Moraltheologie und Kasuistik, Teil 4c: Das 1. Gebot – was die Tugend der Gottesliebe praktisch bedeutet

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Die wichtigsten ethischen Pflichten kann man anhand der 10 Gebote durchgehen. Das 1. lautet: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Es gibt nur einen Gott; und dem gebührt der vorrangige Platz im Leben. Im dritten Teil bin ich schon darauf eingegangen, wieso es richtig und geboten ist, an Gott zu glauben, auf Gott zu hoffen und Gott zu lieben; außerdem schreibt das 1. Gebot vor, Gott zu ehren und anzubeten, und verbietet, irgendetwas Ihm in dieser Hinsicht gleichzustellen.

In Teil 4a habe ich mehr zum Glauben gesagt, in Teil 4b zur Hoffnung; jetzt etwas mehr zur göttlichen Tugend der (Gottes-)Liebe.

(Noch einmal zur Erinnerung: Pflichten gegenüber Gott ergeben sich nicht daraus, dass Gott Menschen bräuchte oder es Ihm schaden würde, wenn sie Ihn nicht angemessen verehren würden. Gott kommt sehr gut ohne uns aus. Sie ergeben sich schlicht daraus, dass das die angemessene Haltung gegenüber Gott ist. Ein Vergleich: Wenn man über einen Toten Lügen verbreitet, kann man ihm damit auch nicht mehr schaden; trotzdem ist es eine Sünde ihm gegenüber. Und letztlich schadet es immer dem Menschen selbst, wenn er Gott durch etwas anderes ersetzt (egal welche falsche Religion oder Ideologie das ist); die Gebote sind um unsretwillen da.)

Die Liebe (lateinisch caritas, griechisch agape; nicht zu verwechseln mit eros oder anderen Formen der Liebe) ist wie der Glaube und die Hoffnung eine übernatürliche, von Gott „eingegossene“ Tugend; also keine, die mit den rein natürlichen menschlichen Kräften  zu erreichen ist; mithilfe von Gottes Gnade selbstverständlich trotzdem für jeden möglich. Zu ihr gehören die Gottesliebe, die Nächstenliebe und die Selbstliebe, gemäß den Worten Jesu: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 22,37-39)

Hier nur näher zu dem, was die Gottesliebe konkret meint; die Nächsten- und die Selbstliebe kommen im 4.-10. Gebot ins Spiel und sind für diese Gebote die Grundlage wie die Gottesliebe für das 1.-3.

 

Was bedeutet „Gottesliebe“ überhaupt? Ich bin hier schon einmal ausführlich darauf eingegangen, dass die Nächsten- und Selbstliebe eine grundsätzliche Bejahung, ein grundsätzliches Wohlwollen, ein Sehen des Wertes eines Menschen bedeuten. Gott kann man nun zwar im Grunde genommen nichts Gutes tun (Er braucht einen nicht), sehr wohl aber kann man Ihn als das höchste Gut, als den einzigen im echten Sinne Guten und aller Liebe und Anbetung Werten anerkennen, sich vornehmen, Ihm den höchsten Platz im Leben einzuräumen (also Ihm zu gehorchen, wenn es zum Konfliktfall kommt), Ihm gefallen wollen, wünschen, Ihn zu sehen und mit Ihm eins zu werden. Der hl. Thomas sagt schon, dass jede Liebe – ob menschliche Freundschaft oder andere Formen der Liebe – eine Art Vereinigung mit dem Geliebten beinhaltet.

Auch Nächsten- und Selbstliebe folgen eigentlich gleich direkt aus der Gottesliebe, da der, der Gott liebt, auch alles lieben muss, was Gott geschaffen hat, liebt und zu lieben befiehlt.

