Aber Gott kann man doch nicht beweisen?

Wenn es ein Dogma gibt, an dem die moderne Welt unbeirrt festhält, dann dieses: Es darf keinen Beweis dafür geben, dass es Gott gibt. Gläubige mögen Argumente dafür haben, Atheisten Argumente dagegen, aber das ist letztlich alles Ansichtssache und da kann doch keiner wirklich sagen, wie die Realität aussieht. So in etwa. Wer das anzweifelt, ist ein Ketzer par excellence.

Ich möchte zu dieser Frage einmal Msgr. Ronald Knox‘ zu Wort kommen lassen;der Ausschnitt stammt aus seinem Buch „Der Glaube der Katholiken“, das es hier online im englischen Original gibt; die Übersetzung (und die Fußnoten) stammen von Nepomuk.

Ronald Knox.jpg

(Msgr. Ronald Knox, 1888-1957. Gemeinfrei.)

 

„Die Scholastiker, deren Methode ihren Stempel auf alle folgende katholische Apologetik gedrückt hat, haben fünf Herangehensweisen – die sogenannten Gottesbeweise(51) – unterschieden, durch die wir aus den Bedingungen unserer äußeren Erfahrung die Existenz eines Gottes ableiten.

i) In jeder ‚Bewegung‘ – oder, wie wir eher sagen würden, jeder Veränderung – kann man zwei Elemente unterscheiden, das aktive und das passive: das, was verändert wird und das, was es verändert. Aber in unserer Erfahrung ist der Bewirkende solcher Veränderung nicht selbstbestimmt, sondern seinerseits von einem höheren Bewirkenden bestimmt. Kann dieser Prozeß ad infinitum fortgesetzt werden? Nein, denn eine unendliche Reihe von Bewirkenden, keiner von ihnen selbstbestimmt, würde uns nicht die Finalität geben, die der Gedanke verlangt(52), am Anfang der Reihe, wie lange sie auch sei, muß es einen Bewirkenden geben, der selbstbestimmt ist, der der ultimative Bewirkende in dem ganzen Zyklus von Veränderungen ist, die von ihm ausgeht.

ii) Ähnlich dazu ist in unserer Erfahrung jedes Ereignis von einer Ursache bestimmt, aber diese Ursache ist ihrerseits ein Ereignis, das von einer Ursache bestimmt ist. Eine unendliche Reihe von Ursachen würde keine Erklärung geben, wie das Verursachen jemals angefangen hat. Es muß daher eine unverursachte Ursache geben, welche die ultimative Ursache des ganzen Ereigniskonnexes ist, der von ihr ausgeht.

iii) In unserer Erfahrung finden wir nichts, das aus eigenem Recht existiert; alles hängt für seine Existenz von etwas anderem ab. Dies ist offensichtlich im Falle des organisierten Individuums; denn Pflanzen, Tiere usw. werden geboren, leben und sterben, d. h. ihre Existenz ist (wie die Philosophen sagen)(53) nur kontingent, nicht notwendig – sie hängt von Bedingungen außer ihrer ab. Nun nimmt zwar die ganze Materiesumme in unserer Erfahrung weder ab noch zu, aber wir können auch von ihr nicht denken, daß sie notwendig existiere – sie ist nur da(54). Da es nun überhaupt etwas gibt, muß die Existenz aller kontingenten Formen (wie auch der Materie, die sie formen) von etwas außerhalb ihrer selbst abhängen – etwas, das notwendig, aus eigenem Recht, existiert. Dieses Etwas nennen wir Gott.

iv.) In unsere Erfahrungen gibt es verschiedene Grade natürlicher Vollkommenheit. Aber die Existenz des Guten und Besseren impliziert die Existenz des Besten, denn dieses Bestes ist (gemäß PLATONs Gedankensystem) selbst die Ursache und Erklärung alles Guten. Aber dieses Beste ist nicht in unserer irdischen Erfahrung auffindbar, daher muß es außerhalb unserer irdischen Erfahrungen liegen; und es ist dieses Beste, das wir Gott nennen.

v.) Überall in der Natur beobachten wir die Effekte von Ordnung und System. Würde der blinde Zufall alles beherrschen, wäre dieses Vorherrschen der Ordnung unerklärlich, es wäre ein wirklich phantastisches Zusammentreffen. Ordnung kann nur erklärt werden als der Ausdruck eines Geistes, und obschon unser Geist die Ordnung in der Welt wahrnimmt und wertschätzt, ist es nicht unser Geist, der sie dort eingeführt hat. Es muß daher außerhalb unserer Erfahrung einen Geist geben, dessen Ausdruck diese Ordnung ist; und diesen Geist nennen wir Gott.

Man wendet oft ein, daß diese Tatsachenanalyse unnötig in Einzelteile zerlegt ist; sie wiederholt (sagt man) dasselbe Argument unter verschiedenen Formen. Für die Zwecke des einfachen Menschen kann vielleicht zugegeben werden, daß die ersten drei dieser Argumente nicht einfach unterscheidbar sind. Man erkennt Gott in seiner Schöpfung, erst als allmächtig und die Quelle aller Macht (i, ii und iii), dann als allgütig und die Quelle aller Güte (iv) und dann als allweise und die Quelle aller Weisheit (v). Und trotz all der Veränderungen, die seit dem zwölften Jahrhundert über Europa dahingeschwappt sind, hat man sich aus dieser Überzeugung nicht herauspiesacken lassen.

Es ist wahr, die kleinen populärwissenschaftlichen Büchlein, die jemand in der Ecke seines Eisenbahnabteils lesen mag, reden, als ob all dieser Gedankenprozeß antiquiert wäre, als ob etwas in der Zwischenzeit passiert sei, das die Schöpfung selbsterklärend machen würde ohne die Annahme eines Schöpfers. – Ihre arroganten Implikationen treffen einen wie Dornenzweige, die einem Menschen über das Gesicht streifen, ohne ihn von seiner Richtung abzuhalten. Sie sagen ihm, daß die Materie unzerstörbar sei, ohne das, was sie meinen, zu erläutern, nämlich daß der Mensch unfähig ist, sie zu zerstören(55); aber auch so glaubt man nicht, daß die Materie ohne besonderen Grund von aller Ewigkeit her existiert hat oder daß, komischer noch, sie sich selbst in die Existenz gerufen hätte(56). Sie schreiben Kraft und Energie auch im Englischen mit großen Anfangsbuchstaben, als ob wir es irgendwie geschafft hätten, diese Konzepte zu vergöttlichen. Aber während er weiß, daß Bewegung eine Tatsache ist, die man beobachten kann, ist hingegen die Kraft ein Konzept, mit der er nur durch seine Erfahrung als lebendes Geschöpf vertraut ist; sie ist eine Funktion des Lebens, und die Naturkräfte (wie man sie nennt) müssen Funktionen eines Lebens außerhalb der Erfahrung selbst sein. Sie schreiben in einem Tonfall, als ob ‚die Wissenschaft‘ das Problem der Existenz einfacher gemacht hätte, indem sie die bisher unerklärten Ursachen der Dinge erklärt – indem sie zeigt, daß Krankheit wegen der Handlungen von Mikroben und Blitzschlag durch die Elektrizität in der Atmosphäre entsteht. Aber man weiß, daß all das die Frage nur eine Stufe zurückschraubt; man kann immer noch fragen, was die Mikroben verursacht hat und was die Elektrizität verursacht hat. Der Gedanke an eine unendliche Reihe, sei es von Ursachen oder von Bewirkenden, ist einem Menschen von heute nicht attraktiver als dem hl. THOMAS(57).

Natürlich ist es möglich, alle diese Spekulationen zu vermeiden mit einem rindsköpfigen Gemurmel von wegen ‚von diesem Zeug hab‘ ich keine Ahnung‘. Aber dies heißt, das Rätsel aufzugeben, und es nicht aufzugeben, weil man die Antwort nicht finden kann, sondern weil man die Antwort gefunden und sie für ungenießbar befunden hat. Die Linien unserer Erfahrung, auch in der natürlichen Welt außerhalb unser, treffen sich in einem Fernpunkt(58), setzen einen Schöpfer voraus, der notwendige Existenz hat, einen primären Beweger, eine erste Ursache.

