Über schwierige Heilige: Von Inquisitoren, Kreuzfahrern, Krieger(inne)n

(Grundsätzliches zu den „schwierigen“ Heiligen hier; hier ein Teil zu anderen schwierigen Heiligen.)

Zu den problematischeren Heiligen, die man oft erst einmal lieber nicht als Auhängeschilder der Kirche benutzt, gehören auch einige, die manche heute als brutale religiöse Fanatiker sehen würden. Wir haben da etwa Heilige, die das Amt eines Inquisitors oder sogar Großinquisitors bekleideten – Kardinal Robert Bellarmin und Papst Pius V. vor seiner Papstwahl etwa.

Jetzt zucken vielleicht manche zusammen: Heilige Großinquisitoren. Oh.

 

Deswegen ist vielleicht ein genauerer Blick auf das Leben solcher Heiliger angebracht. Erst einmal Pius V. (1504-1572, Papst ab 1566):

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(Pius V., Porträt von El Greco. Gemeinfrei.)

Dieser Heilige, der den Taufnamen Antonio Michele Ghislieri trug und als Bauernsohn in einem kleinen italienischen Dorf geboren wurde, wegen seiner Begabung in den Dominikanerorden eintreten konnte, dann Theologe, Inquisitor, Bischof, Großinquisitor Kardinal und Papst wurde, war gleichzeitig in mancher Hinsicht als sehr gütig, und in anderer als sehr streng bekannt – auf jeden Fall aber als persönlich sehr fromm und demütig; praktisch das exakte Gegenbild zum Klischeebild des opulenten, korrupten und es mit den kirchlichen Regeln nicht so genau nehmenden Renaissancepapstes.

Er verbrachte viel Zeit im Gebet, fastete streng, schaffte immer noch ein großes Arbeitspensum, als er schon schwer krebskrank war, ging als Papst barfuß in den Prozessionen in Rom mit, besuchte Kranke, gab viele Almosen, ließ während einer Hungersnot 1566 große Mengen Lebensmittel importieren und in Rom verteilen, umarmte Leprakranke und wusch Armen die Füße, lebte als Papst ohne Luxus und verkleinerte den römischen Hofstaat deutlich. Ein protestantischer Engländer, der gerade in Rom war, soll sich angeblich bekehrt haben, als er den Papst die Füße eines Bettlers küssen sah. Er verbesserte Wasserversorgung und Abwassersystem in Rom, gründete zwei Krankenhäuser und ein Leihhaus, bei dem Arme günstige Kredite erhalten konnten, und ließ die Wälder um Rom herum abholzen, die bisher Räubern Unterschlupf geboten hatten.

Er setzte die Reformen des kurz vor seiner Amtszeit zu Ende gegangenen Konzils von Trient durch, sorgte dafür, dass die Bischöfe ihre Residenzpflicht in ihren Diözesen einhielten, und verbot den Ablasshandel bei Strafe der Exkommunikation. Er war ein unbestechlicher Feind des kirchlichen Nepotismus; er stellte sich, als noch Pius IV. Papst war, diesem entgegen, als er den erst dreizehnjährigen Ferdinand de Medici zum Kardinal machen wollte, und ließ als Papst einen anderen jungen Kardinal (Innocenzo Ciocchi del Monte), der seinen Kardinalshut angeblich als Geliebter von Papst Julius III. erhalten haben sollte, und sich inzwischen sexueller Übergriffe auf Frauen, Gewalttätigkeiten und sogar Morden schuldig gemacht hatte, gefangensetzen und verbannen. Er reformierte Priesterseminare und Klöster und setzte in den klausurierten Klöstern die Klausur streng durch.

Er ernannte den hl. Thomas von Aquin zum Kirchenlehrer und ließ dessen Werke neu herausgeben. Von ihm stammen der Römische Katechismus, das Brevier und das Missale, die jahrhundertelang in mehr oder weniger gleicher Form in der Kirche im Gebrauch waren. [An dieser Stelle eine kurze Anmerkung zu einer Sedisvakantistentheorie: Es gibt Leute, die meinen, mit der Einführung des Novus Ordo sei quasi eine neue schismatische Kirche gegründet worden, weil Paul VI. hier gegen Quo Primum verstoßen habe, wo Pius V. Änderungen am Ritus für die Zukunft verbietet. Tatsächlich bezieht sich ein solches Verbot (wie sich auch aus Quo Primum selbst ergibt) selbstverständlich nur auf Kleriker unterhalb des Papstes; was in der Kirche nicht prinzipiell unveränderlich ist, und was ein Papst verändert hat, kann der nächste wieder verändern. Und auch zwischen Pius V. und Paul VI. gab es zahlreiche kleine Änderungen am Ritus, die sich nur graduell, nicht prinzipiell von der Liturgiereform Pauls VI. unterscheiden.]

