Eunuchen um des Himmelreiches willen

Im 19. Kapitel des Matthäusevangeliums, nachdem Jesus klargestellt hat, dass Scheidung und erst recht Wiederheirat hinterher nicht drin ist, bemerken seine Jünger, anscheinend etwas bestürzt: „Wenn das Verhältnis des Mannes zur Frau so ist, dann ist es nicht gut zu heiraten.“ (Mt 19,10) Heiraten, wenn man sie nicht mehr einfach verstoßen kann? Hm. Und Jesus sagt darauf schlicht, dass es tatsächlich (wenn auch nicht aus den Gründen der Jünger) besser ist, ehelos zu bleiben. Die Einheitsübersetzung verharmlost es wieder mal:

„Jesus sagte zu ihnen: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer es erfassen kann, der erfasse es.“ (Mt 19,11f.)

Tatsächlich verwendet Jesus hier nicht „zur Ehe unfähig“, sondern das Wort „Eunuchen“ – also Kastrierte. (Die Lutherbibel z. B. hat akkurater: „Denn es gibt Verschnittene, die von Geburt an so sind; und es gibt Verschnittene, die von den Menschen verschnitten worden sind; und es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Himmelreiches willen.“) Vielleicht eine Anspielung auf die Eunuchen, die an orientalischen Königshöfen in wichtigen Positionen dienten, wie der Eunuch und Schatzmeister der äthiopischen Königin, der sich im 8. Kapitel der Apostelgeschichte taufen lässt? So hat auch das „Königreich der Himmel“, wie Jesus es nennt, quasi seine Hofbeamten.

Das soll kein Plädoyer für Selbstverstümmelungen (die ja auch gegen Gottes Gebot verstoßen würden) sein: Natürlich spricht Jesus im übertragenen Sinne von der Ehelosigkeit. Aber ich denke, er hat einen Grund für dieses irgendwie brutal wirkende Bild.

Jungfräulichkeit/ehelose Keuschheit um des Himmelreiches willen bedeutet Verzicht, bedeutet Unfruchtbarkeit, bedeutet ausschließliche Weihung an Gott. Nonnen zum Beispiel schneiden sich die Haare ab, verschleiern sich und ziehen sich zurück, um für Gott da zu sein. Wer dieses Leben lebt, verzichtet eben auf einen bestimmten Lebensbereich und kettet sich an Gott. Wer im Himmelreich auf einer besimmten Position dienen will, muss zu einem gewissen Opfer bereit sein.

Adan_En_son_honneur

(Louis Émile Adan, Zu Seiner Ehre. Gemeinfrei.)

Im 18., 19. Jahrhundert hätten noch viel mehr Leute darüber geklagt, dass Nonnen, Mönche und Priester keine Kinder bekommen, auf ein Familienleben verzichten, nichts zum Fortbestand der Menschheit beitragen; heute klagen sie manchmal auch noch darüber, wenn sie nicht direkt sagen wollen, dass sie es schlimm finden, dass diese Leute auf Sex verzichten, aber das Kinderkriegen ist doch auch nicht mehr so gut angesehen, dass es der hauptsächliche Fokus wäre.

Screenshot (921)

(Neulich auf Twitter gefunden. Ab und zu gibt es dieses Argument noch. Natürlich wird von solchen Leuten dann nicht auch dafür argumentiert, dass alle, die heiraten, ein Dutzend Kinder bekommen sollen; da hört der Bevölkerungsutilitarismus plötzlich auf.)

Aber dann klagt man eben über anderes: Keine Freiheit mehr, keine Reisen mehr, keine bestimmten Karrieren mehr; und eben kein Sex mehr. Was auch immer. Vergeudetes Potential jedenfalls, und/oder vergeudeter Genuss.

