Über schwierige Heilige: Die „Märtyrerinnen der Reinheit“

(Grundsätzliches zu den „schwierigen“ Heiligen hier.)

Zu denjenigen „problematischen“ Seligen/Heiligen, bei denen sich Leute weniger an ihnen selbst als vielmehr an ihrer Verehrung stören, zählen die sog. Märtyrerinnen der Reinheit: Nicht nur Maria Goretti (1890-1902), die noch von Pius XII. 1947 selig- und 1950 heiliggesprochen wurde, sondern auch Antonia Mesina (1919-1935), Pierina Morosini (1931-1957) und Karolina Kózka (1898-1914), die alle drei 1987 seliggesprochen wurden, Teresa Bracco (1924-1944), die 1998 seliggesprochen wurde, Albertina Berkenbrock (1919-1931) und Lindalva Justo de Oliveira (1953-1993), die 2007 seliggesprochen wurden, und Anna Kolesarova (1928-1944), die erst 2018 seliggesprochen wurde.

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(Von links nach rechts und oben nach unten: Die hl. Maria Goretti, die sel. Antonia Mesina, die sel. Pierina Morosini, die sel. Karolina Kózka, die sel. Teresa Bracco, die sel. Albertina Berkenbrock, die sel. Lindalva Justo de Oliveira, die sel. Anna Kolesarova.)

Hier handelt es sich um fromme katholische Mädchen und Frauen, die von einem Mann ermordet wurden, nachdem sie sich geweigert hatten, mit ihm zu schlafen, beziehungsweise dabei ermordet wurden, wie sie sich wehrten, als er sie zu vergewaltigen versuchte; mit dem kirchlichen Fachbegriff: gestorben „in defensum castitatis“ („bei der Verteidigung der Keuschheit“).

Maria Goretti z. B. wurde von einem älteren Jungen namens Alessandro Serenelli, dessen Familie im selben Haus wohnte wie ihre Familie und der ihr schon länger nachgestellt hatte, ermordet, weil sie ihm nicht nachgeben wollte; als er sie attackierte, rief sie: „Das ist Sünde, Alessandro, du kommst in die Hölle!“ Sie, die bekannteste dieser Märtyrerinnen, ist auch dafür bekannt, dass sie ihrem Mörder vergab, bevor sie im Krankenhaus an den Stichwunden starb, die er ihr zugefügt hatte. Er zeigte sich bei dem Prozess gegen ihn völlig uneinsichtig und wurde zu dreißig Jahren Zuchthaus verurteilt; nach sechs Jahren erschien ihm Maria im Traum und er bekehrte sich und wurde nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Laienbruder in einem Kapuzinerkloster, bat Marias Mutter um Vergebung, und legte Zeugnis in Marias Seligsprechungsprozess ab. Zu ihrer Heiligsprechung im Jahr 1950 kam eine halbe Million Menschen. Anna Kolesarova war ein slowakisches Mädchen, dessen Dorf gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von der Roten Armee besetzt wurde; sie versteckte sich mit ihrer Familie im Keller ihres Hauses, wo sie aber von einem sowjetischen Soldaten gefunden wurden, der von Anna verlangte, mit ihm zu schlafen, und sie bedrohte, und sie, als sie sich weigerte, erschoss. Teresa Bracco hatte ein ähnliches Schicksal; ihr Mörder war ein deutscher Soldat.

Obwohl sich diese Märtyrerinnen im 20. Jahrhundert häufen, haben wir übrigens auch schon ältere ähnliche Fälle. Da wäre die hl. Solange von Bourges aus dem 9. Jahrhundert, deren Geschichte ganz ähnlich ist wie die der modernen Märtyrerinnen der Reinheit, nur mit ein paar mehr wundersamen Extras. Außerdem haben wir in der Antike diverse geweihte Jungfrauen, die sich weigerten, zu heiraten, als ihre heidnischen Eltern es von ihnen verlangten, und deshalb als Christinnen von ihren Eltern oder den Männern, die sie heiraten wollten, vor Gericht gebracht und hingerichtet wurden; z. B. die hl. Agnes oder die hl. Lucia. Bei manchen haben wir auch Berichte von Männern, die diesen Jungfrauen geholfen haben – z. B. hat der hl. Didymus der hl. Theodora geholfen, zu fliehen, als sie als Christin dazu verurteilt werden sollte, ein Leben als Prostituierte zu führen (so etwas kam in der Antike als Strafe durchaus vor, wie nicht nur Heiligengeschichten, sondern z. B. auch Tertullian und Laktanz belegen), indem er mit ihr die Kleider tauschte, und wurde dafür selbst getötet, als es entdeckt wurde (auch Theodora wurde dann später noch getötet). Dann wäre da die hl. Dymphna aus dem 7. Jahrhundert, die zusammen mit einem Priester vor ihrem heidnischen Vater floh, der sie nach dem Tod ihrer Mutter heiraten wollte (!), und dann doch von ihm entdeckt und getötet wurde. Sie ist übrigens auch Patronin der Geisteskranken.

