Von Gott und Götzen

Alle Götter der Heiden sind Dämonen, so sagt es der Psalm (96(95),5); unsere Kirchenväter sahen dementsprechend in den Kulten ihrer römischen, griechischen, ägyptischen Umgebung vor allem die Dämonen, also die von Gott abgefallenen Engel, am Werk, die sich den Menschen gezeigt und sich als Götter ausgegeben hätten, um sie auf falsche Bahnen zu lenken (manchmal bemerkten sie außerdem, dass hier einfach historische Gestalten göttergleiche Ehren erhielten – wenn zum Beispiel noch das Grab eines Zeus bekannt war -, was sie aber letztlich auch als Werk der Dämonen erklärten). Der Götzendienst jedenfalls, bei dem irgendetwas Geschaffenes, das nicht Gott ist, angebetet wird, so sagen es die Bibel und die Kirche, ist Sünde, was auch immer genau dahintersteckt. (Die Einheitsübersetzung übersetzt statt „Dämonen“ in diesem Psalm, anders als Septuaginta und Vulgata, übrigens „Nichtse“; ich kann das mangels Hebräischkenntnissen nicht beurteilen.) Schon die Sache mit dem Goldenen Kalb nahm der Herr ja nicht so locker.

Soweit, sogut; heißt das nun, dass jede vor- oder nichtchristliche Religion einfach nur Idolatrie ist?

Kurz gesagt, nein, heißt es nicht. Die Kirche lehrt auch, dass der Mensch prinzipiell allein mit seiner Vernunft, noch vor der göttlichen Offenbarung, die Existenz eines einzigen, absoluten, hinter der Welt stehenden Schöpfers erkennen kann, und in manchen Religionen oder Philosophien wurde dieser Schöpfer wirklich erkannt; oft wandte man sich zwar zusätzlich noch an eine bunte Welt von Göttern, Halbgöttern, Geistern, personifizierten Naturkräften und Ahnen, die man sich als übermenschliche Wesen innerhalb der Welt dachte, und solchen Wesen göttliche Ehren zukommen zu lassen, war bzw. ist freilich Götzendienst, wenn auch unter Umständen gutgläubiger Götzendienst; aber das macht die wahre Gottesverehrung, die manchmal gleichzeitig da war/ist, nicht inexistent.

Die antiken Platoniker beispielsweise waren philosophische Monotheisten, und übrigens auch gute Kandidaten für eine Bekehrung zum Christentum; ein Beispiel ist der hl. Justin der Märtyrer / der Philosoph (hingerichtet ca. 165 n. Chr.), der erzählt, dass er noch als Platoniker Gott folgendermaßen definierte, als er in einen Dialog mit einem Christen geriet:

„‚Das Wesen, welches immer in gleicher Weise dasselbe ist, und welches die Ursache des Seins für alles übrige bildet, das ist Gott.‘ So lautete meine Antwort. Er aber hatte seine Freude an meinen Worten und stellte von neuem an mich eine Frage.“

Griechische Philosophen waren aber nicht die einzigen, die Gott erkannten; die nordamerikanischen Indianer kannten den „Großen Geist“ – und auch katholisch gewordene Indianer des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die andere Praktiken ihrer Religion aufgegeben hatten und nicht mehr an andere untergeordnete Geister glaubten, bezeichneten Gott manchmal noch immer mit dem Titel „der große Geist“, wie man in damaligen Missionszeitschriften schön nachlesen kann; so sagte ein Kongress der katholischen Sioux zur Ehe:

„Wir glauben an die Lehre Jesu Christi bezüglich der heiligen Ehe: Was der große Geist vereint hat, soll der Mensch nicht trennen. Deshalb verabscheuen wir von ganzem Herzen den Missbrauch, das Band der Ehe zu lösen, und betrachten ihn als einen großen Schandfleck unserer Zeit.“

Die Missionare bauten auf ihrer Gotteserkenntnis auf, und brachten ihnen die Botschaft, dass der große Geist, von dem sie schon wussten, sich auch offenbart hatte und sogar Mensch geworden war.

Ein anderes Beispiel: Kardinal Robert Sarah aus Guinea (Westafrika) erzählt in dem Interview-Buch „Gott oder nichts“, das der Journalist Nicolas Diat mit ihm gemacht hat, im ersten Kapitel auch von seiner Kindheit im ländlichen Guinea; und über die Religion seiner Vorfahren (er selbst wurde schon 1947 als Zweijähriger getauft, hat aber als Kind und Jugendlicher in seiner Umgebung offensichtlich noch einiges von der traditionellen Religion mitbekommen) berichtet er folgendes:

„Das Volk der Coniagui ist sehr religiös, es hängt an Gott, der Ounou genannt wird. Doch es kann mit ihm nur durch die Ahnen in Kontakt treten.

Der Gott meiner Vorfahren ist der Schöpfer des Universums und von allem, was existiert. Er ist ein höchstes Wesen, unaussprechlich, unbegreiflich, unsichtbar und unergründlich. Dennoch ist er im Zentrum unserer Leben und durchdringt unsere ganze Existenz.“ (Eigene Übersetzung aus der französischen Originalausgabe „Dieu ou rien“.)

