Ein bisschen mehr Regelfixiertheit, bitte!

Regeln sind ja allgemein nicht immer gut angesehen – zum Beispiel in gewissen liberaleren oder auch in charismatischeren christlichen Kreisen. Da soll lieber „der Geist wehen, wo er will“ und man nicht so „gesetzlich“ denken und überhaupt.

Dabei sind Regeln sehr gut. Hier nur ein paar ihrer Vorteile:

  • Regeln bedeuten, dass jeder sein Recht bekommt und seine Freiheiten hat.
  • Regeln bedeuten, dass jeder seine Verantwortlichkeiten kennt und seine Pflichten erfüllt.
  • Regeln bedeuten, dass nicht mit zweierlei Maßstäben gemessen wird; dass keiner mehr in Anspruch nimmt, als ihm zusteht, oder anderen mehr aufbürdet, als gerecht ist.
  • Regeln nehmen einem die Mühe ab, das Rad immer neu erfinden zu müssen. Wieso sich nicht an etwas halten, was viele erprobt haben?

Chesterton hat einmal so was gesagt wie: Man soll Regeln nie deshalb abschaffen, weil man ihren Sinn nicht sieht; erst dann, wenn man sieht, wieso sie ursprünglich eingeführt wurden, kann man darüber reden, ob sie noch sinnvoll sind oder nicht. Sonst schafft man sie ab und merkt hinterher, dass man auf einmal ungeahnte Probleme bekommt.

Regeln haben oft einen Sinn, der einem zuerst gar nicht auffällt: Ich komme mir z. B. ein bisschen dumm vor dafür, dass mir erst vor gar nicht allzu langer Zeit aufgefallen ist, dass früher die „Als unverheiratete Frau keine Männer nach einer Verabredung mit aufs Zimmer/allein noch mit in die Wohnung nehmen“-Regel nicht nur vor der eigenen Versuchbarkeit oder nachbarlichem Gerede, sondern auch ganz einfach vor date rape schützte.

Noch ein Verweis auf Chesterton: Irgendwo hat er auch gesagt: „If you will not have rules, you will have rulers“ – „Wenn ihr keine Gesetze haben wollt, werdet ihr Gebieter bekommen“. Irgendwie werden immer Entscheidungen getroffen, wird Macht ausgeübt – und entweder läuft das nach anerkannten, für alle geltenden Gesetzen ab, oder nach den Launen derer, die Macht und Einfluss haben, im schlimmsten Fall informellen, nicht von außen nachvollziehbaren Einfluss. Deshalb haben Orden auch Ordensregeln, und Sekten haben Gurus.

Oft ist es schon genug, überhaupt irgendwelche Regeln zu haben, auch wenn der Inhalt unterschiedlich sein kann. Wenn z. B. A sich als Regel setzt, täglich Laudes und Komplet zu beten, B täglich den Rosenkranz betet, und C täglich das Angelus betet und eine Viertelstunde lectio divina betreibt, haben die drei ein Gebetsleben auf ziemlich demselben hohen Niveau, auch wenn sie Unterschiedliches tun. Diese Art von Regeln sorgt auch dafür, dass man etwas wirklich erfüllt – vage Vorsätze („ich sollte mehr beten“) bringen viel weniger als klare Regeln.

Für den Fall, dass jemand mit „Die Wirklichkeit ist so komplex, da kann man doch nicht mit einfachen Regeln kommen!!!111“ gegen „Regelfixiertheit“ ins Feld ziehen will:

  • Manchmal ist die Wirklichkeit im Gegenteil sehr einfach.
  • Für „komplexe“ Wirklichkeiten macht man komplexe Regeln. Mal Juristen fragen, wie komplex das werden kann. Auch Naturgesetze sind machmal kompliziert. Komischerweise ist das dann solchen Leuten oft wieder zu „kleinkariert“, was zeigt, dass das Geschrei von wegen „komplex“ von Anfang an nur ein als Ausrede verwendetes Schlagwort war.

