Christliche Kultur am Sonntag: „Der Schatten des Bären“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Regina Doman: „Der Schatten des Bären“

„Der Schatten des Bären“ (im englischen Original erstmals 1997 veröffentlicht) ist der erste Band der „Fairy Tale Novels“, einer Reihe von nach Märchen verfassten Jugendbüchern der amerikanischen katholischen Autorin Regina Doman, und bisher der einzige davon, der auf Deutsch übersetzt wurde. Leider ist er schriftstellerisch ein wenig schwächer als die späteren Bände, und die Übersetzung hat Schwachstellen (das Deutsch wirkt an ein paar Stellen wie aus den 80ern gefallen), aber das sind kleinere Mankos, die sich aushalten lassen.

Grundlage des Romans ist das Märchen „Schneeweißchen und Rosenrot“, und es geht um zwei Schwestern, die 18-jährige Blanche und die 17-jährige Rose, die mit ihrer Mutter (ihr Vater ist an Krebs gestorben) in New York City leben. Eines Winterabends lernen sie einen jungen Mann kennen, der ihre Mutter vor dem Zusammenstoß mit einem Auto bewahrt hat, und den ihre Mutter (die Krankenschwester ist) hereinbittet, weil er Erfrierungen an den Füßen hat. Er hat Dreadlocks und wirkt relativ abgerissen, Blanche meint, ihn öfter bei den Drogendealern an ihrer Highschool gesehen zu haben, und er will ihnen nur seinen Spitznamen sagen – „Bär“. Außerdem gibt er offen zu, dass er diesen Spitznamen aus dem Jugendgefängnis hat, wo er und sein Bruder nach einer Verurteilung wegen Drogenbesitz waren. Blanche hat Angst vor ihm, aber Rose findet ihn sympathisch und unterhält sich mit ihm, und stellt überraschenderweise fest, dass sie, Blanche und Bär die selben Dichter mögen – G. K. Chesterton, T. S. Eliot… Bär kommt wieder, um die Stiefel, die sie ihm geliehen haben, zurückzubringen, und Rose lädt ihn dann ein, sie öfter besuchen zu kommen, was er in den Wochen und Monaten darauf auch tut. Er ist katholisch wie sie, sie mögen dieselben Dinge und führen einige tiefgreifende Unterhaltungen, und so langsam freundet sich Blanche mit Bär an, der sich als vertrauenswürdig und hilfsbereit herausstellt. Aber er hat Geheimnisse, die er nicht preisgeben will, muss schließlich den Kontakt zu den Mädchen abbrechen, und dann stellen sie fest, wer er eigentlich ist und dass er einem Verbrechen auf der Spur ist.

Das Buch ist nicht dick und schätzungsweise für Jugendliche ab 13, 14 Jahren geeignet. Schön finde ich es, wie die Autorin in ihren Romanen die Details der originalen Grimm’schen Märchen hineinbringt; das gilt auch für die folgenden Bände: „Black as night“ (nach Schneewittchen), „Waking Rose“ (nach Dornröschen), „The Midnight Dancers“ (nach Die zertanzten Schuhe) und „Alex O’Donnell and the 40 Cyberthieves“ (nach Ali Baba und die 40 Räuber). Die sind leider nur auf Englisch zu haben, aber wenn eine ihr Englisch aufbessern will, ist das eine gute Gelegenheit.

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Mehr Angriff statt Verteidigung!

In allen möglichen Debatten über religiöse und ethische Themen (im Internet oder sonstwo) hat man (oder jedenfalls ich) gar nicht mal so selten den Eindruck, dass Katholiken ihren Gegnern (ob Säkularisten, Protestanten, Orthodoxen oder sonstwem) zu viel zugestehen. Manchmal denke ich mir, unserer Seite könnte ein bisschen mehr von der Angriffslust gut tun, die die Gegner eher haben.

 

1) Ein Beispiel dafür: von Gegnern werden oft keine Belege verlangt. Die haben auch eine Beweispflicht. Es ist natürlich nötig, Protestanten nachzuweisen, dass sola scriptura Quatsch ist; aber man könnte sie auch fragen, wie sie überhaupt darauf kommen, sola scriptura zu postulieren. Ihr Glaube ist nicht die Default-Variante, auch wenn sie in interkonfessionellen Diskussionen oft so behandelt wird.

Atheisten versuchen gerne, eine solche Beweispflicht für sich zu leugnen, und dann auch noch zu behaupten, der Theismus wäre eine so „außergewöhnliche“ Idee, dass sie nur ganz „außergewöhnliche“ Beweise akzeptieren würden, wobei sie unter „außergewöhnlich“ oft verstehen, was ihnen gerade passt, was beides trotz diverser Scheinargumente letzten Endes völlig unsinnig ist. (Ihr Problem ist natürlich auch, dass sie von Gott wie von einem übermächtigen Außerirdischen reden statt wie vom Urgrund allen Seins, weil sie oft nicht wissen oder gar nicht wissen wollen, woran religiöse Leute eigentlich glauben.)

 

2) Damit zusammenhängend: Eine Schwierigkeit ist kein Gegenbeweis. Es besteht z. B. auch eine Schwierigkeit dabei, zu erklären, wieso Licht sich wie eine Welle und wie Teilchen verhält, aber Wissenschaftler wissen, dass beides der Fall ist, und können dann darauf vertrauen, dass sich die Schwierigkeit irgendwie lösen lassen muss. Genauso kann man z. B. Schwierigkeiten damit haben, genau zu erklären, was es mit der Dreifaltigkeit auf sich hat, oder wieso Gott ein bestimmtes Leiden zulässt, aber das ist noch kein Beweis dagegen, dass Er existiert, dreifaltig ist, und Gründe hat, das Leiden zuzulassen.

 

3) Ein anderes Beispiel ist dieses „Ja, Christen haben / die Kirche hat so viele furchtbare Verbrechen begangen, aber sieh dir doch mal die Botschaft Jesu an!“. Manchmal nervt es schon sehr.