So, wie man ab und zu einen „Akt des Glaubens“ oder einen „Akt der Hoffnung“ setzen muss, so auch einen „Akt der Liebe“; also die Entscheidung zur Gottesliebe treffen. (Ein bewusster Akt der Liebe kann z. B. so aussehen: „Herr und Gott, ich liebe dich über alles und meinen Nächsten um deinetwillen. Denn du bist das höchste, unendliche und vollkommenste Gut, das aller Liebe würdig ist. In dieser Liebe will ich leben und sterben. Amen.“(Quelle: Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche, Anhang.)) Aber ebenso wie beim Glauben und der Hoffnung setzt der Christ im Normalfall automatisch immer wieder zumindest implizit Akte der Gottesliebe (z. B. beim Gebet). Ein (zumindest impliziter) Akt der Gottesliebe gehört auch zur Liebesreue, die nötig ist, um Gottes Vergebung für schwere Sünden zu erlangen, wenn man (noch) nicht zur Beichte kommt; außerdem braucht es die Gottesliebe besonders dann, wenn man ohne sie eine Versuchung nicht überwinden kann.

 

Sünden gegen die Gottesliebe sind (naheliegendermaßen) das Fehlen der Gottesliebe (also nie oder extrem selten die Gottesliebe erwecken) und der Hass gegen Gott: Was sich z. B. darin äußert, dass man Gott hasst, weil Er etwas verbietet, das man gern tut (oder tun würde); wenn man damit prahlt, etwas getan zu haben, das Gott verbietet; sich wünscht, es würde Ihn nicht geben oder Er wäre nicht gerecht oder allwissend; sich wirklich gegen seine Vorsehung auflehnt; wenn man Ihm gerne schaden würde (wenn das möglich wäre); Seine Ehre angreifen möchte z. B. durch Verfolgung der Kirche oder Blasphemie (Verfolgung der Kirche oder Blasphemie müssen nicht aus Hass auf Gott geschehen, es können auch Dummheit, Gruppenzwang u. Ä. Auslöser sein; sie können es aber); oder Ähnliches.

Wenn ein wirklicher, willentlicher Hass auf Gott da ist, v. a. ein konstanter, sich in Worten und Taten äußernder, ist das offensichtlich eine schwere Sünde; aber es kann wohl auch mal z. B. ein flüchtiges Spielen mit einer Abneigung gegen Gott da sein, die nicht die wirkliche Entscheidung zum Gotteshass beinhaltet, ein gewisses leichtes Hadern mit Gottes Vorsehung, eine Art Zorn auf Gott aus Angst oder Traurigkeit in einer schlimmen Situation, bei der man nicht wirklich Gott hasst oder wirklich an Ihm zweifelt, aber trotzdem Zorn fühlt und ihm ein wenig nachgibt, weil es gerade gut zu tun scheint; was dann lässliche Sünden wären. (Gefühle sind generell noch keine Sünde, sondern Versuchung; wenn die Zulassung des Willens da ist, ist etwas Sünde. Solche Gefühle als Gefühle anerkennen, und sie vor Gott zu bringen, wobei man sich bewusst macht, dass Gott im Endeffekt alles besser weiß und Antworten haben wird, ist genau das Richtige und keine Sünde; mit solchen Gefühlen flirten und sie nicht wirklich vor Gott bringen, ihnen aber auch nicht ganz nachgeben, wohl eher eine lässliche.)

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7 Gedanken zu “Moraltheologie und Kasuistik, Teil 4c: Das 1. Gebot – was die Tugend der Gottesliebe praktisch bedeutet

  1. >>sich vornehmen, Ihm den höchsten Platz im Leben einzuräumen (also Ihm zu gehorchen, wenn es zum Konfliktfall kommt)

    Cool erklärt.

    —–

    Verstößt das Hadern gegen Gott gegen die Gottesliebe – also wenn es nicht leicht und flüchtig ist? Um Gotteshaß zumindest handelt es sich schonmal nicht, sondern, wie Du sagst, um etwas, das man Zorn nennen könnte, also eine viel weniger schlimme Gefühlsregung, die mit Haß gar nichts zu tun hat. Eine Frau, die mit ihrem Mann hadert, weil er immerzu ins Wirtshaus geht, haßt ihn schließlich auch nicht.