Er erreichte mit viel Mühe und trotz der Nichtbeteiligung des Kaisers und des französischen Königs die Gründung der Heiligen Liga zur Verteidigung Europas gegen das Osmanische Reich, das die christlichen Länder am Mittelmeer immer aggressiver angriff, und rief vor der Seeschlacht von Lepanto die Christenheit zum Rosenkranzgebet auf, und als die Heilige Liga unter Don Juan de Austrias Kommando die Osmanen hier noch einmal zurückschlagen konnte, führte er zum Dank das Fest Unserer Lieben Frau vom Siege (von seinem Nachfolger in Rosenkranzfest umbenannt) ein. (Den Sieg sah er übrigens in einer Vision, noch bevor jemand in Rom davon Bericht erstatten konnte.) Er half der schon lange unter osmanischen Angriffen leidenden Insel Malta beim Aufbau der Hauptstadt Valletta, indem er Geld und einen Architekten zum Aufbau der Verteidigungsanlagen schickte.

Er exkommunizierte die protestantische Königin Elisabeth I. von England, die die Katholiken in England verfolgen ließ, und erklärte sie für abgesetzt und ihre Untertanen von ihren Verpflichtungen ihr gegenüber entbunden (was allerdings eher dafür sorgte, dass die englischen Katholiken es von da an noch schwerer hatten), unterstützte den französischen König in den Bürgerkriegen mit den Hugenotten, und er war auch im Kirchenstaat unduldsam gegen Häretiker. Das Übergreifen des Protestantismus auf Italien zu verhindern war eins seiner wichtigsten Anliegen – und ja, er ließ auch ein paar Häretiker hinrichten.

Die Juden wurden zwar nicht so sehr bekämpft wie die Häretiker, hatten aber trotzdem wieder mit verschärften Repressionen zu leben (z.B. Verbot, Grundbesitz zu haben, Erlaubnis nur einer Synagoge, Vertreibung aus manchen Gebieten des Kirchenstaates). Einige wanderten aus dem Kirchenstaat aus, wohin manche von ihnen übrigens erst unter dem leichtlebigen Renaissancepapst Alexander VI. gekommen waren, der ihnen Zuflucht gewährt hatte, als sie im erzkatholischen Spanien nicht mehr willkommen gewesen waren.

Verbrecher – wozu er z. B. auch Gotteslästerer und Ehebrecher zählte – ließ Pius V. hart bestrafen; für Ehebruch wollte er zuerst sogar die Todesstrafe einführen (wovon man ihn dann doch abbringen konnte). Er ließ Prostituierte in einige abgelegene Gassen verbannen, verbot verheirateten Männern den Wirtshausbesuch (!), verbot Pferderennen auf dem Petersplatz und Stierkämpfe generell (nicht nur im Kirchenstaat, sondern in der Weltkirche). Er sorgte für Ordnung in den Finanzen des Vatikans und schickte den bisherigen Schatzmeister lebenslang auf die Galeere.

Seine Härte war schon damals nicht bei allen beliebt; angeblich soll er nach seiner Papstwahl gesagt haben: „Ich hoffe, so zu regieren, dass die Trauer bei meinem Tode größer sein wird, als die bei meiner Wahl.“ Tatsächlich war sie es am Ende; so unbeliebt einige der Reformen des Papstes gewesen waren, schließlich liebten ihn die Römer trotz allem.

 

Zum zweiten heiligen Chef der Römischen Inquisition: Dem hl. Robert Bellarmin (1542-1621).

(Robert Bellarmin. Gemeinfrei.)

Bellarmin, ein gebildeter adliger italienischer Jesuit, der in den Spanischen Niederlanden studiert hatte, war im Vergleich zu Pius V. weniger radikal, war vorsichtiger und humaner im Urteil, versöhnlich und bescheiden. Er ist nicht nur als großer Heiliger, sondern auch als wichtiger katholischer Theologe der Gegenreformation bekannt. Seine Verteidigungsschriften gegen die Protestanten, mit deren Theologie er sich bestens auskannte, waren in protestantischen Ländern verboten. Witzigerweise gingen seine Ansichten über das Papsttum (konkret: über die indirekte weltliche Macht des Papstes) einem Papst nicht weit genug, weshalb es kurz so aussah, als würde das erste Buch seiner „Kontroversen“ auf den Index kommen (das war vor seiner eigenen Zeit als Inquisitor). Er war auch ein geistlicher Vater für den hl. Aloisius von Gonzaga.

