Was ist eigentlich Liebe?

Was ist eigentlich Liebe? Ach ja. Ein Begriff über den viel geredet wird, und der für allen möglichen Unsinn herhalten muss – und ein Begriff, der, richtig definiert, unheimlich wichtig ist.

Die Liebe ist die Grundlage des Christentums – und zwar zuallererst die Liebe, die Gott zu uns hat und aus der heraus Er Mensch geworden ist. Die macht uns dann erst fähig, Gott zurück zu lieben, und andere Menschen zu lieben wie uns selbst. Man müsste eigentlich viel mehr über Gottes Liebe zu uns schreiben (und dann auch über die Liebe, die wir Gott schulden), aber das versuche ich ein anderes Mal; heute will ich mich erst einmal auf die zwischenmenschliche Liebe konzentrieren. Im Evangelium heißt es: „Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn [Jesus] versuchen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt 22,35-40)

„Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ – Joh 15,13. (Buchillustration, 12. Jahrhundert. Gemeinfrei.)

Das Wort „Liebe“ wird manchmal verwendet für die Zuneigung zum Vertrauten, die Bindung zu den Menschen und Dingen, zu denen man gehört – der Familie, dem Zuhause; es wird auch verwendet für das Angezogensein von Menschen und Dingen, die man bewundert oder mag – da sind wir im Bereich von Freundschaft, romantischer Liebe, der Freude über neu entdeckte Dinge. Manchmal vermischen sich diese beiden Arten Liebe – z. B. bei der Liebe zum Ehepartner, der Familie ist und den man sich mal ausgesucht hat, weil er einem gefallen hat. Beide Arten von Liebe sind gut, und wichtig, aber sie sind noch nicht Liebe im Vollsinn und sie kommen nicht ohne diese Liebe im Vollsinn aus.

Liebe im Vollsinn, Liebe im Sinne des lateinischen „caritas“ oder des griechischen  „agape“, im Sinne dessen, was man oft als „christliche Nächstenliebe“ bezeichnet, bedeutet ganz einfach ein Bejahen der Existenz des anderen, ein grundsätzliches Wohlwollen ihm gegenüber. Diese Liebe sagt: Ich will, dass du bist. Du bist keine Platzverschwendung, du sollst sein. Sie bedeutet: Dem anderen Gutes wollen. Diese Liebe schuldet jeder Mensch jedem Menschen, anders als die beiden oben genannten Arten von Liebe – man kann und muss nicht jeden sympathisch finden oder mit jedem befreundet sein, aber man muss jeden lieben. Ja, ausnahmslos jeden. „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?“ (Mt 5,43-47)

Aber keine Angst. Die Feindesliebe ist gar nicht so schwer, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Diese Liebe verträgt sich z. B. schon mit dem Wunsch, jemanden, der ein Verbrechen begangen hat, dafür (im rechten Maß!) bestraft sehen zu wollen. Womit sie sich nie verträgt, ist: Jemanden auf ewig in die Hölle zu wünschen; ihm für etwas, das er bereut, nicht vergeben zu wollen; ihm etwas Ungerechtes, Unverdientes zu wünschen oder anzutun.

Die Feindesliebe zu, sagen wir, (um nicht immer völkermordende Diktatoren als Beispiele herzunehmen, mit denen die meisten von uns wenig zu tun haben werden) einem Verbrecher, der einen auf der Straße brutal niedergeschlagen und ausgeraubt hat, kann sehr wohl so aussehen, dass man wünscht, dass er gefasst wird, dass er ein paar Jahre ins Gefängnis kommt, damit die Gerechtigkeit wiederhergestellt ist und er etwas draus lernt, dass er bereut und sich bessert und dass er am Ende zusammen mit einem in den Himmel kommt. Die Feindesliebe zu einem Partner, der einen immer wieder misshandelt hat, dann immer wieder beteuert hat, es käme nicht mehr vor, nur um einen dann doch wieder zu tyrannisieren und zuzuschlagen, kann sehr wohl so aussehen, dass man sich trennt, seinen Entschuldigungen nicht mehr traut und jeden Kontakt abbricht, um sich zu schützen; und dass man wünscht, dass er bereut und sich bessert und dass er am Ende zusammen mit einem in den Himmel kommt. (Auf Gerechtigkeit zu bestehen ist vielleicht sogar für den anderen in solchen Situationen am besten, weil er dann, wenn seine Opfer sein Handeln nicht mehr hinnehmen, sich wirklich gezwungen sehen könnte, sich zu ändern, was seiner Seele guttäte. Aber selbst, wenn das nicht der Fall wäre: Die Feindesliebe verbietet es nicht, eine gewisse Gerechtigkeit zu wollen oder sich selbst vor jemandem zu schützen. Die Liebe zu sich selbst verträgt sich ja auch damit – und zwar sehr gut damit – dass man, wenn man ein Unrecht begangen hat, eine gerechte Strafe dafür auf sich nimmt.) Man denke hier auch an Stephanus und Paulus, die jetzt beide als Heilige gemeinsam bei Gott sind, obwohl der eine dabei geholfen hat, den anderen zu ermorden. Im Diesseits ist noch keiner so verhärtet, dass er unwiderruflich verloren wäre und jede Hoffnung für ihn sinnlos wäre. (Wir können wohl davon ausgehen, dass der Tod für jemanden dann kommt, wenn Gott sieht, dass eine weitere Bewährungszeit nichts Grundsätzliches mehr für ihn ändern würde.)

