Ein kurzer Rant betreffs der östlichen Schismatiker

Ich habe vor einiger Zeit mal bemerkt, die Evangelikalen wären die „Lieblingshäretiker“ in unserem Lager der „konservativen“ Katholiken geworden; seit neuestem bekommen sie bei dieser Position allerdings Konkurrenz von den Häretikern aus dem Osten, die sich die „Orthodoxen“ nennen.

In gewisser Weise kann man das ja verstehen: Inzwischen leben auch im Westen mehr griechische, russische, ukrainische, serbische, syrische, irakische usw. Christen und irgendwie findet man die doch faszinierend. Sie haben mehr mit uns gemeinsam als die Protestanten (Sakramente, Apostolische Sukzession usw.), sind aber irgendwie auch fremd und man will ja weltoffen sein und auf sie zugehen. Und: Schöne Ikonen! Komische liturgische Gewänder! Unverständliche Sprachen! Spannend!

(Muttergottes von Wladimir. Gemeinfrei.)

Ein nicht so kleiner Teil der Bewunderung für die östlichen Christen ist m. E. tatsächlich nichts anderes als Orientalismus. Das meine ich gar nicht so verächtlich, wie es vielleicht klingt; es macht Spaß, das Fremde zu bewundern (und wer damit anfängt, fängt fast notwendigerweise bei oberflächlichen Dingen an); und wo kämen wir hin, wenn keiner sich mehr für andere Kulturen begeistern dürfte.* Wenn Westler die östliche Liturgie oder Kunst bewundern, ist das prinzipiell genauso legitim, wie wenn Japaner, Amerikaner und der ein oder andere Preuße nach Neuschwanstein schwärmen und sich da überteuerte Postkarten, Dirndlimitate mit zu kurzen Röcken und Kuckucksuhren an den Souvenirständen kaufen – auch wenn man nicht unbedingt damit rechnen muss, dass die Einheimischen allzu viel für diese Art Bewunderung übrig haben werden. Und wer sich für den Osten begeistert, kann schließlich auch eine griechisch-katholische Liturgie besuchen und muss nicht zu einer schismatischen griechisch-orthodoxen gehen. Der Osten hat, wie der Westen, Großartiges zu bieten.

Aber lächerlich wird es, wenn von manchen Leuten seit neuestem so getan wird, als wären die schismatischen Orthodoxen die standhafte konservative Bastion der Christenheit, während Papst Franziskus und seine liberalen Höflinge die katholische Kirche an den Rand des Untergangs bringen.

Ja, ja, sie mögen schöne lange Gottesdienste haben, die noch nicht in moderne Sprachen übersetzt worden sind. Und ihre liturgischen Gewänder sind ganz hübsch. Ich mag das traditionelle Lateinische zwar lieber, aber das ist nun Geschmackssache. Aber: standhafte Verteidigung der christlichen Lehre? Ernsthaft? Mit der These gibt es so einige offensichtliche Probleme:

  • Die östlichen Schismatiker verbindet eine Sache mit so ziemlich allen Häretikern der Kirchengeschichte wie auch mit den Leuten innerhalb der katholischen Kirche, die sie „modernisieren“ wollen: Sie leugnen die absolute Unauflöslichkeit der sakramentalen und vollzogenen Ehe. Ja, die Scheidung wird nicht gern gesehen; aber wenn jemand aus einem Grund, den die Kirche als ausreichend ansieht, geschieden ist und wieder heiraten will, lassen die orthodoxen Kirchen das zu. (Und zu diesen Gründen gehört nicht nur Ehebruch o. Ä., sondern sogar eine schwere Krankheit eines Partners, die das Familienleben einschränkt – wenn es deinem Partner nicht gut geht, kannst du ihn ersetzen. Von wegen „in guten wie in schlechten Tagen“.) – Gleichzeitig sehen sie diese zweiten oder dritten Ehen nicht gern – und setzen zweite oder dritte Ehen nach dem Tod eines Partners ihnen praktisch gleich. Eine ziemliche Ungerechtigkeit gegenüber wiederverheirateten Witwen oder Witwern, die auf eine Stufe mit Geschieden-Wiederverheirateten gestellt werden. Noch dazu wird nach der dritten Ehe eine willkürliche Grenze gezogen; eine vierte Ehe darf auf keinen Fall geschlossen werden, auch nicht, wenn jemand dreifach verwitwet statt dreifach geschieden ist. – Der Witz daran ist, dass das hier keine komplizierte Frage wäre, wo Bibelstellen oder Kirchenväter einander widersprechen würden oder schwer zu interpretieren wären; sowohl bei  Jesus als auch bei Paulus wird es völlig klar, dass die Ehe zwischen Christen in diesem Leben unauflöslich ist, und durch den Tod dann tatsächlich aufgelöst wird.
  • Auch bei anderen modernen Streitfragen sind sie alles andere als standhaft. Empfängnisverhütung? Die Entscheidung soll den Ehepaaren überlassen werden (nur frühabtreibend wirkende Mittel werden ganz abgelehnt).
  • Dass orthodoxe Patriarchen und Bischöfe bei schwierigen Fragen ins Wanken geraten und von „individuellen Entscheidungen“ reden und sich nicht sicher sind, was die Kirche eigentlich lehren sollte, ist übrigens nichts Neues. Bei der Frage, ob es erlaubt sein könnte, den Glauben zu verleugnen, um dem Tod zu entgehen, war es schon vor Jahrhunderten dasselbe. (Zu Zeiten, als ein großer Teil Osteuropas von den Osmanen beherrscht war und auch im Gebiet der heutigen Türkei (damals Kern des Osmanischen Reiches) noch viele Christen lebten, eine gar nicht unwichtige Frage, da einige Christen dort unter Druck äußerlich den Islam angenommen hatten und für eine offene Rückkehr zum Christentum mit dem Tod zu rechnen gehabt hätten.)

Alles das beruht auf einem Prinzip, das sich „oikonomia“ nennt – bei uns Katholiken sagt man dazu seit neuestem „pastoral sein“ oder „individuelle Gewissensentscheidungen berücksichtigen“ -, was bedeutet: Im Einzelfall müsse man Ausnahmen machen und auch nicht so gute Dinge dulden, um auf die Schwächen der Menschen Rücksicht zu nehmen. Eigentlich ist das eine Beleidigung Gottes, genauer, ein Mangel an Vertrauen gegenüber Gott, da man davon ausgeht, dass Seine Gebote dem Menschen nicht wirklich gut tun würden und es grausam wäre, immer auf ihnen zu bestehen. Aber das ist ein Prinzip der Orthodoxie. Komisch, dass gerade Leute, die Papst Franziskus, der sich oft in einer solchen Weise ausdrückt, nicht besonders mögen, andererseits zu den Orthodoxen hinneigen… hm.

Und da haben wir noch gar nicht mit den anderen Problemen der Orthodoxen angefangen:

  • Sie leugnen das filioque, d. h. die Lehre, dass der Heilige Geist „aus dem Vater und dem Sohn (lat. filioque) hervorgeht“, die sich anhand der Bibel und der Texte der Kirchenväter sehr gut begründen lässt und keineswegs eine westliche Erfindung ist.
  • Sie leugnen den Primat des Papstes. Es ist erstaunlich, wie sehr manche Orthodoxe dafür bereit sind, die Geschichte der Kirche zu ignorieren und sogar offen zu lügen. Ein orthodoxer Bischof (ein von den Orthodoxen als Heiliger verehrter Bischof!) kann einen langen Text über den Papstprimat schreiben, dabei alle möglichen Bibelstellen anführen, und die Bibelstellen, die von Katholiken gebraucht werden, um den Primat zu begründen (z. B. Mt 16,18f., Lk 22,32, Joh 21,15-19), nicht einmal erwähnen. Er kann aus den Briefen des hl. Ignatius zitieren, und dabei den in dieser Frage entscheidenden, den an die Römer, einfach unter den Tisch fallen lassen. Das ist nicht mehr Irrtum, das ist offenes Lügen. Es ist aus der Geschichte der Kirche klar ersichtlich, dass auch im Osten der Papstprimat früher anerkannt wurde (und zwar sowohl vor als auch nach der Errichtung des Patriarchats Konstantinopel); das zu leugnen ist eine erstaunliche Leistung.
  • Und weil sie den Primat des Papstes leugnen, ist ihnen natürlich die Einheit verlorengegangen. Sie sind untereinander z. T. extremer zerstritten als mit dem Westen. Dazu muss man bloß die derzeitige Situation in der Ukraine betrachten; die Rivalität zwischen Moskau und Konstantinopel ist hier wirklich eskaliert. Ökumenische Konzilien bekommen sie logischerweise seit dem Schisma auch nicht mehr hin (anders als, ähem, die katholische Kirche).
  • Ihre Theologie ist oft unklar und verworren – sind katholische, protestantische usw. Taufen nun gültig oder nicht? Sie sind manchmal auch relativ anti-intellektuell eingestellt (und bilden sich einiges auf ihren Anti-Intellektualismus ein) und lehnen die Theologie, wie sie z. B. von den Scholastikern betrieben wurde, dann als unzulässiges Stochern in unzugänglichen Mysterien ab.
  • Dann wäre da ihr Cäsaropapismus. Zuerst die Kaiser des Byzantinischen Reiches, dann die Zaren, heute eben Putin: Wenn man sich dem Papst nicht mehr unterwirft, unterwirft man sich umso blinder dem eigenen säkularen Herrscher.
  • Dazu kommen nicht selten Verleumdungen gegenüber Katholiken. Beispiel gefällig? „Deshalb begreift die orthodoxe Kirche nicht den Priester als den Hauptakteur des liturgischen Geschehens, wie es die abendländische mittelalterliche Mess-Theologie getan hat. Vielmehr ist Christus Selbst der  ‚Darbringende und der Dargebrachte‘. Er ist der das Opfer der versammelten Kirche Empfangende, das Er wiederum als der alleinige Mittler Gott, dem Vater, darbringt. Und Er ist der die heilige Kommunion Austeilende und in ihr Empfangene.“ (Quelle hier.) HABT IHR EIGENTLICH SCHON MAL WAS VON „IN PERSONA CHRISTI“ GEHÖRT, WIR SAGEN AUSDRÜCKLICH AUCH, DASS HIER CHRISTUS SELBST HANDELT UND DER PRIESTER NUR DAS INSTRUMENT IST.
  • Auf orthodoxer Seite hält man den Katholiken gerne die Eroberung Konstantinopels beim 4. Kreuzzug 1204 vor. Okay, kann man machen. Aber dann sollten wir auch betrachten, wie bei den Kreuzzügen zuvor Byzanz den Kreuzfahrern, die eigentlich gekommen waren, um ihm zu helfen, immer wieder in den Rücken gefallen war. Oder später, wie grausam die Orthodoxen häufig gegenüber den Leuten im Osten waren, die die Union mit Rom wollten, und wie sie z. B. 1623 den hl. Erzbischof Josaphat ermordeten, oder in der Sowjetzeit die brutale Verfolgung der Unierten unterstützten. Oder schonvor dem endgültigen Schisma die Intrigen des Usurpators des Patriarchats Konstantinopel Photius im 9. Jahrhundert, der das Schisma vorbereitete. Man sollte auch nicht vergessen, dass es immer Rom war, das sich darum bemühte, nach dem Schisma die Einheit der Kirche wiederherzustellen – was mehrere Male fast geklappt hätte, zuletzt im 15. Jahrhundert beim Konzil von Basel-Ferrara-Florenz.

