Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 4: Batseba

(Die bisherigen Teile hier: Teil 1, Teil 2a, Teil 2b, Teil 3.)

Mir ist aufgefallen, dass ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr mit meiner Rezension zu dem Sammelband „Saat des Segens“ der evangelikalen Romanautorin Francine Rivers über biblische Frauengestalten aus dem Stammbaum Jesu weitergemacht habe; jetzt also endlich zum vorletzten Roman, dem um Batseba, die Frau des Urija, König Davids Geliebte und schließliche Ehefrau, Mutter Salomos und über ihn Urahnin Jesu. (Beim nächsten Mal zum eigentlich „interessantesten“ Roman, dem um Maria.)

Dieser Roman beginnt, als Batseba noch ein Kind ist und zusammen mit ihrer Familie im Lager des von König Saul verfolgten David und seiner kleinen Anhängerschar lebt, und endet mit ihrem Tod, als schon ihr Sohn Salomo auf dem Thron Israels sitzt; er umfasst damit die Ereignisse, die in der Bibel in 1 Sam 27 – 1 Kön 2 berichtet werden.

Aus dieser langen Geschichte hätte ein George R. R. Martin* vermutlich 10 Bände zu je 1000 Seiten machen können. Hollywood würde locker Stoff für eine Serie mit 5-10 Staffeln finden. Mrs. Rivers handelt alles in 134 Seiten ab. Noch mehr als in den anderen Bänden wird deutlich, dass sie sich mit diesen Büchern einfach keine rechte Mühe machen wollte. Klar: Eine Romanreihe zu biblischen Figuren kann man in christlichen Kreisen immer verkaufen.

Außerdem merkt man, wie sehr sich ihre Protagonistinnen ähneln; eine individuelle Persönlichkeit hat keine wirklich. Sie spüren alle eine gewisse Sehnsucht nach Gott, zweifeln manchmal, treffen manchmal eine falsche Entscheidung, sind dann aber wieder mutig und treu, und, tja, mehr fällt mir zu ihnen nicht ein. Aber solche Figuren haben für Autoren etwas Praktisches: Die Leser (bzw. Leserinnen) können nach Belieben ihre eigenen Gefühle auf sie projizieren.

Der Einzelband trägt auf Deutsch den Titel „Frau die Gnade fand – Batseba“, im Sammelband lautet der Titel „Batseba – Schönheit aus der Asche“, im englischen Original „Unspoken“. Wie gesagt, das Buch beginnt noch in Batsebas Kindheit; ihr Vater Eliam und ihr Großvater Ahitofel gehören beide zu Davids Gefolgsleuten. Die biblische Batseba taucht erstmals auf, als sie schon mit Urija verheiratet ist und David sich für sie interessiert, aber hier hat die Autorin sich natürlich eine Hintergrundgeschichte ausdenken müssen, und sie hat für ihre Geschichte tatsächlich zwei Verse aus der Bibel in Verbindung gesetzt: In englischen Übersetzungen wird Batseba in 2 Sam 11,3 als Tochter Eliams bezeichnet, und in 2 Sam 23,34 taucht in einer Liste von Davids Kriegshelden ebenfalls ein Eliam auf, der als Sohn Ahitofels des Giloniters bezeichnet wird. (Die lateinische Vulgata hat auch an beiden Stellen „Eliam“, in der Einheitsübersetzung steht allerdings an der ersten Stelle „Ammiel“, an der zweiten „Eliam“.) Während man in der Bibel über Eliam (Ammiel?) nichts weiter erfährt, spielt Ahitofel eine größere Rolle in all den Intrigen und Kämpfen im 2. Buch Samuel – aber dazu später.

Das erste Kapitel erzählt also im Schnelldurchlauf die Vorgeschichte zu Davids und Batsebas Verhältnis, die Mrs. Rivers sich ausgedacht hat. Sie hat hier die biblische Geschichte in ein paar Details abgeändert: In der Bibel zieht der von Saul verfolgte David ins Gebiet der Philister, verbündet sich dort (scheinbar) mit einem Philister namens Achisch, der ihm und seinen Leuten eine kleine Stadt namens Ziklag überlässt, und führt von dort aus heimlich Überfälle auf die Geschuriter, Geresitern und Amalekiter aus, während er Achisch glauben lässt, seine Überfälle würden ihn nach Juda führen. Als ein Krieg zwischen Saul und den Philistern ausbricht, zieht David mit Achisch, um sich mit anderen Philisterfürsten zu treffen, doch die fürchten, dass David in der Schlacht gegen Saul zum Verräter werden könnte, und so schickt Achisch David zurück nach Ziklag. Die Stadt ist in der Zwischenzeit von den Amalekitern überfallen worden, die die dort zurückgebliebenen Frauen und Kinder weggeschleppt haben, aber David kann sie noch einholen und alle befreien.