Der Liebe entgegengesetzt ist nicht nur der Hass, sondern auch Verachtung oder völlige Gleichgültigkeit. Liebe ist etwas Positives, nicht nur ein bloßes in-Ruhe-Lassen (auch wenn sie das manchmal auch bedeutet – doch, ja), sie erfordert manchmal Anstrengung und Kraft. Sie bedeutet: über sich hinausschauen, andere wahrnehmen und achten, sehen, wer sie sind, was sie bewegt, was sie brauchen, sich selber auch mal klein machen und ihnen den Vortritt lassen, sie bedeutet Interesse an anderen und Verantwortung für sie, Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit, Dankbarkeit.

Liebe richtet auf, statt zu zerstören. Sie ist nicht damit beschäftigt, zu dekonstruieren und zu verreißen – manchmal muss sie das in Bezug auf falsche Illusionen etc. zwar tun, aber das ist nicht das, was ihr eigentlich liegt.

Die Faustregel „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!“ (Mt 7,12) ist meistens ziemlich hilfreich, wenn man sich darüber klar werden will, was die Liebe zu anderen erfordert; außer natürlich wenn, was ja auch vorkommen kann, jemand einen destruktiven, verächtlichen Hass gegenüber sich selber hegt und auch sich selber nichts Gutes tun würde. Solcher Selbsthass ist ebenfalls der Liebe entgegengesetzt; man soll jedem Menschen mit diesem grundsätzlichen Wohlwollen begegnen, anderen und auch sich selbst.

Liebe ist nichts Widervernünftiges (und Vernunft nichts Liebloses!). Im Johannesevangelium heißt es „und das Wort war Gott“ – das hier gebrauchte griechische Wort für „Wort“, „logos“, heißt auch „Vernunft,“ – und im 1. Johannesbrief „Gott ist die Liebe“: Gott ist Vernunft und Liebe zugleich. Es entspricht der Vernunft, die Geschöpfe, die Gott gut geschaffen hat (wenn sie auch später gefallen und teilweise verdorben sind), zu lieben. Liebe bedeutet, einen anderen so zu sehen, wie Gott ihn gewollt hat; sehen, dass er etwas wert ist, dass er Gutes  an sich hat, dass er, wenn er schon kein guter Mensch ist, zumindest gut sein könnte.

Liebe will den anderen als guten Menschen sehen. Sie freut sich auch über seine sonstigen Errungenschaften oder Eigenschaften, Erfolg oder Klugheit oder von ihm geschaffene Dinge, aber vor allem will sie ihn als guten Menschen sehen. Liebe kann sich nicht daran freuen, wenn ein geliebter Mensch (zum Beispiel) glücklich dabei ist, luxuriös zu leben, indem er alte Leute mit Enkeltrickbetrug ausnimmt.

Es gibt bekanntlich die alte Formel „die Sünde hassen, den Sünder lieben“, die vom hl. Augustinus stammt. Das ist keine praktisch eh nicht durchführbare Haarspalterei, sondern die Grundlage, um überhaupt lieben zu können. Man liebt das Schlechte am anderen nicht – man liebt ihn trotz des Schlechten, und man will, auch um seinetwillen, dass das Schlechte an ihm verschwindet. Eben genau dieselbe Einstellung, die man auch sich selbst gegenüber normalerweise hegt bzw. hegen sollte.

C. S. Lewis schreibt dazu: „Lange kam mir das wie Haarspalterei vor. Wie können wir die Handlungen eines Menschen hassen, nicht aber den Menschen selbst? Jahre später erst ging mir auf, dass es einen Menschen gab, den ich schon immer auf diese Weise behandelt hatte: nämlich mich selbst. So sehr ich meine Feigheit, meine Eitelkeit oder meine Habgier auch verabscheute, ich hörte nicht auf, mich selbst zu lieben. Da hatte es nie Probleme gegeben. Mehr noch, ich verabscheute diese Dinge, gerade weil ich den Mann liebte. Eben weil ich mich liebte, tat es mir weh, immer wieder mitansehen zu müssen, zu welchen Taten ich fähig war. Das Christentum verlangt von uns aber nicht, den Abscheu über Grausamkeit oder Verrat zu unterdrücken oder auch nur im mindesten abzuschwächen. Wir sollen und dürfen beides hassen. Wir brauchen kein einziges Wort zurückzunehmen.“ (Aus: „Pardon, ich bin Christ“ (Originaltitel „Mere Christianity“), Teil III, Kapitel 7.)

Auch der hl. Thomas von Aquin schreibt: „Ich antworte, gemäß ihrer Natur, nach der sie die Seligkeit genießen können, seien die Sünder zu lieben; denn die gemeinschaftliche Grundlage der heiligen Liebe ist die ewige Seligkeit; — gemäß der Schuld aber, die ein Hindernis bildet für die Seligkeit, seien sie aus dem gleichen Grunde zu hassen; selbst wenn es Vater, Mutter etc. wäre, wie Luk. 14. geschrieben steht. Daß sie also Sünder sind, müssen wir in ihnen hassen; daß sie Menschen sind, in heiliger Liebe lieben.“ (Summa Theologiae, II/II 25,6)

Liebe ist keine bloße Emotion – und man kann sehr wohl jemanden lieben, indem man ihm praktisch Liebe zeigt, auch wenn man nicht viele nette Gefühle für ihn hegt. Gerade dann ist es wertvoll, jemandem Gutes zu tun, wenn man ihn nicht sympathisch finden kann. Wobei positive Emotionen natürlich oft hilfreich sind, wenn man zu jemanden gut sein will.