An der Aussage ist kein prinzipielles Problem; selbst wenn Christen die schlimmsten Verbrecher der Weltgeschichte wären, würde das das Christentum nicht falsch machen. Aber meistens basiert sie nicht auf einem wirklichen Wissen über die angeblichen Verbrechen der Christenheit und mehr auf dem vagen Gefühl, dass der Gegner schon Recht haben wird mit seinen selbstbewussten Behauptungen über christliche Verbrechen, die er aber vermutlich aus dem letzten Iny-Lorentz- oder Dan-Brown-Roman geklaubt hat.

Bevor man christliche Verbrechen „eingesteht“, erst mal nachprüfen, ob es sie gab! Das ist nicht nur eine Sache der strategisch klugen Argumentation, sondern auch der Wahrhaftigkeit, der Fairness gegenüber unseren Vorfahren. Wenn man gleich mal „zugibt“, dass die Christen des Mittelalters ja alle blutrünstige Monster waren, ist das eine irrwitzige Verleumdung, gegen die sie sich selber nicht mehr wehren können.

Es geht hier nicht nur um die klassischen Themen Kreuzzüge-Hexenverbrennung-Inquisition. Sicher, gerade da ist es nötig, sich ein bisschen Wissen anzulesen, damit man abspulen kann, inwiefern die Kreuzzüge als Verteidigung gegen die islamische Aggression entstanden; dass der Hexenwahn nicht ursprünglich von der Kirche ausging und nicht ins Mittelalter (sondern in die Frühe Neuzeit) fiel und es keineswegs „Millionen“ Opfer gab (wie die Nazis in Umlauf brachten), sondern 50.000-60.000, und die meisten davon in Deutschland, und Christen wie der Jesuit Friedrich Spee den Hexenwahn bekämpften; dass Inquisitionsverfahren nach klaren Regeln verliefen, die Folter selten vorkam, und viele Angeklagte frei kamen oder nur eine Bußstrafe erhielten, usw. usf. … und klarstellen kann, dass das Mittelalter eben kein blutrünstiger Albtraum, sondern weltgeschichtlich betrachtet eine ganz schöne Zeit war. (Hilfreich gerade für solche klassischen Themen sind übrigens z. B. die entsprechenden Bücher von Bordat, Hesemann, Stark, Zander, oder, anspruchsvoller, Angenendt.) Aber es gibt noch mehr Themen.

Ein Dauerbrenner ist z. B. das Thema Mission. In den Köpfen unzähliger Menschen steckt die vage Vorstellung, dass die christliche Mission in Amerika, Afrika, Asien irgendwie mit Zwang, Gewalt und Unterdrückung zu tun gehabt haben müsse. Tatsächlich ist das Quatsch. Es gab in eher seltenen Fällen Zwangstaufen in der Kirchengeschichte; man denke an die gelegentlichen mittelalterlichen Judenpogrome; aber Zwangstaufen sind aus sich heraus ungültig, wurden kirchlicherseits verurteilt, und spielten bei der neuzeitlichen Missionsarbeit auf anderen Kontinenten keine Rolle. Die Missionare wollten natürlich, dass die Menschen wirklich glaubten, und es gab z. B. auch festgelegte Mindestanforderungen, was das Glaubenswissen betraf, das ein Taufbewerber haben musste. Viele Säkularisten können sich offenbar einfach nicht vorstellen, dass Afrikaner oder Indianer tatsächlich vom Glauben angezogen werden konnten, aber das wurden sie nun mal. Wenn Ordensleute beharrlich von einem liebenden Gott predigten, und Schulen und Hospitäler bauten, Leprakranke pflegten und Arme speisten, hatte das nach und nach Erfolg. (Das sieht man z. B. auch heute in Indien, wo Christen die einzigen sind, die sich für Kastenlose usw. interessieren, und sich bedroht fühlende Hindu-Nationalisten deswegen schon Anti-Konversions-Gesetze machen müssen.) Dazu kam himmlische Hilfe: Z. B. bekehrten sich in Mexiko Millionen Azteken, nachdem einer der ersten aztekischen Konvertiten, der hl. Juan Diego, 1531 eine Marienerscheinung hatte, die ein wundersames Marienbildnis auf seinem Mantel hinterließ.

[Mission hing übrigens auch nicht immer mit Kolonialisierung zusammen; Missionare gingen in Länder, die keine Kolonien waren (z. B. nach Japan, wo die Jesuitenmissionare und die japanischen Konvertiten lange Zeit grausam verfolgt und später nur toleriert wurden), und Kolonialherren waren nicht immer freundlich gegenüber den Missionaren eingestellt (Frankreich war in seiner Hochphase als Kolonialmacht in Afrika im frühen 20. Jahrhundert ein aggressiv säkularistischer Staat, der im Mutterland sämtliche Kirchen enteignete; in der Frühen Neuzeit wollten Plantagenbesitzer in der Karibik keine Mission unter ihren aus Afrika importierten Sklaven, weil es als noch anrüchiger galt, Mitchristen als Sklaven zu halten als überhaupt Sklaven zu halten, weshalb dort auch synkretistische Kulte wie Voodoo entstanden). Das heißt nicht, dass es keine Zusammenhänge gegeben hätte (und, das nur nebenbei bemerkt, auch nicht, dass die Kolonialisten immer einfach nur böse waren; z. B. wäre ohne die Beharrlichkeit der Kolonialmächte England und Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert bei der Bekämpfung des weltweiten Sklavenhandels Schwarzafrika vermutlich immer noch Sklavenlieferzone für die arabische Welt, wie es das über 1000 Jahre lang gewesen war; aber das nur am Rande). Aber Mission und Kolonialismus waren eben nicht einfach deckungsgleich; und Ordensleute, Abenteurer, Siedler, Forscher etc. reisten aus unterschiedlichen Gründen in ferne Kontinente; und gerade im 19., 20. Jahrhundert hatten die Missionierten in Afrika, Indien usw. übrigens auch oft eine große freie Auswahl zwischen den um sie konkurrierenden Missionaren verschiedener Kirchen. Wenn jemand ein bisschen Gespür für reale Geschichten von Missionaren und Missionierten bekommen will, ist übrigens dieser Blog mit Originalquellen ganz interessant.]

