Mehrere Arten von Freiheit

Das Schwierige daran, wenn in theologischen oder politischen Diskussionen über das Thema „Freiheit“ geredet wird, ist, dass dieses Wort ziemlich unterschiedliche Dinge meinen kann. Bevor man darüber redet, dass Freiheit wichtig oder toll oder ganz furchtbar ist, muss man also darüber reden, was für eine Freiheit man eigentlich meint.

Es gäbe da zunächst schon mehrere Arten echter Freiheit:

1) Die Willensfreiheit.

Menschen sind fähig, selbst zu entscheiden, was sie tun, und ob sie Gutes oder Böses tun; sie sind keine Automaten. Diese Freiheit ist fundamental notwendig; wenn man ein bloßer Automat wäre, könnte man Gott und den Nächsten nicht lieben, weil Liebe eine freie Willensentscheidung ist. Aber gleichzeitig haben Menschen nichts davon, wenn sie diese Freiheit bis zuletzt dazu gebrauchen, nicht zu lieben und Böses zu tun; damit igeln sie sich in eine fundamental einsame Leere ein und kommen in die Hölle, die ja nur ebendies verlängert in die Ewigkeit ist. Auch müssen andere nicht alles tolerieren, was Menschen mit ihrer Willensfreiheit anstellen; wenn einer seinen freien Willen dazu gebraucht, seinen Nachbarn zu ermorden, darf der Staat ihn sehr wohl sein restliches Leben lang ins Gefängnis stecken.

2) Die Freiheit zum Guten, die Freiheit von der Sünde.

Sünde hat oft etwas von Sucht an sich: Sie verspricht mehr, als sie halten wird, verlangt immer mehr, um noch denselben Reiz zu bieten wie vorher, und lässt einen, wenn man sich an sie gewöhnt hat, nicht so einfach los, obwohl sie einen letztlich immer unglücklich mit sich selbst und unerfüllt zurücklässt, und sagt einem auch oft, man brauche jetzt nur noch das eine Mal das und das, während man in Wirklichkeit im tiefsten Inneren weiß, dass es danach nicht genug sein wird. Ob es um Rachsucht, Neid, Feigheit, Geldgier, ungeordnete Gier nach Macht, nach Triumphen, nach der Möglichkeit, sich zu sagen, man sei besser als andere, um ungeordnete Befriedigung körperlicher Triebe (Alkoholsucht, gewohnheitsmäßiger Pornographiekonsum oder andere Unkeuschheitssünden…) oder sonst etwas geht: Sünde macht unfrei. Manchmal spürt man es drastischer, manchmal weniger drastisch, manchmal sind es auch gerade die, die schon am tiefsten drin stecken, die am blindesten für die Realität sind: Wie ein Alkoholiker sich auch sagt, er könne jederzeit aufhören und trinke außerdem gar nicht so viel. (Weshalb man das Gewissen bilden muss und die objektiven Gebote Gottes und auch mal die Einschätzung anderer sehr hilfreich sein können.) Manche Abhängigkeiten sind geringer, manche größer, und manches, wovon man abhängig ist, ist schlimmer als anderes; aber Sünde hat oft etwas von einer Sucht – auch wenn man in aller Regel noch mehr vom freien Willen und der Widerstandsfähigkeit behält als bei einer körperlichen Abhängigkeit z. B. von Nikotin, also mit etwas Anstrengung auch wirklich davon wegkommen kann.

Und in noch einer Hinsicht macht sie unfrei: Sie kettet einen an die resultierende Schuld. Wenn man Schuld auf sich geladen hat – vor allem eine, die nicht einfach so wiedergutzumachen ist, wenn man jemand anderem bleibenden Schaden zugefügt hat – ist das wie eine Art Gefängnis.

Sünde macht also unfrei. Sie macht einen unfähig, das Gute zu wählen, mutig zu sein, gerecht zu sein, wirklich froh und mit sich im Reinen zu sein, zufrieden zu sein mit dem, was man hat, an andere zu denken… Und davon befreit eben Christus: Er nimmt die Schuld auf sich, ermöglicht Versöhnung, und gibt die Gnade, die Sünde zu überwinden, das zu tun, was man eigentlich will, weil man es als gut erkannt hat.