Sie ist auch nichts Gesetzloses oder Widergesetzliches – im Gegenteil, sie ist die Grundlage des göttlichen Gesetzes, nicht ein Vorwand zu dessen Umgehung. „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ (Joh 14,15). Sie bedeutet Harmonie und Ordnung, Treue und Verlässlichkeit und das Einhalten von Versprechen. Ja, dazu gehört an prominenter Stelle das Eheversprechen. („Die Gefühle sind irgendwie weg“ ist kein ausreichender Grund für eine Trennung. Man hat sich Liebe und Treue versprochen, in guten wie in schlechten Tagen, und das kann man immer noch halten. Erst recht nicht ist „Liebe“ ein ausreichender Grund, um seinen Partner mit jemand Neuem zu betrügen. (Diese Art „Liebe“ beruht meistens sowieso nicht auf mehr als Hormonen und Einbildung.))

Liebe ist nicht parteiisch und nicht blind. Liebe leugnet die Fehler eines geliebten Menschen nicht einfach und ignoriert sie auch nicht, wenn sie entsprechend groß sind.

Damit ist sie meistens genau das, was sogenannte „Liebesromane“ nicht unter „Liebe“ verstehen. Ein Beispiel aus einem der klassischen Schundromane, Band 2 der Twilight-Reihe (ich bitte alle christlichen Leser, mich nicht für meine Jugendsünden zu verurteilen!); an einer Stelle denkt sich die Hauptfigur in Bezug auf ihren Guter-Vampir-(derzeit-Ex)-Freund, dass sie ihn selbst dann geliebt hätte, wenn er ein Mörder gewesen wäre: „Aber wenn es so gewesen wäre? Wenn er sich, während ich ihn kannte, genauso verhalten hätte wie jeder andere Vampir? Wenn Menschen im Wald verschwunden wären, genau wie jetzt? Hätte ich mich dann  von ihm ferngehalten? Ich schüttelte traurig den Kopf. Liebe ist irrational, dachte ich wieder. Je mehr man jemanden liebte, desto unlogischer wurde alles.“ Nö. Genau das ist nicht Liebe. Sondern eine ziemlich abstoßende Blindheit.

Serien und Filme und Romane arbeiten ja auch gerne mit dramatischen Gewissensdilemmata, mit Situationen, in denen die Hauptfigur, erpresst durch einen Verbrecher, irgendeinem Fremden etwas antun soll, damit der Verbrecher einem geliebten Familienmitglied, das er entführt hat, nichts antut, oder etwas in der Art. Das Resultat ist dann meistens, dass derjenige das tut, weil, aus Liebe kann er halt nicht anders, oder so. Aber, doch, er könnte. Und die speziell dem Familienmitglied geschuldete Liebe berechtigt ihn nicht dazu, dem Fremden etwas anzutun. Dem schuldet er nämlich auch eine gewisse Liebe. Sicher ist man zuerst für die „Nächsten“, für die einem am nächsten Stehenden, verantwortlich, aber das heißt nicht, dass andere nicht zählen. Und wenn etwa, um ein anderes Beispiel zu nehmen, der eigene Sohn ein Verbrechen begangen hat, verbietet es die allen Menschen geschuldete Liebe zu den Opfern des Verbrechens, ihn zu decken – und die Liebe zu ihm gebietet es, ihn später im Gefängnis zu besuchen oder zumindest für ihn zu beten.

Liebe bedeutet Gerechtigkeit und Barmherzigkeit – beides. Sie bedeutet nicht einfach die Vernachlässigung der Gerechtigkeit im Namen der Barmherzigkeit – das wäre dann meistens Ungerechtigkeit. (Ein etwas banales Beispiel, das man oft in einem Kindergarten sehen kann: Kind 1 hat Kind 2 sein Spielzeug weggenommen und die erschöpfte Erzieherin fordert Kind 2 auf, doch einfach lieb zu sein und das Spielzeug Kind 1 zu überlassen; das wird Kind 2 vermutlich nicht besonders freundlich gegenüber Kind 1 stimmen und ihm nur das Gefühl geben, „Liebe“ sei ein Vorwand, um andere zu überreden, Ungerechtigkeit hinzunehmen; und auch Kind 1 wird nicht lernen, was Teilen und Liebe bedeutet.) Sie bedeutet aber auch nicht einfach nur harte Gerechtigkeit; immer wieder ist auch die Zeit da, einfach ungeschuldetermaßen barmherzig und vergebend zu sein und über das hinauszugehen, was jemand verdient. (Barmherzigkeit ist per definitionem unverdient.) Vor allem muss, bevor es Barmherzigkeit geben kann, ein Unrecht als solches anerkannt werden – wenn jemand ein Unrecht mir gegenüber zugibt, ist es an der Zeit, sich mit ihm zu auszusöhnen, aber solange er sich weigert, das zu sehen, würde immer etwas zwischen einem stehen und man könnte nur Waffenstillstände miteinander schließen statt wirklichen Frieden.