In diesem Roman leben Davids Leute in einem Lager aus Zelten bei En-Gedi und Adullam, Achisch kommt nicht vor, und David und seine Krieger ziehen erst zu den Philistern, weil sie sich ihnen zum Schein anschließen und sich dann in der Schlacht gegen sie wenden wollen, als sie erfahren, dass Saul gegen sie zieht, werden aber dann wie in der Bibel von ihnen abgewiesen. Zu dieser Zeit ist Batseba acht Jahre alt und schon auf ihre kindliche Art in David verliebt, der vierzehn Jahre älter ist als sie und bereits drei Frauen hat. Wir bekommen ein paar Szenen mit David und seinen Männern, Batseba, ihren Eltern und ihrem Großvater in ihrem Lager. Davids Anhänger, allen voran Ahitofel, sind David treu ergeben, weil er dem Herrn ergeben und von Ihm erwählt ist, und sind gebannt von seinen Psalmendichtungen. Man merkt, dass die Autorin es gerne mitreißend beschreiben würde, und ein guter Autor könnte das vermutlich, aber ihre Beschreibung ist ungefähr so mitreißend wie ein Neues Geistliches Lied. Die kleine Batseba ist, wie gesagt, besonders hingerissen von David, aber ihre Mutter warnt sie schon da, dass sie sich nicht in einen polygamen König verlieben solle und es „besser ist, Gott zu verehren und nicht einen Menschen“ (S. 348). Dann ziehen also die Männer zu den Philistern, und in ihrer Abwesenheit tauchen Amalekiter auf, die die zurückgebliebenen Frauen und Kinder verschleppen; das ist eine der Stellen, an denen es hätte spannend werden können, aber nach drei Seiten sind sie auch schon wieder befreit und es ist nicht viel passiert. Die Autorin hat es eben aufgenommen, um ein bisschen Action am Anfang zu haben, und weil es in der Bibel steht.

Saul, der also den Philistern allein gegenübersteht,  begeht in der Schlacht Selbstmord, als er merkt, dass eine Niederlage unausweichlich ist, und seine Söhne, darunter Davids bester Freund Jonatan, werden im Kampf getötet. David zieht mit seinen Leuten wieder ins Gebiet von Juda, nach Hebron, Sauls Haus führt weiter Krieg gegen ihn, und er heiratet ein paar weitere Frauen. Dort leben sie alle mehrere Jahre lang und dort wird Batseba als Vierzehnjährige mit einem von Davids Kriegern, dem Hetiter Urija, verheiratet (er ist Ende zwanzig). Ihre Mutter predigt ihr, dass sie froh über den für sie ausgesuchten Mann sein sollte („Uria ist freundlich, stark und anständig, und du wirst seine einzige Frau sein. David hat dich noch nie eines Blickes gewürdigt, aber Uria sieht dich an, als ob du eine kostbare Perle wärst.“, S. 358), und Batseba fügt sich, wenn auch nicht allzu begeistert: „Ich werde Uria heiraten, Mutter, und ich werde ihm den Respekt und Gehorsam erweisen, den er verdient. Aber Liebe… die kann man nicht befehlen.“ (Ebd.).

Zu ihrer Hochzeit kommt auch David, und hier haben wir erstmals Folgendes: „Schnell blickte sie sich um und begegnete wieder Davids Blick. Was für ein Blick das war! Sie begriff instinktiv, was er bedeutete, und spürte, wie ihr Hochgefühl der Verzweiflung wich. Warum sieht er mich erst jetzt als Frau, wo es zu spät ist? Warum hat er mich nicht einen Neumond eher so ansehen können?“ (S. 359f.) David verlässt die Feier schließlich, ohne weiter mit ihr zu reden.

