„Lieber wenige richtige Christen“?

Ich habe eigentlich nicht viel zu der Studie über die Entwicklung der Kirchenmitgliederzahlen bis 2060 zu sagen; darauf, dass die Studie eher noch zu optimistisch ist und Prognosen, die so weit in die Zukunft reichen, von vornherein ziemlich fehleranfällig sind (und auf ein paar andere Dinge) ist ein anderer Blogger schon eingegangen. Mir ist nur ein Gedanke zu einer typischen Reaktion gekommen, mit der sich verschiedene Seiten das konstante Sinken der Kirchenmitgliederzahlen schönreden wollen.

Von offiziell-kirchlicher Seite, z. B. von Bischöfen, kann man manchmal so etwas hören wie:

„Na ja, diese Zahlen sind wenigstens ehrlicher. Früher war noch sozialer Druck in Bezug darauf da, zur Kirche zu gehen. Wer heute noch Mitglied bei uns ist, der hat sich bewusst dafür entschieden und dem ist die Kirche auch wichtig. Das ist doch auch etwas Schönes!“

Ich glaube, ich habe eine ähnliche Äußerung eines evangelischen Bischofs zufällig im Radio mitbekommen; aber man nagle mich nicht drauf fest. Ich habe auch vor ein paar Jahren in einem ähnlichen Kontext einen Studentenpfarrer sagen hören, es seien doch sowieso immer nur 10-20% der Leute wirklich gläubig gewesen, nur sehe man das heute eben mehr, weil nur noch diese Leute zur Kirche kämen und die anderen sich nicht mehr dazu gedrängt fühlten.

Das wäre etwa vergleichbar damit, wenn in einem Land 90% der Bevölkerung zu Analphabeten werden würden, weil kaum einer mehr im Lesen und Schreiben unterrichtet werden würde, und von den übrigen 10% viele gerade mal ihren Namen schreiben oder vielleicht noch mit Müh und Not einen Einkaufszettel verfassen könnten, und ein Deutschprofessor das dann mit der Aussage kommentieren würde, heute würden sich die, die lesen könnten, wenigstens wirklich für Literatur begeistern.

Leute.

Eine schrumpfende Kirche ist nicht automatisch eine bessere Kirche – und in diesem Fall ist sie es sicher nicht. Die zentrale Aufgabe der Kirche ist es, den Glauben weiterzugeben, die Getauften zu Gott zu führen, sie in der Kirche zu halten, bis sie zum Herrn gehen, und die erfüllt sie derzeit in Deutschland überhaupt nicht. (Natürlich soll sie auch den Ungetauften das Evangelium verkünden, aber wenn sie nicht mal den Getauften den Glauben weitergeben kann, wird sie sich damit schwer tun.) Sicher schrumpft die Kirche auch aufgrund von Dingen, die sie nicht kontrollieren kann; z. B. der anhaltenden antikatholischen Propaganda der letzten paar Jahrhunderte. Aber sie versagt oft genug bei den Dingen, die sie kontrollieren kann. Die Kirche schrumpft, und die Mitglieder, die bleiben, sind oft keine besonders guten Christen und wandern nach und nach auch noch ab. Sicher gibt es die wirklich engagierte, fromme Minderheit; aber die gab es immer; auch in den Zeiten der Volkskirche; nur war sie da eher noch größer.

Außerdem ist es eine ziemliche Verleumdung, zu behaupten, die Menschen, die in, sagen wir, den 1850ern in irgendeinem bayerischen Dorf zur Kirche gegangen wären, wären alle nur irreligiöse Heuchler gewesen, die von den Nachbarn nicht schief angeschaut werden wollten. Ist heute jeder, der, sagen wir, die Menschenrechte gut findet, ein Heuchler, weil er von den Nachbarn schief angeschaut werden würde, wenn er sagen würde, er sei gegen die Menschenrechte? Natürlich nicht. Dass jemandem ein Glaube beigebracht wird und er nie ernsthaft daran denkt, ihn zu verlassen, und dieser Glaube relativ selbstverständlich für seine Gesellschaft ist, hindert ihn nicht daran, diesem Glauben ehrlich anzuhängen – ganz im Gegenteil. Die Menschen früher waren ehrliche Christen; sie beteten mehr als wir, sie wussten mehr über den Glauben als wir (das sind schlicht Tatsachen), und sie waren Gott vermutlich oft auch dankbarer und gehorsamer als wir. Ja, ist so, auch wenn es heutzutage anathema ist, nur anzudeuten, irgendeine andere Zeit könnte in irgendeiner Hinsicht besser gewesen sein als das 21. Jahrhundert.

Und natürlich sind die heutigen Christen auch nicht immer aus dieser sog. „bewussten Entscheidung“ heraus dabei, sondern vielleicht einfach deshalb, weil sie noch zu der Minderheit gehören, die in gläubigen Familien aufgewachsen ist, während andere von klein auf in den Säkularismus hineingewachsen sind – und sich dafür auch nie bewusst entschieden haben. Sicher, man hat heute mit mehr Widerständen zu tun, wenn man als Erwachsener beim Glauben bleiben will; das schon. Aber das ist prinzipiell nichts Gutes, auch wenn es zu Gutem führen kann, weil Gott auch aus dem Schlechten und aus schwierigen Prüfungen Gutes hervorbringen kann. Es sollte möglichst einfach gemacht werden, Christ zu sein.