Und er wurde dann eben doch irgendwann mit dem Inquisitorenamt betraut; er war verantwortlich für die Hinrichtung des abgefallen Priesters und wandernden exzentrischen wie egozentrischen Philosophen Giardano Bruno, der schon alle möglichen katholischen und protestantischen Länder hatte verlassen müssen, und der übrigens nicht für wissenschaftliche Theorien, sondern für seine pantheistischen und okkulten Lehren und die Leugnung von katholischen Dogmen wie der Dreifaltigkeit und der Transsubstantiation verurteilt wurde.

Außerdem war Bellarmin verantwortlich für die erste, noch ausgesprochen freundliche Auseinandersetzung mit Galileo Galilei (vor der zweiten starb er), dem er mitteilte, er solle das kopernikanische System nur als Hypothese, nicht als Tatsache vertreten, solange es noch nicht bewiesen sei. Bellarmin war selbst ebenfalls gebildet in der Astronomie; und obwohl er das kopernikanische System nicht direkt ablehnte, wollte er es nicht als bewiesen vertreten sehen, solange es das nicht war, weil es für Unruhe unter den Gläubigen sorgte. (Hauptsächlich aufgrund von zwei Bibelstellen: Jos 10,12f., wo Josua die Sonne still stehen lässt – nicht die Erde – und Ps 19,6f.: „Sie [die Sonne] tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Bräutigam; sie frohlockt wie ein Held, ihre Bahn zu laufen. Am einen Ende des Himmels geht sie auf und läuft bis ans andere Ende; nichts kann sich vor ihrer Glut verbergen.“ Auch die Reformatoren, wie Luther, Calvin und Melanchthon hatten das kopernikanische System scharf als unbiblisch abgelehnt, und auf katholischer Seite wollte man auch nicht als unbiblischer dastehen als die Protestanten. Bellarmin schrieb über die Auslegung dieser Stellen in einem Brief: „Drittens sage ich, wenn es wirklich einen Beweis dafür [für das kopernikanische System] gäbe, dann müssten wir bei der Auslegung von Stellen der Heiligen Schrift, die das Gegenteil zu lehren scheinen, die größte Umsicht walten lassen und lieber sagen, wir verständen sie nicht, als eine Anschauung für falsch erklären, die als wahr bewiesen wurde. Ich bin indessen der Meinung, es gebe keine solchen Beweise, da mir keiner vorgelegt wurde.“*)

Aber was auch immer sonst über diese Männer zu sagen ist: Es bleibt dabei, sie ließen Häretiker hinrichten (und noch mehr zu Kirchenbußen, kurzen Gefängnisstrafen oder Hausarrest verurteilen); zwar nicht arg viele (die Römische Inquisition, für die beide tätig waren, ließ zwischen 1542 und 1761, also im Lauf von 200 Jahren, genau 97 Häretiker hinrichten); zwar nach fairen Prozessen (die Vorstellung vieler heutiger Menschen beim Begriff „Inquisition“ stammt aus frühneuzeitlicher englischer Propaganda und ist lächerlich falsch); aber sie ließen Häretiker hinrichten.

Und diese beiden waren nicht die einzigen heilig- oder seliggesprochenen Inquisitoren: wir haben z. B. mehrere Inquistoren-Märtyrer: den hl. Petrus von Verona, der von Katharern ermordet wurde, den hl. Petrus von Castelnau, der ebenfalls von Katharern ermordet wurde, was der Auslöser für den Kreuzzug gegen diese Katharer war, oder den sel. Antonio Pavoni und den sel. Pietro Cambiani da Ruffia, die von Waldensern ermordet wurden. Dann wären da noch ein paar weitere Heilige oder Selige, die zeitweilig das Amt eines Inquisitors innehatten und dabei nicht zu Märtyrern wurden – der sel. Folquet de Marselha, der hl. Giacomo della Marca, David von Augsburg (nicht förmlich kanonisiert, aber vom Volk verehrt), der sel. Aimone Taparelli, der sel. Guido Maramaldi, der hl. Toribio Alfonso de Mogrovejo.