Und genau das ist es: Nicht nur vergeudeter Genuss, sondern auch vergeudetes Potential, über Bord geworfen für Gott, verschwendet für Gott. „Von den Erstlingsfrüchten deines Ackers sollst du die besten in das Haus des HERRN, deines Gottes, bringen“, hieß es im Alten Bund (Ex 34,26); im übertragenen Sinne gilt das jetzt auch noch. Wer den drei evangelischen Räten (Gehorsam, Armut, ehelose Keuschheit) folgt, opfert Gott Selbstbestimmung, Eigentum und die Aussicht auf Ehe und Familie; auch wer als Weltpriester im Zölibat lebt, opfert Gott die Möglichkeit der Ehe – nicht, weil diese Dinge nicht gut wären, sondern gerade weil sie gut sind, und es besser ist, auf etwas Gutes für Gott zu verzichten, es Ihm zu opfern. Eine, die Nonne wird und die ehelose Keuschheit lebt, hätte auch Kinder bekommen können; na und? Muss alles, was möglicherweise gut wäre, verwirklicht werden? Es kann zurückbehalten werden für Gott. Das Dasein vor Gott ist wertvoll, nicht nur das praktische Machen und Tun in der Welt.

Man könnte jetzt natürlich davon reden, dass Jungfräulichkeit/ehelose Keuschheit die Hofbeamten des Himmelreiches freier macht für den Dienst an diesem Himmelreich, und wie viel Gutes sie leisten und im Lauf der Kirchengeschichte schon geleistet haben; in der Caritas, in der Seelsorge, in der Mission, und auch die rein kontemplativen Orden im fürbittenden Gebet für den Rest der Welt. Die Leute im 18., 19. Jahrhundert, die Orden für unnütz hielten, erlebten eine böse Überraschung, als sie die Orden z. B. 1803 in Bayern auflösten und plötzlich an manchen Orten niemand mehr die Armen- und Krankenfürsorge übernahm. Aber das ist nicht der einzige Zweck der Gelübde. Sie sind nicht nur aus praktischen Gründen da; mit etwas Anstrengung lässt sich Seelsorge, Mission und Caritas auch halbwegs anständig ohne Zölibatäre organisieren, auch wenn es schwieriger wird.

Diese Gelübde verweisen auf Gott. Sie zeigen, dass Gott allein genügt; dass ein Priester z. B. die Einsamkeit ohne Familie aushalten kann, weil er Gott hat. Natürlich ist die Folge, wenn Menschen für Gott auf etwas verzichten, dass sie von Ihm viel mehr zurückerhalten, wenn sie sich auf Ihn einlassen (und durch sie dann auch die Leute um sie herum), aber von außen sieht man das nicht immer so leicht. Ein normaler, in der Welt lebender christlicher Laie, auch einer, der heilig lebt und eine intime Verbindung zu Gott im Gebet hat, ist kein solches, gewissermaßen, „Zeichen, dem widersprochen werden wird“, weil er auch ohne seinen Glauben noch diverse Dinge hätte, die sein Leben irgendwie ausfüllen würden. Nonnen, Mönche, Priester, geweihte Jungfrauen setzen quasi mehr auf Gott, sind stärker auf Ihn geworfen. Natürlich muss das nicht jeder tun; die Laien in der Welt braucht es genauso. Aber es ist gut, dass dieses Leben einen festen, anerkannten Platz in der Kirche hat.

Für manche Leute ist das anscheinend schwer zu sehen. Von Liberalkatholiken wird ja gerne gesagt, natürlich habe der Zölibat noch irgendwie seinen Platz in der Kirche, wer unbedingt zölibatär sein möge, könne das ja sein, nur solle der Zölibat eben optional für Priester werden… und dann proklamieren sie meistens im selben Atemzug, ein Leben ohne Sexualität sei doch ungesund und das könne eh keiner aushalten. Ja, diese Leute würden es natürlich sehr gerne sehen, wenn dann Leute sagen, sie wollen freiwillig zölibatär sein. Ironie off. Das ist eben das Problem, wenn man sich nicht so ganz sicher ist, ob Gott wirklich da ist und/oder wirklich ein Opfer wert ist.

