Moraltheologie und Kasuistik, Teil 3: Die göttlichen Tugenden und die Kardinaltugenden

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Bevor ich ab dem nächsten Teil endlich zu den Zehn Geboten und den Einzelpflichten, die sie begründen, und den ganzen möglichen Einzelsünden gegen sie komme, noch ein Artikel mehr zu den Grundlagen der christlichen Ethik: Dem Begriff der Tugenden, und den grundlegenden Tugenden, die das gesamte moralische Handeln prägen müssen.

Eine Tugend ist grundsätzlich eine durch Gottes Gnade (und durch Einübung) erworbene Fähigkeit, gut zu handeln; ein „Habitus“, wie man auf Latein sagt, was sich mit „Gewohnheit“ nur unzureichend übersetzen lässt. Wer z. B. die Tugend der Gerechtigkeit besitzt, handelt generell gerecht, ohne sich erst dazu zu zwingen zu müssen; ist geübt darin, gerecht zu handeln; es fällt ihm leicht.

Die Tugenden haben ihren Sitz vor allem im Willen; wer z. B. unmäßige Furcht, Neid, ungerechten Zorn o. Ä. spürt, aber diese Emotionen, die ungewollt in ihm hochkommen, mit dem Willen bekämpft, verhält sich sehr tugendhaft.  Was im Willen ist, muss sich natürlich – sofern möglich und angebracht – auch in Worten und Taten verwirklichen (sonst wäre es gar nicht wirklich im Willen, sondern nur in der Phantasie), aber zunächst mal muss es im Willen vorhanden sein; und wenn es nicht verwirklicht werden kann, dann genügt das auch.

 

Basierend auf 1 Kor 13,13 kennt die katholische Theologie zum einen das Konzept der drei göttlichen/theologischen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe. Göttlich deshalb, weil sie sich auf Gott beziehen, nicht nur auf Zwischenmenschliches, und weil es keine rein natürlichen Tugenden sind (wie z. B. Gerechtigkeit oder Mut); hier muss Gott selbst in der Seele des Menschen wirken (natürlich muss Gott dem Menschen auch bei den natürlichen Tugenden helfen, da ja seit dem Sündenfall auch die natürlichen Kräfte des Menschen angegriffen sind; aber das ist etwas anderes). Die drei göttlichen Tugenden sind die wichtigsten und grundlegendsten Tugenden.

Faith, Hope and Love, as portrayed by Mary Lizzie Macomber (1861–1916)

(Allegorische Darstellung von Glaube (links), Hoffnung (rechts) und Liebe (mittig), Mary Lizzie Macomber. Gemeinfrei.)

1) Zuerst zur ersten dieser Tugenden, zum Glauben. Natürlich stellt sich für viele erst einmal die Frage: Wieso ist der Glaube überhaupt eine Tugend? Was ist die moralische Leistung daran, an Gott zu glauben? Und was verurteilenswert daran, nicht an Gott zu glauben? Handelt es sich nicht einfach um eine Meinung, die zu haben oder nicht zu haben moralisch neutral ist?

Na ja, zuerst einmal sind Meinungen eben nicht moralisch neutral. Jeder Mensch hat die Verpflichtung, nach der Wahrheit zu suchen, und sich nicht von Vorurteilen und egoistischen Wünschen, sondern von Vernunft und Gewissen leiten zu lassen, wenn er seine Meinungen formt. Ein offensichtliches Beispiel: Wenn jemand die Meinung vertreten würde „Schwarze Menschen sind weniger wert als weiße“ würde kaum einer diese Meinung als moralisch neutral betrachten. Das heißt nicht, dass nicht einmal ein gutwilliger Mensch ohne persönliche Schuld oder nur mit sehr geringer Schuld zu unwahren und verurteilenswerten Meinungen kommen kann – z. B. weil er durch ständige Propaganda beeinflusst wurde und die Gegenargumente nicht kennt -, aber es heißt, dass es eben sehr wohl Sünden des Intellekts gibt. Sich an der Wahrheit auszurichten ist eine Tugend.

