Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 3: Ruth

Und weiter mit der Rezension zu Francine Rivers‘ Sammelband „Saat des Segens“. (Teil 1 hier, Teil 2a hier, Teil 2b hier.) Eine Generation nach Rahab erscheint Ruth in Jesu Stammbaum, und Band 3 handelt von ihr.

Ruths Geschichte (als Einzelband mit dem Titel „Frau der Liebe – Ruth“ (im Original: „Unshaken“) erschienen, im Sammelband: „Ruth – Dein Gott ist mein Gott“) gehört zusammen mit Rahabs Geschichte zu den – verglichen mit den übrigen drei – besseren des Sammelbandes, auch wenn sie ebenfalls unter Mrs. Rivers‘ unablässigem Predigtton, ihrer einfallslosen Sprache, arger Knappheit und Kürze, und ungeformten Charakteren leidet. In der Bibel ist diese Erzählung ein eigenes Buch, wenn auch mit 4 Kapiteln ziemlich kurz, und dieses Buch enthält eine schöne Geschichte um familiäre Liebe und Treue, die mit einer Hochzeit und einer Kindsgeburt endet – also prinzipiell ein leichter zu verwertender Stoff für einen Frauenroman als etwa das Szenario „Junge Witwe verkleidet sich als Prositituierte und trickst ihren Schwiegervater aus“ aus Band 1 (Tamar).

Die Ausgangssituation sieht bekanntlich folgendermaßen aus:

„Zu der Zeit, als die Richter regierten, kam eine Hungersnot über das Land. Da zog ein Mann mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen aus Betlehem in Juda fort, um sich als Fremder im Grünland Moabs niederzulassen. Der Mann hieß Elimelech, seine Frau Noomi und seine Söhne hießen Machlon und Kiljon; sie waren Efratiter aus Betlehem in Juda. Als sie im Grünland Moabs ankamen, blieben sie dort. Elimelech, der Mann Noomis, starb und sie blieb mit ihren beiden Söhnen zurück. Diese nahmen sich moabitische Frauen, Orpa und Rut, und so wohnten sie dort etwa zehn Jahre lang. Dann starben auch Machlon und Kiljon und Noomi blieb allein, ohne ihren Mann und ohne ihre beiden Söhne.“ (Ruth 1,1-5)

Das erste Kapitel setzt kurz vor dem Tod von Ruths Mann Machlon ein; Elimelech und Orpas Mann Kiljon sind bereits tot (seit fünfzehn Jahren bzw. einem Jahr). Die Familie lebt in einem Ort namens Kir Hareset (ein echter moabitischer Ortsname, den die Autorin aus Jes 16,7 entnommen hat); sie sind nicht besonders wohlhabend, anders als Ruths leibliche Familie, die ebenfalls dort wohnt. Das Kapitel beginnt damit, dass Ruth ihrer Mutter pflichtschuldig ihren monatlichen Besuch abstattet, wobei sie in Gedanken aber nur bei ihrem bereits lange und schwer kranken Mann und ihrer Schwiegermutter ist. Der Kontrast zwischen Noomi und Ruths Mutter wird ausführlich ausgemalt und es wird erzählt, wie Noomis Vorbild Ruth zum Glauben an den israelitischen Gott geführt hat.

„Von dem Tag an, an dem Noomi ihr zum ersten Mal von dem einen wahren Gott erzählt hatte, hatte Ruth an ihn geglaubt. Weil sie den Frieden gesehen hatte, den ihre Schwiegermutter ausstrahlte. Einen unerschütterlichen inneren Frieden, wie sie ihn noch nirgends erlebt hatte, schon gar nicht im Haus ihrer Eltern.“ (S. 227)

Christliche Leserin, du hast es gehört: Immer schön Frieden ausstrahlen, damit bekehrt man die Leute. (Das ist jetzt nicht so zynisch gemeint, wie es vielleicht klingt.) Im Kontrast dazu Ruths Elternhaus:

„Bei ihren Eltern ging es immer nur ums Haben. Nur ein paar Tage, und ihre Mutter würde ihre goldene Kette schon wieder vergessen haben und nach dem nächsten Geschenk hungern, das sie allen stolz zeigen konnte.“ (S. 231)

Ihre Mutter will mit Ruth darüber sprechen, was sein soll, wenn Machlon tot ist; sie solle dann zurück zu ihren Eltern kommen. So werde ihr Leben viel leichter sein, Noomi werde das auch wollen. Aber Ruth besteht darauf, dass sie bei Noomi bleiben und für sie sorgen werde. Ihre Mutter meint, dass Noomi vielleicht von den Göttern des Landes gestraft worden sei, weil sie sie nie verehrt habe; Ruth will davon nichts hören und verabschiedet sich bald.

