zu tun.

Aber gut: Der durchschnittliche Linksaktivist oder auch bloß der normale Weder-Katholik-noch-Rechte, der dessen Kitabroschüren liest, kennt sich vielleicht einfach zu wenig aus, um eine sinnvolle Unterscheidung zwischen Radikalkatholiken und Rechtsextremen treffen zu können. Ich will gerade besagten Linken nicht dazu bringen, die katholische Seite zu mögen. Ihr könnt Adenauer genauso hassen wie Bismarck oder wie Hitler, ihr solltet nur merken, dass die sich untereinander auch nicht grün waren und ganz unterschiedliche Dinge geglaubt haben. Lernt eure Feinde zu unterscheiden und verwendet Begriffe korrekt. Also hier mal an ganz konkreten Beispielen erklärt: Wie unterscheide ich den Extremkatholiken vom typischen Vertreter der mehr massentauglichen Neuen Rechten, und vom richtigen Neonazi?

(Anmerkung: Ich kenne mich offensichtlich auf der radikalkatholischen Seite besser aus als bei Rechten und da noch besser als bei Nazis.)

File:Donareiche2.jpg Hermannsdenkmal beigealert 06.jpg 

(Bonifatius fällt die Donareiche)  –  (Hermannsdenkmal)  –  (Naziversammlung)*

 

Verhalten in der derzeitigen Saison:

Der Radikalkatholik stellt klar, dass wir jetzt erst Advent haben und die Weihnachtszeit erst am Heiligabend beginnt und dann bis Mariä Lichtmess dauert, legt Wert darauf, seinen vier oder fünf Kindern Schokoladennikoläuse statt Schokoladenweihnachtsmänner zu kaufen und erzählt gern davon, wie der hl. Nikolaus auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 einen Ketzer geohrfeigt hat. (Nein, das ist kein Scherz, sondern sogar schon ein alter Hut unter Radikalkatholiken.) Zentraler Bestandteil des Weihnachtsfests ist die Christmette, und auch an den Tagen danach geht man in die Kirche, um den gesteinigten Erzmärtyrer Stephanus und die Heilige Familie und die von Herodes ermordeten Heiligen Unschuldigen Kinder zu feiern.

Der Vertreter der Neuen Rechten hat so einiges über die früher nicht notwendigen Betonpoller beim Weihnachtsmarkt zu sagen, und auch darüber, wenn die Erzieherinnen in der Kita seiner zwei Kinder meinen, aus Rücksicht auf die muslimischen Kinder sollte man den Nikolaus nicht kommen lassen. Vielleicht geht er an Weihnachten in die Kirche, weil das Familientradition ist, und befürchtet dabei, dass der Pfarrer über Flüchtlinge predigen könnte.

Der Neonazi teilt vor Weihnachten gern Artikel mit wirren, von Historikern lange widerlegten Theorien aus dem 19. Jahrhundert darüber, dass das Fest ja eigentlich auf germanische Winterbräuche zurückgehe, und feiert stattdessen das Julfest.

 

Lieblingsdemo:

Radikalkatholik: Marsch für das Leben, Demo für alle. (D. h. gegen Abtreibung, Sterbehilfe, bestimmte Formen der Sexualpädagogik.)

Vertreter der Neuen Rechten: Pegida etc. (D. h. gegen Merkel und Migration.)

Neonazi: Rudolf-Heß-Gedenkmarsch.

(Marsch für das Leben. Bildquelle hier.)

 

Einstellung zu Afrika und Afrikanern:

Der Radikalkatholik beklagt „ideologischen Neokolonialismus“, womit er meint, dass westliche NGOs die westliche Kinderfeindlichkeit nach Afrika exportieren; wünscht sich einen Afrikaner als nächsten Papst, am liebsten Kardinal Robert Sarah (derzeitiger Präfekt der Gottesdienstkongregation); und teilt es in den sozialen Medien, wenn irgendein afrikanischer Bischof was gegen homosexuelle Handlungen gesagt hat (ja, der Begriff hat „homosexuelle Handlungen“, nicht „Homosexualität“ zu heißen – Radikalkatholiken legen sehr großen Wert darauf, zwischen homosexueller Neigung, die man sich nicht aussuchen kann, und homosexuellen Handlungen, die man trotzdem nicht begehen soll, zu unterscheiden). Das bedeutet nicht, dass der Radikalkatholik automatisch für die verstärkte Einwanderung von Afrikanern wäre oder sich auch nur viele Gedanken zu dem Thema gemacht hat; aber die Kirche in Afrika wird manchmal sogar ein bisschen zu stark idealisiert (klar sind die Leute da christlicher als bei uns hier, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren, aber sie hat dort auch ihre eigenen Probleme).

Der Vertreter der Neuen Rechten äußert sich äußerst verächtlich darüber, wie viele Kinder die Afrikaner bekommen und meint, die NGOs in Afrika sollten noch deutlich mehr für Abtreibung und Verhütung werben; und teilt auch gerne Studien von Rassentheoretikern, wonach Schwarze weniger intelligent wären als „Kaukasier“ (Weiße) und Asiaten. Er ist misstrauisch, wenn Beziehungen von nichtweißen Männern und weißen Frauen positiv dargestellt werden – der nicht so radikale Rechte aus eher kulturellen Gründen und durchaus auch echter Besorgnis um die Frauen; der radikalere Rechte hat so seine recht unappetitlichen Theorien darüber, warum weiße Frauen Beziehungen mit schwarzen Männern eingehen würden und sorgt sich eher darum, dass die weißen Männer leer ausgehen könnten.

Das trifft auch auf den Neonazi zu, der solche Beziehungen schlicht „Rassenschande“ nennt, klarer white supremacist ist und den Afrikanern auch mal Hakenkreuze an die Hauswand schmiert.

(Die letzte Chartres-Wallfahrt, so eine radikal-katholische Veranstaltung, mit Kardinal Sarah. Bildquelle hier.)

 

Einstellung zum Feminismus:

Die bewegt sich unter Radikalkatholiken zwischen „Es ist ja nicht alles schlecht am Feminismus“ und „Ich will sofort das Patriarchat zurück“ – wobei sich beide Thesen gut ergänzen, wenn man das Patriarchat entsprechend definiert. Die radikalkatholische Idee vom Patriarchat entspricht am ehesten dem, was Feministen als „benevolent sexism“ bezeichnen. Und, surprise, surprise, die rabiatesten Antifeministen sind bei uns immer Frauen. Da werden dann die typisch weiblichen Dinge, wie das Kinderkriegen gegenüber dem Feminismus, der nicht viel mit ihnen anfangen kann, besonders gepriesen. Die Hausfrau-und-Alleinverdiener-Ehe ist meistens das Ideal, zumindest wenn kleine Kinder da sind, wobei andere Formen des Familienlebens nicht generell abgelehnt werden. Man reagiert jedenfalls ziemlich allergisch auf die Herabwürdigung des Hausfrau-und-Mutter-Jobs. Ein Recht auf Abtreibung wird absolut abgelehnt und auch als schädlich für die Frauen selbst gesehen.

