Ein paar Gedanken zur Missbrauchskrise und den „Sittlichkeitsprozessen“ der 1930er

Vor nicht allzu langer Zeit hat der emeritierte Papst einen Text zu den Gründen der Missbrauchskrise veröffentlicht, in dem er auch auf die Sexuelle Revolution der 60er-80er und – was wenig beachtet wurde – die Tatsache hingewiesen hat, dass in derselben Zeit im Kirchenrecht eine falsche Milde Einzug hielt. Von den üblichen Seiten wurde Benedikt dafür bereits zur Genüge kritisiert; die Frage ist jetzt: Hatte er Recht?

Natürlich denkt keiner der älteren Generationen gern daran zurück, dass in den angeblich so glorreichen 60ern-80ern Pädophilie bis zu einem gewissen Grad destigmatisiert wurde; das wurde sie aber; und in gewissen Kreisen sehr stark. Die Idee, dass Kinder Sexualität genießen könnten und man „einvernehmlichen“ Sex zwischen Erwachsenen und Kindern nicht „kriminalisieren“ sollte, verbreitete sich weithin und auch die, die nicht völlig darauf hereinfielen, wurden von ihr beeinflusst. Gerade im nicht ganz so extremen Bereich bei Jugendlichen wurde vieles enttabuisiert; sie würden sowieso Sex haben, also sollte man das auch erleichtern und für Aufklärung und Verhütung sorgen, und außerdem das Schutzalter heruntersetzen, wenn man es nicht gleich ganz abschaffen wollte.

Pädophile sind sehr gut darin, sich selbst einzureden, dass ihre Opfer es auch wollen; dass sie selbst nicht anders können; dass sie nur etwas ausleben wollen, das man nun mal ausleben muss, um natürlich und glücklich leben zu können; dass die Gesellschaft sie nicht versteht und sie über diesen dummen, spießigen Regeln stehen – und diese Lügen wurden auch in anderen, nicht ganz so schlimmen Kontexten von der Sexuellen Revolution propagiert: wenn z. B. ein einzelner Partner dich langweilt, hast du doch das Recht, dir weitere zu suchen, du musst schließlich glücklich werden. Natürlich hatten es Pädophile in diesem Kontext noch leichter, ihre Taten vor sich selbst zu rechtfertigen, und andere entwickelten größere Hemmungen, gegen Pädophile einzuschreiten und sie anzuzeigen.

Übrigens sollte man auch heute nicht so tun, als wären das nur schlimme, aber kurzfristige „Wirren“ gewesen, und man sei darüber hinweg, Kinder sexualisieren zu wollen. Seit neuestem gibt es Kinder, die sich für homosexuell oder transgender halten und von ihren Eltern als „Drag Kids“ in Bars vorgeführt werden, was von LGBTQ-was-weiß-ich-Gruppen groß gefeiert wird – so, wie in den 80ern bei den Grünen die Schwulen zusammen mit den Päderasten eine AG bildeten. Dann hätten wir auch so etwas:

Screenshot (72).png

Ja, die Sexuelle „Befreiung“ greift immer noch nach Kindern.

Eine andere schlimme Entwicklung, die in den 60er-80ern zeitgleich damit ablief, hatte vielleicht noch gravierendere Folgen, was den Missbrauch angeht: Die Verbreitung der Ansicht, Verbrecher wären auch nur Opfer, könnten nichts für ihre Straftaten, würden sich durch Therapie schnell ändern, und man sollte ihnen vor allem mit Mitleid und Verständnis begegnen – wodurch die Opfer egal wurden. Wenn die Psychologenzunft so etwas verbreitete, ließen sich auch Bischöfe leichter dazu verleiten, Priester, von denen ihnen vielleicht gemeldet wurde, dass sie Teenager oder Kinder begrapscht hatten, zu versetzen und ihnen Therapie verordnen zu wollen, als kirchenrechtlich gegen sie vorzugehen. Eine falsche Barmherzigkeit schlich sich offenbar auch unter Kirchenrechtlern ein; Benedikt schreibt etwa: „Dazu kam aber ein grundsätzliches Problem in der Auffassung des Strafrechts. Als ‚konziliar‘ galt nur noch der sogenannte Garantismus. Das heißt, es mußten vor allen Dingen die Rechte der Angeklagten garantiert werden und dies bis zu einem Punkt hin, der faktisch überhaupt eine Verurteilung ausschloß.“ Alles in allem scheint es kein Wunder zu sein, dass auch die Missbrauchsfälle in der Kirche in den 60ern-80ern ihren Höhepunkt erreichten, und so schlimme Fälle wie dieser hier vorkamen.