    Natürlich dürfte das i.a. eine (d. h. mindestens läßliche) Sünde sein (auch wenn uns schon bei dieser Feststellung die Geschichte Ijobs Fragen aufwirft), aber daß es jedenfalls mit Haß nichts zu tun hat, ist für mich klar; und eine schwere Sünde – kann ich jetzt nicht sicher ausschließen, aber warum sollte es eine sein?

    (Ich bin jedenfalls in meiner Kommunionpraxis bisher davon ausgegangen, daß Hadern mit der Vorsehung, egal wie weit es über „mal kurz leicht“ hinausgeht – solange es solches bleibt und nicht etwas noch Schlimmeres ist – genau eine läßliche Sünde ist, nicht weniger, aber auch nicht mehr.)

    Gefällt 1 Person

    1. Wird solches ernsthaftes Hadern mit Gott in der Bibel nicht öfter als schlimm dargestellt? Z. B. bei den Israeliten in der Wüste? – Aber vielleicht wäre es besser beim Thema „Glauben“ oder „Hoffnung“ als bei der Gottesliebe einzuordnen?

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      1. Schlimm sind läßliche Sünden auch, deswegen ist das ehrlich gesagt für mich kein schlüssiges Argument. — Zur Hoffnung passt es vermutlich besser, richtig.

        Wobei, wenn ich selber Exodus lese, empfinde ich einen ganz deutlichen Unterschied im Tonfall zwischen, sagen wir, der Episode vom beim Goldenen Kalb und beim Aufstand der Rotte Korachs – zwei ganz offenkundig schwere Sünden – einerseits und bei der öfters wiederkehrenden Situation: A) Das Volk hat Durst. B) Es murrt. C) Mose schimpft es deswegen. D) Gott gibt ihm zu trinken.

        Letztlich kommt mir *hier* Mose (bei der Rotte Korachs und beim Goldenen Kalb ist das wie gesagt anders) wie ein geplagter Familienvater vor, der seinen Lausbuben seufzend eine Standpauke hält. (Hier weil das Vertrauen fehlt.)

        (Und ich komme ja auch nicht umhin, festzustellen: danach haben Sie dann ihr Wasser halt immer auch *bekommen*, während sie vorher *Durst* hatten. Ich kann – leider? – nicht behaupten, daß mir das Volk Israel auf der Wanderung so sonderlich unsympathisch ist…)

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      2. Ja, man kann sie schon gut verstehen 😀

        Aber Formulierungen wie „Denn ihr seid mir untreu gewesen inmitten der Israeliten beim Haderwasser von Kadesch in der Wüste Zin und habt mich inmitten der Israeliten nicht als den Heiligen geehrt“ (Deuteronomium 32,51), „Wie lange verachtet mich dieses Volk noch, wie lange noch wollen sie nicht an mich glauben trotz all der Zeichen, die ich mitten unter ihnen vollbracht habe?“ (Numeri 14,11) oder „Wie lange soll das mit dieser bösen Gemeinde so weitergehen, die über mich murrt? Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Gegen mich murren sie.“ (Numeri 14,27) klingen doch m. E. schon eher nach schwerer Sünde.

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  2. In der Episode (auch Deuteronomium bezieht sich darauf) haben sie nicht nur gemurrt, sondern einen ausdrücklichen Befehl verweigert.

    Ich meinte eher sowas wie Ex 15,24; Ex 16; Ex 17,2; Num 11 mit dem sehr faszinierenden Satz „Da entbrannte der Zorn des *HERRN*; in den Augen des *Mose* war es [das Volk] böse“, Hervorhebungen von mir: der Herr ist schon wirklich zornig, straft hernach auch entsprechend, die Qualifizierung als „böse“ aber wird ausdrücklich Mose zugeschrieben…

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