Wen nochmal in die Welt tragen?

Ich war dieses Jahr in einer Vorabendmesse zu Fronleichnam; keine Prozession, alles in einer Dreiviertelstunde vorbei, und die Kirche zu (mindestens) drei Vierteln leer. Ging leider nicht anders. Die Predigt war dabei ziemlich kurz, und der Priester führte vor allem einen Gedanken aus: Bei den Fronleichnamsprozessionen (die es nach dieser Messe ja nicht gab, aber Sie verstehen) tragen wir das Kostbarste, das wir haben, nach draußen, aber wir sollen Jesus nicht nur bei dieser Gelegenheit, sondern immer – durch unser Verhalten – nach draußen in die Welt tragen. Guter Gedanke; an sich nichts auszusetzen.

Aber ich glaube, es wäre schöner gewesen, wenn er davor noch mehr dazu gesagt hätte, wer das eigentlich ist, Jesus Christus, und in welcher Weise wir Seine Liebe zu uns an diesem Fest, Fronleichnam, feiern. Was es für ein Wunder ist, dass Er unter den Gestalten von Brot und Wein wahrhaft gegenwärtig ist, dass Er sich essen lässt, sich mit einem vereinigt. Dass Er so vollkommen gegenwärtig ist wie damals in Nazareth oder Jerusalem – still, verborgen, aber da. Dass man Ihn hier anschauen, anbeten, lieben kann. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass alle Anwesenden das wissen – und auch wenn man es weiß, muss man es sich wieder bewusst machen.

Wenn man die sich hier zeigende Liebe erst mal begriffen hat, ist doch die natürliche Folge davon, sie nach draußen tragen zu wollen – aber dazu muss man sich die Zeit nehmen, sie zu begreifen. Ich habe das Gefühl, das ist ein gar nicht mal so seltenes Problem: es wird (unterschwellig) vermittelt, man soll die Liebe Gottes nach draußen tragen, und davor bitte keine Zeit im Gebet bei Gott verschwenden und diese Liebe selbst erleben. (Bei anderen Leuten stärker als bei diesem doch ziemlich sympathischen Priester.)

In diesem Zusammenhang musste ich auch wieder mal an das Buch „Die Benedikt-Option“ des orthodoxen Christen Rod Dreher denken, an dem es ja einige legitime Kritikpunkte gibt, das aber (auch von mir, als ich anfangs davon gehört und es noch nicht gelesen hatte) auch schon öfter mit unfairen Kritikpunkten angegriffen wurde. Einer dieser unfairen Kritikpunkte ist: Wieso den Fokus darauf legen, christliche Gruppen, eine christliche Wagenburg, eine christliche Parallelgesellschaft aufzubauen, wo Christen doch eigentlich nach draußen gewandt sein sollen? – Ja, und womit haben sie denn dann nach draußen zu gehen? Wohin sollen sie die von draußen einladen? Bevor man den Glauben weitergeben kann – und auch während man es tut –, muss man ihn doch erst einmal leben. Ich erinnere mich, dass der Übersetzer der „Benedikt-Option“, Dr. Tobias Klein, zu genau diesem Thema irgendetwas Kluges geschrieben hatte, das ich aber gerade nicht wiederfinde und deswegen nicht verlinken kann.

Ich habe das Gefühl, das ist typisch für einen gewissen Trend der letzten Jahrzehnte, vom durchschnittlichen Laien gleichzeitig zu wenig und zu viel zu verlangen. Jeder Laie soll auch missionarisch sein, immer die Liebe Gottes ausstrahlen, aber – ständig in die Kirche springen? Angelus, Rosenkranz oder Stundengebet beten? Zur Eucharistischen Anbetung gehen? Hm, muss das denn sein? Ist das nicht frömmlerische Zeitverschwendung? Ich merke das jedenfalls bei mir selber: Das Gefühl, beim Beten würde man wertvolle Zeit verschwenden und das dürfe man irgendwie nicht, steckt schon noch drin.

Also dann: Frohes Fronleichnamsfest! Tantum Ergo schmettern, Jesus anbeten, und feiern!

File:Adolf Friedrich Erdmann von Menzel 026.jpg

(Adolf Friedrich Erdmann von Menzel, Fronleichnamsprozession in Hofgastein. Gemeinfrei.)