Denn vor allem ist es so: Wir glauben, dass Gott für alle da ist. Ein Schachklub könnte sagen „wir wollen lieber wenige, aber dafür begeisterte und engagierte Mitglieder“, weil es nichts besonders Wichtiges für die Menschen ist, Mitglied in einem Schachklub zu sein; die Kirche kann das nicht. Sie muss sagen: „Wir wollen alle Menschen, und wir wollen von ihnen genau das und das, was wir immer von ihnen wollten.“ Der Herr hat gesagt: „Macht alle Menschen zu meinen Jüngern.“ Er liebt alle, Er will alle an sich ziehen. Die Kirche ist nicht etwas, das für eine Sorte Menschen nun mal nicht geeignet wäre; es gibt keinen Menschen, für den Gott, sein Schöpfer, nicht geeignet wäre. Über irgendwelche Menschen in elitärer Überheblichkeit zu sagen „ach, mei, die haben einfach nicht dasselbe religiöse Gespür wie wir, die sind nicht fromm genug veranlagt, für die ist die Kirche wohl nichts, die brauchen nicht zu kommen, wir bleiben lieber unter uns“ ist dem Christentum völlig zuwider. Sicher wollen die Leute das damit nicht aussagen; aber darauf kann diese Aussage hinauslaufen.

Während die Aussage in der Form, wie ich sie oben zusammengefasst habe, eher von der etwas liberaleren Seite kommt, kann man sie so ähnlich auch von konservativer Seite hören: Die Kirche müsse schrumpfen, lieber Qualität statt Quantität, eine kleine Kirche des heiligen Rests quasi. Klar, als ob wir verbliebenen Ultra-Katholiken schon Heilige  wären, weil wir das Glück hatten, mitzukriegen, was die Kirche wirklich ist, und andere nicht.

Ich bin vielleicht gerade etwas zynisch und hart gegenüber denen, die solche und ähnliche Aussagen tätigen. So sind sie ja meistens absolut nicht gemeint. Man sucht sich eben irgendeinen Trost.

Ich würde einen anderen Trost anbieten: Wegen der wegbrechenden Kirchensteuer muss man sich vielleicht nicht zu viele Sorgen machen. Es gibt viele kleinere religiöse Minderheiten in Deutschland, die es auch schaffen, ihre Gebäude zu unterhalten, den ein oder anderen hauptamtlichen Mitarbeiter zu bezahlen, Gottesdienste und Seelsorge anzubieten, und die ein oder andere Schule zu betreiben. Dann ist man eben nicht mehr in jedem Dorf vertreten; das ist die Kirche auch in anderen Ländern nicht, in denen Katholiken eine kleine Minderheit bilden. Das werden wir überleben, wenn die Leute sich irgendwann daran gewöhnt haben, dass es kein Weltuntergang ist, wenn die Messe zehn Kilometer entfernt stattfindet. Es gibt doch Schlimmeres.

Aber in Bezug auf alles andere ist die Entwicklung schlimm genug und man sollte sie nicht schönreden.

5 Gedanken zu “„Lieber wenige richtige Christen“?

  1. Ich muss gestehen, dass ich mich selbst gelegentlich bei dem Gedanken erwische, es bliebe nur eine Kirche derer übrig, die sich wirklich dafür entschieden haben, weil das in der Tat so ein bisschen auch meine eigene Entwicklung spiegelt. Die Erzählungen in meiner Familie über meinen Großvater, der immer gesagt haben soll: „Glaam’n dou i’s ja niat, owa ich gei’ halt wech’ ’m G’schäft in d’Kiachn“, habe ich noch gut im Ohr. 🙂 Im benachbarten ostmitteleuropäischen Ausland (nicht Polen) habe ich einen Bischof in seiner Soutane in einen alten, rostigen Ford steigen sehen und fand das ziemlich gut – im Sinne einer entweltlichten, nicht materiell belasteten Minderheitskirche.

    Aber Sie haben recht: Das kann keine wünschenswerte Zukunft sein. Ihr Vergleich mit den Analphabeten hat mir ziemlich gut gefallen. Der Weg zurück zur Kirche war mir letztlich auch deswegen möglich, weil ich doch in einem noch sehr katholischen Milieu aufgewachsen bin, obwohl ich mich selbst damals gar nicht so recht darum gekümmert habe und meine Mutter eher mit dem Deschner als mit dem Katechismus gewedelt hat. Der Grundstein ist trotzdem gelegt worden. Aber ich sehe auch, dass sich die Zeit seit meiner Kindheit in den späten 80ern massiv gewandelt hat. Die Studenten, die in meine Seminare kommen (Geschichte/Altertumswissenschaft), haben nur noch rudimentäre Kenntnisse über das Christentum – dabei gehören sie noch zu denjenigen, die sich für seine Geschichte interessieren.

    Ich stimme Ihnen zu, dass in Deutschland die Katechese der eigenen Leute fast noch ein drängenderes Problem darstellt als die Mission.

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  2. Ich finde den Gedanken durchaus interessant, dass der Stifter der Kirche nie oder an keiner Stelle davon gesprochen hat, wie seine Kirche zahlenmäßig aussehen wird. Die einzige Zukunftsaussicht die er vorgenommen hat ist die, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwinden wird. Wenn er dann noch davon spricht, dass viele berufen aber nur wenige auserwählt sind, dann kann man das durchaus auch auf den Begriff „richtige Christen“ anwenden. Christ ist man wirklich nur richtig in der persönlichen Beziehung mit Gott. Und da sieht es in unseren Breitengraden ziemlich duster aus. Zu einer persönlichen Beziehung gehört nun mal, dass ich zumindest mit meinem Gegenüber spreche ihn dabei anschaue und ihn ab und zu mal besuche. Wenn ich ihn dann regelmäßig besuche, dann ist die Beziehung schon ernst und tief. Was die Sonntagsheiligung und die Sonntagspflicht angeht ist die Zahl der „richtigen Christen“ schon seid geraumer Zeit übersichtlich gering.

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