Über Uria erfahren die Leser nur skizzenhaft etwas – er ist ein sanfter und frommer Mann, ein guter Krieger und viel fort von zu Hause, und Batseba achtet ihn und erledigt die Hausarbeit für ihn, aber mehr nicht. Und jetzt, als sie jung verheiratet ist, wird an einer Stelle – was für die spätere Geschichte ganz interessant ist – auch schon das Thema Sittsamkeit angesprochen, und zwar in typisch (wie soll man es sagen?) orientalischer Weise:

„Manchmal brachte er [Uria] Soldaten mit nach Hause; dann musste Batseba einen Schleier vor ihr Gesicht ziehen, damit die Gäste sie nicht anstarrten, wenn sie sie bediente. Er bat sie, den Schleier auch dann zu tragen, wenn sie hinausging. ‚Es sind raue Gesellen in Davids Armee – Männer, die keinen Respekt vor Frauen haben.‘
  ‚Solche Männer kenne ich mein ganzes Leben lang, Uria. Mir hat noch nie einer etwas getan.‘
‚Damals warst du noch ein Kind, Batseba. Jetzt bist du eine schöne junge Frau. Meine Frau. Hör auf mich.‘ Er hob ihr Kinn an und sah ihr in die Augen. ‚Es ist weise, sich nicht unnötig in Gefahr zu begeben.'“ (S. 361)

Zwei Jahre vergehen, in denen Batseba kinderlos bleibt. Sauls Erbe wird ermordet, David wird von den Stämmen Israels zum König erhoben, und er erobert Jerusalem. Auch Batseba und Uria ziehen jetzt in die Stadt, wo der neue Königspalast gebaut wird, und bauen ein Haus ganz in der Nähe. Die Israeliten erringen Siege über die Philister und holen die Bundeslade nach Jerusalem. Am Ende des Kapitels gibt sich die Autorin Mühe, poetisch zu sein: „Aber vor der Tür lauerte ein größerer Feind als die Feinde Israels. Ein größerer Kampf stand kurz bevor, einer, der das Volk in Stücke reißen konnte. Und dieser Krieg würde nicht in den Bergen, Tälern oder Ebenen von Israel toben. Sondern in der unwegsamen Wüste des menschlichen Herzens.“ (S. 366)

Im 2. Kapitel geht es dann an den eigentlichen Punkt der Geschichte: Batsebas und Davids Ehebruch. Israel reagiert auf eine Provokation des Ammoniter-Königs Hanun mit einem neuen Kriegszug, und die Autorin macht klar, dass sie von Davids kriegslustigen Militärleuten (u. a. seinem Heerführer Joab) nicht viel hält, aber auch der kriegsmüde König, der in Jerusalem zurückbleibt und seine Männer allein ziehen lässt, macht nicht die beste Figur. David sehnt sich nach seinem alten Leben als Hirte zurück, wo er mehr Gelegenheit fand, Gott nahe zu sein, findet in seinem polygamen Haushalt keine Ruhe, und ihm fehlen die Worte, um Psalmen zu dichten. Batseba unterdessen ist einsam, wünscht sich, endlich ein Kind zu haben und macht sich Sorgen, dass ihr Mann nicht aus dem Krieg zurückkehren könnte.

Als sie eines Nachmittgs wegen der rituellen Reinigung nach ihrer Menstruation in ihrem Hinterhof badet, sieht der König sie vom Schlossdach aus. In der Bibel heißt es an dieser Stelle: Als David einmal zur Abendzeit von seinem Lager aufstand und auf dem Flachdach des Königspalastes hin- und herging, sah er von dort aus eine Frau, die badete. Die Frau war sehr schön anzusehen. David schickte jemand hin, erkundigte sich nach ihr und sagte: Ist das nicht Batseba, die Tochter Ammiëls, die Frau des Hetiters Urija? Darauf schickte David Boten zu ihr und ließ sie holen; sie kam zu ihm und er schlief mit ihr – sie hatte sich gerade von ihrer Unreinheit gereinigt. Dann kehrte sie in ihr Haus zurück. (2 Sam 11,2-4)

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(Batseba im Bad in einer mittelalterlichen Buchmalerei.)

Hier gibt es ja einen gewissen Interpretationsspielraum für eine Nacherzählung; man kann aus Batseba ein Opfer sexueller Gewalt durch ihren Herrscher oder auch eine willige Mittäterin machen. (In der Kunst gab es auch mal den Usus, sie auf ihrem Dach badend darzustellen, um die Aufmerksamkeit des Königs auf sich zu lenken.) Mrs. Rivers stellt die Szene folgendermaßen dar:

„Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass jemand sie beobachtete. Sie schaute nach oben. Da, auf der Mauer stand jemand. Ein Mann. Sie legte instinktiv die Arme um ihren Körper und duckte sich unter den halb durchsichtigen Baldachin. Es war mitten am Nachmittag, eine Zeit, in der die meisten Menschen vor der Hitze in den Schatten ihrer Häuser flohen. Was machte dieser Mann da oben auf dem Dach des Palastes?
  Sie merkte, dass sie wütend wurde. Sie spähte zu der Mauer hoch, um zu sehen, welcher Wächter es war, der sie da begaffte. Sie würde es Uria berichten. Und ihrem Vater und Großvater.
 Ihr Herz stolperte. Das war kein Palastwächter. Das weiße Gewand war mit Purpur verziert.
David!
Ihr Herz begann zu hämmern. […] Sie wusste, dass sie jetzt eigentlich ins Haus fliehen sollte, aber der plötzliche, wütende Schmerz war zu stark. Sollte er ruhig sehen, was er sich entgehen lassen hatte! […] Sie schaute trotzig offen zu der Palastmauer hoch. […]