Oder das Thema Sklaverei: Auch hier herrscht irgendwie die Vorstellung, „früher“ hätte die Kirche sie für gut befunden und erst später dann verurteilt. Das ist falsch. Als problematisch und als etwas, das erst seit dem Sündenfall existiert, wurde sie immer gesehen, und es gab große Kontroversen um sie. Tatsache ist, dass die Kirche in Antike, Mittelalter und früher Neuzeit nicht von jedem Christen verlangte, seine Sklaven freizulassen (auch wenn das als gutes Werk galt), solange er sie anständig behandelte, dass aber das Versklaven und der Sklavenhandel deutlich verurteilt wurden – wie das übrigens auch der Apostel Paulus hielt, der den entlaufenen Sklaven Onesiumus zu seinem Herrn Philemon zurückschickte (und ihm einen Brief mitgab, der ziemlich deutlich implizierte, dass Philemon ihn freilassen sollte), der aber auch in seinem ersten Brief an Timotheus „Menschenhändler“ zusammen mit „Vatermördern und Muttermördern, den Totschlägern, den Unzüchtigen, den Knabenschändern, […], den Lügnern, den Meineidigen“ zu den Ungerechten, Gottlosen, Unheiligen zählt (1 Tim 1,9f.). (Ab dem 18., 19. Jahrhundert gab es dann eine größere Bewegung für die generelle Abschaffung der Sklaverei unter Christen.)

So konnte z. B. auch Papst Gregor XVI. im Jahr 1839 in In supremo apostolatus fastigio schreiben: „Wir sehen, daß es zu Unserer Hirtensorge gehört, daß Wir Uns bemühen, die Gläubigen vom unmenschlichen Handel mit Negern oder irgendwelchen anderen Menschen völlig abzubringen. […] Freilich unterließen es mehrere Römische Bischöfe glorreichen Angedenkens, Unsere Vorgänger, nicht, in Ausübung ihres Amtes die Vorgehensweise von jenen als ihrem geistlichen Heile schädlich und für den christlichen Namen schmachvoll schwer zu tadeln; sie durchschauten, daß daraus auch jenes folge, daß die Völker der Ungläubigen mehr und mehr darin bestärkt würden, einen Haß auf unsere wahre Religion zu haben. […] Keiner soll es künftig wagen, Indianer, Neger oder andere derartige Menschen ungerecht zu quälen, ihrer Güter zu berauben, in die Sklaverei zu führen, anderen, die solches wider sie verüben, Hilfe oder Unterstützung zu leisten oder jenen unmenschlichen Handel auszuüben, in dem Neger, die, als ob sie keine Menschen, sondern bare und bloße Tiere wären, wie auch immer in die Sklaverei geführt wurden, ohne jede Unterscheidung entgegen den Geboten der Gerechtigkeit und Menschlichkeit gekauft, verkauft und dazu verdammt werden, die bisweilen härtesten Arbeiten zu erdulden.“ (Zitiert nach Denzinger-Hünermann 2745-2746)

Tatsächlich war es zu Gregors Zeit in Europa so normal, gegen die Sklaverei in den Kolonien (und den unabhängigen heidnischen Ländern wie Arabien und China) zu sein, wie es das heute ist, gegen Kinderarbeit und schlechte Arbeitsbedingungen in Textilfabriken in Bangladesch zu sein.

Ein anderes interessantes (wenn auch nicht so schlimmes) Thema sind Ehen im jugendlichen Alter und von der Familie arrangierte Ehen (nicht gleich Zwangsehen). Auch hier herrscht die Vorstellung, bei gläubigen Christen wäre es früher Standard gewesen, 14- oder 15jährige Mädchen zu verheiraten, obwohl es das einfach nicht war. Tatsächlich gab es hierzulande das sog. „westeuropäische Heiratsmuster“, d. h. sowohl Männer als Frauen heirateten eher spät, nämlich erst, wenn sie einen eigenen Hausstand gründen konnten, und über 10% heirateten nie. (Ausnahmen gab es eher mal in Adel und Königsfamilien, wo früh taktische Bündnisse arrangiert wurden, und manchmal, nicht immer, wurde, wenn junge Mädchen unehelich schwanger wurden, schnell geheiratet. Und in Osteuropa wurde ein wenig früher geheiratet.) Frühe Ehen, mit 16 oder 18 zum Beispiel, waren nicht so verpönt wie heute, aber definitiv nicht Standard. Und für gewöhnlich lernten sich die Leute einfach selber kennen, gingen eine Zeitlang miteinander aus und heirateten dann, von Eltern oder gar Heiratsvermittlern wurde da wenig arrangiert; das sieht man ja schon, wenn man sich seine eigenen Urgroßeltern ansieht. Deutschland im 19. Jahrhundert war nicht wie die Türkei im 19. Jahrhundert.

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(Netzfund. Quelle hier.)

Gut, ich bin jetzt ein bisschen in die Details der Themen geraten, die mich manchmal nerven. Und natürlich gibt es auch echte Verbrechen und Fehler von Christen, auch wenn sich die oft an anderen Stellen finden, als Säkularisten meinen. Worauf ich eigentlich hinauswollte, waren aber nicht nur Vorurteile über die angeblichen oder realen Fehler oder Verbrechen früherer Christen, sondern auch umgekehrt Unwissen oder Ignorieren der realen Fehler und Verbrechen moderner Religionsgegner.

Die unglaublichen Verbrechen der Kommunisten, die in schön atheistischer Manier (es rettet uns schließlich kein höheres Wesen, man muss sich also selbst behelfen, und Feindesliebe ist auch keinen Gedanken wert) jedes Mittel zur Erreichung ihres Ziels für gerechtfertigt hielten, ihre 100 Millionen Todesopfer im 20. Jahrhundert in der Sowjetunion, Osteuropa, China, Kambodscha usw., Gulags, Schauprozesse, Folter, Erschießungen, Mauertote verdienen durchaus Erwähnung, wo plötzlich wieder Leute blöd genug sind, unironisch nach Sozialismus zu rufen. Aber ihre sind ja nicht die einzigen säkularistischen Verbrechen. Die Französische Revolution begann schon unglaublich blutig, später hatte man z. B. die Katholikenverfolgungen in Mexiko in den 1920ern.