Unter Vertretern der Neuen Rechten ist man nicht ganz so streng in Bezug auf Abtreibung, macht dafür aber den Feminismus noch deutlicher verächtlich, da man überzeugt ist, dass er die Frauen verdirbt und zu Hexen macht, die übermäßig anspruchsvoll sind und bei sexueller Belästigung gleich total empfindlich, und die doch eh keiner mehr ficken will. (Gut – hier sollte man auch sagen, dass der gutbürgerliche Rechte, der Familie hat, anders reden wird als der neurechte junge Mann, der keine hat.) Während Radikalkatholiken Wert auf Schamhaftigkeit und Respekt und Ritterlichkeit legen, hält man unter Rechten Bikiniwerbung für eine große Errungenschaft der freiheitlichen westlichen Zivilisation – jedenfalls seitdem die Feministinnen der jüngsten Generation sie für sexistisch und muslimische Einwanderer sie für sittenlos erklärt haben. Wenn eine linke oder grüne Politikerin etwas Dämliches sagt, kann es schon mal vorkommen, dass die unhöflicheren Rechten ihr wünschen, sie möge doch vergewaltigt werden. (Unhöfliche Katholiken kennen andere Beschimpfungen. Bei uns nennt man bestimmte Ideen oder Geschehnisse „satanisch“ usw.)

Dann gibt es auch gewisse Gruppen, die politisch auch in die rechte Ecke eingeordnet werden können, sich aber vor allem auf ihre Frauenfeindlichkeit und nicht so sehr auf Migration u. Ä. konzentrieren, und in der politisch rechten Szene nicht so zentral sind. Die MGTOW-ler, Incels etc. glauben, sie hätten ein Recht auf Sex, regen sich über „thots“ und „stacys“ auf, die ihnen das nicht gewähren, anderen Männern aber schon, und sehen Frauen so ziemlich als Tiere an, die man sich mit Tricks gefügig machen und in der Abhängigkeit halten müsse; vor allem sollen sie einen für einen alpha male statt einen beta male halten. Das katholische Vorbild für Männer, den hl. Joseph (der sich um Frau und Pflegekind gekümmert hat, ohne jemals Sex von der Frau dafür zu bekommen), würden sie sofort verächtlich bei den beta males einordnen. Auch hier sieht man typisch rechtsextreme Merkmale: Das Denken in den Kategorien von Kampf und Konkurrenz, die Verachtung von Schwäche, der Glaube an eine biologische Determiniertheit von Verhaltensweisen, die Unfähigkeit, zu glauben, dass Menschen einfach so Gutes tun könnten, ohne etwas davon zu haben. Christliche Fundamentalisten lehnen diese Merkmale absolut ab.

(Hl. Josef mit dem Jesusknaben, von Caspar Jele. Gemeinfrei.)

Soweit ich weiß, bewegt sich die Nazisicht zwischen der standardmäßigen rechten und der Incel-Sicht. Der historische Nationalsozialismus hatte ja schon einen Platz für die starke arische nichtfeministische Frau, die an der Heimatfront viele Kinder bekommt, an dem sie respektiert wurde; anders als die Incels, die so etwas gar nicht haben; und wie Beate Zschäpe zeigt, haben wir ja auch heute noch weibliche Nazis.

 

Lieblingsschriftsteller bei den Intellektuelleren (Auswahl) :

Radikalkatholik: Joseph Ratzinger, Robert Spaemann, G. K. Chesterton, Hillaire Belloc, C. S. Lewis, Gertrud von Le Fort, Evelyn Waugh, Flannery O’Connor, Dorothy Day…

Vertreter der Neuen Rechten: Friedrich Nietzsche, Martin Lichtmesz, Ernst Jünger

Neonazi: Weiß nicht genau, vermutlich der Adolf und so?

 

Eigene religiöse Einstellung:

Radikalkatholik: Unser Herr Jesus Christus ist Gottes Sohn und hat die katholische Kirche eingesetzt. Man ist Teil dieser weltweiten Kirche, steht treu zum Papst, Christi Stellvertreter auf Erden, und glaubt an alle katholischen Dogmen. Die Religion ist das Wichtigste im Leben – wenn irgendein Staat, in dem man zufällig in diesem Leben lebt, Gesetze erlassen sollte, die mit ihr in Konflikt geraten, hat sie immer Vorrang.

Vertreter der Neuen Rechten: Typus 1) Ist aus der Kirche ausgetreten, weil man damit Steuern spart und weil ein Bischof was Flüchtlingsfreundliches gesagt hat, will das Christentum aber noch als Bestandteil der „abendländischen Kultur“ und Bollwerk gegen den Islam bewahren. Natürlich interessiert er sich nicht dafür, ob es wahr ist – Hauptsache, der Weihnachtsmarkt heißt „Weihnachtsmarkt“ und nicht „Wintermarkt“! Typus 2) Entschiedener Atheist und Religionskritiker, der einen säkularen Staat will, in dem die Religion in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hat – der Islam schon mal gar nicht, aber das Christen- und Judentum genauso wenig. Beschneidungs- und Kopftuchverbot jetzt!

Neonazi: Atheist, der neuheidnische Symbole verwendet, oder Neuheide, der wirklich an alle möglichen esoterischen Theorien glaubt.

 

Einstellung zum Islam:

Unter Radikalkatholiken sehr unterschiedlich. Die einen meinen, dass wir uns mit den Säkularisten gegen den Islam verbünden müssten, insbesondere, wo er zu Gewalt und Unterdrückung von Frauen beiträgt; die anderen, dass wir uns mit den Muslimen gegen die aggresiven Säkularisten von linker und rechter Seite verbünden müssten, die unsere Religionsfreiheit einschränken wollen. Normalerweise herrscht eine ziemlich negative Einstellung zu Mohammed und dem islamischen Gottesbild, auch wenn man den Muslimen anrechnet, dass sie immerhin überhaupt an Gott glauben.

Vertreter der Neuen Rechten: Scharia ist finsteres Mittelalter! Wir sind  aufgeklärt! Nehmt den muslimischen Eltern den Einfluss über ihre Kinder und weist Imame aus!

Neonazi: Auch manchmal islamfeindlich, wobei man aber auch einen gewissen Respekt vor dem mohammedanischen Kampfgeist hat. Hitler ist ja auch ganz gut mit den Muslimen ausgekommen.

 

Einstellung zum Christentum:

Radikalkatholik: Der Katholizismus ist die einzig wahre Religion (logisch).