 ‚Herrin?‘
 Batseba zuckte zusammen und schaute weg, die Röte schoss ihr ins Gesicht. Ihre Magd sah irritiert zur Mauer hoch. Voller Erleichterung stellte Batseba fest, dass David nicht mehr da war.“ (S. 373f.)

David, der plötzlich wie besessen von dieser Frau ist, hat sie zuerst nicht erkannt und lässt einen Wächter namens Joram nachforschen, wer in diesem Haus wohnt; als ihm klar wird, wer sie ist („die Ehefrau eines seiner besten Freunde, die Tochter eines Mannes, dem er vertraute und der ihm vertraute, die Enkelin Ahitofels, des fähigsten Militärberaters von Israel“, S. 376), ist er erst erschrocken, beschließt dann aber, zwei Palastwächter bei Einbruch der Nacht zu ihr zu schicken und sie holen zu lassen. Batseba ist zwar erschrocken, schämt sich und weiß, dass sie etwas Falsches tut, lässt sich aber trotzdem am Ende leicht verführen. Nach dieser Nacht sind beide erschrocken, David versichert Batseba, er würde dafür sorgen, dass alles geheim bleibt, und lässt sie noch vor dem Morgengrauen schnell zurückbringen.

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(Batseba erhält Davids Brief, Jan Steen. Gemeinfrei.)

Einige Wochen später merkt sie allerdings, dass sie schwanger ist, und schickt durch ihre Magd und den Wächter Joram, der sie abgeholt hat, eine Nachricht an David. David fasst den Plan, nach Uria, der noch bei der Belagerung der Stadt Rabba ist, zu schicken, damit Batseba eine Nacht mit ihm verbringen und ihm das Kind unterschieben kann.

Uria kommt also und erstattet Bericht von der Belagerung. In der Bibel heißt es: „Als Urija zu ihm kam, fragte David, ob es Joab und dem Volk gut gehe und wie es mit dem Kampf stehe. Dann sagte er zu Urija: Geh in dein Haus hinab und wasch dir die Füße! Urija verließ das Haus des Königs und es wurde ihm ein Geschenk des Königs nachgetragen. Urija aber legte sich am Tor des Königshauses bei den Knechten seines Herrn nieder und ging nicht in sein Haus hinab. Man berichtete David: Urija ist nicht in sein Haus hinabgegangen. Darauf sagte David zu Urija: Bist du nicht gerade von einer Reise gekommen? Warum bist du nicht in dein Haus hinuntergegangen? Urija antwortete David: Die Lade und Israel und Juda wohnen in Hütten und mein Herr Joab und die Knechte meines Herrn lagern auf freiem Feld; da soll ich in mein Haus gehen, um zu essen und zu trinken und bei meiner Frau zu liegen? So wahr du lebst und so wahr deine Seele lebt, das werde ich nicht tun.“ (2 Sam 11,7-11)

Hier wird zumindest nicht direkt gesagt, dass Uria etwas ahnen würde; bei Mrs. Rivers ist es anders; hier hat sie sich etwas dichterische Freiheit erlaubt, was aber nicht ganz schlecht wirkt. Der Ehebruch ist nicht ganz geheim geblieben – bei den Palastdienern jedenfalls – und Uria wird offenbar auch misstrauisch, weil David ihn bewusst zu seiner Frau schickt und ihm sogar noch ein Festessen in sein Haus bringen lässt. Als die Diener es dorthin bringen, ist nur Batseba da, die sich denkt: „Kannte David seine Männer so wenig? Hatte er das Gesetz vergessen? Ein Mann, der in den Krieg zog, hatte enthaltsam zu sein, um seine Kräfte für den Kampf gegen die Feinde Israels zu schonen.“ (S. 394)