In christlichen Kreisen, besonders in amerikanischen christlichen Kreisen, ist in den letzten Jahren ja gerne davon gesprochen worden, dass Liebe nicht nur nett und duldsam ist, sondern auch „tough love“ bedeuten kann, also auch streng sein kann und harte Tatsachen nicht unter den Teppich kehren wird. Das stimmt auch. Aber Liebe wird sich trotzdem oft durch Güte, Milde, Geduld, Freundlichkeit äußern; und „tough love“ sollte nicht als Entschuldigung herhalten, um sich ekelhaft aufzuführen. Auch, wenn sie manchmal nötig sein sollte.

 

So weit mal einige Überlegungen. Aber am besten hat natürlich immer noch der hl. Paulus ausgedrückt, was Liebe ist:

„Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib opferte, um mich zu rühmen, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts. Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf. Prophetisches Reden hat ein Ende, Zungenrede verstummt, Erkenntnis vergeht. Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war. Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“ (1 Kor 13)

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Was glaubten, wie lebten die frühen Christen? Fragt sie doch selber!

Die Urkirche, die ersten Christen, diejenigen, die noch die römischen Christenverfolgungen erlebten, sind häufig Projektionsfläche für Träume von einer reinen, idealen Kirche gewesen. Die Reformatoren traten mit dem Anspruch auf, zur Reinheit des Urchristentums zurückzukehren; ähnlich die Mormonen; sogar unreligiöse Menschen (etwa die sich selbst als „Aufklärer“ bezeichnenden Religionsfeinde des 18. Jahrhunderts) vertreten oft ein ähnliches Konzept und meinen, die ersten Christen hätten Jesus nur als Weisheitslehrer verehrt und man hätte ihn erst irgendwann später zum Gott erklärt. Kurz gesagt: Die ersten Christen hatten genau das geglaubt, was man selbst durchsetzen wollte, aber irgendwann war diese reine Lehre verloren gegangen. Vermutlich mit Konstantin, oder so?

Das Problem ist nur: Wir können nachprüfen, was die frühen Christen glaubten. Wir haben da nämlich einige Quellen, die im öffentlichen Bewusstsein überhaupt nicht auftauchen. Und wenn die Kirche irgendwann von der reinen Bahn abgekommen sein sollte, müsste man davon ja Spuren in diesen Quellen entdecken – einen Bruch in der Lehre, Leute, die gegen diesen Bruch protestieren, usw. (Und genau das findet sich nicht.)

Okay. Was sind das jetzt im Einzelnen für Quellen?

Zunächst mal sind die biblischen Quellen selber ergiebiger, als viele Leute, die sich mit der Bibel nicht auskennen, auf Anhieb meinen würden. Da haben wir die vier Evangelien, die von Jesus berichten, und die vom Evangelisten Lukas verfasste Apostelgeschichte, die die Geschichte der frühen Kirche erzählt; diese Schriften sind ihrem Anspruch nach Geschichtswerke (wie Lukas in seinem Vorwort sehr deutlich macht); das Genre der Evangelien ist das der antiken Biographie, die von der Vorgeschichte und Geburt, den bedeutenden Taten, dem Tod und dem Nachleben berühmter Männer erzählt, nicht etwa das des Mythos. Lukas bricht die Apostelgeschichte noch vor dem Tod des Paulus in Rom abrupt ab, was den Schluss nahelegt, dass sie zu genau dieser Zeit, Anfang der 60er, verfasst wurde; das vorher niedergeschriebene Lukasevangelium wäre dann um 60 entstanden, das Markus- und das Matthäusevangelium noch ein wenig zuvor; sie sind also alle noch ziemlich nah an Jesus dran. (Jesus wurde um das Jahr 30 gekreuzigt.) Diese drei Evangelien werden oft erst auf die Zeit nach 70 n. Chr. datiert, was aber auch nicht viel später ist, und wofür sowieso der einzige Anhaltspunkt ist, dass Jesus in diesen Texten die Zerstörung des Jerusalemer Tempels, die im Jahr 70 geschah, vorhersagt; die Datierung funktioniert also nur, wenn man von vornherein davon ausgeht, dass Jesus nichts vorhersagen oder auch nur vorausahnen konnte. Das Johannesevangelium ist relativ spät entstanden, um 90. Auch die drei Johannesbriefe und die Offenbarung des Johannes sind Ende des 1. Jahrhunderts entstanden. Der erste der Paulusbriefe, der 1. Brief an die Thessalonicher, wurde um 50 geschrieben, also erst zwanzig Jahre nach der Kreuzigung Jesu. Bei sieben der vierzehn Paulusbriefe, dem Jakobus- und dem Judasbrief und bei den beiden Petrusbriefen ist die Echtheit umstritten, sie werden oft aufs späte 1. oder frühe 2. Jahrhundert datiert. Ich könnte jetzt hier länger ausführen, warum ich den Forschern folge, die sie für echt und älter halten, aber belassen wir es für heute mal dabei; jedenfalls datiert kein heutiger Exeget irgendeine biblische Schrift später als das Jahr 120, und alle sind sich einig, dass einige aus den 50ern des 1. Jahrhunderts stammen. Die Briefe bieten einen direkten Einblick in die frühen Gemeinden, ihre Konflikte, ihre Überzeugungen, das, was ihnen an Jesus am wichtigsten war. Eigentlich wäre schon viel gewonnen, wenn jeder, der etwas über die ersten Christen wissen will, einfach mal, sagen wir, das Markusevangelium, den um 55 n. Chr. verfassten 1. Korintherbrief und den um 60 verfassten Philipperbrief von vorne bis hinten lesen würde. (Zu dieser Zeit lag die Kreuzigung Jesu etwa so lange zurück wie von uns aus betrachtet der Mauerfall.)