Vertreter der Neuen Rechten: Sieht einen gewissen Nutzen im Christentum (als Bollwerk gegen den Islam), äußert sich aber auch verächtlich über „Christcucks“. Kann mit Demut und Sanftmut und Kreuztragen und so nicht so viel anfangen.

Neonazi: Das Christentum ist eine semitische Religion des Ressentiments und wir brauchen wieder eine starke germanische Religion.

 

Lieblingsperiode der Geschichte:

Radikalkatholik: Das glorreiche Mittelalter natürlich! Am besten ist das 13. Jahrhundert, das Zeitalter der Gotik und Scholastik und großer Heiliger.

Vertreter der Neuen Rechten: 19./frühes 20. Jahrhundert – das Zeitalter der Nationalstaaten.

Neonazi: Eine tatsächlich nie existente Zeit bei den antiken Germanen, oder eben 33-45 (wobei, na ja, der verlorene Krieg…).

 

Hobbies:

Radikalkatholik: Singt in der Gregorianik-Schola und/oder spielt die Orgel.

Vertreter der Neuen Rechten: Aktiv im Heimatverein und der AfD-Ortsgruppe.

Neonazi: Rechtsrock und Kampfsport.

 

Einstellung zu Migration und Flüchtlingskrise:

Radikalkatholik: Sehr unterschiedlich. Exemplarisch zwei gegenteilige Stellungnahmen zum Migrationspakt in der erzkatholischen Bloggerszene bei Josef Bordat und Marco Gallina. Es sind theologische und naturrechtliche Argumente für Migration/Aufnahme von Flüchtlingen (universale Bestimmung der Güter der Erde, Nächstenliebe, bestimmte Bibelstellen) ebenso gängig wie welche dagegen (Argumente zum Thema Ordnung und Sicherheit, Verpflichtung zur Hilfe nur entsprechend der eigenen Möglichkeiten, nach der moralischen Ordnung sei jedes Land zuerst für seine eigenen Bürger verantwortlich, Bedenken wegen des Islam, andere Bibelstellen). Bei einer Aussage wie „wir können nicht nur darauf schauen, was unserem eigenen Land nützt, aber absolut offene Grenzen sind auch keine Lösung“ dürften einem die meisten Fundikatholiken zustimmen (okay, die ist noch seeehr allgemein gehalten…). Manche engagieren sich in der Flüchtlingshilfe – u. U. auch mal mit dem Ziel, besonders die Minderheit der christlichen Flüchtlinge zu unterstützen oder nichtchristlichen Flüchtlingen die Frohe Botschaft zu bringen – wobei uns da zugegeben einige Freikirchen voraus sind. Das Kirchenasyl wird meistens, wenn schon nicht immer in seiner praktischen Anwendung, dann zumindest als Prinzip verteidigt. Allgemein ist man der Meinung, dass mehr für geflüchtete und verfolgte Christen in aller Welt getan werden müsste.

Vertreter der Neuen Rechten: Nur für eingeschränkte Migration, bei der es hauptsächlich oder ausschließlich um die Interessen der Zielländer gehen soll; so etwas wie ein Recht auf Migration gäbe es grundsätzlich nicht. Der gemäßigte Rechte ist evtl. für Hilfe vor Ort für Entwicklungsländer – solange nicht zu viele Steuergelder darauf verschwendet werden und es dann auch wirklich hilft, die Flüchtlinge fernzuhalten. Wenn es hart auf hart kommt, dann ist der Rechte vom Prinzip her auch für den Schießbefehl an der Grenze.

Neonazi: Ausländer raus. Nur ethnische Deutsche haben ein Recht, hier zu sein, Passdeutschen den Pass nehmen und auch raus mit ihnen. Wohin die sollen, kann uns doch egal sein.

 

Wahlverhalten und politisches Engagement:

Radikalkatholik: Ebenfalls unterschiedlich. Manche engagieren sich bei der CDU/CSU (etwa Klaus und Birgit Kelle, Hedwig von Beverfoerde (von der Demo für alle) bis 2016) oder speziell den „Christdemokraten für das Leben“ (etwa Sophia Kuby, Petra Lorleberg (von kath.net)), andere haben die Politik komplett aufgegeben und wollen sich auf Wichtigeres konzentrieren – christliche Basisgemeinschaften aufbauen. Ein paar wählen eine chancenlose Kleinstpartei, weil sie meinen, nur deren Programm mit ihrem Gewissen vereinbaren zu können, viele diejenige größere Partei, die sie am wenigsten schlimm finden. Das rangiert in Deutschland am ehesten im Bereich CDU, CSU, FDP, diverse Regionalparteien, ab und zu AfD, selten SPD, praktisch nie Grüne oder Linke. In Österreich vermutlich am ehesten Sebastian Kurz.

Vertreter der Neuen Rechten: Klar AfD bzw. FPÖ bzw. die vergleichbaren Parteien in anderen Ländern.

Neonazi: NPD, III. Weg, oder so. Manchmal aus taktischen Gründen AfD, weil letztere bessere Chancen hat.

 

Moralische Prinzipien:

Der Radikalkatholik ist aus säkularer Sicht in manchen Dingen entsetzlich rigoros (nein, Sex vor der Ehe ist nie in Ordnung!!) und in anderen eher leger (was soll am Fleischessen bitte Sünde sein – solange nicht gerade Fasttag ist?) Es gibt eine natürliche Ordnung in Gottes Welt, die man mit Vernunft und Gewissen und mit der Hilfe von Gottes Offenbarung erkennen kann, und der hat man sich gefälligst zu unterwerfen; die Moral gilt objektiv für alle, es darf nicht jeder tun, was er will. Die 10 Gebote, die 3 göttlichen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe) und die 4 Kardinaltugenden (Gerechtigkeit, Klugheit, Mut, das rechte Maß) sind zentral; die schlimmste Sünde der Hochmut – jawohl, der Hochmut, nicht die Unkeuschheit, wobei die auch zu den schweren Sünden zählt. Man bewundert die Radikalität der Nächstenliebe und Opferbereitschaft von Mutter Teresa, Maximilian Kolbe, Franz von Assisi. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Der Vertreter der Neuen Rechten legt Wert darauf, sich von linker „Gesinnungsethik“ abzugrenzen und betont, dass er „Verantwortungsethiker“ sei, der auf langfristige Folgen von Handlungen schaue, statt auf ein kurzfristiges gutes Gewissen. Er verachtet „virtue signalling“, also das Zurschaustellen von politisch korrekten Tugenden. Das Gute ist für ihn vor allem der Einsatz für die, die einem am nächsten stehen – die eigene Familie, die eigene Nation (also nicht total unähnlich der christlichen Nächstenliebe, wenn auch nicht ganz dasselbe). Ansonsten mag er die typischen preußischen Tugenden – Verlässlichkeit, Recht und Ordnung. Gegenüber übertrieben selbstlosem Verhalten kann er sehr zynisch werden – ein gewisses Maß an Moral braucht es ja, aber mehr nicht. Die Menschen sind eh fundamental egoistisch, aber sie müssen halt miteinander auskommen.