Es findet sich zwar kein direktes derartiges Gesetz in der Bibel, aber diverse Hinweise darauf, dass in Israel damals Soldaten auf einem Kriegszug sich besonders heiligen sollten (Heiligkeit im Sinne von Aussonderung aus dem Alltäglichen, nicht im moralischen Sinn), und dass dazu die sexuelle Enthaltsamkeit gehörte. Unter anderem gäbe es diese Szene hier aus Davids früherer Geschichte: „Der Priester gab David Antwort und sagte: Gewöhnliches Brot habe ich nicht zur Hand, nur heiliges Brot ist da; aber dann müssen sich die jungen Männer von Frauen ferngehalten haben. David antwortete dem Priester: Wir haben uns schon gestern und vorgestern von Frauen ferngehalten. Als ich auszog, waren die Waffen der jungen Männer geheiligt; wenn dies auch ein gewöhnlicher Marsch ist, so wird er doch durch die Waffen geheiligt. Da gab ihm der Priester heiliges Brot, denn es gab dort nur die Schaubrote, die man von dem Angesicht des HERRN entfernt, um an dem Tag, an dem sie weggenommen werden, frisches Brot aufzulegen.“ (1 Sam 21,5-7)

Batseba ist von Reue ergriffen und mag Davids Plan, den sie jetzt begreift, ganz und gar nicht, sieht sich aber dennoch genötigt, mitzuspielen, um nicht für ihren Ehebruch die Todesstrafe zu erhalten. „Aber was war, wenn sie nicht auf Davids Plan einging? Dann würde sie sterben. Und das Kind, das sie in sich trug, auch.“ (S. 395) Sie geht daher (wie Joram, der das Festmahl gebracht hat, und noch einmal zurückkommt und ihr sagt, dass Uria am Palasttor ist, es ihr vorschlägt) zum Palasttor, wo sie merkt, dass die anderen Wächter inzwischen alle über sie Bescheid wissen, und Uria, der dann zu ihr herauskommt, auch.

„‚Sie erwarten von mir, dass ich dich auf der Stelle umbringe‘, sagte er rau.
 ‚Dann tu es doch.‘ Was hatte sie schon zu ihrer Verteidigung vorzubringen? Sie konnte die Schuld nicht allein David zuschieben. Schließlich hatte er sie nicht gerade zwingen müssen, zu ihm zu kommen. Jetzt sah sie, was dies den Mann kostete, der sie wirklich liebte. Sie ging auf die Knie und nahm einen Stein auf, der so groß war, dass er ihre Hand füllte. Sie hielt ihn ihm hin. ‚Du hast jedes Recht dazu.‘
Seine Kiefer mahlten. Tränen rannen seine Wangen hinunter in seinen Bart. Er nahm den Stein und schloss seine Hand darum. Sie sah, wie er mit sich kämpfte. Nach einem langen Augenblick schüttelte er den Kopf und ließ den Stein fallen. Er hob seine Hand und sie wartete auf den Schlag, aber er legte die Handfläche sehr sanft an ihre Wange. Dann wischte er mit dem Daumen ihre Tränen fort und sah ihr in die Augen, seine eigenen voll Schmerz und Vergebung. Sie legte ihre Hand über die seine und schloss die Augen.
 Er zog seine Hand weg und ging zurück – langsam, mit hängenden Schultern. […]
 Es war das letzte Mal, dass Batseba Uria sah.“ (S. 397f.)

David, der davon nichts mitbekommen hat, lässt Uria noch einen Tag bleiben, lädt ihn zum Essen ein und schickt ihn wieder zu seiner Frau, aber wieder schläft Uria im Tor. Also lässt David ihn kurzerhand einen Brief an den Kommandanten Joab mitnehmen, in dem er Joab anweist, Uria an die vorderste Front zu stellen, damit er fällt.

„David hielt ihm die kleine versiegelte Rolle hin. ‚Bring dies Joab.‘ Sein Herz machte zehn Schläge, bevor Uria vortrat, seine Hand ausstreckte und die Rolle entgegennahm. Seine Finger streiften flüchtig Davids, der schnell seine Hand zurückzog und dem Hetiter in die Augen schaute. Was er in ihnen sah, ließ sein Herz stolpern: Tiefe Traurigkeit. Und Resignation. Der Mann wusste, dass er sein eigenes Todesurteil in Empfang genommen hatte!
 Uria schob die kleine Rolle in seine Rüstung, genau über seinem Herzen. Dann drehte er sich um und verließ den Hof aufrecht wie ein Soldat, der erneut auszieht, um seine Treue zu seinem König zu beweisen.“ (S. 400f.)

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(Links: David reicht Uria den Brief; rechts: Uria zieht in den Kampf. Wandteppich, Gemeinfrei.)