Von feministischer Seite (auch manchmal von rechtgläubigen katholischen Feministinnen) kommt hier die Kritik, die Selig- und Heiligsprechungen der „Märtyrerinnen der Reinheit“ wären frauenfeindlich und würden Mädchen und Frauen vermitteln, dass es besser sei, tot als vergewaltigt zu sein; dass vergewaltigte Frauen nichts mehr wert wären; deshalb sollte man ihre Verehrung nicht fördern.

Daher erst einmal zum Thema „frauenfeindlich“: Wir haben auch männliche Heilige, die man als Märtyrer der Reinheit bezeichnen könnte, z. B. Pelagius von Cordoba (911/12-925/26) – ein Junge, den der Emir von Cordoba in Stücke hacken ließ, weil er weder auf dessen sexuelle Avancen eingehen noch zum Islam konvertieren wollte. Gut, für seine Verehrung würden manche uns statt der Frauenfeindlichkeit vermutlich Homophobie und Islamophobie vorwerfen (auch wenn es ja nicht unsere Schuld ist, dass der Emir von Cordoba ein Mörder und Päderast war). Aber den Patriarchen Joseph aus dem Alten Testament könnte man immerhin einen Bekenner der Reinheit nennen (er wurde nur ins Gefängnis geworfen, nicht getötet, weil er sich geweigert hatte, mit der Frau seines ägyptischen Herrn zu schlafen, und sie ihn dafür fälschlich der versuchten Vergewaltigung bezichtigt hatte; daher nur Bekenner, nicht Märtyrer; vgl. Gen 39,7-20).

Simone Cantarini - Joseph and Potiphar's Wife.jpg

(Simone Cantarini, Joseph und Potiphars Frau. Gemeinfrei.)

Auch die Märtyrer von Uganda (der hl. Karl Lwanga & Gefährten) zogen den Zorn von König Mwanga II. von Bugunda zumindest unter anderem deshalb auf sich, weil sie, die als Pagen an seinem Hof dienten, ihm nicht sexuell zu Willen sein wollten, da sie Christen geworden waren.

Jedenfalls: Wir haben auch heilige Männer und Jungen, die für die Weigerung, etwas Unkeusches zu tun oder zuzulassen, einiges auf sich nahmen (und überhaupt haben wir ja auch sonst viele männliche Heilige, die für ihre Keuschheit verehrt werden, z. B. den hl. Aloisius Gonzaga oder den hl. Joseph, den Bräutigam Mariens). Dass wir in dieser Kategorie mehr Frauen haben, liegt, nun ja, offensichtlich einfach daran, dass es leichter für Männer ist, Frauen zu Märtyrerinnen der Reinheit zu machen als umgekehrt, und Homosexualität statistisch seltener ist, nicht daran, dass die Kirche hier einen Unterschied zwischen Frauen und Männern machen würde.

Dann zum Thema „nach einer Vergewaltigung nichts mehr wert“: Wir haben auch Märtyrerinnen, die tatsächlich vergewaltigt worden sind, z. B. die drei Rot-Kreuz-Krankenschwestern Pilar Gullón Yturriaga, Octavia Iglesias Blanco und Olga Pérez-Monteserín Núñez, die von den Kommunisten im Spanischen Bürgerkrieg vergewaltigt und erschossen wurden, als sie sich weigerten, den Glauben zu verleugnen (ihr Seligsprechungsprozess läuft zurzeit, ihr Martyrium wurde bereits anerkannt, sie tragen daher im Moment den Titel „ehrwürdige Dienerin Gottes“).