Machlons Tod kommt nicht direkt vor; als nächstes haben wir eine Szene etwa drei Wochen nach seinem Tod bei der trauernden Noomi, die die Nacht durchwacht und an ihren toten Mann und ihre beiden toten Söhne zurückdenkt. Sie erinnert sich daran, wie Elimelech damals während einer Dürre aus Bethlehem fortgehen wollte und sie schließlich mit seiner Entscheidung vor vollendete Tatsachen stellte, während sie noch an ihn appellierte, auf Gott zu vertrauen (die Felder hätten immer noch genug gebracht, um zu überleben, und außerdem sei der Grund für die Dürre, dass Elimelech und andere vor dem falschen Gott Baal niederfielen). Noomi wird als eine Frau dargestellt, die nicht immer alles richtig gemacht hat, es aber auch nicht einfach hatte und eigentlich das Rechte tun wollte:

„Elimelech war so sicher gewesen,  dass seine Entscheidung richtig war! Sie hatte nicht ständig nörgeln wollen, und so hatte sie ihre Zweifel für sich behalten. Und still gebetet. (S. 234)

Während ihr Mann sich den moabitischen Bräuchen angepasst hat, ist sie dem Glauben Israels treu geblieben, hat aber nie gewusst, wie sie ihren Mann und ihre Söhne in diese Richtung beeinflussen sollte; und auch nach dem Tod Elimelechs wollten Machlon und Kiljon dann nicht mehr nach Bethlehem zurück, da die alte Heimat und der alte Glaube ihnen fremd geworden waren.

Zwischendurch wirkt die Darstellung, wie schon in den beiden ersten Büchern, arg an moderne Verhältnisse angelehnt, in denen Mrs. Rivers‘ Leserinnen sich wiederfinden könnten. „Elimelech hatte die Gesetze des Mose zu eng und intolerant gefunden“, heißt es auf S. 239 – nun ja, es mag sein, dass den Moabitern damals der kompromisslose israelitsche Monotheismus als etwas erschien, was wir heutzutage „eng und intolerant“ nennen würden, aber die Ausdrucksweise wirkt einfach falsch. Noomi sagt sich in Bezug auf ihre Söhne, sie „hätte weniger Angst davor haben dürfen, ihre Liebe zu verlieren, und mehr davor, ihre Seelen zu verlieren“ (S. 240); schön und gut, aber der Fokus aufs „Seelenheil“ ist etwas Neutestamentliches, Christliches; zur Richterzeit wusste man noch nichts von der Verheißung von einem himmlischen Leben nach dem Tod. Die Furcht, dass die Kinder in der Hölle statt im Himmel landen könnten, war damals kein motivierender Faktor, um das Gesetz zu halten – man hätte eher eine göttliche Strafe in diesem Leben befürchtet, oder eben einfach gesagt, dass man es Gott, der Israel aus Ägypten befreit hatte, schuldete, Seine Gebote zu halten. Noomi fragt sich verzweifelt, ob Gott ihre Gebete noch hört, besinnt sich schlussendlich aber auf ihr Vertrauen auf Ihn. „Was bleibt mir jetzt noch als nur du, Vater? An wen kann ich mich halten, außer nur an dich?„, denkt sie sich (S. 240). An dieser Stelle hat die Autorin offensichtlich vergessen, dass die Anrede „Vater“ für Gott ebenfalls erst ins Neue Testament gehört.

Am Ende kommt Ruth zu Noomi und sie weint in den Armen ihrer Schwiegertochter weiter – jetzt darum trauernd, dass keine Kinder da sind, die die Namen ihrer Söhne weitertragen können; wie in Tamars Geschichte ist dieses Problem ein zentraler Faktor der Handlung.

