Was Skrupulanten (und Nichtskrupulanten) daran hindert, über Skrupulosität zu sprechen

(Wem nicht ganz klar ist, was ich mit Skrupulosität meine: siehe hier.)

Ein Gedankenexperiment.

Man stelle sich ein Land vor, in dem Esoteriker, die meinen, dass Krankheiten nicht über physischen Kontakt mit Erregern, sondern über schlechte Gedanken übertragen werden, und Desinfektionsmittel und Seifen eine Verschwörung der Desinfektionsmittel- und Seifenindustrie wären, an Einfluss gewinnen und die Mehrheit der Gesellschaft überzeugen; und dass daraufhin die meisten Leute, und auch Ärzte und Krankenhäuser, alle Hygiene- und Quarantänemaßnahmen bei Krankheiten aufgeben. Man stelle sich weiter vor, dass die Minderheit, die noch an der alten Theorie festhält, schief angeschaut und für lächerlich, wenn nicht gar fanatisch gehalten wird. Man stelle sich weiter vor, dass auch unter dieser Minderheit einige ins Wanken geraten, sich halb dafür schämen, noch an Hygienemaßnahmen bei Krankheiten festzuhalten, und betonen, dass sie ja nicht so radikal seien und auch nicht meinen würden, ein Arzt solle nach jeder noch so kleinen OP das OP-Besteck desinfizieren oder sich nach jedem Patienten die Hände waschen. Ungefähr so, wie die Leute, die noch an die alten Hygienemaßnahmen glauben, fühlen sich Katholiken, die an die komplette Lehre der Kirche glauben, heute.

So weit, so schlecht; aber das ist man ja gewohnt.

So. Und jetzt wird es komplizierter. Man stelle sich weiter vor, man ist einer von den Leuten, die noch an Hygiene glauben, und man entwickelt eine krankhafte Panik vor Ansteckung und kann kaum mehr an etwas anderes denken als an Keime und Desinfektionsmittel.

Jetzt man eine Vorstellung davon, wie sich katholische Skrupulanten fühlen.

Wird man gegenüber der Mehrheit der Leute über seine Ängste reden? Natürlich nicht. Die halten einen eh schon quasi für gestört und würden sich wohl nur bestätigt fühlen. Man will weder ihre sinnlosen Ratschläge, die vermutlich darin bestehen würden, einfach alle Seifen wegzuwerfen und sich keine Gedanken mehr um Krankheiten zu machen, noch will man ihre Vorurteile bestätigen und damit der eigenen Seite schaden. Ganz ähnlich sieht es mit den halbherzigen, inkonsequenten Hygienebefürwortern aus. Man denkt sich, dass die sich auch nur sagen würden, das hätten sie schon immer von diesen Radikalen gedacht, dass die so neurotisch werden müssten, und das zum Anlass nehmen würden, sich noch weiter von der Wahrheit wegzubewegen. Sie würden einem auch nur Ratschläge geben, bei denen man gar nicht daran denken würde, sie zu befolgen. Am leichtesten ist es noch, mit der eigenen Seite darüber zu reden – aber das ist auch nicht immer so ganz leicht. Diese Seite ist es gewohnt, zu betonen, wie wichtig Hygiene sei; dass man es damit zwar auch übertreiben könnte, ist ihnen schon bewusst, aber sie halten das nicht für ein drängendes Problem. Schließlich würden ja die Leute heutzutage viel eher dazu neigen, die Hygiene zu vernachlässigen, als sie zu übertreiben. Vielleicht ist der Zwangsgestörte sich auch selbst nicht sicher, ob die zwanghaften Gedanken eigentlich so arg unnormal und übertrieben sind, oder nicht vielmehr angebracht sind, nachdem die Welt heute so viel mehr voller Erreger sein müsste als früher.

Und so ist es eben auch mit der Religion. Mit antikirchlich eingestellten Leuten, die Religion an sich schon fast für eine Zwangsstörung halten, wird man garantiert nicht darüber reden, dass man eine religiöse Zwangsstörung hat. Man wird auch nicht mit Leuten, die die offizielle Kirchenlehre schon für eine „Übertreibung“ von Religiosität halten, darüber reden, dass man an zwanghaften Ängsten bezüglich Sünde und Hölle leidet. Es ist eine große Erleichterung, wenn man andere Erzkatholiken kennt, mit denen man darüber reden kann, ohne Angst haben zu müssen, sie vom Glauben wegzutreiben oder missverstanden zu werden.

Aber auch diese anderen Erzkatholiken, die auch an Sünde und Hölle glauben und nicht von zwanghaften Ängsten deswegen geplagt sind, sehen von sich aus wohl eher keinen Anlass, auf so ein Thema zu sprechen zu kommen – sie gehen schlicht davon aus, dass das kein häufiges Problem sein könnte, weil die Leute ja heute eher viel zu wenig an Sünde und Hölle denken würden. Und wenn wenig über diese Thema geredet wird, ist man sich anfangs, wenn das mit den Ängsten beginnt, und nach und nach zu eskalieren beginnt, vielleicht auch gar nicht so sicher, ob man diese Dinge nicht einfach mit dem angebrachten Ernst behandelt. Wenn man vielleicht noch gar keinen Begriff für etwas hat, ist es schwer, damit umzugehen.