Aber das geschaffene Universum deutet auf die Existenz nicht nur einer unerschaffenen Macht, sondern auch eines unerschaffenen Geistes.

Dieses Argument von der Ordnung und dem System, die man in der Schöpfung finden kann, ist nicht synonym mit dem Argument vom sogenannten ‚Intelligent Design'(59); das Argument vom Design ist im engeren Sinn eine Abteilung oder Anwendung der Hauptthese. Das Design impliziert die Anpassung der Mittel an die Zwecke; und man pflegte zuversichtlich darauf zu drängen, daß es einen Zweck gebe, den der Schöpfer klar im Blick gehabt habe, die Bewahrung der Arten, und einen klaren Beweis seines zweckhaften Wirkens, nämlich die austarierte Proportion zwischen den Instinkten und den Ausstattungen der verschiedenartigen Tierarten und der jeweiligen Umwelt, in der sie Leben müßten. Die warmen Pelze der arktischen Tiere, die Unterschiede der Stärke, der Geschwindigkeit und der List, die Räuber und Beute erlaubt, miteinander zu leben, ohne einander auszulöschen – das wären Beispiele zu diesem Punkt; die moderne Forschung hat uns von noch hervorstechenderen Beispielen desselben Prinzips berichtet, wie die Schutzmimikry, die einen Schmetterling oder ein Eiernest ununterscheidbar von ihrem Hintergrund macht. War es nicht ein Geist, der so die Mittel zu den Zwecken proportioniert hatte?

So formuliert war das Argument ein gefährliches. Es nahm keine Notiz von den Tierarten, die nun einmal ausgestorben sind; es setzte auch die Beständigkeit der Tiertypen voraus. Gottes Barmherzigkeit ist zweifelsohne über all seine Werke ausgebreitet, aber wir sind in keiner Lage, teleologische Kritik auf ihre Ausübung anzuwenden und zu entscheiden, auf Grund welchen Prinzips das Warzenschwein überlebt hat, während der Dodo ausgestorben ist. In dieser präzisen Form hat also das Argument von der Ordnung schwer gelitten. – Aber das Argument von der Ordnung, wie es die Scholastiker sich vorgestellt hatten, war und ist noch eine viel weitere und weniger fragwürdige Überlegung. Es ist nicht nur in der Anpassung der Mittel an die Zwecke, sondern auch in der Herrschaft von Gesetz durch das ganze Gebet der Natur, daß wir Evidenz einer kreativen Intelligenz finden.

Mit einem eigenartigen Kniff beschreiben wir ein neugefundenes Prinzip in der Natur als Soundsos Gesetz: BOYLES Gesetz, NEWTONS Gesetz, TYNDALLS Gesetz usf., als ob der Entdecker selbst der Gesetzgeber wäre. Ich mißgönne den Forschungspionieren die Ehre nicht, ich kommentiere nur über eine ungewöhnliche Ausdrucksweise. Sicher: wenn so ein Ding unerwartet gefunden wird, gratulieren wir der Person, die es gefunden hat, aber unsere nächste Frage ist unausweichlich: ‚Und wer hat es dahingestellt?‘ Und wenn es Naturgesetze gibt, die man entdecken kann, ist es nur natürlich, dieselbe Frage zu stellen: ‚Wer hat sie dahingestellt?‘ Wenn es einen Geist braucht, um sie zu entdecken, brauchte es nicht einen Geist, sie zu verfassen? Wenn unsere ganze Erfahrung nicht eine Traumsequenz unverbundener Fakten ist, wenn das Wasser nicht bergauf fließt und sich Gase, wenn man den Druck auf sie verdoppelt, nicht im Volumen verdoppelt, wer war es, der gewollt hat, daß die Sache so sein sollte? Wir gewiß nicht; Boyle nicht; Newton nicht. Der blinde Zufall auch nicht, denn es gibt eine Grenze für so unerwartete Zusammentreffen. Nicht ‚die Natur‘, denn so eine Person gibt es nicht; sie ist nur eine Abstraktion. Welche Hypothese bleibt uns außer die eines ordnenden Geistes? Instinktiv sprechen wir von einem Gesetz, wenn wir ein Naturprinzip finden; und haben wir kein Recht, von einem Gesetz auf einen Gesetzgeber schließend zu argumentieren?

Ich weiß, daß dies für überlegene Menschen sehr naiv klingen wird. Aber es ist einfach, dem Geist seines Gegners Einfachheit zu unterstellen, wenn das, was tatsächlich einfach ist, die Fakten sind. Es gibt Gedanken, die so offensichtlich sind, daß wir geneigt sind, über sie nicht nachzudenken, so gewohnt, daß wir Gefahr laufen, sie zu vergessen.

Bis hier haben wir uns mit den Evidenzen für Gottes Existenz befaßt, die sich auf die äußere Natur beziehen, nicht auf das innere Leben des Menschen. Das Argument von der Perfektion, an das die Scholastiker appellierten, ist nicht das moderne Argument von moralischer Perfektion. Der einfache Mann wird vermutlich die Beziehungen zwischen Gott und Mensch in der moralischen Sphäre mit größerer Direktheit, größerer Konkretheit empfinden. Er wird uns sagen, daß die Stimme des Gewissens nicht seine eigene Stimme sei; wessen kann sie also sein, wenn sie nicht göttlich ist? Oder er würde uns à la KANT sagen, daß der Sinn für moralische Pflicht der Sinn einer Pflicht ist, die uns von einer souveränen Macht außerhalb unser selbst auferlegt worden ist – wessen souveräner Macht, wenn nicht Gottes? Jedem sein eigener Appell; es ist wenig Not, an dieser Seite des Arguments zu verweilen, denn vermutlich jeder, der auch nur die kleinsten Hinneigungen zum Theismus hat, fühlt seine Kraft in der einen Form oder der anderen. Wäre das anders, würde ich um den Platz bitten, daß die scholastische Form von alledem einen besonderen Wert hat, als sowohl dem philosophischen wie dem andächtigen Instinkt am nächsten.

Ich habe keinen Versuch in diesem Kapitel gemacht, mit den Einwänden umzugehen, die sich Geistern präsentieren werden, die beeinflußt sind von den intimeren Zweifeln des Idealismus. Ich war gezwungen, das anzunehmen, was die Scholastiker annahmen und die meisten gewöhnlichen Leute annehmen: Unser Denken ist ein Instrument, mit dem man die objektive Realität adäquat erkennen kann. Noch weniger habe ich versucht, die Erwiderungen des Pragmatikers vorwegzunehmen – der, mir scheint, am ehesten von allen Menschen wünschen sollte, ein Katholik zu sein, und am ehesten von allen Menschen es schwierig finden wird, einer zu werden. Ich habe nur den Kurs, den die katholische Apologetik in dieser fundamentalen Angelegenheit nimmt, im Vertrauen darauf, daß der Untersucher, wenn seine Zweifel so früh in dem Prozeß beginnen, Zugang finden wird zu deutlicheren und umfangreicheren Darlegungen als den meinigen.“

 

(51) Einschub vom Übersetzer.