(Der sel. Miguel Pro, ein mexikanischer Priester, unmittelbar vor seiner Erschießung am 23. November 1927, also heute vor 92 Jahren. Gemeinfrei.)

Man könnte zum Beispiel sagen: „Die Römische Inquisition hat im Lauf von 200 Jahren genau 97 Menschen hingerichtet; die Spanische Inquisition im Lauf von 300 Jahren nach den höchsten Schätzungen 3000-5000. Die Erste Republik in Frankreich, also die Regierung, die durch die Französische Revolution an die Macht kam, hat innerhalb eines Jahres (während der ‚Schreckensherrschaft‘ 1793/94) um die 30.000-50.000 hingerichtet – sie war demnach allein darin 3000mal so schlimm wie die Spanische Inquisition, und oft waren es noch dazu schnelle Schauprozesse. Und diese Zahlen schließen die hunderttausenden Opfer des Völkermords in der Vendée noch nicht ein.“

Diese Opfer für „Freiheit und Demokratie“ beachtet man nicht so gerne. Aber bevor man davon redet, wie viele Leute im Namen Gottes umgebracht wurden, sollte man wirklich erst einmal erwähnen, wie viel mehr im Namen von Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Ähnlichem umgebracht wurden. Im Namen aller großen Ideale wurde schon Gewalt verübt, aber im Namen unseres Gottes doch vergleichsweise wenig, weil die christliche Religion auch immer nach Frieden, Mäßigung, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, und Liebe zu den erlösungsfähigen Feinden rief.

Auch andere historische Verbrechen der progressiven, kirchenfeindlichen Seite wie z. B. ihr Eintreten für Eugenik und „Rassenhygiene“ (in der Praxis hieß das, für die Zwangssterilisation von Behinderten und Kriminellen und Ähnliches) im frühen 20. Jahrhundert werden gerne vergessen.

Manche Leute bringen auch gerne Variationen von „sicher gibt es viele schlechte Christen, und viele gute Atheisten“ vor. An sich ist das eine Binsenweisheit. Aber manche Leute scheinen das im Sinne von „Ja, gut, bei uns sind etliche nur Fantatiker, Heuchler und böse, und bei euch alle ganz toll und nett und tolerant, das sehen wir schon auch ein, aber…“ wahrzunehmen, was nicht mehr so wahr wäre. Jeder, der in entsprechenden Kreisen unterwegs ist, wird wissen, dass überall die meisten Menschen (inklusive für gewöhnlich einem selber) durchschnittlich und oft ganz nett und manchmal nervig, manchmal hilfsbereit, manchmal überheblich, manchmal großartig sind, und man auch einige Idioten und Psychopathen findet und jede Gruppe ihre typischen Fehler hat, aber ich bewege mich ehrlich gesagt doch lieber unter Christen, wo die guten Anteile stärker zu sein scheinen und wenigstens das Ideal klar ist. Und ganz ehrlich: Was gibt es eigentlich für vorbildliche Atheisten, die es mit christlichen Heiligen aufnehmen können dabei, wie sie anderen Menschen geholfen haben? Wo ist die atheistische Mutter Teresa, wo ist der atheistische Damian de Veuster oder Maximilian Kolbe?

„Ich kann auch ohne Gott gut sein“, sagen Leute, die gleichzeitig kein Problem damit haben, dass es in Deutschland 100.000 Abtreibungen im Jahr gibt und Kinder mit durchschnittlich 11 oder 12 Jahren auf sadistische Internet-Pornographie stoßen, die oft genug von Opfern von Menschenhandel hergestellt wurde. Ja, danke auch, ich sehe, wie gut man ohne die Hilfe des Herrn im Endeffekt praktisch ist. Nicht alles, was theoretisch möglich wäre, wird in der Praxis was.

 

4) Noch ein möglicher Fehler: Manche Christen sind in vielen Debatten lieber mal freundlich, gehen von den Voraussetzungen des anderen aus, und versuchen ihm anhand von dem, was er schon glaubt, zu zeigen, wieso die christlichen Vorstellungen plausibel sind, oder zumindest seine eigenen Vorstellungen widersprüchlich. Auffällig ist das bei den Themen Abtreibung und Transgenderismus.

Sicher hilft es mal dabei, „Pro-Choicer“ (zumindest solche, die keine extremen Abtreibungsbefürworter sind) zum Nachdenken zu bringen, indem man deutlich macht, dass Abtreibung oft gerade nicht Entscheidungsfreiheit für Frauen bedeutet, weil viele Frauen vom Kindsvater, von der Familie oder anderen zur Abtreibung gedrängt werden, oder von denen keine Unterstützung bekommen, wenn sie nicht abtreiben wollen. Aber das ist nicht der eigentliche Grund, aus dem wir gegen Abtreibung sind. Der ist, dass es immer und unter allen Umständen falsch ist, einen unschuldigen Menschen direkt zu töten. Das wäre es auch, wenn die Mutter selbst unbedingt abtreiben wollte.

Diese Art der Argumentation kann eigentlich nur als Einstieg dienen. Jemand, der einem dabei vielleicht zustimmen und zu lamentieren beginnen würde, dass es wirklich noch immer keine echte Wahlfreiheit gäbe, würde dadurch noch nicht automatisch pro-life.