Natürlich gelten rein menschliche Regeln nicht absolut. Aber dafür gibt es ja die Tugend der Epikie: Wenn man vernünftigerweise davon ausgehen kann, dass der, der die Regel aufgestellt hat, sie in diesem Fall nicht beobachtet sehen wollen würde, kann man sich davon entbunden sehen. Einfaches Beispiel: Wenn eine Fußgängerampel rot zeigt, aber auf der anderen Straßenseite ein verletztes Kind liegt, dem ich zu Hilfe kommen muss, kann ich davon ausgehen, dass der Gesetzgeber nicht wollte, dass ich hier brav auf Grün warte.

Anders ist es freilich beim Naturrecht (= den Regeln, die das Wesen der Dinge betreffen; „Natur“ bezieht sich hier nicht auf „was Tiere machen“) und dem positiven (gesetzten) göttlichen Recht, also dem, was Gott angeordnet hat. Das gilt sehr wohl absolut. Und hier gilt auch: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ (Joh 14,15)

Wie es einer der Psalmen so schön sagt:

„Selig, deren Weg ohne Tadel ist, die gehen nach der Weisung des HERRN.
  Selig, die seine Zeugnisse bewahren, ihn suchen mit ganzem Herzen,
  die kein Unrecht tun und auf seinen Wegen gehn.
  Du hast deine Befehle gegeben, damit man sie genau beachtet.
  Wären doch meine Schritte fest darauf gerichtet, deine Gesetze zu beachten.
  Dann werde ich nicht zuschanden, wenn ich auf all deine Gebote schaue.
  Mit lauterem Herzen will ich dir danken, wenn ich deine gerechten Entscheide lerne.“
(Ps 119,1-7)

039.Moses Comes Down from Mount Sinai.jpg

(Mose kommt mit den Gesetzestafeln vom Sinai herunter, Darstellung von Gustave Doré. Gemeinfrei.)

15 Gedanken zu “Ein bisschen mehr Regelfixiertheit, bitte!

  1. Eine Deutschbürgerin schreibt wie Regeln schön sind und wie es Spaß macht, den Regeln zu folgen. Nichts Neues unter der Sonne. *ClownFace*

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  2. Im Deutschkatholizismus scheint mir das Problem ja zu sein, dass man all die Regeln loswerden will, damit man nicht mehr ständig an irgendwelche Normen erinnert wird, an die man sich nicht hält und von der man aber im Grunde des Herzens ganz genau weiß, dass sie ihren Sinn haben. Das ist echte Heuchelei. Da ist das bayrische elfte Gebot „Du sollst Dich nicht erwischen lassen“ mit der Option, bei schlechtem Gewissen beichten zu können, doch im Grunde die ehrlichere Angelegenheit.

    Apropos: Die Dichte Ihrer Blogbeträge steigt in letzter Zeit wieder deutlich an – danke für den Lesestoff – besteht zum Ende des Sommersemesters in Bayern Kausalität oder lediglich Korrelation? 😉

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    1. Ich bin mit dem Studium jetzt gerade fertig, hab also viel Zeit 🙂 Ab Herbst geht aber eine Ausbildung los, da werden es dann wohl weniger werden. (In den letzten Monaten waren es vor allem deswegen oft weniger, weil ich an ewig vielen Beiträgen über die frühen Christen gleichzeitig arbeite und dafür endlos viel Zeug lese. 😉 )

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      1. Wenn das hier nicht öffentlich wäre und ich Sie näher kennen würde, dann würde ich Sie ja fragen, welche Ausbildung Sie beginnen – mich interessiert ja immer sehr, was die Leute machen 🙂 [ich hab’s umgekehrt gemacht, erst Ausbildung, dann Studium]. Auf jeden Fall Gratulation zum abgeschlossenen Studium und viel Erfolg für die nächsten Schritte!

        Dann bin ich mal gespannt auf Ihre Beiträge zu den frühen Christen – dass Sie viel lesen, merkt man allenthalben, man findet eine ganze Menge (auch kurioser Dinge) bei Ihnen 🙂

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