Seine Eminenz hat über die Religion seiner Vorfahren durchaus nicht nur Positives zu sagen; die Initiationsriten für Jugendliche greift er kurz darauf mit den schärfsten Worten an. Aber dieser grundsätzliche Gottesglaube ist ganz offensichtlich etwas Positives.

(Kardinal Sarah, 2015. Gemeinfrei.)

Dann gibt es da ja noch Religionen, die den Monotheismus vermittelt über Leute, die von der Offenbarung Gottes an das Volk Israel und in Jesus von Nazareth bereits wussten, kennenlernten, aber ihr eigenes Spin-off kreierten, wobei sie eine neue Offenbarung beanspruchten und  die alte für verfälscht oder eine minderwertige Vorstufe erklärten; Beispiele wären die Moslems im 7. oder die Bahai im 19. Jahrhundert.

Natürlich sind das falsche Religionen; und solche Verfälschungen haben irgendwo noch etwas Schlimmeres als vor der Offenbarung vorhandene, sich selbst (natürlich auch mit Gottes versteckt wirkender Gnade) nach der Wahrheit vortastende Philosophien und Religionen. Götzendienst sind sie allerdings auch nicht.

Um einen Freund (dankeschön, Nepomuk!) zu zitieren:

„Begründung, kurzgefaßt: Wer ‚Gott‘ sagt und dabei auch tatsächlich ‚Gott‘ meint – d. h. ein einziges höchstes Wesen, das nicht, wie die vorgestellten Götzen, der Welt angehört, sondern die Welt erschaffen hat – der meint eben per tautologiam auch Gott damit, und Schluß.

Ob man Seinen Sohn ignoriert (wie die heutigen Juden), ihm rabiate Leugnung der Wahrheit Seiner Dreifaltigkeit (wie die Moslems) unterstellt oder geradezu teuflische Züge (um mit Chesterton zu sprechen) bei [der] schuldlosen ewigen Verdammnis von Menschen wie die Kalvinisten, ist natürlich auf je eigene Art und Weise schlecht (vor allem Begriffe wie ‚Apostasie‘ und ‚Häresie‘ fallen da ein), ändert aber an der Tautologie nichts, daß wer Gott verehrt, Gott verehrt.

(Folglich muß ein Katholik, der zum Islam abgefallen ist, beichten ‚ich habe Apostasie begangen‘; er muß aber in der Tat nicht beichten ‚ich habe Götzendienst begangen‘.)“

Die Hindugötter beispielsweise sind tatsächlich Götzen; „Allah“ (das arabische Wort für „Gott“, das, nebenbei bemerkt, auch arabische Christen gebrauchen) ist tatsächlich kein Götze. Es wäre daher nett, wenn christliche Angriffe auf den Islam mit korrekten Begriffen operieren könnten, statt „Allah ist ein Götze“ o. Ä. zu proklamieren, was nun mal leider falsch ist. Anderweitige Angriffsfläche bietet ein gewisser falscher Prophet bekanntlich genug.

(Diese Tatsache, dass Gott nun mal Gott ist, schließt übrigens nicht aus, dass falsche Propheten und Sektenführer, die immerhin noch an Gott glaub(t)en, letztlich auf direkte oder indirekte Weise  von den Dämonen inspiriert waren; selbst immerhin noch christliche Irrlehrer, die sich von der Kirche abspalteten und der vollständigen Wahrheit Adieu sagten, wie beispielsweise Calvin, waren ja vermutlich irgendwie von den Dämonen inspiriert (wie auch sonst viele beim Tun von irgendwelchem Bösem).)

Holman The Golden Calf.jpg Pilgrims worship beside the Ka'bah01.jpg

(Links: Götzendienst; rechts: nicht Götzendienst. (Gemeinfrei.))

 

PS: Anlass für diesen Artikel war, dass man ja schon mal für eine modernistische Götzendienstverharmloserin gehalten wird, wenn man in sozialen Medien die unbestreitbare Tatsache erwähnt, dass Muslime wenigstens Gott ehren.

PPS: Eine interessante Beobachtung, die mir noch in den Sinn gekommen ist: Nicht nur Tradikatholiken, die den Islam angreifen wollen, sondern auch Fundiprotestanten, die den Katholizismus angreifen wollen, haben ja öfter Schwierigkeiten mit der korrekten Definition von „Götzendienst“: Einerseits, was altbekannt ist, werfen sie uns wegen der Heiligenverehrung Götzendienst vor; da können wir noch so oft erklären, dass wir die Heiligen verehren und nicht anbeten; aber komischerweise haben sie mit der tatsächlichen Anbetung der eucharistischen Gestalten (d. h. der gewandelten Hostie und des Weins, die in der Messe zu Leib und Blut Christi werden) durch Katholiken wesentlich weniger Probleme, obwohl das ihrer Lehre nach wirklicher Götzendienst sein müsste, da sie die Hostie für bloßes Brot halten und man Brot ja doch nicht anbeten sollte.

 

 

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