Überhaupt ist es beim Thema Abtreibung manchmal so, dass die Lebensrechtsbewegung ein bisschen, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, vorsichtig ist. Man wird selten z. B. die Forderung hören, Abtreibungsärzte ins Gefängnis zu stecken, einige Lebensschützer sehen das vielleicht selber gar nicht als ihre Forderung (oder denken nicht viel über so etwas nach, weil wir es auf absehbare Zeit eh nicht durchsetzen könnten). Aber eigentlich ist es genau die logische Folge aus unseren Überzeugungen. Abtreibungsärzte verdienen Geld damit, serienmäßig hilflose Kinder zu töten. Abtreibung hat wieder so undenkbar zu sein wie nachgeburtlicher Kindsmord, und dazu sind auch staatliche Strafen nötig; Kinder haben ein striktes Recht auf Leben, das geschützt werden muss. (Man kann m. E. darüber diskutieren, ob es Sinn macht, auch die Mutter zu bestrafen. Dagegen spräche evtl., dass Frauen, die sich bei einer selbst vorgenommenen Abtreibung verletzt haben, sich sonst nicht ins Krankenhaus trauen würden. Aber es ist nun einmal ein Verbrechen, das eigene Kind umzubringen, und man muss auch sehen, dass es für das Seelenheil der Betreffenden hilfreich ist, wenn sie das einsehen, was durch gesellschaftliche Ächtung der Tat unterstützt werden könnte. Man könnte freilich niedrigere Strafen für verzweifelte Mütter als für von ihnen profitierende Ärzte haben, Selbstanzeigen als strafmildernd zählen o. Ä., und müsste natürlich die Umstände im Einzelfall miteinbeziehen, wie das Gerichte aber ja auch bei anderen Verbrechen tun.)

Vielleicht ist es taktisch klug, nicht zu radikal aufzutreten, das kann durchaus sein, ich beanspruche hier nicht, genau zu wissen, was die beste Taktik ist; und es ist ja nicht unbedingt moralisch verpflichtend, mit solchen aus säkularistischer Sicht „radikalen“ Forderungen an die Öffentlichkeit zu gehen und sich Feinde zu schaffen, gerade, wenn man sie eh nicht durchsetzen kann. Aber andererseits: Linke (und auch manche rechte und mittige) Säkularisten hassen Lebensschützer ja eh. Die halten Leute, die sich für das Lebensrecht der Ungeborenen äußern oder gar beim Marsch für das Leben mitlaufen, sowieso für gefährliche Fanatiker, die vermutlich am liebsten Bomben in Abtreibungskliniken legen würden (was wir ja dann doch für falsch halten). Und wenn man als Lebensschützer dann, um unbedrohlich zu wirken, nur sagt „Es ist eine Tragödie, dass in einem reichen Land wie unserem jährlich hunderttausend Kinder abgetrieben werden. Willkommenskultur für Kinder!“, hat man keine praktischen Forderungen gestellt und erreicht dementsprechend grundsätzlich auch nichts Praktisches. Gut, vielleicht lässt sich die CDU so weit beeindrucken, dass sie der nächsten Aufweichung des Abtreibungsrechts erst ein halbes Jahr später zustimmt, als sie es sonst getan hätte, aber das war es auch schon. Wer radikale Forderungen stellt, bringt eher mal zumindest einen Teil davon durch, das sieht man bei den Grünen.

(Natürlich haben die Grünen die Medien für sich, und wir nicht, und ohne die erreicht man vermutlich gar nichts. Aber das wäre so oder so der Fall, unabängig von unserer Taktik.)

Ein anderes Thema ist der Transgenderismus. Es wird auf unserer Seite gerne auf extreme Fälle hingewiesen, wo Männer, die Frauen vergewaltigt oder getötet haben, in Frauengefängnisse überstellt werden, weil sie sich plötzlich als Transfrauen identifizieren. Oder auf die weniger extremen Fälle, wo „Transfrauen“ den weiblichen Sport dominieren, weil sie eine größere Muskelmasse und höhere Testosteronwerte haben. Oder auf die Fälle, wo Transpersonen selbst die Opfer sind – wo schon Kindern und Jugendlichen Hormone gegeben werden und sie bleibend unfruchtbar gemacht und schließlich verstümmelt werden, weil sie in sehr kurzer Zeit die Vorstellung entwickeln, zum anderen Geschlecht zu gehören (Rapid Onset Gender Dysphoria), oder wo Transpersonen ihre Geschlechtsumwandlung bereuen, sich auch nach ihrer OP nirgends wirklich zugehörig fühlen (logisch, männliche Geschlechtsteile abzuschneiden und eine künstliche Wunde zwischen den Beinen zu schaffen macht einen Mann nicht zur Frau und lässt die meisten anderen Männer ihn nicht als für eine Beziehung infrage kommende Frau anerkennen) und wegen ihrer Identitätsprobleme Selbstmord begehen, oder wo besagte OP schlimme medizinische Folgen hat, was gar nicht so selten der Fall ist.

Und es ist ja auch richtig und nötig, darauf hinzuweisen, zu welchen extremen Konsequenzen der Transgenderismus führt. Aber wir sind vom Prinzip her nicht nur deswegen dagegen. Wir sind nicht nur dagegen, dass Kinder oder Leute, die sich plötzlich als transgender fühlen und keine Zeit für tiefe Überlegungen hatten, sich als zum anderen Geschlecht zugehörig erklären und es plötzlich ein Hassverbrechen ist, sie mit dem richtigen Pronomen zu bezeichnen und Ärzte, die sich dem Prinzip „primum non nocere“ verpflichtet haben, sie verstümmeln. Wir sind immer dagegen, weil jemand, der ein Y-Chromosom und einen männlichen Körper hat und prinzipiell vom Körperaufbau her Kinder zeugen könnte, nun mal ein Mann ist, und jemand, der kein Y-Chromosom und einen weiblichen Körper hat und prinzipiell vom Körperaufbau her Kinder empfangen könnte, nun mal eine Frau ist,  und man nicht lügen darf.* Es ist ein schlimmes Leiden, wenn jemand sich einfach nicht zu seinem Geschlecht zugehörig fühlen kann, aber wenn er sich anlügt, macht das die Situation nicht besser. Es hilft auch nicht, einer Magersüchtigen zu sagen, ja, klar, wenn sie sich so fühle, sei sie zu dick, und bei ihr eine Fettabsaugung zu machen.

In eine ähnliche Richtung geht es, wenn Christen gegenüber antichristlich eingestellten Gruppen, die gesellschaftlich angesehen sind, betonen, wie viele Gemeinsamkeiten man habe; z. B. bei den Grünen, die ja für Abtreibung on demand und dergleichen sind. Ihnen gegenüber redet man auch oft nur davon, wie toll doch die „Bewahrung der Schöpfung“ sei (was ja nicht falsch ist), und sagt wenig dazu, wie verzerrt die grünen Vorstellungen dazu, was das beinhaltet, oft sind (z. B., dass man wegen „Überbevölkerung“ keine Kinder bekommen solle, oder das Essen von tierischen Produkten unmoralisch wäre).