Neonazi: Glauben Neonazis an so was wie Moral? Vermutlich bewundern sie am ehesten Mut, Kampfgeist, Loyalität, halten sich sonst aber für den Übermenschen, der jenseits von Gut und Böse steht. Verachtung für eine Mitleidsmoral/“Sklavenmoral“ der Schwachen, besonders für das Konzept der Barmherzigkeit.

Gut illustrieren kann man die moralischen Prinzipien der drei Gruppen mit ihren Einstellungen zum Thema Abtreibung. Der Radikalkatholik ist immer dagegen, weil allein Gott der Herr über menschliches Leben sei und das ungeborene Kind nie getötet werden dürfe. Und wenn es um die bitterarme kranke vergewaltigte Elfjährige geht: Abtreibung ist immer Unrecht. Der Rechte hat gewisse moralische Bedenken bei vielen Abtreibungen, aber keine so prinzipiellen, und er will die Abtreibungszahlen vor allem in Deutschland senken, weil wir mehr deutsche und weniger Migrantenkinder bräuchten – wenn die Syrerin ihr sechstes Kind abtreiben möchte, wird er vermutlich eher dazu schweigen. Der Neonazi glaubt überhaupt nicht an ein Lebensrecht für Ungeborene – er hätte auch keine Bedenken, bei unerwünschten Volksgruppen oder behinderten ungeborenen Kindern Zwangsabtreibungen einzusetzen, solangen nur genug gesunde deutsche Kinder geboren werden. Er denkt hier rein zweckmäßig. (PS: Ja, wir Katholiken glauben ehrlich, dass es bei der Abtreibung um die Kinder geht. Ich weiß, das glaubt ihr uns nicht, es kann ja nur um die Unterdrückung von Frauen gehen, aber, tja, wenn ihr mal reale Katholiken kennenlernen würdet, könntet ihr tatsächlich feststellen: doch, wir glauben das wirklich.)

 

Idealer Staat:

Radikalkatholik: Die Kirche ist gesellschaftlich bedeutend, andere Religionen nur geduldet, Abtreibung und Sterbehilfe und Leihmutterschaft und Embryonenforschung sind verboten, die Gesellschaft ist kinderfreundlich und sozial gerecht und der Staat unterstützt Familien, statt sie mit flächendeckender Betreuung in Krippen und Ganztagsschulen ersetzen zu wollen. Eine Restauration von Habsburgern und Bourbonen (aber eine konstitutionelle Monarchie, bitte!) wäre das Sahnehäubchen, aber nicht unbedingt nötig. Seliger Karl I. und heiliger Ludwig IX., bittet für uns!

Vertreter der Neuen Rechten: Weißer Ethnostaat mit höchstens sehr wenigen dauerhaft ansässigen Ausländern, v. a. solchen aus dem außereuropäischen Ausland. Was die Staatsform angeht, wird meistens die parlamentarische/präsidiale Demokratie mit Elementen direkter Demokratie – „populistisch“ – bevorzugt. Manche würden gerne das Frauenwahlrecht abschaffen, weil Frauen von ihrer Biologie her emotional und harmoniebedürftiger und damit nicht geschaffen für die Politik wären.

Neonazi: Na ja, Führerstaat mit einem charismatischen, vom Schicksal bestimmten Führer, der den Willen der Volksgemeinschaft besser erfassen soll als irgendwelche Parteien, halt. Natürlich auch hier ein rassisch reiner Ethnostaat.

 

Einstellung zu Juden/Judentum/Israel:

Radikalkatholik: Politisch meistens israelfreundlich; Verständnis für den palästinensischen Terrorismus findet sich eher selten. Fühlt sich den Juden gewissermaßen verbunden und ist da auch gerne für interreligiöse Gebete usw. zu haben (viel eher als bei den Muslimen), weil die ja immerhin auch ans Alte Testament glauben; findet aber schon, dass sie sich eigentlich taufen lassen sollten, weil Jesus ja der im Alten Testament angekündigte Messias ist. Der Radikalkatholik lehnt die unter liberalen Theologen verbreitete Theorie, dass zur Zeit zwei Gottesbünde bestünden, also der des Alten Testaments für die Juden noch gelte, und der neue Bund in Jesus nur für die Heiden (d. h. die übrigen Völker der Welt), für gewöhnlich ab – Jesus ist der Messias für alle. In Ländern mit höherem Judenanteil als Deutschland findet sich auch der ein oder andere Radikalkatholik jüdischer Herkunft (z. B. stammt die amerikanische Bloggerin Simcha Fisher aus einer konvertierten jüdischen Familie).

Vertreter der Neuen Rechten: Politisch ebenfalls eher israelfreundlich, bewundert das gut organisierte israelische Militär und Benjamin Netanjahu. Macht auch mal auf den weit verbreiteten islamischen Judenhass aufmerksam. Kann mit der jüdischen Religion allerdings wenig anfangen – so ein dreitausend Jahre alter unaufgeklärter Wüstenkult wieder, genau wie Christentum und Islam – und hätte gerne ein Beschneidungsverbot für Minderjährige (so etwa die AfD in ihrem Wahlprogramm für die letzte bayerische Landtagswahl). Speziell zu verschwörungstheoretischem Denken geneigte Rechte sehen Juden als zersetzende Kräfte hinter liberalen Medien, Universitäten usw.

Neonazi: Verschwörungstheorien über Israel und jüdische Banker usw., die die Welt kontrollieren.

 

Einstellung zu Klima/Umwelt

Radikalkatholik: Ja, also, Bewahrung der Schöpfung ist schon ganz gut und nötig und so. Landleben und Natur werden manchmal ein bisschen idealisiert (etwa im Stil Tolkiens, der ja auch so ein Radikalkatholik war, und dessen Auenlands, das in den HdR-Büchern kurz von Sarumans Industrialisierung heimgesucht wird), besonders radikal umweltschützerisch wird es allerdings meistens nicht. Vor allem dann, wenn Umweltschützer den Menschen eigentlich nur als Störfaktor im Getriebe der Natur sehen und „Überbevölkerung“ in Afrika und anderswo eindämmen wollen, geht man absolut nicht mehr mit und rantet darüber, wie viele Menschen die Erde eigentlich versorgen könnte und dass es keine Überbevölkerung gibt. Als Radikalkatholik sieht man Kinderkriegen ja als was Natürliches an und hat auch gerne mal drei, vier Kinder und mehr (die besonders fleißigen so bis zu zehn). Fleisch zu essen hält man nicht für moralisch problematisch – man denkt halt doch anthropozentrisch. Tiere soll man schon artgerecht halten, aber sie haben ja keine unsterbliche vernunftbegabte Seele. Zum Klimawandel (aufhaltbar oder nicht, was genau sollte man tun, um ihn aufzuhalten, etc.) wie auch zur Energiewende und ähnlichen Themen gehen die Meinungen auseinander.