5 Gedanken zu “Eunuchen um des Himmelreiches willen

  1. Der Zölibat wird für alle möglichen Probleme in der Kirche verantwortlich gemacht. Der folgende Kommentar, den ich auf kath.net gefunden habe, verdeutlicht dies auf eindrucksvolle Weise:

    „Der Zölibat hat den Klerus homosexualisiert

    Wenn für das Priesteramt ganz gezielt und bevorzugt Kandidaten angeworben werden, die sich nicht für Frauen interessieren, dann braucht sich niemand darüber zu wundern, wenn diese jungen Männer andere sexuelle Vorlieben haben.

    Der Zölibat an sich macht niemanden schwul, und doch spielt er als Auslese-Instrument eine gravierende Rolle als Grundlage für den hohen Homosexuellen-Anteil in den Priesterseminaren und im Klerus generell.

    […].“

    Was kann man dazu sagen?

    Liken

    1. Dazu kann man sagen, dass Priesterseminare traditionellerweise ja darauf geschaut haben, Männer mit homosexuellen Neigungen auszusortieren (was auch Benedikt XVI. noch mal eingeschärft hat) – und die meisten Leute, die auch gegen den Zölibat sind, sind interessanterweise auch dagegen, dass Seminare das tun… hm, vielleicht ist bei ihnen doch nicht der Gedanke dahinter, dass es doch schön wäre, Priester mit Familien zu haben, sondern eher ein typisch modernes „Wie kann man jemandem den Sex verbieten!!!“

      Liken

  2. Anscheinend sieht Kardinal Marx die Weihe von verheirateten Männern zu Priestern als eine Frage, die man besprechen kann:

    https://www.kath.net/news/69060

    Einige Kommentare, die man unterhalb des Artikels findet, bezweifeln ebenso die Notwendigkeit des priesterlichen Zölibats:

    1.) „Katholisch ist:
    Fast alle der 23 von 24 Rituskirchen der katholischen Kirche kennen die Weihe von verheirateten Männern. Unsere verheiraten ostkirchlich-unierten! Priester sind genauso sakramental legitimiert wird ihre „lateinischen“ Kollegen.
    Ergebnis: Das Zölibat das zwar sittlich und traditionell in der lateinischen Rituskirche eine wichtige Rolle spielt ist keine dogmatische Notwendigkeit.
    Einfachmal zur Kenntnis nehmen, bevor man sich wieder verrennt…“

    2.) „1. Der Zölibat ist schlicht eine kirchenrechtliche Vorschrift, wonach Kleriker keine kirchenrechtlich gültige Ehe eingehen können. Bis zum II. Vaticanum war das Zölibatsversprechen auch nicht Bestandteil des Weiheritus; der zu Weihende hat vor der Weihe in der Sakristei einfach ein Papier unterschrieben.

    2. Die Evangelischen Räte gehören zum Mönchtum und nicht zum Weltklerus.

    3. Der Zölibat hatte zur Folge, dass ein Priester nicht die Pfarrei seinem Sohn vererben konnte (s. mittelalterliches Lehensrecht). Im Protestantismus gab und gibt es demgegenüber „Pfarrerdynastien“ – bist Du Sohn eines Landesbischofs, ist deine Kirchliche Karriere gesichert.

    4. Durchgesetzt hat den Zölibat erst das Tridentinum. Aus den Visitationsakten des Hochstifts Freising (1560) z. B. ergibt sich, dass es dort 146 Priester mit Frau und Kindern gab. “

    3.) „und so überraschend neu ist die Forderung auch wieder nicht.
    Die Würzburger Synode hat vor über vierzig Jahren um die Weihe verheirateter Männer zu Priestern gebeten. Rom hat diese Bitte nicht abgelehnt, sondern bis heute dazu geschwiegen.“

    4.) „Der Bischof soll nur eine(!) Frau haben,
    steht im 1. Timotheusbrief.