Sicher, es ist oft gut, bei dem Guten anzusetzen,  das jemand schon erkannt hat, aber es ist auch gut, wenn der dafür bereit ist, eigene Voraussetzungen und Alternativen zu erklären, an die er vielleicht bisher nicht gedacht hat.

Wenn man nur zeigen will, dass Christen die „besseren Grünen“ oder „wahren Feministen“ sind (und dabei vielleicht nicht allzu überzeugend ist, weil beim Ökologismus und Feminismus, wie sie praktisch in der Moderne existieren, eben einige schwerwiegende grundsätzliche Denkfehler drin sind, auch wenn nicht alle ihre Ideen und Schlussfolgerungen falsch sind, und die Kirche deswegen nie so ganz mit beiden konnte, was sehr wohl bekannt ist), kann es sein, dass der andere sich herablassend denkt, schön und gut, dass die sich an uns ranschmeißen wollen, ich bleib trotzdem beim Original, diese zusätzliche Religionsdeko brauche ich nicht.

Und sowieso ist es oft nicht sinnvoll, in den verkehrten Begriffen und Kategorien der Gegenseite zu denken. Wir haben eigene Kategorien und müssen unsere Inhalte nicht in ein falsches Korsett zu pressen versuchen.

Wir sollten bei allen Themen zum eigentlichen Kern kommen.

(Und natürlich auf logische Fehlschlüsse beim Gegner (oder einem selbst) aufpassen, und darauf, ob er von diesem eigentlichen Kern ablenkt.)

 

5) Ein anderer Fehler könnte es sein, unterschwellig davon auszugehen, dass wir auf verlorenem Posten kämpfen würden und die Zeit sich eh nicht zurückdrehen ließe. Vielleicht ist das irdisch gesehen so; und kämpfend unterzugehen, bevor am Ende der Herr wiederkommt und alles gut macht, wäre keine Schande. Aber vielleicht ist es zumindest langfristig, oder bei Einzelthemen evtl. sogar kurz- und mittelfristig, auch nicht so. Es gab in der Geschichte alle möglichen Trends, die wieder umgekehrt wurden. In den 70er-Jahren war es eine sehr einflussreiche Mode in progressiven Kreisen, Pädophilie gutzuheißen (oder sexuelle Befreiung der Kinder, wie man das dann nannte). Und man kann auch viel langlebigere Entwicklungen nennen, die dann doch wieder umgekehrt wurden. Die Reconquista war mühsam und langwierig, aber erfolgreich, ebenso wie die Befreiung Osteuropas und Griechenlands von den türkischen Besatzern, oder die Irlands von den englischen.

 

Ein paar weitere Ideen für Diskussionen:

 

6) Bevor man seinen Glauben verteidigt, muss man ihn gut kennen. Was lehrt die Kirche z. B. wirklich über Gottesbeweise? Darüber, wofür man in die Hölle kommt und was die Hölle ist? Usw. Man kann sich ruhig genug Zeit nehmen, sich hier einzulesen. Selbst relativ gute Katholiken kennen sich nicht bei allen Themen gut mit der traditionellen Kirchenlehre aus. Das ist ja nicht arg tragisch, aber eben kontraproduktiv, wenn man sich verteidigen muss.

 

7) Man kann ruhig mal versuchen, das Overton-Window, also den Bereich des Sagbaren, ein gutes Stück weit zu erweitern. Man muss nicht ständig unnötigerweise schockieren – aber ein bisschen schockieren hilft ab und zu. Vielleicht mal nur ein wenig, passend dosiert, damit jemand nicht komplett mit Unverständnis vor einem steht, aber doch ein wenig, damit er merkt, dass man manche Dinge eben doch sagen kann. (Z. B. so was wie „natürlich denke ich, dass meine Religion richtig und andere falsch sind“. Danach kann man ja geduldig erklären, wieso man das denkt.)

 

8) Klarheit über alles! In dem, was man sagt, sollte man klar und eindeutig sein. Schlagworte sind nicht per se schlecht, aber dann müssen es Schlagworte sein, die passen, kein vages Gelaber, wie man das in der Politik so hat („Wir sind für Offenheit und Demokratie.“ Ürgs.). Oh, und: Man muss nicht immer alles sagen, was man sich so denkt – aber in dem, was man sagt, muss man wahrhaftig sein. Immer.

 

9) Man redet oft nicht nur für den direkten Gegner, sondern auch für Mithörende/-lesende. Klar, die können sich mal denken „Was für eine Idiotin“, aber vielleicht denken sie sich auch mal „ganz unrecht hat sie nicht“ oder „ich bin froh, dass sie das gesagt hat, ich denke eigentlich dasselbe“.

 

10) Man braucht sich nicht zu entschuldigen, wenn man weiß, dass man nichts falsch gemacht hat. Das hat Jesus auch nicht getan. Und es bringt nichts, vor dem Gegner zu kriechen.

(„Der Hohepriester befragte Jesus über seine Jünger und über seine Lehre.Jesus antwortete ihm: Ich habe offen vor aller Welt gesprochen. Ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden zusammenkommen. Nichts habe ich im Geheimen gesprochen. Warum fragst du mich? Frag doch die, die gehört haben, was ich zu ihnen gesagt habe; siehe, sie wissen, was ich geredet habe. Als er dies sagte, schlug einer von den Dienern, der dabeistand, Jesus ins Gesicht und sagte: Antwortest du so dem Hohepriester? Jesus entgegnete ihm: Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?“ (Joh 18,19-23))

 

11) Das betrifft nicht so sehr Diskussionen als vielmehr den Alltag generell: Selbstbewusst sein. Wenn man etwas aus Gewissensgründen nicht tun kann, dann tut man es nicht. Man darf Ausnahmen verlangen. Hier können wir vielleicht von den Muslimen lernen, die ja auch oft einfach nicht mitmachen, wenn es kein halal-Essen gibt oder jemand ihnen Kopftücher verbieten will.