(Hl. Josaphat Kunzewitsch (1580-1623). Gemeinfrei.)

Ja, ich bin gerade etwas genervt, und ja, ich denke, ich habe Anlass, genervt zu sein.

Langer Rede, kurzer Sinn: Die sog. orthodoxen Kirchen lehren Häresie und befinden sich im Schisma und wir haben keinen Grund für Minderwertigkeitskomplexe ihnen gegenüber.

Wir haben übrigens auch keinen Grund für Minderwertigkeitskomplexe gegenüber der östlichen (ob schismatischen oder unierten) Theologie, Liturgie, Kunst und Frömmigkeit – im Gegenteil, etwas mehr lateinischer Patriotismus wäre da schon gerechtfertigt. Aus dem Westen stammen der hl. Augustinus, der hl. Benedikt, der hl. Franziskus, der hl. Dominikus, der hl. Thomas, der hl. Ignatius von Loyola, die hl. Therea von Avila, der hl. Franz von Sales, die hl. Thérèse von Lisieux, der hl. Don Bosco, wir haben die Gotik, die Renaissance und den Barock, Fra Angelico und Raffael und Michelangelo, von hier stammen das Rosenkranzgebet und die Herz-Jesu-Verehrung, wir haben unsere eigenen Kirchenlehrer, unsere eigenen vielfältigen Orden, von den Karmelitern über die Franziskaner zu den Dominikanern, unsere eigene heilige Sprache und unsere eigenen liturgischen Traditionen (auch wenn es in den 60ern gewisse Leute für geboten hielten, diese generalzuüberholen und alles Mögliche grundlos zu streichen (das blieb dem Osten ja zum Glück erspart); aber die lateinische Messe existiert trotzdem noch). Übrigens hat unsere Seite gerade missionarisch im 2. Jahrtausend sehr viel geschafft; es waren z. B. die Jesuiten, die nach Japan und China gingen und dort den Glauben verkündeten und zu Märtyrern wurden.

Das heißt selbstverständlich nicht, dass man deswegen die östlichen Kirchenväter (vor dem Schisma) oder die Traditionen, Liturgie, Ikonen, Theologen usw. der heutigen östlichen Christen irgendwie herabwürdigen sollte; da findet sich auch viel Großartiges; nicht nur bei den unierten, sondern selbst bei den häretischen Ostkirchen. (Wenn sie nicht so offensichtlich so nahe an der Wahrheit wären, müsste man die schismatischen Orthodoxen auch nicht so scharf kritisieren; aber so werden ihre Abweichungen davon noch schlimmer.) Es ist nur ein Plädoyer für ein wenig mehr lateinisches Selbstbewusstsein.

Und wie gesagt: Ich bin gerade etwas genervt. Aber zu Recht.

 

* Okay, wir wissen schon, wohin wir da kämen: Zu Leuten, die sich darüber aufregen, wenn Vierjährige sich als Indianer oder Chinesen verkleiden wollen, weil „cultural appropriation“.

9 Gedanken zu “Ein kurzer Rant betreffs der östlichen Schismatiker

  1. Danke für diesen sehr guten Beitrag. Es war an der Zeit, einen kritischen Text über die orthodoxe Kirche zu schreiben. Persönlich finde ich zudem die Lehre von Gregorios Palamas ziemlich merkwürdig: https://de.wikipedia.org/wiki/Gregorios_Palamas .