3 Gedanken zu “Wen nochmal in die Welt tragen?

  1. „Das Gefühl, beim Beten würde man wertvolle Zeit verschwenden und das dürfe man irgendwie nicht, steckt schon noch drin.“

    Als Katholiken glauben und hoffen wir, nach unserem zeitlich begrenzten Leben für immer bei Gott zu sein. Wie das genau aussieht wissen wir nicht, aber der Grundgedanke liegt wohl im Bild der Wohnungen, welches der Herr selber gebraucht hat, bevor er in den Himmel aufgestiegen ist. Er bereitet uns eine Wohnung beim Vater. Da Gott unseren Zeitbegriff und das Gefühl für Zeit „nur“ 33 Jahre mit uns geteilt hat, können wir davon ausgehen, dass wertvolle Zeit nur darin besteht, ganz nahe bei ihm zu sein. „Denn die Armen habt ihr allezeit bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit.“ Joh. 12,8 Das Gefühl wertvolle Zeit und Dinge zu verschwenden ist somit nichts Neues unter der Sonne. Judas versucht die angebliche Verschwendung von einem Pfund kostbarem Salböl für wichtigere Dinge, wie z.B. für die Armen zu verwenden. Jesus erteilt diesem Anliegen eine klare Absage. Maria hat wohl anscheinend gewusst, wen sie da genau salbt und an wen sie dieses kostbare Gut „verschwendete“.
    Zuerst Gott in den Mittelpunkt seines Lebens stellen, ihm alles in die Hand geben, macht unsere Zeit wertvoll. Ich hoffe das war jetzt nicht zu belehrend.

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  2. Sie haben recht: um jemanden lieben zu können, muß ich ihn zuerst einmal kennen! In dem Maße, in dem ich Gott kennenlerne, kann ich herausfinden, wie unendlich liebenswert er ist. Und um als Christ anderen von meinem Glauben zu erzählen, andere für den Glauben zu begeistern, muß ich vor allen Dingen selbst „leuchten“. Dieses Leuchten, oder besser: dieses Brennen, in der göttlichen Liebe ist natürlich nichts, was ich auch nur annähernd aus eigener Kraft hinbekommen könnte. Ich kann mich aber auf Seine Liebe zu mir einlassen. Die beharrlich und regelmäßig gepflegte Gebetszeit (etwa für Rosenkranz und Angelus) ist – neben vielem anderem – auch Beziehungspflege. Pflege der wichtigsten Beziehung, die ich als Mensch haben kann.

    Mich hat diese alte Fronleichnamspredigt von Pfarrer Milch (1983) beeindruckt:
    https://de.katholon.org/audio/milch/zyk20b.mp3 .

    Ich weiß, ich weiß, er neigt zum Kanzeldonnerer, was manche abstößt – aber mich berührt die heilige Scheu, mit der er sich hier als Priester dem Altarsakrament nähert, die ehrfurchtsvollen Gedanken, die er sich dabei macht: „Ich bin niemals des Altarsakraments *würdig*, ich nähere mich ihm trotz meiner Unwürdigkeit, weil es, wenn man würdig dazu sein müßte, überhaupt keine Priester geben könnte.“ (sinngemäß wiedergegeben)

    So wie auch Sie sich in diesem Blogpost vergegenwärtigen, „was es für ein Wunder ist, dass Er unter den Gestalten von Brot und Wein wahrhaft gegenwärtig ist“. Wie es im Hymnus „Adoro te devote“ heißt:

    Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir.
    Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier.
    Sieh, mit ganzem Herzen schenk ich dir mich hin,
    weil vor solchem Wunder ich nur Armut bin.

    Bei jeder Wandlung tritt die Ewigkeit in diese unsere kleine beschränkte Welt von Raum und Zeit, bei jeder Kommunion besucht der Ewige, Überzeitliche – mich!

    Und darin liegt eine weitere Ähnlichkeit zur Gebetszeit: in diesen besonderen Zeiträumen – so gut es eben geht, aus dem Alltag herausgehoben – öffne ich mich gleichfalls für den Besuch des Ewigen, für die Berührung der Seele durch Ihn.

    Ich wünsche auch Ihnen ein gutes Fronleichnamsfest!

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