Als nächstes erhält die entsetzte Batseba die Nachricht vom Tod ihres Mannes. Dann kommt ihre Mutter zu ihr und informiert sie, dass noch einige Männer mehr bei einem sehr riskanten Angriff auf die Mauern von Rabba gefallen sind. Ihre Mutter weiß auch, dass David seinem Heerführer Joab zuvor eine Nachricht geschickt hatte, dass der Bote, der nach dem misslungenen Angriff nach Jerusalem kam, David speziell berichtete, dass auch Uria gefallen sei, worauf David gar nicht traurig schien, hat gerüchteweise von Batsebas Besuch im Palast gehört, sich den Rest zusammengereimt, und ist voller Zorn: „Und was ist mit den dreißig Helden, die neben Uria für David gekämpft haben? […] Was werden sie jetzt von ihrem König denken? Ist er denn noch ihre Treue und ihr Blut wert? Was werden dein Vater und Großvater tun, wenn sie hören, dass David Uria ermordet hat, damit er dich haben kann? […] Du bist tot für mich – für mich und für uns alle!“ (S. 403f.) Für den Rest des Romans gibt es keine Versöhnung zwischen Batseba und ihrer Familie.

Batseba trauert und weint. Eine Woche später kommen Soldaten, um sie in den Palast zu holen, damit sie Davids Frau wird. „Der König würde die Witwe eines seiner gefallenen Helden zur Frau nehmen. […] Doch niemand ließ sich für dumm verkaufen. Außer vielleicht der König selbst.“ (S. 405) David ist froh, Batseba für sich zu haben, sie dagegen eher unglücklich. Sie wird in seinem Harem untergebracht, der Verachtung der meisten seiner anderen Frauen ausgesetzt.

Eine Ausnahme gibt es dabei: Abigail. Wie Abigail Davids Frau wurde, wird in 1 Samuel 25 erzählt; damals war David noch nicht König. Knapp gesagt brachte sie David und seine Männer kurz vor knapp noch davon ab, wegen einer groben Beleidigung durch ihren ersten Mann Nabal ihren Hof zu überfallen; nachdem Nabal, der erfuhr, was beinahe passiert wäre, vor Schreck einen Schlaganfall erlitt und starb, machte David Abigail ein Heiratsangebot, das sie annahm. Als Abigail und Batseba einander kennenlernen, bringt die Autorin wieder mal ihre Botschaft unter, indem sie Abigail ein unnötiges schlechtes Gewissen (naja, oder deuten wir es freundlicher, große Demut) andichtet:

„Abigail schüttelte den Kopf. ‚Wir sind alle Sünder.‘
Du hast nicht gesündigt. Du hast David vor einer großen Sünde bewahrt.‘ So ganz anders als sie selbst.
 ‚Ich habe meinen Mann vor Zeugen einen Narren genannt.‘
  ‚Aber du bist ihm treu geblieben.‘
‚Ich habe gewartet, bis Nabal wieder nüchtern war, damit ich ihm sagen konnte, was er angerichtet hatte. Ich wusste, dass er gierig war. Und arrogant. Und feige. Ich sprach und sah, wie der Schrecken über ihn kam. Ich sah, wie er starb und dankte Gott für meine Erlösung. Und als David nach mir schickte, um mich zu seiner Frau zu machen, packte ich sofort meine Siebensachen und ging zu ihm, weil ich so viel Gutes über ihn gehört hatte. Und als ich ihn sah, war es um mich geschehen.‘ Ihr Augen waren tränenfeucht. ‚Ich liebe ihn immer noch.‘
Es rührte Batseba tief, dass Abigail sich ihr so anvertraute. ‚Du hast nichts getan, was unrecht gewesen wäre. Alle haben deine Weisheit und Geistesgegenwart gerühmt. Du hast viele Menschen gerettet damals, Abigail‘, sagte Batseba. Aber sie war schuld an Urias Tod und dem vieler Männer.
‚Ach, lobe nicht mich. Gott sieht das Herz an, Batseba, und er wird uns alle einmal richten.“ (S. 414)

Dann wird Batsebas Sohn geboren, den sie sehr liebt, und wenig später kommt der Prophet Nathan in den Palast zu David und konfrontiert ihn mit seiner Sünde, die er jetzt erst wirklich anerkennt. Aus der Bibel:

„Darum schickte der HERR den Natan zu David; dieser ging zu David und sagte zu ihm: In einer Stadt lebten einst zwei Männer; der eine war reich, der andere arm. Der Reiche besaß sehr viele Schafe und Rinder, der Arme aber besaß nichts außer einem einzigen kleinen Lamm, das er gekauft hatte. Er zog es auf und es wurde bei ihm zusammen mit seinen Kindern groß. Es aß von seinem Stück Brot und es trank aus seinem Becher, in seinem Schoß lag es und war für ihn wie eine Tochter. Da kam ein Besucher zu dem reichen Mann und er brachte es nicht über sich, eines von seinen Schafen oder Rindern zu nehmen, um es für den zuzubereiten, der zu ihm gekommen war. Darum nahm er dem Armen das Lamm weg und bereitete es für den Mann zu, der zu ihm gekommen war. Da geriet David in heftigen Zorn über den Mann und sagte zu Natan: So wahr der HERR lebt: Der Mann, der das getan hat, verdient den Tod. Das Lamm soll er vierfach ersetzen, weil er das getan und kein Mitleid gehabt hat. Da sagte Natan zu David: Du selbst bist der Mann. So spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich zum König von Israel gesalbt und ich habe dich aus der Hand Sauls gerettet. Ich habe dir das Haus deines Herrn und die Frauen deines Herrn in den Schoß gegeben und ich habe dir das Haus Israel und Juda gegeben, und wenn das zu wenig ist, gebe ich dir noch manches andere dazu. Aber warum hast du das Wort des HERRN verachtet und etwas getan, was ihm missfällt? Du hast den Hetiter Urija mit dem Schwert erschlagen und hast dir seine Frau zur Frau genommen; durch das Schwert der Ammoniter hast du ihn umgebracht. Darum soll jetzt das Schwert auf ewig nicht mehr von deinem Haus weichen; denn du hast mich verachtet und dir die Frau des Hetiters genommen, damit sie deine Frau werde. So spricht der HERR: Ich werde dafür sorgen, dass sich aus deinem eigenen Haus das Unheil gegen dich erhebt, und ich werde dir vor deinen Augen deine Frauen wegnehmen und sie einem andern geben; er wird am hellen Tag bei deinen Frauen liegen. Ja, du hast es heimlich getan, ich aber werde es vor ganz Israel und am hellen Tag tun. Darauf sagte David zu Natan: Ich habe gegen den HERRN gesündigt. Natan antwortete David: Der HERR hat dir deine Sünde vergeben; du wirst nicht sterben. Weil du aber durch diese Tat den HERRN verworfen hast, muss der Sohn, der dir geboren wird, sterben.“ (2 Sam 12,1-14)

Wieder eine Szene, aus der ein guter Schriftsteller einiges machen könnte, aber bei Mrs. Rivers wirkt es wie schablonenartiges Nacherzählen, ohne dass sie sich wirklich Gedanken über Davids Seelenzustand gemacht hat. („Eine tiefe Reue durchschoss David.“ (S. 419) und ähnlich originelle Formulierungen.) Man hat überhaupt oft das Gefühl, dass Mrs. Rivers den biblischen David nur oberflächlich angeschaut hat; ihre Figur wirkt zusammengestoppelt und unrund. Auch wenn sehr gute Ansätze da sind.

Das Kind stirbt also, und Batseba trauert zutiefst – „Warum hat Gott meinen Sohn für meine Sünde leiden lassen? Warum?“ (S. 421). Tatsächlich ist das ja eine Frage, die bei dieser Geschichte öfter gestellt wird, und auf die man ganz einfach antworten kann, dass der Tod eines kleinen Kindes, das dann in ungestörtem Glück sein wird, tatsächlich eher eine Strafe für die Eltern und nicht für es selber ist. Mrs. Rivers legt hier auch David die Worte in den Mund: „Gott hat unseren Sohn nicht bestraft, Batseba. Er hat ihn den Händen böser Menschen entzogen.“ (S. 423)

Die folgenden Kapitel behandeln im Schnelldurchlauf die folgenden Jahrzehnte am Königshof von Israel. Batseba und David bereuen beide ihre Sünde sehr, aber Batseba bleibt Davids Frau, wobei sie noch von vielen verachtet wird; z. B. kommt in einem Gespräch Davids mit seinen Beratern das hier:

„‚Ist eine Frau je unschuldig, mein Herr und König? War es nicht schon in Eden die Frau, die den Mann in die Sünde zog?‘
 Er musterte seine Berater. Wie unbarmherzig sie waren. Wie schnell sie dabei waren, ihn freizusprechen, weil er auf dem Thron saß, und die ganze Schuld auf eine wehrlose Frau abzuwälzen!“ (S. 422)