Der Glaube besteht nun außerdem nicht nur darin, sich auf die abstrakte Wahrheit einzulassen, sondern auch darin, Gott persönlich zu glauben, sich auf Gott einzulassen: Den Gott, der allmächtig, allweise und vollkommen gut ist; der einen erschaffen hat und weiter im Dasein erhält; dem man verdankt, dass man überhaupt ist und nicht ins Nichts zurückfällt; der einen anspricht. Natürlich ist die Haltung gegenüber diesem Gott moralisch relevant. Wenn man erkannt hat, dass dieser Gott ist, kann man Ihm gegenüber nicht mehr gleichgültig sein.

Der Glaube hat seinen Sitz laut dem hl. Thomas von Aquin sowohl im Intellekt als auch im Willen, die beide zusammenwirken, wenn der Intellekt auf das Wahre und der Wille auf das Gute ausgerichtet ist. Thomas sagt zu der Frage, ob der Glaube eine Tugend ist:

„Denn da Glauben ein Akt der Vernunft [des Intellekts] ist, welche infolge der Bestimmung vom Willen aus zustimmt, so muß, damit dieser Akt gut sei, zuerst die Vernunft unfehlbar auf ihren Gegenstand sich richten, auf das Wahre; und der Wille muß sodann unfehlbar Beziehung haben zum letzten Endzwecke [d. h. dem guten Gott], dessentwegen er dem Wahren zustimmt. Beim geformten Glaubensakte nun ist dies Beides der Fall: die Vernunft geht immer auf das Wahre, denn dem Glauben kann sich nie Falsches beimischen; und der Wille geht kraft der Liebe immer auf den Endzweck. Also ist der geformte Glaube eine Tugend.“ (Summa Theologiae II/II 4,5)

Paulus definiert den Glauben in dem schwer zu übersetzenden Vers Hebr 11,1 als „elpizomenon hypostasis, pragmaton elenchos ou blepomenon“ – etwa: „Wesen/Wirklichkeit/Grundlage/Gewissheit des Erhofften / Feststehen in dem Erhofften, das Überzeugtsein von Dingen, die nicht gesehen werden“. Die Einheitsübersetzung (Ausgabe von 2016) übersetzt mit „Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht“ die Lutherbibel (Ausgabe von 2017) mit „feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“; die lateinische Vulgata hat „sperandarum substantia rerum, argumentum non apparentium“. Wie auch immer man das nun genau übersetzt, es geht jedenfalls darum, Gott etwas abzunehmen, das man so nicht direkt vor Augen hat, und in dieser Überzeugung fest zu stehen. Achtung: Das sollte einen nicht zu einer fideistischen Glaubensvorstellung führen im Sinne von „glaub einfach gegen jede Vernunft und ohne Beweise“. Eine solche Vorstellung von „Glaube“ ist von der Kirche sogar seit langem verurteilt worden. Es gibt Gründe, zu glauben; es gibt Beweise dafür, dass es wirklich Gott ist, der sich in Jesus, und vorher auf andere Weise in den Propheten Israels, offenbart hat. Aber die Dinge, die Er uns offenbart – z. B., dass es ein Gericht nach dem Tod und ein ewiges Leben geben wird; dass Er selbst dreifaltig ist; usw. -, die hat man eben nicht direkt vor Augen, sondern muss sie von Gott auf Treu und Glauben annehmen.