Und auch bei den „Märtyrerinnen der Reinheit“ gilt ja: Wenn ihre Weigerung am Ende nichts genützt hätte und sie vergewaltigt worden wären, hätte das ihrer Heiligkeit nicht den geringsten Abbruch getan. Schon der hl. Augustinus musste gegen die heidnische römische Ansicht kämpfen, dass Vergewaltigungsopfer irgendwie unrein geworden wären und sich eigentlich gleich umbringen sollten. (Vgl. Kapitel 16-28 im 1. Buch von De civitate Dei, wo Augustinus den Frauen, die bei der Eroberung Roms im Jahr 410 vergewaltigt worden waren, aufs deutlichste zusichert, dass nur ihre Vergewaltiger ein Verbrechen begangen haben: „Denn nicht dadurch ist der Leib heilig, daß seine Glieder unversehrt sind, noch auch dadurch, daß sie keiner Berührung ausgesetzt werden; können sie ja doch auch durch allerlei Zufälle verwundet werden und Gewalt leiden…“) Nie hat die Kirche Vergewaltigungsopfer für unrein gehalten.

Es gibt vom Prinzip her keinen Grund, wieso die Ehrung der hl. Maria Goretti et. al. Frauen und Mädchen, denen es nicht gelungen ist, sich gegen einen Vergewaltiger zu wehren, ein schlechtes Gefühl vermitteln muss. Die Kirche zeigt sich hier ja gerade auf der Seite der Opfer, die sie ehrt, und verurteilt die Täter, die versucht haben, sie zu vergewaltigen. (Die hl. Maria Goretti ist übrigens auch die Patronin der Vergewaltigungsopfer.)

Trotzdem verstehe ich es, wenn manche befürchten, dass ihre Verehrung manchmal eine gewisse Art von „victim blaming“ vermitteln könnte – gerade Vergewaltigungsopfern, die z. B. in Schockstarre waren oder sich nicht getraut haben, sich körperlich zu wehren oder zu schreien, weil sie z. B. wie Maria mit einem Messer bedroht wurden. „Ich habe mich nicht so sehr gewehrt, wie ich es hätte können – ich war nicht wie Maria Goretti.“ Deswegen ist es wirklich nötig, aufzupassen, wie genau man über diese Märtyrerinnen redet.

Und es ist eben wieder mal nötig, daran zu erinnern, dass nicht jeder Heroismus moralisch verpflichtend ist. Auch sonst sagt man ja nicht, dass man hilflosere Opfer verurteilt, wenn man von jemandem erzählt, der sich auf eine besonders mutige oder kluge Weise gegen irgendein Verbrechen wehren konnte. Manche Heilige waren besonders mutig – was nicht heißt, dass jedes andere Verhalten eine Sünde gewesen wäre. (Es sagen übrigens auch ältere Moraltheologielehrbücher – aus genau der Zeit, in der Maria Goretti selig- und heiliggesprochen und sehr viel stärker verehrt wurde, als das heute der Fall ist -, dass es keine Sünde sei, wenn eine Frau, die z. B. mit dem Tod bedroht werde, eine Vergewaltigung passiv über sich ergehen lasse, um nicht getötet zu werden; falls das für manche im Zweifel gewesen sein sollte.)

Ein Vergleich: Wenn ein Land einem Soldaten einen Orden für außergewöhnliche Tapferkeit verleiht, ist das keine Verurteilung und kein victim-blaming eines Soldaten, der es nur geschafft hat, sich von den Feinden gefangennehmen zu lassen, ohne einen einzigen gegnerischen Soldaten zu verwunden.

Und man sollte eben wirklich nicht in den umgekehrten Fehler verfallen: Quasi diesen Heiligen und Seligen einen Vorwurf aus ihrem Verhalten machen. „Sie hätten gefälligst vernünftig sein und sich nicht umbringen lassen sollen.“ Es kommt mir so vor, als  würden manche Katholiken, von denen Anti-Maria-Goretti-Äußerungen kommen, so oder so ähnlich denken.

Und aktiv irgendetwas Unkeusches zu tun ist eben wirklich immer falsch, auch auf Drohungen hin. Nicht, dass nicht die Schuldfähigkeit sehr stark vermindert oder aufgehoben sein kann, wenn jemand etwas unter Drohungen tut (das ist gerade das Paradebeispiel aus dem Katechismus für verminderte/aufgehobene Schuldfähigkeit), und nicht, dass das dann nicht mehr trotzdem ein entsetzliches Verbrechen an diesem Menschen wäre; das wäre es auch gewesen, wenn z. B. der hl. Pelagius von Cordoba bei dem mitgemacht hätte, was der Emir von Cordoba von ihm wollte.  Nochmal: Auch so etwas beurteilte die Moraltheologie immer als Vergewaltigung, ein sehr schweres Verbrechen, auch dann, wenn noch keine so schweren Drohungen eingesetzt werden oder so schwere Furcht eingeflößt wird wie in diesen Fällen. Aber in diesen Fällen ist es trotzdem das Richtige, sich zu weigern.