Vertreter der Neuen Rechten: Hält die Theorie vom menschengemachten Klimawandel für eine Fabrikation von Lügenpresse und Ökoindustrie und den Grünen – das Klima hat sich schon immer verändert. Außerdem ist es sowieso wichtiger, die Industrie und damit Arbeitsplätze nicht mit irgendwelchem Umweltschutz zu gefährden, als zu versuchen, einen möglicherweise oder möglicherweise auch nicht aufhaltbaren Klimwandel aufzuhalten und Ähnliches. Naturschutz, okay, wenn Wichtigeres erledigt ist.

Neonazi: Kommt drauf an, was genau für esoterisch-naturreligiöses Zeug der einzelne Neonazi glaubt. Die völkischen Siedler sind durchaus sehr naturliebend. Verbundenheit mit dem Boden, unser deutscher Wald… und so.**

 

Feindbilder:

Radikalkatholik: Häresie (das ist das Fremdwort für den schönen deutschen Begriff „Ketzerei“ – damit meinen wir z. B. den Protestantismus), moralischer Relativismus und Indifferentismus („mir meine Wahrheit, dir deine Wahrheit“), Modernismus (nein, damit meinen wir nicht Eisenbahnen und Internet, sondern bestimmte theologische Ansichten (wie etwa die Ansicht, Wunder könne es doch nicht geben, weil es Wunder ja nicht geben könne, was ja bekannt sei, weil wir modernen Menschen viel klüger seien als unsere Vorväter)), eine Liturgie, die nicht streng nach den Rubriken zelebriert wird (die Liturgie ist uns sehr wichtig, ja).

Vertreter der Neuen Rechten: Linke, Grüne, politische Korrektheit

Neonazis: Hm, ziemlich viel. Moral und Schwäche, die ganze derzeitige Politik und Gesellschaft…

 

Lieblingsverschwörungstheorie unter den Radikaleren:

Radikalkatholik: Die Freimaurer haben das 2. Vatikanische Konzil kontrolliert! Papst Franziskus ist kein gültiger Papst! (Achtung: Letzteres trifft jetzt Leute, die man eigentlich gar nicht mehr als katholisch bezeichnen kann – Sedisvakantisten haben sich ja eigentlich von der Kirche losgesagt.)

Vertreter der Neuen Rechten: Irgendwelche Theorien über George Soros. Angela Merkel ist Hitlers Tochter. Reichsbürgertum.

Neonazi: Holocaustleugnung. Okay, das gilt vermutlich nicht für die „Radikaleren“. Die Radikaleren unter Neonazis halten den Holocaust vermutlich einfach für eine tolle Sache und versuchen nicht mehr, ihn zu leugnen. Vermute ich jetzt einfach mal.

 

Organisationen und prominente Vertreter (ausgewählte Beispiele):

Radikalkatholiken: Auf der „einfach bloß lehramtstreuen“ Seite, die mit der Theologie und Liturgie der Nachkonzilszeit und der Ökumene ganz gut klarkommt: Gebetshaus Augsburg, Johannes Hartl, Josef Bordat, kath.net, Jugend 2000, Gemeinschaft Emmanuel, fe-Verlag. Auf der traditionalistischen Seite, die die alte Liturgie mag und nicht so mit den Protestanten kann: Petrusbruderschaft, Pater Engelbert Recktenwald FSSP, Pater Martin Ramm FSSP, Christkönigsjugend, Pater Edmund Waldstein OCist. Das Stift Heiligenkreuz und die angeschlossene Hochschule kann man allgemein als leicht traditionalistisch bezeichnen, ähnlich den Fernsehsender EWTN, den Lepanto-Verlag oder das Opus Dei. Auf der vulgärtraditionalistischen Seite haben wir gloria.tv, katholisches.info, und (seit dem neuen Betreiber – früher versuchten sie sich noch als hippes Lifestylemagazin und waren dabei schon nicht ernstzunehmen) The Cathwalk. Dann gibt es noch die traditionalistische und (anders als die Petrusbruderschaft) mit Rom im Streit liegende und oft ungehorsame Piusbruderschaft, deren Status in der Kirche im Moment eher unklar ist, und kleine sedisvakantistische Grüppchen, die sich von der Kirche abgespalten haben (also tatsächlich gar nicht mehr katholisch sind, auch wenn sie sich als die einzig wahren Katholiken sehen).

Neue Rechte/“Alt right“: AfD, Identitäre Bewegung, Martin Sellner, Burschenschaften, Götz Kubitschek, Antaios-Verlag, Martin Lichtmesz.

Richtig Neonazi: NPD, Weiße Wölfe, Blood and Honour, Wiking Jugend, Heimattreue Deutsche Jugend.

 

[Ach ja, wieder eine ganz eigene und in sich sehr diverse Gruppe sind übrigens die protestantischen „Fundamentalisten“ (die den Begriff „Fundamentalismus“ übrigens vor hundert Jahren erfunden haben), also z. B. bestimmte Evangelikale oder Pfingstkirchler. Nazis sind die auch nicht; zur Unterscheidung von Extremkatholiken seien hier ein paar Merkmale aufgezählt: Die Protestanten sind i. d. R. Junge-Erde-Kreationisten, glauben also an eine Schöpfung in sechs Tagen vor 6000 Jahren, während die Katholiken schon lange – ja, auch schon vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil – die päpstliche Erlaubnis haben, Genesis anders auszulegen; die Katholiken lehnen alle Verhütungsmethoden außer der Natürlichen Empfängnisregelung ab, während die Protestanten kein Problem damit haben; die Protestanten neigen zu einem etwas patriarchaleren Eheverständnis und die ganz Extremen warten nicht nur mit dem Sex, sondern auch mit dem ersten Kuss bis zur Ehe; die Katholiken sind eifrige Heiligenverehrer, während die Protestanten das für gar grausigen Götzendienst halten. Die protestantischen Gottesdienste bestehen aus ein bisschen Bibellesung, einer Stunde Predigt und rockigen Lobpreisliedern; die Katholiken haben dagegen eher kurze, nicht sehr bemerkenswerte Predigten, Orgelmusik, und der wichtigste Teil des Gottesdienstes ist der mit Brot und Wein (wir reden da vom „Messopfer“, nicht vom „Abendmahl“); Tradikatholiken gehen am liebsten in die alte, lateinische Form der Messe. In Bezug auf Abtreibung ist man sich dafür unter Radikalkatholiken und Fundiprotestanten wieder einig und arbeitet zusammen. Der Linksaktivist, der nur den Marsch für das Leben stören will, braucht sich um diese Unterscheidungen also nicht groß zu kümmern.]