Einige Wochen später. Noomi beschließt, dass ihre Schwiegertöchter nicht ihre Zukunft für sie opfern sollen, indem sie für sie sorgen; sie selbst will zurück nach Bethlehem gehen und die beiden sollen in Moab bleiben und zu ihren Familien zurückgehen und dann wieder neue Ehemänner finden. Sie beginnt zu packen, aber Orpa und Ruth bestehen beide darauf, mit ihr zu kommen, und Noomi lässt sie erst einmal gewähren und zählt darauf, sie dazu bringen zu können, auf dem Weg umzukehren, wenn ihnen klar werden wird, was es heißt, die Heimat zu verlassen. Beim Aufbruch wird schon der Gegensatz zwischen den beiden Schwägerinnen deutlich: Orpa will alles Mögliche mitnehmen, Ruth begnügt sich mit sehr wenigen Habseligkeiten. Orpa wird zwar als recht nett dargestellt, aber sie glaubt eben nicht an Gott und hängt am Besitz. Dann kommt wieder eine dieser Stellen, an denen deutlich wird, dass die Autorin ihre Geschichte nicht besonders sorgfältig durchdacht hat. Es heißt da:

„Noomi hatte den Nachbarn erklärt, dass Orpa und Ruth in ein paar Tagen zurückkehren würden, und sie gebeten, so lange auf ihr Haus aufzupassen. Wenn die beiden Mädchen nach Kir Hareset zurückkehrten, würden sie sicher alles verkaufen, auch das Haus, und sich den Erlös teilen. Noomi war das recht. In Bethlehem könnte sie sowieso nichts damit anfangen.“ (S. 243)

Nun könnte man mit Geld (ja, auch mit moabitischem Geld) selbstverständlich auch in Bethlehem etwas anfangen; und es stellt sich die Frage, wieso Ruth und Orpa, die ja beide noch entschlossen sind, mit Noomi zu kommen, nicht zu ihr sagen, sie sollten das Haus jetzt verkaufen und solange noch mit dem Aufbruch warten, um dann in Bethlehem etwas Geld dabei zu haben.

Nach einer halben Tagesreise (Orpa macht bereits einen bedrückten Eindruck) wendet Noomi sich an die beiden jungen Frauen und sagt ihnen mit ähnlichen Worten wie im biblischen Text, sie sollten doch zurückgehen; Orpa lässt sich rasch überzeugen und verabschiedet sich, wenn auch unter Tränen, aber Ruth bleibt bei Noomi, und jetzt kommt ihr berühmtes Gespräch. In der Bibel: „Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren! Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der HERR soll mir dies und das antun – nur der Tod wird mich von dir scheiden.“ (Ruth 1,16-17)

'Ruth and Naomi' by Jan Victors, 1653.jpg

(Jan Victors, Noomi und Ruth, 1653. Gemeinfrei.)

Mrs. Rivers zerteilt Ruths biblische Proklamation und macht einen längeren Dialog zwischen ihr und ihrer Schwiegermutter daraus, um zu verdeutlichen, was Ruths Versprechen bedeuten soll, was die Wirkung des Ganzen irgendwie ruiniert:

„Noomis Herz zog sich zusammen. ‚Oh meine Liebe, du weißt ja nicht, was du da sagst! Das Leben meines Volkes ist nicht so einfach wie das, was du kennst. Wir müssen den Sabbat und viele Feiertage einhalten, an denen wir nur eine kleine Strecke reisen dürfen.‘

‚Wo du hingehst, da will auch ich hingehen.‘

Noomi wusste: Sie musste die Wahrheit sagen, auch wenn sie Ruth damit verletzte. ‚Wir dürfen auch nicht die Nacht bei Heiden verbringen.‘

‚Wo du lebst, da will ich auch leben.‘

‚Über sechshundert Gebote müssen wir halten!‘

‚Was dein Volk hält, werde ich auch halten, Mutter, denn dein Volk wird mein Volk sein.‘