 

Manche wenden dagegen ein, die Dunkelziffer sei in den Zeiten vor den 60ern höher gewesen: man habe damals zu wenig über Sex und sexuelle Gewalt geredet und außerdem seien Priester zu sehr Respektspersonen gewesen, als dass man ihren Opfern Glauben geschenkt hätte.

Aber da lohnt sich vielleicht ein Blick auf einen älteren Missbrauchsskandal: Die sog. „Sittlichkeitsprozesse“ gegen katholische Laienbrüder und Priester in den Jahren 1936/37. Den Nazis war die katholische Kirche bekanntermaßen ein Dorn im Auge, und in dieser Zeit versuchte man sich an Propaganda gegen die Kirche anlässlich sexueller Vergehen von Geistlichen, v. a. in Klöstern – freilich ging es hier in vielen Fällen nicht um Pädophilie, sondern um damals noch strafbare Homosexualität. Es wurden Sonderkommandos eingerichtet, die mit großem Eifer nach sexuellen Vergehen in Klöstern und kirchlichen Einrichtungen (Schulen, Behindertenheimen usw.) suchten, und Goebbels persönlich wetterte in einer reichsweit übertragenen Rede gegen die angeblich sexuell so verdorbene Kirche.

Es wurden damals insgesamt etwa 2500 Verfahren gegen Priester und v. a. Laienbrüder (einige auch schon aus ihren Orden ausgetretene oder entlassene) angestrengt, von denen allerdings die meisten wieder eingestellt werden mussten, weil man doch nicht unbegrenzt Beweise fabrizieren konnte; die übrigen endeten mit (offenbar tatsächlich juristisch gerechtfertigten) Verurteilungen von insgesamt 64 Welt- oder Ordenspriestern und 170 Laienbrüdern (davon etwa 60 ehemalige) – teilweise wegen des Missbrauchs von Kindern oder behinderten Erwachenen, teilweise wegen homosexueller Handlungen unter Ordensbrüdern; so einige Urteile betrafen auch die Verführung von jungen Novizen. Vor allem summierten sich Vergehen in einzelnen Laienkongregationen, besonders bei den Waldbreitbacher Franziskanerbrüdern, die geistig behinderte Männer betreuten. Die verurteilten Priester (im Unterschied zu den Laienbrüdern, bei denen ich keine prozentualen Angaben gefunden habe) machten etwa 0,23% aller deutschen Priester aus – und noch mal, das schließt Fälle von einvernehmlichen homosexuellen Handlungen unter erwachsenen Männern ein.

Das Interessante daran ist auch: Die Bischöfe damals waren interessiert daran, bei der Aufklärung mitzuwirken; sie versuchten nicht zu vertuschen. Die Täter wurden in aller Regel auch kirchenrechtlich verurteilt, viele waren bereits aus ihren Orden entlassen; aus der Waldbreitbacher Gemeinschaft wurden dann auch noch 31 Brüder entlassen und 1937 wurde die Gemeinschaft von Rom auf Initiative des Bischofs von Trier hin aufgelöst. In dieser Zeit sieht man nicht das Denken mancher Bischöfe bei späteren Skandalen – lieber alles vertuschen, um den Ruf der Kirche nicht zu beschädigen -, sondern das Bewusstsein, dass es das Beste ist, wenn alles herauskommt, und dass die Verbrechen bestraft werden müssen. Natürlich wehrte man sich gegen die Propaganda der Nazis, die die Kirche als „Sexualsumpf“ betitelten und anhand dieser Fälle von Missbrauch und Homosexualität gegen unabhängige kirchliche Schulen usw. ins Feld zogen; die Vergehen einzelner dürften nicht gegen die Kirche als Ganze benutzt werden; und man verurteilte auch willkürliche Übergriffe der Gestapo, usw. Aber das war ja auch begründet.