Und vielleicht ist Skrupulosität gerade deswegen, weil die Welt so wenig an Sünde und Hölle glaubt, eine umso größere Gefahr für diejenigen, die einerseits erzkatholisch sind und andererseits zu Zwängen neigen. Gerade weil viele andere Leute in den rechten Graben steuern, reißt man das Steuer umso weiter nach links herum.

Es ist wirklich nicht leicht, über so etwas zu reden. Ich zum Beispiel habe an sich ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern; sie sind selber gläubig und respektieren auch meinen Glauben, auch wenn sie finden, ich würde „manche Dinge etwas zu streng sehen“ (wobei es um solche Dinge geht wie: jeden Sonntag in die Kirche gehen); aber ich habe noch nie mit einem von ihnen darüber geredet, wenn ich extreme Ängste in Bezug auf Sünde und Hölle hatte – über andere Ängste und Zwänge ja, oft, aber nicht über das. Mit Leuten, bei denen man nicht darauf vertraut, dass sie gefestigt im rechten Glauben sind, redet man einfach nicht darüber, solange man es vermeiden kann. Vielleicht sollte man es ihnen zutrauen, es zu verstehen und so weit unterscheiden zu können – aber man tut es oft nicht. Über Zwänge und Ängste zu reden ist sowieso schon schwer genug – einerseits leidet man zwar darunter, andererseits ist man aber auch nicht wirklich bereit, die Zwangshandlungen aufzugeben, schließlich sollen sich die Ängste nicht realisieren, also will man auch irgendwo nicht so wirklich mit Leuten reden, die einem sagen würden, man solle sie aufgeben; außerdem will man auf keinen Fall für verrückt und unzurechnungsfähig gehalten werden und in Zukunft wie jemand behandelt werden, der nicht ernst genommen werden muss. Und bei solchen Ängsten ist es noch einmal schlimmer.

Aber religiöse Zwangsstörungen wird es eben immer geben, so wie Zwangsstörungen in anderen Bereichen. Ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung wird im Leben Zwänge und Ängste entwickeln, also auch ein gewisser Prozentsatz der Erzkatholiken, und Zwänge und Ängste beziehen sich eben oft auf die Bereiche des Lebens, die einem sehr wichtig sind – wie z. B. bei Eltern auf ihre Kinder, oder bei jemandem, dem seine Arbeit wichtig ist, darauf; bei Gläubigen eben auf den Glauben. Und Gott ist bekanntlich nicht nur für die geistig Gesunden da; wir Geistesgestörten haben ebenso das Recht, in der Kirche zu sein wie jeder andere.

Es wird in der Kirche immer Menschen geben, die stundenlang Fragen hin- und herwälzen wie etwa, ob ihre letzte Beichte gültig war, weil sie ein bisschen genuschelt haben, als sie die letzte Sünde erzählt haben; der Gedanke daran, dass man hätte deutlicher reden müssen, ist einem zwar erst fünf Minuten, nachdem man den Beichtstuhl schon wieder verlassen hatte, gekommen, aber man hätte es ja in dem Augenblick vielleicht wissen müssen, dass der Priester es vielleicht nicht ganz verstanden haben könnte, und es noch einmal wiederholen müssen, und eigentlich ist einem irgendwo bewusst, dass man auf solche Zweifel nichts geben sollte, aber in diesem Fall war das ja vielleicht etwas anderes, und überhaupt und sowieso, und wahrscheinlich kommt man sowieso in die Hölle. (Wenn man die jetzigen Kirchengebote durch andere Gebote ersetzen würde, würden Menschen sich eben deswegen sorgen. Hätte man noch einmal die Zutatenliste auf der Packung überprüfen müssen, um sicher zu sein, dass die Gummibärchen, die es beim DVD-Abend bei den Freunden gab, keine tierische Stoffe enthalten, weil die Gastgeberin es nicht hundertprozentig wusste und sich nur relativ sicher war, dass es vegane Gummibärchen wären, und man auf keinen Fall Tiere essen darf?)

Wie gesagt, wenn die Ängste anfangen, ist man sich vielleicht noch nicht sicher, was das ist. Man hat vielleicht auch keinen Begriff dafür. Vielleicht meint man, man macht irgendetwas falsch, oder man meint, irgendetwas stimmt vielleicht doch mit diesem Glauben nicht. Es ist eine Erleichterung, zu wissen: Es gibt so etwas wie ein skrupulöses Gewissen; damit hatten sogar Heilige schon zu kämpfen; und es gibt diese und jene Dinge, die dagegen helfen, diese und jene Richtlinien und Ratschläge.