‚Wir dürfen keine fremden Götter anbeten. Kemosch ist für uns ein Greuel!‘

‚Dein Gott soll mein Gott sein.‘

Noomi breitete ihre Hände aus. ‚Wir haben vier Arten der Todesstrafe für Gesetzesbrüchige, Ruth: Steinigung, Feuer, den Strick und das Schwert. Überleg es dir gut!‘

Ruth antwortete nicht und Noomi fuhr fort: ‚In meinem Volk werden die Toten in Grabhöhlen beigesetzt.‘

‚Dann soll es auch bei mir so sein, Mutter.‘ Ruth fiel auf die Knie und schlang ihre Arme um Noomis Taille. ‚Ich will sterben, wo du stirbst, und auch dort begraben werden.‘ Noomi versuchte, sich von ihr freizumachen, doch Ruth umklammerte sie nur umso fester. ‚Und möge der Herr mich hart strafen, wenn ich mich durch irgendetwas von dir trennen lasse, außer durch den Tod!'“ (S. 246)

(Der letzte Satz entspricht nicht dem, was hier in der deutschen Einheitsübersetzung steht, aber der Übersetzung der englischen King James Version oder der English Standard Version.)

Noomi, die außerordentlich froh über Ruths Treue ist, und sich denkt, dass Gott endlich eins ihrer Gebete erhört hat, gibt nun doch nach und die beiden ziehen weiter. Ruth geht die Reise mit der Einstellung an, dass es besser sei, sich nicht um die Zukunft zu sorgen und einfach auf Gott zu vertrauen; ein konstantes Thema bereits in Band 2. Sie denkt daran zurück, wie Noomis stille Gebete und ihre liebevolle Art sie fasziniert haben, und wie ihr Mann Machlon sich nie für die Religion interessiert hat. Auch in Bezug auf die Erziehung zukünftiger Söhne hatte er gesagt: „Das Wichtigste ist sowieso, dass sie alle Religionen gleich gelten lassen; nur so können sie es hier in Kir Hareset zu etwas bringen.“ (S. 249) Auch hier wieder: extrem modernes Vokabular. Und bei den damaligen Moabitern hätte man es wohl am ehesten als eifriger Verehrer des Hauptgottes Kemosch zu etwas bringen können; so religiös gleichgültig waren die auch nicht.

Die beiden bringen also die lange, strapaziöse Reise – auf der sie übrigens auch die Gedenksteine am Jordan aus Band 2 sehen, was Noomi zum Anlass nimmt, Ruth vom Exodus und der Landnahme zu erzählen, die ihre Eltern noch miterlebt haben – hinter sich, wobei Ruth Noomi immer wieder Mut machen muss. Als sie in Bethlehem ankommen, erkennen einige Frauen am Brunnen Noomi wieder, aber als sie merken, dass sie eine Moabiterin bei sich hat, reagieren sie nicht mehr besonders herzlich. Niemand nimmt sie auf, in den Herbergen ist angeblich kein Platz, und so kommen sie in einer der kleinen leerstehenden Höhlen außerhalb des Dorfes unter, die immer wieder als Ställe genutzt werden. Die Anspielung auf die Weihnachtsgeschichte ist zwar nicht unbedingt subtil, aber trotzdem, diese Idee hat irgendwie was.

Anfangs verkauft Ruth ihren letzten Schmuck, um etwas zu essen kaufen zu können; dann erzählt Noomi ihr einmal davon, dass nach dem Gesetz des Mose die Besitzlosen bei der Ernte auf den Feldern Ähren aufsammeln dürften, die die Schnitter am Rand übrig lassen sollen, und dass ihr Mann Elimelech früher die Ährenleser zuerst habe gewähren lassen, sie später aber abgewiesen und sein ganzes Feld abgeerntet habe, worin sie einen möglichen Grund dafür sieht, dass Gott ihre Familie gestraft hat. Ruth sieht hier wieder eine Möglichkeit, für sich und Noomi zu sorgen, und ist dankbar für dieses Gesetz, durch das Gott für die Armen sorge. Noomi warnt sie zwar, dass nicht alle sich an das Gesetz halten und viele sie nicht gern sehen würden, muss sie aber natürlich trotzdem gehen lassen, als nun die Gerstenernte beginnt. Auf den ersten zwei Feldern, auf denen Ruth Ähren lesen will, wird sie von einigen Frauen weggejagt, auf dem dritten wollen einige Männer sie belästigen und sie rennt davon. Danach kommt sie endlich zu einem Feld, wo der Aufseher ihr das Ährenlesen erlaubt und man sie in Ruhe lässt.