Und auch sonst waren Heilige, wenn nicht an der weltlichen Strafverfolgung von Häresie beteiligt, doch zumindest öfter dafür. Der berühmteste Kirchenlehrer, der hl. Thomas von Aquin, argumentiert, wenn man schon Falschmünzer mit dem Tod bestrafe, dann doch erst recht die Verfälscher des christlichen Glaubens. Über die Zweckmäßigkeit der Hinrichtung von Häretikern gibt es unter den Heiligen der Kirche zwar keine völlige Überstimmung; als der römische Staat in der Spätantike die erste Häretikerhinrichtung der Geschichte durchführte, waren Papst und Bischöfe (inklusive des hl. Martin von Tours – ja, der mit dem Mantel) entsetzt; aber auch damals waren schon Verbannungen von Anstiftern der Ketzerei gelegentlich üblich; und so einige Heilige und Kirchenlehrer aus den letzten 2000 Jahren Kirchengeschichte lehnten es ganz und gar nicht ab, wenn christliche Staaten Sektenführer oder -anhänger, die die Kirche als Häretiker beurteilte, auch auf die ein oder andere weltliche Weise bestraften oder zumindest die Ausbreitung der Häresie oder die öffentliche Religionsausübung der Häretiker be- oder verhinderten.

Was sollen wir nun dazu sagen?

Nun, zunächst, dass Irrtümer ganz und gar nicht unschädlich sind, sondern sich (auch, wenn es sich um scheinbar kleine Irrtümer handelt) katastrophal auswirken können (und auch immer neue und oft noch schädlichere Irrtümer generieren, wie man an der nichtkatholischen Welt der letzten 500 Jahre gesehen hat), und dann, dass viele dieser Sektenführer damals nicht nur geistlichen, sondern ganz weltlichen Schaden anrichteten. Pius V. sah, wie der Protestantismus z. B. in den deutschen Gebieten zu Bürgerkriegen führte, und auch das zu verhindern war eins seiner Motive (wenn auch, vermute ich, nicht das wichtigste – das wird wohl eher gewesen sein, dass die Ketzer die Gläubigen irreführten und die Kirche spalteten). Das Ziel von Ketzerverfolgung war nicht die Unterdrückung mutiger freier Menschen, sondern Schutz der leicht beeinflussbaren Gläubigen vor Sekten, die in einer Welt, in der der Grundkonsens der Gesellschaft der katholische Glaube war, die ganze Gesellschaft auseinanderrissen. Häretiker waren für die Menschen damals das, was man heute „Verfassungsfeinde“ oder „Extremisten“ nennen würde. Als im Mittelalter Inquisitionsgerichte gegründet wurden, war übrigens auch ein Ziel, die Verfolgung der Häresie in geregelte Bahnen zu lenken und nicht dem Mob zu überlassen.

Die heutige Welt hat auch ein romantisiertes Bild der Ketzer; wenn sie heute plötzlich auftauchen würden, würden sie vermutlich auch nicht besonders gefallen (auch solche wie Luther, dessen negative Seiten ja zum Glück in den letzten Jahren etwas bekannter geworden sind). Die „Vollkommenen“ der Katharer praktizierten Selbstmord durch Verhungern, die Wiedertäufer waren eine brutale Weltuntergangssekte, von den Puritanern will ich gar nicht anfangen.

Und dann war es auch so, dass überall da, wo die Ketzer an die Macht kamen, bald Katholiken verfolgt wurden und vor allem ihre Klöster aufgelöst und die Ausübung ihres Glaubens behindert wurde – so nach der Reformation in England, wo jeder Priester, den die Behörden zu fassen bekamen, gehängt, ausgeweidet und gevierteilt wurde, oder Schweden, wo 1617 die Todesstrafe für Katholiken generell eingeführt wurde.