(52) Was den Einwand ‚dann bekommen wir diese Finalität eben nicht‘ betrifft, der einem in dieser Lage heute leider eher intuitiv kommt als vielleicht zu Msgr. Knoxens Zeiten, so wäre als Antwort darauf lediglich ein formaler Schritt weiterzugehen. Was passiert denn, wenn man all diese Kette von Bewegern, per Widerspruchsannahme unendlich, als ein Ganzes begriffe? Genau: entweder dieses Ganze verändert sich gar nicht wirklich, oder aber es gibt doch einen Beweger, der gegenüber der Kette des insgesamt unveränderten Ganzen eine Position außerhalb einnimmt und selbst nicht bewegt sein kann (denn sonst gehörte er ja per definitionem zu unserer Kette). Genau das ist der Fall: Faßt man alles, was ist, zusammen, so ist es – gewissermaßen – insofern unveränderlich, als ja auch der unveränderliche Gott dabei ist, und die Welt von ihm aus nichts geschaffen ist. Faßt man aber alles außer Gott zusammen, also das „Universum“, wie man den Begriff für gewöhnlich versteht – die sichtbare Welt, all ihre Beweger, die Beweger der Beweger usw., sofern sie selbst bewegt sind – so muß es einen Beweger des Universums geben, der selbst unbewegt ist. ‚Und diesen Beweger nennen wir Gott‘, mit dem hl. Thomas von Aquin zu sprechen. Wer das leugnen wollte, müßte, um logisch konsistent zu bleiben, annehmen, daß das Universum tatsächlich unbewegt ist (und bezeichnenderweise gehen ja viele der nichttheistischen Philosophien in genau so eine Richtung, der Tendenz nach, schaffen es aber nicht): und das ist offensichtlich falsch; auch wenn diese Offensichtlichkeit nicht so trivial ist, wenn wir erst einmal nur scheinbare Veränderungen, die letztlich gar keine sind, ausgeschlossen haben. Der Purist wird hierzu gern einen wasserfesten Beweis haben wollen, der sich a) auf die reine materielle Welt und b) hierin nur auf das in unmittelbarer Anschauung Nachvollziehbare beschränkt. Ich halte den für möglich, unterlasse ihn aber aus zeitlichen und Platzgründen und auch, weil es hier nicht wirklich das Thema ist. Jedenfalls ist die Veränderlichkeit des gegebenen Universums sicher dann trivial und offensichtlich, wenn wir a) das Auftreten (offenkundig) einzigartiger menschlicher Persönlichkeiten oder b) die Erkenntnisse der modernen Physik hinsichtlich der Materie (Urknall usw.) voraussetzen dürfen.

(53) Einschub eingefügt.

(54) Von den Erkenntnissen der späteren Physik wird dies noch unterstrichen: nunmehr ist unser Erfahrungswissen ein etwas anderes, und auch die ‚Materiesumme‘ verändert sich; Elemente können aus anderen Elementen entstehen, Masse kann sich in Energie verwandeln. Jedes Kernkraftwerk setzt diese Erkenntnis praktisch um.

(55) und sind insoweit sogar von der heutigen Physik überholt; selbst der Mensch kann, in geringem Umfange, Materie (in Energie) verwandeln.

(56) Zu Knox‘ Zeiten glaubte die Physik ersteres (sog. Steady-State-Theorie). Diese wäre nun mit dem Katholizismus zwar zu vereinen, wenn man nur annimmt, daß der Steady State irgendwann durch einen Schöpfungsakt begründet wurde; tatsächlich ist das Argument für den Glauben aber gewiß noch etwas stärker, wenn man physikalisch nachweisen kann, daß die Welt einen zeitlichen Anfgang hat. Und genau das mittlerweile der Fall: die Physik hat seitdem diesen zeitlichen Beginn des Universums (den Urknall) so gut wie nachgewiesen. Die Zeitgenossen kommentierten „Sieg des Vatikans“; einigen, selbst einem großen Wissenschaftler wie EINSTEIN (Vorurteile können anscheinend auf jedem Niveau auftreten) – kam das, wohl auch wegen der maßgeblichen Beteiligung von Msgr. LEMAÎTRE, einfach zu religiös vor.

(57) Thomas von Aquin, auf dem im wesentlichen das vorgenannte Arrangement der Gottesbeweise zurückgeht. Msgr. Knox hat das als Selbstverständlichkeit nicht erwähnt.

(58) Der Autor, der ‚konvergieren zu einem Punkt‘ geschrieben hat, möge mir die Korrektur seiner geometrischen Begrifflichkeiten verzeihen.

(59= Im Original nur ‚Design‘, zur Wiedererkennung mit dem heutigen Begriff übersetzt.

 

(Hl. Thomas von Aquin (1225-1274), Gemälde von Carlo Crivelli, 1476. Gemeinfrei.)

 

Am Ende erwähnt Msgr. Knox die Leute, die daran zweifeln, dass das menschliche Denken überhaupt „ein Instrument, mit dem man die objektive Realität adäquat erkennen kann“ ist. Was ist, wenn die Welt im tiefsten irrational ist und die Vernunft selbst etwas, das nicht zur Erkenntnis der Realität beiträgt?

Nun, sagen wir so: Postulieren kann man vieles. Es ist nur leider so, dass, wenn das so ist, es keine Weise gibt, auf die man es erkennen und belegen kann. Wenn man irgendetwas erkennen will, muss man die menschliche Vernunft gebrauchen. Wenn man daran zweifelt, dass dieses Instrument überhaupt funktioniert, kann man nicht dieses Instrument gebrauchen, um seine These zu belegen. „Ich habe mit meinen Gedankengängen bewiesen, dass alle Gedankengänge sinnlos/illusorisch sind.“ Ein Widerspruch in sich.

Am ehesten ließe sich die These noch belegen, wenn man ständig mit dem praktischen Scheitern dieses Instruments konfrontiert wäre. Aber Tatsache ist, dass die Welt sich uns als etwas präsentiert, an das man ordnend und forschend mit dem menschlichen Denken herangehen kann und zu funktionierenden Ergebnissen kommt. Man kann sich nun entweder entscheiden, das Denken anlasslos komplett aufzugeben, oder sich auf es zu verlassen. Ich würde sagen, ein sinnvolleres Leben führt man, wenn man sich auf es verlässt.

Und wenn man das tut, dann gilt: Ja, man kann beweisen, dass es einen Gott gibt.

Bis hierher gehen manche Menschen auch noch mit. Aber dann kommt der Einwand: Ja, schön – aber was ist das denn für ein Gott? Dazu demnächst.

Skrupulosität: Besser Vorsicht als Nachsicht?

Ich habe hier schon öfter über Skrupulosität, also eine zwanghafte, übertriebene Angst, zu sündigen, die ich gut kenne und mittlerweile zumindest, na ja, so einigermaßen halbwegs überwunden habe, geschrieben. Eine Falle, in die man als Skrupulant tappen kann, wenn man eigentlich schon eingesehen hat, dass man es übertreibt und dass das nicht mehr gesund ist, ist folgender Gedanke:

„Ja, gut, höchstwahrscheinlich war das und das keine schwere Sünde, höchstwahrscheinlich war meine letzte Beichte schon gültig, höchstwahrscheinlich muss ich mir wegen dieser und jener Situation keine Gedanken machen. Ja, gut, ich bin ständig in Panik und das beeinträchtigt mein Leben. Aber wenn ich dafür nicht in die Hölle komme, nehme ich die Panik und die zusätzlichen Absicherungen und Vorsichtsmaßnahmen lieber in Kauf. Lieber auf Nummer sicher gehen. Wenn ich mich jetzt beruhige, schön, dann habe ich es vielleicht kurzfristig leichter, aber wenn dann der unwahrscheinliche Fall, den ich gefürchtet habe, doch eintritt und ich dann mal in der Hölle bin, hilft mir das auch nicht mehr.“

Der Gedanke scheint was für sich zu haben, oder? Aber hier übersieht man die negativen geistlichen Folgen, die die Skrupulosität selbst haben kann. Der Theologe Adolphe Tanquerey (1854-1932) schreibt in seinem Werk „Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie“ über Skrupel, die er zwar nicht bei den Sünden, aber bei den Versuchungen, die zu Sünden führen können, einreiht, Folgendes:

„Lässt man sich unglücklicherweise von den Skrupeln beherrschen, so bringen sie an Leib und Seele die schlimmsten Wirkungen hervor:

a. Allmählich führen sie Schwächung und gewissermaßen Zerrüttung des Nervensystems herbei. Beständige Furcht und Angst wirken niederdrückend auf die Gesundheit des Leibes. Sie können zu einer wahren Besessenheit werden und in eine fixe Idee ausarten, die an Irrsinn grenzt.

b. Sie verblenden den Geist und fälschen das Urteil . Nach und nach verliert man die Fähigkeit zu unterscheiden, was Sünde ist und was nicht, was schwer und was lässlich ist. Die Seele wird ein Schiff ohne Steuer.