Und jetzt taucht Boas in der Geschichte auf – der wohlhabende Besitzer des Feldes, der hinausreitet, um es zu inspizieren. Und an dieser Stelle hat die Autorin eine absolut dämliche Idee gehabt.

Boas ist in diesem Buch deutlich älter als Ruth; das passt durchaus mit der Bibel zusammen, auch wenn es dort nicht ganz explizit gesagt wird. (Boas sagt einmal lobend zu Ruth, sie sei „nicht den jungen Männern, ob arm oder reich, nachgelaufen“ (Ruth 3,10).) In Mrs. Rivers‘ Geschichte ist er im selben Alter wie Noomi und… wollte als junger Mann sie heiraten. Ernsthaft.

Während Boas zu seinem Feld reitet, denkt er an seinen Vetter Elimelech, der damals während der Dürre ins Gebiet von Moab weggegangen ist, obwohl Boas versucht hat, ihn dazu zu bewegen in Bethlehem zu bleiben; wenn er nur aufhöre, fremde Götter anzubeten, werde der Herr ihn wieder segnen. Elimelech hat ihm damals nur vorgeworfen, Boas würde sich für einen besseren Juden halten, obwohl er nur zufällig das bessere Land hätte und die schlechten Zeiten ihn deshalb nicht so träfen, und ist am Ende doch mit seiner Familie gegangen. Obwohl Boas die Vergangenheit eigentlich vergessen und zufrieden sein will, kommen die Erinnerungen wieder hoch, auch die an Noomi, die er zuvor, wie gesagt, hatte heiraten wollen – allerdings hatte ihre Familie keinen Halbkanaaniter wie ihn als Schwiegersohn haben wollen. (Seine Mutter ist ja Rahab aus Band 2, die bekehrte Hure aus Jericho, und sein Vater Salmon, der Kundschafter, der sie heiratete (also, in den Romanen, in der Bibel steht nichts darüber, dass Salmon einer der Kundschafter war).)

Jedenfalls ist Boas immer ledig geblieben und hat sich gewissenhaft und fleißig um seinen großen Hof gekümmert. Als er Ruth auf dem Feld sieht, weist er seinen Aufseher und seine Arbeiter an, sie nicht zu stören und für sie noch Ähren liegen zu lassen. Er spricht mit ihr, sagt ihr, sie solle während der Ernte auf seinem Feld bleiben und sich auch von dem Wasser der anderen Arbeiter etwas nehmen, lobt sie für ihren Glauben und ihre Treue zu Noomi, und lädt sie ein, mit ihm und den anderen zu essen, als sie Pause machen. Er hat Mitgefühl mit ihr und fühlt sich von ihr an seine Mutter erinnert, ebenfalls eine Fremde, die sich Israel angeschlossen hat. Ruth reagiert auf alles bescheiden und dankbar.

Barent Fabritius - Ruth and Boaz - WGA7718.jpg

(Barent Fabritius, Ruth und Boas, 1660. Gemeinfrei.)

Als Ruth zu Noomi heimkommt, ist die überrascht, wie viel Gerste sie mitbringt, und Ruth erzählt ihr von Boas. Noomi erinnerte sich, wie sie als junges, oberflächliches Mädchen in den gutaussehenden, charmanten Elimelech verliebt war und ihre Eltern mit dem Verweis auf Boas‘ Herkunft dazu brachte, Boas‘ Heiratsantrag abzulehnen, in der Hoffnung, dass Elimelech bald um sie anhalten werde, was dann ja auch geschah. Aber inzwischen ist sie weiser und weiß innere Werte wie Güte und Frömmigkeit besser zu schätzen, und ihr kommt der Gedanke, dass Boas, der ja, wie erwähnt, ein Vetter Elimelechs ist, als Ruths Löser fungieren, also die Schwagerehe mit ihr eingehen könnte (ein israelitischer Brauch, der dafür sorgte, dass kinderlose Witwen versorgt waren, indem ein Verwandter ihres verstorbenen Mannes sie heiratete, und noch einen Erben gebären konnten, der dann rechtlich als Sohn des Verstorbenen galt).