Deshalb meine ich, dass darüber geredet werden sollte; gerade zum Beispiel von Jugendseelsorgern (z. B. könnte man, wenn es in der Katechese um Gewissensbildung geht, darauf eingehen, dass das Gewissen sowohl zu lax als auch skrupulös werden kann). Es ist gut, auch unter Nichtskrupulanten darüber zu reden, weil vielleicht doch jemand dabei ist, der insgeheim skrupulös ist, oder es einmal werden wird, oder der einmal mit einem skrupulösen Freund oder Familienmitglied zu tun haben wird. Auch mal auf die Gefahr hin, dass die nichtkatholische Welt und manche Katholiken dann abgestoßen sind. Das ist dann eben so. Man kann nicht alles verhindern. Und die Wahrheit sieht eben so aus.

File:Guillaume Bodinier - Paysanne de Frascati au confessionnal,.jpg

(Guillaume Bodinier, Bäuerin aus Frascati am Beichtstuhl. Gemeinfrei.)

 

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7 Gedanken zu “Was Skrupulanten (und Nichtskrupulanten) daran hindert, über Skrupulosität zu sprechen

  1. Wenn ich die Ausführungen recht begriffen habe, geht es de facto um ein psychologisches Problem (vermutlich angeborene Nervenschwäche), das sich durch hinzutretende religiöse Aspekte erheblich verschärft. Hinzu kommt, dass unter den zeitgeistigen Umständen lediglich wenige Personen Verständnis für solche Schwierigkeiten aufbringen oder gar in der Lage sind, gewisse Hilfe zu leisten, so dass der Betroffene dazu neigt, sich zurückzuziehen.

    In den meisten Fällen werden weder die aktuellen tiefenpsychologischen Behandlungsansätze hier nachhaltig helfen noch eine klassische Analyse. Die Verhaltenstherapie eventuell ein wenig. Es muss vielmehr die dauerhaft überreizte Verstandesaktivität gedämpft werden. Vor allem, wenn man über seine persönlichen Lebensumstände nicht frei verfügen kann, können Tabletten durchaus hilfreich sein.

    Strikt davon zu trennen sind die geistlichen Empfehlungen der Literatur, u.a. der des Interbellums (z.B. Gallus Jud).

    Erst, wenn unsere Kirche und unsere Jugendseelsorger wieder eine ehrliche Katechese – jenseits der Kuschelpädaogik – betreiben, das heißt, wenn überhaupt ein Resonanzboden für Gewissensfragen entsteht, wäre es auch sinnvoll, auf die Auswüchse der Laxheit und der Skrupel aufmerksam zu machen. Bisweilen und vielleicht nicht ganz so selten kann natürlich auch beides zusammen vorkommen;-)

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    1. Wir haben Seelsorger, die ordentliche Katechese betreiben (z. B. bei der FSSP) und ja, die sollten auch jetzt auf die Auswüchse aufmerksam machen. Menschen, die jetzt das Problem haben, haben es jetzt – und nicht irgendwann in der Zukunft.

      Und ja, Tabletten helfen. Meiner Erfahrung nach. Aber es braucht mehr. Man muss auch wissen, wie mit Zweifeln umzugehen ist usw.

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  2. Ich gehe davon aus, dass die Priester der FSSP das auch leisten, wenngleich ich mich selber lediglich auf entsprechende (relativ gute) Erfahrungen bei dem Opus Dei beziehen kann. Da es um einen Grenzbereich zwischen Theologie und Psychologie / Neurologie geht, der nicht vermischt werden sollte und eher lediglich Schnittmengen an den Rändern umfasst (vgl. Carl Fervers: Psychoanalyse und Beichte), darf man nicht zu viel erwarten.

    Hinzu kommt, dass der Skrupulant innerlich zumeist darum weiß, dass er Zusammenhänge und Fragen tiefer auslotet als viele andere Personen und es ihm daher auch nicht so leicht fällt, davon abzusehen. Doch wenn sein Glaubensvollzug und seine Standesaufgaben darunter leiden, so sollte er doch darauf hinwirken, solche Beeinträchtigungen nach den aktuellen medizinischen Möglichkeiten in verantwortungsvoller Weise gering zu halten.

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  3. Habe kürzlich das hier im Web gefunden und nur quick und dirty gehört bisher: Father Ripperger sieht ein Problem in einer (neo-)gnostischen Haltung in Teilen der Tradition, was ich leider für eben Teile bestätigen könnte. Ich verlinke es zum einen wegen dieses Aspekts, der eine Erklärung gerade für das Skrupulatentum sein könnte, und von dem leider auch einige Priester befallen scheinen (Andere Punkte, die der Fr. anführt, vor allem die „Unreinheit“, sind mir bisher nicht aufgefallen). Zum anderen könnte Ripperger eben so einer sein, der zwar Hygiene bejaht, aber eben nicht das Problem der Übertreibung hat 😉

    LG

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