Ich kann mir schon vorstellen (auch wenn ich mich damit zu wenig auskenne), dass „früher“ Opfer von Missbrauch es manchmal schwerer hatten, weil das Problembewusstsein in der Gesellschaft bzgl. Kindesmissbrauch nicht so sehr da war, oder man Anklagen von Kindern gegenüber respektierten Autoritäten nicht ernst genug nahm. Aber speziell in diesen Jahren wurde von der Gestapo intensiv nach solchen Geschichten gefahndet und Klosterschüler und Heimbewohner auch mit unlauteren Mitteln unter Druck gesetzt, damit sie Kleriker belasteten. Für diese Zeit wird man keine sehr hohe Dunkelziffer annehmen können. Und sexuelle Verbrechen an Kindern, Jugendlichen und Behinderten wurden damals auch immer als solche gesehen, ihre Schwere nicht infrage gestellt wie in den 60ern-80ern. Und hier scheint dann im Endeffekt doch die Anzahl an Tätern unter den Priestern relativ gering gewesen zu sein.

Es ist natürlich wichtig, daran zu denken, dass Kindesmissbrauch immer und überall passieren kann; den wird es bis zum Jüngsten Tag in allen Institutionen geben, gerade auch durch sympathische Leute, denen man das nie zugetraut hätte, und da heißt es, Schutzmechanismen und Strafen haben. Das ist nie ein endgültig gelöstes Problem. Aber: Ich denke, Benedikt hatte schon seine Gründe, darauf hinzuweisen, dass der Missbrauch zu manchen Zeiten schlimmer war als zu anderen.

 

[Update: Interessant dazu auch dieser Artikel in der Süddeutschen, in dem es über Missbrauchsfälle in der Kirche heißt:

„Wenn man die Akten aus den 1950er- und 1960er-Jahren durchblättert, fällt auf, dass damals mehr Opfer bereit waren zu reden, Jugendliche traten als Zeugen auf, Kirchenleute wurden zu Haftstrafen verurteilt. Später ließ die Anzeigebereitschaft nach, von den 1970er-Jahren an drang kaum mehr etwas nach außen, es sei ‚offenbar so ein Deckel draufgegangen‘, sagt Ines Karl.“

Es wäre sehr interessant, hier mehr über die Hintergründe zu erfahren.]

9 Gedanken zu “Ein paar Gedanken zur Missbrauchskrise und den „Sittlichkeitsprozessen“ der 1930er

  1. Dies hat zwar nichts mit Missbrauch zu tun, erregte aber trotzdem meine Aufmerksamkeit:

    http://www.kath.net/news/67866

    „Faulhaber-Weihbischof war Gestapo-Spitzel: Nazis konnten in der Umgebung des Münchner Kardinal einen Spitzel gewinnen – Weihbischof Scharnagel war vermutlich wegen einer Liebschaft mit einer verheirateten Frau erpressbar.“

    Weiterhin soll sogar Kardinal Faulhaber eine Geliebte gehabt haben:

    https://www.sueddeutsche.de/muenchen/verbotene-liebe-der-strenge-kardinal-und-seine-heimliche-liebschaft-1.3483459

    https://www.rheinpfalz.de/lokal/aus-dem-suedwesten/artikel/eine-aussergewoehnliche-beziehung/

    Angeblich sollen sich diese Erkenntnisse auf die Tagebuchaufzeichnungen von Kardinal Faulhaber stützen.

    Was denkst du darüber?

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    1. Die erste Geschichte klingt wesentlich glaubwürdiger als die zweite. In dem einen Artikel zu der angeblichen Faulhaber-Geliebten heißt es ja u. a.:

      „In der Gegenüberlieferung, in Faulhabers Tagebüchern, lassen sich einzelne Treffen mit Bösmiller verifizieren. Die Aufzeichnungen des Kardinals werden gerade in einem umfangreichen Forschungsprojekt des Erzbistums, des Instituts für Zeitgeschichte und des von Hubert Wolf geleiteten Seminars für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Uni Münster erfasst und ediert. Faulhabers Notizen zu Bösmiller fallen wesentlich knapper aus als umgekehrt. Er spricht meistens von Dr. Malmolitor. Faulhaber neigte dazu, Namen zu latinisieren. „Mal“ ist die Abkürzung für das lateinische Wort „malus“, das unter anderem „böse“ heißt, und „molitor“ heißt Müller.