c. Oft ist Mangel an Andacht des Herzens deren Folge. Da man nämlich immer in Aufregung lebt und in Verwirrung, wird man schrecklich egoistisch, misstraut aller Welt, selbst Gott, den man zu streng findet. Man klagt darüber, dass er uns in diesem unglücklichen Zustande lässt und ist ungerecht in der Klage gegen ihn. Dabei kann von wahrer Andacht natürlich keine Rede sein.

d. Endlich kommen Schwächen und Niederlagen. Der Skrupulant verbraucht in nutzlosen Anstrengungen bei Kleinlichkeiten seine Kräfte und hat dann deren nicht mehr genug zum Kampfe an den wichtigsten Punkten. Die Aufmerksamkeit nämlich kann sich nicht über die ganze Linie erstrecken. Daher Überrumpelung, Niederlagen und manchmal schwere Vergehen. Übrigens sucht man instinktiv Erleichterung der Qualen und da man sie in der Frömmigkeit nicht findet, sucht man sie anderswo, in Büchern, gefährlichen Bekanntschaften. Diese sind zuweilen Ursache bedauernswerter Fehltritte, und man verfällt der Entmutigung.“

(Den Abschnitt über Skrupel gibt es hier auf Deutsch als PDF, das ganze Buch gibt es auf Englisch als Digitalisat bzw. auch als PDF.)

Ich kenne das selbst, diese Verwirrung und Erschöpfung. Trost im Gebet? Weniger. Öfter hat man das Gefühl, unter den anklagenden Augen Gottes zu stehen und sich irgendwie rechtfertigen zu müssen. Wenn man sich ruhig und getröstet und geliebt fühlen könnte, hinterfragt man es oft gleich – vielleicht will man es sich bloß selbst einreden, dass Gott nicht wütend auf einen ist, während Er es tatsächlich noch ist. Also betet man am Ende weniger, weil es mehr anstrengend als schön ist. Nicht das gewünschte Resultat.

Die Art von Erleichterung, die man dann sucht, kann schlimmstenfalls nicht nur in den gängigen Sünden enden, sondern auch in der Häresie. Martin Luther war Skrupulant. Dieser Augustinermönch fragte sich ständig, ob er gesündigt hatte, wollte seinem Beichtvater nicht glauben, dass seine Sünden nicht schwer seien, und das machte ihn verrückt. Und irgendwann sagte er sich: Ich kann gar nicht genügen, ich kann auch mit Gottes Gnade die Todsünden nicht meiden, ich habe keinen freien Willen, an mir hängt es nicht, Gott wird mich retten, egal, was ich noch tue, ich kann durch irgendwelche Sünden mein Heil nicht verlieren. Simul iustus et peccator. Gott soll mit mir tun, was Er will, ich ertrage keine Verantwortung, keinen freien Willen. Ich gebe auf, und kann endlich aufatmen.* Diese Mischung aus Verzweiflung und Vermessenheit war tatsächlich eine Sünde, und führte ihn noch zu weiteren Sünden. Nun weiß ich natürlich nicht, wo Luther jetzt ist, aber seine skrupelinspirierten Ideen brachten ihn jeden Fall dazu, sich seine eigene Theologie nach Wunsch zurechtzulegen, sich von der Kirche abzuspalten, und seine Ordensgelübde zu brechen; und auch, wenn er nicht voll schuldfähig gewesen sein sollte, ein guter Start in die Ewigkeit ist das nicht.

Kurz gesagt: Skrupulosität kann einen auf einen Weg bringen, der auch in der Hölle enden kann. Hundertprozentige Sicherheit gibt es auf keinem Weg, egal, wie gern man sie hätte, man kann immer höchstens eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit haben.

Skrupulosität ist ja nicht Heiligkeit. Die meisten Skrupulanten haben wohl keine überdurchschnittlich schlimmen Sünden im Vergleich zu nichtskrupulösen Christen, sind aber auch nicht die allerbesten und vorbildlichsten Menschen. Heiligkeit bedeutet auch Vertrauen in Gott, Zuversicht – besser ausgedrückt, Glaube und Hoffnung. Es wird einem leichter fallen, in den Himmel zu kommen, wenn man die Skrupel bekämpft.

ABER WAS, WENN DOCH…

Ja. Dieses ABER WAS, WENN DOCH ist furchtbar. Egal, was einem die Vernunft oder ein Priester bei der Beichte oder ein Handbuch der Moraltheologie sagen: Gleich drängt sich wieder der Gedanke dazwischen: MEINETWEGEN, DAS MAG ALLGEMEIN SO SEIN, ABER WAS, WENN ES DOCH IN DIESEM EINEN SPEZIELLEN FALL BEI MIR ANDERS IST???

Das ist die typische ängstliche Skrupulanten-Sturheit. Die muss man überwinden. Sie ist nicht gut. Und ja, da kann man sich jetzt denken „Das schreibt sich so leicht“. Hey, ich krieg’s ja auch nicht immer besonders gut hin. Aber Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.

Aber was, wenn doch? Was, wenn man sich doch einmal geirrt hat?

Ganz einfach: Dann ist Gott gerecht. Gott ist gerecht. Und Gott will, dass wir uns auf unsere Vernunft und auf die Autorität der Kirche verlassen, nicht auf irrationale Ängste, und wenn wir dann doch mal fehlgehen, während wir versucht haben, diesem Prinzip zu folgen, wird Er wissen, dass das keine Absicht war. Gott ist gerecht. Und nicht nur gerecht, sondern auch gnädig und geduldig.

Jesus nennt den Heiligen Geist im Johannesevangelium den „Paraklet“. Das wird oft mit „Beistand“ übersetzt und heißt wörtlich auch so etwas wie „Anwalt, Gerichtsbeistand“. Der Heilige Geist selber ist unser Beistand im Gericht (während der „Ankläger“ der Satan ist – vgl. Offb 12,10). Der Anwalt sieht sämtliche mildernden Umstände und Intentionen, und der gerechte Richter, der Herr Jesus, zieht sie in Betracht.

„Was sollen wir nun dazu sagen? Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der gerecht macht.Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: Der auferweckt worden ist, er sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein.Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat.Doch in alldem tragen wir einen glänzenden Sieg davon durch den, der uns geliebt hat.Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten,weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,31-39)

Abschließende Gedanken: Zwei Dinge, die mir helfen, und die ich viel öfter tun sollte, sind das Lesen in der Bibel und das Beten des Stundengebets. Das nimmt einen aus den eigenen kreisenden Gedanken heraus und man hört Gottes Wort; oft ein sehr tröstendes Wort.

 

* An mitlesende Protestanten:

1) Das soll keine Beleidigung sein. Ich kann diese Versuchung sehr gut nachvollziehen.

2) Wieso Luthers Theologie trotzdem nicht zutreffend ist: Es gibt hier nur vier Möglichkeiten, wie die Erlösung funktioniert (den Pelagianismus, die Erlösung durch die eigenen Werke ohne Notwendigkeit der Gnade, den wir alle ablehnen, einmal ausgeklammert):

a) Die Menschen können nichts zu ihrer Erlösung beitragen bzw. sie durch ihre Sünden nicht verhindern und Gott rettet sie alle.

b) Die Menschen können nichts zu ihrer Erlösung beitragen bzw. sie durch ihre Sünden nicht verhindern, und Gott rettet nur einige von ihnen.

c) Die Menschen können und müssen etwas zu ihrer Erlösung beitragen, wenn sie Gottes allen angebotene Gnade annehmen, aber ihr Beitrag besteht nur im Fudizialglauben, die Werke sind egal.

d) Die Menschen können und müssen etwas zu ihrer Erlösung beitragen, wenn sie Gottes allen angebotene Gnade annehmen, und dazu gehören Reue über die vergangenen Sünden und das Halten der Gebote (Meiden schwerer Sünden) in der Zukunft.