    Zum Primat des Papstes hätte ich noch eine interessante Bibelstelle: „Als ein heftiger Streit entstand, erhob sich Petrus und sagte zu ihnen: Brüder, wie ihr wisst, hat Gott schon längst hier bei euch die Entscheidung getroffen, dass die Heiden durch meinen Mund das Wort des Evangeliums hören und zum Glauben gelangen sollen…Da schwieg die ganze Versammlung…“ (Apg 15, 7/ 12)

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  2. Alles richtig – oder fast alles. (Wenn ich richtig informiert bin, ist das Leugnen des Filioque immerhin keine *offizielle* orthodoxe Position, sondern die wäre etwa der Empörung zu vergleichen, die manche Tradis in bezug auf den hl. Joseph im Kanon haben. Mit dem Unterschied, daß mMn das Filioque *gut so* ist, der hl. Joseph aber m sehr bMn tatsächlich anderswo hingehört hätte, aber nun *haben* wir ihn eben im Kanon. – Von da aus ist es natürlich verständlich, daß der volkstümliche sich radikalisierende Mensch dann eben auf allem in der Richtung herumschimpft.)

    Trotzdem, und das mag jetzt etwas weniger mit Verstand sein: Bei den Orthodoxen habe ich, ganz im Gegenteil zu von wegen Orientalismus (und die, die ich kenne, sind *Rumänen*, also definitiv Leute wie wir), das Gefühl: das sind bei allen Differenzen, trotz Schisma, trotz einzelnen Häresien, doch unsere Leute, die, trotz etc., trotz etc., denselben Glauben haben.

    Während der Calvins ein ganz anderer ist.

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  3. Du schreibst:

    „Alles das beruht auf einem Prinzip, das sich „oikonomia“ nennt – bei uns Katholiken sagt man dazu seit neuestem „pastoral sein“ oder „individuelle Gewissensentscheidungen berücksichtigen“ -, was bedeutet: Im Einzelfall müsse man Ausnahmen machen und auch nicht so gute Dinge dulden, um auf die Schwächen der Menschen Rücksicht zu nehmen.“

    Vor etwas längerer Zeit hatte ich mit einem Priester Kontakt, der das Prinzip der „oikonomia“ folgendermaßen verteidigte:

    „Jesus sagte den Pharisäern, dass das Gesetz für den Menschen da sei. Außerdem sagte er, dass die Last seines Joches leicht zu tragen sei. Somit lässt sich das Prinzip der „oikonomia“ direkt auf Jesus zurückführen. Wir leben in einer gefallenen Welt, sodass sich Menschen manchmal in Situationen befinden, in denen sie nur zwischen Pest und Cholera wählen können (wie z.B. das Mädchen, das mit kleinen Kindern auf der Straße leben muss, und nur zwischen Diebstahl oder Prostitution wählen kann, um das Überleben der Kinder zu sichern). Das Prinzip der „oikonomia“ ist daher notwendig, um Menschen keine übermäßigen Lasten aufzubürden, die sie nicht tragen können. Auf das Beispiel bezogen heißt das: Wenn das Mädchen als Prostituierte (oder auch als Diebin) tätig ist, sollte man sie nicht als Todsünderin geißeln, sondern die Entscheidung dulden. Es stimmt, dass Prostitution und Diebstahl sündige Dinge sind, aber man kann nicht verlangen, dass das Mädchen gemeinsam mit den Kindern Hunger leidet. „Oikonomia“ ist also ein Prinzip, das die Gültigkeit des Gesetzes anerkennt, aber gleichzeitig auch dem Umstand Rechnung trägt, dass nicht alle Menschen das Ideal erreichen können. Es ist der goldene Mittelweg, den Christen beschreiten sollten.“

    Was kann man zu dieser Argumentation sagen?

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    1. Dass sie völlig falsch und verdreht ist.

      Gott lässt uns nie nur die Wahl, irgendetwas Schlechtes zu tun und so oder so schuldig zu werden, andernfalls hätte Er Seine Welt auf ungerechte, grausame und unvernünftige Weise eingerichtet, was nicht der Fall sein kann, da Gott nicht ungerecht, grausam und unvernünftig ist.