Natürlich ist das bei vielen Dingen so; ich habe auch Oklahoma oder Pluto noch nie mit eigenen Augen gesehen und bin auf andere angewiesen, um von der Existenz dieser Orte zu wissen. Aber ob Oklahoma oder Pluto existieren, kann mir auch relativ egal sein; Gott dagegen geht mich etwas an; und die Menschen, durch die ich von Oklahoma und Pluto weiß, können unwillentlich oder willentlich falsche Informationen darüber weitergeben; Gott ist dagegen vollkommen verlässlich. Glaube heißt eben: Auch dann daran festhalten, dass es Endgericht und Himmel geben wird, dass Gott alles zum Guten führen wird, wenn man gerade furchtbares Unrecht erleidet oder schwer krank ist. Glaube heißt: Auch dann an einem Gebot Gottes festzuhalten, wenn es bequem wäre, es zu brechen, oder an einer von Gott geoffenbarten Wahrheit, wenn es bequem wäre, sie vor anderen zu verleugnen. Die antiken Märtyrer, die hingerichtet wurden, weil sie daran festgehalten hatten, dass es die römischen Götter nicht gab, und ihnen nicht geopfert hatten, hatten diesen Glauben in höchstem Maße. Glaube heißt, auf Gottes Offenbarung vertrauen, weil Er vertrauenswürdig ist.

Man kann drei Arten von Glauben unterscheiden:

  • credere Deum (esse) (glauben, dass Gott ist)
  • credere Deo (Gott glauben – d. h. Gott das glauben, was Er offenbart hat)
  • credere in Deum (an Gott glauben – hier geht es um Vertrauen, Liebe, Zugehörigkeit zu Gott)

Der Glaube beinhaltet sowohl ein persönliches Vertrauen in Gott (credere in Deum) als dann auch logischerweise die Zustimmung zu den von Ihm offenbarten Lehren (credere Deo). Beim Glauben geht es um ein „ganz oder gar nicht“: Man kann dann nicht mehr auswählen, was man sich von Gott sagen lassen will und was nicht; man kann nicht mehr einen Aspekt der Offenbarung ignorieren oder Gott aus einem Teil des Lebens heraushalten; das ist wirklich ein Fall, in dem nichts anderes als bedingungslose „Unterwerfung“ nötig ist. (Die ist letztlich übrigens meistens nicht so schwer, wie das jetzt vielleicht klingt.) Die Tugend des Glaubens liegt vor allem im credere in Deum – dass es Gott gibt, glaubt sogar der Teufel.

Der Glaube kann lebendig oder tot sein – lebendig ist er, wenn der Katholik, der ihn hat, im Stand der Gnade ist, also ohne unbereute Todsünden lebt. Auch ein toter Glaube ist zwar gewissermaßen noch ein Glaube; aber kein wirksamer Glaube mehr. (Vgl. dazu Jak 2,14-26, wo die Bibel sehr deutlich macht, dass nur ein Glaube, der sich im Handeln zeigt, ein lebendiger, zum Heil führender Glaube ist.)

2) Bei der göttlichen Tugend der Hoffnung geht es um die Hoffnung auf das, was Gott uns als Ziel unseres Lebens geben will, nämlich das ewige Glück, die Vereinigung mit Ihm im Himmel. Thomas schreibt:

„Das Gute also, was wir im eigentlichen Sinne und in erster Linie von Gott erwarten, ist Gott selber; nämlich das unendliche Gut, was der Kraft des göttlichen Beistandes entspricht. Dieses Gut wird nun durch die ewige Seligkeit besessen. Denn nichts Geringeres kann von Gott erhofft werden, wie Er selbst; da nicht geringer ist seine Güte, kraft deren Er der Kreatur Gutes mitteilt, wie Er selbst oder wie sein Wesen. Der eigens entsprechende, leitende Gegenstand der Hoffnung also ist die ewige Seligkeit.“ (Summa Theologiae II/II 17,2)