Möglichkeit a), die Allerlösung, ist angesichts von Jesu drastischen Warnungen vor der Hölle nicht unbedingt naheliegend; Möglichkeit b), der Calvinismus, würde bedeuten, dass Gott einige Menschen nicht liebt und fällt daher raus; Möglichkeit c), die viele Evangelikale wählen, liefe auf eine „Erlösung durch Autosuggestion“ (Paul Hacker) hinaus; man könnte es auch einen Tinkerbellglauben nennen. Wenn einer glaubt, er kommt in den Himmel, kommt er auch in den Himmel. Und wer leider nicht so gut bei der Autosuggestion ist – ups, Pech gehabt. Außerdem wäre diese Möglichkeit einfach so offensichtlich ungerecht – jemand könnte ein Mörder und Kinderschänder sein; wenn er nur fest von seiner eigenen Erlösung überzeugt wäre (und Psychopathen können sehr von ihren Grundüberzeugungen überzeugt sein, besonders, wenn es darum geht, sich selbst als irgendwie auserwählt zu sehen), würde er in den Himmel kommen. „Sündige tapfer, doch tapferer glaube!“, wie Luther es formuliert hat. Zudem steht diese Lehre in krassem Gegensatz zur Schrift.

„Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ (Mt 7,21)

„Was nützt es, meine Brüder und Schwestern, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung sind und ohne das tägliche Brotund einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt das?So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat.Aber es könnte einer sagen: Du hast Glauben und ich kann Werke vorweisen; zeige mir deinen Glauben ohne die Werke und ich zeige dir aus meinen Werken den Glauben.Du glaubst: Es gibt nur einen Gott. Damit hast du Recht; das glauben auch die Dämonen und sie zittern.Willst du also einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist?Abraham, unser Vater, wurde er nicht aus den Werken als gerecht anerkannt, als er seinen Sohn Isaak auf den Opferaltar legte?Du siehst, dass der Glaube mit seinen Werken zusammenwirkte und dass der Glaube aus den Werken zur Vollendung kam.So hat sich das Wort der Schrift erfüllt: Abraham glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet und er wurde Freund Gottes genannt.Ihr seht, dass der Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein.Wurde nicht ebenso auch die Dirne Rahab durch ihre Werke als gerecht anerkannt, weil sie die Boten bei sich aufnahm und dann auf einem anderen Weg entkommen ließ?Denn wie der Körper ohne den Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.“ (Jak 2,14-26)

Bleibt also noch d).

Von Abtreibung und Sklaverei

Mir ist in letzter Zeit immer mehr aufgefallen, wie ähnlich die heutige Debatte ums Thema Abtreibung (wenn denn mal eine Debatte zugelassen wird) tatsächlich der Debatte ums Thema Sklaverei ähnelt – d. h. der Debatte um dieses Thema im 18. und 19. Jahrhundert, vor allem in den USA, wo damals die Sklaverei in den Südstaaten erlaubt und in den Nordstaaten verboten war.

 

Es gäbe da zunächst mehrere noch relativ oberflächliche, äußerliche Gemeinsamkeiten:

1) Es handelt sich um ein Unrecht, das von unzähligen Privatleuten begangen wird; niemand wird dazu gezwungen, sich daran zu beteiligen, und der Staat befiehlt es nicht, sondern erlaubt es nur.

  • „Du bist gegen die Sklaverei? Du musst keine Sklaven halten; wenn du welche gekauft, geerbt oder geschenkt bekommen hast, kannst du sie freilassen.“
  • „Du bist gegen Abtreibung? Du musst ja nicht abtreiben.“

2) Die Kirchen sind gespalten in ihrer Position zu dieser Praxis:

  • Es gab einige protestantische Gruppen, die sehr klar gegen die Sklaverei kämpften (besonders die Quäker und Methodisten), viele, die es für ein gutes Werk hielten, Sklaven freizulassen, aber Sklavenhalter nicht direkt verurteilten, und manche, die die Sklaverei klar befürworteten. Die Southern Baptists spalteten sich 1845 von den Northern Baptists ab, weil sie die Sklaverei für absolut rechtmäßig hielten und weil sie, anders als bisher, auch Sklavenhalter zum Predigerdienst zulassen wollten. Einige Katholiken, darunter auch einige Kleriker, in den US-amerikanischen Südstaaten versuchten sich damit herauszureden, dass die wiederholten päpstlichen Verurteilungen nur den Sklavenhandel, nicht das Sklavenhalten an sich betreffen würden. Es gab bibelbasierte Argumente für die Sklaverei, etwa dieses: Im Buch Genesis verflucht Noah die Nachkommen seines Sohnes Ham und unter den Nachkommen Hams werden afrikanische Völker genannt, also sind die Schwarzen verflucht und müssen den Weißen dienen. (Ernsthaft, das war ein oft gebrauchtes Argument damals.) Andere Prediger argumentierten mit der Bibel gegen die Sklaverei.
  • Das katholische Lehramt und die meisten evangelikalen Kirchen sind klar gegen Abtreibung, aber liberale protestantische Kirchen sind entweder nur sehr gemäßigte Abtreibungsgegner (sehen Abtreibung also ethisch als falsch, meinen aber, sie sollte rechtlich erlaubt sein, oder sehen sie als notwendiges Übel) oder sogar ausdrücklich pro-choice. Pro-Choicer und moderate Abtreibungsgegner gibt es auch unter dissidenten Katholiken; in Deutschland etwa bei Donum Vitae (einer Schwangerenberatungsorganisation, die Scheine ausstellt, die zur Abtreibung berechtigen), in den USA bei Catholics for choice. Auch bei christlichen Abtreibungsbefürwortern werden biblische Argumente eingeführt: Etwa, dass eine aus Fahrlässigkeit verursachte Verletzung einer Frau, die zu einer Fehlgeburt führt, nach dem Gesetz des Mose geringer bestraft werde als Mord an Geborenen. (Ernsthaft.)

(Karikatur auf einem Briefumschlag aus den Nordstaaten aus der Bürgerkriegszeit. Ein Kleriker aus den Südstaaten wird bei seiner Bibelauslegung vom Teufel inspiriert.)

3) Es gibt viele gemäßigte Gegner der Praxis, die ungern mit den radikalen Gegnern in einen Topf geworfen werden wollen und sich für Kompromisslösungen aussprechen, die meistens im Endeffekt auf die Beibehaltung des status quo hinauslaufen. Sie sehen das Unrecht als eine Art notwendiges Übel. Außerdem legen sie Wert darauf, nicht als zu fokussiert auf dieses eine Thema herüberzukommen; andere Fragen sind wichtiger.

  • „Die Sklaverei sollte nicht auf weitere neu erschlossene und gegründete Staaten im Westen ausgeweitet werden. Vielleicht könnte sie auch nach und nach abgeschafft werden. Wenn die Schwarzen erst einmal wirklich zivilisiert sind. Aber wir können sie auf keinen Fall jetzt einfach so abschaffen, das gäbe wirtschaftliches Chaos, Gewalt und Aufruhr. Und reden wir lieber über wichtigere Themen, wie Wirtschaft und Immigration.“
  • „Spätabtreibungen sind jetzt nicht so gut, und eine verpflichtende Beratung vor einer Abtreibung und ein Werbeverbot sollten wir vielleicht auch haben. Wir haben hier doch einen mühsam ausgehandelten Kompromiss erreicht, den wir nicht schon wieder in Frage stellen sollten. Aber man kann Abtreibungen nun mal nicht ganz verbieten. Und reden wir lieber über wichtigere Themen, wie Wirtschaft und Immigration.“

4) Die Bewegung gegen diese Praxis legt Wert auf friedliche Mittel; sehr vereinzelt gibt es unter ihnen gewaltbereite Personen, auf die die Gegenseite sofort anspringt und die sie als typisch darstellen will.

  • Bestes Beispiel bei den Abolitionisten ist John Brown. Wenn ich mir den Wikipedia-Artikel so durchlese, der und seine Leute waren ja schon brutaler als selbst die radikalisiertesten Abtreibungsgegner (und deutlich beliebter bei den Abolitionisten als jene bei Lebensrechtlern).
  • Bei den Lebensrechtlern hätten wir Leute in den USA, die auf Abtreibungsärzte geschossen haben (in den letzten Jahrzehnten gab es dort laut Wikipedia insgesamt 11 Todesopfer).