Noomi zieht in Bethlehem Erkundigungen ein und erfährt, dass Boas nie geheiratet hat; und außerdem, zu ihrem Leidwesen, dass ein anderer, näherer Verwandter ebenfalls noch im Ort lebt, den die Verpflichtung, Ruth zu heiraten, zuerst betreffen würde.

„Ein jüngerer Mann, der die Blicke der Frauen anzog.

Ein Mann wie Elimelech.“ (S. 294)

[Dramatische Musik setzt ein.]

Währenddessen liest Ruth weiter Ähren auf Boas‘ Feldern, die beiden sehen sich ab und zu, und entwickeln eine anfängliche Zuneigung zu- und Bewunderung und Mitgefühl füreinander. Ruth findet es schade, dass Boas keine Frau und keine Erben hat, ist aber zu bescheiden und sittsam, um wirklich Interesse an einem so reichen und angesehenen Mann zu zeigen; Boas beginnt, sich in Ruth zu verlieben, ist aber ebenfalls wenig selbstbewusst und sehr zurückhaltend, auch, da er sich seines Alters bewusst ist. Zeitweise vermutet er, sein Aufseher würde sich für Ruth interessieren. Noomi beschließt schließlich, etwas zu unternehmen, damit die Sache vorangeht.

„Es war überdeutlich, dass Boas sich von Ruth angezogen fühlte. Aber Noomi kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er nicht aus sich herausgehen und um sie werben würde. Die Haare dieses Mannes würden vollends weiß werden und ausfallen, ehe er offen seine Gefühle zeigte.“ (S. 296)

Sie zweifelt zwar, ob ihr Plan wirklich Gottes Willen entspricht, will aber doch etwas tun, also spricht sie mit Ruth, die zuerst aus Bescheidenheit protestiert, sich aber dann doch für die Vorstellung gewinnen lässt, Boas‘ Frau zu werden. Noomi lässt sie sich hübsch machen und schickt sie zu der Tenne, auf der Boas und seine Knechte nach dem Ende der Ernte das Getreide dreschen und wo sie während dieser Tage auch übernachten. Als die Männer schlafen, legt sich Ruth zu Boas‘ Füßen, und als er aufwacht, spricht sie mit ihm und bittet ihn, ihr Löser zu sein. Boas zögert.

„Er wollte sie an sich ziehen, sie seiner Liebe vergewissern. […] Er wollte nichts lieber, als sie zu seiner Frau nehmen – aber war dies Gottes Wille?“ (S. 305)

Er erzählt ihr von dem anderen Verwandten, der zuerst gefragt werden müsse, und verspricht ihr, gleich am nächsten Tag mit diesem zu reden, und sie zu heiraten, wenn der sie nicht will. Bevor die Knechte aufwachen, geht Ruth wieder.

William de Brailes - Top - Ruth Meets Boaz as she gleans (Ruth 2 -4-16) - Walters W10618R - Full Page.jpg

(Ruth und Boas in einer Buchmalerei, ca. 1250. Gemeinfrei.)

Der andere Verwandte, den Boas am nächsten Tag im Stadttor vor den Stadtältesten abfängt, und der bereits eine erste Frau und eigene Kinder hat, will Ruth tatsächlich nicht heiraten, da er geizig ist und nicht einen Teil seines Erbes an einen Sohn fallen lassen möchte, der Machlon zugerechnet werden würde. Ruth und Noomi sind auch zum Tor gekommen, und Ruth ist erleichtert, als der ihr fremde und eher unsympathische Mann auf diese Weise antwortet. Also heiraten Ruth und Boas noch dort im Tor und dann wird ein großes Hochzeitsfest veranstaltet. Wir bekommen am Ende des Kapitels ein bisschen Romantik bei Ruth und Boas im Brautgemach, wo Ruth zu Boas sagt, dass sie nicht nur zu ihm gekommen sei, weil Noomi sie geschickt habe, und dass sie sehr darauf gehofft habe, dass er sie heiraten werde. Über Boas heißt es, dass er Noomi früher „nicht so tief geliebt [hatte], wie er diese junge Frau liebte“ (S. 319). Neun Monate später bekommt Ruth einen Sohn, der Obed genannt wird.

Damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein, aber die Autorin wollte offenbar noch ein bisschen Spannung vor dem Abschluss hineinbringen und so bekommen wir noch ein letztes Kapitel, in dem es darum geht, dass Ruth und Boas beide sehr ineinander verliebt sind, sich aber immer noch nicht so ganz der Gefühle des jeweils anderen sicher sind; der unsichere Boas hält unnötigen Abstand von seiner Frau und ist selten zu Hause, und Ruth glaubt deshalb auch, er habe sie nur aus Pflichtgefühl geheiratet. So muss erst Noomi die beiden dazu bringen, mal ordentlich miteinander zu reden, und dann wird alles gut und ihre Ehe ganz glücklich und wir haben unser Happy End.

Etwas abschließende Kritik:

Zwischendurch bringt die Autorin kurze Dialoge zwischen Boas‘ Knechten oder Mägden oder den Leuten am Brunnen oder Stadttor von Bethlehem unter, aus denen deutlich wird, wie Ruth anfangs wegen ihrer Herkunft verachtet wird, allmählich aber den Respekt der Leute gewinnt. Dieses Stilmittel ist eine gewisse Abwechslung zu den zwei anderen Romanen, aber besonders begeistert hat es mich nicht. Auch die Leute von Bethlehem sind sehr holzschnittartig geraten.

Die Details der Geschichte würden oft eher in Jesu Zeit oder noch spätere Epochen passen als in die frühe Eisenzeit. Die Autorin hat einfach heutige jüdische Hochzeitsbräuche (Brautschleier, Brauthimmel etc.) oder solche aus Jesu Zeit (der Gastgeber stellt Festgewänder für die Gäste zur Verfügung, Brautjungfern begleiten die Braut beim Hochzeitszug, etc.) übernommen; in Bethlehem gibt es eine Synagoge (in der Richterzeit existierte noch nicht einmal der Jerusalemer Tempel); der Schmuck, den Boas Ruth zur Hochzeit gibt, wirkt viel zu üppig für diese Zeit und dieses Milieu; auf der Straße, auf der Ruth und Noomi nach Bethlehem ziehen, sind etliche Karawanen mit Reisenden und Händlern unterwegs, obwohl das 12. Jahrhundert v. Chr. tatsächlich eine Krisenzeit war, in der Städte und Handel verfielen. „Die Antike“ oder „Früher(TM)“ ist nun einmal keine einheitliche Zeit. Immer wieder fällt einem auf: Die Autorin hat einfach schlampig gearbeitet.

Sie macht mich aber auch deshalb sauer, weil viele ihrer intendierten Botschaften absolut gut und richtig sind, sie sie in diesen Büchern aber so uninspiriert und over the top herüberbringt, dass einem jede Lust vergeht, sich nach ihren Mahnungen zu richten. Ja, sich in eine glaubensferne Umgebung zu begeben, kann einen mit der Zeit ziemlich negativ beeinflussen. Ja, Gott ist wichtiger als alle Besitztümer. Ja, man soll auf Gottes Verheißungen vertrauen. Natürlich. Klar. Ich hab’s kapiert!

Die Beziehungsratschläge – es kommt auf die inneren Werte an, Verliebtheit ist noch nicht gleich Liebe, man sollte darauf achten, sich einen wirklich gläubigen Ehepartner auszusuchen – sind prinzipiell auch sehr gut, und entsprechen so ziemlich dem, was in christlichen Kreisen regelmäßig gesagt wird – wobei ich freilich gegenüber einer Beziehung mit einem solchen Altersunterschied wie hier um einiges skeptischer wäre, als es die Autorin offenbar ist.

Beim nächsten Mal zu Batseba.

2 Gedanken zu “Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 3: Ruth

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