Was an der Hoffnung verdienstlich sein soll, erschließt sich vielleicht am besten, wenn man zwei mögliche Sünden gegen sie betrachtet: die Verzweiflung auf der einen Seite und die Vermessenheit (Präsumption) auf der anderen. Verzweiflung heißt, die Hoffnung darauf aufzugeben, dass man jemals im Himmel sein wird. Die Verzweiflung zweifelt an Gott, zweifelt daran, dass Er einen wirklich liebt, einem wirklich verzeihen will, einem wirklich die Möglichkeit gibt, in den Himmel zu kommen; sie ist damit eigentlich eine ziemliche Beleidigung Gottes. (NB: Ein Gefühl der Verzweiflung ohne Zustimmung des Willens ist noch keine Sünde – wie überall. Und wie überall gibt es Dinge, die den freien Willen einschränken und damit die Schuldhaftigkeit der Verzweiflung verringern können (z. B. eine Depression). Aber an sich ist die Verzweiflung tatsächlich Sünde.) Vermessenheit meint in diesem Zusammenhang eine Art ungeordnete, falsche Hoffnung bzw. eine Hoffnung, die keine Hoffnung mehr ist (Hoffnung richtet sich auf etwas noch nicht Erreichtes), sondern sich als Gewissheit ausgibt; hier geht es darum, zu meinen, man würde sowieso in den Himmel kommen, ganz egal, was man noch tut, d. h. auch, wenn man Gottes Bedingungen für Seine Zusage des Himmels (vergangene Sünden bereuen und nun die Gebote halten) in den Wind schlägt. Die Vermessenheit erwartet von Gott etwas, das Er nie versprochen hat zu geben, bzw. nicht geben kann, weil es im Widerspruch zu Seinem Wesen stehen würde; sie ist die typisch protestantische „Heilsgewissheit“ im Sinn von Luthers berühmtem „Sündige tapfer, aber noch tapferer glaube!“.

Wer die Hoffnung hat, beschreitet den Mittelweg zwischen Verzweiflung und Vermessenheit: D. h., er hält daran fest, dass er mit Gottes treuer Hilfe in den Himmel kommen kann, wenn er selber auch treu bleibt, und richtet sich zuversichtlich auf dieses Ziel aus.

3) Die Liebe ist die höchste Tugend und die Grundlage aller Gebote. Über sie habe ich (zumindest in Bezug auf die Nächstenliebe und die Feindesliebe, weniger in Bezug auf die Gottesliebe) hier schon einiges geschrieben; statt in diesem Artikel noch einmal alles zu wiederholen, verweise ich einfach darauf. Lieben heißt grundsätzlich: jemandem Gutes wollen. Die Liebe bedeutet eine grundsätzliche Bejahung und Anerkennung eines Wesens in seinem Wert und Wesen.

Die Liebe zu Gott beinhaltet demnach auch die Anbetung; Liebe und Anbetung sind die einzige angemessene Reaktion auf die Erkenntnis, dass Gott ist und wie Gott ist. Und sie beinhaltet – wie jede gegenseitige Liebe – auch die Kommunikation, die Gemeinschaft mit Gott. Deshalb nennt Thomas die Gottesliebe eine Freundschaft mit Gott. Zur Gottesliebe gehört also auch das Gebet.

Die Gottesliebe führt aber auch wieder direkt zur Nächstenliebe. Weil Gott auch alle anderen Menschen als in ihrem Kern gute Wesen geschaffen hat und sie liebt, muss man auch alle anderen Menschen lieben; vor allem wünscht die Liebe dem anderen, dass er das Ziel seines Lebens erreicht (und hilft ihm gegebenenfalls dabei): zu Gott zu kommen. Gott haben wir in diesem Leben auch nicht so direkt vor Augen wie andere Menschen; und Er hat uns gesagt: „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht. Und dieses Gebot haben wir von ihm: Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben.“ (1 Joh 4,20f.) Und: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)

Besonders kommt die Liebe ins Spiel, wenn es um die Vergebung und die Feindesliebe geht; dazu, was genau die Vergebung und die Feindesliebe praktisch beinhalten, kommt aber später noch einmal ein eigener Beitrag.

Zu den einzelnen Sünden gegen Glaube, Hoffnung und Gottesliebe ausführlich im nächsten Teil.

 

Neben den drei göttlichen Tugenden gibt es außerdem noch die vier Kardinaltugenden (von lat. „cardo“: Türangel, Dreh- und Angelpunkt): Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und Mäßigung. Diese vier sind natürliche, nicht übernatürliche, Tugenden; und diese Kategorisierung hat ihren Ursprung nicht in der Bibel, sondern in der griechischen Philosophie.