Waren die verschiedenen Inquisitionen des Mittelalters und der frühen Neuzeit brutal? Nun, für ihre Zeit waren sie ziemlich human. Man wollte die Ketzer eher bekehren als bestrafen, Reue hatte Wirkung. Die Gefängnisse waren meist sehr human – besonders bei der Römischen Inquisition -, Haftstrafen relativ kurz. Die Folter verwendeten die verschiedenen Inquisitionen zum Teil gar nicht, zum Teil (ab 1252) sehr spärlich und vorsichtig und unter festgelegten Bedingungen – und wenn, dann wegen der schädlichen mittelalterlichen Rechtsgewohnheit, dass niemand ohne Geständnis nur aufgrund von Indizien verurteilt werden durfte, weshalb man ein Geständnis erzwingen wollte, wenn man relativ sicher war, dass der Angeklagte schuldig war. Hinrichtungen kamen bei „verstockten“, besonders bei rückfälligen, Ketzern natürlich vor, aber nur ein kleiner Bruchteil der Prozesse endete damit (bei der hochmittelalterlichen Inquisition gegen die Katharer in Südfrankreich etwa bei 5% der Prozesse, bei der Spanischen Inquisition der frühen Neuzeit 1,8%); und Verbrennung bedeutete oft (wenn auch nicht immer) Strangulierung und dann Verbrennung der Leiche. (Natürlich ist z. B. das lebendige Verbrennen nicht zu rechtfertigen, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren, genausowenig wie die Folter zur Befragung – was übrigens auch das Kirchenrecht vor 1252 so sah.) Hinrichtungen für Häresie waren im Allgemeinen deutlich seltener als Hinrichtungen z. B. für Mord oder Raub. Die Römische Inquisition richtete, wie gesagt, in den Jahrhunderten ihres Bestehens insgesamt 97 Menschen hin, die Spanische nach den höchsten Schätzungen 5000.

(Eine Dokumentation vom BBC für alle Interessierten.)

Mit den unglaublichen Verbrechen, die aufgrund neuzeitlicher Ideologien begangen wurden, die die Kirche als ketzerisch und falsch verurteilte, wofür sie aber niemanden mehr „dem weltlichen Arm übergeben“ konnte – den Verbrechen der Kommunisten und Nationalsozialisten beispielsweise – ist die sporadische mittelalterliche und frühneuzeitliche Strafverfolgung von Häresie jedenfalls gar nicht zu vergleichen. Schon bei einer der ersten von modernen antichristlichen Ideologen errichteten totalitären Diktatur, der „Schreckensherrschaft“ der französischen Revolutionäre 1793/94, wurden in einem Jahr 300 Mal so viele Menschen umgebracht wie die Römische Inquisition in 200 Jahren schaffte (auf ganz Frankreich bezogen, aber die Opfer der furchtbaren Massaker in der Vendée nicht eingerechnet). Aber für Freiheit und Demokratie muss man vermutlich andere Opfer bringen.

Man kann die Strafverfolgung von Häresie ablehnen, wenn man will; aber man sollte wissen, was man ablehnt – und man sollte verstehen, wieso einige unserer Heiligen Häretiker hinrichten ließen. Diese Heiligen sind vielleicht unbequem; man kann auch der Meinung sein, dass sie nicht immer alles richtig gemacht haben; aber sie waren wirkliche Heilige. Aber zum Thema Inquisition vielleicht ein andermal genauer; ein bisschen habe ich über das Thema hier schon geschrieben. Ich hoffe, ich habe hier wenigstens zeigen können, dass diese Heiligen mehr und anderes waren als stereotype Großinquisitoren, wie man sie sich nach gewissen Romanautoren aus dem 19. Jahrhundert vorstellt.

 

Dann haben wir auch heilige Kreuzzugsprediger und Kreuzfahrer – den hl. Bernhard von Clairvaux, der im Auftrag des Papstes zum 2. Kreuzzug aufrief, oder den hl. Ludwig IX. von Frankreich, der selbst auf einen Kreuzzug ging. Auch Urban II., der im Jahr 1095 zum 1. Kreuzzug aufrief, wird immerhin als Seliger verehrt

Auch unbekanntere Heilige und Selige waren an den Kreuzzügen beteiligt – wie der hl. Petrus Thomas und der sel. Jean von Montmirail, oder ein paar nie förmlich kanonisierte, aber lokal vom Volk verehrte Männer wie Arnold von Hiltensweiler, Walter von Bierbeek, Ludwig IV. von Thüringen (der Ehemann der hl. Elisabeth), Gobert von Aspremont, und ein paar Kreuzfahrer, die in muslimischer Gefangenschat zu Märtyrern wurden, weil sie nicht zum Islam konvertieren wollten, wie Nicasius von Jerusalem, Matthäus von Beauvais und Thiemo von Salzburg.

Wir haben auch Heilige, die an der Reconquista in Spanien beteiligt waren; dazu gehört z. B. der hl. Fernando III. von Kastilien.

(Der hl. Ludwig IX. stirbt auf dem Kreuzzug vor den Mauern von Tunis. Gemeinfrei.)