5) In dieser Bewegung gibt es ein paar bekehrte ehemalige Täter, die eine wichtige Rolle spielen:

  • John Newton (1725-1807) war ein englischer Sklavenhändler, der seinen Beruf aufgab, Pastor wurde und sich in England für das Verbot des Sklavenhandels einsetzte. Er verfasst übrigens das Lied „Amazing Grace“.
  • Bernard Nathanson (1926-2011) war Arzt und einer der Mitbegründer der National Abortion Rights Action League (NARAL), die in den USA für die Legalisierung der Abtreibung eintrat; nachdem die Legalisierung erreicht war, leitete er eine der größten Abtreibungskliniken der USA. Ihm kamen schließlich doch ethische Zweifel; nachdem er eine Abtreibung auf Ultraschall aufgenommen hatte, lehnte er Abtreibungen endgültig ab. Er gab diese Ultraschallaufnahmen in einem Film mit dem Titel „The silent scream“ (Der stumme Schrei) heraus und wurde zum Lebensrechtler; dabei sprach er auch sehr offen über die Taktiken, die NARAL im Kampf für die Legalisierung der Abtreibung verwendet hatte (etwa gefälschte Statistiken über die Zahl illegaler Abtreibungen und der Frauen, die dabei starben). Später konvertierte er zur katholischen Kirche. Norma McCorvey (1947-2017), wegen der (unter dem Pseudonym Jane Roe) im Prozess Roe v. Wade vor dem Obersten Gerichtshof der USA Abtreibung 1973 für legal erklärt wurde, wurde später ebenfalls Lebensrechtlerin und katholisch. Abby Johnson (geb. 1980) leitete eine Abtreibungsklinik der Organisation Planned Parenthood; auch für sie führte eine Ultraschallaufnahme einer Abtreibung zur Bekehrung. Sie ist jetzt ebenfalls Lebensrechtlerin und hat eine Organisation gegründet, die Angestellten in der Abtreibungsindustrie beim Austieg helfen soll, And Then There Were None. Auch sie wurde katholisch.

 

 

6) Aber auch ehemalige Opfer kämpfen gegen diese Praxis:

  • Olaudah Equiano alias Gustavo Vassa (1745-1797) war ein Opfer des transatlantischen Sklavenhandels; er konnte sich freikaufen, zog nach England, veröffentlichte dort seine Autobiographie und trat zusammen mit Leuten wie John Newton, William Wilberforce und Granville Sharp für die Abschaffung der Sklaverei im Britischen Empire ein. Frederick Douglass (1817/18-1895) war Sklave in den Südstaaten der USA, entkam in den Norden, und wurde einer der bekanntesten Aktivisten der dortigen Abolitionismusbewegung; auch er veröffentlichte eine Autobiographie. Harriet Tubman (ca. 1820-1913) floh ebenfalls aus den Südstaaten, kehrte zurück, um anderen Sklaven bei der Flucht zu helfen, und arbeitete im Bürgerkrieg als Kundschafterin für die Unionsarmee.

Datei:Frederick Douglass um 1850.jpg

  • Beim Kampf für das Lebensrecht von Ungeborenen sind Überlebende von Spätabtreibungen dabei: In den USA gäbe es Gianna Jessen, auf deren Leben der Film und das Buch „October Baby“ basieren, oder Melissa Ohden, die das „Abortion Survivors Network“ (Netzwerk für Überlebende von Abtreibung) gegründet hat. In Deutschland engagieren sich Pflegefamilie und Unterstützer von Tim, auch bekannt als das „Oldenburger Baby“, der 1997 eine Spätabtreibung wegen einer Downsyndromdiagnose schwer verletzt überlebte und im Januar 2019 starb, für den Lebensschutz.

Gianna Jessen at the Alliance Defense Fund.jpg

(Gianna Jessen bei einem Vortrag.)

 

Aber die Gemeinsamkeiten, auf die es eigentlich ankommt, gibt es bei den Argumenten, die für diese Praxis angeführt werden. Am Ende läuft alles auf zwei hinaus:

1) Diese Menschen mögen zwar biologisch gesehen Individuen der Spezies Mensch sein, aber sie sind weniger weit entwickelt als andere Menschen, und daher weniger wert und sollten nicht dieselben Rechte haben.

  • Bei Schwarzen wurde das sowohl wissenschaftlich als auch kulturell begründet: Sie seien nun mal als Rasse nicht für die Freiheit geeignet, zu wenig intelligent und zu wenig eigenverantwortlich. Sie hätten kleinere Gehirne, hätten eine andere evolutionäre Entwicklung durchgemacht als die weiße Rasse. Sie hätten bis vor wenigen Generationen noch wie Wilde im Dschungel gelebt und auch die zivilisatorische Entwicklung des weißen Mannes nicht mitgemacht. Das ließe sich nicht einfach so aufholen.
  • Bei Ungeborenen läuft es meistens entweder auf das „Zellklumpen“- oder auf das Hilflosigkeitsargument hinaus. „Embryonen/Föten sind noch keine voll entwickelten Menschen. Sie sind nicht selbst überlebensfähig.“

File:Human fetus 10 weeks - therapeutic abortion.jpg

(Ein Mensch am ersten Tag seines Lebens, in der 8. Woche, und in der 19. Woche. Bildquellen: Wikimedia Commons sowie hier.)

2) Die Rechte anderer Menschen über diese Menschen zählen mehr:

  • Das Argument bei Sklavereibefürwortern war ein zweifaches: Erstens war man der Meinung, dass die einzelnen Sklavenbesitzer, die ihr Eigentum gesetzmäßig erworben hatten, nicht einfach enteignet werden könnten. Zweitens war man nicht einfach „pro-slavery“, sondern für „states‘ rights“, d. h. für die Rechte der einzelnen Bundesstaaten, zu entscheiden, ob sie die Sklaverei erlauben wollten oder nicht. Wahlfreiheit.
  • Auch bei Abtreibungsbefürwortern geht es um die Wahlfreiheit, diesmal die der Mutter des Kindes: Sie sind „pro-choice“. Es ist das Recht der Mutter, zu entscheiden, was sie mit ihrem Körper tut (bzw. dann mit dem Kind in ihrem Körper).

(Karikatur aus den Südstaaten. Die Zentralregierung unter Abraham Lincoln steigt aus der Asche der Rechte der einzelnen Staaten, der Verfassung, der Wirtschaft, der freien Presse usw. auf. Bildquelle hier.)

Aber weil diese Argumente ihre offensichtlichen Schwächen haben, werden sie oft noch durch folgende unterstützt:

3) Diese Praxis sei nun einmal nötig:

  • „Ohne Sklaverei kommt die Wirtschaft in den Südstaaten nicht aus.“
  • „Wenn Frauen sexuell selbstbestimmt sein sollen, und dann selbst entscheiden sollen, ob sie Mutter sein wollen oder ob sie z. B. ihr Studium zuerst beenden wollen, muss Abtreibung möglich sein.“

4) Diese Praxis sei auch für die Opfer das Beste (wobei die Opfer selbst natürlich nicht gefragt werden, ob sie das auch so sehen):