Der Apostel Paulus schreibt in diesem Sinne: „Wir wissen doch: Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde, sodass wir nicht mehr Sklaven der Sünde sind. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden. Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn. Denn durch sein Sterben ist er ein für alle Mal gestorben für die Sünde, sein Leben aber lebt er für Gott. So begreift auch ihr euch als Menschen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus. Daher soll die Sünde nicht mehr in eurem sterblichen Leib herrschen, sodass ihr seinen Begierden gehorcht. Stellt eure Glieder nicht der Sünde zur Verfügung als Waffen der Ungerechtigkeit, sondern stellt euch Gott zur Verfügung als Menschen, die aus Toten zu Lebenden geworden sind, und stellt eure Glieder als Waffen der Gerechtigkeit in den Dienst Gottes! […] Ihr wurdet aus der Macht der Sünde befreit und seid zu Sklaven der Gerechtigkeit geworden. Wegen eures schwachen Fleisches rede ich nach Menschenweise: Wie ihr eure Glieder in den Dienst der Unreinheit und der Gesetzlosigkeit gestellt habt, sodass ihr gesetzlos wurdet, so stellt jetzt eure Glieder in den Dienst der Gerechtigkeit, sodass ihr heilig werdet! Denn als ihr Sklaven der Sünde wart, da wart ihr der Gerechtigkeit gegenüber frei. Welche Frucht hattet ihr damals? Es waren Dinge, deren ihr euch jetzt schämt; denn sie bringen den Tod. Jetzt aber, da ihr aus der Macht der Sünde befreit und zu Sklaven Gottes geworden seid, habt ihr eine Frucht, die zu eurer Heiligung führt und das ewige Leben bringt. Denn der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn.“ (Röm 6,6-13.18-23)

3) Die Freiheit, innerhalb des Guten (oder zumindest moralisch Neutralen) zu wählen.

Hier geht es um solche Freiheiten wie etwa die, frei zu wählen, welche Lebensform man ergreift, wen man heiratet, wo man lebt, welchen Beruf man ausübt, mit wem man Freundschaften pflegt, wie man seine Kinder erzieht, wie man seine Freizeit verbringt, welche Gebetsformen einem die liebsten sind…

Diese Freiheiten sind zwar nicht absolut; zunächst mal wegen der Freiheit anderer (wenn ein anderer einen nicht mag, kann man den auch nicht heiraten; wenn eine Firma einen nicht einstellen will, kann man da nicht arbeiten), dann wegen unvermeidlicher Umstände (wenn man querschnittsgelähmt ist, kann man nicht bei der Tour de France mitfahren; wenn einem die Begabung fehlt, kann man nicht Naturwissenschaftler werden), wegen menschlicher Gesetze und Regeln, die der allgemeinen Ordnung dienen (wenn hier ein Naturschutzgebiet ist, darf man sich kein Haus hinbauen; wenn man kein Visum für Neuseeland bekommt, kann man nicht nach Neuseeland ziehen), und natürlich wegen einem zufallender oder freiwillig eingegangener vorrangiger Verpflichtungen (wenn man sich um seine bettlägerigen Eltern kümmern muss, kann man nicht einfach verschwinden; wenn man schon verheiratet ist, kann man nichts mit jemand anderem anfangen).

Trotzdem ist auch diese Art der Freiheit sehr wichtig, und manche ihrer Einschränkungen sind moralisch falsch; z. B. ist es falsch, Menschen zu versklaven; es war auch falsch, wenn im frühen 20. Jahrhundert manche Staaten Menschen aus „eugenischen“ Gründen daran hindern wollten, zu heiraten / sich fortzupflanzen und sie deshalb zwangssterilisierten; Chinas Gesetze dazu, wie viele Kinder jemand haben darf, sind falsch; Gesetze während der Apartheid in Südafrika, die Ehen zwischen Weißen und Schwarzen verboten, waren falsch. Manche Einschränkungen dieser dritten Art von Freiheit, sind immer falsch, manche sind nicht an sich falsch, aber unter gewöhnlichen Umständen unnütz und schädlich, andere sind nur unter selteneren Umständen falsch. Generell kann man sagen, dass jede Einschränkung dieser Freiheit zumindest einen angemessenen Grund haben sollte; willkürliche oder übermäßige sind falsch.

Die Menschen  haben eine natürliche Würde von Gott als Sein Ebenbild, als vernunftbegabte Wesen, und daraus folgen auch gewisse Freiheitsrechte.

Man kann Menschen auch nicht einfach immer zu etwas für sie Nützlichem zwingen; ein Beispiel wäre, dass man einen psychisch kranken Menschen nicht zwangsweise in eine psychiatrische Klinik einweisen darf, auch wenn ihm das helfen würde, solange er keine Gefahr für sich oder andere ist. Hier ist die Achtung vor dem einzelnen und die Begrenzung der Macht von Autoritäten nötig, weil die persönliche Freiheit ein hohes Gut ist.