Die Kreuzzüge im Ganzen waren eine stark von der Kirche unterstützte Bewegung; Päpste riefen zu Kreuzzügen auf, es gab Ablässe für Kreuzfahrer [hier die obligatorische Erinnerung, dass Ablässe keine Vergebung der Sünden bedeuten, sondern erst nach der Vergebung der Sünden durch die Beichte ins Spiel kommen; platt gesagt: sie können nicht aus der endgültigen Hölle retten, sondern nur das zeitlich begrenzte Fegefeuer verkürzen; genauere Erklärungen hier], es wurden Ritterorden gegründet, z. B. der Malteserorden, der Templerorden oder der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Und dementsprechend waren viele sehr fromme Menschen an den Kreuzzügen beteiligt.

(Ein bisschen Kreuzzugsstimung mit Walther von der Vogelweide.)

Wir haben auch ansonsten ein paar Heilige, die in Kriegen kämpften, z. B. Jeanne d’Arc – gegen die komischerweise kaum einer etwas einzuwenden hat, weil sie den Frauenbonus hat. Es gilt eben ganz einfach: Kriegführen ist nichts generell Schlechtes. Es gibt nach der katholischen Theologie gerechte Kriege (Kriege, die einen gerechten Grund haben und mit gerechten Mitteln geführt werden); z. B. zählte zu den Kriegen mit gerechten Grund ganz sicher die Verteidigung Frankreichs gegen die Engländer im Hundertjährigen Krieg, da schließlich Heilige und Engel Jeanne d’Arc zum Kampf in diesem Krieg aufriefen, oder auch die Verteidigung Augsburg gegen die Angriffe der Ungarn durch den hl. Bischof Ulrich von Augsburg. Ein weiteres Beispiel für einen militärisch aktiven Heiligen wäre z. B. auch der hl. José Sanchez del Rio (1913-1928), ein vierzehnjähriger Junge, der beim Cristero-Aufstand gegen die die Kirche verfolgende mexikanische Regierung Bannerträger war. Er wurde zwar nicht wegen seines Einsatzes in diesem Aufstand, sondern wegen seines Martyriums heiliggesprochen: Als Regierungstruppen ihn gefangennahmen, wollten sie ihn dazu bringen, Christus zu verleugnen, und folterten und töteten ihn, weil er sich weigerte. Aber dieser Einsatz war eindeutig kein Hindernis für seine Heiligsprechung. Manche Selige/Heilige hatten auch keine andere Wahl, als Krieg zu führen – z. B. kam der sel. Kaiser Karl I. auf den österreichischen Thron, als der 1. Weltkrieg schon zwei Jahre im Gange war, und versuchte vergeblich, diesen Krieg schnell zu beenden.

Michael_Echter_Ungarnschlacht_Detail Bildergebnis für jeanne d'arc Saint José Luis Sánchez del Río: Hero for Christ the King

(Der hl. Ulrich von Augsburg bei der Lechfeldschlacht neben Otto dem Großen; die hl. Jeanne d’Arc; der hl. José Sanchez del Rio; der sel. Karl I. Gemeinfrei.)

Aber zurück zu den Kreuzzügen: Man kann sehr gut argumentieren, dass es sich hier um gerechte Kriege handelte, insbesondere z. B. beim 1. Kreuzzug, zu dem der sel. Urban II. aufrief, weil die muslimischen Seldschuken (die Vorfahren der Türken) im Osten das christliche Byzantinische Reich brutal überfielen und schon nahe bei Konstantinopel standen, und Kaiser Alexios Komnenos die Christen im Westen dringend um Hilfe bat. Die Seldschuken überfielen auch Pilger nach Jerusalem; und zu Beginn dieses Jahrhunderts hatten Muslime schon die Grabeskirche zerstört.

Die Hauptmotivation der meisten Kreuzfahrer war es, das Heilige Land, v. a. Jerusalem, in christliche Hand zu bekommen, die heiligen Stätten, wo Jesus selbst gelebt hatte, gestorben und auferstanden war, zu schützen, Zugang dazu zu haben, sie nicht wieder den Muslimen in die Hände fallen zu lassen, und Pilger und Christen in diesen Ländern überhaupt zu schützen.

Man muss hier sehen, dass zwischen der Christenheit und der muslimischen Umma damals schon jahrhundertelang ein quasi permanenter Kriegszustand herrschte, zwar unterbrochen von Waffenstillständen (und leider auch mal von taktischen Bündnissen eines christlichen Fürsten mit einem muslimischen gegen einen christlichen Rivalen, oder eines muslimischen Fürsten mit einem christlichen gegen einen muslimischen Rivalen), aber im Ganzen war es ein permanenter Kriegszustand – und die Aggression ging von den Muslimen aus, und sie waren auch die, die aufs Ganze gesehen viel für sich gewannen.