    Wie gehen wir heute mit dieser apostolischen Weisung um?

    Interessant finde ich die nachfolgende Argumentation: Er soll seine Kinder gut erziehen, weil, wenn er seinen eigenen Hausstand nicht im Griff hat – wie kann er dann für die Kirche Gottes Sorgen? “

    Was kann man zu diesen Kommentaren sagen?

    Liken

    1. Okay, eine ausführliche Antwort:

      Hauptsächlich sind das immer dieselben Strohmannargumente, die die eigentlichen Argumente für den Zölibat komplett ignorieren.

      1) *Niemand behauptet*, der Zölibat wäre eine dogmatische Notwendigkeit. Er ist eine kirchenrechtliche Vorschrift, die sehr alt ist und sehr gute Argumente für sich hat. Dass es theoretisch auch ohne ihn ginge, ist kein Argument dafür, ihn abzuschaffen. Ich käme auch ohne Sitzgurt mit dem Auto von A nach B, trotzdem nimmt das keiner als Argument dafür, Autos in Zukunft ohne Gurte zu produzieren – diese Argumentationsweise zeigt nur, dass denen die eigentlichen Argumente ausgehen. (Im übrigen haben einzelne ost-katholischen Rituskirchen auch dieselben Zölibatsvorschriften wie die lateinische Rituskirche; und ich habe mal gehört, die Ostkirchen sollen im Allgemeinen niedrige Zahlen an Priesterberufungen haben. Jedenfalls darf in keiner Ostkirche ein schon geweihter Priester heiraten, und Bischöfe sind überall Zölibatäre.)

      2)

      1. Ob man den Zölibat vor oder bei der Weihe verspricht, ist völlig egal; keine Ahnung, was damit gesagt werden soll.

      2. Das Argument mit dem Mönchtum hört man oft, aber wieso sollte denn bitte das Priestertum keine Gemeinsamkeiten mit dem Mönchtum haben dürfen? Im Gegenteil, es ist gut, wenn es nach Möglichkeit ans Mönchtum angelehnt ist.

      3. ist ein weiteres Argument *für* den Zölibat – oder will derjenige Pfarrerdynastien? Das zentrale Argument war die Verhinderung von Pfarrerdynastien allerdings nie.

      4. Die Durchsetzung des Zölibats war sehr schwankend im Lauf der Kirchengeschichte – und aus geduldeten Missbräuchen lässt sich ja wohl kein positives Vorbild machen. Außerdem wüsste ich gerne, was hier die Quelle ist, und wie viele Priester *ohne* Konkubinen es in demselben Zeitraum, auf den sich die Quelle bezieht, gab (Priesterzahlen waren damals viel höher als heute). Jedenfalls gab es auch genug Zeiten vor dem Tridentinum, wo man einigermaßen drauf schaute.

      3) Die Forderung ist sogar noch älter: Vor 200 Jahren wollten das auch manche. Oder vor 500. Rom muss nicht auf jede blödsinnige Bitte antworten; Ignorieren ist Antwort genug. Wieder ein extrem schlechtes Argument.

      4) Im frühen Christentum bekehrten sich die meisten erst als Erwachsene und waren dann natürlich oft schon verheiratet. Daher gab es da dieselben Regeln wie heute für Diakone, Priester in den meisten Ostkirchen oder konvertierte protestantische Pfarrer: Sie können als Verheiratete geweiht werden, dürfen aber, wenn nach der Weihe ihre Frau stirbt, nicht wieder heiraten: Daher nur *eine* Frau.

      Die Anweisung mit dem Sorgen für die eigene Familie bezieht sich einfach auf die, *die eine haben*; Paulus, der selber zölibatär lebte und diese Lebensform sehr lobte, hätte sich sicher nicht gegen zölibatäre Priester ausgesprochen.

      Soweit mal dazu 😀

      Lg, Crescentia.

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.