Aber die biblischen Schriften sind ja immerhin noch einigermaßen bekannt. Dann gibt es aus dem späten 1. und frühen 2. Jahrhundert auch noch folgende christliche Quellen, die kaum einer kennt (die deutschen Übersetzungen der vollständigen Texte sind verlinkt) :

  • Der (1.) Clemensbrief, ein Brief des 4. Bischofs von Rom (nach Petrus, Linus und Cletus) an die Gemeinde von Korinth, wurde ca. 95 n. Chr. geschrieben; der Anlass war ein Konflikt in der dortigen Gemeinde.
  • Die Didache, auch Zwölfapostellehre genannt, ist eine Kirchenordnung, die ungefähr um 100 n. Chr. entstanden ist, sie enthält z. B. Aussagen über christliche Gebote und Gottesdienste.
  • Die sieben Briefe des hl. Ignatius von Antiochia wurden von diesem Bischof um 107 n. Chr. auf dem Weg von Antiochia nach Rom geschrieben, wohin er für seinen Prozess gebracht wurde, weil er als Christ angeklagt war, und wo er dann den Märtyrertod starb. Er schrieb an sechs Gemeinden sowie an Bischof Polykarp von Smyrna.
  • Kurz darauf ist der Brief Polykarps an die Gemeinde von Philippi entstanden.
  • Der Barnabasbrief wurde von manchen antiken Christen dem Apostel Barnabas zugeschrieben, was aber zweifelhaft ist. Er muss nach 70 n. Chr. entstanden sein, aber noch vor 132 n. Chr.
  • Dann wäre da eine Art Privatoffenbarung, in der es hauptsächlich um die Buße geht, der „Hirte des Hermas“, aufgezeichnet von einem römischen Christen namens Hermas. Von manchen Christen wurde sie noch in apostolische Zeit datiert; der Kanon Muratori (s. u.) datiert sie jedoch in die Zeit Papst Pius‘ I. (140-155).
  • Aristides von Athen war einer der ersten christlichen Apologeten; er schrieb seine Apologie, d. h. seine Verteidigung des Christentums, zur Zeit von Kaiser Hadrian oder Antoninus Pius.
  • Um oder vor 150 entstand der sog. 2. Clemensbrief, der aber nicht von Papst Clemens stammt, dem er manchmal zugeschrieben wurde.

Die Autoren dieser Texte (gut, Aristides zählt man bei der Bezeichnung meistens nicht mit) bezeichnet man auch als die „Apostolischen Väter“.

Den christlichen, besonders den biblischen, Quellen wird aber ja gerne vorgeworfen, parteiisch zu sein, nur eine Seite zu zeigen, ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, und daher nicht verlässlich zu sein. Das ist ein wenig stichhaltiger Vorwurf; ausnahmslos jede Quelle, mit der Historiker zu tun haben, ist parteiisch und verfolgt ein bestimmtes Ziel. Das heißt nicht, dass sie automatisch lügen würde und erst recht nicht, dass man aus ihr nicht wichtige Informationen entnehmen könnte. Es stellt sich ja auch die Frage: Wieso waren die Autoren dieser Texte überhaupt Christen? Wieso glaubten sie an Jesus und schrieben über Ihn? Irgendetwas musste sie überzeugt haben. Das gleiche gilt etwa, wenn Plato über Sokrates schreibt.

Aber halt! Wir haben sowieso auch noch folgende heidnische und jüdische Quellen aus dem späten 1. und frühen 2. Jahrhundert:

  • Plinius der Jüngere, der zwischen 109 und 113 n. Chr. Statthalter in Bithynien in Kleinasien war, schrieb einen Brief an Kaiser Trajan, um zu fragen, ob er bei Prozessen gegen Christen, die er hatte foltern und hinrichten lassen, richtig gehandelt hatte. Auch Trajans Antwort ist erhalten.
  • Der römische Historiker Tacitus erwähnt in seinen Annalen, die er zwischen 110 und 120 n. Chr. veröffentlichte, die Christenverfolgung unter Nero (64 n. Chr.) und nimmt Bezug auf die Hinrichtung Jesu unter Pontius Pilatus.
  • Auch Sueton (um 70 – nach 122), der allerdings mehr Klatschreporter als Historiker war und nicht einmal den Titel „Christus“ richtig schreibt, erwähnt Christus, das Judenedikt des Claudius (49 n. Chr.) und die Neronische Verfolgung in seinen Kaiserbiographien am Rande.
  • Flavius Josephus, ein Jude, der am jüdischen Aufstand 66-70 n. Chr. teilgenommen, sich dann aber den Römern ergeben und mit ihnen zusammengearbeitet hatte, schrieb später in Rom über diesen Krieg und über die jüdische Geschichte im Allgemeinen. Sein 20-bändiges Werk „Jüdische Altertümer“ beendete er im Jahr 94. Er erwähnt darin auch Johannes den Täufer, Jesus und den Herrenbruder Jakobus. Leider wurde die Stelle über Jesus offensichtlich von einem späteren christlichen Fälscher bearbeitet – danke für nichts, Fälscher -, aber die meisten Historiker meinen, dass da auch ursprünglich etwas über Jesus stand und nur ein paar Sätze eingefügt wurden.