Ein Vergleich: Die Christen, die das islamische Glaubensbekenntnis gesprochen haben, als der IS sie mit dem Tod bedroht hat, können einem sehr leid tun; aber das Richtige haben die getan, die es nicht gesprochen haben und umgebracht oder versklavt wurden. Eine Christin wie Leah Sharibu, die mit ihren Mitschülerinnen in Nigeria von Boko Haram entführt wurde, und sich weigerte, zum Islam zu konvertieren, und deshalb anders als ihre muslimischen Mitschülerinnen nicht freigelassen wurde, hat das Richtige getan.

Vielleicht könnte man auch einen entfernten Vergleich ziehen mit den Männern und Jungen, die im 2. Weltkrieg zur Wehrmacht eingezogen wurden und von denen viele im Krieg fielen, verwundet wurden oder in sibirischen Kriegsgefangenenlagern litten; auch sie hatten es nicht leicht, und viele meinten, keine andere Wahl zu haben, als ihrer Einberufung zu folgen, oder versuchten allerhöchstens, sie irgendwie auf legale Weise zu umgehen und kämpften doch, wenn das nicht klappte; trotzdem verehren wir nicht sie, sondern z. B. den sel. Franz Jägerstätter (1907-1943), der sich lieber hinrichten ließ als für Hitler zu kämpfen.

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(Sel. Franz Jägerstätter, Plakat zur Seligsprechung. Gemeinfrei.)

Der hl. Papst Johannes Paul II. sagte im Jahr 2002 über Maria Goretti: „Die Haltung dieser jungen Heiligen zeigt ein tiefes und edles Wissen um die eigene Würde wie auch die der anderen, was sich in den Entscheidungen des täglichen Lebens widerspiegelte und ihnen volle menschliche Sinnhaftigkeit verlieh.“ Dass die Kirche die Märtyrerinnen der Reinheit als verehrungswürdige Vorbilder herausstellt, zeigt eben auch, dass die Keuschheit etwas Wertvolles ist, und diese Vorbilder sollen ermutigen, sich nicht von anderen Menschen in sexueller (oder anderer) Hinsicht erpressen zu lassen. Der Leib ist ein Tempel Gottes und damit heilig, und darf nicht ungestraft missbraucht werden. (Johannes Paul II. führt dieses Thema übrigens hier noch weiter aus.) Ihre Fürsprache kann einem auch dabei helfen, sich klar zu weigern, bei irgendetwas Unkeuschem mitzumachen, zu dem jemand einen überreden will – auch wenn man nichts Schlimmeres als eine langwierige Diskussion und eine(n) genervte(n) Freund(in) zu befürchten hat, dem/der man erklären muss, dass es mehr als Küsse vor der Ehe nicht geben wird. Für ein Martyrium der Reinheit light gibt es manchmal genug Gelegenheiten.

Im übrigen ist es wichtig, daran zu erinnern, dass diese Märtyrerinnen nicht nur wegen der Umstände ihres Todes selig- oder heiliggesprochen wurden. Ihr ganzes Leben wurde beim Prozess betrachtet und ist verehrungswürdig; und z. B. bei Maria Goretti ist besonders ihre Vergebung für ihren Mörder bewundernswert.

(Statue der hl. Maria Goretti in St. Martin in Visé (Belgien). Quelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer Norbert Schnitzler.)

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4 Gedanken zu “Über schwierige Heilige: Die „Märtyrerinnen der Reinheit“

  1. Vielen Dank für deinen wunderbaren Blog! Ich bin stille Stammleserin und freue mich über jeden Beitrag. Gerade bei diesem Thema ist es mir bisher immer sehr schwer gefallen, Worte zu finden im Gespräch mit Menschen, die sich quasi von der Verehrung der hl. Maria Goretti angegriffen fühlen. Das einmal so klar und dabei feinfühlig zu lesen ist richtig schön.

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