      An Antonia Leugers‘ Aufsatz bemängelt Hubert Wolf, dass sie den Eindruck erwecke, „als ob Faulhaber bestimmte Sätze eindeutig so gesagt hätte, wie Bösmiller sie niederschrieb“. Das sei zwar möglich. Doch ebenso sei es möglich, dass „sie seine Aussagen übertrieb, dass sie sie herunterspielte oder dass sie in ihre Notizen unbewusst das hineinprojizierte, was sie zu hören glaubte“. Wolf hofft auf Hinweise in den Tagebüchern des Kirchenfürsten.“

      Klingt insgesamt alles nach einer Frau, die sich eine Beziehung zusammenfantasierte, die sie gerne gehabt hätte.

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      1. Danke für die schnelle Antwort !!

        Ja, es stimmt, dass die ganze Sache mit der Faulhaber-Geliebten angezweifelt werden kann. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass die meisten Menschen diese Geschichte glauben werden, denn das Misstrauen gegenüber dem Klerus ist auf einem Höhepunkt angelangt. Die Leute fühlen sich in ihrer Annahme bestätigt, dass katholische Geistliche scheinheilige Heuchler sind, die zwar viel über Moral predigen, aber selbst ein ausschweifendes Sexualleben führen.

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      2. Die Leute glauben leider gerade alles über den Klerus – und die Medien tragen dazu nur bei mit der Art, wie sie Überschriften formulieren und relevante Infos weit unten im Text verstecken. Viele *wollen* so was schätzungsweise auch gerne glauben, weil sie den Zölibat für unmöglich einzuhalten halten wollen und Priester für Heuchler halten wollen usw.

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  2. Zum Thema Missbrauch habe ich noch folgenden Artikel gefunden:

    http://www.kath.net/news/67167

    „6. März 2019
    Gründer der Johannesgemeinschaft soll Schwestern missbraucht haben: Dies behauptet eine TV-Dokumentation von Arte mit dem Titel „Gottes missbrauchte Dienerinnen“, die am Dienstag ausgestrahlt wurde.“

    Generell bin ich immer sehr skeptisch, wenn ein Sender wie Arte eine Dokumentation über die katholische Kirche zeigt. Eine Frage geht mir dann nicht aus dem Kopf: Wie viel Wahrheit steckt in dieser Dokumentation?

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    1. Dazu fällt mir jetzt leider wenig ein, tut mir leid, ich habe das auch nicht gesehen. Allzu weit kann man arte allgemein sicher nicht trauen, vor allem, wenn es darum geht, Zusammenhänge herzustellen, aber es kann schon gut sein, dass da einiges an Wahrheit dahintersteckt.

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  3. Hier ist ein weiterer interessanter Artikel zum Thema Missbrauchskrise:

    http://shamelesspopery.com/what-bishop-barrons-letter-to-a-suffering-church-nails-and-misses-about-the-sex-abuse-crisis/

    Besonders die folgenden Abschnitte haben meine Aufmerksamkeit erregt:

    „Barron focuses “particular attention” on the “notorious eleventh century, when the papacy was so compromised,” and when “sexual abuse of young people by the clergy was also rampant.” “

    „In a letter to Pope Leo IX, Peter complained that “the befouling cancer of sodomy is, in fact, spreading so through the clergy, or rather like a savage beast, is raging with such shameless abandon through the flock of Christ.” Peter complained also of “sympathetic confessors who would underplay the sin and give only light penances” to abusive priests, and had particular scorn for bishops who sexually abused their priests and seminarians; or as Peter put it, “those who commit these absolutely damnable acts with their spiritual sons.” “

    Stimmt das? Gab es im 11. Jahrhundert tatsächlich eine so schwerwiegende Missbrauchskrise?

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