Sie gewöhnt sich allerdings daran und an das Leben als eine unter vielen und sucht (nachdem sie sich einige Zeit lang kaum zu Ihm zu beten getraut hat) ihren Trost bei Gott; auch mit dem Propheten Nathan befreundet sie sich. Den Rest des Buches verbringt Mrs. Rivers vor allem damit, sie etwas moralisierend als vorbildliche Ehefrau, Mutter und Büßerin in Szene zu setzen, wobei sie immer wieder indirekte Zitate aus dem Buch der Sprüche unterbringt (zugegebenermaßen nicht ganz unnaheliegend, da dieses Buch von Batsebas Sohn Salomo stammen soll und darin schon am Anfang solche Sachen stehen wie „Höre, mein Sohn, auf die Mahnung des Vaters und die Unterweisung deiner Mutter verwirf nicht!“ (Spr 1,8)). Das sieht dann etwa so aus:

„Und wenn David bei ihr war, tat sie, was sie konnte, um ihm Freude, Liebe und Trost zu schenken. Sie wusste: Eine zänkische Frau war schlimmer als ein undichtes Dach in einem Wolkenbruch. Vor allem aber hörte sie ihm zu. […]
Doch das eine wusste sie: Gott hatte ihr Leben komplett umgewandelt. Jetzt wusste sie felsenfest, wie groß seine Güte und Gnade war, und sie war ihm unendlich dankbar dafür! […]
Mit nun vier Söhnen hatte sie keine Zeit für hohle Schmeicheleien oder dafür, sich über die Ränke der übrigen Frauen im Palast oder der anderen Kinder Davids den Kopf zu zerbrechen. Ihre Pflicht war klar: Ihre Söhne zu Männern Gottes zu erziehen. […]
Sie nahm jede Gelegenheit wahr, mit ihren Kindern über Buße und Verantwortung zu reden, über die Folgen der Sünde und über Gottes Größe. Sie erzählte ihnen auch von seiner großen Güte und Gnade.
(S. 431-434.)

Batseba ist allerdings nicht ganz abgehoben von der Politik; sie fürchtet schon, was nach Davids Tod aus ihr werden wird, und zu ihrer Erleichterung verspricht David ihr schließlich, Salomo zu seinem Nachfolger zu ernennen und setzt das dann nach einigem Zögern auf ihre Bitte hin auch um.

Gerbrand van den Eeckhout - David Promises Bathsheba that Solomon will be his Successor.jpg

(David verspricht Batseba, dass Salomo sein Nachfolger sein wird, Gerbrand van den Eeckhout. Gemeinfrei.)

Aber zuerst kommen noch diverse recht brutale Familienkonflikte und Palastintrigen, u. a. der fehlgeschlagene Aufstand von Davids Sohn Absalom (der übrigens zeitweise Jerusalem einnimmt und die Nebenfrauen seines Vaters vergewaltigt, wie es zu Nathans Prophezeiung passt), bei dem Ahitofel, der nun Hass auf seine Enkelin und Davig hegt, tatkräftig hilft (am Ende wird Absalom getötet, und David, der das nicht wollte, trauert sehr; Ahitofel begeht Selbstmord). Mrs. Rivers bringt unter, was in der Bibel steht, aber nur das – sie bringt es unter, um zu zeigen, dass sich Nathans Prophezeiung bzgl. des Unheils, das sich aus Davids Haus gegen ihn erheben wird, erfüllt, und dass seine diversen Söhne von seinem schlechten Vorbild gelernt haben; sie erfüllt es nicht besonders mit Leben. Manches wird nur knapp zusammenfassend berichtet (z. B. indem einer von Batsebas Söhnen ihr berichtet, was er zuletzt von dem-und-dem gehört hat), statt direkt erzählt zu werden. Das alles hätte aber wirklich einen sehr guten und auch ziemlich langen Roman abgeben können. Schließlich stirbt David und Salomo wird König; den Anfang seiner Regierungsgzeit erlebt Batseba noch.

Das Buch endet dann mit ihrem Tod; der letzte Wunsch, den sie sich denkt, ist:

„Ich weiß, dass sie sich an meine Sünden erinnern werden, Herr, aber wenn sie mein Leben betrachten, dann lass sie auch sehen, was du getan hast. Lass sie die Hoffnung sehen, die aus der Verzweiflung kam. […] Und lass sie…
 Sie seufzte tief.
 …Mut daraus schöpfen.“ (S. 471)

Einige Einfälle der Autorin in diesem Band sind gar nicht schlecht; an der Message ist auch relativ wenig auszusetzen. Liebloses knappes Heruntererzählen und öfter falsch eingesetztes Pathos lassen den Roman allerdings ziemlich mittelmäßig werden.

Beim nächsten Mal dann also zu etwas viel Interessanterem: Was eine evangelikale Autorin aus der Allerseligsten macht.

 

* Nicht, dass ich hier Empfehlungen für George R. R. Martin aussprechen wollte – dessen Bücher haben ihre eigenen Probleme.

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