(Allegorische Darstellung von (von links nach rechts) Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und Mäßigung am Grabmal von Papst Clemens II. im Bamberger Dom. Gemeinfrei.)

1) Die Gerechtigkeit ist eine sehr zentrale Tugend. Sie bedeutet: gewillt sein, jedem anderen sein Recht zukommen zu lassen, das, was ihm zusteht. Was genau dieses „jedem das Seine“ in der Praxis heißt, ist manchmal etwas kompliziert zu beantworten, da Bedürfnisse, Verdienste, Schuld usw. unterschiedlich sind; außerdem schuldet ein Mensch einem anderen auch mehr oder weniger bzw. Unterschiedliches, je nachdem, in welchem Verhältnis er zu ihm steht (z. B. Eltern-Kind-Beziehung, Ehe, Arzt-Patient-Verhältnis, Arbeitsverhältnis…). Eltern schulden ihrem eigenen Kind mehr als dem Nachbarskind; und ein Arzt schuldet seinen Angestellten andere Dinge als seinen Patienten. Natürlich gibt es in allen diesen Fragen recht klare Prinzipien, die man auf die einzelnen Fälle anwenden kann; dazu komme ich allerdings in mehreren anderen Beiträgen, weil das hier zu langwierig würde. Die Gerechtigkeit existiert in vielen Spielarten; z. B. gibt es die strafende Gerechtigkeit und die Verteilungsgerechtigkeit.

Die Barmherzigkeit kann über die Gerechtigkeit noch hinausgehen und jemandem mehr geben, als er verdient, aber sie macht die Gerechtigkeit nicht obsolet; und die Gerechtigkeit ist in jedem Fall das Minimum, das erfüllt werden muss. Es braucht ein Zusammenwirken von beiden.

2) Tapferkeit/Stärke (lat. fortitudo) meint die Fähigkeit, sich nicht durch Furcht oder Schwierigkeiten davon abhalten zu lassen, das Richtige zu tun. Thomas schreibt:

„Ich antworte, vermittelst der Stärke ziehe sich der Mensch vom Guten nicht zurück aus Furcht vor einem körperlichen Übel. Es muß aber das der Vernunft entsprechende Gute trotz alles entgegenstehenden Übels deshalb festgehalten werden, weil kein körperliches Gut gleichkommt dem Gute der Vernunft. Also wird Seelenstärke jene Tugend genannt, welche den Willen im vernunftgemäßen Guten festhält gegen die größten Übel.“ (Summa Theologiae II/II 123,4)

3) Klugheit meint das Finden der rechten Mittel, um das Gute zu erreichen. Der Klugheit obliegt es, zu urteilen, wie genau man ein bestimmtes Ziel (z. B. eine gerechte Verteilung von bestimmten Gütern) am besten erreichen kann. Mit Klugheit ist hier Vernunft, gesunder Menschenverstand, Besonnenheit gemeint; nicht ein hoher IQ. Die Klugheit als Tugend zu bezeichnen klingt für moderne Ohren ähnlich ungewohnt, wie den Glauben so zu nennen. Aber hier geht es tatsächlich um Kategorien der Ethik: Zur Klugheit gehört es z. B., Vorsicht und Zurückhaltung bei vorschnellen Urteilen walten zu lassen; alle Seiten zu hören; zu wissen, wann man lieber jemanden um Rat fragen muss, der sich besser auskennt als man selbst; aber auch nicht leichtgläubig und zu sehr beeinflussbar zu sein; sich von der Vernunft leiten zu lassen statt von Emotionen; Intuitionen aber auch nicht einfach zu ignorieren… Laut Thomas gehören drei Dinge zur Klugheit: Ratsuchen, Urteilen und die praktische Anwendung des Urteils. Nachlässigkeit, Gedankenlosigkeit oder inkonsistentes Urteilen wären Sünden gegen die Klugheit.