  • „Wir können besser für die Schwarzen sorgen als sie selbst; sie sind für diese Verantwortung, die die Freiheit mit sich bringt, einfach nicht geeignet. Überhaupt, sie waren immer zufrieden, solange ihr Abolitionisten sie nicht gegen uns aufgehetzt habt.“ Um einen gewissen Eindruck zu dieser Einstellung zu vermitteln, hier einmal eine Stelle aus der Südstaatenpropagandaschmonzette „Vom Winde verweht“. Hier befinden wir uns in der Zeit nach dem Bürgerkrieg, als der Süden vom Norden besetzt ist und die Sklaven schon freigelassen sind: „Die früheren Sklaven waren jetzt die Herren, und mit Hilfe der Sieger standen die Niedrigsten und Unwissendsten obenan. Die Besseren von ihnen, die die Freilassung verschmähten, hatten ebenso schwer zu leiden wie ihre weißen Herren. […] Mit Hilfe der gewissenlosen Abenteurer, die in der Freilassungsbehörde saßen, und unterstützt durch den Haß der Nordstaaten, der in seinem Fanatismus fast etwas Religiöses hatte, fanden sich die früheren Ackerknechte plötzlich im Besitz der Macht. Sie benahmen sich dabei so, wie es von Köpfen niedrigsten Verstandes zu erwarten war. Gleich Affen und kleinen Kindern, die man auf Kostbarkeiten losläßt, von deren Wert sie keinen Begriff hatten, kamen sie außer Rand und Band, sei es aus viehischer Zerstörungswut, sei es einfach aus Unwissenheit. […] Geblendet von solchen Märchen, erblickten sie in der neuen Freiheit ein unaufhörliches Fest, ein tägliches Gelage, einen Karneval der Faulheit, der Dieberei und der Frechheit. Vom Lande strömten sie in Scharen in die Stadt, und in den ländlichen Bezirken lag die Feldarbeit danieder. […] In den schmutzigen Hütten, in denen sie zusammengepfercht hausten, brachen Blattern, Typhus und Tuberkulose aus. In früheren Zeiten waren sie gewohnt gewesen, in Krankheitsfällen von ihrer Herrin gepflegt zu werden; jetzt wußten sie sich nicht zu helfen. Früher hatten sie die Fürsorge für ihre Alten und Kleinen ihren Besitzern überlassen, jetzt fühlten sie sich für ihre Hilfsbedürftigen nicht verantwortlich. Die Freilassungsbehörde aber steckte viel zu tief in der Politik, um einzuspringen, wo früher die Plantagenbesitzer für sie gesorgt hatten.“ (S. 573f.)*
  • „Sollte ein Kind etwa ungeliebt und ungewollt auf die Welt kommen? Es wird doch nur leiden. Oder denken wir an behinderte Kinder – sie leiden doch nur. Dieses Leid kann man mit Abtreibungen verhindern.“

5) Gesetze gegen diese Praxis würden den Zustand nicht besser machen bzw. würden nicht wirklich etwas ändern:

  • „Auch wenn man die Sklaverei abschaffen würde, wäre das Leben der Schwarzen nicht besser, im Gegenteil, sie hätten dann niemanden mehr, der für sie sorgt, wenn sie alt und krank sind. Außerdem können sie mit der Freiheit nicht umgehen.“
  • „Wenn man Abtreibungen verbietet, gehen die Frauen eben zu Engelmacherinnen ohne medizinische Ausbildung. Man kann Abtreibungen mit Verboten nicht verhindern; man sorgt damit nur dafür, dass Frauen sterben.“

6) Zu schlechter letzt wird „argumentiert“ mit der angeblichen oder tatsächlichen Heuchelei, Ahnungslosigkeit und mangelnden Empathie der Gegner der Praxis. Weil man die Praxis selbst nicht mehr verteidigen kann, wird auf Whataboutism ausgewichen:

  • „Ach, ihr sorgt euch angeblich so um die Negersklaven bei uns im Süden, aber was ist mit der Lohnsklaverei im Norden? Gegen die will die republikanische Partei überhaupt nichts unternehmen. Tatsächlich geht es unseren Sklaven wesentlich besser als den Arbeitern in den Fabriken von New York oder Chicago, die jederzeit auf die Straße gesetzt werden können und unter furchtbaren Arbeitsbedingungen leiden. Und überhaupt: Ihr tut, als würdet ihr euch wahnsinnig um die Schwarzen sorgen, aber würdet ihr denn für sie sorgen, wenn plötzlich die Sklaverei abgeschafft wäre? In Wahrheit seht ihr auch nur auf sie herab; bei uns werden sie in ihrer Rolle als Diener geachtet und gut behandelt. Ihr wollt euch bloß besonders moralisch vorkommen.“ Als Beispiel hierzu nochmal eine Stelle aus „Vom Winde verweht“. Hier hat die unsympathische Hauptfigur Scarlett O’Hara widerwillig mit den Frauen der Yankee-Offiziere zu tun, die Atlanta besetzen: „Für diese Frauen der Yankees war ‚Onkel Toms Hütte‘ eine Offenbarung, die nur der Bibel nachstand, und sie wollten wissen, wieviel Bluthunde jeder Südstaatler zum Aufspüren seiner entlaufenen Sklaven hielte. Sie wollten Scarlett nicht glauben, als sie ihnen erzählte, daß sie in ihrem Leben nur einen einzigen Bluthund gesehen habe, und das sei ein sanfter, kleiner Hund und keinesfalls eine riesige und wilde Dogge gewesen. Dann wollten sie über das fürchterliche glühende Eisen Auskunft haben, mit dem die Pflanzer die Gesichter ihrer Sklaven brandmarkten, über die Knuten, mit denen sie sie zu Tode peitschten, und außerdem bezeugten sie nach Scarletts Gefühl ein geradezu widerwärtiges Interesse an den sexuellen Verhältnissen der Sklaven. Besonders zuwider war ihr dies angesichts der ungeheuren Zunahme an Mulattenkindern in Atlanta, seitdem die Yankees sich in der Stadt niedergelassen hatten.“ (S. 588) Nachdem eine der Frauen ihr gesagt hat, sie könnte keinem schwarzen Kindermädchen trauen; erklärt hat, sie hätte eigentlich auch kein Interesse an der Freiheit der Schwarzen gehabt; und Scarletts schwarzen Kutscher beleidigt hat, denkt Scarlett sich: „Sie wissen nicht, daß Neger behutsam behandelt werden wollen wie Kinder, geleitet, gelobt, gestreichelt, ausgescholten. Sie verstehen nichts von den Negern und von den Beziehungen zwischen ihnen und uns. Und doch haben sie den Krieg geführt, um sie zu befreien, und nachdem sie sie befreit haben, wollen sie nichts mit ihnen zu tun haben, höchstens, um die Südstaatler mit ihnen zu terrorisieren. Sie mögen sie nicht, sie trauen ihnen nicht, sie begreifen sie nicht, und doch erheben sie ständig ein Geschrei, wir im Süden verständen nicht, sie zu behandeln.“ (S. 591f.)
  • „Die selbsternannten ‚Lebensschützer‘ sorgen sich angeblich wahnsinnig um Föten, aber wenn ihnen Kinder tatsächlich wichtig wären, würden sie etwas gegen Kinderarmut unternehmen. Sobald die Kinder geboren sind, interessiert ihr euch nicht mehr für sie. Adoptiert doch Kinder, wenn ihr etwas für Kinder tun wollt. Ihr habt sowieso keine Ahnung davon, welche Umstände eine Frau zu einem Schwangerschaftsabbruch bewegen. Keine Frau macht sich diese Entscheidung leicht!“

Man will den Gegnern der Praxis nicht einmal fehlgeleiteten Idealismus unterstellen; es müssen vage definierte finstere Absichten und blinder Hass (auf die Lebensweise in den Südstaaten bzw. auf Frauen) sein. (Südstaatler bzw. Frauen, die auch dagegen sind, werden tunlichst ignoriert oder zu Verrätern erklärt.)

(Marsch für das Leben in Berlin. Bildquelle hier.)

Hier wird eins klar: Wenn die Argumente Nr. 1 und 2 fallen, sind die Argumente Nr. 3, 4, 5 und vor allem 6 hinfällig und können diese Praxis nicht mehr rechtfertigen.

 

Noch eine Gemeinsamkeit gibt es: Die Befreiung muss hauptsächlich von den Unterdrückern, Profiteuren der Unterdrückung und Unbeteiligten kommen, nicht von den Opfern. Im Lauf der Weltgeschichte hatten Sklavenrevolten selten Erfolg (Ausnahme: Haiti); der Weg zur Abschaffung der Sklaverei ging letztlich vor allem über das schlechte Gewissen Freier. Bei Ungeborenen ist es natürlich noch krasser: Hier haben die Opfer einfach keine Möglichkeit, für sich selbst zu sprechen.