Soweit die Quellen aus der Zeit, als nur noch ein Apostel lebte (Johannes, der um 100 in hohem Alter starb) bzw. der Zeit, die direkt auf die apostolische Zeit folgte. (Zum Vergleich: Um 100 oder 110 n. Chr. lag die Kreuzigung so weit in der Vergangenheit wie von uns aus gesehen der Zweite Weltkrieg.)

Ab der Mitte des 2. Jahrhunderts werden die Quellen noch einmal häufiger, und auch länger. Da haben wir etwa Folgendes an christlichen Quellen.

  • Justin der Märtyrer / der Philosoph (ca. 100-165) war ein zum Christentum bekehrter Platoniker und Gründer einer christlichen Schule, der unter Kaiser Mark Aurel in Rom hingerichtet wurde. Er verteidigt in seinen Schriften das Christentum gegen seine Gegner: Die erste und die zweite Apologie sind an die Heiden gerichtet, der Dialog mit Tryphon an die Juden.
  • Irenäus von Lyon (um 135 – um 200) war Bischof in Lugdunum, dem heutigen Lyon, und ein Schüler des oben erwähnten Polykarp von Smyrna, der ein Schüler des Apostels Johannes war. Sein wichtigste erhaltenes Werk hat den Titel „Gegen die Häresien“.
  • Dann gibt es die sog. Märtyrerakten: Berichte über die Martyrien herausragender Christen. Über Polykarp von Smyrna, der 155 als sehr alter Mann hingerichtet wurde, verfasst von seiner Gemeinde. Über den oben erwähnten Justin und seine Gefährten. Über die Scilitanischen Märtyrer, die am 17. Juli 180 in Karthago in Nordafrika verurteilt und hingerichtet wurden. Über die Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike. Über den heiligen Apollonius, der zur Zeit des Kaisers Commodus (180-192) zum Märtyrer wurde. Über die vornehme Perpetua und ihre Sklavin Felicitas, die im Jahr 203 in Karthago hingerichtet wurden. Über den heiligen Cyprian von Karthago, im Jahr 258 hingerichtet. Über Pionius und seine Gefährten, die während der Verfolgung unter Decius (249-251) zu Märtyrern wurden.
  • Ein frühes Glaubensbekenntnis, das wohl aus der Zeit um 160-170 stammt, ist noch in äthiopischer Übersetzung erhalten; es enthält die Worte (spätere Hinzufügungen in eckigen Klammern) : „An den Vater, den Herrscher über das All, und an Jesus Christus, [unseren Erlöser,] und an den Heiligen Geist, [den Beistand,] und an die heilige Kirche, und an die Vergebung der Sünden“. (Quelle: Denzinger-Hünermann 1)
  • Der Kanon Muratori ist eine fragmentarisch erhaltene Aufzählung von Büchern des Neuen Testamentes, die dem Verfasser als kanonisch galten und in der Kirche verlesen wurden. Er stammt aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts. Der Text erwähnt auch den Hirten des Hermas, der aber nicht als kanonisch gelten soll, und enthält Informationen über die Evangelisten Lukas und Johannes.
  • Athenagoras von Athen war ein christlicher Apologet aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts, der das Christentum in seiner „Bittschrift für die Christen“ und seiner Schrift „Über die Auferstehung der Toten“ gegen heidnische Vorwürfe verteidigte.
  • Theophilus von Antiochia war der sechste Bischof dieser Stadt und starb um 183; er hinterließ eine Schrift mit dem Titel „An Autolykus“, in der er darlegt, wieso man Christ sein sollte.
  • Tatians „Rede an die Griechen“ stammt ebenfalls aus dieser Zeit; Tatian war allerdings jemand, der sich in seinem späteren Leben nicht so ganz rechtgläubgen Lehren zuwandte.
  • Die Datierung des Briefs an Diognet, noch einer apologetischen Schrift, ist nicht ganz klar; er dürfte auch etwa ins 2. Jahrhundert fallen, vielleicht auch ins frühe 3.
  • Minucius Felix schrieb um 200; er verteidigt in dem Dialog „Octavius“ ebenfalls das Christentum gegen seine Gegner.
  • Origenes (ca. 185-254) war ein sehr gelehrter Theologe aus Alexandria – und auch eine etwas schillernde Gestalt. Er soll sich als junger Mann selbst kastriert haben und geriet gegen Ende seines Lebens mit der Kirchenhierarchie in Konflikt, weil er an die Allerlösung und ein paar andere heterodoxe Lehren glaubte. Er wurde während einer Christenverfolgung gefoltert und starb später an den Folgen. Von ihm sind zahlreiche Werke erhalten; eins der bekanntesten ist „Gegen Celsus“ (248 veröffentlicht), in dem er sich mit einer antichristlichen Schrift des Philosophen Celsus (um 178 veröffentlicht) auseinandersetzt. Des weiteren wären da zum Beispiel „Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft“, „Ermahnung zum Martyrium“ und „Vom Gebet“.
  • Tertullian, der aus Karthago stammte und nach 220 starb, war ebenfalls ein bekannter Theologe, von dem viele Werke erhalten sind. Er schloss sich gegen Ende seines Lebens der rigoristischen, Neuoffenbarungen für ihre Propheten beanspruchenden Sekte der Montanisten an. Hier finden sich einige seiner Werke.
  • Hippolyt von Rom (gestorben 235) war der allererste Gegenpapst (d. h. jemand, der sich wegen eines Konflikts in der römischen Kirche als Bischof von Rom aufstellen ließ, obwohl es schon einen Bischof gab); und da er sich wieder mit dem rechtmäßigen Papst aussöhnte, als beide gemeinsam ins  Bergwerk nach Sardinien verbannt wurden, wurde er der erste und einzige heilige Gegenpapst. Sein bekanntestes Werk ist eine Kirchenordnung, die Traditio Apostolica (ich habe online leider den vollständigen Text nicht gefunden). Aber auch weitere Werke sind erhalten.
  • Cyprian von Karthago wurde, wie oben schon erwähnt, im Jahr 258 zum Märtyrer. Hier finden sich einige seiner Werke. Besonders interessant sind seine Briefe; er schrieb auch einige an Papst Cornelius den I., und zwei Briefe von Cornelius an ihn sind auch erhalten.
  • Es gibt noch ein paar weitere Papstbriefe aus dem 3. Jahrhundert, von denen teilweise nur sehr knappe Fragmente erhalten sind, etwa von Stephan I.
  • Es gäbe noch mehr christliche Schriftsteller zwischen dem 2. und dem Beginn des 4. Jahrhunderts, etwa Julius Africanus, der eine Weltchronik verfasste, Clemens von Alexandria, Pontius Diaconus und Arnobius Major; diese Liste war nur eine Auswahl der bekanntesten.