Sicher; aus Spanien, Sizilien und großen Teilen Osteuropas, die sie zu verschiedenen Zeiten an sich rissen, konnten die muslimischen Eroberer nach einem jahrhundertelangen Abwehrkampf wieder vertrieben werden; aber ganz Nordafrika, Kleinasien, Syrien, die einmal völlig christlich gewesen waren, gingen verloren. Die Seldschuken, später Osmanen und Türken genannt, drangen immer weiter vor, versuchten immer wieder, an Konstantinopel heranzukommen (das vor ihnen erstmals die Araber schon in den Jahren 674-678 belagert hatten), bis es ihnen 1453 gelang, standen später – 1529 und 1683 – zweimal vor Wien. Vom Mittelalter bis ins frühe 19. Jahrhundert überfielen muslimische Piraten Europas Küsten und verschleppten insgesamt eine Million Menschen als Sklaven; einer der Ritterorden, die in der Kreuzzugszeit gegründet wurden, war der Mercedarierorden, der es sich zur Aufgabe machte, solche christlichen Sklaven aus muslimischer Gefangenschaft freizukaufen. Natürlich gab es keinen permanenten Frieden. Mohammeds Religion war eine Religion, in der es permanenten Frieden mit Ungläubigen einfach nicht geben durfte und die Ausbreitung des muslimischen Herrschaftsgebietes als religiöse Pflicht galt. Auch auf muslimischer Seite wurden die Kreuzzüge damals auch nur als ein weiteres Glied in der ständigen Kette von Kriegen mit Christen gesehen.

Es gibt ja die Ansicht, die Kreuzzüge seien einfach Eroberungskriege, unnötige Angriffe auf schon lange muslimisches Gebiet gewesen. Zur Zeit der Kreuzzüge war der muslimisch beherrschte Nahe Osten allerdings noch zu einem großen Teil christlich; sogar heute sind ja in einem Land dort, dem Libanon, noch knapp 40% der Bevölkerung Christen. In der Türkei waren noch 1914 ganze 20% der Bevölkerung Christen; heute sind es weit unter 1%, Genozid sei dank. Durch ständige Drangsalierungen, abgenötigte Bekehrungen, die Flucht von Christen, Pogrome, Völkermorde, die osmanische „Knabenlese“ (das offizielle Stehlen christlicher Kinder, aus denen Sklavensoldaten des Sultans wurden), usw. schrumpfte die Zahl der unterdrückten Christen in diesen Ländern immer weiter zusammen, aber damals waren sie noch zahlreich und die muslimische Herrscherschicht im Vergleich zu heute klein.

Die Kreuzfahrerstaaten bildeten auch eine Art Puffer; sie hielten die Muslime im Osten beschäftigt und hinderten sie, weiter nach Europa vorzudringen. Man stelle sich vor, was passiert wäre, wenn der sel. Urban II. auf Kaiser Alexios‘ Bitte nicht reagiert hätte und die Seldschuken schon um 1100 Konstantinopel erobert hätten.

(In dem Zusammenhang sollte man allerdings vielleicht erwähnen, dass es auch im Mittelalter von manchen Kirchenrechtlern/Theologen Kritik an einzelnen Aspekten der Kreuzzüge oder in Einzelfällen auch grundsätzliche Kreuzzugskritik gab; ein Beispiel für einen Kreuzzugskritiker wäre Radulfus Niger. Das kirchenrechtliche Prinzip war in dieser ganzen Zeit jedenfalls: Wenn Ungläubige Christen angreifen oder verfolgen, kann man Krieg führen, wenn sie Frieden halten, soll man mit ihnen in Frieden leben. Bei vielen theologisch ungebildeten Laien, die auf einen Kreuzzug gingen, spielte wohl der Gedanke an die heiligen Stätten eine größere Rolle als der der Verteidigung der Christenheit – daher interessierten sich wohl auch mehr Männer für die Kreuzzüge im Heiligen Land als z. B. für die Reconquista in Spanien.)

Die Kreuzzüge waren jedenfalls wohl kaum schwerer zu rechtfertigen als z. B. der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Erst recht lässt sich natürlich die Abwehr der Muslime in Spanien und die Rückeroberung der muslimisch beherrschten spanischen Gebiete, die Reconquista, rechtfertigen.