      Auf das Beispiel bezogen: Diebstahl ist kein Diebstahl, wenn man sich anders (z. B. durch Arbeit oder Betteln) nicht ernähren kann; das Recht auf Eigentum ist kein absolutes Recht und muss vor dem Recht eines anderen auf Leben gefälligst Platz machen. Dagegen ist Prostitution immer falsch, und man dürfte sich nicht mal prostituieren, um zu überleben oder anderen das Überleben zu sichern. (Die Schuldfähigkeit kann hier freilich sehr stark verringert oder ganz aufgehoben sein.) Es gibt Dinge, die man sich selbst (oder anderen) nicht antun darf, niemals. Da geht die Würde des Menschen vor. Und es kann gefälligst keiner Frau vorgeworfen werden, wenn sie nicht bereit ist, sich zu prostituieren!

      Das Gesetz ist auch kein Ideal, es ist ein Gesetz. Das Ideal ist, noch über das Gesetz hinauszugehen, aber das Gesetz gilt immer.

      Jesus hat mit den Pharisäern über die genaue Auslegung und Bedeutung des Sabbatgebots geredet. Das ist ein Gesetz, das aber nicht aus der Natur der Sache kommt, sondern das mal so festgelegt wurde und auch anders hätte festgelegt sein können. Hier kann es Ausnahmen geben; außerdem haben die Pharisäer es einfach falsch ausgelegt. Es ging nicht um die Geltung an sich, sondern um die Auslegung, wie gesagt.

      Zur Ehescheidung, die die Pharisäer (wie die Orthodoxen heute) zulassen wollten, hat Jesus sehr klar gesagt, dass sie gar nicht geht.

      LG, Crescentia.

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      1. Du schreibst:

        „Gott lässt uns nie nur die Wahl, irgendetwas Schlechtes zu tun und so oder so schuldig zu werden, andernfalls hätte Er Seine Welt auf ungerechte, grausame und unvernünftige Weise eingerichtet, was nicht der Fall sein kann, da Gott nicht ungerecht, grausam und unvernünftig ist.“

        Wie verhält es sich mit einem moralischen Dilemma, das im Englischen als „trolley problem“ bezeichnet wird, und bei dem es so scheint, als ob man so oder so schuldig wird? Folgendes Beispiel habe ich im Internet gefunden:

        „Would you let 500 people die so that your best friend may live? Would you push your best friend in front of the train so that the 500 people may live?“

        Hier scheint man so oder so schuldig zu werden, denn entweder tötet man seinen besten Freund/ seine beste Freundin oder man lässt 500 Menschen sterben.

        Was kann man dazu aus christlicher Sicht sagen?

        Der Vorwurf, dass Gott die Welt grausam und ungerecht eingerichtet hat, wird meist mit folgenden Punkten untermauert:
        – Es gibt viele Dinge, die für den Menschen schädlich sein können: Viren, Naturkatastrophen, verschiedene Tier- und Pflanzenarten etc…
        – fundamentale Ungerechtigkeit auf der menschlichen Ebene: Manche Leute werden schon mit schwerwiegenden Krankheiten und Behinderungen geboren, während andere Menschen immer gesund bleiben, Männer sind durchschnittlich stärker als Frauen etc…
        – Im Tierreich gilt das Prinzip „Fressen oder Gefressenwerden“

        Was kann man zu diesen Punkten sagen?

        Mit freundlichen Grüßen,
        I love BXVI

        PS: Ich hoffe, dass du ein schönes Osterfest erlebt hast.

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      2. Ich bin ja nicht Crescentia, aber ich versuche mal trotzdem eine Antwort:

        1. Trolley-Problem: Ganz einfach. Man darf nichts Böses tun – also darf man seinen Freund (oder Feind for that matter) *nicht* dahinschubsen. Daß dann die anderen sterben, ist Schicksal (um diesen zugegeben heidnisch vorbelasteten Begriff zu verwenden), dafür bin ich *nicht* verantwortlich.