Dann gäbe es noch zahlreiche archäologische Quellen. Hier etwa haben wir ein spöttisches Graffito aus Rom aus dem 2. Jahrhundert, auf dem jemand vor einem Gekreuzigten mit einem Eselskopf steht; dabei steht auf Griechisch: „Alexamenos sebete [grammatikalisch richtig müsste es „sebetai“ heißen] theon“, also: „Alexamenos betet (den/seinen) Gott an.“ Die Christen beteten Jesus, den Gekreuzigten, wirklich als Gott an, wofür die Heiden sie verspotteten.

Bei Ausgrabungen unter dem Petersdom in Rom wurden zahlreiche christliche Gräber gefunden, und da haben wir Fresken und kunstvoll gestaltete Särge, die einiges über die Vorstellungen der Christen dieser Zeit verraten; da sind zum Beispiel biblische Szenen dargestellt. Auch an der Stelle, an der man das Petrusgrab vermutet hatte, wurde etwas gefunden: Eine kleine Ädikula (eine Art Schrein oder Nische) aus dem 2. Jahrhundert, und eine Wand aus dem 3. Jahrhundert mit Graffiti von Pilgern, und Gebeinen eines alten Mannes, die noch aus dem 1. Jahrhundert stammen und somit von Petrus stammen können. Auch in Sankt Paul vor den Mauern haben wir passende Gebeine, die von Paulus sein können. Dann gäbe es die ausgegrabenen Hauskirchen – etwa ein Haus in Dura Europos, das 232/233 (das Datum ist aus einer Inschrift im Putz bekannt) zu einer Hauskirche umgebaut wurde. Hier haben wir zum Beispiel eine Wandmalerei aus dem Baptisterium (Taufraum) dieser Hauskirche, auf der man sieht, wie Jesus und Petrus während des Sturms auf dem Wasser des Sees Genezareth gehen – Jesus reicht Petrus gerade die Hand -, während hinten die Jünger im Boot sitzen:

Das Haus des Petrus in Kafarnaum, die Geburtsgrotte und die Grabeskirche sollten nicht vergessen werden. Es gäbe noch mehr erwähnenswerte Orte und Funde. Auch wurden in Ägypten (in dessen Klima sich Papyrus lange hält) kleine Papyrusstückchen gefunden, die Gebete von Christen enthalten; da haben wir etwa ein um 250 entstandenes Gebet an die Gottesmutter – ja, da wird der Begriff „Theotokos“, „Gottesgebärerin“, benutzt.

Und vergessen wir nicht die apokryphen Evangelien. Für die interessieren sich die Leute ja oft besonders, weil sie von der Kirche verworfen wurden – allerdings seltsamerweise meistens nicht genug, um die Originaltexte zu lesen. Ja, die kann jeder lesen. Übersetzungen mit wissenschaftlichen Einleitungen und Fußnoten kann man in jeder Buchhandlung oder Bibliothek bestellen, und im Internet gibt es auch Übersetzungen für die meisten dieser Texte (siehe die Links unten). Da wird man leider feststellen, dass sie wesentlich langweiliger sind als erwartet. Spoiler: Jesus ist immer noch nicht mit Maria Magdalena verheiratet.

Wir haben aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts mehrere gnostische Evangelien, manche davon vollständig, andere nur fragmentarisch erhalten, etwa:

Knapp gesagt war die Gnosis eine seltsame esoterische und synkretistische Strömung, von der es auch einen christlichen Ableger gab, der Jesus für sich beanspruchte und ihm gnostische Lehren in den Mund legte; dementsprechend werden ihre Schriften heutzutage außer von Althistorikern auch ab und zu von modernen Esoterikern verbreitet (siehe die Links). Viele von ihnen sind aus den koptischen Handschriften von Nag Hammadi (Ägypten) bekannt.