 

Ein Ausblick: Was verhalf der Anti-Sklaverei-Bewegung letzten Endes zum Erfolg? Zum Beispiel die Hartnäckigkeit einiger Abolitionisten. William Wilberforce brachte zwischen 1789 und 1807 fast jedes Jahr eine Gesetzesvorlage im britischen Parlament zum Verbot des Sklavenhandels im Britischen Empire ein, bis er endlich Erfolg hatte – einen solchen Einsatz würde man sich einmal bei den Christdemokraten für das Leben wünschen. In einigen Ländern funktionierte tatsächlich eine stufenweise Abschaffung. Im Britischen Empire folgte dem Verbot des Sklavenhandels 1807 das völlige Verbot der Sklaverei 1823; in Brasilien wurde 1850 der Import von Sklaven verboten, 1871 wurden mit dem „Gesetz des freien Bauches“ die von Sklavinnen geborenen Kinder für frei erklärt, 1888 die Sklaverei ganz abgeschafft. In vielen europäischen Ländern (Großbritannien, Frankreich, etc.) bestanden schon vorher Gesetze, die die Sklaverei im Mutterland verboten und nur in den Kolonien erlaubten.

In den USA sah es etwas anders aus. Während auch in den Südstaaten im 18. Jahrhundert viele noch der Ansicht gewesen waren, die Sklaverei könne irgendwann in der Zukunft abgeschafft werden, radikalisierten sich die Ansichten der Weißen dort im 19. Jahrhundert drastisch – was vielleicht eine Reaktion auf die erstarkende Anti-Sklaverei-Bewegung im Norden war, die besonders nach Erscheinen des Romans „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe (1852) an Fahrt aufnahm. Ein Beispiel dieser Radikalisierung bietet der Senator und ehemalige Vizepräsident John C. Calhoun, der schon 1837 in einer Rede verkündete, die Sklaverei sei nicht nur ein geringeres Übel:

„Ich halte daran fest, dass, im gegenwärtigen Zustand der Zivilisation, da zwei Rassen unterschiedlichen Ursprungs, unterschieden durch Hautfarbe, und andere körperliche, sowie auch intellektuelle, Unterschiede, zusammengebracht worden sind, die Beziehung, die jetzt zwischen beiden in den sklavenhaltenden Staaten existiert, anstatt eines Übels ein Gut ist – ein positives Gut. […] Ich kann wahrhaftig sagen, dass in wenigen Ländern so viel dem Arbeiter zugeteilt wird, und ihm so wenig abverlangt wird, oder wo ihm mehr gütige Zuwendung in Krankheit oder den Schwächen des Alters zuteil wird. Vergleichen Sie seine Situation mit den Bewohnern der Armenhäuser in den zivilisierteren Teilen Europas – sehen Sie sich den kranken, und den alten und schwachen Sklaven, auf der einen Seite, an, in der Mitte von Familie und Freunden, unter der gütigen beaufsichtigenden Sorge seines Herrn und seiner Herrin, und vergleichen Sie das mit dem einsamen und elenden Zustand des Armen im Armenhaus.“ (Übersetzung von mir.)

Letztlich wurden die Südstaatler dann bekanntlich zu so fanatischen Sklavereibefürwortern, dass sie sich von den USA abspalteten, um die Einschränkung ihrer „Rechte“ zu verhindern, und die „Konföderierten Staaten“ gründeten. Noch klarer sagte es der Vizepräsident dieser Konföderation 1861, kurz nach ihrer Gründung:

„Unsere neue Regierung ist auf genau gegensätzlichen Ideen gegründet; ihr Fundament ist gelegt, ihr Eckstein ruht auf der großen Wahrheit, dass der Neger dem weißen Mann nicht ebenbürtig ist; dass Sklaverei, Unterordnung unter die überlegene Rasse, sein natürlicher und normaler Zustand ist. Diese unsere neue Regierung ist die erste in der Geschichte der Welt, die auf dieser großen physischen, philosophischen und moralischen Wahrheit beruht. Diese Wahrheit brauchte lange in der Geschichte ihrer Entwicklung, wie alle anderen Wahrheiten in den verschiedenen Bereichen der Wissenschaft.“ (Übersetzung von mir.)

Rassenbasierte Sklaverei als Kulminationspunkt des Fortschritts!

Weil im Norden auch die moderaten Sklavereigegner sowie diejenigen, die die Sklaverei nie interessiert hatte, die Union zusammenhalten wollten, war nun der Anlass zum Bürgerkrieg da; irgendwann während des Krieges wurden dann vom Norden auch noch die Sklaven für frei erklärt, während man schon mal dabei war. Ein brutaler und, wie soll man sagen, nicht unbedingt idealer Ausgang.

Auch heute sind ja die Abtreibungsbefürworter dabei, sich zu radikalisieren – in Deutschland treten etwa die Jusos für ein Recht auf Abtreibung in allen neun Monaten der Schwangerschaft ein; in den USA heißt es nicht mehr, Abtreibung solle „safe, legal and rare“ sein, sondern „Shout your abortion!“. Aus einer tragischen Entscheidung, die der Gesetzgeber erlauben soll, weil sie sich sowieso nicht verhindern lässt, wird eine befreiende Entscheidung einer emanzipierten Frau, die nicht hinterfragt werden darf und auf die sie stolz sein soll. Wer weiß, vielleicht überspannen die „Pro-Choicer“ den Bogen mehr und mehr, und mehr gemäßigte Abtreibungsgegner und bisher dem Theme gegenüber gleichgültige Menschen wachen auf, wie damals die Menschen in den Nordstaaten allmählich aufgewacht sind. Und vielleicht kann es dann ja (friedliche) Veränderungen geben.

 

Zuletzt: Wie ging es dann nach dem Ende der Sklaverei weiter?

Wie von den Sklavereibefürwortern vorausgesagt worden war, die Situation der Schwarzen war nicht von jetzt auf gleich super. Sie bekamen kein Land o. Ä. und waren oft von extremer Armut betroffen. Und sobald die Südstaaten die nördlichen Besatzungstruppen wieder los waren, führten sie die Rassentrennung ein, bemühten sich, die Schwarzen am Wählen zu hindern, dazu kamen Lynchmorde durch den Ku-Klux-Klan. Die Bürgerrechtsbewegung kam erst ein Jahrhundert später, und auch nach dem Ende der Rassentrennung in den 1960ern war nicht jeder Rassismus weg.

Bildergebnis für confederate propaganda civil war

(Wahlplakat der Demokraten, 1876. Bildquelle hier.)

Die weißen Südstaatler trauerten ihrem „lost cause“ noch lange nach und verherrlichten den Süden vor dem Bürgerkrieg, wozu sie auch technisch sehr gute Werke wie etwa den Stummfilm „Die Geburt einer Nation“ (1915) oder „Vom Winde verweht“ (1936 als Buch erschienen, 1939 verfilmt) produzierten. Die Deutungshoheit der Sklavereibefürworter war noch nicht gebrochen, als die Sklaverei gesetzlich abgeschafft wurde. Das hat verständliche Gründe: Es handelt sich um ein Unrecht, an dem unzählige Personen beteiligt waren, ohne dass etwa ein Diktator sie dazu gezwungen hätte, das in der Öffentlichkeit stattfand, anstatt versteckt zu werden wie manche Kriegsverbrechen, das demokratisch legitimiert war, dem die Mehrheit der Bevölkerung zustimmte. Sich einzugestehen, dass es ein Unrecht gewesen war, hätte für einen Südstaatler bedeutet, das ganze eigene Leben und das der Angehörigen und Freunde in Frage zu stellen.

Aber die ehemaligen Sklaven waren kein Eigentum mehr und konnten nicht mehr nach Belieben eines anderen von ihrer Familie wegverkauft werden. Sie hatten ein Recht auf Freiheit. Besser als vorher, oder etwa nicht? Wer weiß, vielleicht werden ebenso einmal die Ungeborenen wieder ein Recht auf Leben haben.

 

 

* Ich zitiere aus der Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach, erschienen im C. A. Koch’s Verlag.