Sicher; man muss keinen unnötigen Zirkus veranstalten und Leuten auf den Geist gehen, wenn es nicht um Gewissensfälle geht. Aber wenn doch, muss man sich nicht dafür entschuldigen. Mutig sein (und um Mut beten) ist da besser.

 

12) Unnötiges „Ich bin nicht so wie andere erzreligiöse Leute, ich bin auch ganz normal“ sollte man eher vermeiden. Die Einstellung ist toxisch und überheblich gegenüber den Geschwistern in Christo, und gleichzeitig eine unnötige Unterwerfung gegenüber der Welt. (Nichts gegens Normalsein, solange es gegen kein Gebot verstößt. Normalsein ist völlig in Ordnung.) Manchmal muss man sich von bestimmten Mitkatholiken abgrenzen, klar, aber das sind dann bestimmte Einzelsituationen, da braucht es keine so allgemeinen Disclaimer. Und der eigentliche Gegner ist nicht der orthodoxe Mitkatholik, der es irgendwo übertreibt.

 

13) Öfter mal muss man daran denken, dass jemand etwas, das für einen selbstverständlich ist, oder vielleicht auch an sich offensichtlich ist, noch nie so gehört haben könnte, und deswegen die gegnerischen Schlagworte intus hat. Ich denke auch an so einfache offensichtliche Argumente wie „Kein Priester wird gezwungen, zölibatär zu leben, er entscheidet sich selbst fürs Priestertum“. Oder, weniger offensichtlich, „bei der alten Messe steht nicht der Priester mit dem Rücken zum Volk, Volk und Priester schauen gemeinsam in eine Richtung, auf Gott“. Manche Standardargumente, die man selber schon in- und auswendig kennt, muss man öfter mal wiederholen.

 

* Intersexualität spielt hier erstens keine Rolle; Transpersonen sind für gewöhnlich körperlich klar männlich oder weiblich und keine Intersexuellen. Zweitens ist die Tatsache, dass es zu Fehlentwicklungen bei der Ausprägung der Geschlechtsmerkmale kommen kann oder manche Menschen körperliche Merkmale beider Geschlechter haben (also Intersexualität), genauso wenig ein Argument dagegen, dass die Zweigeschlechtlichkeit der normale Zustand des Menschen ist, wie die Existenz siamesischer Zwillinge ein Argument dagegen ist, dass normalerweise jeder Mensch genau einen eigenen, von anderen Menschen getrennten Körper hat. Und Intersexualität ist ja auch für die Betroffenen nichts Schönes, sondern eben eine Störung. (Auch wenn einige Intersexuelle den Begriff der Störung ablehnen, weil sie ihn abwertend finden. Aber wenn ich sage, dass meine psychische Störung eine psychische Störung ist, werte ich mich ja auch nicht ab. Und es ist ja Tatsache, dass wohl kaum jemand sich die Ambiguität der Intersexualität selbst aussuchen würde, und es genießt, intersexuell zu sein.)

Christliche Kultur am Sonntag: „Du selbst bist die Antwort“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Erst einmal: Entschuldigung, dass in den letzten Wochen keine Beiträge gekommen sind – manchmal ist man ein bisschen im Stress. Jetzt sollte es wieder normal weitergehen.

 

Heute: C. S. Lewis: „Du selbst bist die Antwort“ (Originaltitel: „Till we have faces“)

Dieser Roman ist meiner Meinung nach eins von Lewis‘ besten Werken (auf jeden Fall besser als die Perelandra-Trilogie, und sogar besser als Narnia), und komischerweise eins der am wenigsten bekannten. (Der deutsche Titel gibt übrigens einen falschen ersten Eindruck; er klingt sehr nach „Selbstfindung“, dabei ist es ein Satz, den die Ich-Erzählerin am Ende an jemand anderen richtet.)

Der Autor beschreibt die Geschichte vor dem Beginn des Buches so:

Lewis_Du_selbst_bist_die_Antwort_klein

Es handelt sich bei dem Roman um eine Nacherzählung der griechischen Sage von Amor und Psyche, und zwar aus der Sicht von Psyches ältester Schwester. Das Ganze spielt in der Antike, in einem kleinen Fürstentum irgendwo nördlich von Griechenland. Die Ich-Erzählerin Orual beginnt ihre Geschichte aufzuschreiben, als sie alt ist und auf ihr Leben zurückblickt, und zwar als Anklage gegen die Götter. Das erste Kapitel beginnt so:

Till_we_have_faces

Orual erzählt  zuerst von ihrer Kindheit als älteste Tochter des Königs von Glome, mit ihrem jähzornigen Vater, ihrer hübschen flatterhaften jüngeren Schwester Redival und dann ihrer jüngsten Halbschwester Istra, die auf Griechisch, das ihnen ihr Erzieher, ein griechischer Sklave und Philosoph, den alle wegen seiner roten Haare nur den Fuchs nennen, beibringt, Psyche genannt wird. Istra/Psyche (um die sich vor allem Orual und der Fuchs kümmern, da ihre Mutter schon im Kindbett gestorben ist, und ihr Vater, freundlich ausgedrückt, nicht begeistert davon ist, nur Töchter zu haben), ist von Anfang an ein besonderes Kind, und als sie älter wird, beginnen die Menschen von Glome, sie zu verehren und kommen mit Krankheiten zu ihr, damit sie ihnen die Hände auflegt. Aber als dann einiges Unglück auf einmal Glome trifft, und die Priester der Göttin Ungit ein Menschenopfer verlangen und darauf kommen, dass Psyche die Götter beleidigt haben könnte, wendet sich das Blatt. Der höchste Priester setzt tatsächlich durch, dass Psyche in ein nahes Gebirge gebracht und dort als Opfer für den Gott des Berges an einen Baum gekettet zurückgelassen wird. Orual ist völlig verzweifelt, Psyche dagegen, die immer schon eine seltsame Sehnsucht nach der Welt der Götter gespürt hat, deutlich gefasster.