Dann gibt es auch noch ein paar Kindheitsevangelien, die die knappen Berichte der kanonischen Evangelien über Jesu Familie und Kindheit ausschmücken, und die nicht immer ketzerisch, aber oft eher legendarisch sind:

Es gibt noch ein paar apokryphe Evangelien, die nicht in diese Kategorien passen:

  • Das Petrusevangelium schildert die Passion und Auferstehung Jesu; es weicht in ein paar Details von den kanonischen Evangelien ab, z. B. ist Herodes statt Pilatus für die Kreuzigung verantwortlich. Es ist eins der frühesten außerkanonischen Evangelien, auf jeden Fall vor 190 entstanden, wohl schon in der 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts.
  • Das um 250 entstandene Bartholomäusevangelium enthält Offenbarungen über Jesu Abstieg ins Totenreich und Ähnliches.

Einige andere apokryphe Evangelien sind später, teilweise erst mehrere Jahrhunderte später entstanden, oder nur noch in sehr kurzen Fragmenten erhalten. Außerdem gibt es noch diverse apokryphe Erzählungen über die Apostel und Offenbarungen über das Weltende. (Wer sich dafür interessiert, bitte selbst suchen. Hier kann man anfangen.)

Wir haben natürlich auch einige spätere jüdische und heidnische Quellen über Jesus und das Christentum. Da wären ein paar Stellen im jüdischen Talmud, und eine jüdische Lebensbeschreibung über Jesus, die Toledot Jeschu, deren Datierung jedoch sehr unklar ist – sie ist irgendwann vor dem 9. Jahrhundert entstanden. Auf heidnischer Seite hätten wir die langen Celsus-Zitate, die bei Origenes überliefert sind; der Satiriker Lukian von Samosata erwähnt um 170 die Christen in einer seiner satirischen Geschichten (diese Seite zitiert den Abschnitt, ganz unten); Justin der Märtyrer verweist in seinen Schriften auf die offiziellen Gerichtsakten des Pilatus, die zu seiner Zeit noch existiert haben müssen, heute aber leider verloren sind; der oben erwähnte Julius Africanus bezieht sich in seiner Chronik auf den heidnischen Historiker Thallus, der die Finsternis zum Todeszeitpunkt Jesu erwähnt habe, die er (fälschlich, wie Julius sagt), für eine Sonnenfinsternis gehalten habe.

Eine sehr wichtige christliche Quelle ist auch die „Kirchengeschichte“ des Eusebius von Cäsarea. Eusebius schrieb zwar erst im 4. Jahrhundert, aber er zitiert aus zahlreichen älteren Werken; manche davon sind erhalten, von anderen haben wir nur die Zitate bei ihm. Zu letzteren gehören etwa Schriften von Papias, der um 100 schrieb, Quadratus von Athen (gestorben 129), oder Gaius von Rom, der um 200 schrieb.

Zu beachten ist natürlich: Von diesen Schriften sind nicht die ersten Manuskripte erhalten, sondern spätere Abschriften. Manche sind auch nur in einer Übersetzung erhalten (z. B. vom Griechischen ins Lateinische oder Syrische). Das ist aber nichts Ungewöhnliches. Von Cäsars, Ciceros, Platos oder Herodots Werken haben wir oft noch erst sehr viel spätere Abschriften. (Am besten sind die biblischen Schriften überliefert, weil von ihnen am meisten Abschriften angefertigt wurden; wir haben sogar einen Fetzen des Johannesevangeliums, der auf ca. 125 n. Chr. datiert wurde.) Historiker haben trotzdem Mittel und Wege, herauszufinden, aus welcher Zeit die ursprünglichen Texte wohl stammen – man vergleicht die verschiedenen Abschriften von einer Schrift, die man hat, man sucht nach inhaltlichen Ansatzpunkten für eine Datierung im Text, man vergleicht verschiedene Schriften miteinander, um zu sehen, ob ein Autor einen anderen zitiert oder erwähnt, man vergleicht die Schriften mit den archäologischen Funden usw.  Aber genauer auf die Methoden der Quellen- und Textkritik einzugehen, würde hier zu weit führen.

Auf ein paar Dinge muss man sicherlich aufpassen, wenn man diese Texte liest. Manchmal kann man etwas missverstehen, weil man mit dieser Epoche oder den theologischen Begrifflichkeiten nicht vertraut ist; die größte Gefahr ist aber, entweder mehr oder weniger aus den Quellen herauslesen zu wollen, als sie tatsächlich hergeben. Man sollte etwa auf Folgendes achten:

  • Dass eine Meinung in einer Quelle vertreten wird, heißt nicht, dass sie allgemein vertreten wurde (oder dass sie nicht allgemein vertreten wurde).
  • Dass eine Sache nicht erwähnt wird, heißt nicht, dass sie nicht existierte; bzw. dass eine Sache erstmals im Jahr soundso erwähnt wird, heißt nicht, dass sie vorher noch nicht existierte.

Am besten ist es, sich einen Überblick über mehrere Quellen zu verschaffen. Ich persönlich finde die Ignatiusbriefe, die Didache, den Clemensbrief, den Pliniusbrief, die Märtyrerakten und die Schriften von Justin und Irenäus besonders spannend; aber das mag jeder selbst schauen. Also: Schaut mal in diese Quellen hinein! Verschafft euch selber einen Eindruck vom frühen Christentum! Wer das tut, wird bald feststellen: Diese Kirche war viel imperfekter, viel seltsamer und altertümlicher, als man sie sich so vorstellt – und viel katholischer.

Aber im Detail dazu ein andermal.