 

Eine Klarstellung: Es gibt durchaus Katholiken, die ihren Glauben sehr ernst nehmen und gleichzeitig einige politische Ansichten vertreten, die ich hier der noch eher gemäßigten Rechten zugeordnet habe. Aber das eine hängt nicht zwangsläufig mit dem anderen zusammen – wer besonders traditionalistisch ist, kann gleichzeitig entschieden gegen die Neue Rechte sein, und wer theologisch liberal ist, ist nicht unbedingt politisch liberal. Und wie gesagt, politisch gibt es einen gewissen Spielraum im Katholizismus.

Und ja, dann gibt es auch noch in Einzelfällen solche schändlichen Dinge wie katholische (bzw. sich selbst trotz ihrer Abspaltung von der Kirche als katholisch verstehende) Holocaustleugner, wie etwa Williamson (der ja selbst von der Piusbruderschaft ausgeschlossen wurde). Aber das sind eben extreme Ausnahmefälle, die gerade nicht eine weitere Radikalisierung typisch extremkatholischer Ansichten sind, sondern eine deutliche Abweichung vom landläufigen Extremkatholizismus. Katholische Holocaustleugner vertreten normalerweise auch keine weiteren Nazithesen, neigen dafür aber allgemein zu verschwörungstheoretischem Denken und sehen überall den Antichrist und den Weltuntergang – da gäbe es etwa noch eine Seite, die neben sämtlichen von der Kirche nicht anerkannten Privatoffenbarungen und landläufigen Verschwörungstheorien auch noch die Protokolle der Weisen vom Zion verbreitet.

 

Was ich letzten Endes sagen will: Wenn ihr uns hasst, dann seid euch bitte wenigstens bewusst, was ihr hasst. Wenn ihr uns hasst, weil wir „heteronormativ“ und gegen Abtreibung sind, oder weil wir an Engel und Dämonen und ein Jüngstes Gericht glauben, okay, bitte, meinetwegen, aber das gilt auch für Juden und Muslime und genügend andere Gruppen über einen Großteil der Weltgeschichte verteilt, also wäre es nett, wenn ihr uns wenigstens nicht gerade Nazis nennen würdet, zumal die Nazis ganz andere Merkmale haben und genügend von unseren Leuten zu Märtyrern gemacht haben. Ihr könnt uns immer noch „mittelalterlich“ und sonst was nennen, das trifft es sogar ganz gut. Danke auch.

Fr.Maximilian Kolbe 1939.jpgEdith Stein (ca. 1938-1939).jpgUnzeitigLeisnerHäfnerKozalStarowieyskiBrandsmaHirschfelder

(Eine winzige Auswahhl unserer von den Nazis getöteter Heiliger und Seliger. Von links nach rechts und oben nach unten: Hl. Maximilian Kolbe, hl. Edith Stein, sel. Engelmar Unzeitig, sel. Karl Leisner, sel. Eduard Müller, sel. Johannes Prassek, sel. Hermann Lange, sel. Georg Häfner, sel. Michal Kozal, sel. Stanislaw Kostka Starowieyski, sel. Titus Brandsma OCarm, sel. Gerhard Hirschfelder. Bildquelle: Wikimedia Commons sowie hier.)

 

Viele Grüße von Crescentia. Und Gottes Segen.

 

* Die Bilder stammen von Wikimedia Commons; das rechte wurde Wikimedia vom Bundesarchiv zur Verfügung gestellt (B 145 Bild-P022061).

** Die Abschnitte zum Thema Juden und zum Thema Natur wurden nachträglich eingefügt, weil ich den ersten bei der ursprünglichen Veröffentlichung vergessen hatte (wie das halt so passiert, wenn man zu hastig postet) und beim zweiten hinterher drauf aufmerksam gemacht wurde, dass ich zu dem Thema doch auch noch was schreiben hätte können.

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26 Gedanken zu “Wie man Rechtsextreme und Fundikatholiken unterscheidet: Eine Handreichung für die Uneingeweihten

  1. >>Der Radikalkatholik stellt klar, dass wir jetzt erst Advent haben und die Weihnachtszeit erst am Heiligabend beginnt

    Holla die Waldfee! Erst am ersten Weihnachtsfeiertag!

    (ja, okay, man kann dann dessen erste Vesper nehmen und die ist am Heiligen Abend nachmittags – was übrigens in dem Fall auch vom weniger gläubigen Volk in einem erstaunlichen Ausmaß liturgischer Korrektheit nachvollzogen wird.)

    (^^nix für ungut^^)

    Nebenbei kann man – als kleiner Insider frei Haus – ihn übrigens auch daran ziemlich deutlich erkennen, daß er – bis auf Ausrutscher – bis wenigstens dem 23.12. beharrlich „*Schöne* Weihnachten“ oder „ein frohes Fest“ wünscht, weil nämlich „Frohe Weihnachten“ erst an Weihnachten gesagt wird.

    1. Übrigens, weil Du das Thema angeschnitten hast, man kann beim Radikalkatholiken durchaus unterscheiden in der Frage Weihnachtszeit:

      A. Weihnachtszeit dauert bis zum Sonntag nach Heilig Drei König oder, wo Heilig Drei König kein Feiertag und dieser Sonntag am 7. oder 8. ist, dem darauffolgenden Montag.

      Das ist die „die Kirche hat’s so vorgeschrieben, deswegen isses so“ – Fraktion. (Beispiel wäre vermutlich das Gebetshaus Augsburg, oder möglicherweise der Blogger von Mighty Mighty King Bear – aber es ist nicht ganz einfach, Leute zu finden, die wirklich konsequent novus-ordo sind und dabei strikt rubrikentreu.)

      B. Die Weihnachtszeit dauert bis zum 13. Januar.

      Das ist die „im Prinzip gilt: die Kirche hat’s so vorgeschrieben, deswegen isses so; aber leider gilt das, for the time being, nur für den Stand von 1962, alles dahinter ist wenigstens im Bereich der Liturgie mit Vorsicht zu genießen“.

      Das dürfte so in etwa die Position der Piusbruderschaft sein.

      C. Die Weihnachtszeit dauert bis Mariä Lichtmeß.

      Das ist die Position derer, für die Tradition auch jenseits der geschriebenen Regeln von Bedeutung ist und die dann für Überschneidungen (hier mit der Vorfastenzeit) und kompliziertere Details zu haben sind. Es dürfte so etwa die Position der Petrusbruderschaft sein, die *liturgisch* tatsächlich *konservativer* ist als Pius (auch wenn das komisch klingt).