Auch Gott lässt einem innerhalb des Guten/Neutralen übrigens Freiheit, sogar die Freiheit, zwischen dem weniger Guten und dem Besseren zu wählen – solange es nur nicht an tatsächlich Böses geht, das der natürlichen Ordnung der Dinge und damit der Vernunft und der Liebe widerspricht.

Unter Christen wird, wenn man einem falschen Freiheitsverständnis widersprechen will, meistens über 2) und öfter auch über 1) geredet, aber auch 3) sollte man nicht ganz vergessen; auch diese Freiheit ist etwas Gutes.

4) Die Freiheit von äußerem Zwang dazu, das Gute zu tun.

Unter 1) wurde schon erwähnt, dass es ganz und gar nicht moralisch gefordert ist, jeden mit seiner Willensfreiheit beliebig Böses tun zu lassen – besonders, wenn er damit einem anderen oder dem Gemeinwohl gravierend schadet. Aber manchmal ist es – teilweise aus prinzipiellen, teilweise aus pragmatischen Gründen –  tatsächlich besser, wenn ein  schlechtes Verhalten nicht von einer Autorität geahndet wird. Ein Beispiel wäre, wenn es um ganz geringfügige Sachen geht, bei denen ein Eingreifen unverhältnismäßig ist, ein anderes, wenn viele in ihrem irrenden Gewissen meinen, etwas Falsches wäre in Ordnung und man sie im guten Glauben lassen will, weil man praktisch sowieso keine Chance hätte, dagegen anzukommen. Ein weiteres wäre das Thema Zwangstaufen, die die Kirche ja immer für unerlaubt und ungültig gehalten hat: beim Eintritt in den Gottesbund ist kein Zwang erlaubt (weil er im übrigen auch gar nicht möglich wäre; von einer Zwangstaufe hätte der „Getaufte“ nichts) – auch wenn jeder die moralische Pflicht hat, katholisch zu werden.*

Diese Freiheit muss in einigen Fällen gewährt werden; aber wer sie gewährt bekommt, braucht sich nichts darauf einzubilden, und ist moralisch nicht im Recht. Das geduldete Schlechte kann auch nicht auf eine Stufe mit dem Guten oder Neutralen gestellt werden.

 

Von alldem zu unterscheiden sind falsche Vorstellungen von Freiheit, beispielsweise:

  • Die relativistische Vorstellung, Freiheit bedeute, selbst festzusetzen, was „für mich“ das Gute ist. Diese Vorstellung bewirkt tatsächlich nur Unglück und Verlorenheit. Wenn es kein objektives Gutes gibt, das man entdecken kann, was bedeutet dann das subjektive Gute, das man sich selbst herausgepickt hat, schon? Ist es doch nur Resultat einer Laune, nicht wirklich kommunizierbar und teilbar mit anderen. (Zumal der Relativismus von vornherein gegen jede Logik ist: Wenn nichts allgemein für alle wahr ist, dann ist die Aussage „nichts ist allgemein für alle wahr“ auch nicht wahr und kann getrost ignoriert werden.)
  • Die libertäre / anarchistische / antiautoritäre Vorstellung, man müsse einfach nur völlige oder zumindest sehr große Freiheit von äußeren Zwängen gewähren, dann würde sich alles schon einpendeln oder dann würden die Menschen schon selbst das Gute wählen. (Erstens braucht es Ordnung und Gerechtigkeit, um die Schwachen zu schützen; zweitens ist das Gesetz auch ein Lehrer: vielen wird dadurch, dass etwas verboten ist, erst viel leichter bewusst, dass es auch falsch ist, und umgekehrt meinen viele, wenn etwas erlaubt sei, müsse es auch richtig sein.)

Soweit ein paar Gedanken zur Unterscheidung der Begriffe.

 

* Die Taufe kleiner Kinder, die noch nicht zum Vernunftgebrauch und freien Willensentscheidungen fähig sind, verstößt selbstverständlich nicht gegen ihre Freiheit, genausowenig, wie es gegen ihre Freiheit verstößt, sie in einer bestimmten Familie mit einer bestimmten Kultur und Sprache aufzuziehen. Niemand würde sagen „Ich enthalte meinem Kind die familiäre Liebe vor, damit es sich später selbst für sie entscheidet“. Aber einen Erwachsenen kann man nicht mehr zu einer familiären Bindung zwingen.