Manche wollen den hl. Franziskus, der 1219 auf den Kreuzzug von Damiette mitkam und ins Lager des Sultans al-Malik al-Kamil ging, um diesen zum Christentum zu bekehren und so Frieden zu schaffen, als Gegenbild zu diesen Kriegern aufbauen. Aber Franziskus‘ friedliche Lösung war erstens nicht ergebnisloser „interreligiöser Dialog“, sondern Bekehrung; er soll dem Sultan sogar eine Feuerprobe angeboten haben, um zu erweisen, welcher Glaube der wahre war: „Solltest du aber Bedenken tragen, für den Glauben an Christus das Gesetz des Mohammed zu verlassen, dann laß ein großes Feuer anzünden; dann werde ich mit deinen Priestern ins Feuer hineingehen“, sagte er laut einem Bericht über diese Begegnung. Und zweitens funktionierte seine Lösung damals leider nicht.

(Giotto di Bondones Darstellung von Franziskus vor dem Sultan.)

Die Kreuzzüge waren übrigens keine Methode, schnelle Beute zu machen oder jüngere Söhne bequem zu versorgen. Es kostete im Gegenteil einiges an Geld und an Mühe, in ein so weit entferntes Land auf einen Kreuzzug zu gehen, sehr viele Kreuzfahrer kamen dabei um, und viele Anführer von Kreuzzügen waren reiche Herrscher über große Gebiete, die aus religiösem Idealismus (oder Fanatismus, wenn man es denn so sehen will) Kreuzzugsgelübde leisteten, um mit dem Kriegsdienst Buße für ihre Sünden zu tun. Am Ende ging das Heilige Land – das die Kreuzfahrer doch über längere Zeit gehalten hatten – deswegen verloren, weil Europa kriegsmüde war und keine Männer und kein Geld mehr dorthin schicken wollte.

Sie bedeuteten übrigens auch keine religiöse Verfolgung der Muslime. In den Kreuzfahrerstaaten lebten Muslime unbehelligt. (Nicht einmal die friedliche Bekehrung der Muslime stand besonders im Vordergrund, auch wenn es hier ein paar wenige größtenteils gescheiterte Versuche gab.)

Sicher gab es einiges an Gewalt und auch einiges an unnötiger Gewalt; es waren eben Kriege. Aber das heißt nicht, dass kein guter Christ irgendetwas mit diesen Kriegen zu tun gehabt haben dürfte.

Eine andere Sache ist noch wichtig: Die Judenpogrome, zu denen es, als zu Kreuzzügen aufgerufen wurde, in manchen europäischen Städten durch fanatisierte Bürger kam, wurden von den oben genannten Heiligen und Seligen verurteilt. Der begeisterte Kreuzzugsprediger Bernhard von Clairvaux trat auch gegen die antijüdische Hetze eines Mönchs namens Radulf auf, und auch Päpste und Bischöfe schützten die Juden in dieser Zeit übrigens vor willkürlicher Gewalt.

(Hl. Bernhard von Clairvaux.)

 

Inquisitoren, Kreuzfahrer – haben wir dann vielleicht auch noch heilige Hexenverfolger? Nicht dass ich wüsste. Der Hexenwahn war sowieso eine Sache, die nicht von der Kirche ausging, und hauptsächlich eine Angelegenheit des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation im 16. und 17. Jahrhundert, von dem andere Zeiten und Gebiete eher verschont blieben.

Beim nächsten Beitrag dann zu noch jemanden, den Säkularisten einen religiösen Fanatiker nennen könnten; dem sel. Pius IX.

 

** Zitiert in: Hans Conrad Zander, Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition, S. 133f., München 2007.

2 Gedanken zu “Über schwierige Heilige: Von Inquisitoren, Kreuzfahrern, Krieger(inne)n

  1. Bezüglich der Inquisition scheint es mir eine generelle Regel zu sein, daß Gesellschaften ihre Grundwerte mit Klauen und Zähnen verteidigen und Menschen, die diese Grundwerte bedrohen oder nur ablehnen mit den schärfsten Strafen bedrohen, welche die Gesellschaft kennt.
    Ein zentraler heutiger Grundwert ist gewiß die Ablehnung des Nationalsozialismus, und Wiederbetätigung wird tatsächlich im schlimmsten Fall ähnlich wie Mord bestraft. Wir sind somit keineswegs toleranter als früher, sondern die staatlich geschützten Werte haben sich verändert, und beim Strafen sind wir allgemein humaner oder auch nur zimperlicher.

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