      (Für die ganz Detailverliebten gibt es dann in manchen Jahren noch so etwas wie eine „äußere Weihnachtszeit“, die von St. Blasius bis zum Samstag vor Septuagesima dauert.)

      D. Die Weihnachtszeit dauert bis Heilig Drei König, schon aus praktischen Gründen, weil wenn man am 7. nicht den Baum abhängt, nadelt er.

      das ist die Position derer, die mehr auf der Seite des volkstümlichen Brauchtums und der Ökumene mit den Protestanten, möglicherweise den den alten orthodox-Protestanten, sind. Aber gut, das ist eigentlich schon nicht mehr radikalkatholisch (und im Einzelfall vielleicht neurechts). (Ist mir aber speziell in dieser Frage auch nicht ganz unsympathisch. Weihnachten ist eben auch eine höchst familiäre und traditionelle Angelegenheit.

    2. Heiligabend ist der *Abend* – und so wie der Sonntag am Samstagabend beginnt, beginnt Weihnachten am Heiligabend. 😉 (Ne, klar, ich weiß schon. Hatte mir selber vor der Veröffentlichung noch gedacht, ich müsste noch mal gucken, ob ich das richtig da stehen hatte, und das dann vergessen.)

    3. Für mich beginnt der Heilige Abend am 24.12. um null Uhr morgens 😉

      Wäre ich ein Nordlicht, würde ja auch der Sonnabend um null Uhr morgens beginnen.

  2. Nach meinem einzigen Widerspruch –

    „Die Piusbruderschaft ist, und war immer, katholisch [*]“ [* was ja eine Aussage ist, für die strikt innerkirchliche disziplinarische Fragen keine Rolle spielen] –

    erlaube mir ein großes Lob für den sehr erhellenden und auch für die, die das im Prinzip schon wissen, schön zu lesenden Artikel.

    1. Exkommunizierte – ich weiß, das sind sie nicht mehr, aber das waren sie lange -, die einfach ihr komplett eigenes Ding machen, sind doch nicht mehr wirklich katholisch? Genausowenig, wie etwa Luther noch katholisch war, nachdem er die päpstliche Bannbulle verbrannt hatte. Man wird doch nicht nur durch Häresie, sondern auch durch Schisma unkatholisch.

      1. Ja, Schismatiker waren sie ja gerade eben nicht. Und auch ein Exkommunizierter – was nur die Bischöfe mal waren – ist erstmal weiter katholisch, wenn er nicht ins Schisma geht.

      2. Detaillierter: Die Pius-Bischöfe wurden von der Bischofskongregation (!) unter anderem wegen Schismas, can. 1364, verurteilt. Aber die Bischofskongregation ist kein Gericht; der Papst nun in der von ihm *persönlich* unterzeichneten Erklärung läßt den Verweis auf can. 1364 weg und verurteilte nur wegen can. 1380 unerlaubte Weihen.

        Der Sache nach ist ohnehin klar, daß ein Schisma – das laut der Catholic Encyclopedia außer dem Ungehorsam auch das Momentum beinhalten muß, daß man die Befehlsgewalt der Oberen auch theoretisch bestreitet, nicht katholisch sein *will*, pp. – nicht vorliegt.

        Über Luther würden wir heute *auch* anders reden – trotz seiner aufsässigen Manieren gegenüber Oberen, die bei Pius so ebenfalls nicht vorliegen – wenn er mit seiner Meinung nicht zufällig häretischerweise im *Unrecht* gewesen wäre. Es gibt keinen Ersatz für das Stellen der Wahrheitsfrage (cet. cens.).

      3. Okay. Ich habe die beiden Stellen geändert. (Ihr Ungehorsam wird allerdings trotzdem nicht besser, gerade wenn sie den Papst eigentlich anerkennen. Ich hab ja durchaus Sympathie für Lefebvre, in letzter Zeit immer mehr, nur hat er halt trotzdem nicht das Richtige gemacht.)

  3. Sehr schön geschrieben und wunderbar zum schmunzeln. Nur ein Kritikpunkt: Das Opus Dei zählt nicht zu den Verfechtern der außerordentlichen Form. Latein eigentlich nur bei internationalen Messen.
    Gesegnetes Chrisfest und Dank für Ihre Arbeit.

  4. Dank für diese äußerst klare Klarstellung. Auch wenn ich mich bei der Eitelkeit ertappen musste, mit leisem Bedauern zu registrieren, daß mein Blog hier nicht vorkommt.
    Von mir ein Lob, so fett wie ich.

  5. Lieblingspolitiker:

    Radikalkatholik: für die, die ihn kennen, Gabriel García Moreno. Dann vielleicht Dollfuß, Adenauer oder auch Strauß – letzterer aber fast als eine Art guilty pleasure, weil er so wunderschön geredet hat, aber doch mancherorts etwas sehr liberal war.

    Neue Rechte: Bismarck, Bismarck und nochmal Bismarck; für die Feinfühligeren kommt danach dann auch noch Stresemann, für die Radikaleren, sofern sie ihn kennen, Oldenburg-Januschau. Unter den den Katholizismus zumindest nicht ganz abweisenden Teilen natürlich auch König Jan Sobieski (Katholiken mögen den natürlich *auch*!).

    Neonazis: Überraschung! Rudolf Heß; und dann vielleicht Heinrich Himmler – wenn sie die Frage ehrlich beantworten; man will natürlich dort dem „Führer“ nicht unehrerbietig sein. Wenn sie ihn denn kennen würden, vielleicht Rosenberg. – Der Teil des Nationalsozialismus, der auf (falsche) Vernunft und Pragmatismus setzte und nicht auf mythische Phantasiererei, wie ihn also etwa Goebbles, Technokraten wie Herbert Backe oder gar wie ihn Göring vertrat – und, wenn auch in geringerem Ausmaß, gehört auch Hitler wohl meist in diese Kategorie – hat heute keinen Vertreter.

    1. Den hab‘ ich zum einen vergessen.

      Zum anderen war der halt ein treuer Minister seines Königs in einer Zeit, als England noch in Ordnung war, und hat sich wie ein vollkommener katholischer englischer Gentleman aufgeführt in einer Zeit, als das nicht mehr der Fall war, was ihn bis zur Märtyrerkrone gebracht hat. Nebenbei auch noch ein hochgebildeter Humanist und Literat.