        [Kurze aktuelle Anmerkung: in der gegenwärtigen Krise scheint mir ein wesentlicher Teil der Angst nicht die Angst vor dem Tod zu sein – denn daß Menschen sterben, das ist ja nichts Neues oder Unnatürliches – sondern – soweit ganz christlich – die Angst vor dem Schuldigwerden: wer dem einen ein Intensivbett verweigere, um es dem anderen zu geben, mache sich „so oder so“ schuldig. Und *davor*, weniger als vor dem Tod von Menschen an sich, fürchten sich die Menschen mit Recht wie vor der Pest, wie man zu anderen Zeiten gesagt hätte.

        Die Sache ist nun die, daß eine gründliche Kenntnis und Akzeptanz des katholischen Katechismus *dieses* Problem schon lösen würde.]

        2. >>– Es gibt viele Dinge, die für den Menschen schädlich sein können: Viren, Naturkatastrophen, verschiedene Tier- und Pflanzenarten etc…

        Im Paradies gab’s die aber entweder nicht, oder sie waren ihm nicht schädlich. Der Mensch wird für die Sünde Adams gestraft und vielleicht noch für andere Sünden; und das mit Recht. (Wenn er getaufter Christ ist und wenigstens nicht völlig unwillig die Leiden aufopfert, gilt außerdem, daß er „ergänzt er an den Leiden Christi, was noch fehlt“.)

        3. >>– fundamentale Ungerechtigkeit auf der menschlichen Ebene: Manche Leute werden schon mit schwerwiegenden Krankheiten und Behinderungen geboren, während andere Menschen immer gesund bleiben, Männer sind durchschnittlich stärker als Frauen etc…

        Hier sind zweierlei zu unterscheiden: daß Menschen behindert etc. sind, siehe Nr. 2; Gott darf Seine Strafen willkürlich austeilen. Die Höhe der Schuld ist die *obere* Grenze, aber proportional braucht Er nicht sein. – Was freilich die größere [physische] Stärke von Männern usw. betrifft, so wäre zunächst zu bemerken, daß die gar nicht ungerecht ist. Der Schöpfer schuldet einem Menschen ebensowenig besondere Stärke wie Er dem Nichts geschuldet hatte, einen Menschen aus ihm zu machen; und in der Ordnung, so wie sie vorgesehen ist, dient der Vorzug des einen als Freude für die anderen. (Ich glaube ja auch, daß man auf einen Jugendfußballer, der es ernstlich schlimm findet, daß Robert Lewandowski im Sturm besser ist, mindestens zwanzig, wenn nicht hundert findet, die ein Trikot von Robert Lewandowski tragen, weil sie ihn toll finden.)

        4. >> Im Tierreich gilt das Prinzip „Fressen oder Gefressenwerden“…

        was wir einmal annehmen wollen, obwohl ich mir vorstellen könnte, daß ein Biologe da auch Nuancen sähe. Dann gilt aber: ja und? Daran ist nichts ungerecht und, da die Tiere keine Moral haben und ergo nicht grausam sein können, auch nichts grausam.

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      3. Damit ist eigentlich schon alles gesagt, danke!

        Zum Trolley-Problem würde ich nur noch hinzufügen, dass es da ja verschiedene Versionen gibt:

        Erstens, die hier erwähnte: Jemanden auf die Gleise schubsen, damit der Zug aufgehalten wird. Dazu ist alles gesagt; das ist auf keinen Fall erlaubt; man würde „Böses tun, damit Gutes entsteht“ (seinen Tod als Mittel verwenden, um andere zu retten).

        Zweitens: den Zug auf ein anderes Gleis lenken, auf dem sich auch Menschen, aber weniger Menschen aufhalten als auf dem ersten. Das wäre tatsächlich erlaubt (aber nicht verpflichtend); hier wäre der Tod dieser anderen Menschen weder als Ziel noch als Mittel zum Ziel gewollt, sondern auch Schicksal; man würde den Zug auch auf das andere Gleis umlenken, wenn sie nicht da wären, und nimmt ihren Tod nur in Kauf, statt ihn zu wollen. (Handlung mit Doppelwirkung)

        – Crescentia.

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