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4 Gedanken zu “Mehrere Arten von Freiheit

  1. Es ist einfach unglaublich, wie man die Freiheitsrechte von Lebensschützern einschränken will. Aus einer E-Mail von CitizenGo, die ich vor wenigen Tagen erhalten habe:

    „Der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) hat zu Beginn dieser Woche in einem Erlass verfügt, dass „singende, betende oder Schockfotos tragende Demonstranten“ in Hessen zukünftig nicht mehr in Sicht- oder Rufweite von Beratungsstellen der Organisation Pro Familia, die mit der weltweit größten Abtreibungsorganisation Planned Parenthood verflochten ist, für das Lebensrecht ungeborener Kinder demonstrieren dürfen. Selbiges gilt für Arztpraxen, in denen Abtreibungen vorgenommen werden.

    Dies meldete die Frankfurter Rundschau (FR) am 21. August 2018 unter Berufung auf den ihr vorliegenden Erlass. Laut dem Artikel stehe in dem Erlass: „schwangere Frauen dürfen nicht mehr durch singende, betende oder Schockfotos tragende Demonstranten belästigt werden, wenn sie Beratungsstellen oder Arztpraxen aufsuchen“. Der Verfasser des Beitrags spricht zudem von einem „Spießrutenlauf für Frauen“, der durch die Verfügung ein Ende finden solle.

    Ein derart schwerwiegender Eingriff in das Versammlungsrecht sei „in der Regel zulässig, wenn nicht sogar geboten“, um das Persönlichkeitsrecht der schwangeren Frauen zu schützen.

    Noch vor wenigen Monaten war eine Gesetzesinitiative der Linken, die „Schutzzonen“ von 150 Meter rund um Beratungsstellen und Abtreibungspraxen gefordert hatte, abgelehnt worden. Denn einige CDU-Politiker hatten rechtliche Bedenken gegen eine derartige Beschneidung des Versammlungsrechts vorgebracht.

    Offensichtlich glaubt die hessische Parteiführung jetzt aber, mit dem Erlass einen Weg gefunden zu haben, wie die in den Koalitionsvertrag mit den Grünen aufgenommene Forderung nach Demonstrationsverbotszonen vor Pro Familia – Beratungsstellen und Abtreibungspraxen umgesetzt werden kann, ohne mühsam ein Gesetz durch den Landtag zu bringen.

    Der Demokratie entsteht durch das von verantwortlichen CDU-Politikern gewählte Verfahren gleich ein doppelter Schaden. Zumal der Verwaltungserlass jetzt einen breiten Definitionsspielraum eröffnet, der notfalls immer so ausgelegt werden kann, dass Versammlungen oder Mahnwache verboten oder an weit entfernte Orte verlegt werden können.

    Frankfurts Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) äußerte denn auch gegenüber der FR erfreut: „Nun gibt uns der Erlass mehr Spielraum“. „

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  2. Ich habe folgenden Kommentar auf kath.net gefunden:

    „Was ich mich schon als Kind gefragt habe: Wenn es den Satan wirklich gibt und er zuvor ein Engel Gottes war mit freiem Willen und Verstand, haben dann auch wir Menschen noch selbst im Paradies die andauernde Möglichkeit, uns gegen Gott zu entscheiden? Das würde für alle geretteten Seelen bedeuten, eine Ewigkeit „lang“ die Möglichkeit/Gefahr zu haben, sich wie Satan selbst im Zustand der Gemeinschaft mit Gott im Himmel noch gegen Gott zu stellen, sprich: entweder selber in die Hölle zu geraten und/oder geliebete Seelen an die Hölle zu verlieren. Diese Vorstellung war für mich nie sehr paradiesisch.“

    Was kann man dazu sagen?

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    1. Ganz einfach: dass die Entscheidung getroffen und der Wille darin gefestigt sein wird und man sich gar nicht mehr von Gott abwenden *wollen* wird, den man dann direkt sehen wird. Auch die Engel wurden übrigens nur *einmal* vor die Entscheidung für oder gegen Gott gestellt und ihr Wille ist seitdem ein für allemal verfestigt. Wir haben eben nur das irdische Leben als Bewährungszeit.

      (Ach ja: Himmel, nicht Paradies. Das Paradies war das, was wir vor dem Sündenfall hier auf der Erde hatten.)

      – Crescentia

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