      Das ist schön und gut, insbesondere auch als Vorbild (bis in Details – es dürfte kaum einen Märtyrer geben, der die Unterscheidung zwischen dem pflichtmäßigen Bekennen des Glaubens, das ihn letztlich zum Martyrium geführt hat, und dem nicht pflichtmäßigen, bei dem er bis zum äußersten die Klugheit eingesetzt hat, um am Leben zu bleiben, so nachvollziehbar und detailgenau durchgeführt hat)…

      aber an die Coolneß – für den Radikalkatholiken – eines Gabriel Garcia Moreno, der in Ecuador zu seiner Zeit den katholischen Staat durchgesetzt hat, als das keine Selbstverständlichkeit war, dabei sogar demokratische Zustimmung für seine Linie einheimsen konnte – wenn auch, zugegeben, mit den Verfassungsregeln (aber von der Gegenseite auch) etwas légèr umgesprungen wurden sein mag (was, seien wir ehrlich, die Coolneß eher noch erhöht, auch wenn das eigene Gewissen vielleicht damit nicht klarkäme) -, der in technischer und wirtschaftlicher Sicht anscheinend auf der Seite der Moderne stand (!) und der schließlich, nachdem er wie gesagt durchaus Erfolg hatte (was ja bei den Heiligen eher die Ausnahme zu sein scheint, aber cool ist), es dann *auch* noch fertigbrachte, ermordet zu werden, und dann auch noch von den Freimaurern (!) –

      sorry, aber da ich nicht nach Lieblingsheiligen, sondern nach Lieblingspolitikern gefragt habe: daran kommt der hl. Thomas Morus einfach nicht ran und nicht einmal der hl. Ludwig.

  6. Ein interessanter und überzeugender Ansatz einer „Unterscheidung der Geister“, der auch in der oberflächlichen Medienwelt und im sozialen Miteinander beachtet werden sollte. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal daran erinnern, dass auch ein „Radikalkatholik“ für sich beanspruchen darf, nationalkonservativ zu sein: Die je nach Betrachtungswinkel 844 oder 1006 Jahre währende besondere Stellung Deutschlands innerhalb Europas als Schutzmacht der römisch-katholischen Kirche und Statthalter des römischen Kaisertums darf nicht vergessen werden. Die gegenläufige Entwicklung über Luther, Preußen, Bismarck und Wilhelm II. hingegen mit ihren Verbindungslinien zum Nationalsozialsozialismus ist davon zu unterscheiden.EIn vorgeschichtliches Zurück ist keine Lösung. Aber die Europäische Union mit ihrer säkularen Ausrichtung und ihrem unklaren Umherlavieren zwischen Staatenbund und Bundesstaat bietet zur Zeit keine überzeugende Perspektive. Es ist daher verantwortungslos, Souveränitätsrechte abzutreten, zumal unser schwaches Bundesverfassungsgericht kaum noch das Rückgrat besitzt, diese gegenüber dem Europäischen Gerichtshof zu behaupten. Mit der weitgehenden Aufgabe des naturrechtlich schlüssig begründbaren Abstammungsrechtes für eine Staatsangehörigkeit hat sich Deutschland ohne Not eines weiteren Steuerungsinstrumentes beraubt. Auch das zu weit gefasste Asylrecht und dessen zunehmende Vermischung mit der Arbeitsmigration bilden Anlass zu großer Sorge. Um zum Thema zurückzukehren: Ich plädiere für eine sachliche Auseinandersetzung mit der Neuen Rechten, soweit es die weltanschaulichen Unterschiede gestatten. Die CDU wird in absehbarer Zeit ohnehin das Schicksal der SPD ereilen, wenn sie sich nicht konservativ erneuert.

    1. „Die je nach Betrachtungswinkel 844 oder 1006 Jahre währende besondere Stellung Deutschlands innerhalb Europas als Schutzmacht der römisch-katholischen Kirche und Statthalter des römischen Kaisertums darf nicht vergessen werden.“

      Zu dieser Zeit gab es noch kein „Deutschland“, das Statthalter des römischen Kaiserturms gewesen wäre, sondern ein vielsprachiges Staatsgebilde mit universalem Anspruch. „Deutschland“ ist für mich dieser protestantisch-säkulare Preußenstaat, den wir inzwischen wieder haben. Das HLR *war* das römische Reich, und seit 1806 dräut uns das Weltenende, weil es keine translatio imperii mehr gibt (oder gibt es noch irgendwo ein Staatswesen, das das für sich in Anspruch nehmen kann?).

      1. @sokleidas:

        Österreich-Ungarn (solang es noch bestand).

        – Aber natürlich war das Heilige Römische Reich *schon* auch irgendwo Deutschland.

        (Aus der Perspektive ist die Zeit zwischen 1949 und 1990 schematisch ganz interessant, als Deutschland – im Sinne des Alten Reichs – und Preußen gewissermaßen durch zwei *verschiedene* Staaten repräsentiert wurden…)

    2. Ich habe Crescentia durchaus so verstanden, daß ein Radikalkatholik *auch* Neuer Rechter sein kann, nur ist das dann eben erstmal eine erlaubte, keine im Glauben verpflichtende Meinung.

      (Mit gewissen Ausnahmen, z. B. ist mE ein Beschneidungsverbot für Juden – auch wenn das Beobachten des Alten Gesetzes für den *Christgläubigen* heute Sünde ist – mit dem katholischen Glauben nicht zu vereinen, siehe implizit in S. th. III 68 X. Moslems könnte man es reintheoretisch vielleicht verbieten, aber dann müßte man zwingend in den sauren Apfel beißen und hochoffiziell zwischen Juden und Moslems unterscheiden und erstere ausdrücklich privilegieren..)

  7. Sicher war das alte Reich ein vornationales Gebilde, aber doch ab dem Spätmittelalter, nicht zuletzt auch dem Namen nach, mit dem Konzept einer deutschen Nation verbunden. Die politische Weiterentwicklung wurde von innen insbesondere gehemmt durch das vor allem konfessionell begründete Zerwürfnis zwischen Österreich und Preußen; von außen durch vorwärtsstrebende und zentralistisch angelegte Nationalstaaten – allen voran Großbritannien, Russland und Frankreich. Nach dem Wiener Kongress waren zu viele Fragen offen geblieben. Spätestens 1866 waren die Chancen zur Neubildung einer stabilisierenden, starken Mittelmacht in Europa verspielt. Die Folgen sind bekannt.
    Unter dem Aspekt der Rechtsnachfolge knüpft unsere Bundesrepublik lediglich an den preußisch dominierten Nationalstaat von 1871 an, die Farben der Bundesflagge verweisen noch symbolhaft an die Reichstradition. Es gilt zudem zu bedenken, dass die BRD formell lediglich als ohne Friedensvertrag durch die Siegermächte selbstkontrahierend geschaffene Verwaltungseinheit enstanden ist. Einem solchen, in sich doch diffusen, Staatsgebilde mag die europäpsche Idee – eher vielleicht als anderen Nationen – als eine Lösung aufleuchten, doch in ihrer jetzigen, rein säkularen und marktliberalen Ausrichtung erscheint mir an dieser Schwelle höchste Vorsicht geboten.

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