Ihre trauernde ältere Schwester geht einige Zeit später ins Gebirge, um zu sehen, ob sie wenigstens Überreste ihrer Schwester begraben kann. Aber sie trifft Psyche sehr lebendig an, und die erzählt ihr, dass sie mit dem Gott des Berges vermählt worden sei, und will ihr ihren Palast zeigen – den Orual nicht sehen kann. Sie sagt ihr auch, ihr Gemahl käme nur nachts zu ihr und sie dürfe ihn nicht sehen und keine Lampe in ihr Schlafgemach bringen. Orual will alles nicht glauben und kehrt schließlich nach Hause zurück. Sie überzeugt sich selbst, dass etwas Finsteres dahinterstecken müsse und schließlich kommt sie ein zweites Mal zu Psyche und droht ihr, sich selbst zu töten, wenn Psyche nicht eine Lampe, die sie ihr mitgebracht hat, nachts anzündet, um den Gott anzusehen…

In dem Buch geht es um einen gewissen Konflikt zwischen dem Kult des Priesters, für den heilige Orte dunkle Orte sind und Religion im Kern irrational ist, und den rationalen Maximen des griechischen Philosophen von der göttlichen Natur, und letzten Endes darum, wo beide Unrecht haben, aber Orual will eigentlich gar nichts mit der Welt des Göttlichen zu tun haben, und darum geht es ganz zentral.

Lewis hat ja auch in seinen theologischen Werken einiges dazu geschrieben, inwiefern es in den Legenden und Kulten des Heidentums schon Ahnungen von der wahren Religion gab, und dieser Roman führt das in einer mythologischen Weise aus, was ihn teilweise etwas seltsam macht (v. a. gegen Ende), aber letztlich passt das alles zusammen. Zwischendurch ist der Roman dunkel und traurig und hart, und das Ende ist dann wahnsinnig schön. Tatsächlich ist das eins der wenigen Bücher, bei denen ich an manchen Stellen jedes Mal heulen muss.

 

Why should the games go on?

Vor ein paar Wochen fand ja in Halle eine dieser seltsamen Veranstaltungen statt, die es schon in Chemnitz gegeben hat: Konzert nach Mord. #HalleZusammen nannte sich das Ganze; „Wir sind mehr“ hieß es vorher in Chemnitz. Ein bisschen „Zeichen setzen“, eine kurze Erwähnung der Opfer noch, und natürlich etwas gemäßigt-fröhliches Feiern.

Aber auch wenn Konzerte anlässlich Terror/Mord ein eher neuer Trend sind, wird ja schon seit Ewigkeiten nach jedem Terroranschlag irgendwas dazu gesagt, dass „wir uns nicht verunsichern lassen“, „wir den Terror nicht gewinnen lassen“, „das Leben weitergeht“, und die Einstellung ist ja nicht gerade neu. 1972 wurden bekanntlich die Olympischen Spiele in München nach dem palästinensischen Attentat nach kurzer Unterbrechung gleich wieder fortgesetzt. Elf tote israelische Geiseln, ein toter Polizist – egal, „The games must go on“.

Was eigentlich ein sehr seltsamer Weg ist, damit umzugehen, meines Erachtens.

Sicher wird und kann nicht das ganze Leben in einem ganzen Land auf einmal stillstehen nach jedem Terroranschlag. Terroranschläge sind (Verzeihung für den flapsigen Vergleich) in einer Hinsicht so ähnlich wie verworrene Aussprüche von Papst Franziskus: Es gibt zu viele, um jeden einzeln zu kommentieren, und viel Originelles wird man eh nicht mehr dazu sagen können, weswegen es auch niemandem, der nicht qua Amt dazu verpflichtet ist, etwas dazu zu sagen, vorzuwerfen ist, solche, die ihn nicht betreffen, mehr oder weniger an sich vorüberziehen zu lassen. [Der Vergleich war vielleicht doch etwas respektlos gewählt; das tut mir leid.]

Aber dieses inszenierte Weiterfeiern? Inwiefern heißt es „den Terror gewinnen lassen“, wenn man erst einmal um die Opfer trauert? Der Terror hat doch zu dem Zeitpunkt längst gewonnen – er hat getötet. Diese Kaltschnäuzigkeit, dieses Getue, als wäre „unsere“ (immer dieser vereinnahmende Plural!) Reaktion wichtiger als die eigentlichen Opfer. Die Leute, die zur Gruppe der Opfer gehören, die Ortschaft des Anschlags, die Zeugen – wieso sollten die nicht lieber trauern? Hysterisch auf einem „I’m not owned!“ gegenüber den Terroristen zu bestehen ist doch Augenwischerei. Wenn man sich nicht eingestehen will, wo der Feind schon gesiegt hat, wie will man dann gegen ihn kämpfen?

„The games must go on“ hat doch noch nie so recht Sinn gemacht. Wo steht geschrieben, dass sie weitergehen müssten, dass ein Stabhochsprung- oder Sprintwettbewerb nicht wegen einigen schrecklichen Morden abgesagt werden darf? Wenn Terror oder Mord passiert ist, hat es um die Opfer und ihre Familien zu gehen (und dann darum, in Zukunft zu verhindern, dass es noch mehr Opfer gibt). Nicht um andere Leute, die sich nicht die Laune verderben lassen wollen.

Vielleicht ist dieses Urteil zu hart gegenüber den jeweiligen Organisatoren und Teilnehmern und ihren Motiven. Aber es kommt mir doch wie eine sehr falsche Reaktion auf gewaltsame Tode vor, erstmal ein Konzert zu veranstalten.

Und vielleicht betrifft das ganze Thema nicht nur solche Tode, sondern auch normale, wo es nicht gerade sinnvoll ist, Angehörigen (z. B.) zu sagen „XYZ hätte nicht gewollt, dass du trauerst“. Wieso sollte der Tote einen nicht um ihn trauern lassen wollen? Ein realer Verlust darf real betrauert werden. Vielleicht haben die alten Trauerzeiten und Trauerkleider doch Sinn gemacht.

(Das waren ein paar Gedanken, die ich mir schon länger gemacht habe, aber vielleicht passt die verspätete Veröffentlichung zum Allerseelentag vor kurzem.)

Millais - Das Tal der Stille.jpg

(John Everett Millais, The Vale of Rest. Gemeinfrei.)