4) Mäßigung meint, sich nicht durch ein Übermaß eines bestimmten Gutes davon abhalten zu lassen, das gesamte Gute im Blick zu behalten. Hier geht es um das Finden des rechten Maßes (in manchen Fällen und bei manchen Leuten kann das ein sehr großes, in anderen Fällen und bei anderen Leuten ein sehr geringes sein; oft ist es aber ein mittleres) z. B. bei Essen, Alkohol, Arbeit, Freizeit, Gesellschaft, Zurückgezogenheit usw., damit das Leben funktioniert. Alle Dinge unterhalb von Gott sind nur dann gut, wenn sie in der rechten Ordnung und im rechten Maß gebraucht werden. Untertugenden der Mäßigung wären z. B. die Keuschheit oder die Bescheidenheit.

 

Die Mäßigung und die Klugheit verlangen übrigens auch, das richtige Verhältnis zwischen verschiedenen wichtigen, einander ergänzenden Tugenden zu suchen und hier keine Seite zu vernachlässigen; was aber gerade nicht Lauheit ist. Zur Illustration eine kleine Grafik (Bildquelle hier; ich habe kein besseres Bild gefunden):

 

R-Spitz.png

Man denke sich jeweils die Grundlinie der beiden Dreiecke als die Linie, die zwischen zwei einander ergänzenden Tugenden, sagen wir, Gerechtigkeit (jeweils Eckpunkt links unten) und Barmherzigkeit (jeweils Eckpunkt rechts unten) verläuft. In der Mitte dieser Linie befindet sich die goldene Mitte; aber von dort aus kann man noch weiter (rechtes Dreieck) oder nicht so weit (linkes Dreieck) nach oben gehen und dort die Spitze des Dreiecks festmachen. Wenn jedes der beiden Dreiecke für eine Person steht, ist keine der beiden unausgewogen und sieht nur auf Gerechtigkeit oder nur auf Barmherzigkeit (bei beiden Dreiecken steht die Spitze über der Mitte der Grundlinie), aber die linke Person interessiert sich für beides wenig, während die rechte Person sowohl stark darauf sieht, dass anderen Leuten Gerechtigkeit widerfährt, als auch darauf, ihnen gegenüber auch barmherzig zu sein; je nach dem, was in der Situation nötig ist. Die Tugend der Mäßigung ist notwendig dafür, dass das Dreieck nicht verschoben wird und man keine der beiden Komplementärtugenden (= Tugenden, die einander ergänzen) vernachlässigkeit. Die Person kann aber immer weiter in der Tugend wachsen (die Spitze des Dreiecks immer weiter nach oben verschieben) und immer mehr auf beide Tugenden schauen, ohne dabei auf die eine oder andere Seite zu kippen.

Die Tugenden können überhaupt alle nur gemeinsam existieren; wenn z. B. jemand gerecht sein möchte, aber keine Tapferkeit besitzt, wird er davor zurückschrecken, Gerechtigkeit zu üben, wo er sich damit unbeliebt machen würde; wenn jemand ein unmäßiges Verlangen nach Geld hat, wird er in Gelddingen nicht gerecht sein können.

6 Gedanken zu “Moraltheologie und Kasuistik, Teil 3: Die göttlichen Tugenden und die Kardinaltugenden

  1. Du schreibst:

    „Die Vermessenheit erwartet von Gott etwas, das Er nie versprochen hat zu geben, bzw. nicht geben kann, weil es im Widerspruch zu Seinem Wesen stehen würde; sie ist die typisch protestantische „Heilsgewissheit“ im Sinn von Luthers berühmtem „Sündige tapfer, aber noch tapferer glaube!“

    Wenn ich Kommentare von sogenannten „born again Christians“ auf Plattformen wie youtube lese, bin ich immer wieder über diese vermessene Heilsgewissheit erstaunt. Man handelt nach dem Motto: „Ich bin schon sicher im Himmel, alle anderen (Katholiken, Juden, Muslime, Atheisten etc…) werden in die Hölle gelangen“. Wie kann man als Christ so überheblich sein?

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